Der Sturm

An einem kühlen, windigen Tag im Spätherbst musste ich mit meinem Herrn auf eine längere Geschäftsreise. Die hohen Räder des Jagdwagens, den ich ziehen musste, rollten leicht. Tags zuvor hatte es stark geregnet.

Wir kamen zügig bei der Zollschranke an der Holzbrücke an. Die Flussufer lagen hier hoch, und die Brücke senkte sich zur Mitte des Flusses hin ein wenig ab. So kam es, dass bei Hochwasser der Fluss fast bis zur Brücke reichte. Doch die Geländer waren stabil, deshalb hatten die Menschen keine Angst.

Der Mann an der Schranke sagte eine schlimme Nacht voraus und machte uns darauf aufmerksam, dass das Wasser schnell stieg.

Mein Herr fuhr umsichtig und wir kamen ungehindert in die Stadt. Ich bekam eine feine Belohnung und weil die Geschäfte sich hinzogen, traten wir erst am Spätnachmittag den Heimweg an. Inzwischen hatte der Wind schon Sturmstärke erreicht und mein Herr sagte zu John, dass er noch nie bei so einem heftigen Sturm unterwegs gewesen sei. Das kam mir auch so vor. Es war gespenstisch, wie die Bäume sich bogen, als wären es nur dünne Äste.

"Ach, wären wir nur schon durch diesen Wald durch", rief mein Herr.

John nickte und meinte: "Hoffentlich kommt keiner dieser Äste runter." Kaum hatte er den Mund geschlossen, fiel eine Eiche krachend vor uns nieder. Ich erschrak fürchterlich. Zitternd blickte ich auf den entwurzelten Baum und es war nur meiner guten Erziehung zu verdanken, dass ich nicht durchging. John war aber auch schon in der nächsten Sekunde bei mir. Nach kurzer Beratung beschlossen die Beiden, wieder umzukehren. Auch wenn es schon spät war. Mein Herr meinte: "Beauty ist ja noch frisch."

Als wir wieder bei der Brücke ankamen, dämmerte es bereits. Trotzdem erkannten wir, dass das Wasser die Brückenmitte bereits überschwemmte, was öfter mal vorkam. Deshalb spornte mein Herr mich an. Doch sobald ich den ersten Schritt auf die Brücke gemacht hatte, spürte ich, dass hier etwas nicht stimmte. Ich fühlte, dass ich nicht weitergehen durfte. "Los", rief mein Herr und gab mir einen leichten Klaps mit der Peitsche. Aber ich rührte mich nicht von der Stelle. Da schlug er kräftiger zu. Trotzdem blieb ich stehen.

Da bemerkte John, dass etwas nicht stimmen konnte, und sprang ab. Er versuchte, mich am Zügel weiterzuführen. Doch ich weigerte mich, trotz allen guten Zuredens.

Da eilte plötzlich der Mann auf der anderen Uferseite aus seinem Zollhäuschen und schwenkte seine Fackel. "Anhalten!", rief er. "Die Brücke ist in der Mitte mitgeschwenkt worden. Wenn ihr weiterfahrt, dann werdet ihr auch in den Fluss gerissen!"

Da waren mein Herr und John natürlich froh. Sie führten mich zurück auf die Uferstraße. Nun war es ganz dunkel, aber der Wind hatte sich ein wenig beruhigt. Eine Weile war alles ganz still. Dann führten mein Herr und John eine ernste Unterhaltung. Alles konnte ich nicht verstehen, aber einmal sagte mein Herr: "Gott hat den Menschen Verstand verliehen, damit sie für sich sorgen können. Den Tieren aber hat er den Instinkt gegeben. Und der scheint manchmal zuverlässiger als der Verstand. Deshalb rettet er uns Menschen manchmal das Leben." John war sowieso der Ansicht, dass Menschen die Tiere nicht genug zu schätzen wüssten und sich bei weitem nicht genug um deren Freundschaft bemühten.

Als wir endlich in Birtwick Park ankamen, warteten schon alle auf uns. Sie hatten sich Sorgen gemacht. Da erzählte mein Herr, dass ich ihn vor dem sicheren Tod bei der Holzbrücke bewahrt hätte. John brachte mich zum Stall und versorgte mich mit leckerem Kleiebrei und einer besonders weichen Lage Stroh fürs Nachtlager. Darüber freute ich mich, weil ich nun unsagbar müde war.