Leinen los

  • Autor: Verne, Jules
Leinen los

Bevor ich diesen Brief gelesen hatte, war ich ein Mensch mit normalen Wünschen und Ansichten. Doch jetzt fühlte ich mich berufen und erkannte, dass mein Lebenszweck von jetzt an die Verfolgung des Riesen-Narwals war.

"Conseil! Pack unsere Koffer!", rief ich meinen Diener. Er war ein liebenswürdiges flämisches Phlegma und begleitete mich auf alle meine Reisen. Seine Trägheit war so ausgeprägt, dass es ihm völlig egal schien, ob wir nach China oder in den Kongo aufbrachen. Er war ausgeglichen, beständig und zuverlässig. Außerdem wurde er niemals krank und hatte Nerven aus Stahl.

Intelligent konnte man ihn nicht nennen, aber er verfügte über eine unglaubliche Fähigkeit. Er war Spezialist im Klassifizieren. Man konnte ihm ein Stichwort sagen und er betete sämtliche Stämme, Gruppen, Unterabteilungen, Ordnungen, Familien, Gattungen, Untergattungen, Arten und Varietäten herunter. Doch blickte er in ein Aquarium konnte er keinen Goldfisch von einem Guppy unterscheiden.

"Was geschieht mit der Sammlung von Monsieur?", fragte Conseil.

"Alles bleibt hier. Wir müssen rasch fort."

"Wie Monsieur beliebt!"

"Also hör zu, mein Freund: Wir fahren mit der Abraham Lincoln…"

"Wie Monsieur beliebt."

"Es handelt sich um die Verfolgung des Riesen-Narwals…"

"Wie Monsieur beliebt."

"Es wird vielleicht… eine gefährliche Reise, von der nicht jeder wieder zurückkommt…"

"Wie Monsieur beliebt."

Im Kofferpacken war Conseil ebenso gut, wie im Klassifizieren. Ich zahlte die Hotelrechnung und gab den Auftrag meine zahlreichen Kisten nach Paris zu verfrachten.

Wenig später wurde ich an Bord der Abraham Lincoln dem Kommandanten Farragut vorgestellt und bezog anschließend meine Kabine, die im Heck lag und an den Offizierssalon grenzte.

Eine halbe Stunde später erschall das Kommando: "Leinen los!" Das Schiff löste sich langsam vom Kai und zog majestätisch den Hudson entlang. An den Ufern standen zahllose Menschen und winkten mit Taschentüchern.

Farragut war ein tüchtiger Seemann, und hatte nicht die geringsten Zweifel an der Existenz des Narwals zu dessen Verfolgung er aufgebrochen war. Die Masten mit ihrem Takelwerk hingen voller Matrosen, was daran lag, dass Farragut eine Prämie von 2 000 Dollar für die erste Sichtmeldung ausgesetzt hatte.

Essen und Schlafen wurde für alle zur Nebensache. Nur Conseil fand das Unternehmen so gewöhnlich wie jedes andere.

An Deck waren die neuesten Waffen montiert - aber das Schiff besaß noch mehr: Den König der Harpuniere namens Ned Land. Er war Kanadier, etwas vierzig Jahre alt, nahezu zwei Meter groß, ernst, wortkarg, reizbar; kurz - ein Mann der Aufmerksamkeit erregte.

Mir gegenüber war Ned Land sehr aufgeschlossen, was vielleicht daran lag, dass ich Franzose war. So konnte er seinen Heimatdialekt benutzen. Sehr schnell wurden wir Freunde. Bei einem Gespräch, an einem prachtvollen Abend etwa drei Wochen nach unserer Abreise erklärte er mir, dass er an die Meeresungeheuertheorien nicht glaube.

Er hatte selbst so viele Seetiere erlegt, dass er die Existenz eines solchen Riesenwals für unmöglich hielt.

Doch meiner Ansicht nach gehörte dieses Wesen zu den Wirbeltieren, Klasse der Säuger, Gruppe der Fischförmigen, Ordnung der Walfischartigen. Die Familie konnte ich nicht bestimmen, dafür musste das Untier erst zerlegt werden.

Um es zu zerlegen müsste es gefangen werden und um gefangen zu werden müsste man es harpunieren und harpunieren konnte man es erst, wenn man es sah und daran haperte es im Moment.