LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Tiger! Tiger! - Teil 1

Nun kehren wir noch einmal zurück, zum Ende der ersten Geschichte. Ihr erinnert euch an Mowglis Kampf mit dem Rudel am Ratsfelsen. Danach hatte er die Wolfshöhle verlassen und war zum Dorf gegangen. Doch dort wollte er nicht bleiben, denn ihm war klar, dass er sich im Rat mindestens einen Todfeind gemacht hatte. Und dieses Dorf lag zu nah am Dschungel. Deshalb eilte er weiter und folgte etwa zwanzig Meilen weit einem Pfad, bis er eine Gegend erreichte, die er nicht kannte.

Hier öffnete sich das Tal zu einer weiten Ebene, die mit Felsen übersät und von Schluchten zerschnitten war. Am einen Ende lag ein kleines Dorf, am anderen senkte sich der dichte Dschungel bis zu den Viehweiden hinunter und endete dort abrupt. Überall grasten Rinder und Büffel. Als die kleinen Hütejungen Mowgli sahen, schrien sie und rannten davon. Mowgli marschierte weiter, denn er hatte Hunger.

An den Barrikaden am Dorfeingang erkannte er, dass die Menschen sich auch hier vor dem Dschungelvolk fürchteten. Als ein Dorfbewohner Mowgli entdeckte, holte er gleich den Priester. Er schritt zum Tor, von mindestens hundert Leuten begleitet. Sie rissen alle die Augen auf, sprachen und riefen und deuteten auf Mowgli. Der erkannte gleich, dass diese Menschen so schlechte Manieren hatten wie der graue Affe. Deshalb warf er sein langes Haar zurück und blickte er die Menschen stirnrunzelnd an.

Doch anhand der Bisse an Mowglis Armen und Beinen erkannte der Priester gleich, dass er nur ein Wolfskind war. Er beruhigte die Menschen und die Frauen bedauerten das arme Kind, das von Wölfen gebissen wurde. Sie glaubten sogar, dass es sich um den vor einigen Jahren verschleppten Sohn von Messua, einer Dorfbewohnerin, handelte.

Messua legte die Hand über die Augen und spähte zu Mowgli hinüber. "Ja, er ist ihm ähnlich. Er ist dünner, aber meinem Jungen wie aus dem Gesicht geschnitten." Sie nahm Mowgli mit in ihr Haus. Mowgli dachte, dass dieses ganze Gerede auch nicht besser war, als die Musterung durch das Rudel! Aber wenn er Mensch werden wollte, dann musste er da wohl durch.

Sie gingen gemeinsam durch die Menschenmenge zur Hütte der Frau. Sie gab ihm tüchtig Milch zu trinken und etwas Brot. Als sie ihm in die Augen blickte, dachte sie, er könnte vielleicht doch ihr Sohn Nathoo sein. Doch Mowgli konnte mit dem Namen nichts anfangen. Er fühlte sich unbehaglich. Noch nie hatte er unter einem Dach gewohnt. Glücklicherweise erkannte er, dass er jederzeit ausreißen konnte, falls er sich davonstehlen wollte.

Mowgli wurde schnell klar, dass er die Menschensprache lernen musste, wenn er nicht dumm und ungeschickt sein wollte, wie ein Mensch im Dschungel. Und da er bei den Wölfen bereits gelernt hatte, sämtliche Tierlaute nachzuahmen, fiel es ihm nicht schwer, die Worte nachzusprechen, die Messua ihn lehrte. Noch vor dem Abend hatte er die Bezeichnungen von vielen Dingen in der Hütte gelernt.

Doch schlafen konnte Mowgli nicht in der Hütte. Sie glich zu sehr einer Pantherfalle. Als Messua die Tür schließen wollte, sprang er zum Fenster hinaus. Am Rande des Feldes streckte er sich im Gras aus. Aber bevor er die Augen geschlossen hatte, bohrte sich eine feuchte graue Nase unter sein Kinn. Es war Grauer Bruder, das Älteste von Mutter Wolfs Jungen. Er beklagte sich, dass Mowgli schon jetzt stinke wie ein Mensch. So erfuhr Mowgli das Neueste aus dem Dschungel. Grauer Bruder erzählte ihm, dass alle wohl auf wären im Dschungel, außer den Wölfen, dessen Fell von der Roten Blume versengt, wurde.

"Shir Khan, der Tiger, ist fortgegangen, um fern von uns zu jagen, bis sein Fell wieder nachgewachsen ist. Er ist nämlich schlimm verbrannt. Und wenn er zurückkommt, dann will er deine Knochen im Fluss versenken", warnte Grauer Bruder seinen Mowgli.

Doch Mowgli war zu müde, um sich darüber aufzuregen. "Aber bring mir immer die Neuigkeiten!", bat er seinen Wolfsbruder. "Ich werde nie vergessen, dass ich auch ein Wolf bin. Aber ich werde auch immer daran denken, dass ich aus dem Rudel ausgestoßen wurde."

Grauer Bruder erwiderte, dass Mowgli auch aus dem Rudel der Menschen ausgestoßen werden könne. "Menschen sind nur Menschen und ihr Gerede ist nicht viel Wert. Wenn ich das nächste Mal hier herunterkomme, warte ich zwischen den Bambusstauden am Rande der Weide auf dich."

Nach dieser Nacht kam Mowgli drei Monate lang kaum vor das Dorftor. Er war emsig damit beschäftigt, die Sitten und Gebräuche der Menschen zu lernen. Es war nicht einfach und manche Dinge regten ihn auf und nicht immer sah er den Zweck einer Gepflogenheit. Die anderen Kinder lachten ihn manchmal aus. Glücklicherweise hatte ihn das Gesetz des Dschungels gelehrt, sich zu beherrschen. Nur das Wissen, dass es unrühmlich war, kleine nackte Jungen zu töten, hielt ihn ab, sie in der Luft zu zerreißen. Im Dschungel kam er sich immer schwach vor, aber die Dorfleute sagten, er sei stark wie ein Bulle.

Eines Tages befahl der Dorfälteste Mowgli, er müsse am nächsten Tag mit den Büffeln hinausziehen und sie hüten, während sie grasten. Mowgli freute sich sehr darüber. Jetzt ging er jeden Abend zu der kleinen Versammlung, die auf der Plattform unter einem großen Feigenbaum stattfand. Hier trafen sich der Dorfälteste, der Barbier und der alte Buldeo und rauchten. Die alten Männer saßen um den Baum herum, rauchten Wasserpfeifen und erzählten wunderbare Geschichten von Göttern, Menschen und Geistern. Und Buldeo erzählte fast noch wundervollere über das Dschungelleben. Den Kindern, die außerhalb des Kreises den Geschichten lauschten, fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Mowgli, der natürlich Bescheid wusste, musste sich die Hände vors Gesicht schlagen, damit niemand sah, dass er lachte. Erst als Boleo behauptete, dass der Tiger, der Messuas Sohn davongeschleppt hatte, ein Geistertiger gewesen sei, besessen vom Geist des hinkenden Purun, erst dann mischte sich Mowgli ein. Er erklärte, dass dieser Tiger humpelte, weil er lahm geboren wurde. Buldeo war vor Verblüffung sprachlos.

"Wenn du so schlau und weise bist, dann bring uns sein Fell. Die Regierung hat hundert Rupien auf ihn ausgesetzt. Aber noch besser wäre es, zu schweigen, wenn Ältere sprechen", fuhr Buldeo ihn an.

In den meisten indischen Dörfern war es Sitte, dass am frühen Morgen ein paar Jungen die Rinder und Büffel zum Weiden hinaustreiben und des Abends wieder heimbringen. Solange die Jungen bei den Rindern bleiben, sind sie sicher. Nicht einmal der Tiger würde eine Rinderherde angreifen. Wenn sie aber umherstreifen, kann es vorkommen, dass sie verschleppt werden.

Mowgli machte den Kindern unmissverständlich klar, dass er der Meister war. Er trieb auf dem Rücken des Leitbullen die Herde mit einem Bambusstab bis an den Rand des Dschungels. Dort ließ er sich von Rhamas Nacken gleiten, trabte zu einem Bambusgebüsch und fand Grauer Bruder. Der wartete schon viele Tage lang auf ihn.

"Was gibt es Neues von Shir Khan?", fragte Mowgli gleich.

"Er ist in diese Gegend zurückgekommen und hat schon lange auf dich gelauert. Jetzt ist er wieder weg, weil das Wild knapp ist. Aber er hat vor, dich zu töten."

"Ausgezeichnet", sagte Mowgli. "Solange er fort ist, musst du oder einer der vier Brüder immer auf diesem Felsen sitzen. Dann kann ich euch sehen, wenn ich aus dem Dorf komme. Wenn Shir Khan aber zurückkehrt, dann wartet mitten in der Ebene in der Schlucht neben dem Dhak-Baum."

Dann legte sich Mowgli nieder und schlief, während die Büffel um ihn herumgrasten. Vieh hüten ist in Indien eine bequeme Arbeit. Das Vieh bewegt sich langsam hin und her, kaut und liegt rum. Sie muhen nicht einmal. Sie lassen sich in Schlammlöcher nieder und bleiben wie die Baumstämme liegen. Und während die Geier außer Sichtweite über ihnen pfeifen, schlafen die Jungen ein. Wenn sie wieder aufwachen, flechten sie kleine Körbe aus getrockneten Grashalmen und setzen Heuschrecken hinein. Wenn der Abend kommt, wühlen sich die Büffel aus dem klebrigen Schlamm heraus und alle ziehen quer über die graue Ebene zurück zum Dorf.

Tag für Tag führte Mowgli seine Tiere hinaus. Und Tag für Tag sah er Grauer Bruder jenseits der Ebene, was ihm sagte, dass Shir Khan noch nicht zurückgekehrt war. Schließlich kam ein Tag, an dem Grauer Bruder nicht an der verabredeten Stelle saß. Mowgli lachte und trieb die Büffel zum Dhak-Baum. Dort saß Grauer Bruder und erzählte, dass sich der Tiger mit Tabaqui über die Berge auf den Weg gemacht hatte.

Mowgli runzelte die Stirn. Mit Shir Khan würde er fertig werden, aber Tabaqui hielt er für hinterlistig. Doch Grauer Bruder konnte ihn beruhigen. "Im Morgengrauen habe ich Tabaqui getroffen. Bevor ich ihm das Rückgrat gebrochen habe, hat er mir alles erzählt. Shir Khan will dir heute Abend am Dorftor auflauern. Jetzt hat er sich erst mal in das ausgetrocknete Flussbett zurückgezogen. Und gefressen hat er auch."

"Der Narr", entgegnete Mowgli, "dumm wie der Welpe eines Welpen.





Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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