Gefangen im Eis

  • Autor: Verne, Jules

Ganz früh am nächsten Tag machten wir uns auf die Weiterfahrt. Bei minus zwölf Grad Celsius begann das Meer um uns herum, zu gefrieren und der Eisbrei verdichtete sich. Es war klar, dass dieses freie Becken über die Wintermonate komplett zugefroren war.

Wir tauchten auf dreihundert Meter Tiefe und fuhren nordwärts. Gegen Abend hatten wir bereits die unermessliche Eisdecke erreicht, unter der wir hinwegglitten.

Fünf Monate waren wir schon unterwegs und hatten dreiunddreißigtausend Seemeilen zurückgelegt, was mehr als der Äquator misst. In dieser Nacht schlief ich schlecht, weil mein Kopf voll war mit den Abenteuern, die wir mit Nemo erlebt hatten.

Um drei Uhr spürte ich einen heftigen Stoß, dem ein Zweiter folgte, der mich aus meinem Bett schleuderte. Meine Kabine war schräg, woraus ich folgerte, dass die Nautilus sich zur Seite geneigt hatte. Ich tastete mich in den Salon - dort brannte Licht. Die Möbel lagen am Boden nur die fest montierten Schaukästen hatten ihren Platz behalten.

Die Gemälde an der rechten Wand lagen fest an der Tapete, die der linken, pendelten mit dem unteren Rand frei. Die Nautilus musste auf der rechten Seite liegen. Ich vernahm hastige Schritte im gesamten Schiffskörper und beschloss auf Kapitän Nemo zu warten.

Doch statt ihm betraten Conseil und Ned Land den Salon. Nachdem keiner eine Erklärung hatte, lehnten wir uns an die Wände und der Kanadier vertrieb uns die Zeit mit seinen Flüchen.

Als Nemo eintrat, fragte ich sofort: "Ein Zwischenfall, Kapitän?"

"Nein. Diesmal ist es ein Unfall. Ein ungeheurer Eisblock, ein ganzer Berg, hat sich gedreht und wir sitzen in der Falle."

Mit diesen Worten begab sich der Kapitän wieder zum Kommandostand. Die Fensterwände wurden geöffnet und wir sahen, dass wir zwar im freien Wasser schwammen, aber von einem engen Eistunnel umgeben waren. Während ich mir ausmalte, was alles passieren könnte, erfolgte ein weiterer Stoß. Das Vorderteil der Nautilus war auf Widerstand getroffen.

Etwas versperrte den Tunnel. Wir merkten, dass wir rückwärtsfuhren.

"Dann nehmen wir eben den südlichen Tunnelausgang", sagte ich tonlos.

"Wenn wir da überhaupt noch rauskommen", rief Ned Land.

Ich konnte ihn nicht länger ertragen und begab mich in die Bibliothek, nahm irgendein Buch und schlug es auf. Meine Augen liefen mechanisch über die Buchstaben.

"Ein gutes Buch?" Conseil war unbemerkt zu mir getreten.

"Ja, ja, sehr interessant."

"Das dachte ich mir. Es ist das Werk von Monsieur."

"Mein Buch?"

Ich schlug es zu und las meinen Namen auf der Titelseite. Verwirrt stelle ich es wieder zurück. Das Warten dauerte Stunden und wir redeten kein einziges Wort miteinander.

Um 8.25 Uhr warf uns ein erneuter Aufprall um. Diesmal kam er von rückwärts. Ich fasste Conseil an der Hand, als der Kapitän hereintrat.

"Auch der Südeingang zu?", fragte ich.

"Ja, Monsieur. Alle Wege sind abgeschnitten."

"Aus?"

"Aus!"