LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Seelenlos

Es war einmal ein Menschenfresser, der verspeiste nichts lieber als junge Mädchen. Und er war so gewaltig und gefürchtet im Land, dass niemand es wagte, ihn zu bekämpfen, um ihm diesen Appetit zu vertreiben. Vielmehr musste ihm, sobald er ein Mägdelein verspeist hatte, ein anderes geliefert werden. Um bei der Wahl unparteiisch zu verfahren, mussten alle Mädchen des Landes bis zum Alter von achtzehn Jahren das Los ziehen, ohne Rücksicht auf Rang und Stand ihrer Eltern. Denn Seelenlos, so war der Name des Menschenfressers, sagte stets, er liebe neben Mädchenfleisch vor allem die Gleichberechtigung.

Nun geschah es, dass eines Tages wieder das Los gezogen wurde, und dass es die Tochter des Königs traf. Zwar suchte der König durch Anerbieten vieler Schätze das Los von seiner Tochter abzuwenden, aber Seelenlos sprach: "Nein! Was einem recht ist, ist dem anderen billig. Mir ist es recht, dass das Los die Königstochter getroffen hat, denn ich habe noch nie eine Prinzessin gegessen. Ich bin sicher, dass ihr Fleisch zart und gut ist. Und deshalb muss der König es gut heißen, dass ich ihn seiner Schätze nicht berauben werde. Vielmehr will ich mich ehrlich nach meinem Grundsatz der Gleichberechtigung mit Fleisch von seinem Fleische begnügen."

Da aber die Königstochter nicht gleich ausgeliefert werden musste, ließ der König bekannt machen: Wer seine Tochter von dem schrecklich drohenden Los erlöse, solle diese zur Gemahlin und das halbe Reich als Mitgift erhalten. Allein es meldete sich niemand, denn mit Leuten, welche Seelenlos heißen oder sind, ist schlecht umzugehen. Und niemand mag sich mit ihnen befassen, auch wenn sie noch etwas anderes als Menschenfresser wären.

Da hörte ein junger Soldat von des Königs Aufruf und dachte sich: "Hhm, mir ist im Dienst schon viel Seelenloses vorgekommen, und mir ist dafür so viel Herzhaftigkeit eingebläut worden, dass ich's wohl mit Herrn Seelenlos aufnehmen kann. Er ging also zum König und bat sich die Gnade aus, sein Leben für sich und die Prinzessin zu wagen. Darauf gab ihm der König ein schönes Handgeld und schenkte ihm ein scharfes Vorlegemesser, um den Menschenfresser damit in Stücke zu schneiden.

Der mutige Soldat machte sich auf den Weg und kam über einen Anger. Darauf lag ein toter Esel und streckte alle vier Beine von sich. Und um den Esel herum saßen ein Löwe, ein Bär und ein Adler. Auf der Nase aber saß eine große blaue Schmeißfliege. Jedes Tier wollte seinen Teil vom Esel haben, und alle vier konnten sich, wie das so häufig bei Teilungen der Fall ist, nicht einigen. Sie riefen den Soldaten an, das Teilungsgeschäft vorzunehmen. Vorausgesetzt, dass er sich nicht selbst am Esel beteiligen wolle, denn für diesen Fall würden sie alle vier über ihn herfallen.

"Nein!", sagte der Soldat. "Ich will nichts mit lebendigen Eseln zu schaffen haben, geschweige denn mit toten! Aber teilen will ich nach Recht und Überzeugung und nach dem schönen Spruch ‚Jedem das Seine'." Er zog sein Vorlegemesser, strich es hübsch auf seinem Säbelriemen ab und fing an, den Esel nach Herzenslust zu zerteilen.

"Dir, dem Löwen", sprach der einsichtsvolle Soldat, "gebührt vor allem der Löwenanteil. Der Eselskopf, mit dem schönen Gehirn, weil du selbst der Tiere Haupt und König bist. Dann die breite, kräftige Eselsbrust, die stets so stolz einherging, nebst einem Rückenstück und zwei Schinken.

Dir, dem beherzten heißblütigen Adler, dem König der Vögel, gebührt des Esels Herz samt allem edlen Eingeweide. Die starke Lunge, Leber, Nieren und ein Schinken, sowie vom Fleisch ein Rückenstück und ein Lendenbraten.

Dir, Meister Petz, kühner Nordlandrecke, großer Brummer und in nördlichen Gegenden auch ein König der Tiere, gebührt das dritte Rückenstück, der zweite Lendenbraten, der vierte Schinken, und was du sonst noch magst.

Und dir endlich, blau angelaufene Fliege, kleiner Brummer, gebührt des Esels Schwanz, die Beine und alles, was die drei Andern nicht mögen, und was sie in Gnaden übrig lassen. Du wirst dich damit um so freudiger begnügen, da du ja viel zu fein bist, schnödes Eselsfleisch zu essen. Vielmehr sättigest du dich vom Tau und Duft der Blumen, und nur für deine Eier und künftige Larvenbrut bedarfst du ein wenig faulen Fleisches."

Die vier Tiere waren mit dieser Teilung außerordentlich zufrieden und zollten dem klugen Soldaten ihren Dank. Die Brummfliege setzte sich ihm auf die Hand, küsste diese mit Rüssel und After zugleich und sprach: "So oft du diese Stelle mit deinem Finger berührst, kannst du deine grobe Menschengestalt in eine schöne, zarte, bewundernswerte Brummfliege verwandeln, mit reizendem Musiktalent begabt, so wie ich."

Der Adler zog sich mit seinem Schnabel eine Schwungfeder aus dem rechten Flügel, reichte sie dem Soldaten und sagte: "Mit dieser Feder kannst du dich, wenn du sie drehst, in einen Adler verwandeln und als solcher große Dinge tun. Auch kannst du sie zu einer Schreibfeder schneiden. Und was du mit ihr verbriefst oder verbriefen lässt, das hält und dauert drei Tage länger als die aschgraue Ewigkeit."

"Braver Mensch", sprach der Löwe, "ich muss dir eine Pfote geben, das wird dich stark und mächtig machen in der Welt!" Und der Bär sprach: "Edelster der Edlen! Komm an mein Herz, ich muss dich umarmen und dir einen Kuss geben!" Aber der Soldat entgegnete: "Ich danke euch zwei beiden sehr! Ihr seid gar zu gütig, aber ich habe schon genug!" Denn er fürchtete die scharfen Klauen der Löwentatze, so wie die Umarmung des Bären und die Nähe von seinen Zähnen.

Der Soldat drehte schnell die Feder, wurde zum Adler und erhob sich rasch in die Lüfte. Von dort hielt er Ausschau nach dem Haus von Herrn Seelenlos, das er mit seinem Adlerblick auch sehr bald entdeckte. Das war schon ein großer Gewinn für den braven Soldaten. Doch musste er nun auf Mittel sinnen, wie dem Seelenlos beizukommen war. Denn mittlerweile war die Königstochter ausgeliefert worden und Seelenlos hielt sie noch eine Zeitlang gefangen.

Nun verwandelte sich der Soldat wieder in einen Menschen und drückte mit dem Finger auf die Stelle an seiner Hand, wo die Fliege ihn geküsst hatte. Dann verwandelte er sich in eine solche und schlüpfte durch das Fenster in die Kammer, wo die Königstochter gefangen war. Dort verwandelte er sich in seine menschliche Gestalt und teilte der Prinzessin seine Absicht mit, sie zu erlösen. Nur möge sie ihm sagen, auf welche Weise er dies tun könne, sei es doch eine große Kunst, jemanden zu entseelen, der bereits Seelenlos ist. Jedenfalls müsse sich die Seele von Herrn Seelenlos doch irgendwo befinden, und dieses Wo müsse ausfindig gemacht werden. Die Königstochter war sehr erfreut über das Vorhaben des tapferen Soldaten und gab ihm den Rat, Erkundigungen einzuziehen. Hierauf nahm der Soldat seine Verwandlung wieder vor und entfernte sich.

Zu der Königstochter aber kam Seelenlos, der Menschenfresser, und brachte ihr vorzügliche Speisen und Getränke. Er wünschte, dass sie sich gut nähre, bis er die Zeit gekommen sehe, sie zu verspeisen. Sie fragte ihn gleich, wo denn seine Seele sei. Er aber antwortete ihr: "Dir das zu sagen, werde ich wohl bleiben lassen, denn wenn ich schon Seelenlos bin, so bin ich doch nicht hirnlos. Und es könnte mir, wenn nicht an der Seele, so doch am Leibe schaden, wenn ich mein größtes Geheimnis einem schwatzhaften Weibe anvertrauen wollte." Aber die Königstochter ließ mit Bitten nicht nach, bis Seelenlos ihr sein Geheimnis anvertraute und ihr sagte, seine Seele sei in einer kleinen goldenen Truhe verschlossen. Diese Truhe stehe auf einem gläsernen Felsen, und der Felsen stehe mitten im Roten Meer. Ein böser Zauberer habe das alles angerichtet, ihn seelenlos und zum Fresser von Mädchenfleisch gemacht. Er könne nichts dafür. Wenn er aber seine Seele wiederbekomme, so werde er die jungen Mädchen nicht mehr zum Fressen gern haben, sondern sie mit bescheidenen Augen ansehen.

Das alles sagte die gefangene Königstochter dem Soldaten, als dieser sie abermals besuchte. Daraufhin verwandelte sich der Soldat in einen Adler und flog zum Schloss der vier Winde. Die waren ausgeflogen, aber ihre Mutter war zu Hause. Er bat letztere um Herberge in ihrem luftigen Palast und erzählte seine Geschichte. Die Windmutter war gleich bereit, ihm durch ihre Söhne Beistand zu leisten. Gegen Abend kamen der Südwind und der Ostwind nach Hause. Die Windmutter stellte dem tapferen Soldaten diese beiden vor. Und sie beschenkte den Soldaten mit einem Wünschelflughütchen, das ihm die Kraft verlieh, so schnell wie der Wind zu fliegen.

Am anderen Morgen, als die Winde ausgeruht waren, erhoben sie sich aufs Neue. Der Soldat flog aber in Adlergestalt mit ihnen, ebenso rasch wie sie, und kam an die Küste des Roten Meeres. Unterwegs hatte er den Winden erzählt, was er wünschte, und die Winde fuhren nicht über das Meer, damit es ruhig blieb. Dann geboten sie den Fischen, das Kästchen zu suchen, in dem sich die Seele des Herrn Seelenlos befand. Das taten die Fische auch, und sie fanden wohl den gläsernen Felsen, darauf die kleine Truhe stand. Sie konnten aber nicht hinauf.

Endlich kam ein Weißling, schnellte sich in die Höhe, ergatterte die Truhe mit einem Satz und brachte sie dem Adler. Dieser schlug mächtig mit seinen Schwingen, wackelte mit dem Schwanz und tanzte vor Freude. Darüber mussten die Winde sehr lachen, denn sie hatten noch keinen Adler solche Sprünge machen sehen. Der Adler dankte erst den Winden, dann dem Weißling und flog, immer noch das Wünschelflughütlein auf dem Kopfe, in die Heimat zurück.

Dort angekommen machte der Soldat sich geradewegs zum Schloss von Herrn Seelenlos auf, wo er sich wieder in einen Menschen verwandelte. Er meldete sich als Handelsmann aus dem Morgenland an, der etwas Kostbares anzubieten hat. Seelenlos war sehr ungehalten über den unerwarteten Besuch. Er ließ den Angemeldeten nur deshalb eintreten, um ihn mit Grobheiten zu überschütten. Seelenlos fuhr ihn auch bald trotzig an, denn ein Mensch ohne Seele kann nicht anders sein als ungeschliffen und patzig. Der verkleidete Soldat machte sich aber nichts aus dem grimmigen Gesicht und dem Anschnauzen von Herrn Seelenlos. Vielmehr war er um so höflicher, je gröber dieser wurde, denn Seelenlos führte sich so auf, als wolle er den ungebetenen Gast gleich mit verspeisen.

"Ich habe einen Schatz, der für euer Gnaden von unschätzbarem Werte ist", sprach der Fremde, "und biete denselben zum Tausche an." "Wird ein rechter Bettel sein, dein Schatz!", murrte Seelenlos. "Was kann so ein Lump mir bieten? Bildet er sich ein, ich könne Ihn nicht mit barem Geld bezahlen, dass er sich erdreistet, vom Tausch zu reden? Was hätte ich, das Ihm so wertvoll erscheint? Gleich will ich's wissen!" "Euer Gnaden!", antwortete der Fremde. "Ihr haltet ein Juwel in Verwahrung, die schöne Königstochter. Und der Bettel, wie ihr sagt, den ich anzubieten wage, ist eure gnädige Seele." "Meine Seele!", rief Seelenlos blass vor Erstaunen. "Meine Seele hast du? Bei meiner armen, mir abhanden gekommenen Seele schwöre ich, dass du, wenn ich hundert Königstöchter gefangen hielte, alle hundert bekommen solltest, wenn ich nur meine Seele wieder hätte."

"Ich gebe mich mit der einen zufrieden", erwiderte der Handelsmann, "hundert dürften mir zu viele werden. Aber schließen wir den Vertrag mit Brief und Siegel ab!" Mit diesen Worten zog der Soldat ein Blatt Papier hervor, darauf schon alles kurz und bündig stand. Er reichte Seelenlos die Adlerfeder zur Unterzeichnung, was Seelenlos auch tat.

Dann ließ Seelenlos seine schöne Gefangene auf der Stelle herbeiführen. Sie war hoch erfreut, den Soldaten bei dem Menschenfresser zu finden. Die Königstochter hatte ja geglaubt, sie solle in die Küche geführt und dort abgeschlachtet werden, wie eine arme Taube.

Der Soldat hatte sich bereits auf ein Sofa niedersetzen dürfen, da die Nähe seiner Seele schon begann, Seelenlos menschlicher zu stimmen. Jetzt nahm der Soldat die kleine goldene Truhe aus seiner Tasche, die mit einer Schraube verschlossen war, und gab sie in die Hand von Seelenlos. Dieser öffnete geschwind die Schraube, hielt die Öffnung an seinen Mund und sog mit Wohlgefühl seine Seele in sich ein. Da war mit einem Male der schlimme Zauber gelöst.

Die Königstochter war nicht mehr gefangen, und Seelenlos war nicht mehr seelenlos, sondern vielmehr ganz selig. Er umarmte den Soldaten unter einem Strom von Freudentränen und hätte gern auch die Königstochter umarmt. Aber eine ehrfurchtvolle Scheu hielt ihn davon ab. Der beste Beweis, dass er wieder eine Seele gewonnen hatte, doch bat er beide um ihre Freundschaft.

Hierauf zog der Soldat mit der Königstochter davon, ward vom König in den Prinzenstand erhoben und heiratete die junge Prinzessin. Und der gewesene Seelenlos verspeiste keine jungen Mädchen mehr und ward vielmehr der freundlichste Mensch auf der ganzen Welt.

Dieses Märchen von Ludwig Bechstein (1801-1860) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Ludwig Richter (1803-1884) hergestellt.

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