Das Mittelmeer

  • Autor: Verne, Jules
Das Mittelmeer

Der Kanadier brauchte eine Weile, bis er sich davon überzeugt hatte, dass wir uns tatsächlich im Mittelmeer befanden. Doch dann hatte er nur noch einen Gedanken: Flucht! Es kostete mich eine gute Stunde Diskussion, die damit endete, dass er bei nächster Gelegenheit schwimmend oder mit dem Boot fliehen werde.

Verdenken konnte ich es ihm nicht. Für ihn hatte diese Fahrt mit der Nautilus nicht die Faszination wie für mich als Wissenschaftler. Eines stand allerdings fest, unsere Flucht musste beim ersten Mal Erfolg haben. Nemo würde uns einen vereitelten Versuch sehr übel nehmen. Daher mussten wir die beste Gelegenheit abwarten

War Nemo misstrauisch geworden? Die nächsten Tage blieben wir die meiste Zeit unter Wasser, weitab der Küsten. Am 14. Februar näherten wir uns der Insel Kreta. Als wir damals mit der Abraham Lincoln aufgebrochen waren, hatten die Kreter gerade einen Aufstand gegen die türkische Herrschaft begonnen. Da für Nemo das Geschehen auf der Erde vor über drei Jahren stehen geblieben war, hatte ich ihm davon nichts berichtet.

Gegen Abend gesellte sich der Kapitän zu mir in den Salon und ließ die Eisenwände zurückgleiten. Er spähte aufmerksam hinaus, ebenso wie ich. Meine volle Konzentration galt den Fischen und so fuhr ich erschrocken vom Fenster zurück, als vor meiner Scheibe plötzlich eine menschliche Gestalt, ein Taucher mit einem Gurt um die Hüften, erschien.

Er ruderte kräftig mit den Armen und stieß sich, um Luft zu holen, immer wieder nach oben.

"Da! Ein Schiffsbrüchiger! Wir müssen ihn retten!"

Nemo gab mir keine Antwort, sondern gab dem Taucher ein Zeichen und der antwortete mit demselben Zeichen.

"Regen Sie sich nicht auf, Professor. Dieser Mann ist bekannt als Nikolas, der Taucher. Er verbringt mehr Zeit seines Lebens im Wasser, als auf dem Land."

Dann ging der Kapitän zu einem Schrank und öffnete ihn. Als er einen Koffer herausholte, erkannte ich, dass der Schrank mit Goldbarren gefüllt war. Woher kam dieses Gold? Was hatte Nemo vor? Er legte einen Goldbarren nach dem anderen in den Koffer, bis nichts mehr hineinpasste. Dann kamen achte Männer, und trugen den Schatz unter großer Mühe hinaus.

Nemo ließ mich einfach stehen und ich ging höchst unruhig zurück in mein Zimmer. Ich hörte noch, wie das Boot losgemacht wurde. Offenbar sollte es das Gold an seinen Bestimmungsort bringen.

"Woher hat er die Millionen?", fragte mich Ned Land, als ich ihm am anderen Morgen die Geschichte erzählte.

Auf diese Frage hatte ich keine Antwort.

Wir setzten unsere Reise fort und bereits am 18. Februar bei Sonnenaufgang passierten wir die Straße von Gibraltar. Warum diese Eile? Ahnte Nemo, was wir planten?

Der Atlantik mit seinem 25 Millionen Quadratmeilen Wasser breitete sich vor uns aus. Ned Land trat zu mir und sagte: "Ich muss Sie sprechen, Professor. Am besten in ihrem Zimmer."

Natürlich wusste ich, was er wollte. Ich ging hinab und Ned folgte mir mit einigen Minuten Verzögerung. Wir setzten uns in meinem Zimmer gegenüber und blickten uns schweigend an.

Verständlicherweise war der Kanadier verärgert über Nemos Eilfahrt durchs Mittelmeer. Aber wir fuhren immer noch entlang der spanischen Küste und kamen bald an Portugal und Frankreich vorbei. Ned starrte mich mit zusammengekniffenen Augen an. Endlich öffnete er seine Lippen und sagte:

"Heute Abend!"

"Heute Abend?", ich konnte mein Entsetzen nicht verbergen.

"Wir hatten eine passende Gelegenheit ausgemacht, die tritt nun ein. Wir nähern uns der spanischen Küste bis auf wenige Meter und es wird eine dunkle Nacht. Wir fliehen um 21 Uhr - alle drei zusammen. Der Kapitän wird in seiner Kajüte sein und vermutlich bereits schlafen. Das Boot ist bereit, ich habe sogar schon einige Lebensmittel dort gelagert."

"Da Meer ist aber sehr ungünstig heute Nacht", warf ich eilig ein.

"Das stimmt. Aber die Freiheit hat ihren Preis. Entweder wir sind heute frei oder tot. See you, Professor."

Damit ließ er mich allein und mich überkam große Angst. Angst davor, von Nemo entdeckt zu werden, Angst in den Fluten zu ertrinken, Angst den Kapitän und die Nautilus niemals wieder zu sehen und ihm sein Geheimnis nicht zu entlocken.

Die Minuten, bis es 21 Uhr wurde, verrannen nur mühsam. Ich betrachtete nochmals die unglaubliche Sammlung von Kapitän Nemo und nahm Abschied.

In meinem Zimmer zog ich Seestiefel, Otterfellmütze und den Mantel aus Muschelseide an. Viel zu früh schlüpfte ich in die Bibliothek, wo Ned Land mich erwarten sollte. Alles war dunkel und verlassen und mit einem Mal blieb das konstante Geräusch der Schiffsschraube aus. Ich spürte einen schwachen Stoß und erkannte, dass wir auf dem Grund lagen.

Hatte man uns entdeckt? Wo blieb Land? Wir konnten unmöglich fliehen. Da wurde die Bibliothek plötzlich hell erleuchtet und der Kapitän trat ein. Ohne auf meine seltsame Kleidung einzugehen, fragte er mich:

"Kennen Sie sich in der spanischen Geschichte aus, Professor?"

Ich war so erstaunt, dass ich vorerst keinen Laut von mir geben konnte. Nach Sekunden der Stille antwortete ich: "Ein wenig."

"Setzen Sie sich, ich möchte Ihnen von einer erstaunlichen Episode berichten."

Setzen hörte sich gut an, das kam meiner Verfassung sehr entgegen und so lauschte ich der Geschichte, die Kapitän Nemo mir erzählte:

Sie spielte im Jahre 1702 und handelte von einem Krieg um die Königskrone in Spanien. Holland, Österreich und England hatten sich verbündet, die Macht in Spanien an sich zu reißen. Die Spanier leisteten Widerstand, doch dieser verschlang Geld, wovon sie in Amerika genug hatten.

Ein Kapitän namens Chateau-Renaud sollte die Goldbarren nach Spanien bringen. In der Bai von Vigo traf er auf Engländer und kämpfte tapfer. Als er verlor, setzte er sein Schiff in Brand, damit die Schätze dem Feind nicht in die Hände fielen.

"Und hier, Herr Professor", Nemo stand auf und ließ die Wände zurückgleiten, "sind wir in der Bai von Vigo."

Ich spähte hinaus - das Meerwasser war hell erleuchtet und ich erkannte Taucher, die aus verfaulten Fässern und Kisten Gold, Silber und Edelsteine hoben. Nemo stand lachend neben mir.

"Schauen Sie gut hin, Professor. Wussten Sie, dass das Meer solche Schätze enthält?"

"Ich weiß sogar von diesem hier. Es gibt eine Aktiengesellschaft, die von der spanischen Regierung die Genehmigung hat, den Schatz zu heben. Die Aktionäre erhoffen sich einen Gewinn von fünfhundert Millionen Franc."

"Da kommen sie wohl zu spät. Der Rächer der Unterdrückten hat das Vermögen bereits gehoben."