LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Das Gespräch im Obstgarten

Ginger und ich waren keine gewöhnlichen Kutschpferde. Wir hatten mehr das Blut von Rennpferden und waren zum Reiten wie zum Fahren geeignet. Glücklicherweise bereitete unser Herr uns gelegentlich das Vergnügen, gemeinsam auszureiten.

Ginger für den Herrn, ich durfte seine Gattin tragen und Sir Oliver und Merrylegs für die jungen Damen. Wir liebten es, in Gesellschaft zu traben und waren deshalb immer bester Laune dabei. Meine Herrin war eine tolle Reiterin, sie führte mich mit angenehm leichter Hand. Ach, wenn nur alle Menschen wüssten, wie wohl das tut, fürs Maul und für das Wohlergehen.

Ginger beneidete mich manchmal darum. Doch der alte Sir Oliver beruhigte sie dann immer: "Es ist doch eine Ehre für dich, so einen schweren Menschen mit solcher Freude zu tragen wie du. Da musst du nicht traurig sein. Wir Pferde müssen eh die Dinge nehmen, wie sie kommen. Und solange man uns gut behandelt, sollten wir anständig und glücklich sein."

Sir Olivers Schweif war nur 15 oder 20 Zentimeter kurz. Darüber hatte ich mich schon oft gewundert. Und als wir wieder einmal im Obstgarten standen, fragte ich ihn, ob er den Schweif bei einem Unfall verloren hätte.

Da schnaubte er mit wildem Blick. "Das war kein Unfall. Als ich noch jung war, brachte man mich an einen Ort, wo man mir meinen schönen Schweif durch Fleisch und Knochen hindurch abgeschlagen hat. Es war eine grausame Tat."

"Das ist ja schrecklich!", rief ich.

"Ja, das kann man wohl sagen. Aber das Schlimmste waren nicht die höllischen Schmerzen, nein. Obwohl ich mich furchtbar schämte, dass mein schönster Schmuck weg war, so war doch das Schlimmste, dass ich die Fliegen nicht mehr verjagen konnte. Ihr verjagt die lästigen Stechmücken mit eurem Schweif, aber ich bin ihnen hilflos ausgeliefert. Zum Glück macht man das heute nicht mehr."

"Weshalb tat man das denn überhaupt einmal?", fragte Ginger.

Sir Oliver erklärte uns, dass es früher eine Modeerscheinung war. Zu dieser Zeit wurde allen wertvollen Tieren der Schweif gekürzt. Das schien ebenso modisch wie die schrecklichen Zügel, mit denen man Ginger in London gequält hatte.

"Natürlich. Ich finde ja, dass Mode eine der schlimmsten Dummheiten der Menschen ist. Sie quälen ja auch Hunde. Eine liebe Freundin von mir, eine braune Terrierhündin namens Skye, brachte in meinem Stall fünf süße Welpen zur Welt. Eines Tages nahm ein Mann alle mit. Erst dachte ich, er hatte Angst, dass diese süßen herumkrabbelnden Hündchen von uns zertreten werden. Weit gefehlt! Am Abend trug Skye ihre kleinen Tiere blutend und schreiend wieder herein. Man hatte ihnen den Schwanz gekürzt und die Ohren zurechtgeschnitten. Die Mutter hatte sie abgeleckt, gepflegt und irgendwann verheilten die Wunden. Doch die Ohren, die das Innere vor Staub und Verletzungen schützen sollten, waren für immer verstümmelt."

Sir Oliver erzählte uns das mit Bitterkeit in der Stimme und Ginger erklärte aufgebracht alle Menschen zu empfindungslosen Hohlköpfen. Merrylegs bestätigte, dass das alles sehr traurig sei. Doch er nahm unseren Herrn und John und James in Schutz. Er mahnte uns, nicht undankbar zu sein. Und um ein anderes Thema anzuschneiden, fragte ich: "Weshalb gibt es eigentlich Scheuklappen?"

Sir Oliver antwortete knapp: "Die sind nur lästig und gefährlich noch dazu!"

Justice mischte sich ein und erklärte mir, dass Scheuklappen uns Pferde vor Unfällen schützen sollen. Dennoch verstand ich immer noch nicht, weshalb man sie nicht bei Reitpferden verwendete. "Wahrscheinlich der Mode wegen", erklärte Justice. "Menschen meinen, dass ein Pferd erschreckt, wenn es die Räder der Kutsche hinter sich sieht. Sie fürchten, dass wir durchgehen würden. Obwohl das eigentlich blöd ist. Denn wir sehen ja noch viel mehr Räder auf der Straße. Und hätten wir nie Scheuklappen getragen, würden wir sie auch nicht vermissen."

Nun mischte sich Sir Oliver wieder ein. "Ich finde, dass Scheuklappen besonders in der Nacht gefährlich werden können. Wir Pferde können im Dunkeln wesentlich besser sehen als Menschen und wäre unsere Sicht nicht ständig durch diese Scheuklappen behindert, würde mancher Unfall nicht geschehen. So sind vor einigen Jahren zwei Pferde im Dunkeln zu nahe an die Böschung geraten, der Wagen überschlug sich und die Pferde sind ertrunken. Der Kutscher konnte sich damals nur mit Mühe retten. Dann wurde ein weißer Zaun aufgestellt, den man nachts besser erkennen kann. Hätte man den Pferden nicht die Sicht geraubt, wären sie nie verunglückt.

Oder, als damals die Kutsche unseres Besitzers kippte. Sie sagten, die Lampe auf der linken Seite sei kaputt gegangen und deshalb hätte John das Loch auf dem Weg nicht gesehen. Wäre aber das Pferd ohne Scheuklappen gelaufen, dann hätte es dieses große Loch auch ohne Licht sehen können. Unser Herr war verletzt, die Kutsche unbrauchbar und dass John überlebt hat, war allen ein Rätsel.

Daraufhin meinte Ginger: "Ich verstehe nicht, dass diese Menschen, die sich sonst für so klug halten, immer meinen, sie müssten die Natur verbessern. Vielleicht sollten sie dafür sorgen, dass bei den Pferden die Augen künftig in der Mitte der Stirn sitzen."

Bevor sich die Gemüter vollends erhitzten, warf Merrylegs ein: "Ich habe den Eindruck, dass John auch nicht viel von Scheuklappen hält. Neulich habe ich ihn und unseren Herrn belauscht. Und John hat sich dafür eingesetzt, dass Fohlen lernen, ohne Scheuklappen zu fahren - so wie es in einigen anderen Ländern auch gemacht wird. Deshalb regt euch nicht länger auf und lasst uns auf die andere Seite des Gartens traben. Dort liegen Äpfel, die der Wind herabgeworfen hat. Die sollten wir verspeisen, bevor es die Schnecken tun."





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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