Perlentauchen

  • Autor: Verne, Jules

Für Conseil war Kapitän Nemo ein verkannter Gelehrter, der der Menschheit den Rücken zugewandt und sich in die Unterwasserwelt zurückgezogen hatte.

Ned Land sah in ihm einen gefährlichen Verrückten, einen Feind.

Mir war er mehr. Die Ereignisse der letzten Tage hatten mir gezeigt, dass Nemo die Nautilus als Raspel benutzte, mit der er die Ecken und Kanten dieser Welt, an denen er sich verletzt hatte, glätten wollte.

War er das Opfer, das sich nun als Henker aufspielte? Sollte ich ihn bewundern oder hassen? Er nannte uns seine Gäste. In Wahrheit waren wir seine Gefangenen. Für mich als Naturforscher war es das aufregendste Abenteuer, das ich bis zum Ende miterleben wollte.

Aber das konnte ich Conseil und Ned Land nicht zumuten. Ich erkannte, dass wir die nächstbeste Gelegenheit zur Flucht nutzen mussten.

Am 24. Januar steuerten wir auf die Südspitze Indiens zu.

"Indien!", rief Ned Land. "Endlich Zivilisation. Europäer, Landstraßen, Eisenbahnen. Das bedeutet die Flucht für uns, Professor!"

"Warum in Indien fliehen, wenn Europa nicht mehr weit ist?", erwiderte ich.

Am 26. Januar kreuzten wir gleich zweimal den Äquator. An diesem Tag verfolgten uns Haie; wir tauchten und öffneten die Sichtfenster. Die Tiere schossen auf unsere Glaswände zu. Da wurde die Nautilus schneller und ließ das Rudel hinter sich.

Auf der Karte machte ich am 28.Januar die Insel Ceylon aus, vor der wir aufgetaucht waren. Sie gilt als eine der schrecklichsten auf der Erde. Ich wollte in die Bibliothek, um mich genauer darüber zu informieren, als Nemo auf mich zutrat und sagte:

"Ceylon liegt vor uns, Herr Professor. Möchten Sie die Perlenfischereien besuchen?"

"Aber ja."

"Fischer werden wir keine sehen, da die erst später im Jahr mit der Arbeit anfangen. Wir fahren in den Golf von Mannar."

Ein Blick auf die Karte sagte mir, dass der Golf zwischen Ceylon und Indien lag. Nebenbei erklärte mir Nemo, dass es zwar viele Orte auf der Welt gab, an denen nach Perlen getaucht wurde, die Gegend hier aber die Ertragreichste sei. Die Taucher kamen mit Hilfe eines schweren Steins bis zu zwölf Meter in die Tiefe.

Dabei betrug die Tauchzeit ungefähr dreißig Sekunden und nicht selten tauchten sie mit Blut in Mund und Nase auf, weil der Wasserdruck zu hoch war. Diese Fischer wurden nicht alt und verdienten nur einen Sou pro gefundene Perle.

"Ich verstehe nicht, warum diese Taucher die technischen Entwicklungen nicht nutzen. Mit Taucheranzügen, wie Sie sie benutzen, Kapitän, könnten sie die Erträge vervielfachen."

"Durchaus. Aber das hier sind arme Teufel. Wir werden also morgen im Golf von Mannar wandern. Haben Sie übrigens Angst vor Haien?"

"Was soll ich darauf antworten? Bisher bin ich noch keinem in Natura begegnet."

"Das wird sich ändern. Vielleicht erlegen wir morgen sogar einen Haifisch."

Nemo wandte sich ab und mir stand der Schweiß auf der Stirn. Ich muss zugeben, dass ich große Furcht um meine Arme und Beine hatte. Während ich vor meinem inneren Auge Reihen von grobzackigen Haifischzähnen sah, kamen Conseil und Ned Land lachend herein.

"Ein fabelhafter Vorschlag vom Kapitän", rief Ned Land. "Ich habe noch nie eine Austernbank gesehen und freue mich aufs Perlen sammeln."

Ganz offensichtlich hatte Nemo kein Wort über die Haifische verlauten lassen. Und ich erwiderte: "Vielleicht wird es ja gefährlich."

"Gefährlich?"

"Na…", stammelte ich, "wenn so eine Muschel zuschnappt, während Sie noch den Finger darin haben…?

Ned Land lachte auf und Conseil eilte mir zu Hilfe. "Mein Herr versteht sich auf Muscheln!"

"Dann erzählen Sie mal!", forderte Land mich auf. "Wie ist das mit den Perlen? Wo kommen die her? Was kann man damit verdienen?"

"Wenn man es genau nimmt, ist eine Perle nichts weiter als eine krankhafte Ausscheidung einer zweischaligen Muschel. Der Kern kann ein Sandkorn sein, der über die Jahre mit Perlmuttringen ummantelt wurde."

"Und in jeder Muschel findet man nur eine Perle?"

"Keinesfalls. Es gibt welche, die sind lebende Schmuckkästchen. Man erzählt sich sogar von einer Auster, die hundertfünfzig Haifische enthalten haben soll."

"Hundertfünfzig Haifische?", fragte der Kanadier, zwischen Ehrfurcht und Misstrauen schwankend.

"Habe ich Haifische gesagt? Ich meine natürlich Perlen. Ja. Einhundertfünfzig. Aber das glaube ich nicht. Übrigens hat Kapitän Nemo hier an Bord eine Perle die bestimmt zwei Millionen Franc wert ist."

"So eine, werden wir morgen suchen", rief Ned Land.

"Ist das Ganze nicht gefährlich?", fragte Conseil.

"Ach was. Wir werden ein paar Schlucke Meerwasser verschlucken. Das ist alles", antwortete der Kanadier.

"Es soll hier Haie geben, Ned Land", sagte ich.

"Großartig. Ich bin Harpunier", sagte er gelassen.

"Und du, Conseil?"

"Ich bin der Diener meines Herrn. Wenn Monsieur sich nicht fürchten, warum dann ich?"