LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Die Reise zum Vogel Greif

[von Josef Haltrich]

Es war einmal ein reicher Graf, der reiste für sein Leben gerne in der Welt umher. Dabei musste sein Lieblingsdiener ihn stets begleiten, der schon sieben Jahre treu und fleißig Dienste tat. Einmal aber, als sie wieder fern der Heimat waren, ließ sich der Diener ein Versehen zuschulden kommen. Darüber geriet der Graf in einen solchen Zorn, dass er den Burschen nicht mehr sehen wollte. Er schickte ihn heim, gab ihm aber noch einen Brief an seine Frau mit. Darin stand, sie solle den Diener in den Turm sperren und ihm den Kopf abschlagen lassen, sobald er auf der Burg eintreffe. Der Bursche wusste nicht, was in dem Briefe stand, und er war sehr traurig, weil der Graf plötzlich so böse und ungnädig zu ihm war. Er konnte sich auch schon denken, dass in dem Brief wohl nicht viel Gutes stehen werde.

Als der Bursche nur noch eine Tagereise vom Schloss des Grafen entfernt war, blieb er in einem Wirtshaus über Nacht. Weil er nach dem Abendessen aber so schweigsam und niedergeschlagen dasaß, fragte der Wirt, was ihn so. Da erzählte er, was sich zugetragen hatte, und zeigte ihm auch den Brief des Grafen. Der Wirt war ein pfiffiger Mann und. sagte: "Wenn ich in deinen Schuhen steckte, würde ich den Brief nicht abgeben, bevor ich nicht wüsste, was darin steht." Der Bursche, der immer ein treuer Diener gewesen war, wollte nichts davon hören. Der Wirt redete aber auf ihn bis er den Brief zuletzt doch noch aufbrach. Er las den Brief und wurde totenbleich. Da nahm der Wirt ihn an sich und las ihn Wort für Wort. "Hab' ich doch gleich richtig geahnt!" sagte er. "Dein Herr will dich einen Kopf kürzer machen lassen. Das wäre doch schade, aber sei nur ohne Sorge! Hat der Graf so Übles mit dir im Sinn, so wollen wir ihm einen Streich spielen. Lass mich nur machen."

Darauf holte der Wirt einen Federkiel, Tinte und Papier. Er machte die Handschrift des Grafen bis aufs Tüpfelchen genau nach und schrieb an die Gräfin, sie solle den treuen Diener sogleich mit ihrer Tochter verheiraten. Dem Diener schien dieser Plan zwar gefährlich, aber je mehr er darüber nachdachte, desto vergnügter wurde er. Und am anderen Morgen konnte er nicht früh genug aufbrechen, um zur Gräfin zu kommen.

Die Gräfin las den Brief und tat sogleich, wie ihr Mann befohlen hatte. Denn sie wusste, dass ihr Mann ein strenger Herr war, der keine Widerrede duldete. Wäre dem nicht so gewesen, hätte sie schon Einwende erhoben, dass man die einzige Tochter doch nicht mit einem armen Diener verheiraten dürfe. Die Tochter war mit dem Wunsch ihres Vaters aber wohl zufrieden, denn sie mochte den Burschen schon immer gerne. Und so wurde sie noch an selben Tag die Frau des Dieners.

Nach einiger Zeit kam der Graf zurück und erfuhr, was seine Frau angerichtet hatte. Vor Ärger und Zorn hätte er sich am liebsten alle Haare ausgerissen und sein Weib aus dem Hause gejagt oder in den Turm geworfen. Doch die Schrift des Briefes schien so täuschend echt, dass er gestehen musste: "Fürwahr, diesen Brief hätte ich selber für echt gehalten, wenn ich es nicht besser wüsste!" Und darum machte er seiner Frau keine weiteren Vorwürfe. Der Diener aber, der nun sein Schwiegersohn war, war ihm von Stund an noch mehr verhasst.

Vor den Leuten und besonders vor seiner Tochter, die sehr glücklich war, tat der Graf zwar so, als ob er mit der Heirat einverstanden wäre. In Wahrheit trachtete er aber danach, seinen Schwiegersohn aus dem Weg zu räumen. Der Graf sagte zu ihm: "Ich will mit eurer Ehe einverstanden sein, wenn du mir eine Feder aus dem Schwanz des Vogels Greif verschaffst." - "Und für mich", sagte die Gräfin, "sollst du den Vogel Greif fragen, wo mein Trauring geblieben ist. Ich kann ihn nicht mehr finden." Das wolle er gerne tun, antwortete der Schwiegersohn, nahm Abschied von seiner jungen Frau und machte sich auf den Weg.

Vom Turmfenster aus sah der Graf ihn fortziehen und freute sich diebisch. Vogel Greif würde den verhassten Schwiegersohn schon bei Zeiten zerreißen und auffressen.

Der war nun schon eine gute Wegstrecke gewandert und kam zu einem Dorf. Die Leute fragten, wohin er wolle. Und als er es ihnen sagte, baten sie ihn: "Oh, frage doch den Vogel Greif, warum unser Dorfbrunnen gar nicht mehr laufen will." "Das will ich gerne tun", sagte der Schwiegersohn und ging weiter.

Nachdem er wieder eine ordentliche Strecke gewandert war, kam er an einen breiten Fluss. Es führte aber keine Brücke hinüber. Am Ufer stand ein Mann, der seit undenklichen Zeiten jeden hinübertragen musste, der des Weges kam. Der Mann nahm sogleich den jungen Burschen auf die Schulter, trug ihn über den Fluss und fragte dann, wohin es denn gehe. "Zum Vogel Greif!", antwortete er. "Oh, dann vergiss nicht zu fragen, wie lange ich noch hier die Menschen tragen muss, und wann ich endlich abgelöst werde." "Ich werde ihn fragen", antwortete er und ging weiter.

Unser junger Bursche war schon durch allerlei Länder gezogen, als er endlich an eine Hütte kam, wo ein uraltes Mütterchen wohnte. Er fragte nach, ob hier vielleicht der Vogel Greif wohne. "Ja, so ist es", sprach die Alte. "Er ist aber ausgeflogen, und das ist dein Glück, sonst würde er dich in Stücke reißen und auffressen. Siehe zu, dass du weiter kommst!" Der Bursche ließ sich aber nicht so rasch einschüchtern und erzählte, was er den Vogel Greif alles fragen müsse. Er sagte auch, dass der Graf eine schöne Schwanzfeder haben wolle. Da versprach das Mütterchen, ihm beizustehen und ihm zu helfen. Sie versteckte ihn unter dem Bett und sagte: "So, nun rühre dicht nicht und halte die Ohren steif!"

Bald darauf kam der Vogel Greif nach Hause. Kaum hatte er das Zimmer betreten, rief er: "Ich wittere Menschenfleisch! Belüg mich nicht!" "Beruhige dich", sagte das Mütterchen. "Ein junger Bursche ist hier gewesen. Der hatte allerlei Fragen, die du ihm ja doch nicht beantworten könntest." "Ha, das wäre ja gelacht!", rief der Vogel Greif. "Was wollte der Bursche denn wissen?" "Ach", antwortete das Mütterchen, "eine Frau Gräfin lässt dich fragen, wo ihr Brautring geblieben sei. Sie kann ihn nicht finden und meint, du wüsstest es." "Da hat sie wohl recht", sagte der Vogel Greif. "Die dumme Frau muss nur die Türschwelle aufbrechen lassen, so würde sie den Ring auch finden!

Aber was hat er sonst noch wissen wollen?" "Nun ja", überlegte das Mütterchen, "er fragte, warum der Dorfbrunnen schon so lange nicht mehr laufen will? "Das weiß doch jeder", sagte der Vogel Greif. "Die dummen Dorfbewohner müssen nur den Frosch fangen, der die Quelle verstopft, dann würde der Brunnen gleich wieder laufen." "Was du nicht alles weißt!", staunte das Mütterchen.

"Aber weißt du denn auch, warum der Mann am Fluss die Leute übers Wasser tragen muss, und wann er endlich abgelöst wird?" "Oh, dieser Narr!", rief der Vogel Greif. "Er soll doch den ersten besten, den er hinüberträgt, ins Wasser werfen und sagen: ,Jetzt nimm du meinen Platz ein!', dann ist er frei.

War das schon alles, mein kleines Erdwürmchen?" "Oh nein", erwiderte das Mütterchen, "der Bursche wollte für einen Grafen etwas von dir geschenkt haben. Das war aber gar zu dumm, und ich mag es gar nicht sagen." "Sag's nur!", rief der Vogel Greif, "Das möchte ich jetzt wissen." "Gibst du es mir, wenn ich es sage?", fragte das Mütterchen. "Ei, warum nicht? Heraus mit der Sprache!" "Denk dir nur, er wollte eine von deinen Schwanzfedern!" Da machte der Vogel Greif ein grimmiges Gesicht. Weil er es aber versprochen hatte, riss er sich eine Feder aus und gab sie dem Mütterchen. Darauf legte er sich nieder und schlief ein.

Am anderen Morgen, als der Vogel Greif ausgeflogen war, holte das alte Mütterchen den Burschen unter dem Bett hervor und fragte ihn, ob er alles verstanden habe? "Natürlich, liebes Mütterchen", sagte er, "kein Wort ist mir entgangen." "Dann ist es ja gut", sagte das Mütterchen und gab ihm zum Abschied die Feder, die sich der Vogel Greif ausgerupft hatte. Da bedankte sich der Bursche vielmals und trat vergnügt die Rückreise an.

Als er an den Fluss kam, fragte ihn der Mann, was der Vogel Greif gesagt habe. "Trag mich nur erst hinüber", antwortete der Bursche, "dann will ich es dir sagen." Als sie dann am andern Ufer waren, sagte der Bursche: "Wenn wieder jemand kommt, den du tragen musst, wirf ihn einfach ins Wasser und sage: ,Jetzt nimmst du meinen Platz ein!' Dann bist du frei und für alle Zeiten abgelöst." "Das hätte ich eher wissen sollen", brummte der Alte und tappte wieder durch das Wasser zurück.

Der Bursche aber ging tapfer weiter und kam bald in das Dorf, wo die Bauern schon auf ihn warteten. Er verriet ihnen, was er vom Vogel Greif erfahren hatte, und siehe, als sie den Frosch aus dem Brunnen geholt hatten, sprudelte das Wasser wieder reichlich. Da waren die Leute froh und schenkten ihm dreihundert Gulden für seine Mühe.

Nach vielen Wochen kam er endlich wieder zur Burg des Grafen. "Wo ist mein Trauring?", fragte sogleich die Gräfin, die ihn neugierig am Tor erwartete. "Unter der Schwelle hier", gab er zur Antwort. Da musste sogleich ein Zimmermann kommen und die Schwelle aufbrechen. Und wahrhaftig, da lag der Ring. Zum Grafen aber sagte der Bursche: "Der Vogel Greif lässt euch freundlich grüßen und schickt euch eine seiner goldenen Federn. Und er lässt euch sagen, wenn ihr selber zu ihm kommt, so wird er euch wie königlich beschenken." Als der Graf diese Kunde vernahm, wollte er keine einzige Stunde verlieren und trat sogleich die Reise zum Vogel Greif an.

Er kam glücklich bis an den Fluss, wo keine Brücke war. Der alte Mann am Ufer fragte ihn, ob er ihn hinübertragen solle. "Ja, das ist mir recht", sagte der Graf "ich habe es eilig, denn ich gehe meinem Glück entgegen! Wenn ich wiederkomme, wirst du mich nicht mehr tragen müssen!" "Das will ich gerne glauben", sagte der alte Mann, nahm den Grafen auf den Rücken, und trug ihn bis zur Mitte des Flusses. Dann warf er den Grafen "Plumps" ins Wasser und sagte: "Jetzt nimm du meinen Platz ein!" Der alte Mann schüttelte sich vor Lachen und ging vor. Da musste der Graf nun bleiben und die Leute durch den Fluss tragen. Und wenn ihn keiner abgelöst hat, so tut er es noch heute.

Dieses Volksmärchen von Josef Haltrich (1822-1886) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt.

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