Die Nautilus

  • Autor: Verne, Jules
Die Nautilus

Als Nemo aufstand, folgte ich ihm. Wir verließen den Speisesaal und betraten den angrenzenden Raum; die Bibliothek. Auf kupferbeschlagenen Regalen standen unzählige Bücher. Mit Leder gepolsterte Sitzbänke luden zum Lesen ein.

"Diese Bibliothek würde so manchem Herrenhaus auf der Erde große Ehre machen", bemerkte ich.

"Da mögen Sie Recht haben, Professor. Es sind 12 000 Bände, die ich über viele Jahre gesammelt habe. An meinem letzten Tag auf der Erde habe ich meine letzten Bücher und Zeitschriften gekauft und seither lebe ich in der Vorstellung, dass nichts Neues mehr gedacht und aufgeschrieben wird."

Bei näherer Betrachtung fand ich alle Meisterwerke der alten und modernen Schriftsteller. Ein Band erregte meine Neugierde besonders. "Begründung der Astronomie", von Joseph Bertrand - ich wusste sicher, dass es erst im Jahr 1865 erschienen war. Somit konnte die Nautilus höchstens seit drei Jahren durch die Meere ziehen.

"Im Übrigen ist dieser Raum nicht nur die Bibliothek, sondern auch der Rauchsalon. Hier, bitte bedienen Sie sich", sagte Kapitän Nemo und reichte mir eine Zigarre, die aus Goldblättern gewickelt schien. Ich zündete sie an und stellte fest, dass sie ganz hervorragend schmeckte. Nemo erklärte mir, er würde sie aus einer nikotinreichen Algensorte gewinnen.

Wir verließen die Bibliothek und gelangten durch eine Doppeltür in einen strahlend erleuchteten, riesenhaften Saal. Es war sein Privatmuseum, in dem er Gemälde, Waffen, Statuen ebenso wie Musikinstrumente und Partituren von Mozart, Beethoven und Haydn sammelte.

Im hinteren Teil befanden sich Vitrinen und Schaukästen, in denen Schätze aus dem Reich der Natur lagen. Für mich ein wahres Fest. Schwämme, Hohltiere, Gliederfüßer, Weichtiere - es war eine Ansammlung von unschätzbarem Wert.

Mitten im Saal stand ein elektrisch beleuchteter Springbrunnen, dessen Schale aus eine der größten im Meer vorkommenden Muscheln bestand. Der Umfang betrug gut und gerne sechs Meter.

Ich erblickte Perlen, die um ein vielfaches größer waren, als die berühmtesten Stücke oben auf der Erde.

"Oh ja, Kapitän, ich begreife Ihre Freude, wenn Sie durch solche Schätze wandeln dürfen. Kein europäisches Museum kann sich mit Ihnen messen. Aber meine Neugier ist nicht gestillt. Mich interessiert, welche geheimnisvolle Kraft die Nautilus antreibt."

"Dafür nehme ich sie mit in mein Zimmer."

Wir betraten den Gang, dem wir bis zum vorderen Teil der Nautilus folgten. Die erste Tür, die er öffnete, führte in meine zukünftige Kabine - ein eleganter Raum. Die Tür daneben war der Eingang zu seinem Zimmer. Alles darin wirkte ernst und asketisch. Der Raum stand im absoluten Gegensatz zu den Salons:

Ein eisernes Bett, ein Arbeitstisch, Schüssel und Kanne zum Waschen. Nur die Wände hingen voll mit Messuhren.

"Die meisten dieser Instrumente kennen Sie", sagte Nemo. "Thermometer zum Messen der Innen- und Außentemperatur, Barometer zum Messen des Luftdrucks, Hygrometer zum Messen der Feuchtigkeit, Wetterglas zur Frühwarnung bei Stürmen, Kompass für die Himmelsrichtungen, Sextant für die Messung der Breite, Chronometer zur Errechnung der Länge auf der sich die Nautilus befindet.

Aber dieses hier, wäre auf einem normalen Schiff völlig unnütz: ein Manometer zur Messung des Wasserdrucks. Damit kann ich die Tiefe bestimmen, in der wir uns befinden."

Nemo fiel auf, dass mein Blick an den Uhren hing, die er noch nicht erklärt hatte. Er bot mir einen Platz an seinem Arbeitstisch an und fuhr fort:

"Die gesamt Nautilus wird von einer einzigen Kraft beherrscht. Die Elektrizität!"

"Aber bisher gab es keine Möglichkeit, dass die Elektrizität solch große Aufgaben übernehmen konnte…", warf ich ein.

"Meine Kraft gehört nicht mehr dieser Welt. Ich gewinne sie, wie alles, aus dem Meer, indem ich dem Salzwasser das Kochsalz entziehe. Kochsalz bildet zusammen mit Quecksilber meine Grundlage für eine Bunsenbatterie. Diese Kochsalzsäulen erzeugen im Übrigen eine viel stärkere elektrische Energie als Zinkplatten."

"Aber dieses Kochsalz müssen Sie doch zuerst herausfiltern. Ich bin mir sicher, dass die Energie dazu größer ist, als die, die Sie gewinnen."

"Dafür benutze ich auch nicht die Batterie, sondern - sagen wir Meerkohle."

"Sie beuten unterseeische Kohleminen aus?"

"Ja. Und Sie werden das miterleben. Nur ein bisschen Geduld, Professor. Ich sagte doch, ich bekomme alles aus dem Meer."

"Außer die Atemluft!"

"Richtig. Aber es wäre mir durchaus möglich sie ebenfalls selbst herzustellen. Doch einfacher ist es aufzutauchen, und die Tanks über elektrische Pumpen zu füllen."

Ich zollte Kapitän Nemo meine Bewunderung für seine Forschungsarbeiten. Er zeigte mir eine Uhr, die ebenfalls mit elektrischem Strom lief und einen Tachometer, der die Geschwindigkeit anzeigte. Doch das sei noch nicht alles.

Er stand auf und lud mich ein ihm zu folgen. Am Heck der Nautilus zeigte er mir ein Boot, das in eine Nische der Außenwand seines Schiffes eingepasst war. Um das Boot flottzumachen, brauche er nicht aufzutauchen. Durch einen doppelten Boden konnte man es betreten und es war über eine elektrische Leitung mit der Nautilus verbunden.

Wir gingen weiter und er zeigte mir die Schiffsküche, in der ebenfalls alles elektrisch geschah: Glühende Kochplatten aus Platindraht und Kühler, in denen das Trinkwasser zubereitet wurde. Aus den Hähnen im angrenzenden Badezimmer floss warmes und kaltes Wasser.

Nach einem kurzen Blick in den Maschinenraum, bei dem ich erkannte, welch gewaltige Kraft die Elektrizität hatte, führte Nemo mich wieder in den Salon und erklärte mir das Prinzip, wie die Nautilus auf- und abtauchte.

Rings um den Rumpf waren gewaltige Wasserbehälter angebracht, die er bei Bedarf fluten oder leer pumpen konnte. Außerdem hatte er nicht nur ein Steuerruder, sondern ein Höhenruder, mit dem er sich auf jede gewünschte Weise nach oben oder unten bewegen konnte.

Der Steuermann hatte eine Kanzel, von der er über dicke Linsengläser alles beobachten konnte. Außerdem erhellte ein starker Reflektor das Meer auf fast einen Kilometer.

Ich musste zugeben, dass die Nautilus ein wunderbares Fahrzeug war und Kapitän Nemo bestätigte mir, dass er sie liebte, wie sein Fleisch und Blut. Er habe sie entwickelt, erbaut und nun kommandiere er sie.

"Sie sind von Beruf Ingenieur?"

"Ja, ich habe in Paris, London und New York studiert."

"Aber eines begreife ich nicht. Wie konnten sie unbemerkt ein solches Schiff erbauen?"

"Ich habe jedes Einzelteil von einer anderen Firma in einem anderen Land unter einem anderen Namen erstanden. Das ist das Geheimnis. Alle diese Teile ließ ich in meine geheime Werkstatt auf einer einsamen Ozeaninsel bringen. Nachdem wir den letzten Handgriff getätigt hatten, verbrannten wir unsere Spuren!"

"Ich möchte nicht neugierig sein, aber die Nautilus muss eine schöne Stange Geld gekostet haben?"

"Zusammen mit meiner Sammlung: fünf Millionen Franc."

"Sie müssen ein reicher Mann sein!"

"Es würde mir nichts ausmachen die zehn Milliarden Franc Schulden, die Frankreich hat, bar zu begleichen."