Das Unterwasserbergwerk

  • Autor: Verne, Jules
Das Unterwasserbergwerk

Den nächsten Tag fuhren wir durch felsiges Gebiet. Ich begab mich früh zu Bett und erwachte am anderen Morgen um acht Uhr. Am Manometer konnte ich ablesen, dass wir uns an der Wasseroberfläche befanden. Ich ging zur Lukenöffnung und stieg auf die Plattform hinaus.

Es war stockfinster! Das war unmöglich - hatte ich den gesamten Tag verschlafen? Außerdem war nicht ein Stern am Himmel zu sehen. Da rief mich die Stimme des Kapitäns.

"Ah, Sie sind es, Professor."

"Wo sind wir?"

"Unter der Erde."

"Wie kommen wir hierher?"

"Warten Sie noch einen Moment, dann werden die Lampen eingeschaltet und Sie können sich umsehen."

Ich blieb in der Dunkelheit stehen und erblickte über mir ein rundes Loch, durch das ein Lichtschein drang. Die Scheinwerfer gingen an und ich musste unweigerlich die Augen schließen. Als ich mich an die Helligkeit gewöhnt hatte, erkannte ich, dass wir in einem unterirdischen See schwammen, der einen Durchmesser von zwei Seemeilen betrug.

Der Kapitän erklärte mir, dass wir im Zentrum eines erloschenen Vulkans seien. Während ich geschlafen habe, sind wir durch einen schmalen Kanal in das Innere eingedrungen. Er nannte es seinen Haupthafen, in dem er gegen alles geschützt sei. Sowohl Orkane, als auch Menschen.

"Wozu braucht die Nautilus einen solchen Zufluchtsort? Sind Sie auf dem Meeresgrund nicht sicher genug?"

"Doch. Aber ich bin auf Elektrizität angewiesen. Hier habe ich unterseeische Kohleflöze gefunden, die Reste von Urzeitwäldern. Meine Matrosen arbeiten mit Hacke und Schaufel und bauen die Steinkohle ab. Der Dampf, der bei der Energiegewinnung entsteht, entweicht durch die Krateröffnung. Ungebetene Gäste halten die Klippen für einen tätigen Vulkan und bleiben fern."

Wir blieben die ganze Nacht im Haupthafen liegen. Erst am nächsten Morgen gab Nemo Befehl zum Auslaufen. Sein Kurs ging strikt nach Süden. Wir durchquerten den Atlantik mit solcher Geschwindigkeit, dass man meinen konnte, er wäre auf der Flucht.

Die nächsten Tage verstrichen sehr eintönig, bis zum 13. März. Da hatte der Kapitän ein neues Abenteuer auf dem Plan: Tiefenmessungen. Bis zu diesem Tag hatten wir 30 000 Seemeilen zurückgelegt. In der Gegend, in der wir uns befanden, hatte noch niemals jemand den Meeresgrund erforscht.

Die Fenster im Salon wurden freigegeben und der eiserne Rumpf der Nautilus begann dröhnend seine Tauchfahrt. Die Zeiger des Manometers drehten sich rasend schnell. Bald befanden wir uns in Tiefen, in denen es nur noch wenige Meeresbewohner gab.

In viertausend und fünftausend Meter Tiefe war das Wasser erstaunlich durchscheinend - doch war immer noch kein Grund in Sicht. Es dauerte Stunden, bis wir die sechstausend Meter erreicht hatten. Da tauchten die Spitzen schwarzer Berge auf. Wir drangen tiefer und begannen zu spüren, welchen Druck die Wassermassen auf den Stahlkörper ausübten.

"Welch ein Anblick. Zu sehen, was noch kein Mensch vor mir sah. Man müsste es zeichnen, um es nie zu vergessen."

"Möchten Sie ein Erinnerungsfoto?", fragte Nemo lächelnd.

"Was meinen Sie?"

Auf seinen Befehl erschien ein Matrose mit einer Kamera, die er vor einem der Fenster aufbaute. Er fotografierte eine felsige Urwelt, die niemals vom Sonnenlicht bestrahlt worden war. Kaum war das Bild fotografiert, da meinte Nemo:

"Wir wollen es nicht übertreiben, Professor Aronnax. Die Nautilus darf nicht zu lange einem solchen Druck ausgesetzt werden. Halten Sie sich fest!"

Doch da wurde ich bereits zu Boden geworfen. Die Schraube stand still und die Nautilus schoss wie ein prall gefüllter Ballon in die Höhe. Wir flogen über die Wasseroberfläche hinaus und landeten mit einem riesigen Aufprall in den Wogen.