LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Huckleberry und Jim reißen aus

Mit zwei nett aussehenden Herren, ein älterer und ein jüngerer mit dem Arm in einer Binde, erschienen sie auf der Bildfläche. Die Menschen schrieen und lachten. Ich konnte mir nicht erklären, weshalb. Dem König und dem Herzog war das Ganze nicht ein bisschen peinlich. Sie ließen sich nichts anmerken.

Viele einflussreiche Menschen versammelten sich um den König, um zu zeigen, dass sie zu ihm halten würden. Der ältere Herr sah ganz verdattert aus. Als er zu sprechen begann, merkte man gleich, dass dies wirklich ein Engländer war. Es hörte sich ganz anders an als das Gerede vom König.

Der ältere Herr erzählte, dass er und sein Bruder ein Unglück gehabt hätten. Dabei hätte sich der jüngere Bruder den Arm gebrochen. Das gemeinsame Gepäck wäre versehentlich in der Nacht bei der letzten Dampferstation von Bord gebracht worden. Er stellte sich als der wahre Bruder des verstorbenen Peter Wilks vor. Der jüngere Mann sei Harvey, ebenfalls ein Bruder. Sobald das Gepäck ebenfalls hier sei, könne er das beweisen. Bis dahin wolle er ins Hotel gehen und abwarten.

Der König zog dieses Geständnis ins Lächerliche und die meisten Menschen lachten mit ihm. Ungefähr zwölf oder dreizehn Männer blieben ernst. Sie entlarvten den König. Sie hätten ihn und einen Jungen schon vor dem Tod von Peter Wilks im Kanu an der Landzunge gesehen. Sie zeigten dabei mit ausgestreckten Fingern auf mich.

Der Doktor sagte: "Es ist unsere Pflicht, aufzupassen, dass sie nicht fortkommen, bis wir die Geschichte geprüft haben. Wir wollen die Burschen hier mal den anderen beiden gegenüberstellen. Es wird sicher nicht lange dauern, bis wir hinter die Sache kommen."

Das machte den Leuten Spaß und alle machten sich auf den Weg. Man brachte alle vier in ein Zimmer im Hotel. Um herauszufinden, wer nun die echten Brüder des verstorbenen Peter Wilks waren, schlug der Doktor vor, das Geld ins Hotel bringen zu lassen, bis bewiesen war, dass der König und der Herzog die richtigen Erben waren.

Alle stimmten zu. Da saß unsere Bande ganz schön in der Patsche. Der König erklärte traurig, dass das Geld aus dem Versteck gestohlen worden war. Doch es schien ihm keiner zu glauben. "Blödsinn", hörte man die Leute murmeln. Dann fragte der Doktor mich, ob ich Engländer sei. Ich bejahte, doch die Leute lachten.

Dann begann die Untersuchung. Man ließ den König sein Garn spinnen und den alten Herzog seins. Die meisten bemerkten, dass der König log. Nach einer Weile befragten sie mich auch. Da ich im Schwindeln nicht sehr erprobt war, flog meine falsche Erklärung schnell auf. Da ließen sie von mir ab.

Dann ließ der Rechtsanwalt Schriftproben von den vier Herren anfertigen. Doch da einer der fremden Herren den rechten Arm gebrochen hatte, blieb der eindeutige Beweis aus. Trotzdem war ganz klar, dass der König und der Herzog nie und nimmer die Brüder des Verstorbenen sein konnten. Doch der Narr gab nicht auf.

Da unterbrach der alte Herr die Diskussion. "Mir ist etwas eingefallen. Ist jemand hier, der dabei war, als die Leiche von Peter Wilks zurecht gemacht wurde?"

"Ja", rief einer.

Der alte Herr wandte sich an den König und sagte: "Vielleicht kann der Herr mir sagen, was auf der Brust von Peter Wilks tätowiert war?"

Der König wurde ein kleines bisschen blass. Dann behauptete er, einen blassen, blauen Pfeil gesehen zu haben. Doch die Männer hätten so ein Zeichen wohl nicht gesehen. Dann trumpfte der ältere Herr auf, dass auf der Brust ein blasses P-B-W (das B für den zweiten, nie benutzten Vornamen) zu sehen wäre. Doch die besagten Männer behaupteten, gar keine Tätowierung erkannt zu haben.

Da waren die Leute nicht mehr zu halten. Sie schrieen: "Das sind alles Betrüger. Sie gehören ersäuft." Der Rechtsanwalt sprang auf und ordnete an, die Leiche auszugraben und nachzusehen. Da waren die Leute begeistert.

Man packte uns und marschierte zum Friedhof und begann zu graben. Es kam ein Gewitter auf. Im Schein der grellen Blitze fingen sie an den Deckel des Sarges abzuschrauben. Da entdeckten sie den Beutel mit dem Geld auf der Brust des Toten. Im Gewirr ließ mein Bewacher mein Handgelenk los. Diese Gelegenheit nutzte ich und rannte auf die Landstraße zu.

Ich rannte über die leeren Straßen. Unterwegs blitzte ein Licht an Mary Janes Fenster auf. Mein Herz schwoll in der Brust. Aber schon lagen das Haus und alles hinter mir. Ich sollte es nie wieder sehen. Ach, Mary Jane war das beste Mädchen, das ich jemals getroffen hab.

Am Fluss holte ich mir das erste Boot und stieß vom Ufer ab. Ich ruderte zur Insel so schnell ich konnte. Als ich beim Floß angekommen war, war ich erschöpft. Trotzdem sprang ich an Bord und weckte Jim. Der kam mit ausgebreiteten Armen aus der Hütte auf mich zu. Aber als ich im Schein der Blitze sein Antlitz sah, erschrak ich. Ich hatte ganz vergessen, dass er ja immer noch der "kranke Araber" war. Ich wäre beinahe gestorben vor Schreck.

Ich schrie: "Los, mach los!" Zwei Sekunden später trieben wir den Fluss runter. Es war so schön, wieder frei zu sein und ganz allein. Ich musste erst einmal rumspringen und tanzen. Aber nach dem dritten Sprung hörte ich einen Laut. Ich hielt den Atem an und wartete. Als der nächste Blitz übers Wasser zuckte, sah ich sie kommen. Es waren der König und der Herzog, die kräftig in unsere Richtung ruderten. Ich fiel auf die Planken und gab auf.





Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.

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