LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Aeneas

Nach zehnjährigem Kampf war Troja [1] dem Erdboden gleich gemacht. Die Überlebenden erwartete die Sklaverei bei den siegreichen Griechen, und nur wenige Trojaner konnten sich in die Freiheit retten.

Einer von ihnen war Aeneas, der Sohn von Anchises und Aphrodite [2]. In jener Nacht, als der Grieche Odysseus mit seinem hölzernen Pferd [3] die Trojaner überlistete, erschien Aeneas der gefallene Hektor [4] im Traume. Der tote Waffenbruder mahnte ihn, eilig die Stadt zu verlassen. Auch riet er ihm, seine Hausgötter vom Altar zu nehmen und mit sich zu führen. In weiter Ferne werde er eine neue Heimat finden.

Da erwachte Aenas erschreckt aus dem Schlafe, denn es erhob sich ein wilder Kampfeslärm. Er eilte auf die Straße, sah die Stadt in Flammen stehen und Erschlagene in allen Gassen.

Äneas stürzte zurück ins Haus, um seine Familie zu retten, doch sein alter Vater weigerte sich zu gehen. Er wollte diesen Ort nicht mehr lebend verlassen. Plötzlich aber fiel dem Sohn von Aeneas eine Flamme aufs Haupt, ohne ihm auch nur ein Haar zu versengen. Es musste eine Mahnung der Götter sein, sich nicht den Flammen zu stellen. Da gab Aeneas seinem Vater Anchises die Hausgötter in den Arm und nahm ihn auf seinen Rücken. So machte er sich mit seinem Sohn und seiner Frau daran, die brennende Stadt zu verlassen.

Aphrodite, die göttliche Mutter des Helden, bahnte ihnen hilfreich den Weg durch das wilde Kampfgetümmel. Doch im Gewirr der brennenden Gassen verlor Aeneas seine Frau aus den Augen. Er sollte sie nicht wiedersehen.

Mit nur wenigen Gefährten, die sich um ihn scharten, gelangte Aeneas in eine kleine Hafenstadt am Meer. Dort zimmerten sich die Flüchtlinge Boote zusammen, um eine neue Heimat in der Fremde zu finden.

Im Tempel des Apollon [5] auf der Insel Delos flehte Aeneas um Rat, und der Gott wies ihm den Weg zu den Italern. In diesem Lande der Verheißung sollte Aeneas mit den Seinen seinen neuen Wohnsitz bauen.

Es war nicht leicht, die Fahrt in die neue Heimat glücklich zu beenden. Lange irrten sie umher und manch tapferer Gefährte büßte das Wagnis der Reise mit seinem Leben. Dieses Los wurde auch Vater Anchises zu Teil, und Aeneas trug ihn auf der Fahrt zu Grabe.

Die Hoffnung auf eine neue Heimat schwand schon dahin, da erreichte Aeneas endlich die Küste des verheißenen Landes. Es war dort, wo der Fluss Tiber [6] sich nach Westen in das große Meer ergoss. Diese Landschaft wurde Latium genannt, weil König Latinus hier herrschte. Dieser fand Gefallen an den Fremden, nahm sie gastfreundlich auf und gewährte ihnen gerne, in seinem Lande zu bleiben. Damit nicht genug, versprach er, seine Tochter Lavinia dem Helden Aeneas als Gattin zu geben.

Lavinia aber war schon dem König der Rutuler versprochen, der über ein benachbartes Volk herrschte. Dies nutzte die Mutter von Lavinia aus, um Zwietracht zwischen Latinus und Aeneas zu säen. So entbrannte ein schwerer Krieg, bei dem Aeneas den König der Rutuler im Zweikampf tödlich besiegte.

Mit Hilfe der Götter gelang dann auch der Sieg gegen das vereinigte Heer der Rutuler und Latiner, worauf sich Aeneas mit König Latinus versöhnte. Nun konnte Aeneas die schöne Lavinia zur Gemahlin nehmen und ihr zu Ehren eine schöne Stadt mit dem Namen Lavinium bauen. Latinus aber machte Aeneas zu seinem Erben.

So wurde Äneas König in Latium, und es währte nicht lange, da waren Trojaner und Latiner in einem Volke vereint. Jetzt konnte Aeneas getrost dem neuen Kriege entgegensehen, zu dem die Rutuler rüsteten. Die feindlichen Nachbarn hatten sich mit den Etruskern verbündet und standen schon drohend an den Grenzen.

Doch wieder blieb Aeneas mit seinen Männern siegreich, auch wenn er den höchsten Preis zu zahlen hatte. Der Sieg kostete ihn das Leben.

Das Volk erwies dem Helden göttliche Ehren und machte seinen Sohn zum König, der sich fortan Iulus nannte. Unter seiner Herrschaft gab es endlich Friede zwischen Latinern und Etruskern, und der Tiber bildete die Grenze.

Die Stadt Lavinium aber wuchs so mächtig heran, dass ihre Mauern schon bald die Bewohner nicht mehr fasste. Da erbaute Iulus eine neue prächtige Stadt und nannte sie Alba Longa. Mehr als dreihundert Jahre sollten hier die Nachkommen des Königs über die weite Landschaft am Tiber herrschen.

 

Erklärungen:

[1] Troja war eine bedeutende Handelsstadt am Eingang zum Marmarameer. Dieses Meer ist die Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer. Der deutsche Forscher Heinrich Schliemann hat Troja im 19. Jahrhundert wiederentdeckt.

[2] Aphrodite ist die Göttin der Liebe und Schönheit. Bei den Römern steht die Göttin Venus an ihrer Stelle.

[3] Die Griechen bauten der Sage nach ein großes Holzpferd, in dessen Bauch sich mehrere Kämpfer verstecken. Dieses Pferd wurde von den Trojanern in ihre Stadt gezogen, als die griechischen Truppen aufs Meer hinausgefahren waren. Die Trojaner feierten ausgelassen ihren Sieg und legten sich dann schlafen. Nun kletterten die Krieger aus dem Pferd und öffneten Tore. Die Griechen waren heimlich vom Meer zurückgekehrt und eroberten Troja jetzt im Handstreich.

[4] Hektor ist ein trojanischer Krieger, der viele Heldentaten vollbrachte. Der Grieche Achilleus forderte ihn zum Zweikampf auf, weil Hektor seinen besten Freund im Kampf getötet hatte. Hektor nahm die Herausforderung an und wurde von Achilleus getötet.

[5] Apollon, ein Sohn von Zeus, ist der Gott der Weissagung. Sein berühmtestes Orakel stand im griechischen Delphi.

[6] Der Tiber ist ein italienischer Fluss und fließt durch Rom.

 


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Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt.

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