LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Wen Pinocchio findet, lest selber…

Sobald sich Pinocchio von seinem neuen Freund, dem Thunfisch, verabschiedet hatte, tappte er in die Dunkelheit hinein. Langsam tastete er sich durch den Walfischbauch. Schritt für Schritt dem Lichtschimmer immer ein Stückchen näher.

Je weiter er ging, desto heller wurde der Lichtschein, bis er ihn endlich erreichte. Und was fand er da? Ihr dürft ein Mal raten!

Ein kleines gedecktes Tischchen, auf dem eine brennende Kerze stand, die in einer grünen Glasflasche steckte. An diesem Tisch saß ein alter Mann mit Haaren so weiß wie Schlagsahne. Bei diesem Anblick überkam Pinocchio solche Freude, dass er glaubte verrückt zu werden. Er wollte lachen und weinen und einen ganzen Haufen erzählen, aber er stammelte nur wirres Zeug.

Endlich stieß er einen Freudenschrei aus, breitete die Arme aus und fiel dem alten Mann um den Hals. "Mein lieber Vater! Endlich habe ich dich wieder. Nun werde ich dich nie mehr verlassen. Nie mehr!"

"Traue ich meinen alten Augen? Pinocchio bist du es wirklich?", erwiderte der Alte und wischte sich über die Augen.

"Ja, ich bin es! Erkennst du mich nicht mehr? Mein lieber Vater, wenn du wüsstest welch großes Unglück über mich kam, seit ich von dir davongerannt bin." Pinocchio machte es sich auf Geppettos Schoß bequem und begann zu erzählen:

Er begann an dem Tag, als er die Fibel erhalten hatte. Als er erzählte, wie er Geppetto in seinem Boot zwischen den Wellen entdeckt hatte, unterbrach ihn sein Vater.

"Ich habe dich auch gleich erkannt und wollte zurück ans Ufer. Aber es war zu stürmisch. Ich trieb ins offene Meer hinaus, direkt auf den fürchterlichen Walfisch zu. Dieser streckte seine Zunge heraus und verschlang mich, wie ein Frühstücksbrötchen.

"Wie lange bist du schon hier drin?", wollte Pinocchio wissen.

"Zwei Jahre, mein lieber Pinocchio, die mir wie zwei Jahrhunderte vorkommen!"

"Wie konntest du nur so lange überleben?"

"Das will ich dir erzählen. An jenem Tag, als der Wal mich verschluckt hatte, kenterte ein großes Handelsschiff. Die Besatzung konnte sich in Sicherheit bringen, aber das Schiff sank. Der Wal hatte offensichtlich einen ausgezeichneten Appetit, denn er schluckte das ganze Schiff auf einen Bissen. Nur den Mastbaum hat er wieder ausgespuckt, weil er ihm zwischen den Zähnen hängen geblieben war."

Pinocchio schaute mit weit offenen Mund zu seinem Vater, der fortfuhr: "Zu meinem Glück hatte das Schiff Büchsenfleisch, Zwieback, Wein, Rosinen, Käse, Zucker, Kerzen und Streichhölzer geladen. Von diesen Dingen habe ich die zwei Jahre überlebt. Doch nun ist die Vorratskammer leer, und die Kerze, die du hier siehst, ist die letzte…"

"Und dann?"

"Dann werden wir im Dunkeln sitzen!"

"Wir müssen fliehen, am besten sofort!", rief Pinocchio.

"Fliehen? Und wie?"

"So, wie wir hereingekommen sind, durch das Maul des Walfisches."

"Du hast gut reden, mein Sohn. Ich kann nicht schwimmen."

"Das machst nichts. Du setzt dich auf meinen Rücken und ich bringe uns wohlbehalten ans Ufer."

Geppetto hatte große Zweifel und versuchte Pinocchio seinen Plan auszureden. Doch der nahm ohne weitere Worte die Kerze und ging voraus, um zu leuchten. "Folge mir, hab keine Angst", sagte er zu seinem Vater.

Sie gingen eine gute Weile. Bei der gewaltigen Kehle des Ungeheuers angekommen, machten sie Halt, um den richtigen Augenblick zur Flucht abzuwarten.

Ihr müsst wissen, dass der alte Wal nicht nur an Asthma litt sondern auch an Herzbeschwerden. Daher schlief er stets mit geöffnetem Maul. Pinocchio konnte deshalb, als er an die untere Öffnung der Kehle trat, und nach oben blickte, durch das weit aufgerissene Maul draußen den Sternenhimmel erkennen.

"Jetzt ist der richtige Augenblick. Der Wal schläft wie ein Murmeltier. Außerdem ist das Meer ganz ruhig und der Mond erleuchtet die Nacht. Bleibe dicht hinter mir, bald sind wir gerettet."

Gesagt, getan. Sie stiegen durch die Kehle des Ungetüms nach oben. Als sie in dem ungeheuren Maul angekommen waren, tippelten sie auf Zehenspitzen über die Zunge. Nur noch ein Sprung trennte sie vom rettenden Meer - da musste der Wal mit einem Mal niesen. Das Niesen war so heftig, dass die beiden zurückprallten und sich erst im Magen des Ungeheuers wieder fanden.

Durch den Sturz war die Kerze erloschen und Vater und Sohn blieben im Dunkeln.

"Was jetzt?", fragte Pinocchio und wurde sehr ernst.

"Jetzt sind wir vollkommen verloren, mein Sohn!"

"Warum verloren? Gib mir deine Hand, wir versuchen noch einmal die Flucht."

Pinocchio nahm seinen Vater und sie erklommen gemeinsam erneut das Maul, überquerten die Zunge und kletterten über die drei Zahnreihen. "Steig auf meine Schultern und heb dich gut fest. Alles andere mache ich."

Kaum hatte Geppetto sich festgeklammert, da sprang Pinocchio ins Wasser und schwamm davon. Das Meer war ruhig und glatt wie Öl, der Mond erstrahlte darüber und der Walfisch schlief so fest, dass ihn nicht einmal Kanonendonner aufwecken konnte.





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop