LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Pazifische Ozean

Mrs. Aouda erzählte Passepartout was sich in der Hafeneinfahrt von Schanghai ereignet hatte. Der Kapitän hatte den Dampfer auf den kleinen Schoner zugesteuert und Phileas Fogg war mit seinen Reisebegleitern an Bord gegangen. Zuvor hatte er John Bunsby die 550 Pfund überreicht.

Am 14. November legte das Schiff planmäßig am Vormittag in Yokohama an. Mr. Fogg und Mrs. Aouda waren sofort zur Carnatic gegangen und hatten vor allem zur Freude der jungen Frau festgestellt, dass Passepartout am Tag zuvor in Yokohama eingetroffen war.

Phileas Fogg musste noch am Abend nach San Francisco aufbrechen. So begab er sich augenblicklich auf die Suche nach seinem Diener. Es war der Zufall, der ihn in die Vorstellung des ehrenwerten Batulcar gebracht hatte. Wie es ausgegangen war, wissen wir.

Als Mrs. Aouda einen gewissen Mr. Fix erwähnte, verzog der Franzosen keine Miene. Sogar gegenüber seinem Herrn machte er sich selbst für den Opiumrausch verantwortlich. Es war noch nicht der richtige Augenblick um die ganze Wahrheit zu sagen.

Das Postschiff nach San Francisco hieß "General Grant". Es war ein gewaltiger Raddampfer. Bei einer Geschwindigkeit von zwölf Meilen in der Stunde konnte die Fahrt über den Pazifik kaum länger als 21 Tage dauern. Phileas Fogg durfte also hoffen, am 2. Dezember in San Francisco einzutreffen, am 11. bereits in New York zu sein und am 20., also noch einige Stunden vor Anbruch des bedeutungsvollen 21. Dezember, nach London zurückzukehren.

Die Überfahrt verlief ohne Zwischenfall. Der Pazifische oder auch Stille Ozean genannt, hielt, was sein Name versprach. Genauso ruhig war Mr. Fogg, wie eh und je. Seine junge Reisegefährtin dagegen hegte Gefühle, die inzwischen weit über bloße Dankbarkeit hinausgingen. Aber dies bemerkte der unterkühlte Fogg nicht.

Mrs. Aouda nahm, wie Passepartout, immer mehr Anteil an Phileas Foggs Reiseplänen. Immer mehr erregte sie sich über Zwischenfälle, die den Erfolg der Reise behinderten.

Nach neun Tagen hatte die kleine Reisegesellschaft eine Strecke zurückgelegt, die genau dem halben Erdumfang entsprach. Am 23. November passierte die General Grant den 180. Längengrad. Von den 80 geplanten Tagen waren zwar bereits 52 verbraucht, aber es waren immerhin schon zwei Drittel der Strecke vollbracht. Denn Mr. Foggs Reiseroute glich bisher einem Zickzackkurs. Ab San Francisco würde er eine mehr oder wenige glatte Strecke entlang des 50., also des Londoner Breitengrades vor sich haben.

Besagter 23. November brachte für unseren dickköpfigen Franzosen noch eine Überraschung. Sein Familienerbstück stimmte plötzlich wieder mit der Schiffsuhrzeit überein, und das, obwohl er kein bisschen an ihm herumgestellt hatte! Was wohl dieser Fix dazu sagen würde? Aber der Kerl war ja nicht da, Gott sei Dank.

Passepartout ließ sich darüber aus, was für einen Unsinn der Detektiv ihm über den Sonnenstand erzählt hatte, und dass er seine Uhr immer nachstellen müsse. "Ich wusste genau, dass sich die Sonne eines Tages besinnen und wieder nach meiner Uhr richten werde."

Doch da unterlag er einem groben Denkfehler. Seine Uhr zeigte wohl 9 Uhr, allerdings war dies abends. Die Uhr an Bord zeigte 9 Uhr Morgens an. Diese Abweichung von 12 Stunden entsprach genau der Zeitdifferenz zwischen London und dem 180. Längengrad.

Fix wäre in der Lage gewesen, dieses Phänomen zu erklären, aber Passepartout hätte es nicht begriffen oder richtiger, nicht begreifen wollen. Aber wo befand sich dieser Mr. Fix eigentlich? Nun, er war nirgendwo anders als an Bord der General Grant!

In Yokohama war er sofort zum britischen Konsulat geeilt. Der Haftbefehl für Phileas Fogg war da! Doch sie befanden sich nicht mehr auf britischem Territorium. Dem Detektiv blieb nichts anderes übrig, als sich eine Fahrkarte für die General Grant zu buchen. Natürlich war er sehr überrascht, als er in diesem japanischen Clown denn Franzosen erkannte. Also versteckte er sich in seiner Kabine.

Als er sich endlich hinauswagte, hoffte er, in der Menge von seinem Gegner nicht erkannt zu werden. Und da passierte es: An diesem 23. November standen sich Passepartout und Fix plötzlich auf dem Vordeck Auge in Auge gegenüber.

Der Franzose sprang dem Detektiv ohne jede Warnung an die Kehle und boxte auf ihn ein. Als Passepartout seine erste Wut ausgelassen hatte, fragte Fix, der übel zugerichtet war: "Fertig?"

"Ja, wenigstens im Augenblick."

"Dann kommen sie mit. Ich muss mit Ihnen sprechen."

"Ich pfeife darauf…"

Es geht um Ihren Herrn."

Sie setzten sich in eine Ecke des Vorschiffs. "Bisher", begann Fix, "habe ich alles versucht um Ihren Herrn aufzuhalten. Doch jetzt befindet er sich nicht mehr auf britischem Gebiet. Von nun an werde ich alles tun um ihm alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Offensichtlich reist er zurück nach London. Erst dort werden Sie erfahren, ob sie einem Schurken oder einem Ehrenmann dienen."

Passepartout hatte aufmerksam zugehört.

"Sind wir also wieder Freunde?", fragte Fix.

"Freunde? Nein, Verbündete, das reicht. Jedoch beim geringsten Anzeichen von Verrat drehe ich Ihnen den Hals um."

Am 3. Dezember glitt die General Grant durch die Golden-Gate-Bucht in den Hafen von San Francisco hinein. Mr. Foggs Reiseplan stimmte immer noch: Er hatte keinen Tag gewonnen und keinen verloren.





Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.

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