Der Orkan

  • Autor: Verne, Jules
Der Orkan

Zehn Tage blieb Nemo nach diesem 20. April unsichtbar. Der Tod seines Mannschaftsgefährten hatte ihn offensichtlich stark mitgenommen, denn die Nautilus trieb scheinbar ziellos an der Meeresoberfläche.

Am 1. Mai nahmen wir plötzlich Nordkurs auf. Immer, wenn uns Land besonders nahe kam, begann Ned Land wieder von der Flucht zu sprechen. Doch die Witterung war sehr ungünstig. Der Golfstrom, dem wir seit Tagen folgten, wurde auch der Vater der Stürme genannt.

Neds Ungeduld wurde immer größer. Als wir uns seiner Heimat Kanada näherten, drängte er mich, mit dem Kapitän zu sprechen. "Lieber stürze ich mich kopfüber ins offene Meer, als dass ich länger hier bleibe!"

Der Kanadier duldete keinen Aufschub und so beschloss ich, sofort mit Nemo zu sprechen, weil mir erledigte Sachen immer lieber sind als unerledigte. Ich ging ihn mein Zimmer und horchte an der Verbindungstür. Nemo ging nebenan auf und ab. Ich klopfte und drückte die Klinke. Die Tür ging auf.

Er wandte sich zu mir und fragte: "Was wollen Sie?"

"Mit Ihnen reden."

"Sehen Sie nicht, dass ich zu tun habe? Können Sie mich nicht in Ruhe lassen? Ich lasse Ihnen doch auch diese Freiheit!"

"Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu besprechen", gab ich kühl zur Antwort.

"Möchten Sie wissen, was wirklich wichtig ist? Sehen Sie hier diese Aufzeichnungen? Das sind die gesammelten Werke meiner unterseeischen Forschungen. Außerdem befindet sich darin auch eine kurze Biografie. Wenn es Gott gefällt, werden die Menschen eines Tages all das erfahren.

Wer von uns auf der Nautilus überlebt, hat Befehl dieses Kästchen dem Meer zu übergeben."

Sein Name, seine Geschichte, sein Geheimnis? Eines Tages enthüllt ...

"Kapitän", sagte ich, "mir gefällt Ihre Idee nicht gut. Ihre Forschungen dürfen nicht dem Zufall überlassen werden. Keiner weiß, in welche Hände sie fallen werden. Meine Freunde und ich würden ihr Manuskript bewahren, wenn Sie uns die Freiheit geben."

"Die Freiheit!!!???"

"Genau darüber wollte ich mit Ihnen reden. Wir sind seit über sieben Monaten an Bord der Nautilus. Sie können uns doch nicht ewig hier festhalten", gab ich zurück.

"Monsieur Aronnax, wie ich Ihnen bereits am ersten Tag mitgeteilt habe: Wer die Nautilus betritt, verlässt sie nur tot!"

Ich versuchte noch andere Argumente, um an Nemos Herz oder wenigstens seinen Verstand zu appellieren, aber er blieb unerbittlich.

Als ich meinen Gefährten den Inhalt der Unterredung mitteilte, stand der Entschluss von Ned Land fest: wir mussten so schnell wie möglich von Bord. "Long Island!", hieß die hoffnungsvolle Parole.

Am 13. Mai kam der Orkan zum Ausbruch, der sich schon seit Tagen angekündigt hatte. Aus unerklärlichen Gründen ließ Nemo die Nautilus an der Wasseroberfläche. Er stieg sogar auf die Plattform und band sich mit einem Seil fest. Ich tat es ihm gleich.

Wolkenfetzen fegten über das entfesselte Meer. Das Wasser türmte sich auf, ohne zu brechen und warf die Nautilus von einer Seite auf die andere. Regen, gleich einem reißenden Gebirgsbach setzte ein und der Himmel war von Blitzen durchzogen. Das Getöse der Wellen wurde nur noch vom Donner übertroffen.

Mich überkam der Gedanke, dass Nemo hier draußen den Tod suchte. Mit letzter Kraft kroch ich zur Luke und ins Innere zurück. Um Mitternacht kam der Kapitän nach. Er ließ die Wasserbehälter fluten und wir sanken. Noch in zwanzig Meter Tiefe wurden wir gewaltig hin und her geworfen.

Dann aber hatten wir fünfzig Meter Tiefe erreicht und dort herrschte absolute Ruhe! Wer hätte dort unten den Orkan auf der Oberfläche vermutet?