LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 12

Dr. Sewards Tagebuch
18. September. Ich eilte nach Hilligham und klopfte leise, um Lucy und ihre Mutter nicht zu stören. Als niemand öffnete, läutete ich so rücksichtsvoll wie nötig, aber die faulen Dienstboten schien das nicht zu stören. Niemand antwortete und niemand öffnete die Tür. Mich packte eine Wut auf die faule Dienerschaft und ich klopfte und läutete energischer. Als wiederum nichts geschah, beschlich mich eine unsägliche Furcht und die Totenstille des Hauses schien sich auf meiner Brust niederzulassen. War etwas geschehen? War ich zu spät? Jede Minute zählte nun und ich lief um das Haus herum, um eine Möglichkeit zu finden, hineinzukommen. Aber jede Tür und jedes Fenster war fest verschlossen, so dass ich unverrichteter Dinge wieder zum Eingang zurückkehrte. Dort traf ich Van Helsing. Auch er war außer Atem und rief keuchend: "Haben Sie denn mein Telegramm nicht erhalten? Sind Sie eben erst gekommen? Geht es ihr gut? Sind wir zu spät?"

So rasch und deutlich ich konnte, erklärte ich ihm, dass ich das Telegramm erst heute Morgen erhalten hatte und just in diesem Moment angekommen war. Van Helsing nahm den Hut ab. "Ich fürchte, wir sind zu spät. Gott sein Ihnen gnädig. Kommen Sie John, wir müssen hinein. Zeit bedeutet für uns jetzt alles."

Wir eilten zurück auf die Hinterseite des Hauses und nahmen uns das Küchenfenster vor. Mit einer Knochensäge durchtrennten wir die Gitter und öffneten mit einem langen spitzen Messer den Riegel des Fensters. Wir stiegen in das Haus ein. In der Küche und den danebenliegenden Dienstbotenzimmern war niemand zu sehen. Im Speisezimmer fanden wir vier Dienstmädchen auf dem Boden liegend. Tot waren sie nicht. Wir konnten ihren Atem hören und rochen Betäubungsmittel. Van Helsing und ich warfen uns nur einen Blick zu und waren uns einig. Diesen Mädchen konnte später geholfen werden. Jetzt mussten wir erst Lucy finden. Wir liefen zu Lucys Zimmer und blieben an der Tür einige Augenblicke zögernd stehen. Mit zitternden Händen öffnete Van Helsing schließlich die Tür.

Uns bot sich ein unbeschreiblich trauriger und entsetzlicher Anblick. Auf dem Bett lagen zwei Frauen. Die eine war mit einem Laken bedeckt, dass durch den Windhauch vom Fenster weg geweht war und ihr Gesicht freigab. Es war Lucys Mutter. Auf ihrem Gesicht lag der Ausdruck tiefsten Entsetzens. Die zweite Frau war Lucy. Ihr Gesicht war totenblass. Die Wunden an ihrem Hals wirkten zerfetzt und blutleer. Die Blüten, die für Lucys Schutz gedacht waren, lagen auf der Leiche der Mutter. Van Helsing beugte sich über Lucy. Er zeigte Erstaunen und rief: "Rasch! Den Brandy. Vielleicht sind wir noch nicht zu spät!"

Ich holte den Brandy aus dem Speisezimmer, nicht ohne zu kontrollieren, ob er frei von Betäubungsmitteln war. Wir rieben Lucy, wie früher auch schon, mit dem Brandy ab. "Mehr können wir im Moment nicht tun." Van Helsing richtete sich auf. "Gehen Sie und wecken Sie die Mädchen. Waschen Sie ihnen das Gesicht mit kaltem Wasser ab, aber nicht zu vorsichtig. Die Mädchen sollen gleich einheizen und ein warmes Bad herrichten. Wir müssen Lucy erst erwärmen, bevor wir etwas anderes tun können. Sie ist fast so kalt wie ihre tote Mutter."

Drei der vier Mädchen konnte ich wecken, das vierte, ein besonders junges Ding, legte ich auf das Sofa und ließ es schlafen. Die anderen waren zunächst verwirrt und dann völlig aufgelöst. Sie schrieen und weinten, bis ich recht streng mit ihnen wurde und sie an die Arbeit schickte. Unter Weinen und Klagen gingen sie an die Arbeit, entfachten das Feuer und richteten ein heißes Bad für Lucy. Wir legten Lucy in das heiße Wasser und rieben eifrig ihre Glieder. Unterdessen klopfte es nachdrücklich an der Haustür. Eines der Mädchen erschien und teilte uns mit, dass ein Herr da sei, der eine Nachricht von Herrn Holmwood ausrichten wolle. Wir ließen bestellen, dass wir jetzt keine Zeit hätten und dass er bitten warten solle. Das Mädchen nickte und verschwand.

Wir vertieften uns wieder in unsere Arbeit und ich hatte Van Helsing noch nie mit einem solchen Ernst arbeiten sehen. Es war eine Sache auf Leben und Tod, das war mir klar. Van Helsing murmelte: "Wenn es damit getan wäre, würde ich dich ja gehen lassen, Mädchen. Aber ich sehe einfach kein Licht am Horizont." Ich verstand diese Worte nicht, bemerkte aber, dass die Wärme einen günstigen Einfluss auf Lucy hatte. Wir konnten ihr Herz durch das Stethoskop schlagen hören und sie atmete wieder. Van Helsing rief erleichtert: "Das hätten wir für's Erste!" Er schlug sie in ein heißes Laken und trug sie ein anderes Zimmer, das die Mädchen inzwischen hergerichtet hatten.

Eines der Mädchen blieb bei Lucy während Van Helsing und ich uns berieten. Wir gingen dazu in das düstere Speisezimmer in dem die Vorhänge zugezogen waren, wie die Traueretikette es verlangte. Der Professor begann: "Sie braucht eine Bluttransfusion. So viel ist klar. Aber wer soll es tun? Sie sind erschöpft, ich bin es auch. Bekommt sie kein Blut, hat das arme Ding vielleicht keine Stunde mehr zu leben. Wer würde sich Adern öffnen lassen für sie?"

"Wie wäre es mit mir?", sagte da eine Stimme vom Sofa her. Wir fuhren herum und sahen, wer dort saß. Es war Quincey P. Morris, der eine Nachricht von Arthur überbringen sollte. Wir hatten ihn völlig vergessen, aber jetzt schickte ihn uns wirklich der Himmel. Quincey hatte ein Telegramm von Arthur dabei, das Arthurs höchste Sorge um Lucy ausdrückte. Da es aber seinem Vater weiterhin sehr schlecht ging, war er unabkömmlich. Nun sollte sich Quincey an seiner Stelle nach Lucy erkundigen.

Van Helsing nahm Quinceys Hand und zog ihn mit nach oben. "Sie schickt uns der Himmel. Solange Gott uns weiterhin Männer wie sie zur rechten Zeit schickt, nehme ich es gern mit dem Teufel auf." Quincey und ich sahen uns an und ich schüttelte den Kopf. Ich verstand auch nicht, was der Professor damit sagen wollte. Wir schritten wieder einmal zur Operation. Aber entgegen unseren Erfahrungen bei den ersten Operationen, reagierte Lucy kaum auf das Blut von Quincey. Zu schwer war der Schock, zu groß der Blutverlust, zu schwach ihr zarter Körper. Nur ganz allmählich begann sie, sich in das Leben zurückzukämpfen. Herz und Lunge begannen wieder gleichmäßiger zu arbeiten und Van Helsing machte die übliche Morphiumeinspritzung. Ihre Ohnmacht ging in einen tiefen Schlaf über. Van Helsing blieb bei Lucy und ich kümmerte mich darum, dass Quincey sich ausruhte und etwas zu sich nahm. Dann ging ich zurück zu Van Helsing.

Der Professor sass über einige Briefbogen gebeugt, als ich in das Zimmer trat. Auf seinem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck. "Das fiel von ihrer Brust, als wir sie vorhin ins Bad trugen." Ich las und war verwirrt. "Professor, was meint sie nur? Ist sie vor Angst wahnsinnig geworden oder schwebt wirklich eine entsetzliche Gefahr über uns?" Van Helsing nahm das Papier wieder an sich und versuchte, mich zu beruhigen. "Wir müssen warten, John. Stellen Sie keine Fragen. Sie werden alles noch rechtzeitig begreifen. Was wollten Sie denn von mir, als Sie hier eintraten?" Ich überlegte einen Augenblick und fand dadurch wieder zu mir selbst. "Der Totenschein, Professor. Wir müssen klug und umsichtig handeln, wenn wir einer Untersuchung vorbeugen wollen. Und eine Untersuchung müssen wir unter allen Umständen vermeiden! Sie und ich und auch der behandelnde Arzt von Frau Westenraa weiß, dass sie herzleidend war. Alle können das bestätigen. Ich will den Totenschein gleich selbst ausfüllen und zum Standesamt bringen. Danach bestellen wir den Leichbestatter."

"Das ist eine gute Idee, John. Wenn Fräulein Lucy auch mächtige Feinde zu haben scheint, so hat sie doch auch Freunde, die für sie die Andern öffnen und ihr auch noch andere Gefälligkeiten erweisen. Ja, John, ich bin nicht blind, aber dafür liebe ich euch alle noch viel mehr. Nun aber fort mit Ihnen." Im Hausflur traf ich Quincey, der ein Telegramm für Arthur bereitete, dass Frau Westenraa tot und Lucy ebenfalls sehr krank gewesen sei, sich aber auf dem Wege der Gesundung befinde. Ich teilte Quincey mein Vorhaben mit und er flüsterte mir zu: "Wenn Sie wieder da sind, muss ich ein paar Worte mit Ihnen sprechen. Unter vier Augen." Ich nickte ihm zu und ging.

Gott sei Dank gab es auf dem Standesamt keine Schwierigkeiten und ich verabredete mich mit dem Leichbestatter für den Abend zum Sargmaßnehmen und für sie übrigen Formalitäten. In Hillingham wartete Quincey auf mich. Lucy schlief und der Professor wachte persönlich über Ihren Schlaf. Er bedeutete mir, still zu sein, um Lucy nicht zu wecken und so ging ich wieder hinunter zu Quincey, der sich im weniger düsteren Speisezimmer aufhielt. Quincey kam sofort auf den Punkt.

"John, Sie wissen, dass ich mich nie ungefragt in Dinge einmische. Dieser Fall aber liegt anders. Ich habe diesem Mädchen einen Antrag gemacht. Und ich habe es immer noch sehr gern. Was ist denn nur mit ihr los? Ich bin nicht dumm, John und ich hörte Van Helsing sagen, dass noch weitere Transfusionen nötig seien. Und da Sie und der Holländer sehr erschöpft wirken ...", er machte einen Pause und sah mich fragend an. "Ich weiß ja, ihr Doktoren tut viele Dinge im Geheimen und sagt keinem Menschen etwas davon, aber dieser Fall hier liegt anders. Ich habe auch mein Blut gegeben, ebenso wie Sie und der Doktor. Ihr habt es doch auch getan, oder?"

Ich nickte stumm. Quincey fuhr fort: "Und ich vermute, dass auch Arthur beteiligt ist. Als ich vor einigen Tagen sah, wirkte er elend und erschöpft. John, ich habe einmal gesehen, wie ein Pferd zugrunde ging. Eine der großen Fledermäuse, die auch Vampire genannt werden, hatte es in der Nacht angefallen. Als ich dazu kam, war seine Kehle durchgebissen und seine Adern geöffnet. Es hatte so wenig Blut im Leib, dass es sich nicht mal mehr aufrichten konnte. Ich gab ihm den Gnadenschuss. Seitdem habe ich nichts wieder so schnell dahin siechen sehen. John, sagen Sie mir die Wahrheit, Arthur war der Erste, oder?"

In seinen Augen sah ich die furchtbare Sorge um eine geliebte Frau und wusste, dass er von dem schrecklichen Geheimnis, das sie umgab, nichts ahnte. Diese Unwissenheit machte es eigentlich noch viel schlimmer für ihn, so dass er alle Kraft brauchte um nicht die Beherrschung zu verlieren. Ich sah letztendlich keinen Grund mehr, ihm etwas zu verschweigen und bestätigte seine Vermutungen. Als er fragte, wie lange dass schon geht, rechnete ich rasch nach. Ich kam auf etwa zehn Tage. "Zehn Tage!", Quinceys Augen weitete sich vor Schreck. "Dann hat das arme Geschöpf in diesen zehn Tagen Blut von vier starken Männern erhalten? Warum ist sie dann so elend? Sie hat das Blut wieder verloren. Wer hat es ihr denn nur genommen?"

Ich konnte nur mit dem Kopf schütteln, denn ich wusste es ja auch nicht sicher. "Van Helsing und ich sind am Ende unserer Weisheit. Wir haben Lucy strengstens bewacht, mussten sie aber doch durch widrige Umstände einige Zeit allein lassen. Aber das wird nicht wieder geschehen. Von jetzt an bleiben wir, bis alles ein Ende gefunden hat. Ganz gleich, wie es aussehen wird." Quincey sah mir in die Augen und sagte uns seine Hilfe zu, so lange wie wir sie benötigten.

Lucy erwachte am späten Nachmittag und das Erste, was sie tat, war nach dem Pergament an ihrer Brust zu greifen. Van Helsing war so weitsichtig gewesen, es wieder an Ort und Stelle zu bringen, so dass Lucy sich nun beim Aufwachen nicht sorgen musste. Sie sah mich und Van Helsing dankbar an, aber sogleich verfinsterte sich ihr bleiches Gesicht und sie begann, haltlos zu weinen. Erst jetzt war sie sich des Todes der geliebten Mutter ganz bewusst geworden. Wir bemühten uns nach Kräften, sie zu trösten, mussten aber zugeben, dass alles was wir taten nur Tropfen auf den Stein waren. Lucy weinte immerzu, war aber sichtlich erleichtert als wir ihr erklärten, dass sie nun nicht mehr allein bleiben dürfe.

Van Helsing und ich blieben abwechselnd bei ihr und gegen Abend fiel sie in einen leichten Schlummer. Im Schlaf griff sie nach dem Pergament und zerriss es. Van Helsing trat zu ihr und nahm ihr das Pergament fort. Trotzdem bewegten sich Lucys Hände weiter, als wäre das Papier noch dort. Als alles zerrissen war, öffnete sie die Hände und ließ die nicht vorhandenen Fetzen in den Abend hinaus fliegen. Van Helsing beobachtete den Vorgang mit gerunzelter Stirn und sorgenvollem Blick, aber er sagte kein Wort dazu.

19. September. Wir hatten eine unruhige Nacht, da Lucy sich immer noch vor dem Einschlafen fürchtete. Van Helsing und ich wachten abwechselnd und Lucy war keinen Augenblick unbeaufsichtigt. Obwohl wir nicht darüber gesprochen hatten, wusste ich, dass Quincey die ganze Nacht um das Haus herumging und dort nach dem Rechten sah. Als endlich der Tag der herauf dämmerte, sahen wir, wie schlecht es Lucy ging. Wir waren uns darüber im Klaren, dass wir eine Sterbende vor uns hatten. Je nach dem ob sie schlief oder wachte, zeigte sich ein deutlicher Unterschied im Aussehen, was sowohl mir als auch dem Professor auffiel. Schlief sie, ging ihr Atem ruhiger, sie sah zwar abgemagert aber kräftiger aus. Im Schlafe stand ihr Mund offen. Der Blick auf das blasse Zahnfleisch und die dadurch länger und schärfer wirkenden Zähne war frei. Wenn sie wach war, zeigte sich in ihren Augen ein milder Schimmer, der nicht darüber hinweg täuschen konnte, dass Lucy dahin siechte.

Am Nachmittag verlangte sie nach Arthur, der um sechs Uhr in Hillingham ankam. Die Sonne ging unter und tauchte alles in warmes rotes Licht. Auch auf Lucys Wangen malte sie einen rosigen Hauch. Arthur war zutiefst erschrocken über Lucys Zustand. Immer häufiger kamen Ohnmachtsanfälle über sie und machten eine Unterhaltung mit ihr unmöglich. Allein Arthurs Anwesenheit heiterte sie ein wenig auf und sie versuchte zu scherzen und fröhlicher zu sein. Es ist nun fast neun Uhr und ich spreche dies auf Lucys Fonograf. Im Augenblick sind Arthur und Van Helsing bei ihr, aber ich werde sie gleich ablösen. Mir liegt schwer auf der Seele, dass diese Nachtwachen morgen schon vorbei sein könnten. Gott sei uns gnädig.

Brief von Mina Harker an Lucy Westenraa
Von der Adressatin nicht mehr geöffnet.
17. September. Liebe Lucy, ich weiß, dass ich lange nichts mehr habe von mir hören lassen, aber ich bin sicher, du verzeihst mir sofort, wenn du all die Neuigkeiten gelesen hast, die dieser Brief enthält. Lass mich der Reihe nach erzählen. Ich brachte meinen lieben Gemahl Jonathan wohlbehalten nach
Exeter zurück. An der Station wartete Herr Hawkins in einem Wagen auf uns. Und das, obwohl er einen schweren Gichtanfall zu ertragen hatte. Wir fuhren mit ihm in sein Haus, in dem er uns einige Zimmer auf das Behaglichste hatte einrichten lassen. Wir aßen zusammen und Herr Hawkins sagte: "Mina, Jonathan, hört zu. Ich kenne euch beide von klein auf. Ich bin euch herzlich zugetan und wünsche mir nichts sehnlicher, als dass ihr zwei glücklich und zufrieden werdet. Schlagt euer Heim hier bei mir auf, denn ich bin ganz allein, was im Alter nicht gut ist. Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann soll alles, was ich besitze, euch gehören."

Jonathan und Herr Hawkins drückten sich die Hände. Es war ein so bewegender Moment, dass ich weinen musste. Oh, Lucy! Wir verlebten einen wunderschönen Abend und sind nun in diesem schönen alten Haus zu Hause. Es ist von Ulmen umstanden und man kann die Raben krächzen hören. Du kannst dir vorstellen, dass ich nun unglaublich viel zu tun habe. In einem neuen Haushalt gibt es viel zu besorgen. Deshalb kann ich auch nicht in die Stadt kommen und dich und deine liebe Mutter besuchen. Wie geht es ihr denn? Jonathan braucht auch noch Pflege, wenn er doch langsam wieder Fleisch ansetzt. Er war ja so mitgenommen von dieser schrecklichen Krankheit. Er schreckt auch immer noch nachts hoch und zittert. Gott sei Dank kommen diese Anfälle aber immer seltener und ich hege begründete Hoffnung, dass sie irgendwann vollständig verschwinden.

Was unser Leben hier betrifft, weißt du nun das Neueste. Nun erzähle: wie sieht es bei euch aus? Wann und wo werdet ihr heiraten? Wollt ihr eine große Trauung oder lieber eine kleine, private Feier? Lass mich alles wissen, was dir auf der Seele liegt; du weißt, dass ich dir herzlich zugetan bin. Jonathan lässt ebenfalls herzlich grüßen. Liebe Lucy, ich wünsche dir alles Gute. Stets deine Mina Harker.

Bericht von Dr. med. Patrick Henness, Mitglied der K. Ärztlichen Gesellschaft an Dr. med. John Seward am 20. September
Werter Herr, wie besprochen lege ich nun Bericht ab über den Fortgang der Geschäfte Ihrer Klinik und insbesondere über den Patienten Renfield. Es gibt viel zu berichten, denn Renfield ist ein weiteres Mal ausgebrochen. Hätten wir nicht so schnell und beherzt gehandelt, hätte es wohl ein schlimmes Ende nehmen können. So aber ist alles glücklich verlaufen und es ist niemand etwas Ernsthaftes geschehen. Als heute ein Frachtwagen vorfuhr und ein Mann den Portier nach dem verlassenen Hause fragte, zu dem Renfield sich zweimal geflüchtet hat, begann alles. Ich selbst stand an einem Fenster und konnte den ganzen Hergang beobachten. Einer der Männer aus dem Frachtwagen stieg also aus, um nach dem Weg zu fragen. Er ging unter Renfields Fenster vorbei, worauf dieser begann, den Mann auf das Übelste zu beschimpfen. Ja, er drohte sogar, den Mann zu ermorden, weil dieser ihn beraubt habe.

Bevor der Mann aufbrausen konnte, öffnete ich das Fenster und bedeutete dem Mann, Renfield nicht ernst zu nehmen. Der Mann nickt und sah sich um, als würde ihm jetzt erst gewahr, wo er sich befand. Er fragte mich höflich nach dem Weg und ich erklärte ihm, wo die Einfahrt zu dem verlassen Haus lag. Der Mann dankte und entfernte sich unter Renfields wüsten Beschimpfungen.

Ich aber eilte zu Renfield, weil ich sehen wollte, was einen solchen Ausbruch hervorgerufen hatte. Als ich bei Renfield ankam, wollte dieser von seinen Beschimpfungen nichts wissen und stellte sich als sehr ruhig und friedlich. Leider muss ich sagen, dass dies ein Beispiel seiner neuen Verschlagenheit war, denn keine halbe Stunde später stieg er aus seinem Zimmerfenster und lief die Alle hinunter. Die Wärter und ich folgten ihm, denn ich befürchtete, dass er Übles im Schilde führte. Renfield rannte zielstrebig auf das verlassene Haus zu. Der Frachtwagen, der große hölzerne Kisten geladen hatte, stand davor und die Männer hatten schwer gearbeitet, beide hatten Schweiß auf der Stirn und waren außer Atem.

Renfield packte einen von ihnen und warf ihn zu Boden. Er war außer sich und hätte den Mann sicher in Stücke gerissen, wären wir nicht dazu gekommen. Aber in seiner Wut entwickelte er unmenschliche Kräfte. Ein Wärter und ich selbst, der ich nicht klein und leicht bin, wir warfen uns auf den tobenden Renfield, der uns abschüttelte als wären wir lästiges Ungeziefer. Auch die beiden Fuhrmänner waren kräftige Kerle und dennoch hatten wir unsere Mühe, Renfield zu beruhigen. Als wir ihn schließlich in der Zwangsjacke hatten, schrie er: "Ihr beraubt mich nicht! Ihr nicht. Ich muss für meinen Herren und Meister kämpfen." Wir hörten ihm nicht mehr lange zu, sondern brachten ihn mit viel Mühe aber ohne weitere Zwischenfälle in die Gummizelle.

Die beiden Fuhrleute mussten beruhigt werden, was ich mit einigen steifen Grogs und je einem Sovereign tat. Falls Sie noch Fragen zu diesem Zwischenfall haben, bin ich in Besitz ihrer Namen: nämlich Jack Smollet, von Duddings Rents, King George's Road, Great Walworth und Thomas Snelling, Peter Parley's Road, Guide Court, Bethnal Grean. Beide sind bei Harris & Sons angestellt, welches ein Umzugsunternehmen ist.

Wenn weitere Dinge vorfallen, werde ich Sie davon selbstverständlich persönlich und sofort in Kenntnis setzen, ggf. werde ich telegrafieren. Mit vorzüglicher Hochachtung Patrick Hennessy.

Brief von Mina Harker an Lucy Westenraa
Von der Adressatin nicht mehr geöffnet.
18. September. Meine liebe Lucy, es ist etwas Entsetzliches geschehen. Der liebe Herr Hawkins ist nicht mehr! Auch wenn wir nicht mit ihm verwandt waren, trifft uns sein Verlust doch tief. Für Jonathan war er wie ein Vater. Er hat uns in sein Haus geholt und uns schließlich auch sein Vermögen hinterlassen. Wir sind aufs Tiefste betrübt. Jonathan leidet ganz besonders, da er nicht nur einen geliebten Menschen und ein Vorbild verloren hat, sondern nun auch die volle Verantwortung auf seinen Schultern spürt. Dazu der furchtbare Schock, von dem er sich noch immer nicht ganz erholt hat - ach, es ist schrecklich!

Dass ich dir das alles in deinen schönsten Stunden und Tagen erzählen muss, macht mich traurig. Verzeih mir, dass ich dir von all dem schreibe, aber ich muss mit irgendjemandem darüber reden. Es kostet mich viel Kraft, immer fröhlich und heiter zu sein, um Jonathan nicht noch mehr Kummer zu bereiten. Deshalb schreibe ich dir, meine liebe Freundin, das ganze Elend.

Herr Hawkins hat angeordnet, dass er in London in einem Grabe mit seinem Vater ruhen wolle. So werden wir also nach London kommen, um ihm das letzte Geleit zu geben. Da werden wir uns dann wieder sehen, liebe Lucy. Ich werde zu euch kommen und wenn es auch nur für ein paar Minuten ist. Mit vielen guten Wünschen Mina Harker.

Dr. Sewards Tagebuch
20. September. Nur mit Überwindung gelingt es mir, heute einen Eintrag in mein Tagebuch vorzunehmen, so niedergedrückt und elend ist mir zu Mute. Welch ein Unglück! Erst Lucys Mutter, nun Arthurs Vater und nun -

Wie abgemacht, löste ich Arthur und Van Helsing bei Lucy ab. Arthur wollte erst nicht weichen, aber dann erklärten wir ihm, dass er Lucy nicht helfen könne, wenn er zusammenbräche. Da gab er nach und folgte Van Helsing in das Wohnzimmer. Das Feuer knisterte und die beiden legten sich auf den Sofas nieder, um zu ruhen. Ich blieb bei Lucy, die bleich in ihren Kissen lag. Van Helsing hatte wieder den Knoblauch überall sorgfältig verteilt; die Fenstersimse und auch Lucys Hals waren mit Knoblauchkränzen umwunden. Lucy schlief und ihre Zähne staken spitz und scharf aus ihrem Mund hervor. Ihr blasses Zahnfleisch hatte sich zurückgezogen und sie sah wirklich schauerlich aus.

Als ich mich zu ihr niederbeugte, bewegte sie sich plötzlich. Gleichzeitig hörte ich ein Geräusch am Fenster. Ich schlich mich zum Vorhang und lugte hinaus. Draußen flatterte eine große Fledermaus in weiten Kreisen durch den Garten. Hin und wieder gerieten ihre Schwingen an das Fenster und verursachten dieses Geräusch. Ich drehte mich zu Lucy um und bemerkte, dass sie sich den Knoblauchkranz vom Halse gerissen hatte. So gut ich konnte, brachte ich den Kranz wieder in Ordnung und fuhr mit meiner Wache fort. Nach einiger Zeit erwachte Lucy und ich gab ihr zu essen. Lucy nahm nur wenig zu sich, griff aber jetzt - in wachem Zustand - nach den Knoblauchblüten und zog sie dicht an sich heran, während sie im schlafenden Zustand die Blüten immer von sich wegzustoßen versucht hatte.

Ich beobachtete dieses seltsame Verhalten die ganze Nacht über. Schlief sie, versuchte sie, den Knoblauch los zu werden, wachte sie, zog sie ihn eng an sich. Als Van Helsing mich um sechs Uhr ablöste, war Arthur gerade in einen unruhigen Schlummer gefallen. Van Helsing warf einen Blick auf Lucy und zuckte erschrocken zurück. Er zischte mir zu: "Öffnen Sie die Vorhänge! Ich brauche sofort mehr Licht!" Schnell gehorchte ich. Der Professor beugte sich über Lucy, entfernte die Blüten und das Tuch, das er um ihren Hals geschlungen hatte. "Mein Gott!", rief er entsetzt und zeigte auf ihren Hals. Die Wunden an ihrer Kehle waren vollständig verheilt!

In Van Helsings Gesicht stand das blanke Grauen. "Sie muss sterben. Es wird nicht mehr lange dauern. Wecken Sie Arthur, damit er hier ist, wenn es zum Letzten kommt. Wir haben es ihm versprochen!" Wieder gehorchte ich. Arthur und ich betraten Lucys Zimmer. Van Helsing hatte alles in Ordnung gebracht und sogar Lucys Haar gebürstet, das sich jetzt golden über ihrem Kissen ringelte. Lucy öffnete die Augen und sah Arthur. Als dieser sich zu ihr herunter beugen wollte, um sie zu küssen, wies Van Helsing ihn an, nur Lucys Hand zu halten.

Arthur ergriff ihre Hand und fiel neben ihrem Bett auf die Knie. Lucy lächelte lieblich und ihre Augen strahlten engelsgleich. Doch allmählich schlossen sich die Augen und Lucy sank wieder in Schlaf. Zuerst war ihr Atem sanft und ruhig, dann plötzlich wurde er keuchend und sie öffnete nach Luft ringend den Mund. Ihre Zähne traten lang und spitz hervor, vor allem die Eckzähne ragten unheimlich aus dem bleichen Zahnfleisch. Sie öffnete die Augen, die jetzt nicht mehr strahlten sondern trübe und hart aussahen. Mit einer Stimme, die leise und wollüstig klang, sprach sie Arthur an: "Arthur. Geliebter. Wie schön, dass du hier bist. Küsse mich!"

Fast hätte Arthur ihrem Wunsch Folge geleistet. Aber Van Helsing war schneller. Er sprang auf Arthur zu und packte ihn am Genick. Dann riss er Arthur zurück und schleuderte ihn unter einem schrecklichen Kraftaufwand quer durch das Zimmer. "Um Himmels Willen. Fort! Kommen Sie nicht in ihre Nähe, wenn sie die Seele Ihrer Braut und Ihre eigene retten wollen." Arthur war zu verwirrt, um zu reagieren. Schweigend blieb er sitzen, wo Van Helsing ihn hingeschleudert hatte.

Ich aber hatte keinen Blick von Lucy gewandt. Als Van Helsing Arthur wegriss, verzerrte sich ihr Gesicht in fürchterlicher Wut und die spitzen Zähne bissen heftig aufeinander. Schließlich schloss sie ihre Augen und atmete keuchend. Nur kurz darauf, schlug sie die Augen wieder auf und wir sahen wieder in Lucys bekannte liebe Augen. Sie griff nach Van Helsings Hand und küsste sie. "Mein treuer Freund. Stehen Sie ihm bei und geben Sie ihm Frieden." Van Helsing kniete neben Lucys Bett nieder und versprach es ihr. Dann holte er Arthur heran, dass er Lucys Hand hielt und ihr noch einen Kuss auf die Stirn gab.

Im Zimmer war es still. Nur Lucys keuchender Atem war zu hören, der dann ausblieb. "Es ist vorbei", sagte Van Helsing. "Sie ist tot!" Ich führte den weinenden Arthur ins Wohnzimmer. Mir brach fast das Herz, den Freund so betrübt und die geliebte Frau tot zu sehen. Ich überließ Arthur seinem Schmerz und ging zurück in das Sterbezimmer. Lucy war verändert. Der Tod schien ihr einen Teil ihrer einstigen Schönheit zurückgegeben zu haben. Ihr Gesicht wirkte wieder runder und die Lippen waren nicht mehr so weiß. "Nun hat sie wenigstens ihren Frieden gefunden. Nun ist alles vorbei", sagte ich zu Van Helsing. Der Professor hob den Kopf und sah mich ernst an. "Nein, mein Freund. Sie irren sich. Das war der erst der Anfang!" Ich wollte ihn fragen, was er damit meinte, aber er hob abwehrend die Hände. "Nicht jetzt. Wir können vorerst nichts tun außer genau zu beobachten und abzuwarten."

Da Lucy zusammen mit ihrer Mutter beigesetzt werden sollte, war die Beerdigung für den übernächsten Tag angesetzt. Ich erledigte die Formalitäten. Der Beerdigungsunternehmer zeigte sich unterwürfig, was mir unangenehm war und sogar die Frau, die den Toten die letzte Ehre erwies, vertraute mir an, dass besonders die junge Frau eine wunderschöne Leiche sei. Ich wollte das alles nicht hören. Mich wunderte, dass Van Helsing nicht abreiste. Dann aber sah ich, welche Unordnung in diesem Haushalt herrschte, in dem es nun niemanden mehr gab, der sich auskannte und so war es wohl das Einfachste, das der Professor blieb und auch Einsicht in die Papiere nahm. Arthur war schon fort, er musste zuerst bei dem Begräbnis seines Vaters zugegen sein, bevor er seine Braut zu Grabe tragen konnte.

Während ich die Papiere von Frau Westenraa ordnete, behielt sich der Professor die Durchsicht von Lucys Papieren vor. "Sie wissen, was wir suchen. Es muss noch mehr Papiere geben wie dieses", er holte Lucys Pergament hervor, das sie in jener schrecklichen Nacht auf der Brust getragen und im Schlaf zerrissen hatte. "Sie sehen die anderen Papiere durch und wenn Sie etwas finden, was für den Sachverwalter der verstorbenen Frau Westenraa wichtig sein könnte, versiegeln Sie es und machen dann Mitteilung. Ich bleibe in diesem Zimmer und forsche nach den Dingen, die ich brauche. Wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass ihre innersten Gedanken in fremde Hände fallen."

Wir machten uns sofort an die Arbeit und innerhalb einer halben Stunde hatte ich die wichtigen Papiere zusammengestellt und an den Sachverwalter der Westenraas geschrieben. Ich hatte gerade den Brief versiegelt, als Van Helsing in das Zimmer trat. "Kann ich hier noch etwas tun? Ich stehe Ihnen gern zur Verfügung." Ich sah Van Helsing an. "Haben Sie denn gefunden, was Sie suchten?" Van Helsing antwortete: "Ich habe nicht nach etwas Bestimmten gesucht. Ich hoffte nur, irgendetwas zu finden und das habe ich auch. Ich fand einige Notizen, einige wenige Briefe und ein gerade begonnenes Tagebuch. Alle diese Dinge habe ich hier bei mir. Wenn ich morgen Lucys Bräutigam sehe, werde ich die Erlaubnis einholen, von einigen Dingen Gebrauch zu machen."

Der Professor und ich wollten uns zur Ruhe begeben, sahen aber vorher noch einmal nach der toten Lucy. Sie war von einem Meer von Blüten umgeben. Das Leichentuch lag über ihrem Gesicht. Van Helsing schlug es zurück und wir waren erstaunt, wie schöne Lucy im Tode war. Fast konnten wir nicht glauben, dass ein Leichnam vor uns lag, so anmutig und lieblich wirkte ihr Gesicht. Der Professor sah ernst und nachdenklich auf Lucy herab und verließ dann das Zimmer. Als er wiederkehrte hatte er einen Handvoll wildem Knoblauch dabei, den er unter die Blumen mischte, die auf Lucys Bett lagen. Anschließend nahm er ein kleines goldenes Kreuz von seinem Hals und legte es Lucy auf den Mund. Er deckte das Leichentuch über sie und wir verließen still das Zimmer.

Gerade wollte ich mich in meinem Zimmer ausziehen, als es an der Tür klopfte. Der Professor trat ein und setzte sich auf einen Sessel. "Ich muss Sie bitten, mir morgen ein Sezierbesteck zu bringen", sagte er mit dumpfer Stimme. "Müssen wir denn eine Sektion vornehmen?", fragte ich. "Ja und doch auch nicht. Ich muss eine Operation durchführen. Erschrecken Sie nun nicht, lieber Freund. Ich weiß, Sie haben sie geliebt, aber ich muss Lucy den Kopf abschneiden und ihr das Herz heraustrennen. Es würde mich glücklich machen, wenn Sie mir helfen würden. Alles andere tue ich. Eigentlich müssten wir es heute Nacht schon tun, aber es geht wegen Arthur nicht. Er wird morgen nach der Beerdigung seines Vaters kommen und Lucy sehen wollen. Aber gleich danach, werden wir es tun müssen. Wir werden alles in Ordnung bringen und niemand außer uns weiß etwas davon."

Mir zuckte der Schreck durch alle Glieder. "Ihr den Kopf abschneiden? Warum? Sie ist doch tot. Eine Sektion bringt uns nichts ein. Ohne medizinische Gründe ist eine solche Operation etwas Ungeheuerliches." Ich war nahezu außer mir und Van Helsing legte mir beruhigend die Hand auf die Schulter. "John, ich weiß, dass Ihr Herz blutet. Wenn ich könnte, würde ich Ihren Schmerz gerne tragen. Aber ich kann es nicht. Es gibt Dinge, die Sie nicht wissen, aber ich weiß sie. Erinnern Sie sich zurück, John. Habe ich in all den Jahren unserer Freundschaft je etwas getan, das nicht einen triftigen Grund hatte? Ich glaube an das, was ich tue, auch wenn ich nur ein fehlbarer Mensch bin. Darum habt Ihr mich doch gerufen, oder? Und habe ich nicht Arthur daran gehindert, seine sterbende Braut zu küssen? Ich habe gesehen, dass Ihr darüber verwundert ward. Aber war Lucy mir nicht dankbar dafür?

Glaubt mir, mein Freund, ich habe gute Gründe für mein Vorhaben. Vertrauen Sie mir John. Auch ich habe die kleine Lucy geliebt. Auf meine Weise. Ich würde nie etwas tun, das ihr oder denen, die sie geliebt hat, mehr Schmerz zufügen würde als unbedingt nötig. Und eines muss ich noch sagen: Auch wenn Ihr nicht mehr an mich glaubt und mir Eure Hilfe verweigert - ich werde es trotzdem tun müssen. Ich muss es einfach tun." Eine Weile lang war es völlig still. Dann fuhr Van Helsing fort: "John, es werden schreckliche Dinge geschehen. Glauben sie mir. Werden Sie mir vertrauen, egal, was kommt?"

Ich gab ihm die Hand und versprach ihm, zu vertrauen. Van Helsing stand auf und ich brachte ihn zur Tür. Er ging den Flur entlang und verschwand in seinem Zimmer. Im gleichen Augenblick sah ich eines der Dienstmädchen in Lucys Zimmer huschen. Sie konnte mich nicht sehen und ich war gerührt von so viel Anhänglichkeit. Sicherlich wollte das Mädchen bei seiner Herrin wachen, damit die sterbliche Hülle nicht allein sein musste.

Ich schlief tief und traumlos. Ich erwachte von der Stimme des Professors, die zu mir sagte: "Wir brauchen kein Sezierbesteck mehr. Es ist zu spät." Ich war verwirrt. "Warum brauchen wir es nicht mehr?" "Weil es zu spät ist", wiederholte Van Helsing. "Oder zu früh. Sehen Sie das? Das ist heute Nacht gestohlen worden." Er hielt das goldene Kruzifix hoch. "Wie, gestohlen? Aber Sie haben es doch in der Hand?" Van Helsing schüttelte ungeduldig den Kopf. "Ich habe es der Diebin wieder abgenommen. Jedem verabscheuungswürdigem Wesen, das seine Herrin noch im Tod bestiehlt. Sie wird ihre Strafe erhalten. Nicht von mir. Sie wusste ja nicht, was sie tat. Und wir müssen nun wieder warten." Ich erinnerte mich an das Dienstmädchen, das ich für anhänglich gehalten hatte. Sie hatte Lucy bestohlen?

Van Helsing ging und ließ mich in grüblerischer Stimmung zurück. Nach dem trostlosen Vormittag kam gegen Mittag der Sachverwalter, ein Herr Marquand von der Firma Wholeman Söhne, Marquand & Lidderdale. E war mit meiner vorbereitenden Tätigkeit so weit zufrieden und nahm mir die Sorge um alle weiteren Details ab. Da Frau Westenraa wusste, dass ihre Tage gezählt waren, hatte sie alles in peinlichste Ordnung gebracht. Der ganze Nachlass fiel nach Lucys Tod nun Herrn Arthur Holmwood - dem Lord Godalming - zu. Marquand blieb nicht lange und nachdem er versprochen hatte noch einmal wieder zu kommen und Lord Godalming zu besuchen, verabschiedete er sich.

Arthur wollte gegen fünf Uhr ankommen und wir begaben uns nur kurze Zeit in das Sterbezimmer. Dort waren nun Lucy und ihre Mutter gemeinsam aufgebahrt und es lag eine feierliche Traurigkeit über dem Raum. Trotzdem ordnete Van Helsing an, dass Arthur seine Braut allein sehen solle und der Beerdigungsunternehmer machte sich erschrocken daran, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen und beide Frauen getrennt aufzubahren. Arthur erschien und wir sahen auf den ersten Blick, dass wir einen gebrochenen Mann vor uns hatten. Arthur hatte seinen Vater geliebt und ihn verloren. Und dann war seine Braut vor seinen Augen dahingesiecht. Wie viel kann ein Mann aushalten? Ich begleitete Arthur in das Sterbezimmer. Ich wollte mich zurückziehen, aber Arthur hielt mich am Arm fest.

"John, ich will Ihnen danken. Ich weiß, dass auch Sie sie geliebt haben. Sie standen ihr von allen Freunden am nächsten. Ich muss Ihnen danken, für alles, was Sie für sie getan haben." Er warf seine Arme um mich und barg seinen Kopf an meiner Schulter. Ich hörte, wie er verzweifelt schluchzte. "John, sagen Sie mir, was ich tun soll. Mein Leben ist dahin. Was soll ich tun ohne die, die ich geliebt habe?" Ich tröstete ihn, so gut ich konnte. "Arthur, lassen Sie uns gemeinsam Lucy ein letztes Mal sehen." Arthurs Atem ging wieder ruhiger und er fasste sich langsam wieder. Wir gingen gemeinsam zu Lucy. Ich hob das Laken auf und wir sahen sie an. Wie schön sie immer noch war! Mich überlief ein eiskalter Schauer und auch Arthur neben mir zitterte. "John, verzeihen Sie mir, aber ist sie wirklich tot?"

Ich wusste, dass man einen so grausamen Zweifel sofort aus der Welt schaffen musste und erklärte Arthur, dass das, was mit Lucy passierte nicht so ungewöhnlich war. Besonders wenn das Leben noch jung und das Leiden akut und kurz gewesen war, mache der Tod die Toten zuweilen überirdisch schön. Arthur glaubte meine gestotterten Erklärungen und kniete neben Lucys Bett nieder. Er sah sie lange an, dann küsste er ihre Hand und schließlich ihre Stirn. Ich sagte Arthur, dies sei nun der Abschied, da der Sarg bereit sei. Er sah sie noch einmal wehmütig an und ging hinaus.

Ich erzählte Van Helsing von Arthurs Bedenken nachdem der Professor den Beerdigungsunternehmer aufgefordert hatte, seines Amtes zu walten und die Särge zu zuschrauben. Van Helsing nickte und meinte, auch er habe fast geglaubt, dass Lucy noch am Leben sei. Zum Diner trafen wir Arthur wieder. Alle waren recht schweigsam und ohne rechten Appetit. Van Helsing richtete das Wort an Arthur: "Lord ...", aber Arthur unterbrach ihn. "Nein. Bitte nicht. Noch nicht. Mein Vater ist noch nicht lange fort. Ich bitte Sie ..." Van Helsing antwortete gütig. "Nun gut, ich sage Arthur und gebrauchte den Titel nur, weil ich im Zweifel war. Ich weiß, wie hart alles für Sie war. Wirklich hart. Sie haben mir vertraut, auch wenn es Ihnen schwer fiel. Ich nehme an, dass Sie mir jetzt zunächst wieder nicht vertrauen. Aber es wird der Tag kommen, da Sie mir voll und ganz vertrauen und dankbar sein werden für das, was ich tat."

"Ich bin Ihnen auch jetzt schon dankbar für alles, was Sie für Lucy getan haben. Sie haben ein edles Herz. Tun Sie, was Sie für nötig halten." Arthur sah den Professor freundlich an. Der räusperte sich und sagte: "Sie wissen, dass Frau Westenraa Ihnen ihr ganzes Eigentum vermacht hat?" Arthur schüttelte erstaunt den Kopf. "Nun, Sie haben jetzt das Recht über alles zu verfügen. Ich bitte Sie darum, alle Briefe und Papiere Lucys lesen zu dürfen. Vertrauen Sie mir. Ich wünsche dies nicht aus Neugierde zu tun, sondern habe andere Gründe. Sie können mir glauben, dass ich jedes Schriftstück vertraulich behandele. Aber es ist besser, ich habe alles bei mir. Wenn die Zeiten wieder besser werden, gebe ich Ihnen alles zurück. Was sagen Sie, Arthur?"

"Dr. Van Helsing, tun Sie, was Sie wollen. Ich weiß, dass Lucy Sie gewähren lassen würde. Und so werde ich Ihnen nicht im Wege stehen. Ich werde Sie auch nicht mit Fragen belästigen sondern warten, bis Sie mir alles erklären können." Arthur lächelte. Der Professor erhob sich und sagte feierlich: "Ich danke Ihnen. Wir werden noch viel Leid erleben. Wir werden durch bittere Wasser gehen müssen, ehe wir an die Süßen gelangen. So lassen Sie uns tapfer, selbstlos und mutig sein, dann wird sich alles zum Guten wenden."

In dieser Nacht schlief Van Helsing nicht. Immer wieder ging er in Lucys Sterbezimmer, in dem er wilden Knoblauch verteilt hatte und sah nach, dass nichts und niemand Lucys Ruhe störte.





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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