Die Kuh auf der Mauer

  • Autor: Simrock, Karl

Tagein, tagaus gingen die Schildbürger ihren Berufen nach. Sie waren Lehrer, Bäcker, Schuster oder Schweinehirt. Diesen Schweinehirten wählten sie sogar eines Tages zum Bürgermeister. Und weil Bürgermeister immer wissen müssen, was so in ihrer Stadt passiert, machte auch der Bürgermeister von Schilda jeden Tag seine Runde durch das Städtchen, um nach dem Rechten zu sehen.

Dabei fiel ihm eines Tages eine alte Mauer ins Auge, das Überbleibsel eines Hauses, das schon vor Jahren eingestürzt war. Auf der Mauer wuchsen herrliche Kräuter und Gras, so dass dem Bürgermeister nur ein Gedanke durch den Kopf schoss: „Das ist wunderbares Weideland für eine Kuh!“

Und weil sich niemand in der nächsten Ratsversammlung bereit erklärte, das Gras auf der Mauer mit der Hand zu mähen, war die Sache mit der Kuh bald beschlossen.

Minna, so der Name dieses edlen Tieres, das auserkoren war für den Dienst, sollte aber die Mauer selbst empor klettern, um an das frische Grün zu kommen. „Nun los Minna“, rief der Bürgermeister, dem das Tier auch gehörte, „hinauf mit dir.“

Doch so viel er auch drücke und schob, die Kuh wollte einfach nicht. Schließlich warf man einen dicken Strick über die Mauer, band die Kuh an dem einen Ende fest, schickte einen ganzen Tross Männer auf die andere Seite und begann kräftig zu ziehen.

Minna muhte kurz auf, für die Männer ein Zeichen, dass sie nun doch Appetit auf Gras und Kräuter bekommen habe, zog noch ein wenig kräftiger – doch Minna fraß einfach nicht.

Als man sie nach einer ganzen Weile wieder zu Boden sinken ließ, war die arme Kuh tot – und das Gras noch immer an Ort und Stelle.

Nun aber feierten die Schildbürger ein Fest, bei dem sie siegessicher feststellten, dass sie noch immer nicht dumm genug seien. Denn nur ihr Scharfsinn habe den Tot der Kuh verursacht, waren sich die Schildbürger einig. Hätte nämlich der Bürgermeister nicht das Gras auf der Mauer bemerkt und erkannt, dass man es zum Nutzen der ganzen Stadt verwerten könne, so würde die Kuh Minna noch leben und nicht als „Kalbsschnitzel“ auf dem Teller liegen.