Der arabische Tunnel

  • Autor: Verne, Jules

Es war der 30. Januar, als die Nautilus zum Luftholen an die Oberfläche kam. Land war keines in Sicht, aber anhand der Seekarten stelle ich fest, dass wir uns der arabischen Halbinsel näherten. Wir rätselten, wohin Kapitän Nemo mit uns reisen wollte. Wenn er in den Persischen Golf einbog, befand er sich in einer Sackgasse, da der Suezdurchbruch noch nicht vollendet war.

Ich vermutete, wir würden Afrika umrunden und den Atlantik passieren, um dann wieder im Pazifik zu landen. Vier Tage trieben wir in der Nähe des Golfes von Oman, scheinbar ohne Ziel. Doch ich sollte mich irren. Am 7. Februar tauchten wir in die Gewässer des Roten Meeres ein. Dieses bibelberühmte Meer hat an vielen Stellen einen solch geringen Wasserstand, dass Nemo sich an der afrikanischen Küste halten musste, wo der Grund tiefer lag.

Ich befand mich, bei geöffneten Scheiben im Salon und bestaunte die Tierwelt, als Nemo eintrat.

"Gefällt Ihnen das Rote Meer?"

"Sehr gut. Besonders an Bord der Nautilus."

"Wissen Sie, woher dieses Meer seinen Namen hat?

"Nein."

"Es gibt Stellen, zum Beispiel in der Bai von Tor, wo das Wasser purpurfarben ist. Mikroskopisch kleine Pflänzchen geben ihre schleimige Farbe ab und sorgen so dafür."

"Das wusste ich nicht. Aber sagen Sie Kapitän, wann werden wir umdrehen? Die Fertigstellung des Suezkanal werden wir sicher nicht abwarten?"

"Wussten Sie, dass es bereits in der Zeit vor Christus einen Durchbruch gab, der mit den Jahrhunderten versandet ist? Napoleon fand in der Wüste von Suez noch die Spuren dieses Kanals."

"Und nun kommt Monsieur Lesseps und verkürzt den Seeweg von Cadiz nach Indien um neuntausend Kilometer."

"Ja, ihr Franzosen könnt stolz sein auf diesen Mann."

Während ich mich noch wunderte, wie wohlwollend Nemo über den Erbauer des Suezkanals sprach, fuhr der Kapitän fort.

"Übrigens sind wir bereits übermorgen im Mittelmeer, auch ohne den Suezkanal."

"Wie bitte? Mir wird Angst bei dem Gedanke an die Geschwindigkeit, die die Nautilus zurücklegen muss, um ganz Afrika in einem Tag zu umfahren."

"Wer sagt denn, dass wir Afrika umfahren? Ich fahre unter der Landenge von Suez durch! Da gibt es einen Tunnel. Zwar eine enge, aber doch passierbare, felsige Durchfahrt. Mir fiel auf, dass sich im Mittelmeer und im Roten Meer einige gleiche Fischarten tummelten. Also beringte ich eine große Zahl von Fischen vor Suez. Einige dieser Exemplare fand ich vor der syrischen Küste wieder. Einfach, nicht wahr? Dann tauchte ich mit der Nautilus hinab und fand die Passage."

Als ich Conseil und Ned Land von dem bevorstehenden Abenteuer erzählte, schlug sich der Kanadier mit der flachen Hand an die Stirn. "Ein Tunnel zwischen diesen beiden Meeren. Das glaube ich niemals!"

Wir befanden uns auf der Plattform und diskutieren, als Ned Land plötzlich etwas am Horizont erblickte. Die Nautilus fuhr näher ran und wir stellten fest, dass es eine Sirene, ein Säugetier aus der Gattung der Seekühe war, wie Conseil sofort klassifizierte.

Kapitän Nemo überließ uns sein Boot und Ned Land ging völlig in der Jagd nach dem Tier auf. Es war ein gefährliches Unterfangen und zwischendurch dachte ich, wir müssten umkehren, doch letztendlich nahmen wir die Sirene in Schlepptau.

Am Abend gab es Steaks, die besser als jedes Kalbfleisch schmeckten.

Am 11. Februar näherten wir uns dem Berg Sinai, der das Rote Meer in zwei Arme teilt. Nemo erklärte, dass wir gleich an der Mündung des Tunnels seien und fragte mich, ob ich mit auf die Kommandobrücke wolle.

Am Steuerrad stand ein kräftiger Mann, der in den nächsten Stunden jeden Wink des Kapitäns in Kurskorrekturen umsetzte. Wir fuhren sehr langsam, nur wenige Meter von den Felswänden entfernt. Nach Kompass und nach Gefühl.

Plötzlich trat Nemo selbst ans Steuer und die Nautilus beschleunigte, sodass ich draußen nur noch Feuerstreifen sah. Mein Herz klopfte so stark, dass mir beinahe schlecht wurde.

Um 22.35 Uhr trat der Kapitän vom Steuer zurück und sah mich an: "Das Mittelmeer", sagte er, etwas müde.