LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Pinocchio bekommt eine Fibel

Kaum war Pinocchios Hunger gestillt, da jammerte er wieder und wollte neue Füße. Doch Geppetto wollte ihn für seine begangenen Streiche bestrafen und ließ ihn noch einen halben Tag weinen und klagen. Dann sagte er: "Weshalb sollte ich dir neue Füße machen? Damit du mir gleich wieder davonrennst?"

"Nein, ich verspreche dir, dass ich ab heute ganz artig sein werde."

"Das sagen alle Kinder, die etwas haben möchten", entgegnete Geppetto.

"Ich werde zur Schule gehen und fleißig lernen und es zu etwas bringen, versprochen!"

Geppetto blickte noch mürrisch drein, doch in seinen Augen bildeten sich bereits Tränen. Pinocchios Zustand war zu grausam. Er erwiderte kein Wort, aber er nahm sein Werkzeug und zwei Stückchen Holz und machte sich an die Arbeit.

In nicht mal einer Stunde waren die Füße fertig. Geppetto erklärte Pinocchio, dass er ein wenig schlafen solle, damit er die Füße fest leimen könne. Also schloss die Holzpuppe seine Augen und tat so ob er einschliefe.

Als Pinocchio merkte, dass seine Füße wieder perfekt befestigt waren, sprang er vom Tisch herunter und hüpfte und tanzte durchs ganze Zimmer. "Zum Dank, lieber Vater, möchte ich sofort zur Schule gehen."

"Das freut mich, mein Junge!"

"Aber so nackt kann ich nicht gehen."

Geppetto, der so arm war, dass er nicht einmal einen Cent in der Tasche hatte, fertigte eine Jacke aus geblümtem Papier, ein Paar Schuhe aus Baumrinde und ein Mützchen aus weichen Brotresten an.

"Ich sehe wirklich wie ein vornehmer Herr aus", jubelte Pinocchio. "Aber um zur Schule gehen, fehlt mir noch das Allerwichtigste."

"Und das wäre?"

"Ich habe keine Fibel."

"Du hast Recht. Wo soll ich nur ohne Geld eine Fibel herbekommen?"

Da wurde Pinocchio ganz traurig und begriff was wirkliche Armut ist.

"Warte!", rief Geppetto plötzlich. Er stand auf, zog seine Samtjacke an, die bereits übervoll mit Flicken war und verließ das Haus. Wenig später kehrte er zurück. In der Hand die Fibel für Pinocchio - aber seine Jacke trug er nicht mehr. Der arme Mann stand in seinem dünnen Hemd da und draußen hatte es angefangen zu schneien.

"Wo ist deine Jacke, Vater?"

"Ich habe sie verkauft, sie war mir eh zu warm."

Pinocchio begriff sofort, was Geppetto ihm wirklich sagen wollte. Vor lauter Dankbarkeit sprang er Geppetto an den Hals und küsste ihm das ganze Gesicht.

Als es mit schneien aufgehört hatte, machte sich Pinocchio mit seiner neuen Fibel auf den Weg in die Schule. Er nahm sich vor heute noch lesen zu lernen, morgen dann schreiben und übermorgen rechnen. Dann würde er fürchterlich viel Geld verdienen und Geppetto davon eine neue Jacke ganz aus Gold und Silber kaufen.

Mitten in seinen Überlegungen hörte er Musik in der Ferne: Pfeifenklänge und Trommelschläge. Was mochte das wohl für Musik sein? Zu dumm, dass er in die Schule musste. Ratlos stand Pinocchio da. Was sollte er machen. Er beschloss kurzerhand, heute der Musik zuzuhören, und erst morgen in die Schule zu gehen.

Gesagt, getan. Er rannte los, immer den Pfeifentönen nach. Mit einem Mal stand er mitten auf einem Platz, voller Menschen, die sich um eine große Holzbude und ein bunt bemaltes Zelt drängten.

"Was ist das für eine Bude?", fragte Pinocchio einen kleinen Jungen aus dem Dorf.

"Lies doch selbst, was auf dem Plakat steht, dann weißt du es!"

"Ich würde es ja gerne lesen, aber ausgerechnet heute geht das noch nicht."

"Bravo, du Esel! Dann werde ich es dir vorlesen. - GROSSES PUPPENTHEATER - Gleich fängt es an."

"Wie viel muss man für den Eintritt bezahlen?"

"Vier Groschen."

Pinocchio begann fieberhaft nachzudenken, wie er zu dem Geld kommen sollte. Er bot dem Jungen seine Kleider an, aber der lachte ihn nur aus. Pinocchio stand wie auf Kohlen. Er hatte nur die Möglichkeit die neue Fibel zu Geld zu machen. Aber er zögerte noch und schwankte. Schließlich fragte er den Jungen aber doch.

"Für vier Groschen nehme ich die Fibel", mischte sich ein Trödler ein, der das Gespräch verfolgt hatte. Im Handumdrehen war das Buch verkauft. Wenn man bedenkt, dass zu diesem Zeitpunkt der arme alte Geppetto in seinem dünnen Hemd zitterte, nur weil er seinem Sohn die Fibel gekauft hatte!





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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