Der Haiangriff

  • Autor: Verne, Jules
Der Haiangriff

Um vier Uhr früh wurden wir vom Steward geweckt. Diesmal nahmen wir das Boot, weil Nemo mit der Nautilus nicht so nah an die Austernbänke heranfahren wollte.

Es war noch dunkle Nacht, als wir losfuhren. Um 5.30 Uhr hellte sich der Horizont ganz leicht auf und um sechs Uhr war es plötzlich hell. Ohne Übergang der Morgenröte, die in tropischen Breiten ebenso fehlt, wie die Abenddämmerung.

Auf ein Zeichen des Kapitäns hielt unser Boot und ein Anker wurde herabgelassen. Wir lagen nur ungefähr einen Meter über dem Meeresboden. Wie Nemo es uns gesagt hatte, waren keine Fischer zu sehen. Es war noch einen Monat zu früh.

Wir ließen uns in unsere Gummianzüge helfen und ich fragte noch eilig, wo die Gewehre seien, als mir schon die Kupferkugel über den Kopf gestülpt wurde. Nemo drückte mir ein Messer in die Hand und meinte, das wäre ausreichend. Zu meiner Erleichterung sah ich, wie Ned Land nach seiner Harpune griff.

Mit jedem Meter, den wir tiefer stiegen, wurde meine Angst weniger. Gegen sieben Uhr hatten wir die Austernbank erreicht und sahen auf einen Blick, dass hier Millionen dieser Tiere wohnten. Sie hingen mit Muschelseide an den Felsen. Diese Austern sind runzelig und haben sehr dicke Schalen, die zwischen grün und schwarz changieren.

Die größten erreichten einen Durchmesser von fünfzehn Zentimetern. Ned Land nahm sich mit festem Griff die dicksten und steckte sie in ein kleines Netz, das er am Gürtel trug.

Nemo ließ uns aber nicht länger verweilen und so folgten wir ihm. Unser Weg war sehr hügelig und zeitweise waren wir so nah an der Wasseroberfläche, dass ich meine gestreckte Hand aus dem Wasser halten konnte.

Als wir erneut ein Stück abgestiegen waren, öffnete sich vor uns plötzlich eine ungeheure Grotte, in die Nemo ohne Zögern eintrat. Die Wände waren mit Algen tapeziert und vor uns lag ein Schacht, den wir hinabstiegen.

Am Boden lagen Felsblöcke und auf einem dieser Blöcke lag eine Auster von unwahrscheinlicher Größe. Sie umfasste zwei Meter Durchmesser! Nemo nahm sein Messer und stellte es mit einer raschen Bewegung zwischen die Schalen, sodass das Tier sich nicht schließen konnte. Dann winkte er uns heran.

Wir sahen hinein und drinnen lag in den fleischigen Falten eine Perle von der Größe einer Kokosnuss. Sie war kugelrund und wunderbar klar - ein Stück von unschätzbarem Wert.

Ich wollte sie berühren, aber Nemo hielt mich zurück und ich verstand, dass diese Perle unter seinem Schutz stand. Irgendwann, wenn sie groß genug war, würde er sie in sein Museum holen. Denn als Schmuck konnte man dieses Exemplar nicht verwenden. Welche Frau würde sich schon eine Kokosnuss umhängen, auch wenn sie mehr als zehn Millionen Franc wert wäre?

Wir machten uns auf den Rückweg. Nach zehn Minuten Marsch blieb der Kapitän plötzlich stehen und gab und Befehl, sich zu verstecken. Wir krochen hinter mehrere Felsvorsprünge und gingen in Deckung. Was kam da auf uns zu? Ein Hai? Der Schatten wurde immer größer und dann sah ich: es war ein Mensch.

Der dunkelhäutige Inder, vermutlich ein armer Kerl, der schon vor der richtigen Perlenernte auf der Suche war, tauchte mit einem Stein am Bein nach den Austern. Pro Tauchgang raffte er ungefähr ein Duzend zusammen.

Plötzlich sah ich ihn entsetzt vom Boden hochspringen, er ließ seinen Beutel fallen und strebte zur Oberfläche. Über ihm erschien der Schatten eines Hais, der sich auf den Mann stürzte.

Der konnte dem Biss noch ausweichen, aber die Schwanzflosse traf ihn und schleudert ihn zu Boden. Der Hai drehte und machte Anstalten sein Opfer zu zerfetzen - da sprang der Kapitän vor.

Ja, wirklich! Nemo stand mit dem Messer in der Hand neben dem Inder und stach dem Tier in den Bauch. Das Meer färbte sich augenblicklich rot. Der Hai bäumte sich auf. Nemo stach unablässig in den Bauch, traf aber nicht das Herz. Die Masse des Tieres drückte ihn nieder und er war gefangen.

Wahrscheinlich wäre er verloren gewesen, wenn nicht Ned Land mit einem routinierten Schuss aus seiner Harpune dem Hai mitten ins Herz getroffen hätte.

Nemo riss sich Helm und Taucheranzug ab und brachte zusammen mit Land den Inder an die Wasseroberfläche. Dann kam Ned zurück und brachte uns zum Boot, mit dem wir auf das Fahrzeug des Fischers zufuhren.

Der dunkelhäutige Mann schlug gerade die Augen auf, als wir ankamen. Auf seinem Gesicht stand entsetzlicher Schreck. Da merkte ich, dass wir noch unsere Kupferhelme trugen. Nemo stand auf, griff in seine Tasche und zog ein Säckchen Perlen heraus. Das gab er dem Inder, sprang zurück ins Boot und gab Befehl zur Nautilus zurückzukehren.

"Schönen Dank, Meister", sagte der Kapitän zu Ned Land.

"Meine Pflicht und Schuldigkeit, Kapitän!"

Und ich sah nach diesen Worten ein leises Lächeln auf den Lippen von Kapitän Nemo.

Wieder einmal war ich über das Wesen dieses Mannes verwundert. Daher sprach ich ihn darauf an. "Was die Welt Ihnen auch getan hat, Kapitän - Ihr Herz hat sie nicht vernichtet."

"Er war ein Landsmann von mir."

"Ein Landsmann?", rief ich erstaunt.

"Dieser Inder lebt in einem Land der Unterdrückung. Das macht mich ebenfalls zu einem Inder!"

So ganz verstanden hatte ich den Kapitän nicht trotzdem verzichtete ich auf weitere Fragen.