LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Luftmangel

Der Kanadier begann augenblicklich wieder zu fluchen - Conseil schwieg und ich sah Nemo an.

"Meine Herren", sagte der Kapitän kühl, "im Augenblick gibt es zwei Arten des Todes. 1. Wir werden langsam erdrückt. 2. Wir werden langsam ersticken. Den Hungertod halte ich für ausgeschlossen, denn unsere Lebensmittel halten länger, als der Sauerstoff.

"Wieso ersticken?", rief ich unbeherrscht. "Unsere Behälter sind doch mit Luft gefüllt."

"Die reicht höchstens für zwei Tage. Wir sind schon sechsunddreißig Stunden unter Wasser. Sollte es uns gelingen, die Nautilus frei zu bekommen, müssen wir noch die Zeit rechnen, bis wir wieder auftauchen können. Ich schicke gleich meine Leute in Taucheranzügen hinaus. Sie sollen die dünnste Stelle im Eis finden."

Wir bildeten zwei Gruppen, die abwechselnd mit Pickeln und Hacken arbeiteten. In der ersten Gruppe waren der Kanadier und der Kapitän. Messungen hatten ergeben, dass wir uns durch zehn Meter dickes Eis arbeiten mussten.

Die Arbeit wurde unverzüglich in Angriff genommen. Immer nach zwei Stunden, wechselte der Arbeitstrupp. Das Wasser war eiskalt, aber die Schläge wärmten mich. Als ich nach zwei Stunden zurückkehrte, um zu essen und mich auszuruhen, spürte ich bereits den deutlichen Unterschied zwischen der reinen Luft aus dem Atemgerät und der stark kohlensäurehaltigen Luft im Innern der Nautilus.

Nach zwölf Stunden hatten wir gerade mal einen Meter Eisboden abgetragen. Bei diesem Tempo würden wir fünf Nächte und vier Tage benötigen!

In der Nacht wurde ein weiterer Meter gelöst. Als ich am Morgen in meinem Taucheranzug ins minus sieben Grad kalte Wasser stieg, bemerkte ich, dass die Seitenwände unseres Eistunnels immer dicker wurden und sich bedrohlich der Nautilus näherten.

Ich verreit meinen Kameraden nicht, was ich entdeckt hatte. Ich durfte ihren Arbeitseifer nicht lähmen. Als wir jedoch zurück an Bord waren, suchte ich sofort den Kapitän auf und erzählte ihm davon.

"Ich weiß!", antwortete er. "Eine weitere Gefahr. Ich sehe aber nicht, was wir dagegen tun könnten. Uns bleibt nur schneller zu arbeiten, als sich das übrige Eis verfestigt."

Gefüllt mit Wut und Angst griff ich zu meinem Eispickel und arbeitete an diesem Tag härter den je. Der Vorteil war, dass ich durch die Sauerstoffflaschen frische Luft bekam, die an Bord bereits bedrohlich abgenommen hatte. Als ich danach zurückkehrte, glaubte ich fast zu ersticken.

An diesem Abend öffnete Nemo zum ersten Mal die Hähne seiner Reservebehälter und ließ frische Luft herein. Ohne diese Maßnahme wären wir am Morgen wohl nicht mehr aufgewacht!

Doch bereits einen Tag später, am 27. März, es war der sechste Tag unserer Gefangenschaft, wurde der Sauerstoffanteil in der Nautilus erneut erschreckend weniger. Wenn ich nicht im Eiswasser arbeitete, lag ich leblos mit blauen Lippen auf dem Sofa in der Bibliothek.

Langsam begann ich zu begreifen, dass ich mich dem Tod stellen musste. Meine Gedanken konnte ich nicht mehr zusammenhalten. Da kamen Ned Land und Conseil mit einem Atemgerät und flößten mir einen letzten Rest Luft ein.

Ich sah auf die Uhr: elf Uhr am 28. März. Ein Blick auf die Instrumente sagte mir, dass die Nautilus mit unglaublichen vierzig Seemeilen dahinschoss, allerdings immer noch in sechs Metern Tiefe!

Zertrümmern! Das war mein erster Gedanke - da merkte ich schon, wie wir zum Manöver ansetzten. Wie ein Rammbock prallte die Nautilus gegen die Eisdecke, einmal, zweimal. Die Masse wurde brüchig und mit einem letzten Anlauf schossen wir aus dem Wasser heraus und brachen krachend in die Eisoberfläche des Meeres ein.

Erlösende Luft drang in die Räume.





Der Klassiker 20000 MEILEN UNTER DEM MEER von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) hergestellt.

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