LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Oz wird entlarvt

Die Wanderer gingen auf das große Tor zu, und Dorothy läutete die Glocke. Sie musste einige Male klingeln, bis der ihnen schon bekannte Torwächter die Tür öffnete. „Was! Ihr seid wieder hier?“ fragte er überrascht. „Wie du siehst, sind wir gesund und munter“, entgegnete der Scheuch keck.

„Ich dachte, ihr wolltet die böse Hexe des Westens aufsuchen?“ „Wir haben sie aufgesucht“, bestätigte der Scheuch fröhlich. „Und... sie hat euch wieder gehen lassen?“ staunte der Wachposten. „Sie konnte nichts dagegen tun. Sie ist nämlich geschmolzen“, erklärte der Scheuch. „Geschmolzen? Hat man so was schon gehört?“, wunderte sich der Torhüter. „Aber es sind auf jeden Fall gute Nachrichten. Wer hat sie denn schmelzen lassen?“ „Das war Dorothy“, sagte der Löwe stolz. „Gütiger Himmel!“ entfuhr es dem Torwächter, und er verbeugte sich tief vor dem kleinen Mädchen.

Dann führte er die Freunde in seine Stube und setzte ihnen wie schon beim ersten Mal grüne Brillen auf, die er fest um ihre Köpfe schloss. Auf dem Weg zum Palast erzählte er allen Menschen, dass Dorothy die böse Hexe geschmolzen hatte, und alle drängten sich um die Freunde und folgten ihnen schließlich.

Der Soldat mit dem grünen Bart hielt Wache und ließ die Freunde sofort eintreten. Das hübsche grüne Kammermädchen begrüßte sie und brachte sie auf die ihnen schon bekannten Zimmer, damit sie sich vor dem Empfang bei Oz noch ein wenig ausruhen konnten. Der Soldat hatte den großen Oz umgehend von der Rückkehr der Freunde in Kenntnis gesetzt und ihm berichtet, dass die böse Hexe besiegt sei. Oz aber hatte nicht geantwortet und ließ auch am nächsten, am übernächsten und am überübernächsten Tag nichts von sich hören.

Das Warten war langweilig und ärgerlich, und schließlich wurden die Freunde wütend, dass Oz sie so schlecht behandelte, nachdem er sie dazu gebracht hatte, sich in dieses Abenteuer zu stürzen. „Würdest du dem großen Oz eine Nachricht überbringen?“ fragte der Scheuch das freundliche grüne Kammermädchen. „Würdest du ihm bitte ausrichten, dass Dorothy die Flügelaffen zur Hilfe ruft, sollte uns der große Oz nicht umgehend empfangen?“ Das Mädchen nickte und ging. Sie richtete die Nachricht aus, und Oz erschrak sehr. Er hatte die Flügelaffen im Westland kennen gelernt und legte wenig Wert darauf, sie wiederzusehen. Also ordnete er an, dass Dorothy und ihre Begleiter am nächsten Morgen um vier Minuten nach neun im Thronsaal zu erscheinen hätten.

Die vier verbrachten eine schlaflose Nacht, denn jeder dachte an das, was er sich von Oz erbeten hatte. Irgendwann schlief Dorothy aber doch ein und träumte von Tante Emmie, die immer wieder beteuerte, wie schön es wäre, Dorothy wieder bei sich zu haben.

Am nächsten Morgen wurde wurden sie von dem grünen Soldaten pünktlich um neun abgeholt und erreichten um genau vier Minuten nach neun den Thronsaal. Jeder hatte erwartet, den Zauberer in der Gestalt zu sehen, die er beim ersten Besuch gehabt hatte. Umso größer war das Erstaunen, dass sie nun niemanden im Thronsaal entdecken konnten. Sie blieben dicht beieinander an der Tür stehen. Die Stille in dem weiten leeren Raum wirkte noch viel unheimlicher als die verschiedenen Gestalten des Oz’ von damals.

Plötzlich vernahmen sie eine Stimme, die aus der Kuppel zu kommen schien. „Ich bin der große und schreckliche Oz. Was wollt ihr von mir?“ Dorothy und ihre Freunde sahen sich suchend um. Da sie aber niemanden entdecken konnten, fragte Dorothy: „Wo bist du?“ „Ich bin überall“, antwortete die Stimme. „Aber für die Augen von gewöhnlichen Sterblichen bin ich unsichtbar. Ich lasse mich jetzt hier auf meinem Thron nieder. Ihr mögt nun sprechen.“ Da die letzten Worte wirklich von dem Marmorsessel zu kommen schienen, gingen die Freunde zum Thron hinüber und stellten sich dort in einer Reihe auf.

Dorothy fasste sich ein Herz und sagte: „Wir sind hier, um dich an deine Versprechen zu erinnern.“ „Welche Versprechen?“ fragte Oz. „Du hast versprochen, dass du mich zurück nach Kansas bringst, wenn wir die böse Hexe des Westens töten“, antwortete Dorothy. „Und mir hast du Verstand versprochen“, ergänzte der Scheuch. „Und mir hast du ein Herz versprochen“, fiel der Holzfäller ein. „Und mir hast du Mut versprochen“, knurrte der Löwe.

„Ist die böse Hexe wirklich vernichtet?“ fragte die Stimme des Oz und zitterte ein wenig. „Ja“, sagte Dorothy bestimmt. „Ich habe sie schmelzen lassen.“ „Du liebe Zeit“, murmelte die Stimme. „Und das nun so plötzlich. Gut, kommt morgen wieder. Ich brauche Zeit, das alles zu überdenken.“ „Du hattest genug Zeit!“ rief der Holzfäller erbost. „Wir wollen auf keinen Fall länger warten“, schimpfte der Scheuch. „Du musst nun deine Versprechen halten“, forderte Dorothy.

Der Löwe dachte, es könne nicht schaden, wenn er den großen Oz ein wenig erschreckte. Deshalb stieß er ein lautes Brüllen aus, das in dem leeren Saal schauerlich dröhnte. Toto erschrak so fürchterlich, dass er zur Seite sprang und dabei einen Wandschirm in einer Ecke umstieß. Das Gestell fiel mit einem lauten Krachen um, und alle sahen besorgt auf Toto. Im nächsten Augenblick aber verschlug es ihnen vor Staunen die Sprache. Hinter dem Wandschirm kam ein kleiner alter Mann mit einer Glatze und einem faltigen Gesicht zutage, der genau so erschrocken zu sein schien wie die fünf Gefährten.

Der Holzfäller hob mutig seine Axt und lief auf den alten Mann zu. „Wer bist du?“ schrie er. „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“ Die Freunde sahen ihn überrascht und verwirrt an. „Ich dachte, Oz wäre ein großer Kopf“, sagte Dorothy. „Und ich dachte, Oz wäre eine schöne Dame“, stöhnte der Scheuch. „Nein, ich dachte, Oz wäre ein schreckliches Biest“, meinte der Holzfäller. „Und ich glaubte sogar, Oz wäre ein Feuerball“, murmelte der Löwe.

„Nein, ihr irrt euch alle“, flüsterte der alte Mann. „Ich habe immer nur so getan, als ob.“ „Wie meinst du das, du hast nur so getan, als ob? Bist du denn kein mächtiger Zauberer?“ rief Dorothy. „Psst, Liebes!“, wisperte der Zauberer. „Sprich nicht so laut! Man könnte dich hören, und ich wäre ruiniert. Sie glauben alle, dass ich ein großer und mächtiger Zauberer bin.“ „Und das bist du nicht?“ fragte Dorothy. „Nicht die Spur. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mann.“ „Du bist mehr als das“, mischte sich der Scheuch erbost ein. „Du bist ein riesengroßer Schwindler!“ „Genau!“ jubelte der kleine alte Mann und rieb sich die Hände. „Du hast es erfasst. Ich bin einfach nur ein Schwindler.“

„Aber... aber.. das ist ja furchtbar“, stotterte der Holzfäller entsetzt. „Wie bekomme ich nun ein Herz?“ „Und wie bekomme ich jemals Mut?“ fragte der Löwe. „Und was ist mit meinem Verstand?“ jammerte der Scheuch und tupfte sich die Tränen mit seinem Jackenzipfel fort.

„Liebe Freunde“, begann der Zauberer. „Ich beschwöre euch, haltet euch nicht mit Kleinigkeiten auf. Denkt an mich und an die wirklich gefährliche Lage, in die ihr mich durch eure Entdeckung gebracht habt.“ „Weiß denn niemand sonst, dass du ein Schwindler bist?“ fragte Dorothy skeptisch. „Nein. Das wisst nur ihr und das weiß natürlich ich selbst“, entgegnete Oz. „Ich habe alle Welt so lange gefoppt, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, es könnte jemals ans Licht kommen. Mein Fehler war, euch zu empfangen. Normalerweise lasse ich mich von niemandem sehen und deshalb glauben alle, dass ich ein großer und mächtiger Zauberer bin.“ Dorothy war verwirrt. „Wie konntest du mir nur als Kopf erscheinen?“ fragte sie. „Das ist einer von meinen Tricks. Kommt mit, ich werde euch etwas zeigen.“

Oz ging voraus in eine kleine Kammer neben dem Thronsaal, und die Freunde folgten ihm. Er zeigte auf eine Ecke, in der das große Haupt lag. „Es ist aus Pappmaché, und das Gesicht ist aufgemalt“, erklärte er. „Es hing an einem Draht von der Decke herunter. Ich stand hinter meinem Wandschirm und konnte mit verschiedenen Drähten die Augen und den Mund bewegen.“ „Aber wie war das mit der Stimme?“ hakte Dorothy nach. „Ach das“, Oz machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bin Bauchredner. Ich kann so reden, dass du denkst, die Stimme käme von irgendwo her. Du dachtest also, meine Stimme kommt aus dem Kopf. Und hier sind die anderen Dinge, die ich gebraucht habe, um euch etwas vorzumachen.“

Er zeigte dem Scheuch das Kleid und die Maske, die ihn als schöne Dame hatten erscheinen lassen. Dem Holzfäller zeigte er viele Felle, die zusammengenäht waren und die das Biest dargestellt hatte. Der Feuerball, den der Löwe gesehen hatte, war in Wahrheit ein mit Petroleum getränkter Baumwollball, der an der Decke gehangen hatte. „Du solltest dich wirklich schämen, du Schwindel-Zauberer!“ schimpfte der Scheuch. „Ich schäme mich auch – wirklich“, beteuerte der alte Mann niedergeschlagen. „Aber was hätte ich denn machen sollen? Setzt euch doch bitte, es gibt genug Stühle. Ich möchte euch meine Geschichte erzählen.“ So setzten sich alle und hörten dem alten Mann zu, als er zu erzählen begann:





Die Geschichten von DER ZAUBERER VON OZ von L. Frank Baum (1856 - 1919) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb übersetzt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von William Wallace Denslow (1856 - 1915) hergestellt.

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