LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Mann von der Insel

Der Abhang des Berges war steil und steinig. Ein paar Kiesel lösten sich und fielen prasselnd und scheppernd zwischen die Bäume. Unwillkürlich blickte ich in jene Richtung und sah eine Gestalt, die mit großer Geschwindigkeit hinter den Stamm einer Kiefer hüpfte. Ich hätte nicht sagen können, was es war, ob Bär oder Mensch oder Affe. Es schien dunkel und zottig zu sein.

Was sollte ich tun? Selbst Silver erschien mir weniger schrecklich als dieses Geschöpf der Wälder. Ich machte also auf dem Absatz kehrt und lenkte meine Schritte zurück in Richtung der Boote.

Als ich über meine Schulter zurück blickte, erschien die Gestalt wieder und begann mich zu jagen. Ich musste erkennen, dass ich mich mit einem solchen Gegner in der Schnelligkeit nicht messen konnte. Wie ein Hirsch flitzte das Geschöpf von Stamm zu Stamm. Obwohl es sich beim Laufen fast bis auf den Boden beugte, gab es für mich keinen Zweifel mehr, dass es ein Mensch ist.

Mir kam alles wieder in den Sinn, was ich von Menschenfressern gehört hatte. Aber trotzdem beruhigte mich die Tatsache, dass es ein Mensch war. Dagegen begann die Angst vor Silver wieder zu wachsen.

Als ich stehen blieb, um über mein weiteres Vorgehen nachzudenken, fiel mir meine Pistole ein, und mein Mut begann zu steigen.

Ich machte ein entschlossenes Gesicht und ging kühn auf diesen Mann von der Insel zu. Er hatte sich jetzt hinter einem anderen Baumstamm verborgen. Er musste mich aber genau beobachtet haben, denn sobald ich mich in seine Richtung bewegte, erschien er wieder und kam mit einem Schritt auf mich zu. Dann zögerte er, ging zurück, kam abermals auf mich zu und warf sich schließlich zu meiner Überraschung und Verwirrung auf die Knie. Dabei streckte er seine gefalteten Hände demütig vor.

"Wer seid Ihr?", fragte ich.

"Ben Gunn", antwortete er, und seine Stimme klang unbeholfen und heiser wie ein verrostetes Schloss. "Ich bin der arme Ben Gunn, und ich habe drei Jahre lang mit keinem Menschen mehr gesprochen."

Nun konnte ich sehen, dass er ein Weißer war wie ich selbst und recht angenehme Gesichtszüge hatte. Seine Haut war von der Sonne verbrannt, aber seine hellen Augen leuchteten. Er war mit Fetzen von altem Segeltuch, alten Matrosenkleidern und Ziegenfellen bedeckt, die er mit Hilfe von verschiedenen Befestigungen zusammenhielt, mit Messingknöpfen, Holzstäbchen und geteerten Bindfäden.

"Drei Jahre!", rief ich. "Habt Ihr Schiffbruch erlitten?"

"Nein, Kamerad", erwiderte er. "Ich wurde ausgesetzt. Vor drei Jahren ausgesetzt. Seitdem habe ich von Ziegen gelebt, von Beeren und Muscheln. Du hast nicht zufällig ein Stück Käse in der Tasche? Nein? Ach, so viele lange Nächte habe ich von Käse geträumt."

Ich wusste, dass Aussetzen eine schreckliche Strafe bedeutete, die besonders unter Seeräubern üblich war. Der Übeltäter wird dabei mit einem kleinen Vorrat an Pulver und Blei an Land gebracht und auf irgendeiner einsamen und entfernten Insel zurückgelassen.

"Wenn ich jemals wieder an Bord kommen sollte, dann sollt Ihr einen ganzen Laib Käse haben", sagte ich.

Die ganze Zeit über hatte er den Stoff meiner Jacke befühlt, meine Hände gestreichelt und meine Stiefel betrachtet. Er zeigte ein kindliches Vergnügen an meiner Gegenwart.

Jetzt aber wiederholte er: "Wenn du jemals wieder an Bord kommen solltest, sagtest du? Aber wer soll dich daran hindern? Wie heißt du eigentlich, mein Junge?"

Ich antwortete ihm, dass ich Jim heiße, und er erzählte mir von seiner Mutter, einer frommen Frau, und dass er auf dieser einsamen Insel auch zur Frömmigkeit zurückgefunden habe. "Und, Jim", sagte er, dann blickte er sich um und senkte seine Stimme zu einem Flüstern, "ich bin reich."

Nun wusste ich, dass der arme Kerl in der Einsamkeit verrückt geworden war.

Er wiederholte erregt seine Behauptung: "Reich bin ich! Reich! Und ich will dir etwas sagen: Ich werde einen reichen Mann aus dir machen, Jim. Ach, Jim, du wirst deinem Schicksal noch einmal dankbar sein, dass du mich als Erster gefunden hast!"

Dann legte sich plötzlich ein Schatten über sein Gesicht. Er umklammerte mit eisernem Griff meine Hand und fragte: "Aber jetzt, Jim, sag mir die Wahrheit! Ist das Flints Schiff?"

"Es ist nicht Flints Schiff", antwortete ich ihm, "und Flint ist tot. Aber ich will die Wahrheit sagen. Es sind einige von Flints Männern an Bord, und das ist das Unglück für uns."

"Doch nicht ein Mann … mit einem Bein?", keuchte er.

"John Silver?", fragte ich zurück.

"Ja, Silver!", rief er. "Das war sein Name."

"Er ist der Koch und der Anführer der Bande." Ich fasste schnell einen Entschluss und erzählte ihm die ganze Geschichte unserer Reise und schilderte ihm die fatale Lage, in der wir uns befanden. Als ich fertig war, klopfte er mir auf die Schulter.

"Du bist ein guter Kerl, Jim", sagte er. "Ihr steckt alle in der Falle, aber ihr müsst einfach Ben Gunn vertrauen. Ben Gunn ist der Mann, der euch helfen wird. Allerdings möchte ich gern wissen, ob der Baron ein großzügiger Mann ist, der mit sich reden lassen würde über, sagen wir, tausend Pfund von dem Schatz?"

"Ich bin sicher, dass er darüber mit sich reden lässt", sagte ich.

"Und er würde mich nach Hause mitnehmen?", fügte er hinzu.

"Sicher", rief ich. "Der Baron ist ein Gentleman. Außerdem werden wir Euch zur Arbeit auf dem Schiff benötigen, wenn wir die anderen losgeworden sind."

"Jetzt will ich dir was erzählen", fuhr er fort. "Soviel werde ich erzählen und kein Wörtchen mehr. Ich war auf Flints Schiff, als er den Schatz vergrub, er und noch sechs kräftige Matrosen. Sie waren fast eine Woche an Land, während wir auf der alten ' Walross' in der Nähe der Küste kreuzten. Eines schönen Tages ging das Signal hoch, und Flint kam in einem kleinen Boot. Leichenblass sah er aus, aber er war da, und die sechs waren alle tot, tot und begraben. Wie er es gemacht hat, konnte keiner an Bord herauskriegen. Es war Kampf, Mord, zumindest Totschlag. Er allein gegen sechs! Billy Bones war der Maat, der lange John war Quartiermeister. Sie fragten Flint, wo der Schatz geblieben sei. ‚Ach', sagte er zu ihnen, ‚ìhr könnt ja an Land gehen, wenn ihr wollt und dort bleiben.' Das war's, was er sagte.

Vor drei Jahren fuhr ich auf einem anderen Schiff, und wir sichteten diese Insel. ‚Jungs', sagte ich, ‚hier liegt Flints Schatz. Wir wollen an Land gehen und ihn suchen.' Dem Käpt'n gefiel das nicht. Aber meine Schiffskameraden waren einer Meinung, und wir gingen an Land. Zwölf Tage suchten wir nach dem Schatz, und mit jedem Tag schimpften sie mehr auf mich, bis eines schönen Morgens alle Männer wieder an Bord gingen. ‚Was dich betrifft, Benjamin Gunn', sagten sie, ‚hier hast du eine Muskete und einen Spaten und eine Spitzhacke. Du kannst hier bleiben und allein nach Flints Schatz suchen.'

So bin ich also nun drei Jahre hier, Jim. Das wirst du deinem Baron sagen. Drei Jahre war der Mann auf dieser Insel, Tag und Nacht, bei Sonnenschein und Regen. Du wirst ihm sagen, dass Gunn ein guter Mann ist."

"Gut", erwiderte ich, "die Frage ist nur, wie ich wieder an Bord komme."

"Das ist der Haken", entgegnete er. "Aber dafür gibt es mein Boot, das ich mit meinen eigenen Händen gebaut habe. Ich habe es unter dem weißen Felsen versteckt. Nach Einbruch der Dunkelheit können wir es versuchen. Ha, was ist das?"

Obwohl die Sonne noch ein oder zwei Stunden vom Horizont entfernt war, erscholl in diesem Augenblick ein donnernder Kanonenschuss.

"Der Kampf hat begonnen!", schrie ich. "Folgt mir!"

Meine Angst war vergessen, und ich rannte in die Richtung des Ankerplatzes davon. Dicht neben mir eilte der Mann von der Insel in seinen Ziegenfellen mühelos und leichtfüßig dahin. Nach einer längeren Pause folgte dem Kanonenschuss eine Salve von Musketen und Pistolen.

Wieder folgte eine Pause, und dann erblickte ich, kaum eine Viertelmeile von uns entfernt, die englische Flagge, die über den Bäumen im Wind flackerte.





Der Klassiker DIE SCHATZINSEL von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Georges Roux (1850 - 1929) hergestellt.

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