LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ein Gespräch mit großen Folgen

Um exakt 11 Uhr 30 Minuten verließ Phileas Fogg sein Haus. Er hatte es genau abgezählt; 575 Mal musste er den rechten Fuß vor den linken und 576 Mal den linken Fuß vor den rechten setzen. Dann stand er direkt vor dem beeindruckenden Gebäude des Reform Clubs in der Pall Mall.

Ohne zu zögern ging er in den Speisesaal, um sich an seinem reservierten, bereits gedeckten Tisch nieder zu lassen. Als er um 12:47 sein Essen beendet hatte, begab er sich hinüber in den großen Salon, an dessen Wänden prachtvolle Gemälde hingen.

Den ganzen Nachmittag verbrachte er mit Zeitung lesen. Zuerst die "Times" bis 3 Uhr 45 Minuten. Danach den "Standard". Als er beide eingehend studiert hatte, war es Zeit für sein Dinner. Nach dem Abendessen, er war gerade seit einer halben Stunde in die "Morning Cronicle" vertieft, betraten mehrere Club-Mitglieder den großen Saal. Es waren die Whist-Partner von Phileas Fogg, die sich um den brennenden Kamin versammelten.

Das Gesprächsthema, das ganz London beschäftigte, war der Überfall, der sich drei Tage zuvor, am 29. September zugetragen hatte. Ein Mann mit dem Auftreten eines Gentlemans, war in der Schalterhalle der Bank von England aufgefallen.

Doch wie war es möglich eine Summe von 55.000 Pfund einfach zu stehlen? Nun, das Bankhaus brachte seinen Kunden so viel Vertrauen entgegen, dass der Kassierer das Geld einfach auf dem Tresen liegen ließ, um sich einer Einzahlung über drei Schilling und sechs Pence zu widmen. Als bei Schalterschluss um 5 Uhr das Geld nicht wieder aufgetaucht war, wurde der Diebstahl der Polizei gemeldet.

Detektive wurden in alle wichtigen Hafenstädte der Welt geschickt und eine Belohnung für die Ergreifung von über 2000 Pfund ausgesetzt.

Das Gespräch der Herren verebbte nicht einmal, als sie sich am Whist-Tisch niederließen. Andrew Stuart, ein Ingenieur, saß dem Brauereibesitzer Thomas Flanagan gegenüber und der Bankier Samuel Fallentin gegenüber Phileas Fogg. Gauthier Ralph, der im Direktorium der geschädigten Bank von England war und John Sullivan, ebenfalls Bankier, beobachteten die Partie. Während des Spiels wurde kein Wort gewechselt, aber dazwischen flammte die Diskussion sofort wieder auf.

"Ich möchte behaupten", begann Andrew Stuart, "dass sich der Dieb im Vorteil befindet, zumal es sich um einen schlauen Kopf zu handeln scheint."

"Aber ich bitte Sie!", entgegnete Ralph, "in welches Land könnte er denn noch flüchten!"

"Ich weiß nicht recht", meinte Andrew Stuart, "aber ich finde, die Erde ist ziemlich groß."

"Das war sie früher einmal", warf Phileas Fogg halblaut ein. "Bitte, heben Sie doch ab", setzte er hinzu und breitete seine Karten vor Thomas Flanagan aus. Das Gespräch erstarb, bis das Spiel beendet war.

Doch danach griff Andrew Stuart den letzten Satz wieder auf: "Was meinen Sie mit früher? Sie wollen doch nicht behaupten, dass der Erdball geschrumpft wäre?"

"Mister Fogg hat vollkommen Recht", wendete Gauthier Ralph ein, "die Erde ist kleiner geworden. Für eine Erdumrundung braucht man heute zehnmal weniger Zeit, als vor hundert Jahren. Diese Tatsache wird uns auch bei der Aufspürung des Diebes von Nutzen sein."

Stuart blickte ungläubig: "Zugegeben, sie haben den Schrumpfzustand unserer Erde auf höchst anschauliche Weise beschrieben, Mister Ralph. Wenn man den Erdeball jetzt also in drei Monaten umrunden kann…"

"In achtzig Tagen", warf Phileas Fogg ein.

"Mister Fogg hat Recht, meine Herren", bemerkte John Sullivan, "seit die Great-Indian-Peninsular-Eisenbahngesellschaft die Strecke zwischen Rothal und Allahabad in Betrieb genommen hat, schafft man eine Reise um die Welt tatsächlich in 80 Tagen. Sehen Sie hier: Die "Morning Cronicle" hat dafür einen Fahrplan ausgearbeitet. Er sieht folgende Reiseabschnitte vor:

London-Suez über den Mont Cenis und Brindisi mit Eisenbahn und Postschiff - 7 Tage. Suez-Bombay, Postschiff - 13 Tage. Bombay-Kalkutta, Eisenbahn - 3 Tage. Kalkutta-Hongkong (China), Postschiff - 6 Tage. Hong Kong-Yokohama (Japan), Postschiff - 6 Tage. Yokohama-San Francisco (Amerika), Postschiff - 22 Tage. San Francisco-New York, Eisenbahn - 7 Tage. Und New York-London, Postschiff und Eisenbahn - 9 Tage. Macht zusammen 80 Tage."

"80 Tage!", rief Andrew Stuart und legte eine Trumpfkarte ab. "Wie soll die Rechnung aufgehen, wenn es Unwetter oder Gegenwind gibt, ganz zu Schweigen von Schiffbruch oder Eisenbahnentgleisungen?"

"Ist alles mit einbegriffen!", antwortete Phileas Fogg und spielte weiter, aber diesmal wurde die Diskussion wichtiger, als das Whist-Spiel.

"Und wenn nun Inder oder Indianer die Eisenbahnschienen herausrissen, den Zug anhielten, den Gepäckwagen ausraubten und gar die Reisenden skalpierten, wäre es dann auch in 80 Tagen zu schaffen?" fragte Andrew Stuart.

"Alles eingerechnet", behauptete Phileas Fogg, meldete einen doppelten Trumpf und legte seine Karten auf den Tisch.

"Das müssten Sie erst einmal beweisen!", forderte Mister Stuart.

"Wie sie wollen. Reisen wir also zusammen", entgegnete Phileas Fogg trocken.

"Der Himmel beschütze mich davor!", rief Mister Stuart. "Ich wette 4000 Pfund, dass der Reiseplan undurchführbar ist!"

"Aber ich sage Ihnen doch, er ist durchführbar", wiederholte Mr. Fogg.

"Dann müssen Sie den Beweis erbringen."

Also eine Reise um die Erde in 80 Tagen machen?"

"Ganz Recht", sagte Mr. Stuart.

"Einverstanden!"

"Wann soll es losgehen?", fragte Andrew Stuart.

"Jetzt gleich!"

"Das ist Wahnsinn!", rief Mr. Stuart, der schon leicht zornig war über die Hartnäckigkeit von Phileas Fogg. "Lassen Sie uns lieber weiter spielen." Er griff nervös nach den Karten und sagte plötzlich: "4000 Pfund, Mister Fogg, es bleibt bei meinem Angebot!"

"Die Wette gilt!", erwiderte Mr. Fogg und wendete sich an alle Herren zugleich, "Auf meinem Konto bei den Gebrüdern Baring befinden sich 20 000 Pfund. Es soll mir ein Vergnügen sein, diese Summe zu setzen."

"Aber 20 000 Pfund, die Ihnen durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall verloren gehen können!", schaltete sich John Sullivan ein.

"Unvorhergesehenes gibt es nicht", antwortete Phileas Fogg mit fester Stimme.

"Aber Mister Fogg, diese 80 Tage sind doch nur als Minimum gedacht!"

"Bei richtigem Vorgehen genügt ein Minimum immer."

"Das ist nicht Ihr Ernst."

"Es ist mein voller Ernst", entgegnete Phileas Fogg, "ein Engländer scherzt nicht, wenn es um eine Wette geht. Ich setze 20 000 Pfund gegen jeden, der Lust hat, und behaupte, die Reise um die Erde in 80 oder weniger Tagen, beziehungsweise in 1920 Stunden oder in 115 200 Minuten zurückzulegen. Gilt die Wette?"

"Sie gilt!", antworteten die Herren Stuart, Fallentin, Sullivan, Flanagan und Ralph nach kurzer Beratung.

"Wunderbar um 8 Uhr 45 Minuten geht mein Zug nach Dover."

"Heute Abend?", fragte Andrew Stuart.v

"Heute Abend", antwortete Phileas Fogg. Dann zog er seinen Taschenkalender hervor: "Heute ist Mittwoch, der 2. Oktober. Ich müsste demnach diesen Salon des Reform Club zu London am Samstag, dem 21. Dezember um 8 Uhr 45 Minuten wieder betreten. Falls nicht, sind Sie berechtigt, 20 000 Pfund von meinem Konto abzuheben. Hier ist der Scheck."

Die Herren setzten ein Protokoll auf, das alle sechs unterschrieben. Phileas Fogg blieb ganz ruhig. Ihm ging es nicht um den Gewinn, der übrigens genau die Hälfte seines Vermögens ausmachte. Die andere Hälfte rechnete er als Reisekosten für sein schwieriges, oder sagen wir, nahezu unmögliches Unternehmen ein.

Es schlug 7 Uhr. Man bot Mr. Fogg an, das Whist-Spiel abzubrechen, damit er seine Reisevorbereitungen treffen könne. "Ich bin immer reisefertig", entgegnete unser Gentleman ungerührt, teile die Karten aus und sagte: "Karo ist Trumpf. Sie bieten, Mister Stuart!"





Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.

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