LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der erste Geist - Teil 1

Als Scrooge erwachte, war es derart finster, dass er kaum zwischen Fenster und Wand unterscheiden konnte. Er versuchte mit seinen Wieselaugen die Dunkelheit zu durchdringen, als die Kirchenglocke die volle Stunde schlug. Es war ein Uhr.

Triumphierend rief Scrooge: "Nichts weiter als eine volle Stunde!"

Da blitzte Licht im Zimmer auf und die Vorhänge an seinem Bett wurden zurückgezogen. Hektisch versuchte Scrooge, sich aufzurichten. So fand er sich halb sitzend einem überirdischen Besucher gegenüber. Seltsam sah er aus - fast wie ein Kind. Oder glich er eher einem alten Mann, der die Statur eines Kindes hatte? Das weiße Greisenhaar fiel über den Rücken und der Geist hatte keine einzige Falte im Gesicht. Im Gegenteil, seine Wangen schimmerten leicht rot.

Die gespenstische Gestalt hielt einen Stechpalmenzweig in der Hand, was im Widerspruch zu dem mit Sommerblumen geschmückten Gewand stand. Das Wundersamste an dem Geist aber war das klare Licht, das vom Scheitel hinauf strömte. Dieser Lichtstrom war zuvor vermutlich durch den Löschhut verdeckt gewesen, den das Gespenst gerade unter dem Arm hielt.

"Du bist der Geist, der mir vorhergesagt wurde?", fragte Scrooge.

"Nun ja."

"Wer genau bist du und was machst du hier?"

"Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht und deiner Vergangenheit. Nur zu deinem Wohle verweile ich hier."

Scrooge brummelte, er sei ihm sehr zu Dank verpflichtet. Dennoch wäre eine ungestörte Nachtruhe ebenso von Vorteil gewesen.

Der Geist nahm Scrooge beim Arm und forderte ihn auf: "Komm mit mir. Steh auf!"

Scrooge führte an, dass weder das Wetter noch die fortgeschrittene Stunde zu einem Spaziergang in kalter Nacht geeignet seien. Außerdem sei er sehr erkältet und obendrein trüge er nur Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze! Doch obwohl der Griff seines Besuchers sanft war, gleich der einer Frau, erhob sich Scrooge. Mit zitternder Hand griff er nach dem Gewand des Geistes, der sich bereits dem Fenster zugewandt hatte, und bemerkte: "Ich werde hinunterfallen - bin ich doch nur ein Mensch."

Doch der Geist berührte Scrooges Herz mit der Hand. Dann ging es ganz schnell. Gemeinsam schritten sie durch die Mauer und fanden sich auf offener Landstraße wieder. Von der Stadt war nichts mehr zu sehen. Auch Düsterkeit und Nebelschleier waren einem klaren, kalten Wintertag gewichen.

Während sie über die schneebedeckte Erde gingen, wirbelten Scrooge längst vergessene Gedanken durch den Kopf. Die Luft, die er einatmete, erinnerte ihn an Hoffnungen, Freuden und Sorgen, die er längst abgeschlossen glaubte.

Mitten in die Gedanken hinein fragte der Geist: "Erinnerst du dich an den Weg?"

"Und ob ich mich erinnere", rief Scrooge.

"Wie seltsam", murmelte der Geist, "dass du ihn dann so viele Jahre vergessen konntest."

Entlang der Straße durchschritten sie Scrooges Stationen der Vergangenheit. Sie trafen auf seine Schule, sahen Schatten von längst vergangenen Vorkommnissen, den alten Papagei "Ali Baba" und sogar seine liebe Schwester, die Mutter jenes Neffen, der ihn zum Weihnachtsessen geladen hatte.

Vor der Tür eines bestimmten Geschäfts stoppte der Geist und fragte: "Und - erinnerst du dich?"

"Natürlich erkenne ich es. Hier machte ich meine Ausbildung."

Der Geist ging Scrooge voran hinein. Hinter einem hohen Pult saß ein alter Mann mit Perücke, der - wäre er um einige Zentimeter größer gewesen - seinen Kopf an die Decke gestoßen hätte. Aufgeregt rief Scrooge: "Das ist ja der alte Fezziwig! Gott behüte - der alte Fezziwig wie er leibt und lebt!"

Der alte Mann blickte auf seine Uhr, die sieben anzeigte, und legte die Schreibfeder nieder. Er zog seine weite Weste zurecht, rieb sich die Hände und begann fröhlich zu lachen. "Hey, Ebenezer! Dick!" Daraufhin betrat Scrooges früheres Ich, in Gestalt eines jungen Mannes mit dem anderen Lehrling den Raum.

Scrooge sagte zu dem Geist: "Das ist ja wirklich Dick Wilkins! Gott behüte - er mochte mich immer sehr, der brave Dick."

Fezziwig rief: "Auf, meine Jungen! Heute ist Weihnachtsabend. Christfest. Räumt auf, damit wir genügend Platz haben!" Und es gab tatsächlich nichts, was man nicht irgendwie zur Seite schieben oder verrücken konnte. Unter Fezziwigs Blick wurde der Boden gekehrt, die Lampen geputzt, Feuer gemacht und in Windeseile glich der vormals nüchterne Geschäftsraum einem gemütlichen, trockenen und hellen Ballsaal.

Ein Fiedler kam herein und ging mit seinem Notenbuch zum hohen Pult. Er stimmte seine Geige, dass es eine Freude war. Nach und nach betraten immer mehr Leute den Raum. Erst eine lächelnde Mrs. Fezziwig, dann die drei liebenswürdigen Misses Fezziwigs, gefolgt von ihren sechs Verehrern. Danach folgten alle Angestellten des Geschäfts, das Hausmädchen mit ihrem "Vetter", dem Bäcker ebenso die Köchin mit "dem besten Freund ihres Bruders", dem Milchmann. Selbst der Knabe von nebenan trat ein. Von ihm wusste man, dass sein Meister ihm nicht genug zu essen gab.

So verschieden sie waren, so traten sie auch ein - mutig, schüchtern, dreist, linkisch, schiebend oder stoßend. Im Rhythmus des Geigenspiels stoben an die zwanzig Paare den Raum hinauf und hinunter. Die Gesellschaftstänze aufs chaotischste ausgereizt standen die Paare meist an der falschen Stelle, alle wollten vorne stehen, keiner mochte das hinterste Paar sein. Fezziwig klatschte in die Hände, rief: "Bravo", als Zeichen dafür, dass der Tanz beendet war.

Schnell nutzte der Fiedler die Pause, um sein glühendes Gesicht in einem Krug Porter abzukühlen, der eigens zu diesem Zwecke da stand. Dann folgten noch viele Tänze, Kuchen und Punsch. Man brachte ein großes Stück kalten Rostbraten, gesottenes Fleisch, Fleischpasteten und Bier.

Der Knaller des Abends war jedoch, als der Fiedler zum Großvatertanz "Sir Roger de Coverley" aufspielte. Da erhob sich der alte Fezziwig, um seine Frau zum Tanz aufzufordern. Als erstes Paar hatten sie ein gehöriges Stück Arbeit vor sich - denn es folgten drei- oder vierundzwanzig Paare, die mittanzen wollten. Alles Leute, mit denen nicht zu spaßen war! Leute, die tanzen wollten - sich keinesfalls mit kleinen Schritten begnügten. Doch Fezziwig und seine Gattin waren allen gewachsen.

Pünktlich um elf Uhr wurde der Hausball beendet. Mr. und Mrs. Fezziwig stellten sich an die Tür und drückten den hinausgehenden Leuten herzlich die Hand und wünschten ihnen frohe Weihnachten. Den beiden Lehrlingen wünschten sie ebenfalls ein frohes Fest, jedoch verließen die beiden nicht das Haus, weil sich ihre Lagerstatt unter einem Zahltisch im Hinterladen befand.

"Es braucht nicht viel, um diese einfachen Menschen mit so viel Dankbarkeit zu erfüllen", sagte das Gespenst.

"Eine Kleinigkeit", erwiderte Scrooge.

"Na ja, ist es nicht so? Nur drei oder vier Pfund eures sterblichen Geldes hat er ausgegeben - verdient er deshalb so viel Lob?"

Scrooge ereiferte sich. "Das ist es nicht. Ihm allein mag es gelingen, uns glücklich oder unglücklich zu machen, uns die Arbeit zu erleichtern oder zu erschweren. Seine Macht liegt in Worten und Blicken, in geringen unbedeutenden Dingen, die unmöglich abzuschätzen sind. Trotzdem ist das Glück, das er ermöglicht, so groß, als hätte es sein ganzes Vermögen verschlungen."

Als Scrooge den Blick des Geistes sah, hielt er inne.

"Was ist los", fragte der Geist.

"Nichts."

"Aber ja doch, mir scheint, dich beschäftigt etwas."

"Nein, nein - obwohl, wenn ich vielleicht meinem Gehilfen einige Worte sagen könnte …"





Der Klassiker EINE WEIHNACHTSGESCHICHTE von Charles Dickens (1812-1870) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von John Leech (1817-1864) erstellt.

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