Auf Tauchgang

  • Autor: Verne, Jules
Auf Tauchgang

Ich erwachte am nächsten Tag sehr spät. Nachdem ich mich angezogen hatte, ging ich in den Salon, der leer war. Eine Weile sah ich mich um und wartete auf Kapitän Nemo. Aber der erschien nicht. Für drei Tage bekamen wir weder von ihm, noch von einem Mitglied der Mannschaft etwas zu sehen. Doch unsere reichlichen Mahlzeiten standen regelmäßig bereit.

Am Abend des zweiten Tages beschloss ich, ein Reisetagebuch zu beginnen. Papier dafür fand ich in der Schublade meines Schreibtisches. Es war aus Seegras gefertigt.

Das seltsame Verhalten änderte sich nicht. Ganz im Gegenteil. Als ich am vierten Tag erwachte, roch ich frische Meeresluft und wusste, dass wir an der Oberfläche schwammen. Ich begab mich auf die Plattform, aber der Kommandant ließ sich nicht blicken.

Das wiederholte sich fünfmal. Fünf Tage lag die Nautilus an der Wasseroberfläche. Inzwischen war der 16. November. Da erhielt ich endlich ein Zeichen. Auf meinem Tisch lag ein Brief in dem Nemo mich zu einer Jagdpartie in den Wäldern der Insel Crespo einlud.

Also geht er doch an Land! Ich fand die Insel auf meiner Karte, ganz verloren mitten im Pazifik. Wenn er schon die Erde betrat, dann nur an der einsamsten Stelle, dachte ich.

Nemo erwartete mich bereits im Salon. Über seine achttägige Abwesenheit verlor er kein Wort. Wir unterhielten uns über die bevorstehende Jagd und ich konnte nicht umhin, ihn auf seine Inkonsequenz hinzuweisen.

"Sie haben mit der Erde gebrochen und doch besitzen Sie Wälder auf der Insel Crespo?"

"Meine Wälder, Herr Professor, brauchen weder das Licht noch die Wärme der Sonne. Dort gibt es keine Tiger, Panther oder Löwen. Ich bin der einzige Mensch, der sie kennt. Sie stehen unter dem Meer."

"Unterirdische Waldungen?"

"Genau und ich werde Sie trockenen Fußes dorthin zur Jagd führen."

Für Fragen ließ er mir keine Zeit, und erklärte mir, ich solle viel frühstücken, denn wir kämen erst am Abend nach Hause und unterwegs gäbe es keine Gasthäuser.

Während ich aß, sprach er weiter: "Sicher fragen Sie sich, wie sie unter Wasser atmen sollen? Nicht wahr? Nun, zwei Landsleute von Ihnen haben ein Atemgerät erfunden, das ich verbessert habe. Sie werden es nachher wie einen Rucksack aufziehen. Über Schläuche gelangt Pressluft in einen Kupferhelm und so wird uns unser Spaziergang unter Wasser ermöglicht."

"Und womit schießen Sie?"

"Ebenfalls mit Pressluft. Alle Schüsse, die ich abgebe, sind tödlich! Damit schieße ich kleine, in Stahl gefasste Glasperlen ab, die jedes Tier erledigen. Aber nun lassen Sie uns die Taucheranzüge anlegen."

Ich folgte Nemo in eine Kabine neben dem Maschinenraum. Als Ned Land, der mit Conseil dazu kam, erfuhr, dass es nicht an Land ging, wurde er wütend. Widerwillig ließ er sich von zwei Männern beim Anlegen der schweren Kleidung helfen.

Kupferplatten schützten die Brust vor dem Wasserdruck und Bleischuhe ermöglichten ein Laufen auf dem Meeresboden. Wir setzten die Helme auf und wurden über eine Schleuse ins offene Meer gelassen.

Ganz leicht sanken wir auf den Grund. Kapitän Nemo ging voraus, Conseil und ich folgten dicht hinter ihm. Es ging sich, ganz gegen meine Erwartungen sehr einfach mit den schweren Gerätschaften. Gott sein Dank verloren auch sie im Wasser an Gewicht.

Wir wanderten über Muschelstaubböden in eine Ebene aus Felsen und Wasserpflanzen, weiter durch klebrigen Schlamm und danach über Algenwiesen. Uns begegneten Polypen und Korallen und zahllose Fischschwärme.

Wir erreichten einen Abgrund, den wir hinabwanderten als wir plötzlich dunkle Schatten erkannten: Die Wälder der Insel Crespo. Baumartige Pflanzen, eine Mischung aus Schlingpflanzen und Meeresgräsern ragten sich der Meeresoberfläche entgegen. Farben von rosa über grün und ocker schimmerten und täuschten Blüten vor.

Nach vier Stunden Laufzeit gab Nemo ein Zeichen zur Rast. Seltsamerweise hatte ich keinen Hunger, aber war sehr müde. Wir legten uns auf den klaren Meeresboden und schliefen sofort ein.

Weiter ging es, immer tiefer den Abhang hinab. Mittlerweile mussten wir 150 Meter unter dem Meeresspiegel sein und mussten unsere Lampen einschalten, deren Licht die Fische anlockte. Eine riesige Granitfelswand gebot uns Einhalt und wir machten uns auf den Rückweg.

Langsam, damit der Druck sich ausgleichen konnte, stiegen wir wieder hinauf. Wir erreichten eine Sandebene, die sich teilweise nur zwei Meter unter dem Meeresspiegel erhob. Da erlebte ich einen Prachtschuss, den der Gefährte des Kapitäns abgab. Ein Vogel mit weit gespannten Flügeln näherte sich uns über dem Wasser. Der Matrose legte an und traf. Das Tier fiel wie vom Blitz getroffen herab, sodass wir es bequem greifen konnten.

Es war ein wunderschöner Albatross.

Kurz bevor wir die Nautilus erreichten, gab uns Nemo ein Zeichen uns auf den Boden zu werfen. Ich hörte uns spürte, wie ungeheure Massen mit lautem Getöse über uns hinweg schwammen. Als ich erkannte, um welche Tiere es sich handelte, gefror mir das Blut in den Adern: Haie! Sie hatten uns, dank ihres schlechten Seevermögens nicht erkannt.

Bei der Nautilus angekommen, ließen wir uns die Taucheranzüge abnehmen und ich begab mich eilig in mein Zimmer und schlief sofort ein.