Der Korallenfriedhof

  • Autor: Verne, Jules
Der Korallenfriedhof

Am 10. Januar ging unsere Reise also weiter. Nemo beschäftige sich damit, die Temperaturen in den unterschiedlichen Meerestiefen zu messen und stellte fest, dass in tausend Metern Tiefe eine konstante Temperatur von 4,5° herrschte.

Ich fragte mich nur, für wen er diese Messungen machte - den Menschen würde er seine Forschungen mit Sicherheit nicht überlassen.

Am 18. Januar sah ich den Kapitän nach einigen Tagen wieder. Wir befanden uns südlich der Weihnachtsinseln und von Osten wehte ein starker Wind. Nemo unterhielt sich mit seinem Ersten Offizier in jener mir unverständlichen Bordsprache, während er den Horizont mit dem Fernglas absuchte.

Er stand einige Minuten völlig bewegungslos da. Plötzlich sagte er ein paar Worte, die zur Folge hatten, dass sein Offizier voller Entsetzen dreinblickte. Nemo blieb weiterhin kalt. Er gab offenbar Befehl schneller zu fahren, denn die Schraube der Nautilus kam stärker auf Touren.

Natürlich wollte ich wissen, was da vor sich ging und holte mir ein Fernglas. Ich setzte es an und im gleichen Augenblick wurde es mir aus der Hand gerissen. Nachdem ich mich umgedreht hatte, blickte ich in die entstellten Gesichtszüge des Kapitäns. Seine Fäuste waren geballt und seine gesamte Gestalt von Hass verzerrt!

In ihm kochte es, aber er zwang sich zur Beherrschung. Dann sagte er kühl: "Monsieur, ich bitte Sie nun, sich an Ihre Zusage zu halten. Ich muss Sie und Ihre Gefährten auf unbestimmte Zeit einschließen."

Ich willigte ein und stieg hinab zu Conseil und Ned Land. Dort brachte uns jemand in jene Zelle, in der wir die erste Nacht geschlafen hatten. Die Tür fiel ins Schloss und meine Gefährten bedrängten mich, ihnen zu erklären, was vorgefallen war. Aber ich konnte mir den Vorfall selbst nicht erklären. Nur so viel wusste ich, in der nächsten Zeit mussten wohl Dinge geschehen, die wir nicht wissen durften.

Wir setzten uns an den gedeckten Frühstückstisch, aber die Unsicherheit ließ bei allen keinen rechten Appetit aufkommen. Kaum, dass sich jeder einen Winkel für sich gesucht hatte, schlief Ned Land sofort ein. Auch Conseil faselte noch ungereimtes Zeug und staunte, wie schnell auch er ins Land der Träume gelangte.

Während ich noch darüber nachdachte, überfiel mich eine Art Betäubung, die mich zwang die Augen zu schließen und mir das Bewusstsein raubte.

Am nächsten Morgen erwachte ich mit erstaunlich freiem Kopf in meinem Bett in meiner Kabine. Wie war das möglich? Ich konnte mich an nichts erinnern. Meine Tür war unverschlossen und ich begab mich auf den Flur und stieg zur Plattform empor.

Dort traf ich Ned Land und Conseil, die schon länger wach waren. Auch sie konnten sich an nichts erinnern. Bis mittags war Kapitän Nemo nicht zu sehen. Erst als ich mich um 14 Uhr im Salon aufhielt, trat er plötzlich ein.

Ich hatte Erklärungen zur vergangenen Nacht erwartet, aber nichts dergleichen geschah. Nemo ging ziellos im Salon hin und her und sah übernächtigt und elend aus. Schließlich fragte er mich brüsk:

"Sie sind Arzt?"

"Ja", antwortete ich verdutzt. "Ich habe tatsächlich Medizin studiert und auch einige Jahre praktiziert, bevor ich ans Museum berufen wurde."

"Gut. Würden Sie einem meiner Leute helfen?"

"Sie haben einen Verwundeten?"

"Einen Kranken."

"Gut, ich bin bereit."

Mir war klar, dass es zwischen diesem "Kranken" und den Vorfällen von heute Nacht irgendeinen Zusammenhang geben musste. Nemo führte mich zum Heck der Nautilus und brachte mich in eine kleine Kabine. Dort lag ein etwa vierzig Jahre alter Mann, kräftig, bärtig und schwer verletzt.

Ich beugte mich über ihn und erschrak. Er hatte eine tödliche Wunde am Kopf. Ich hob die verbluteten Leintücher an und blickte auf eine zertrümmerte Schädeldecke. Der Verletzte gab keinen Laut von sich, atmete nur noch leicht und der Puls war kaum noch fühlbar. Außerdem wurden seine äußeren Glieder bereits kalt.

"Woher kommt diese Wunde?", fragte ich.

"Das ist völlig unerheblich. Nehmen Sie an, ein Maschinenteil hat ihn getroffen. Können Sie ihm helfen?"

Zuerst zögerte ich doch dann raunte ich: "Er wird binnen zwei Stunden sterben."

Nemo nahm die Hand über seine Augen, als wolle er nachdenken. Doch ich hatte die Tränen darunter gesehen.

Ich wandte mich ab.

"Sie können jetzt gehen, Professor", sagte der Kapitän scharf.

Das Sterben des Mannes und alles, was damit verbunden war, verfolgten mich bis in meine Träume.

Am anderen Morgen traf ich Nemo auf der Plattform.

"Ich werde einen Ausflug unter Wasser machen", sagte er ohne jede Begrüßung. "Wollen Sie mich begleiten?"

"Allein?"

"Ihre Gefährten dürfen gerne mitkommen."

Eine halbe Stunde später steckten wir in den Taucheranzügen und verließen die Nautilus durch die Schleuse. Außer uns waren noch zwölf Leute aus der Mannschaft dabei. Der Boden war völlig anders, als bei unserem letzten Ausflug. Wir traten auf harten Grund. Hier erstreckte sich das Reich der Korallen.

Entlang einer Korallenbank stiegen wir innerhalb von zwei Stunden in 300 Meter Tiefe hinab. Wir erreichten einen versteinerten Wald, der uns winzig erscheinen ließ. Nemo machte Halt und seine Männer bildeten einen Halbkreis.

Erst jetzt erkannte ich, dass zwei der Männer einen länglichen, in weiße Tücher gehüllten Gegenstand trugen. Wir befanden uns im Mittelpunkt einer Lichtung, die von unseren Lampen ausgeleuchtet wurde. Dort befand sich ein aus Korallen gehauenes Kreuz.

Auf einen Wink von Nemo begann einer der Männer ein Loch in den Boden zu hacken. Ich hatte verstanden. Diese Lichtung im Korallenwald war ein Friedhof. In den Tüchern lag die Leiche des gestern verstorbenen Mannes.

Als die Grube tief genug war, legten vier Männer den Leichnam vorsichtig hinein. Nemo sank auf die Knie, als wolle er beten. Wir alle folgten seiner Bewegung.

Nachdem das Grab geschlossen war, wandte Nemo sich als erster ab und trat den Rückweg an. Gegen 13 Uhr erreichten wir die Nautilus.