LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Colin

Erst als Mary abends in ihrem Zimmer war, merkte sie, dass Dickon ihr mit dem Bild eine Botschaft geschickt hatte. Es war sein Versprechen, dass er das Geheimnis um den Garten gut bewahren würde.

Mitten in der Nacht wurde Mary von laut gegen ihr Fenster schlagenden Regentropfen geweckt. Der Wind heulte und rauschte durch die Kamine des Hauses. Mary setzte sich im Bett auf. Sie fühlte sich gar nicht gut.

Eine Stunde lang lag sie wach im Bett, als sie plötzlich wieder das unheimliche Weinen hörte, das vom Flur her kam.

"Das ist nicht der Wind", flüsterte sie. Ihre Tür war aufgegangen, so dass die das bitterliche Weinen noch deutlicher hörte.

Sie fasste einen Entschluss. Heute Nacht würde sie endgültig herausfinden, woher das Weinen kam und wer oder was dahintersteckte.

Sie hatte keine Angst, auch nicht vor Mrs. Medlock. Sie hatte einen Plan und den verfolgte sie nun. Sie sprang auf, zog ihre Hausschuhe an und trat auf den Korridor.

Sie lauschte dem Weinen und folgte diesem unheimlichen Geräusch durch die Flure. Bald entdeckte sie eine Tür, die einen Spalt offen stand, durch den ein Lichtschimmer auf den Flur fiel.

Es war eindeutig. Hinter dieser Tür weinte jemand kläglich. Das hörte Mary deutlich. Entschlossen betrat sie das Zimmer und entdeckte in einem Bett liegend einen Jungen, der vor sich hin jammerte.

Der Junge hatte ein zartes Gesicht mit scharfen Zügen. Riesige Augen hatte er. Sein lockiges Haar fiel ihm in die Stirn. Er sah krank aus und schien zu weinen, weil er müde oder verärgert war. War das alles nur ein Traum? Oder erlebte Mary all das wirklich? Sie war sich nicht sicher.

Mary ging so nah an den Jungen heran, dass er sie schließlich bemerkte. Seine riesenhaften Augen starrten sie weit aufgerissen an.

"Wer bist du?",flüsterte er."Ein Geist?"

Mary war genauso erschrocken und sagte:"Nein, bist du vielleicht einer?"

Sie starrten sich gegenseitig an. Mary fand, dass seine Augen zu groß und zu grau für sein Gesicht waren.

"Nein", antwortete der Junge schließlich."Ich bin Colin."

"Ich verstehe nicht", stammelte Mary.

"Colin Craven. Wer bist du?", sagte der Junge.

"Mary Lennox ist mein Name. Mr. Craven ist mein Onkel."

"Er ist mein Vater", meinte Colin.

Mary wunderte sich."Warum hat mir niemand gesagt, dass er einen Sohn hat?"

Colin bat sie, näher zu kommen. Er berührte sie am Arm. "Du bist echt", stellte er fest. "Ich habe oft seltsame Träume."

"Ich bin kein Traum", erwiderte Mary und ließ ihn ihren Morgenmantel befühlen.

Colin fragte Mary, woher sie komme und Mary erzählte ihm, dass sie sein Weinen bis in ihr Zimmer gehört hatte und herausfinden musste, woher es kam.

"Warum hast du geweint?", fragte sie ihn.

"Ich konnte nicht schlafen und habe Kopfschmerzen", sagte er. "Wie heißt du nochmal?"

"Mary Lennox. Wusstest du nicht, dass ich hierher gekommen bin und hier lebe?"

"Mein Vater verbietet jedem, über mich zu sprechen. Weil ich krank bin und immer in diesem Bett liegen muss, bis ich bald sterbe. Wenn ich länger leben würde, bekäme ich einen Buckel, wie mein Vater. Mein Vater hasst den Gedanken, dass ich werden könnte wie er", erzählte Colin.

Wie seltsam dieses Haus doch war! Versperrte Türen, ein verbotener Garten und jetzt auch noch ein eingesperrter Junge. Aber Colin sagte, er sei nicht eingesperrt gewesen. Er wolle einfach nicht hinaus, er hasse frische Luft, sie würde ihn zu müde machen. Sein Vater käme ihn meist nur besuchen, wenn er schlafe, weil er Colin nicht ansehen möge.

Mary begriff langsam, während Colin erzählte: Mr. Craven konnte den Anblick seines Sohnes nicht ertragen, da er ihn an seine verstorbene Frau erinnerte. Er hatte nie mit Colin darüber gesprochen, aber er hatte die Dienstboten darüber reden hören.

"Möchtest du, dass ich gehe?", fragte Mary, da sie sicher war, dass Colin keinen Menschen sehen wollte. Aber Colin hielt Mary am Zipfel ihres Morgenrocks fest und forderte sie auf, ihm etwas zu erzählen.

Colin stellte Mary alle möglichen Fragen und Mary erzählte ihm, was er wissen wollte. Von Indien sprach sie und von ihrer Schiffsreise. Colin lag in seinen Kissen und hörte gespannt zu. Colin ließ Mary wissen, dass er alles bekam, wonach er verlangte. "Alle hier müssen tun, was ich verlange", sagte er beiläufig. "Wie alt bist du?"

"Genauso alt wie du- zehn", sagte Mary.

"Wie kannst du das wissen?" Colin war überrascht.

Viel zu voreilig sprudelte es aus Mary heraus: "Weil vor zehn Jahren das Gartentor verschlossen und der Schlüssel dazu vergraben wurde. Zu der Zeit kamst du zur Welt."

"Was ist das für ein Garten, der verschlossen wurde? Wo ist der Schlüssel?", fragte Colin mit Nachdruck.

Mary wurde nervös. "Der Garten, den Mr. Craven hasst. Er hat den Schlüssel vergraben." Sie versuchte, Colin von dieser Geschichte abzulenken, aber es war zu spät. Er hörte nicht mehr auf, Fragen zu stellen.

Am liebsten hätte er sofort die Gärtner dazu befragt. Sie hätten ihm Rede und Antwort stehen müssen. Mary wurde ganz mulmig. Wenn er das täte, würde ihr Geheimnis gelüftet. "Ich könnte sie zwingen, zu sprechen, ja, das könnte ich", bekräftigte Colin Marys Befürchtung. Dieser Junge war wirklich schlecht erzogen und verwöhnt, das merkte selbst Mary.

"Wirst du wirklich bald sterben?", fragte Mary. Sie wollte nicht mehr über den Garten sprechen und sie war neugierig.

"Ich denke schon", antwortete Colin ungerührt. "Seit ich klein bin, sagen alle, dass ich nicht leben kann. Mit mir spricht keiner darüber, aber ich höre, wie sie untereinander reden. Mein Arzt ist arm und wenn ich sterbe, erbt er Misselthwaite. Ich glaube nicht, dass er unbedingt möchte, dass ich lange lebe."

"Möchtest du denn leben?" ,wollte Mary wissen.

Verärgert und müde sagte er, dass er nicht leben aber auch nicht sterben wolle. Manchmal müsse er so sehr darüber nachdenken, dass er daliege und nur noch schreien würde.

"Das habe ich schon drei Mal gehört. Weinst du, weil du Angst vor dem Sterben hast?" Mary wollte gern, dass Colin nicht mehr von dem Garten anfangen würde.

Aber Colin war hartnäckig und kam wieder auf dieses Thema zu sprechen. Er wollte in seinem Rollstuhl hingeschoben werden und jemanden zwingen, den Schlüssel auszugraben. Mary sollte mitgehen.

Mary sah, dass Colin alles verderben könnte mit seinem Wunsch, den Garten zu sehen. Ihr wurde schlecht vor Angst. Aber dann gelang es ihr, Colin davon abzubringen, andere nach dem Garten zu fragen. Sie sagte, dass es doch viel besser sei, wenn sie beide heimlich einen Weg in den Garten finden würden. Dann wäre es ihr Geheimnis und sie könnten sich dort verstecken, spielen, graben und den Garten wieder lebendig machen.

Das überzeugte Colin, er hatte noch nie ein Geheimnis gehabt. Er erfuhr einiges über Blumen und ließ sich auch erklären, wie aus Knollen und Zwiebeln im Frühling Blumen wachsen. Mary versprach Colin, dass wenn sie den Schlüssel gefunden hätte, sie ihn heimlich im Rollstuhl in den Garten bringen würde. Colin gefiel die Vorstellung.

Mary fiel ein Stein vom Herzen. Sie hatte gerade noch abwenden können, dass ein Unglück geschehen würde und der Garten für sie für immer verloren wäre.

Über dem Kamin in Colins Zimmer hing ein Gemälde, vor dem ein Vorhang hing. Mary zog an einer Schnur und der Vorhang bewegte sich zur Seite. Das Bild zeigte ein junges Mädchen mit strahlenden, fröhlichen Augen.

"Das ist meine Mutter, sie ist tot und ich weiß nicht, warum. Manchmal hasse ich sie, weil sie das getan hat. Wenn sie noch leben würde, würde mein Vater mich ansehen können. Dann wäre ich stark und müsste auch nicht sterben", klagte Colin. "Zieh den Vorhang wieder zu. Ich will nicht, dass sie mich ansieht. Sie lächelt immer, auch wenn es mir schlecht geht. Außerdem gehört sie mir. Sie braucht nicht jeder zu sehen."

Ein kurze Weile setzte sich Mary noch zu ihm. Dann bat Colin sie, jetzt öfter zu ihm zu kommen. Er war froh, dass er sie kennen gelernt hatte. Mary willigte ein. Sie wollte schon gehen, da fragte Colin schüchtern, ob sie nicht noch bleiben könne, bis er eingeschlafen sei.

Mary sang ihm ganz leise ein altes Lied auf Hindustanisch vor, so wie ihre Ayah es immer gesungen hatte. Dabei streichelte sie Colins Hand. Das gefiel Colin und es dauerte nicht lange, da war er eingeschlafen. Mary ging leise in ihr Zimmer zurück.





Der Klassiker DER GEHEIME GARTEN von Frances Hodgson Burnett (1849-1924) wurde von Miriam Bröckling für den Lesekorb nacherzählt.

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