Stottern und Stammeln

Viele kleine Kinder, die gerade erst sprechen lernen, stottern. Bei den meisten hört es nach einer Weile wieder auf; sie sprechen immer mehr Wörter und können nach und nach ganze Sätze bilden.

Es gibt aber auch viele ältere Kinder, die erst spät, d.h. nachdem sie bereits sprechen gelernt haben, stottern. Ungefähr jedes hundertste Schulkind stottert, und zwar viermal mehr Jungen als Mädchen. Doch dieser Sprachfehler betrifft nicht nur Kinder; es gibt auch Jugendliche und Erwachsene, die stottern.

Was ist eigentlich Stottern? Man wird angesprochen oder möchte von sich aus etwas sagen. Doch sobald man den Mund aufmacht, hängt man fest. "P-p-p-po-po-po-lizei" - manche wiederholen den ersten Laut oder die erste Silbe mehrmals, bis der Rest folgt, manche dehnen einen Laut übertrieben lang – "Po-o-o-olizei".

Woher kommt das Stottern? Bei kleinen Kindern ist die Sache ganz einfach – sie denken schneller als sie sprechen können. Doch wie ist es bei älteren Kindern und Erwachsenen, die stottern? Bei ihnen ist die Fähigkeit, flüssig zu sprechen, ein Stück weit gestört. Doch deswegen sind jugendliche und erwachsene Stotterer nicht "dümmer" als andere. Es liegt ganz einfach daran, dass das Denken, Fühlen und Sprechen ein komplizierter Ablauf ist, der sehr leicht durcheinander kommt. Das weiß jeder, der schon einmal vor vielen Leuten etwas sagen musste: Eine Zwischenfrage genügt, und man kommt beim Sprechen aus dem Tritt. Manche stottern, manche retten sich mit mehreren "äh", "ah, ja" oder "hm" über die Zeit, bis sie eine Antwort gefunden haben.

Wie funktioniert das Sprechen? Warum ist es so kompliziert?

Das Gehirn entwickelt Gedanken und Gefühle, die vom Gehirn in Sprache "übertragen" werden. Wenn wir die Worte oder den Satz, den wir sagen wollen, im Kopf haben, sendet das Gehirn eine Botschaft an die Muskeln, die für das Sprechen verantwortlich sind. Wenn wir sprechen, müssen nicht nur die Zunge und die Lippen, sondern jede Menge Muskeln im ganzen Gesicht aktiviert und koordiniert werden. Bei Menschen, die unter einem Sprachfehler wie z.B. dem Stottern leiden, ist dieser Ablauf gestört.

"P-p-p-po-po-po-lizei" oder "Po-o-o-olizei" - egal, welchen Stotter-Fehler man macht - für die anderen ist es oft sehr anstrengend, länger zuzuhören und alles zu verstehen. Stotterer wissen, wie schwierig es ist, sich mit ihnen zu unterhalten; den meisten ist ihr Sprachfehler sehr peinlich.

Ob sich ein Stotterer für seinen Sprachfehler schämt, hängt aber auch sehr davon ab, wie die Zuhörer auf das Stottern reagieren. Wer einen Stotterer auslacht oder nachäfft, ist richtig fies und macht alles nur noch schlimmer. Der Stotterer schämt sich noch mehr und stottert deswegen immer stärker…

Viele Stotterer haben Angst davor, dass man sie wegen ihres Sprachfehlers hänselt oder sogar mobbt. Kein Wunder, dass viele Stotterer so wenig wie möglich sprechen. Doch oft geht es nicht anders – man muss reden und ist dabei schrecklich aufgeregt! Ein Grund mehr, sich zu versprechen!

In solchen Situationen überlegen sich viele Stotterer ganz genau, was sie sagen wollen. Bevor sie anfangen, gehen sie den Satz Wort für Wort durch. Wo drohen sie hängen zu bleiben? Gibt es für dieses Wort einen anderen Begriff? Ist er wirklich leichter auszusprechen? Wer so viel nachdenkt, bevor er auch nur einen Ton gesagt hat, kommt in einer Unterhaltung nie rechtzeitig zu Wort.

Viele Stotterer melden sich immer weniger zu Wort. Dabei sieht es oft so aus, als würden sie sich – typisch Langweiler und Mauerblümchen - an nichts beteiligen wollen. Nach einer Weile sind viele Stotterer ziemlich allein. So haben sie noch weniger Gelegenheit zu sprechen. Das Stottern bleibt und die Angst, kein Wort fehlerfrei über die Lippen zu bringen, wird immer größer…

Sind Stotterer anders als "normal" sprechende Menschen? Ganz bestimmt nicht! Viele Stotterer sprechen sogar genauso fließend wie "Nicht-Stotterer" - wenn sie flüstern. Viele Stotterer können ohne Probleme singen. Viele sprechen völlig fehlerfrei und ohne zu stocken, wenn sie auf der Bühne stehen und eine andere Person spielen.

Wichtig!

Was tun, damit man mit dem Stottern besser klarkommt? Sprich mit deinen Eltern und Lehrern!

Schlage deinen Eltern vor, dass ihr zu deinem Kinderarzt geht und ihm deine Schwierigkeiten mit dem Sprechen vorstellt.

Keine Angst vor dem Logopäden. Ein Logopäde kennt Übungen und Entspannungstechniken, die dir helfen, gleichmäßiger und mit mehr Ruhe zu sprechen.

Probiere ein paar Tricks aus. Wie ist es, wenn du flüsterst? Wie, wenn du etwas vorliest? Manche entdecken durch Zufall, dass sie nicht in jeder Situation stottern – oft der erste Schritt zu einem ungehemmten Sprechfluss.

Unterhalte dich mit deinen Freunden und Klassenkameraden. Je häufiger du mit ihnen redest, umso selbstverständlicher ist das Sprechen für dich.

Sag deinen Freunden und Klassenkameraden, dass sie nicht wegsehen sollen, wenn du sprichst. Sag ihnen, dass sie gern öfter nachfragen sollen, wenn sie dich nicht verstehen.

Was tun, wenn der Freund oder die Freundin stottert? Unterhalte dich mit ihnen genauso wie mit anderen Kindern. Unternehmt etwas zusammen! Freunde sind Freunde – egal, ob sie stottern oder nicht.

Was tun, wenn dein Freund oder deine Freundin wegen des Stotterns deprimiert ist? Sprecht darüber! Für viele Stotterer ist es eine große Erleichterung, wenn sie ihre Gefühle zeigen und sagen können, wie sie über ihr Stotter-Problem denken. Dann können ihre Freunde besser damit umgehen.

Gehe dazwischen, wenn Klassenkameraden ein Kind, das stottert, hänseln oder mobben.

Kopf hoch und denk daran: Nicht wie du etwas sagst, ist wichtig, sondern was du sagst!