Beginn der Unterseeweltreise

  • Autor: Verne, Jules
Beginn der Unterseeweltreise

Betrachtet man die geologischen Entwicklungen unserer Erde, dann folgt auf eine Zeit des Feuers die Zeit des Wassers. Der gesamte Erdball war von Wasser überdeckt und erst nach und nach tauchten einzelne Bergspitzen wie Inseln heraus. Aus den Inseln wurden unsere Kontinente um die das Wasser der fünf großen Weltmeere stehen blieb.

Nördliches und Südliches Polarmeer, Indischer, Atlantischer und Pazifischer Ozean. Im Pazifischen Ozean sollte unsere Reise beginnen.

"Wir wollen den Punkt unserer Abreise genau aufnehmen", sagte Kapitän Nemo. "Wir haben 11.45 Uhr und tauchen vorerst einmal auf."

Ich hörte, wie die Pumpen zu arbeiten begannen und die Tanks entluden. Automatisch veränderte sich die Anzeige auf dem Manometer. Als es still stand erklärte Nemo, dass wir oben seien.

Wir stiegen auf die Plattform. Das Meer lag ruhig vor uns und der Himmel strahlte. Land war weit und breit nicht in Sicht. Mit dem Sextanten maß Nemo unsere Breite und wir stiegen wieder hinab. Nach einigen Berechnungen erklärte er:

"Wir liegen rund 200 Seemeilen vom japanischen Festland entfernt. Heute ist der 8.11.1867. Es ist Mittag. Unsere Reise beginnt jetzt und hier, Professor Aronnax. Ich habe den Kurs Ostnordost ausgegeben. Auf diesen Karten können sie unsere Route verfolgen. Jetzt müssen Sie mich leider entschuldigen."

Er drehte mir abrupt den Rücken zu und verließ den Salon. Ich blieb allein mit meinen Fragen: Woher kam dieser Kapitän Nemo? Warum hatte er sich von den Menschen abgewandt? Warum war er so überaus reich und belesen?

Während ich darüber nachdachte, beugte ich mich über die Seekarten vor mir und stellte fest, dass wir uns direkt im Schwarzen Fluss befanden. Auch in den Meeren gab es Flüsse, wie auf den Kontinenten. Und dieser war mit seiner dunklen Farbe besonders eindrucksvoll. Wir folgten also mit der Nautilus dieser blauschwarzen Bewegung, die sich in den Weiten des Stillen Ozeans verlor.

Ned Land und Conseil erschienen in der Tür des Salons und staunten nicht schlecht über den Anblick des Museums.

"Bin ich hier im Museum von Quebec?", fragte der Kanadier misstrauisch.

"Sie befinden sich auf der Nautilus fünfzig Meter unter dem Meeresspiegel", antwortete ich.

Conseil hatte bereits die Schaukästen ausgemacht und begann die Gegenstände zu klassifizieren. Als er gerade eine Cyproea madagascariensis der Familie der Buccinoiden und der Klasse der Gasteropoden zuwies, trat Ned Land dicht an mich heran.

"Wo ist Nemo? Was hat er vor und woher kommt er?"

"Ich weiß nur, dass wir zu einer Untersee-Weltreise aufgebrochen sind. Haben Sie schon Näheres herausgefunden?"

"Nein. Verdammt, das gibt es doch nicht. Ich weiß nicht einmal wie groß die Mannschaft ist. Man muss sich doch darauf einrichten, wie groß die Mannschaft ist."

"Es wäre mir lieber, Sie würden Ihre Pläne, die Nautilus zu übernehmen aufgeben. Bei diesem technischen Wunderwerk haben wir keine Chance…"

Plötzlich ging das Licht aus.

"Das ist das Ende", flüstere Ned Land.

Wir hörten ein seltsames Geräusch und es wurde langsam etwas heller. Wir erkannten eine Glasplatte durch die das Meer auf eine Seemeile erleuchtet war. Aus unserem dunklen Salon, konnten wir alles hervorragend erkennen. Fasziniert blickten wir nach draußen, uns dessen bewusst, dass kein Mensch vor uns je so etwas gesehen hatte. Mit Ausnahme von Nemo und seiner Mannschaft natürlich.

Ned Land beruhigte sich schnell denn der Anblick zog auch ihn in seinen Bann. Ich verstand Kapitän Nemo jetzt ein ganzes Stück besser. Er hatte sich eine eigene Welt eröffnet, deren Wunder er jeden Tag erfahren durfte.

"Welche Fischpracht", bemerkte Ned Land.

Conseil, hörte das Stichwort Fische und sah den Zeitpunkt gekommen, den Kanadier über diesen Bereich zu belehren. Nicht nur, dass er Ned Land, fast wie in Trance die fünf Ordnungen von "Primo" bis "Quinto" herunterbetete, nein er wollte gerade mit den Familien, Gattungen und Arten fortfahren, als ihn der Kanadier in die Wirklichkeit zurückholte und aufforderte aus dem Fenster zu sehen. Schließlich schwömmen die Fische vor ihren Augen, wie in einem Aquarium, meinte Land.

"Na", sagte ich, "im Aquarium stecken eher wir. Das da draußen ist die Freiheit."

"Wie sieht es aus Conseil. Stellen Sie uns die Fische jetzt in Natura vor?", forderte Ned Land Conseil auf.

"Tut mir leid, da kenne ich mich nicht aus. Das ist Ihr Fachgebiet, Monsieur."

Jetzt hatte der Harpunier seine große Stunde und zeigte uns einen Schwarm chinesischer Hornfische, die einen platten Körper und einen Stachel auf dem Rücken hatten. Dazwischen schwammen Rochen einer seltenen Spezies.

Für zwei Stunden starrten wir gebannt, wie eine Armee von Meeresbewohnern uns begleitete. Ned Land stellte sie vor und Conseil ordnete sie ein. Niemals zuvor hatte ich so etwas erlebt.

Plötzlich wurde es hell und die eisernen Wandplatten schoben sich vor die Fenster. Die Vorstellung war beendet. Wir verließen ganz benommen den Salon und ich verbrachte den Abend mit Lesen, Schreiben und Nachdenken.