LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Dracula - Kapitel 3

Jonathan Harkers Tagebuch - Fortsetzung
Ich steigerte mich in eine Art Raserei, hinein als mir die Erkenntnis, ein Gefangener zu sein, voll zu Bewusstsein kam. Ich rannte wie ein Wahnsinniger durch das Schloss und rüttelte an den Türen. Nur allmählich konnte ich mich beruhigen und wieder einen klaren Gedanken fassen. Ich begann darüber nachzudenken, was zu tun sei. Ich kam allerdings noch zu keinem Ergebnis. Sicher ist, dass Graf Dracula keinesfalls von meinen Plänen etwas merken darf. Er weiß, dass er mich gefangen hält und hat offensichtlich seine Gründe, so dass er mir nur noch mehr Schwierigkeiten in den Weg legen würde, wenn er von meinen Absichten wüsste. Das Beste wird sein, ich behalte meinen Erfahrungen und Ängste für mich und bin weiterhin wachsam.

Kaum war mir klar geworden, dass ich meinen ganzen Verstand brauchen würde, um aus dieser verzweifelten Lage zu entkommen, hörte ich, wie unten das schwere Tor aufging. Der Graf kehrte zurück. Ich ging leise in mein Zimmer und überraschte ihn dort dabei, wie er mein Bett machte. Ich hatte Recht gehabt. Es gab keine Dienstboten im Schloss. Ich war mit dem unheimlichen Grafen allein. Und ein weiterer schrecklicher Gedanke stahl sich in mein Hirn: Wenn niemand hier war, dann musste Dracula selbst auch das Fuhrwerk gelenkt und den Wölfen Einhalt geboten haben. Unwillkürlich fasste ich nach dem Kruzifix an meinem Hals, das mir in letzter Zeit mehr Trost spendete als ich es je für möglich gehalten hätte.

Mitternacht. - Ich habe lange mit dem Grafen geplaudert und ihn nach den Geschichten seines Geschlechts befragt. Er erwärmte sich sehr für dieses Thema, ging im Zimmer auf und ab und erzählte von Personen, Schlachten und Ereignissen so lebendig, dass ich fast glaubte, er sei leibhaftig dabei gewesen. "Wir Szekler haben ein Recht darauf, stolz zu sein. In unseren Adern fließt das Blut so mancher tapferer Völker. Der ugrische Stamm trug den wilden Kampfgeist von Island herunter und überschwemmte als gefürchtete Berserker die Küsten Europas, Asiens und Afrikas. Die Völker dachten, dass ein Heer von Werwölfen eingefallen sei. Als sie in dieses Land kamen, trafen sie mit den Hunnen zusammen und die sterbenden Nationen erzählten sich, sie seien Nachkommen jener Hexen, die, als sie aus dem Skythenland vertrieben wurden, sich in der Steppe mit Teufel paarten. Wir sind ein Erobererstamm und haben die Magyaren, die Lombarden, die Awaren, die Bulgaren und die Türken in die Flucht geschlagen. Und dann kam die große Niederlage unseres Volkes. Die Schmach bei Cassova. Wer schlug die Türken auf eigenem Boden als die Banner der Walachen und Magyaren vor dem Halbmond in den Staub sanken? Einer aus meinem Geschlecht. Ein Dracula! Doch als er gefallen war, verkaufte sein eigener Bruder das Volk an die Türken zur schmachvollen Knechtschaft. Und ich sage euch, dieses Draculas Geist hieß einen späteren seines Namens immer und immer wieder über den breiten Strom in die Türkei einfallen."

Der Graf holte Luft und ich hatte Mühe, den verwirrenden Ausführungen zu folgen. "Als Einziger kehrte er von der blutigen Walstatt heim, auf der sein Stamm niedergemetzelt worden war", fuhr der Graf fort. "Er wusste, dass nur er den Sieg erzwingen konnte. Es wird behauptet, dass er nur an sich dachte. Bah, was taugt ein Kriegsvolk ohne seinen Anführer? Unser stolzer Geist kann es nicht ertragen, unfrei zu sein! Ja, junger Herr, die Szekler und die Draculas können sich einer glorreichen Vergangenheit rühmen. Die kriegerischen Zeiten sind vorbei und Blut ist ein zu kostbares Ding in diesen jämmerlichen Friedenszeiten. Und der Ruhm ist nur mehr wie ein Märchen, das man sich erzählt." Der Graf schwieg und da es schon fast wieder Morgen war, gingen wir zu Bett.

12. Mai. Mein Tagebuch ähnelt inzwischen erschreckend den Erzählungen aus 1001 Nacht und doch bin ich gewillt mit nackten Tatsachen zu beginnen, an denen nicht gezweifelt werden kann. Ich muss mich davor hüten, sie mit meinen Beobachtungen und Erfahrungen zu vermischen. Am letzten Abend begann der Graf sofort, mich über juristische Dinge auszufragen. Er befragte mich zu den Schritten, die er zur Ausführung seiner Absichten zu tun habe. So fragte er mich, ob es in England gestattet ist, zwei oder mehrere Sachverwalter für die Geschäfte zu haben. Ich antwortete ihm, er könne so viele Sachverwalter beschäftigen, wie er wolle, es sei aber nicht unbedingt klug dies zu tun. Er fragte darauf hin weiter, ob es klug wäre einen Sachverwalter für Geldangelegenheiten und einen für Schifffahrtsangelegenheiten zu haben. Er betonte, dass eventuell ein lokales Eingreifen nötig sein könne, was durch eine große Entfernung des finanziellen Verwalters erschwert würde. Als ich ihn bat, sein Anliegen genauer zu erläutern, erklärte der Graf:

"Unser Freund Hawkins kauft für mich ein Grundstück in London. Um auszuschließen, dass der von mir beauftragte Advokat nur sein eigenes oder das Wohl seiner Freunde im Auge hat, beschloss ich, mir einen solchen aus der weiteren Umgebung Londons zu suchen. Nun nehme ich an, dass ich per Schiff einige Güter transportieren lassen möchte. Vielleicht nach Newcastle oder Durham - wäre es da nicht von Vorteil, meine Angelegenheiten von einem am betreffenden Ort ansässigen Agenten besorgen zu lassen?" Ich erwiderte, dass dies zwar möglich sei, wir Advokaten aber einen Interessenverband bildeten und einer für den anderen die Erledigung lokaler Angelegenheiten übernähme. Dracula ging nur flüchtig darauf ein und fuhr fort, über die Art, wie man am besten Schiffstransporte einleite und welche Formalitäten zu erfüllen wären, zu sprechen. Im Laufe der Unterhaltung stellte ich fest, dass er selbst einen guten Advokaten abgegeben hätte. Es gab nichts, was er nicht bedacht hatte. Dafür, dass er noch nie in England gewesen war, waren seine Kenntnisse erstaunlich. Als er sich über alles hinreichend informiert hatte, stand er unvermittelt auf.

"Sie haben doch schon an unseren Freund Hawkins geschrieben?" fragte er. Ich antwortete mit leichter Bitterkeit, dass ich noch nicht in der Lage gewesen sei, Briefe abzusenden. "Dann schreiben Sie jetzt. Schreiben Sie, an wen Sie wollen. Teilen Sie mit, dass Sie noch einen Monat hier zu bleiben gedenken." "Wollen Sie wirklich, dass ich noch so lange bleibe?" Ich war entsetzt. "Ich wünsche es nicht nur, ich wäre tödlich beleidigt, wenn Sie früher abreisen würden. Ihr Herr und Meister schickt Sie zu seiner Vertretung und ich glaube doch wohl, dass in erster Linie meine Interessen gewahrt werden. Ich habe doch keinen Termin bestimmt, oder?"

Ich seufzte. Ich war ein Gefangener und in Draculas Augen lag eine gewisse Genugtuung. Außerdem war ich ja wirklich auf Geheiß meines Meisters hier und nicht bevollmächtigt, nur für mich zu entscheiden. Dracula kostete seinen Sieg aus und sagte in seiner verbindlichen Art: "Lieber Freund, wenn Sie nun Ihre Briefe schreiben, berühren Sie nur Geschäftliches. Und sagen Sie Ihren Freunden, dass es Ihnen gut geht." Mit diesen Worten händigte er mir drei Briefbogen und drei Kuverts aus. Es war sehr dünnes Überseepapier und mir war klar, dass der Graf die Briefe lesen würde. Aus diesem Grund schrieb ich an meine liebe Mina und an Herrn Hawkins nur wenige formelle Zeilen um nur im Geheimen meine Lage genau zu schildern. Zusätzlich verfasste ich den Brief an Mina in Stenografie, damit der Graf ihn nicht lesen könne.

Als ich die Briefe geschrieben hatte, saß ich eine Weile still und las in einem Buch, während der Graf einige Zeilen schrieb. Dann nahm er meine beiden Briefe und legte sie zu den seinen. Er brachte das Schreibzeug wieder in Ordnung und verließ das Zimmer. Rasch sprang ich auf um in Erfahrung zu bringen, an wen der Graf geschrieben hatte. Der erste Brief war an Samuel F. Billington, No.7, The Crescent, Whitby gerichtet, der zweite an Coutts & Co.,London, der dritte ging an Herrn Leutner, Varna und der vierte an die Bankiers Klopstock & Billreuth, Budapest. Gerade wollte ich die noch nicht verschlossenen Briefe aus den Kuverts ziehen, als der Graf wieder das Zimmer betrat. Er nahm die Briefe und verschloss sie sorgfältig. Ich hatte gerade noch Zeit gehabt, die Briefe wieder an ihren Platz zu legen und mich auf meinen Stuhl zu werfen. Ich zitterte. Der Graf trat an mich heran: "Leider habe ich heute Abend dringende Privatangelegenheiten zu erledigen. Sie finden - wie immer - alles was Sie brauchen."

Ich wollte schon aufatmen und mich ein wenig entspannen, als der Graf abermals das Wort an mich richtete. "Lassen Sie sich raten, lieber Freund, nein, lassen Sie sich warnen. Unter keinen Umständen dürfen Sie in einem anderen Raum des Schlosses schlafen als in Ihrem eigenen Schlafgemach. Sollten Sie in dieser Beziehung unvorsichtig sein ..." Er ließ den Satz unbeendet und mich in höchster Angst zurück, obwohl nichts grauenhafter sein kann als dieses unnatürliche scheußliche Netz von Geheimnissen, das sich um mich zusammen zu ziehen scheint.

Später. - Der Graf eilte davon und ich zog mich in mein Zimmer zurück. Im Schloss war kein Laut zu hören und ich fand keine Ruhe. Also verließ ich mein Zimmer und lief durch das Schloss. Bald war ich in dem lieblichen Südzimmer, von dessen Fenster man die Freiheit erahnen kann. Ich war ein Gefangener und fühlte mich, als müsse ich meine Lungen mit der frischen Nachtluft füllen. Ich spürte, dass dieses Nachtleben des Grafen mich innerlich zerstörte und mir die Kräfte raubte. Ich lehnte mich etwas aus dem Fenster und atmete mit jedem Atemzug Friede und Trost ein, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Der Lage nach musste es das Zimmer des Grafen sein. Ich versteckte mich so gut es ging und sah angestrengt aus dem Fenster.

Zunächst sah ich nur einen Kopf. Das Gesicht konnte ich nicht erkennen, nur den Nacken und ich war - ich muss es zugeben - ein wenig belustigt. Die Belustigung schlug aber rasch in blankes Entsetzen um als ich dabei zu sehen musste, wie der Graf sich ganz aus dem Fenster schob und Kopf voraus, über dem schrecklichen Abgrund die Schlossmauer hinab kroch. Sein Mantel wirkte wie ein großes Paar Flügel und ich konnte nicht glauben, was sah. Die Fingernägel griffen in die Mauerritzen und der Graf verschwand behände in der Dunkelheit. Was für eine Kreatur verbirgt sich in dieser Menschengestalt? Grenzenloses Entsetzen überwältigte mich und ich fühlte hilflose Angst. Welchen Gefahren würde ich noch ins Auge blicken müssen?

15. Mai. Und wieder sah ich, wie der Graf das Schloss auf diese seltsame Weise einer Eidechse gleich, verließ. Er kletterte wohl hundert Fuß dem Abgrund entgegen und verschwand in einer Höhle oder einem Fenster. Ich lehnte mich soweit aus dem Fenster, wie es nur ging, aber ich konnte nicht sehen, in welches Loch er geschlüpft war. Ich nutzte sogleich die Gelegenheit und holte aus meinem Zimmer eine Lampe. Mit ihr bewaffnet ging ich erneut auf Entdeckungsreise im Schloss. Wieder probierte ich unzählige Türen aus, die alle verschlossen waren. Auf meiner Suche nach einem Ausweg gelangte ich schließlich in die Halle, die ich bei meiner Ankunft durchquert hatte. Die große Tür war fest verschlossen und bot keine Fluchtmöglichkeit. Der Schlüssel befand sich sicher in den Gemächern des Grafen. Es galt also, diese Gemächer zu finden, dort einzudringen und den Schlüssel zu holen. Wieder stieg ich treppauf und treppab. Alle Türen waren verschlossen. Schließlich aber gelangte ich an eine Tür, die meinem Druck nachgab. Mit aller Kraft schob ich die Tür auf. Ich befand mich in einem Teil des Schlosses, der rechts von den mir bekannten Räumen lag und außerdem ein Stockwerk tiefer. Ich sah aus dem Zimmer und erkannte, dass diese Zimmerreihe nach Süden zeigte. Das Zimmer, das ich betreten hatte, hatte sowohl Süd- als auch Westfenster. Aus beiden sah man in den schauerlichen Abgrund. Ich erkannte, dass das Schloss auf eine Felsenzunge gebaut war und von drei Seiten nicht zugänglich war. Die Fenster bewiesen, dass hierher kein Bogen, keine Feldschlange und keine Schleuder reichten.

Nachdem ich das weite Tal im Westen betrachtet hatte, sah ich mich in dem Zimmer um. Die Möbel waren bequemer, als die, die ich hatte. Über allem lag eine dicke Staubschicht, aber das gelbe Mondlicht, das durch die vorhanglosen Fenster hereinflutete, verwischte den Eindruck von Alter und Moder. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt und ich fühlte eine schreckliche Einsamkeit über dem Raum liegen. Und doch fühlte ich mich wohler als in meinen Gemächern, die mir durch die Anwesenheit des Grafen verleidet sind. Nun sitze ich hier an einem zierlichen Schreibtisch und schreibe in mein Tagebuch. Sind wir wirklich im neunzehnten Jahrhundert?

16. Mai. Gott steh mir bei. Ich muss Ruhe bewahren oder ich falle dem Wahnsinn anheim. Bis heute verstand ich nicht, was Shakespeare im Sinn hatte als er Hamlet sagen ließ: "Mein Buch! Nur schnell mein Schreibbuch her, es ist Zeit, dass ich das alles niederschreibe." Wie gut, dass ich mein Tagebuch habe. In diesen Tagen, an denen mein Gehirn aus allen Fugen zu geraten scheint, lenkt die strikte Angewohnheit, genaueste Eintragungen vorzunehmen, mich von meiner Angst etwas ab. Die Warnung des Grafen, nirgendwo im Schlosse zu schlafen als in meinem Zimmer, hatte mich erschreckt. Noch mehr erschreckt mich, dass der Graf, jetzt, da ich seine Warnung in den Wind schlug, mich in noch strengerem Gewahrsam halten wird. Als ich an dem zierlichen Schreibtisch saß und mein Tagebuch führte, überkam mich eine bleierne Müdigkeit. Des Grafen Warnung hatte ich wohl gehört, aber es gefiel mir, ihr kein Gehör zu schenken. Und so zog ich mir ein großes Ruhebett aus einem Winkel. Ich stellte es so, dass ich die herrliche Mond beschienene Aussicht genießen konnte. Dann legte ich mich zurecht und dachte eigentlich an nichts mehr. Ich muss wohl eingeschlafen sein, oder vielleicht auch nicht, aber was ich nun berichten muss, war so natürlich, so erschreckend natürlich, dass ich jetzt, im hellen Sonnenlicht kaum glauben kann, es nur geträumt zu haben.

Ich war plötzlich nicht mehr allein im Raum. Ich sah mich drei Damen gegenüber, drei seltsamen Damen. Das Licht schien durch ihre Leiber hindurch zu scheinen und sie warfen keine Schatten. Sie kamen auf mich zu und sahen mich an. Sie flüsterten miteinander. Zwei von den Damen waren dunkelhaarigen und hatten Adlernasen, die an den Grafen erinnerten. Ihre dunklen Augen wirkten im Mondlicht fast rot. Die dritte war mit ihren goldenen Locken und hellen Augen so schön, wie man sich ein Mädchen nur denken kann. Alle drei hatten blendend weiße Zähne. Wie Perlen blitzen sie lang und scharf zwischen ihren wollüstigen roten Lippen hervor. Obwohl ich mich zu ihnen hingezogen fühlte, überkam ich ein großes Unbehagen, ja sogar eine Todesangst. Was ich jetzt schreiben muss, schreibe ich nicht gerne nieder, da Mina vielleicht einmal diese Zeilen lesen wird. Es wird ihr sicher Schmerz bereiten zu lesen, dass ich ein wildes Verlangen danach empfand, diese Lippen zu küssen. Während ich mit diesem Verlangen kämpfte, flüsterten die Mädchen mit einander. "Geh du. Du bist die erste. Wir sind nach dir an der Reihe." Die zweite sagte: "Er ist jung und stark. Das gibt Küsse für uns alle." Ich lag still und hörte sie miteinander flüstern. Ich war hin und her gerissen zwischen wonniger Erwartung und Todesangst.

Schließlich kam eine an mich heran und beugte sich über mich. Ich konnte ihren Atem riechen, süß, honigsüß und dann roch ich etwas Bitteres, Abstoßendes in ihrem Atem - wie Blut. Vorsichtig blinzelte ich und sah, dass das schöne Mädchen zu mir getreten war. Sie leckte sich die scharlachroten Lippen mit ihrer roten Zunge und ihre weißen Zähne blitzen. Dann kniete sie neben mir nieder und beugte sich immer tiefer zu mir herab. Sie streifte an Mund und Kinn vorbei. Ich konnte ihren heißen Atem auf meiner Kehle fühlen und zitterte. Ich hörte saugende Laute und hatte das eigentümliche Gefühl, das man hat, wenn eine Hand sich einem nähert, die einen kitzeln will. Ich fühlte die süße Weichheit ihrer Lippen und dann die harten Spitzen zweier scharfen Zähne. Ich schloss die Augen und wartete - mit bangem Herzen.

In diesem Augenblick fühlte ich die Nähe des Grafen, der in einem Sturm der Erregung herangekommen war. Unwillkürlich öffnete ich die Augen und sah, wie der Graf das schöne Mädchen am Nacken packte und zurückriss. Sie war wütend und knirschte mit den Zähnen, aber ihre Wut war nichts gegen die Wut des Grafen! Seine Augen sprühten und ich hatte das Gefühl, direkt in die roten Flammen der Hölle zu sehen. Sein ohnehin blasses Gesicht war totenbleich und seine Gesichtszüge starr. Er schleuderte das Mädchen mit Riesenkraft zurück und ging dann auf die anderen zu. Mit schneidender Stimme sagte er: "Wie kann es eine von euch wagen, ihn anzurühren, wo er doch mir gehört? Ich habe euch verboten, ein Auge auf ihn zu werfen. Hütet euch! Wenn ich euch noch einmal bei ihm treffe, dann werdet ihr meinen Zorn spüren!" Das schöne Mädchen lachte kokett und antwortete: "Du hast nie geliebt und wirst nie lieben!" Die anderen Mädchen stimmten ihr schauriges seelenloses Gelächter ein. Der Graf sah die Mädchen an und erwiderte: "Und ich kann doch lieben. Ihr wisst es doch alle, aus vergangener Zeit. Ist es nicht so? So sei es, dass ihr ihn küssen könnt, wenn ich mit ihm fertig bin. Aber jetzt geht! Ich muss ihn aufwecken, denn heute gibt es noch viel zu tun!" "Wir sollen leer ausgehen?", zischten da die Weiber. Der Graf deutet auf ein Bündel, das er auf den Boden geworfen hatte. In dem Bündel bewegte sich etwas und ich meinte, das halb erstickte Stöhnen eines Kindes zu hören. Die Frauen nahmen das schreckliche Bündel an sich und verschwanden kichernd. Sie gingen nicht durch eine Tür, nein, sie schienen einfach in den Strahlen des Mondlichts zu zerfließen und ich konnte noch einen Moment lang ihre schattenhaften Umrisse sehen, ehe sie ganz verschwanden. Das Grauen überwältigte mich und ich sank in eine Ohnmacht.





Der Klassiker DRACULA von Bram Stoker (1847-1912) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb nacherzählt.

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