LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Ich gerate im Hause Shaws in große Gefahr

Der Tag verging so einigermaßen. Zum Mittag gab es kalte Hafergrütze und zum Nachtessen warme Hafergrütze und Dünnbier. Er sprach nur wenig und meinen Fragen nach meiner Zukunft wich er aus.

Neben der Küche war ein Raum, den ich betreten durfte. Dort fand ich englische und lateinische Bücher in großer Zahl. In ihrer Gesellschaft ging die Zeit leichten Schrittes dahin.

Nach dem Nachtessen rauchte er wie am Morgen eine Pfeife. Er saß auf einem Schemel in der Kaminecke, wobei er mir den Rücken zukehrte. Als ich Fragen nach meinem Vater stellen wollte, sprang er vom Stuhl und fasste mich am Rock. "Du solltest zu mir nicht von deinem Vater sprechen. Das ist ein Fehler!" Dabei zitterte und bebte er. Nach einer Weile beruhigte er sich wieder.

"Davie", sagte er endlich, "ich habe nachgedacht. Da ist etwas Geld, das ich dir versprochen habe, vor deiner Geburt schon. Deinem Vater habe ich's versprochen. Bei einem Glas Wein, so wie Männer dergleichen ausmachen. Ich habe diese kleine Summe angelegt, und nun ist sie angewachsen auf … genau … genau auf …", er hielt inne und fing an zu stottern, "auf genau vierzig Pfund." Diese Worte platzte er förmlich heraus, und dabei blickte er mich über seine Schulter hinweg von der Seite an. Im nächsten Augenblick fügte er hinzu, und es klang wie ein Angstschrei: "Schottische!"

Da das schottische Pfund nur den zwanzigsten Teil des englischen wert war, bedeutete sein Einwand für mich einen sehr beträchtlichen Unterschied. Zudem merkte ich, dass die ganze Geschichte erlogen war. Ich hätte nur zu gern gewusst, warum! Mit spöttischem Ton antwortete ich: "So? Denkt noch einmal nach, Sir! Englische Pfund, möchte ich glauben!"

"Das habe ich doch gesagt", erwiderte mein Oheim, "englische Pfund! Und wenn du einen Augenblick zur Tür hinausgehen würdest, dann will ich das Geld herausholen und dich wieder rufen."

Ich tat, wie er gesagt hatte. Dann rief er mich wieder herein und zählte mir siebenunddreißig goldene Guineen in die Hand. "Da", sagte er, "da siehst du, wie ich bin, ein bisschen wunderlich und mit Fremden nicht gleich vertraulich, aber mein Wort gilt. Das ist der Beweis dafür. Kein Wort darüber, keinen Dank! Ich will keinen Dank. Ich tue nur meine Pflicht. Vielleicht hätte das nicht jeder getan, aber mir ist es ein Vergnügen, das für den Sohn meines Bruders zu tun."

Ich bedankte mich, dachte aber schon die ganze Zeit darüber nach, was als nächstes kommen würde. Nach einer Weile sah er mich von der Seite an. "Nun pass auf", sagte er, "wie ich dir, so du mir!" Ich wartete auf seine unglaublichen Forderungen, doch zu meiner Überraschung sprach er nur folgende Worte: "Ich werde älter und älter und bin ein bisschen gebrechlich. Darum erwarte ich von dir einige Hilfeleistungen im Haus und in meinem kleinen Garten."

Ich antwortete, dass ich ihm gern helfen werde.

"Gut", sagte er, "dann wollen wir gleich anfangen!" Er zog einen verrosteten Schlüssel aus der Tasche. "Hier", fuhr er fort, "ist der Schlüssel zu dem Stiegenturm am anderen Ende des Hauses. Du kannst nur von außen hinein; dieser Teil des Hauses ist nicht ausgebaut. Geh also dort hinein, die Stiegen hinauf und bring mir die Kiste, die oben steht, herunter. Es sind Papiere drin."

"Kann ich ein Licht bekommen, Sir?", fragte ich.

"Nein", gab er listig zurück, "Licht gibt's nicht in meinem Haus."

So ging ich denn in die Nacht hinaus. Ich tastete mich an der Mauer entlang, bis ich bei der Turmtür anlangte. Drinnen war es völlig dunkel. Die Mauer fühlte sich an, als wäre sie aus glatt behauenem Stein, und die Stufen waren zwar steil und schmal, aber regelmäßig und fest unter den Füßen. Ein Treppengeländer gab es nicht. Ich ertastete an der Turmwand klopfenden Herzens meinen Weg in der pechschwarzen Dunkelheit. Es begann zu regnen, und von Zeit zu Zeit erhellte ein Blitz die Umgebung.

Fünf volle Stockwerke hoch war das Haus Shaws, das Dachgeschoss nicht eingerechnet. Voller Angst kletterte ich weiter. Hatte mein Oheim mich hierher geschickt, damit ich zu Tode käme? Darüber musste ich Gewissheit haben. Ich ließ mich auf Hände und Knie nieder und klomm die Stiege weiter hinauf, langsam wie eine Schnecke, die Festigkeit jedes Steines erprobend. Mein Gehör und mein Denken waren verwirrt durch eine Unzahl von Fledermäusen im obersten Teil des Turms. Die grässlichen Tiere kamen herunter geflogen und streiften fortwährend mein Gesicht und meinen Leib.

Plötzlich glitt meine tastende Hand über eine Kante und dahinter war nichts, nichts als leere Luft! Die Stiege brach einfach ab. Einen Unkundigen hier in der Dunkelheit hinaufsteigen zu lassen, das hieß nichts anderes, als ihn geradewegs in den Tod schicken. Dank meiner eigenen Vorsicht war ich in Sicherheit, aber der bloße Gedanke an die Gefahr, an die schauerliche Höhe, aus der ich hinabgestürzt wäre, trieb mir den Schweiß aus allen Poren. Meine Glieder waren völlig erschlafft. Allerdings wusste ich jetzt, was ich wissen musste, und ich suchte mir den Weg hinab, wilde Empörung im Herzen.

Als ich wieder den ebenen Boden erreicht hatte, steckte ich den Kopf hinaus in das Gewitter und blickte zur Küche. Die Tür, die ich beim Hinausgehen hinter mir zugemacht hatte, stand jetzt offen. Ein schwacher Lichtschimmer drang heraus, und mir war, als sehe ich eine Gestalt reglos im Regen stehen. Da fuhr ein blendender Blitzstrahl herab, und nun sah ich meinen Oheim ganz deutlich. In einer Art panischer Furcht stürzte er ins Haus hinein. Ich folgte ihm so sacht wie möglich und gelangte ungehört in die Küche. Da stand ich still und beobachtete ihn.

Er hatte den Eckschrank geöffnet und eine große Flasche Branntwein herausgeholt. Nun saß er, mir den Rücken zukehrend, am Tisch und zitterte und stöhnte. Er führte die Flasche an die Lippen und trank den Schnaps in großen Schlucken.

Ich trat heran, blieb dicht hinter ihm stehen und ließ plötzlich meine beiden Hände auf seine Schultern fallen. Mein Oheim gab einen Schrei von sich, warf die Arme in die Höhe und stürzte zu Boden wie ein Toter. Ich erschrak, ließ ihn aber liegen, denn ich musste an mich selbst denken. Es war meine Absicht, mich mit Waffen zu versehen, bevor mein Oheim wieder zu Bewusstsein kam.

In dem Schrank waren mehrere Flaschen, einige mit Arznei, sehr viele Rechnungen und andere Papiere, die ich zu gern durchstöbert hätte, wäre dazu Zeit gewesen. Am Schrank hingen Schlüssel.

Ich wandte mich den Truhen zu. Die erste war voll Mehl, die zweite voll von Geldbeuteln und gebündelten Papieren. In der dritten fand ich unter Kleidungsstücken ein verrostetes, bösartig aussehendes Dolchmesser von der Art, wie Hochländer es tragen. Die Scheide fehlte. Ich versteckte das Ding unter meiner Weste und trat wieder zu meinem Oheim. Er lag da, wie er hingestürzt war. Sein Gesicht zeigte eine befremdend blaue Färbung, und sein Atem schien zu stocken. Furcht überkam mich. Rasch holte ich Wasser und bespritzte damit sein Gesicht. Als er wieder zu sich kam und mich erblickte, zeigten seine Augen einen Ausdruck unaussprechlichen Erschreckens.

"Bist du am Leben?", stöhnte er.

"Allerdings", erwiderte ich.

Er atmete mühsam. "Das blaue Fläschchen", sagte er, "im Eckschrank … das blaue Fläschchen!" Sein Atem ging noch langsamer.

Ich lief zum Arzneischrank und gab ihm die Medizin, so schnell ich konnte. Als er sich etwas erholt hatte, sagte er: "Ich habe ein altes Leiden, Davie. Es ist das Herz."

Ich setzte ihn auf einen Stuhl. Einerseits hatte ich Mitgefühl mit einem Menschen, der so schwer krank schien. Andererseits war ich voller Zorn und Empörung. Deshalb verlangte ich von ihm eine Erklärung zu folgenden Fragen: "Warum fürchten Sie, dass ich wieder von Ihnen weggehe? Warum haben Sie mir eine Geldsumme gegeben, auf die ich nach meiner Überzeugung keinen Anspruch habe? Und warum haben Sie versucht, mich zu töten?"

Er nahm alles schweigend hin. Dann flehte er mich mit gebrochener Stimme an, ihn ins Bett gehen zu lassen. "Ich werde dir morgen alles sagen", versprach er, "ich schwöre es dir."

Er war so schwach, dass ich einwilligen musste. Allerdings schloss ich ihn in sein Zimmer ein und nahm den Schlüssel an mich. Dann ging ich in die Küche zurück, machte ein großes Feuer, legte mich auf eine Truhe und schlief sofort ein.





Der Klassiker ENTFÜHRT ODER DIE ABENTEUER DES DAVID BELFOURS von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustration stammt von William Boucher.

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