Am Südpol

  • Autor: Verne, Jules
Am Südpol

Am 14. März entdeckte ich die ersten treibenden Eisblöcke, die zwischen sechs und sieben Metern hoch waren. Es gab keinen Zweifel mehr, Nemo hatte sich den Pol in den Kopf gesetzt, jenen Punkt, zu dem noch nie ein Mensch vorgedrungen war.

Je südlicher wir kamen, desto dichter wurde das mit Polarvögeln besiedelte Packeis. Am sechzigsten Breitengrad hörte das normale Fahrwasser auf und wir waren von Eisbrocken umgeben. Nemo steuerte weiter südlich und nutzte die kleinsten Lücken geschickt aus, die sich hinter uns wieder schlossen.

Ich muss gestehen, dass mir unser Kurs nicht sehr gegen den Strich ging. Es gab Dinge zu beobachten, die mir völlig fremd waren und in mir stieg die Erwartung, als erster Mensch einen Fuß auf den Südpol zu setzen.

Weitere zwei Tage schob und stieß sich die Nautilus durch das Eis, bis es so zusammengewachsen war, dass kein Durchkommen mehr war. Unsere Fahrt schien zu Ende.

"Und jetzt? Was wird Ihr Herr Kapitän jetzt anstellen?", fragte mich Ned Land gereizt.

"Weiterfahren wahrscheinlich."

"Wie soll er über die Eisdecke hinwegkommen?"

Der Kanadier hatte nicht unrecht. Die Nautilus konnte weder vor noch zurück und war im Begriff festzufrieren. Das bereitete mir doch Sorgen. Als Nemo an Deck erschien, fragte ich ihn, was er vorhabe.

"Ich habe vor weiterzufahren. Ich will zum Pol, mein Herr. An jenen unbekannten Punkt, an dem alle Meridiane zusammenlaufen."

"Kennen Sie den Pol bereits?"

"Nein. Wir werden ihn gemeinsam entdecken. Die Eiswände ragen hundert Meter hoch hinaus. Nach meinen Berechnungen reichen sie sechshundert Meter tief hinab. Darunter befindet sich freies Meer, das sogar immer wärmer wird, je tiefer wir gelangen. Es gibt nur eine Schwierigkeit: Wir werden für längere Zeit ohne Lufterneuerung auskommen müssen."

"Dann müssen wir eben die Reservetanks der Nautilus mit Luft füllen", entgegnete ich.

"Gut, Professor. Ich sehe, Sie leben sich in die Materie ein", antwortete Nemo ironisch.

Ich glühte vor Entdeckereifer und begab mich sofort zu Conseil und Ned Land. "Conseil, wir fahren zum Südpol!"

"Wie es Monsieur beliebt", antwortete mein Diener lahm.

Der Kanadier regierte völlig anders und beschimpfte mich, mitsamt dem Kapitän und prophezeite uns, dass wir niemals lebend zurückkehren würden.

Am Nachmittag sah ich zehn Männer mit Beilen und Pickeln, die die Nautilus frei hackten. Der Thermometer zeigt zwölf Grad unter null an - es war windstill. Um 16 Uhr wurde die Luke geschlossen, die Tauchbehälter füllten sich und wir sanken.

Laut Karte war der Pol noch zweitausend Kilometer entfernt. Mit unserer Geschwindigkeit von sechsundzwanzig Knoten konnten wir ihn in knapp achtundvierzig Stunden erreichen.

Am 19. März gab Nemo Befehl vorsichtig nach oben zu tauchen, um herauszufinden, wann die Eisdecke dünner wurde. Wir befanden uns noch vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel. In dieser Nacht schlief ich schlecht, was auch daran lag, dass der Sauerstoff immer weniger wurde.

Um sechs Uhr morgens trat Nemo in den Salon. "Wir haben das offene Meer erreicht, Monsieur!"

Ich stürzte zur Plattform - tatsächlich. Es trieben kaum noch Eisblöcke, tausende von Vögeln zogen über uns hinweg und das Thermometer zeigte drei Grad über null.

"Sind wir am Pol?", fragte ich.

"Das weiß ich erst, wenn ich unseren Standpunkt ausgemacht habe."

Wir hielten Kurs auf eine Insel, die etwa zweihundert Meter aus dem Meer ragte. Vielleicht das Festland der Antarktis? Wir hielten und ließen das Boot ins Wasser. Es brachte uns zu fünft zur Küste, nur Ned Land blieb an Bord.

Conseil wollte als Erster an Land springen, doch ich hielt ihn zurück.

"Kapitän, die Ehre gebührt Ihnen."

"Ja, und ich setze meinen Fuß auf diesen Boden im vollen Bewusstsein, es als Erster zu tun."

Er sprang hinaus und stand lange und andächtig dort. Dann forderte er uns auf, loszulaufen. Es war mein erster "Landgang" seit vielen Monaten und ich genoss die neue Tierwelt mit Pinguinen, Albatrossen und Sturmvögeln.

Dichter Nebel machte es unmöglich, die Sonne auszumachen. Doch ohne Sonne konnten wir mit dem Stundenwinkelmesser nicht unsere Lage feststellen. Als auch noch Schneegestöber einsetzte, kehrten wir zu Nautilus zurück.

Nemo war überaus schlecht gelaunt. Es war der 19. März und er wusste, dass am 21. März die Sonne für sechs Monate nicht mehr zu sehen war! Doch wir hatten Glück am 21. März klarte es auf und pünktlich um 11.45 Uhr brach die Sonne durch. Wir wussten, wenn um 12 Uhr genau die Hälfte der Scheibe am Horizont verschwunden war, befanden wir uns am Südpol.

"Zwölf Uhr!", rief ich.

"Der Südpol", sagte Nemo gelassen und ließ mich durchs Fernglas sehen und ich sah, wie die Sonne vom Horizont in zwei Teile geschnitten wurde. Es war ein unbeschreiblicher Moment. Im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Menschheit nach und nach den südlichen Breitengraden genähert, doch keiner zuvor war dem Pol so nahe gekommen, wie wir!

Wir schrieben den 21. März 1868 und hatten den Südpol am neunzigsten Breitengrad erreicht. Nemo entfaltete eine schwarze Flagge, die mit einem goldenen N verziert war, und stieß sie in den Boden.

"Hiermit ergreife ich von diesem Erdteil Besitz!"