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In 80 Tagen um die Welt

von Jules Verne

Vorwort

Wie lange, glaubst du, braucht man heute, um einmal um die Erde zu reisen? Klar, das kommt darauf an womit man reist und was man sich dabei alles anschauen möchte. Mancher Weltreisende kündigt seine Arbeit und löst seine Wohnung auf, um dann für ein oder zwei Jahre auf dem Globus unterwegs zu sein. Doch es geht auch schneller.

Der amerikanische Milliardär Steve Fossett hat vom 8. - 11. Februar 2006 in einem Nonstopflug die Welt in 76 Stunden und 45 Minuten ganz alleine umrundet. In dieser Zeit hat er nur wenig gegessen und durfte natürlich nicht schlafen. Mit Entspannungsübungen hielt er sich wach, und da er sich so gut wie nicht bewegen konnte, blieb auch sein Appetit gering.

Die deutsche Fluggesellschaft Lufthansa Cargo schafft diese Weltumrundung mit ihren Frachtflügen sogar in 68 Stunden. Dabei halten sie mehrmals an um Waren aus- und einzuladen. Außerdem wird die Crew regelmäßig gewechselt. Das Besondere ist, dass diese Flugzeuge niemals ohne Fracht fliegen. Jeder Streckenabschnitt ist genau geplant.

Im Jahr 1872, in dem der Roman "In 80 Tagen um die Welt" von Jules Verne spielt, gab es noch keine Flugzeuge. Überhaupt fand der erste Flug über den Atlantik erst im Jahr 1919 statt.

So blieb dem Hauptdarsteller dieser Geschichte, Phileas Fogg, nichts anderes übrig, als mit den unterschiedlichsten Verkehrsmitteln zu Wasser und zu Land zu reisen. Viel gesehen von der Welt hat er dabei nicht - außer zahlreichen Bahnhöfen und Häfen, sowie die Strecken entlang der Gleise und die hohe See.

Jules Verne, der von 1828-1905 gelebt hat, ist ein französischer Schriftsteller. Er wird auch der "Vater der Science Fiction" genannt. In vielen seiner Romane hat er von unglaublichen Erfindungen geschrieben, die es bis dahin noch nicht gab. Zum Beispiel die bemannte Raumfahrt, atombetriebene U-Boote, Hubschrauber und vieles mehr.

Doch Jules Verne hat auch zahlreiche spannende Abenteuerromane geschrieben. Und genau so einer ist die Geschichte um Phileas Fogg, seinem Diener Passepartout, Mrs. Aouda und dem Detektiv Fix.

Aber lest selbst, warum der Hauptdarsteller sich auf diese abenteuerliche Reise begibt und ob sie wirklich in nur 80 Tagen zu schaffen ist.

Phileas Foggs neuer Diener

Im Jahr 1872 bewohnte Phileas Fogg das Haus Nr. 7 in der Savile Row, Burlington Gardens in London. Seine Mitmenschen wussten nur wenig über ihn. Er fiel niemandem besonders auf und doch zählte er zu den eigenwilligsten und berühmtesten Mitgliedern des Londoner Reform Club.

In diesem Club trafen sich die Herren der feinen Londoner Gesellschaft zum Trinken, Rauchen, Spielen und Diskutieren. Der feste Grundsatz des Reform Clubs lautete: no public, no woman, was so viel bedeutete wie, Einlass wird nur Mitgliedern aber keinen Frauen gewährt.

Phileas Fogg wurde wahrscheinlich nicht in London geboren, aber Engländer war er auf jeden Fall. Er galt als vollkommener Gentleman, überaus elegant und modern, was sein Schnauz- und Backenbart unterstrich. In London gab es zahlreiche Vereinigungen und Gesellschaften in denen Phileas Fogg sich hätte engagieren können, doch er war Mitglied im Reform Club - nicht mehr und nicht weniger.

Zutritt dazu hatte ihm sein Bankier verschafft, der auch nicht mehr über Mr. Fogg zu berichten wusste, als dass dieser sehr wohlhabend war. Darüber hinaus war Phileas Fogg wohltätig. Wenn er darum gebeten wurde spendete er für die gute Sache, ohne viele Worte.

Kurz gesagt: Phileas Fogg führte ein zurückgezogenes Leben. Er sprach wenig und je schweigsamer er war, desto mehr grübelten seine Mitbürger über seine Lebensweise. Eines war klar: Er musste schon viel von der Welt gesehen haben. Denn jedes Mal, wenn es im Reform Club zu einer Unterhaltung über Weltreisende kam, bewies er ungeheure geographische Kenntnisse.

Oft machte er sogar Voraussagen, die tatsächlich eintrafen, als könne er in die Zukunft sehen. Mr. Fogg musste den ganzen Erdball bereist haben; zumindest mit dem Finger auf der Landkarte. Denn diejenigen, die ihn besser kannten, wussten genau, dass er London seit Jahren nicht verlassen hatte. Er bewegte sich nur zwischen seinem Haus und dem Reform Club. Zum einzigen Zeitvertreib las er Zeitungen, oder spielte eine Partie Whist, ein Kartenspiel, ähnlich dem heutigen Bridge.

Phileas Fogg hatte weder Frau noch Kinder, nicht einmal Verwandte. So lebte er allein im Haus Nr. 7 und empfing niemals Besuch. Sein Diener, James Forster, erfüllte seine Aufgaben selbständig, während sein Herr die Tage im Club verbrachte. Immer im selben Raum zu exakt derselben Uhrzeit nahm Mr. Fogg seine Speisen ein, zu denen er niemals einen Gast einlud.

Pünktlich um Mitternacht kehrte er nach Hause zurück, um sich für zehn Stunden schlafen zu legen und sich um seine Garderobe zu kümmern. Seine Mahlzeiten im Club wurden aus den köstlichsten Vorräten zubereitet, und seine Getränke mit Eis gekühlt, das eigens für ihn aus nordamerikanischen Seen nach London gebracht wurde.

Sein Haus war elegant eingerichtet. Da er seine Gewohnheiten niemals änderte, war es für seinen Diener nicht schwer, alles in Ordnung zu halten. Nur eines forderte Phileas Fogg von seinem Angestellten: Absolute Pünktlichkeit und Genauigkeit!

Die Geschichte beginnt am 2. Oktober. An diesem Morgen hatte Mr. Fogg seinen Diener endgültig entlassen. James Forster hatte das Rasierwasser seines Herren anstatt auf 86 nur auf 84 Grad Fahrenheit erwärmt. In Grad Celsius ausgedrückt bedeutet das 30 und 28,9; kurz - eine Differenz von 1,1 Grad.

Deshalb saß Phileas Fogg aufrecht, die Füße gerade und die Hände auf den Knien und erwartete einen Nachfolger. Dieser sollte zwischen 11 Uhr und 11 Uhr 30 Minuten eintreffen. Er blickte auf seine außergewöhnliche Uhr, die neben der Tageszeit auch Datum und Jahr anzeigte.

Um Punkt halb zwölf würde er sich erheben, um in den Club zu gehen. Als der Zeiger fast unten war, klopfte es an der Salontür. James Forster erschien und meldete: "Der neue Diener!"

Ein junger Mann, ungefähr dreißig Jahre alt, trat ein und grüßte freundlich. "Sie sind also Franzose und heißen John", empfing ihn Phileas Fogg.

"Jean, wenn der Herr gestatten - Jean Passepartout. Diesen Beinamen bekam ich, weil ich sehr geschickt darin bin, mich aus verzwickten Situationen zu retten. Ich hatte schon die unterschiedlichsten Berufe. Zuerst war ich Straßensänger, danach habe ich im Zirkus Pferde zugeritten. Später wurde ich Sportlehrer, um mehr Geld zu verdienen und zuletzt war ich bei der Pariser Feuerwehr. Ich könnte Ihnen von spektakulären Bränden berichten. Vor fünf Jahren verließ ich Frankreich und wurde Kammerdiener in England. Im Moment bin ich auf Arbeitssuche. Da hörte ich, dass Monsieur Phileas Fogg, der korrekteste Herr im ganzen britischen Königreich nach einem Diener sucht und möchte mich hiermit vorstellen. Auch um diesen Beinamen "Passepartout" wieder los zu werden."

"Nun, mir gefällt aber Passepartout", sagte Mr. Fogg. "Ich habe über Sie Nachforschungen angestellt, konnte aber nichts Negatives finden. Sie kennen meine Bedingungen?"

"Gewiss, gnädiger Herr."

"Sehr gut. Wie viel Uhr haben Sie?"

Passepartout griff in seine Hosentasche und zum Vorschein kam eine riesige silberne Taschenuhr: "Genau 11 Uhr 22 Minuten."

"Ihre Uhr geht nach", bemerkte Mr. Fogg trocken.

"Verzeihung, gnädiger Herr, das ist ausgeschlossen."

"Sie geht um vier Minuten nach. Aber lassen wir das. Sie korrigieren Ihre Uhrzeit und ich nehme Sie somit an diesem Mittwoch, dem 2. Oktober 1872 um 11 Uhr 29 Minuten in meine Dienste." Damit erhob sich Phileas Fogg, setzte seinen Hut auf und verließ ohne zu grüßen den Salon.

Kurz darauf hörte Passepartout die Haustür ins Schloss fallen; sein neuer Herr ging aus. Als die Tür noch einmal klappte, verließ sein Vorgänger James Forster das Haus Nr. 7. Jetzt war Passepartout allein zu Hause.

Passepartout ist zufrieden

"Manche Leutchen bei Madame Tussaud sind genauso lebendig wie dieser Mister Fogg", stelle Passepartout kopfschüttelnd fest. Dazu muss man erklären, dass Madame Tussaud ein Wachsfigurenkabinett ist, in dem viele Berühmtheiten stehen, die unglaublich echt aussehen.

Passepartout hatte sich in den vergangenen Minuten ein Bild von seinem neuen Herrn gemacht. Er schätzte Phileas Fogg auf ungefähr vierzig Jahre. Er war groß, mit einem leichten Bauchansatz und sah sehr vornehm aus. Seine Haare und sein Bart waren blond und sein Gesicht faltenlos. Mr. Fogg verkörperte einen Typ Mensch, der ganz im Stillen etwas Bedeutendes zu leisten vermochte, und er war die Genauigkeit in Person. Er tat keinen Schritt umsonst und wählte stets den kürzesten Weg. Freunde hatte er wohl keine - die hätten ihn zu sehr in seinem perfekt geplanten Leben behindert.

Jean Passepartout selbst war ein überaus tüchtiger junger Mann. Er hatte einen kugelrunden Kopf und feste Backen, die er selbst sehen konnten, wenn er seinen Blick senkte. Auf die Pflege seiner Haare legte er nicht viel Wert. Was nach dreimaligem Durchkämmen nicht am Platz saß, wurde so belassen. Durch die vielen unterschiedlichen Tätigkeiten hatte er einen muskulösen Körper bekommen.

Ob dieser redselige Diener und der doch eher verschwiegene Mr. Fogg gut zusammen passen würden, musste sich erst noch herausstellen. Und Passepartout musste noch den Beweis erbringen, dass er den Anforderungen seines Herrn auch gewachsen war - vor allem in Punkto Genauigkeit.

Jedenfalls sehnte sich der junge Mann nach einem stillen Hafen. Den glaubte er in der Person Mr. Foggs gefunden zu haben. Sein letzter Herr, ein Lord Longsferry, Mitglied des britischen Parlamentes, wurde öfters durch hilfreiche Polizistenarme von seinen nächtlichen Ausflügen nach Hause begleitet. Als Passepartout daraufhin einen Kommentar abgab, dass er gerne einen Herrn hätte, den er achten könne, wurde er entlassen.

Inzwischen war Passepartout zu Ohren gekommen, dass ein gewisser Phileas Fogg einen Kammerdiener suchte. Er erkundigte sich und war sehr erleichtert, als er erfuhr, dass Mr. Fogg eine streng geregelte Lebensweise hatte. Er hatte keine schlechten Gewohnheiten, reiste nicht umher und verbrachte die Nächte nicht außer Haus. So bewarb er sich und seinen Dienstantritt haben wir eben selbst miterlebt.

Um Punkt 12 Uhr 30 Minuten begann Passepartout mit einer Hausbesichtigung. Vom Keller bis zum Dachboden war alles sauber und gepflegt und leicht in Ordnung zu halten. Die moderne Gasbeleuchtung und -heizung beeindruckten ihn sehr. Im zweiten Stock fand er sogleich sein Zimmer, das mit einer elektrischen Klingel und einer Sprechanlage mit den Räumen seines Herrn verbunden war.

Auf dem Kamin befand sich eine Uhr, die durch eine Leitung mit der Uhr in Mr. Foggs Schlafzimmer gleichgeschaltet war. Darüber hing ein Plan, der die genauen Tagesabläufe regelte: Um 8 Uhr morgens musste er Mr. Fogg wecken. Um 8 Uhr 23 hatte er Toast und Tee zu servieren. Das wohl temperierte Rasierwasser musste um 9 Uhr 37 bereit stehen und um 9 Uhr 40 wollte Mr. Fogg frisiert werden. Auch die Stunden von 11 Uhr 30 bis Mitternacht, die Phileas Fogg im Club verbrachte, waren genau geregelt. Passepartout schmunzelte und machte sich gleich daran, den Plan auswendig zu lernen.

Danach verschaffte sich Passepartout einen Überblick über die Garderobe seines Herrn. Alle Kleidungsstücke trugen Nummern, die in Listen eingetragen waren. Darin konnte man ersehen, zu welcher Jahreszeit und zu welchem Anlass was zu tragen wäre. Bei den Schuhen herrschte dasselbe System. Das gesamte Haus war perfekt organisiert. Bücher besaß Phileas Fogg keine, denn alles, was ihn interessierte, las er in einer der beiden Bibliotheken des Remform Clubs. Im seinem Schlafzimmer stand ein feuerfester und diebessicherer Tresor.

Als Passepartout seinen Rundgang beendet hatte stellte er zufrieden fest: "Ich hätte es nicht besser treffen können. Mr. Fogg und ich werden wunderbar miteinander auskommen. Was für ein häuslicher und korrekter Mann! Wie ein Uhrwerk - und ich habe keine Probleme ein Uhrwerk zu bedienen."

Ein Gespräch mit großen Folgen

Um exakt 11 Uhr 30 Minuten verließ Phileas Fogg sein Haus. Er hatte es genau abgezählt; 575 Mal musste er den rechten Fuß vor den linken und 576 Mal den linken Fuß vor den rechten setzen. Dann stand er direkt vor dem beeindruckenden Gebäude des Reform Clubs in der Pall Mall.

Ohne zu zögern ging er in den Speisesaal, um sich an seinem reservierten, bereits gedeckten Tisch nieder zu lassen. Als er um 12:47 sein Essen beendet hatte, begab er sich hinüber in den großen Salon, an dessen Wänden prachtvolle Gemälde hingen.

Den ganzen Nachmittag verbrachte er mit Zeitung lesen. Zuerst die "Times" bis 3 Uhr 45 Minuten. Danach den "Standard". Als er beide eingehend studiert hatte, war es Zeit für sein Dinner. Nach dem Abendessen, er war gerade seit einer halben Stunde in die "Morning Cronicle" vertieft, betraten mehrere Club-Mitglieder den großen Saal. Es waren die Whist-Partner von Phileas Fogg, die sich um den brennenden Kamin versammelten.

Das Gesprächsthema, das ganz London beschäftigte, war der Überfall, der sich drei Tage zuvor, am 29. September zugetragen hatte. Ein Mann mit dem Auftreten eines Gentlemans, war in der Schalterhalle der Bank von England aufgefallen.

Doch wie war es möglich eine Summe von 55.000 Pfund einfach zu stehlen? Nun, das Bankhaus brachte seinen Kunden so viel Vertrauen entgegen, dass der Kassierer das Geld einfach auf dem Tresen liegen ließ, um sich einer Einzahlung über drei Schilling und sechs Pence zu widmen. Als bei Schalterschluss um 5 Uhr das Geld nicht wieder aufgetaucht war, wurde der Diebstahl der Polizei gemeldet.

Detektive wurden in alle wichtigen Hafenstädte der Welt geschickt und eine Belohnung für die Ergreifung von über 2000 Pfund ausgesetzt.

Das Gespräch der Herren verebbte nicht einmal, als sie sich am Whist-Tisch niederließen. Andrew Stuart, ein Ingenieur, saß dem Brauereibesitzer Thomas Flanagan gegenüber und der Bankier Samuel Fallentin gegenüber Phileas Fogg. Gauthier Ralph, der im Direktorium der geschädigten Bank von England war und John Sullivan, ebenfalls Bankier, beobachteten die Partie. Während des Spiels wurde kein Wort gewechselt, aber dazwischen flammte die Diskussion sofort wieder auf.

"Ich möchte behaupten", begann Andrew Stuart, "dass sich der Dieb im Vorteil befindet, zumal es sich um einen schlauen Kopf zu handeln scheint."

"Aber ich bitte Sie!", entgegnete Ralph, "in welches Land könnte er denn noch flüchten!"

"Ich weiß nicht recht", meinte Andrew Stuart, "aber ich finde, die Erde ist ziemlich groß."

"Das war sie früher einmal", warf Phileas Fogg halblaut ein. "Bitte, heben Sie doch ab", setzte er hinzu und breitete seine Karten vor Thomas Flanagan aus. Das Gespräch erstarb, bis das Spiel beendet war.

Doch danach griff Andrew Stuart den letzten Satz wieder auf: "Was meinen Sie mit früher? Sie wollen doch nicht behaupten, dass der Erdball geschrumpft wäre?"

"Mister Fogg hat vollkommen Recht", wendete Gauthier Ralph ein, "die Erde ist kleiner geworden. Für eine Erdumrundung braucht man heute zehnmal weniger Zeit, als vor hundert Jahren. Diese Tatsache wird uns auch bei der Aufspürung des Diebes von Nutzen sein."

Stuart blickte ungläubig: "Zugegeben, sie haben den Schrumpfzustand unserer Erde auf höchst anschauliche Weise beschrieben, Mister Ralph. Wenn man den Erdeball jetzt also in drei Monaten umrunden kann…"

"In achtzig Tagen", warf Phileas Fogg ein.

"Mister Fogg hat Recht, meine Herren", bemerkte John Sullivan, "seit die Great-Indian-Peninsular-Eisenbahngesellschaft die Strecke zwischen Rothal und Allahabad in Betrieb genommen hat, schafft man eine Reise um die Welt tatsächlich in 80 Tagen. Sehen Sie hier: Die "Morning Cronicle" hat dafür einen Fahrplan ausgearbeitet. Er sieht folgende Reiseabschnitte vor:

London-Suez über den Mont Cenis und Brindisi mit Eisenbahn und Postschiff - 7 Tage. Suez-Bombay, Postschiff - 13 Tage. Bombay-Kalkutta, Eisenbahn - 3 Tage. Kalkutta-Hongkong (China), Postschiff - 6 Tage. Hong Kong-Yokohama (Japan), Postschiff - 6 Tage. Yokohama-San Francisco (Amerika), Postschiff - 22 Tage. San Francisco-New York, Eisenbahn - 7 Tage. Und New York-London, Postschiff und Eisenbahn - 9 Tage. Macht zusammen 80 Tage."

"80 Tage!", rief Andrew Stuart und legte eine Trumpfkarte ab. "Wie soll die Rechnung aufgehen, wenn es Unwetter oder Gegenwind gibt, ganz zu Schweigen von Schiffbruch oder Eisenbahnentgleisungen?"

"Ist alles mit einbegriffen!", antwortete Phileas Fogg und spielte weiter, aber diesmal wurde die Diskussion wichtiger, als das Whist-Spiel.

"Und wenn nun Inder oder Indianer die Eisenbahnschienen herausrissen, den Zug anhielten, den Gepäckwagen ausraubten und gar die Reisenden skalpierten, wäre es dann auch in 80 Tagen zu schaffen?" fragte Andrew Stuart.

"Alles eingerechnet", behauptete Phileas Fogg, meldete einen doppelten Trumpf und legte seine Karten auf den Tisch.

"Das müssten Sie erst einmal beweisen!", forderte Mister Stuart.

"Wie sie wollen. Reisen wir also zusammen", entgegnete Phileas Fogg trocken.

"Der Himmel beschütze mich davor!", rief Mister Stuart. "Ich wette 4000 Pfund, dass der Reiseplan undurchführbar ist!"

"Aber ich sage Ihnen doch, er ist durchführbar", wiederholte Mr. Fogg.

"Dann müssen Sie den Beweis erbringen."

Also eine Reise um die Erde in 80 Tagen machen?"

"Ganz Recht", sagte Mr. Stuart.

"Einverstanden!"

"Wann soll es losgehen?", fragte Andrew Stuart.

"Jetzt gleich!"

"Das ist Wahnsinn!", rief Mr. Stuart, der schon leicht zornig war über die Hartnäckigkeit von Phileas Fogg. "Lassen Sie uns lieber weiter spielen." Er griff nervös nach den Karten und sagte plötzlich: "4000 Pfund, Mister Fogg, es bleibt bei meinem Angebot!"

"Die Wette gilt!", erwiderte Mr. Fogg und wendete sich an alle Herren zugleich, "Auf meinem Konto bei den Gebrüdern Baring befinden sich 20 000 Pfund. Es soll mir ein Vergnügen sein, diese Summe zu setzen."

"Aber 20 000 Pfund, die Ihnen durch einen unvorhergesehenen Zwischenfall verloren gehen können!", schaltete sich John Sullivan ein.

"Unvorhergesehenes gibt es nicht", antwortete Phileas Fogg mit fester Stimme.

"Aber Mister Fogg, diese 80 Tage sind doch nur als Minimum gedacht!"

"Bei richtigem Vorgehen genügt ein Minimum immer."

"Das ist nicht Ihr Ernst."

"Es ist mein voller Ernst", entgegnete Phileas Fogg, "ein Engländer scherzt nicht, wenn es um eine Wette geht. Ich setze 20 000 Pfund gegen jeden, der Lust hat, und behaupte, die Reise um die Erde in 80 oder weniger Tagen, beziehungsweise in 1920 Stunden oder in 115 200 Minuten zurückzulegen. Gilt die Wette?"

"Sie gilt!", antworteten die Herren Stuart, Fallentin, Sullivan, Flanagan und Ralph nach kurzer Beratung.

"Wunderbar um 8 Uhr 45 Minuten geht mein Zug nach Dover."

"Heute Abend?", fragte Andrew Stuart.v

"Heute Abend", antwortete Phileas Fogg. Dann zog er seinen Taschenkalender hervor: "Heute ist Mittwoch, der 2. Oktober. Ich müsste demnach diesen Salon des Reform Club zu London am Samstag, dem 21. Dezember um 8 Uhr 45 Minuten wieder betreten. Falls nicht, sind Sie berechtigt, 20 000 Pfund von meinem Konto abzuheben. Hier ist der Scheck."

Die Herren setzten ein Protokoll auf, das alle sechs unterschrieben. Phileas Fogg blieb ganz ruhig. Ihm ging es nicht um den Gewinn, der übrigens genau die Hälfte seines Vermögens ausmachte. Die andere Hälfte rechnete er als Reisekosten für sein schwieriges, oder sagen wir, nahezu unmögliches Unternehmen ein.

Es schlug 7 Uhr. Man bot Mr. Fogg an, das Whist-Spiel abzubrechen, damit er seine Reisevorbereitungen treffen könne. "Ich bin immer reisefertig", entgegnete unser Gentleman ungerührt, teile die Karten aus und sagte: "Karo ist Trumpf. Sie bieten, Mister Stuart!"

Passepartout ist verwirrt

Um 7 Uhr 25 Minuten verabschiedete sich Phileas Fogg von seinen Kollegen im Reform Club und um 7 Uhr 50 Minuten betrat er sein Haus in der Savile Row.

Passepartout, der seinen Stundenplan gewissenhaft auswendig gelernt hatte, staunte nicht schlecht seinen Herrn bereits am ersten Abend bei einem Verstoß gegen die Hausordnung zu überraschen. Deshalb reagierte er auch nicht auf das erste Rufen von Phileas Fogg, der in seinem Zimmer stand.

"Ich habe Sie zweimal rufen müssen", sagte Mr. Fogg. "Es ist noch nicht Mitternacht", erwiderte Passepartout und deutete auf die Uhr in seiner Hand.

"Ich weiß. Das sollte kein Vorwurf sein. In zehn Minuten geht unser Zug nach Dover. Von dort reisen wir weiter nach Calais."

Passepartouts rundes Gesicht verzog sich in die Länge. Er glaubte, sich verhört zu haben. "Der gnädige Herr möchte verreisen?"

"Ja, wir werden eine Reise um die Erde machen."

Passepartout erstarrte zu einer Salzsäule. Seine Augen waren weit aufgerissen, er breitete die Arme aus, dann gaben seine Knie nach. "Eine Reise um die Erde", flüsterte er vor sich hin.

"Innerhalb von 80 Tagen. Wir dürfen also nicht einen Augenblick verlieren", erklärte Mr. Fogg.

"Aber das Gepäck…", sagte Passepartout. "Es gibt kein Gepäck. Nur eine Tasche für das Nachtzeug. Legen Sie zwei Leinenhemden und drei Paar Socken dazu. Für Sie selbst das gleiche. Alles Weitere kaufen wir unterwegs. Holen sie meine Regenjacke, die Reisedecke und ziehen Sie feste Schuhe an, auch wenn wir nur wenig zu Fuß gehen werden."

Passepartout hätte gerne geantwortet, aber er brachte kein Wort heraus. Er verließ Mr. Foggs Zimmer, ging hinauf in seine Kammer und sank auf einem Stuhl zusammen, nicht ohne kräftig in seiner Muttersprache zu fluchen. "Aus der Traum vom ruhigen Leben", sagte er und traf mechanisch alle Vorbereitungen.

In 80 Tagen um die Erde! War sein neuer Herr etwa völlig durchgedreht? Er machte nicht den Eindruck. Vielleicht war es ein Spaß. Gegen Heimatboden unter den Füßen hatte er durchaus nichts einzuwenden. Bestimmt würden sie in Paris hängen bleiben - ja so würde die Sache ausgehen. Doch die Tatsache, dass der ausgesprochen sesshafte Mr. Fogg überhaupt eine Reise ins Auge fasste, gab ihm zu denken.

Als er um 8 Uhr fertig gepackt hatte, begab er sich, immer noch ganz aufgebracht, ins Zimmer seines Herrn. Phileas Fogg war bereit. Unter seinem Arm klemmte "Bradshaws Kursbuch und Reiseführer für den Kontinent", aus dem er alle Reisedaten ersehen konnte. Er nahm Passepartout die Tasche ab und stopfte ein dickes Bündel Pfundnoten hinein. Dann überreichte er sie wieder mit den Worten: "Passen Sie gut darauf auf, es sind 20 000 Pfund darin." Beinahe rutschte Passepartout das Gepäckstück aus der Hand, als wären es 20 000 Pfund in Goldstücken.

Sie verließen das Haus und Phileas Fogg drehte den Hausschlüssel zweimal im Schloss herum. Eine Droschke brachte sie zur Charing Cross Station, dem Ausgangspunkt der Süd-Ost-Eisenbahnlinie. Um 8 Uhr 20 Minuten hielten sie an und sprangen ab.

In diesem Moment trat eine Bettlerin mit einem Kind an der Hand an Mr. Fogg heran. Sie trugen zerlumpte Kleider und waren barfüßig. Mr. Fogg zog die 21 Pfund, die er beim Whist-Spiel gewonnen hatte aus der Tasche und reichte sie der Bettlerin mit den Worten: "Nehmen Sie das, gute Frau. Es freut mich, wenn ich Ihnen damit helfen kann." Passepartouts Augen wurden feucht. Sein Herr war ihm soeben lieber geworden.

Sie betraten die Bahnhofshalle, wo bereits die Club-Brüder auf sie warteten. "Ich reise ab, meine Herren. Nach meiner Ankunft können sie anhand der Visa in meinem Pass die Reiseroute nachprüfen."

"Aber Mister Fogg, wir zweifeln doch nicht an Ihrem Wort als Gentleman", wies Gauthier Ralph den Vorschlag höflich zurück.

"Ich halte eine Überprüfung für korrekter", bemerkte Mr. Fogg.

"Sie wissen noch, wann Sie zurück sein müssen?", fragte Andrew Stuart.

"In 80 Tagen, also am Samstag, dem 21. Dezember 1872 um 8 Uhr und 45 Minuten abends", antwortete Phileas Fogg. "Leben Sie wohl meine Herren."

Um 8 Uhr 40 Minuten nahmen Mr. Fogg und sein Diener die Plätze in ihrem Erste-Klasse-Abteil ein. Bei der Abfahrt nieselte es und der Himmel war sehr dunkel. Mr. Fogg lehnte steif in seiner Abteilecke und schwieg. Passepartout hatte seine Fassung noch immer nicht wieder erlangt. Er hockte auf seinem Platz und presste die Reisetasche mit den Banknoten eng an seinen Körper. Noch ehe sie die Station Sydenham erreicht hatten, stieß er einen Verzweiflungsschrei aus.

"Was gibt es denn?", fragte Mr. Fogg.

"Es ging alles so schnell… ich war so durcheinander… da habe ich ganz vergessen die Gasheizung in meinem Zimmer abzustellen!"

"Nun, der Verbrauch geht jedenfalls auf Ihre Kosten, mein Lieber", bemerkte Mr. Fogg kühl.

Phileas Fogg im Börsenhandel

Phileas Foggs geplante Weltreise erregte in London viel Aufsehen. Die Nachricht von der Wette hatte sich vom Reform Club, über die Tageszeitungen bis in die breite Öffentlichkeit des Vereinten Königreiches verbreitet.

Die Reise wurde leidenschaftlich diskutiert. Einige stellten sich auf die Seite von Phileas Fogg, andere, weitaus mehr, hielten ihn für unzurechnungsfähig und glaubten, dass er sein Vorhaben niemals in die Praxis umsetzen konnte.

Der "Daily Telegraph" war die einzige Zeitung, die Phileas Fogg unterstützte, aber auch nur in Maßen. Am 7. Oktober erschien ein ausführlicher Artikel im Mitteilungsblatt der "Königlichen Geographischen Gesellschaft". Der Verfasser beleuchtete das Thema von allen Seiten und kam zu dem Schluss, dass das Vorhaben unüberlegt sei.

Es gab zu viele Behinderungen, von menschlichem Versagen, über Naturkatastrophen, bis hin zu technischen Schwierigkeiten. Wenn Phileas Fogg nur ein einziges Mal die Abfahrt eines Dampfers um wenige Stunden verpasste, war die Wette rettungslos verloren.

Der Artikel fand großen Zuspruch, und das Vertrauen in die Sache Foggs wurde immer geringer. Doch bis zu diesem Bericht hatten die wettfreudigen Engländer hohe Summen auf das Gelingen der Reise gesetzt. Man schuf sogar ein Wertpapier, das an er Londoner Börse notiert wurde.

Als die Unsicherheit jedoch stieg, konnte man die "Phileas Fogg" in großen Aktienpaketen kaufen, weil jeder sie loswerden wollte.

Am Abend des 7. Oktober setzte ein völlig unvorhergesehenes Ereignis dem Handel mit Phileas Fogg-Papieren ein endgültiges Ende. Um 9 Uhr abends lief beim Chef der Londoner Polizei folgende Depesche ein:

SUEZ AN LONDON STOP POLIZEIPRÄSIDENT ROWAN SCOTLAND PLACE STOP VERFOLGE BANKRÄUBER PHILEAS FOGG STOP HAFTBEFEHL UNVERZÜGLICH NACH BOMBAY SCHICKEN STOP DETEKTIV FIX

Das Telegramm schlug ein wie eine Bombe. Aus dem Gentleman Phileas Fogg wurde im Handumdrehen der gesuchte Dieb aus der Bank von England.

Durch ein Foto, das im Reform Club hinterlegt war, wurde Mr. Fogg eindeutig identifiziert. Die zurückgezogene Lebensweise und der überstürzte Aufbruch des Phileas Fogg bestärkten den Verdacht der Polizei. Ganz offensichtlich hatte er diese Reise um die Erde und diese verrückte Wette eingefädelt, um seine Verfolger auf eine falsche Fährte zu locken.

Detektiv Fix wartet ungeduldig

Seit dem besagten Telegramm waren knapp zwei Tage vergangen. Zwei Tage, in denen ein Mann ungeduldig auf die Ankunft des Schraubenschiffes "Mongolia" in Suez wartete. Dieses Schiff fasste im Oberdeck 2800 Bruttoregistertonnen und hatte 500 PS. Es fuhr für die "Indisch-Orientalische-Schifffahrtsgesellschaft", Post und Fahrgäste zwischen Brindisi in Italien und Bombay in Indien hin und her, wobei es den Suez-Kanal durchquerte.

Zwei Herren standen auf dem Kai von Suez mitten im Gewühl. Die ehemalige Kleinstadt hatte seit dem Bau des Kanals, der das Mittelmeer mit dem Roten Meer verband, einen ungeahnten Aufschwung erlebt.

Einer der beiden Herren war der britische Konsul von Suez. Der beobachtete die Durchfahrt der englischen Schiffe, die durch den Kanal ihre Fahrzeit von England nach Indien halbierten, weil sie sich die Route um Afrikas "Kap der Guten Hoffnung" ersparten.

Sein Begleiter war ein kleiner magerer Mann mit intelligenten Augen. Er schien nervös, denn seine Augenbrauen zuckten unaufhörlich. Im Augenblick rannte er ungeduldig auf dem Kai hin und her. Er hieß Fix und war einer der Polizeibeamten, die in allen wichtigen Häfen auf der Lauer lagen, um den Räuber aus der Bank von England zu fassen.

Detektiv Fix dachte an die Höhe der ausgesetzten Belohnung für die Ergreifung. "Sie glauben nicht, dass das Schiff mit Verspätung eintrifft?", fragte er nun schon zum zehnten Mal den Konsul.

"Nein, Mister Fix. Die Mongolia ist gestern planmäßig in Port Said eingelaufen und die 160 Kilometer Kanalfahrt sind für sie ein Kinderspiel. Das Schiff kassiert regelmäßig die 25 Pfund Belohnung, die die Regierung für jeweils 24 Stunden Zeitgewinn aussetzt. Im Übrigen kann ich mir nicht vorstellen, wie Sie Ihren Mann anhand dieser Beschreibung unter den vielen Fahrgästen entdecken wollen."

"Wissen Sie, Herr Konsul, unsereins hat für solche Leute einen sechsten Sinn. Ich arbeite mit Augen, Ohren und Nase zugleich. Wenn der Kerl an Bord ist, erwische ich ihn auch. Schließlich ist mein Beruf kein Handwerk, sondern eine Kunst."

Mr. Fix litt offensichtlich nicht an Minderwertigkeitskomplexen.

Es war ein schöner, aber kalter Tag, denn der Wind pfiff von Osten. Fix stellte seinen Kragen hoch und fragte: "Wie lange soll der Aufenthalt dauern?"

"Vier Stunden. So lange braucht der Dampfer, um genügend Kohle für die Weiterfahrt zu laden", erwiderte der Konsul.

"Die Mongolia fährt weiter bis Bombay. Also muss der Dieb versuchen in Suez an Land zu gehen und irgendeinen Weg durch holländische oder französische Kolonien zu nehmen. Denn Indien ist englisches Hoheitsgebiet; das wäre zu gefährlich für ihn."

"Es sei denn der Mann wäre sehr mutig", mit diesen Worten verabschiedete sich der Konsul und kehrte in seinen Amtssitz zurück, der sich in Hafennähe befand.

Während Fix noch über die Worte des Konsuls nachdachte, vernahm er plötzlich schrille Signale, die die Ankunft des Dampfers ankündigten. Die Menschenmengen stürzten zur Landungsbrücke, sodass man sich um das Leben der Aussteigenden Sorgen machen musste. Ungefähr zehn kleine Boote stießen vom Kai ab, um die Mongolia einzuholen.

Kurz darauf tauchte der gewaltige Schiffsrumpf zwischen den Kanalufern auf. Um Punkt 11 Uhr war es soweit - das Schiff ankerte.

Die meisten Passagiere bestiegen eines der kleinen Boote, um an Land zu kommen. Mr. Fix prüfte aufmerksam jedes Gesicht. Da trat ein junger Mann auf ihn zu, der ihn nach dem Weg zum britischen Konsulat fragte. Offensichtlich beabsichtigte der Fremde, seinen Reisepass, den er in der Hand trug, bei der Behörde abstempeln zu lassen.

Der Detektiv griff instinktiv nach dem Pass und überflog in Sekundenschnelle die Eintragungen. Fast wäre er zusammengezuckt. Das Büchlein in seiner Hand zitterte. Die Personenbeschreibung im Pass deckte sich haargenau mit der Beschreibung des Bankräubers.

"Das ist doch nicht Ihr Pass?", fragte er.

"Nein, er gehört meinem Herrn", antwortete der junge Mann.

"Und wo befindet sich Ihr Herr?"

"An Bord."

"Er muss sich aber selbst im Konsulat ausweisen", erklärte Fix.

"Ist das unbedingt notwendig?"

"Leider ja."

"Und wo finde ich nun das Konsulat?", fragte der Mann.

"Dort drüben an der Ecke des Platzes", sagte der Detektiv und deutete auf ein Haus, das etwa 200 Schritte entfernt lag.

"Dann muss ich wohl meinen Herrn holen. Er wird von dieser Störung nicht entzückt sein." Er grüßte den Detektiv und kehrte zum Dampfer zurück.

Fix ärgert sich

Der Inspektor eilte zum Konsulat und wurde sofort beim Konsul vorgelassen. "Herr Konsul, ich habe gute Gründe den gesuchten Mann unter den Passagieren zu vermuten." Dann erzählte er, was er mit dem Diener des Verdächtigen besprochen hatte.

"Nun gut, Mister Fix", sagte der Konsul, "ich werde mir den Burschen genau ansehen. Aber wenn er tatsächlich der Gesuchte ist, wird er vermutlich nicht hier auftauchen. Diebe pflegen nicht gern Spuren zu hinterlassen. Und außerdem sind die Passformalitäten aufgehoben. Innerhalb des englischen Hoheitsgebietes kann er reisen, wohin er möchte."

"Wenn der Mann so kaltblütig ist, wie wir annehmen, wird er kommen. Und ich bitte sie eindringlich den Pass nicht abzustempeln."

"Mit welcher Begründung? Wenn alles in Ordnung ist, kann ich ihm das Visum nicht verweigern", sagte der Konsul.

"Aber ich muss den Kerl doch aufhalten, bis der Haftbefehl aus London da ist!"

"Das bleibt Ihr Problem. Ich habe lediglich…"

Der Satz blieb unbeendet, denn in diesem Moment klopfte der Sekretär des Konsuls an die Tür und führte zwei Herren herein. Einer der beiden war tatsächlich der Diener, mit dem sich Fix zuvor unterhalten hatte. Sein Herr legte den Pass auf den Tisch und bat den Konsul ziemlich lässig um einen Visumstempel.

Fix hatte sich in eine Zimmerecke zurückgezogen und verschlang den Fremden beinahe mit Blicken.

Nachdem der Konsul sich alle Angaben aufmerksam durchgelesen hatte, wandte er sich an den Besucher: "Sie sind Phileas Fogg?" "Ja, das stimmt", antwortete der Herr.

"Dieser Mann ist Ihr Diener?"

"Ja, er ist Franzose und heißt Jean Passepartout."

"Sie kommen aus London?"

"Ja."

"Und reisen nach…?"

"Bombay."

"In Ordnung, mein Herr. Sie wissen doch sicher, dass der Visumzwang aufgehoben ist?"

"Das ist mir bekannt", antwortete Phileas Fogg. "Ihre Eintragung soll aber beweisen, dass ich Suez auf meiner Reise berührt habe."

"Wie Sie wünschen." Der Konsul unterschrieb den Pass, trug das Datum ein und setzte das Amtssiegel dazu. Mr. Fogg bezahlte die Gebühr, grüßte steif und verließ mit seinem Diener das Konsulatsbüro.

"Nun?", fragte Mr. Fix.

"Was heißt nun? Der Herr sieht grundehrlich aus", sagte der Konsul.

"Darum geht es gar nicht, Herr Konsul. Sie müssen zugeben, dass die Suchanzeige aus London haargenau auf diesen Gentleman hier passt."

"Das bestreite ich gar nicht, aber…"

Fix wurde ungeduldig: "Für mich gibt es keinen Zweifel. Der Diener ist Franzose, der wird sich bestimmt verplappern. Ich empfehle mich, Herr Konsul." Damit verließ Fix das Büro und begab sich auf die Suche nach Passepartout.

Inzwischen war Mr. Fogg am Kai angelangt, hatte seinen Diener mit einigen Aufträgen in die Stadt geschickt und sich ein Boot herbeigerufen, um auf die Mongolia zurückzukehren. An Bord suchte er sofort seine Kabine auf und öffnete sein Reisetagebuch. Es enthielt bereits die genauen Eintragungen seiner bisherigen Reiseroute.

Abfahrt in London, Mittwoch, den 2. Oktober um 8 Uhr 45 Minuten abends. Ankunft in Paris, Donnerstag, den 3. Oktober um 7 Uhr 20 Minuten morgens. Abfahrt in Paris, Donnerstag, den 3. Oktober um 8 Uhr 40 Minuten morgens. Ankunft in Turin, Freitag, den 4. Oktober um 6 Uhr 35 Minuten morgens.

Abfahrt in Turin am Freitag, 4. Oktober um 7 Uhr 20 Minuten morgens. Ankunft Brindisi, Samstag, den 5. Oktober um 4 Uhr nachmittags. Einschiffung auf der Mongolia, Samstag, den 5. Oktober um 5 Uhr nachmittags. Ankunft in Suez, Mittwoch, den 9. Oktober um 11 Uhr vormittags. Insgesamt 158 ½ Stunde oder 6 ½ Tage.

Mr. Fogg hatte diese Daten noch einmal auf einem Fahrplan eingetragen, auf dem für den Zeitraum vom 2. Oktober bis zum 21. Dezember die Monate, Tage, Daten und planmäßigen Ankunfts- und Abfahrtszeiten seiner Züge und Schiffe angegeben waren.

Der Plan beinhaltete die wichtigsten Stationen der Reise, also Paris, Brindisi, Suez, Bombay, Kalkutta, Singapur, Hongkong, Yokohama, San Francisco, New York, Liverpool und London. Wenn Mr. Fogg seine Eintragungen mit den amtlichen Angaben verglich, konnte er eventuelle Zeitvorsprünge oder -verluste genau errechnen.

An diesem 9. Oktober, morgens, hatte er die vollkommen planmäßige Ankunft in Suez eingetragen. Dann bestellte er sein Frühstück in die Kabine. Die Stadt zu besichtigen, wäre ihm im Traum nicht eingefallen. Das sollte, wie es sich für einen Engländer seines Standes gehörte, sein Diener übernehmen.

Passepartout verschwatzt sich

Fix brauchte nicht lange nach Passepartout zu suchen. Der spazierte auf dem Kai hin und her und beobachtete das bunte Treiben um sich herum.

Der Detektiv schlenderte heran und fragte: "Hat die Sache mit dem Pass geklappt?"

"Ach Sie sind es!", sagte der Franzose. "Nochmals vielen Dank. Das Visum ist eingetragen worden."

"Und jetzt sehen Sie sich ein wenig Land und Leute an?"

"Ich möchte schon! Aber wir reisen so schnell, dass ich nicht weiß, ob ich wach bin oder träume. Das hier ist also Suez."

"Ganz Recht, Suez."

"Suez in Ägypten,genauer gesagt in Afrika. Nicht zu glauben!", staunte Passepartout. "Sie müssen wissen, zuerst dachte ich, wir würden nur nach Paris reisen. Dort waren wir auch. Aber alles was ich von dieser wunderschönen Stadt zu sehen bekam, war der Weg von einem Bahnhof zum nächsten. Obendrein regnete es noch in Strömen, sodass ich durch die Droschkenfenster so gut wie nichts erkennen konnte."

"Sie sind in Eile?", fragte der Inspektor.

"Ich nicht; aber mein Herr will keine Zeit verlieren. Da fällt mir ein, ich muss noch Socken und Hemden kaufen. Außer unserem Nachtzeug haben wir nämlich nichts mitgenommen."

"Da kann ich Ihnen den Weg zum Basar zeigen. Dort erhalten Sie alles, was sie benötigen."

"Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll", sagte Passepartout. Auf dem Weg zum Basar plapperte er munter weiter. "Ich darf auf keinen Fall die Abfahrt des Schiffes verpassen."

"Sie haben noch ausreichend Zeit, es ist doch erst 12 Uhr", erwiderte Fix.

Passepartout zückte seine riesige Taschenuhr. "12 Uhr? Wie kommen Sie darauf? Es ist gerade 9 Uhr und 52 Minuten."

"Ihre Uhr geht offensichtlich nach", antwortete Fix.

"Meine Uhr und nachgehen! Das ist ein Familienerbstück. Sie stammt von meinem Urgroßvater und ist noch niemals mehr als fünf Minuten im Jahr nachgegangen. Ein richtiges Kunstwerk."

"Ich kann Ihnen sagen, woran es liegt", sagte Fix. "Sie haben noch Londoner Uhrzeit. Hier in Suez sind wir zwei Stunden weiter. Sie sollten Ihre Uhr danach stellen, sonst stimmt sie mit dem Sonnenstand nicht mehr überein."

"Umso schlimmer für die Sonne, dann geht die eben falsch. An meiner Uhr verstelle ich niemals etwas", sagte der treuherzige junge Bursche und ließ die Uhr in seiner Tasche verschwinden.

Nach kurzer Zeit nahm Fix das Gespräch wieder auf: "Sie sagten, Ihre Abreise aus London wäre Ihnen ein wenig überstürzt vorgekommen?"

"Das kann man wohl sagen. Letzten Mittwoch kam Mister Fogg ganz gegen seine Gewohnheiten schon um 8 Uhr abends aus dem Club nach Hause. Eine dreiviertel Stunde später waren wir bereits unterwegs."

"Wohin möchte Ihr Herr eigentlich reisen?"

"Immer der Nase nach. Er macht eine Reise um die Erde."

"Eine Reise um die Erde?" Fix staunte.

"Ja, und das Ganze in 80 Tagen. Es geht angeblich um eine Wette. Aber daran glaube ich nicht so Recht. Wahrscheinlich steckt irgendetwas anderes dahinter. So verrückt ist doch niemand."

"Ist Mister Fogg vermögend?", erkundigte sich der Detektiv.

"Ganz bestimmt. Er trägt ein hübsches Bündel funkelnagelneuer Banknoten mit sich herum. Außerdem ist er überhaupt nicht geizig. Sogar dem Maschinisten der Mongolia hat er ein nettes Sümmchen geboten, falls er uns ein bisschen schneller nach Bombay bringt."

"Und Sie kennen Ihren Herrn schon lange?"

"Wie kommen Sie denn darauf?", antwortete Passepartout. "Ich bin erst an unserem Abreisetag in Mister Foggs Dienste getreten."

Mr. Fix war glücklich. Alles, was er gehört hatte, passte zusammen und bestärkte Ihn darin, den Bankräuber gefunden zu haben. Er ließ Passepartout noch weiterschwatzen und erfuhr noch einiges über die Eigenheiten seines Herrn. Nach dem Gespräch war klar: Phileas Fogg würde die Mongolia nicht in Suez verlassen, sondern bis Bombay reisen.

"Ist Bombay sehr weit weg?", fragte Passepartout.

"Ein gutes Stück. Vor Ihnen liegt eine zehntägige Seereise. Bombay liegt in Indien, Asien", erklärte Fix.

"Verflixt. Ich muss Ihnen nämlich etwas anvertrauen… eine Sache, die mir keine Ruhe lässt. Wissen Sie mein Hahn…"

"Was für ein Hahn?"

"Mein Gashahn! Bei unserer übereilten Abreise habe ich vergessen ihn abzudrehen. Jetzt brennt das Gas die ganze Zeit auf meine Kosten. Ich habe mir ausgerechnet, dass 24 Stunden zwei Schilling kosten. Das ist ein Sixpence mehr, als ich verdiene! Wenn unsere Reise nun immer weiter fort führt…"

Es sah nicht so aus, als hätte Fix die Gastragödie begriffen. Stattdessen schmiedete er Pläne, wie es nun weiter gehen sollte. Nachdem Passepartout die Einkäufe erledigt hatte und zurück zur Mongolia eilte, lief Fix schnurstracks zum Konsulat.

Dort berichtete er dem Konsul von seinem Gespräch mit dem Franzosen.

"Sie haben Recht. Alles spricht gegen diesen Fogg", stimmte der Konsul zu. "Was werden Sie jetzt unternehmen?"

"Ich schicke ein Telegramm nach London und bitte um die Ausstellung eines Haftbefehls für Bombay. Dann schiffe ich mich auf der Mongolia ein und lasse den Kerl nicht mehr aus den Augen. Wenn wir in Indien auf englischem Hoheitsgebiet sind, lege ich ihm die Hand auf die Schulter und zeige ihm den Haftbefehl."

Der Inspektor erledigte alles nach Plan und nur ein Viertelstunde später fand er sich mit einer kleinen Reisetasche und ausreichend Geld an Bord ein. Kurz darauf legte das Schiff mit Volldampf ab.

Rotes Meer und Indischer Ozean

Die Entfernung zwischen Suez und Aden, wo das Rote Meer in den Indischen Ozean übergeht, beträgt genau 1310 Meilen. Für diese Strecke sollte die Mongolia 138 Stunden benötigen.

Fast alle Passagiere, die in Brindisi an Bord gegangen waren, wollten nach Bombay oder Kalkutta, das inzwischen von Bombay aus auf dem Schienenweg zu erreichen war. Damit entfiel die Schiffsreise um die Südspitze Indiens.

Unter den Reisenden befanden sich zahlreiche Beamte und Offiziere aller Ränge. Andere, meist vermögende Engländer, wollten in Indien eine neue Handelsniederlassung gründen.

Entsprechend luxuriös wurde auf der Mongolia gelebt. Zum Frühstück, zum 2-Uhr-Lunch, zum Dinner um 5.30 Uhr nachmittags und zum Abendessen um 8 Uhr abends bogen sich die Tische unter der Fülle der Haupt- und Nachspeisen, die in den Küchen der Mongolia zubereitet wurden.

Die weiblichen Passagiere wechselten zweimal täglich ihre Garderobe und es spielte eine Bordkapelle, zu der man bei ruhigem Wellengang sogar tanzen konnte.

Das Rote Meer ist aber sehr oft launisch und unruhig. Wenn der Wind blies, egal aus welcher Richtung, stieß er gegen die Längsseite des Schiffes und brachte es heftig ins Schlingern. Die Damen verschwanden in ihren Kabinen und die Musik schwieg.

Trotzdem dampften die kräftigen Maschinen unaufhaltsam der Meerenge von Bab el-Mandeb entgegen.

Und was trieb Phileas Fogg? Man sollte meinen, dass der voller Unruhe jede Änderung der Windrichtung verfolgte. Doch er blieb derselbe kühl, zurückhaltende Gentleman, den wir im Reform Club in London kennen gelernt haben.

Sein Magen störte sich nicht im Mindesten am Schlingern und Schaukeln des Schiffes. Er speiste viermal täglich. Und was machte er zwischen den Mahlzeiten? Er spielte Whist - was sonst. Seine neuen Partner waren nicht weniger spielbesessen als er selbst.

Einer der Herren war ein Steuereintreiber, der eine Stelle in Goa antreten sollte, der zweite ein Geistlicher - er nannte sich Reverend Decimus Smith -, der dritte Partner, ein Brigadegeneral der britischen Armee, kehrte zu seiner Truppeneinheit in Benares zurück.

Diese vier Männer spielten stundenlang, ohne mehr als das Nötigste zu sprechen.

Passepartout hatte eine Kabine im Bug. Er blieb glücklicherweise von der Seekrankheit verschont, sodass er sich die köstlichen Speisen schmecken ließ. Da die Reise so komfortabel war, hatte er sich langsam mit seinem Schicksal ausgesöhnt. Im Übrigen glaubte er weiter fest daran, der ganze Spuk wäre in Bombay beendet.

Als er einen Tag nach der Abfahrt in Suez, also am 10. Oktober, auf dem Deck spazieren ging, traf er zu seiner angenehmen Überraschung den Herrn, der ihm bei der Ankunft in Ägypten so behilflich gewesen war.

Passepartout setzte seine freundlichste Miene auf und sprach Mr. Fix an: "Meine Augen täuschen mich doch nicht! Nein, so etwas! Mein hilfreicher Fremdenführer aus Suez!"

"Ganz Recht", sagte der Detektiv. "Jetzt erkenne ich Sie auch wieder. Sie sind der Diener dieses spleenigen Engländers"!

"Wie war ihr Name?", fragte Passepartout.

"Fix."

"Mister Fix, ich bin entzückt von unserem Wiedersehen. Wohin geht die Reise?"

"Auch nach Bombay."

"Umso besser. Sind Sie schon einmal dort gewesen?"

"Mehrmals. Ich bin Angestellter der Eisenbahngesellschaft", behauptete Fix.

"Ist Indien ein merkwürdiges Land?"

"Sehr merkwürdig. So viele Moscheen, Minarette, Fakire, Pagoden, Tiger und Schlangen! Diesmal werden Sie doch genügend Zeit haben, um das Land zu besichtigen?"

"Ich wünschte es, Mister Fix. Ein Mann mit gesundem Menschenverstand kann nicht ununterbrochen von Schiffen auf Eisenbahn und von der Eisenbahn auf Schiffe überwechseln, bloß, weil er in 80 Tagen um den Erdball gereist sein will. Nein. Dieser Sport wird in Bombay zu Ende sein, glauben Sie mir!".

"Und Mister Fogg geht es gut? Ihr Herr kommt wohl nie an Deck?", erkundigte sich Mr. Fix.

"Nein, er hat andere Interessen."

"Sagen Sie Monsieur Passepartout, haben Sie schon einmal daran gedacht, dass hinter dieser merkwürdigen 80-Tage-Reise etwas Wichtiges stecken könnte? Vielleicht reist Ihr Herr in geheimer diplomatischer Mission", sagte der Detektiv.

"Du liebe Güte, Mister Fix, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Doch es ist mir, ehrlich gesagt, auch ganz egal."

Seit dieser Begegnung führten Passepartout und Fix öfter Gespräche. Der Inspektor legte es darauf an, sich mit dem Diener des Mr. Fogg ein wenig anzufreunden und Passepartout fühlte sich geschmeichelt von der Aufmerksamkeit des ehrenwerten Gentlemans.

Der Dampfer kam rasch vorwärts. Am 13. Oktober fuhr er an Mekka vorüber, dessen zerfallende Stadtmauern von grünen Dattelhainen umgeben waren.

In der folgenden Nacht passierte die Mongolia die Meerenge von Bab el-Mandeb, was soviel wie "Tränenpforte" bedeutet. Am 14. Oktober ging das Schiff nordwestlich der Reede von Aden vor Anker um ausreichend Brennstoff zu laden.

Vor der Mongolia lag nun die 1650 Meilen lange Strecke nach Bombay. Man rechnete mit einem Aufenthalt von vier Stunden, bis genügend Kohle geladen wäre.

Mr. Foggs Programm wurde von diesem Stopp nicht berührt; er hatte ihn bereits eingerechnet. Außerdem hatte die Mongolia einen Zeitgewinn von fünfzehn Stunden herausgefahren.

Mr. Fogg und sein Diener gingen an Land, und Fix folgte ihnen unbemerkt. Phileas Fogg besorgte sich wieder eine Eintragung in seinen Pass, kehrte aufs Schiff zurück und setzte die begonnene Whist-Partie fort.

Passepartout blieb wie üblich noch ein bisschen in der Stadt und bestaunte das bunte Rassengemisch. Die 25.000 Einwohner der Stadt Aden setzten sich aus Banianen, das sind Angehörige eines Somali-Stammes, aus Parsen, Juden, Arabern und Europäern zusammen.

Um 6 Uhr abends lichtete die Mongolia die Anker und kurz darauf glitt sie schon durch die Gewässer des Indischen Ozeans. Der Fahrplan gestand ihr für die Strecke Aden-Bombay 168 Stunden zu. Glücklicherweise war das Meer ruhig. Der stetige Nordwestwind erlaubte ein Setzen der Segel, sodass das Schiff mit doppelter Kraft vorankam.

Durch die schwere Kohleladung schlingerte der Dampfer nicht mehr. Die Damen erschienen in frischer Garderobe an Deck und das gesellige Bordleben begann wieder.

Am Sonntag, dem 20. Oktober, kam gegen Mittag die indische Küste in Sicht. Am Horizont zog sich eine anmutige Hügelkette entlang und bald konnten die Reisenden deutlich die langen Reihen von Palmen im Stadtbild erkennen. Um 4 Uhr 30 Minuten legte die Mongolia am Kai von Bombay an.

Phileas Fogg beendete gerade seine Whist-Partie mit großem Gewinn. Da der Dampfer erst für den 22. Oktober erwartet wurde, vermerkte Mr. Fogg in der Gewinnspalte seines Reiseplanes - zwei Tage.

Passepartout barfuß

Die Mongolia begann um 4 Uhr 30 Minuten nachmittags mit der Ausschiffung der Passagiere. Der Zug nach Kalkutta ging erst um 8 Uhr abends ab. Indien ist ein riesiges auf der Spitze stehendes Dreieck, mit einer Gesamtfläche von 1 400 000 Quadratmeilen. Für die Bahnfahrt von Bombay nach Kalkutta brauchte man drei Tage.

Mr. Fogg verabschiedete sich von seinen Whist-Partnern und erteilte seinem Diener einige Aufträge. Wie stets ermahnte er den Burschen pünktlich am Bahnhof zu sein. Dann begab er sich mit auf den Millimeter genau bemessenen Schritten zum Passamt.

Den Sehenswürdigkeiten von Bombay schenkte er nicht einen Blick. Er hatte zwei Dinge im Sinn: den Stempel von Bombay und eine gute Mahlzeit.

Deswegen ging er vom Passamt direkt zum Bahnhof, wo er das Restaurant aufsuchte. Der Kellner empfahl ihm ein Kaninchen-Frikassee. Als das Essen serviert wurde, probierte Mr. Fogg vorsichtig. Es schmeckte abscheulich.

Mit strengen Worten wandte er sich an den Kellner: "Das Kaninchen hat nicht noch miaut, bevor es getötet wurde?"

"Miaut! Mylord, ich muss doch sehr bitten! Ich schwöre Ihnen, dass es sich um Kaninchenfleisch handelt."

"Früher einmal waren die Katzen in Indien heilige Tiere. Das waren noch gute Zeiten", sagte Mr. Fogg.

"Für die Katzen, Mylord?"

"Wohl eher für die Reisenden", und mit diesen Worten widmete er sich wieder seelenruhig seiner Mahlzeit.

Detektiv Fix hatte kurz nach Mr. Fogg die Mongolia verlassen und sich augenblicklich auf den Weg zum Polizeichef von Bombay gemacht. Seine erste Frage galt dem Haftbefehl, der noch nicht aus London eingetroffen war. Was auch nicht möglich war, da er auf jeden Fall erst nach Mr. Foggs Abreise losgeschickt worden war.

Sein Versuch bei den Behörden von Bombay einen Haftbefehl zu erhalten schlug ebenfalls fehl. Die Angelegenheit betraf die Londoner Kollegen, und nur die konnten den Haftbefehl ausstellen.

Fix blieb nichts anderes übrig, als zu warten. Er beschloss aber, Phileas Fogg auf Schritt und Tritt in Bombay zu überwachen. Im Übrigen war der Detektiv, wie Passepartout, davon überzeugt, dass Mr. Fogg in Bombay bleiben werde.

Der Diener selbst erkannte nach den Anordnungen seines Herrn, dass sich die Spielchen von Paris und Suez wiederholen werden. Die Reise ging weiter - zunächst bis Kalkutta und wer weiß, wohin danach. Langsam begann er an diese verrückte Wette zu glauben. Sollte ihn, der nichts als Ruhe gesucht hatte, das Schicksal tatsächlich in 80 Tagen um den gesamten Erdball jagen?

Zunächst musste er aber wieder Hemden und Socken besorgen. Danach sah er sich ein bisschen in der Stadt um. Auf den Straßen herrschte ein unbeschreibliches Menschengewimmel. Passepartout machte sich bereits wieder auf den Weg zum Bahnhof, da stand er plötzlich vor der berühmten Pagode vom Malabar Hill. Dieses Gebäude wollte er unbedingt von Innen bestaunen.

Dazu hätte er zwei Dinge wissen müssen: Erstens dürfen Christen manche hinduistische Gebetshäuser überhaupt nicht betreten, und zweitens wenn, dann nur barfuß. Die britische Regierung respektiert diese religiösen Vorschriften nicht nur, es wird auch jeder Verstoß dagegen streng bestraft!

Passepartout hatte nichts ahnend das Gebetshaus betreten und bewunderte die prächtige Innenausstattung, bei der nicht mit Blattgold gespart worden war. Plötzlich stürzten sich drei Priester auf ihn, warfen ihn auf die geheiligten Fliesen und rissen ihm Socken und Schuhe von den Füßen. Dazu stießen sie wilde Schreie aus und bearbeiteten Passepartout mit den Fäusten.

Der kräftige und geschickte Franzose war aber gleich wieder auf den Beinen. Ein Fußtritt und ein Fausthieb, schon flogen zwei seiner Gegner zur Seite. Passepartout gab Fersengeld und entwischte so auch dem dritten Priester, der noch ein Stück hinter ihm her rannte und die Menge aufhetzte.

Barfüßig und natürlich ohne seine Einkäufe, stürzte der Unglückliche fünf Minuten vor 8 Uhr in die Bahnhofshalle.

Mr. Fix stand schon auf dem Bahnsteig. Er war Mr. Fogg hinterher geschlichen und hatte einsehen müssen, dass der Mann keineswegs in Bombay bleiben wollte. Es blieb dem Detektiv nichts anderes übrig, als bis Kalkutta mitzureisen. Er hielt sich abseits, sodass Passepartout ihn nicht sehen konnte und belauschte das Gespräch, in dem der Diener seinem Herrn von dessen Abenteuer in der Malabar-Hill-Pagode berichtete.

Der Kommentar von Mr. Fogg war denkbar kurz: "Ich hoffe, so etwas wird nicht noch einmal passieren." Mit diesen Worten bestieg er den Zug.

Der arme Bursche war noch so verwirrt, dass er kein Wort erwidern konnte. Also folgte er seinem Herrn barfüßig ins Abteil.

Fix hatte geplant in einem anderen Wagen zu reisen, da kam ihm eine glänzende Idee. Ich bleibe hier in Bombay, dachte er, jetzt habe ich endlich was ich brauche: Eine Straftat auf indischem Staatsgebiet; damit kriege ich den Kerl.

Im selben Augenblick hörte man das schrille Pfeifen der Lokomotive, und gleich darauf verschwand der Zug in der Dunkelheit.

Ein teures Reittier

Passepartout und sein Herr reisten im selben Abteil. Ein dritter Fahrgast saß ihnen gegenüber auf einem der Fensterplätze. Es war der Brigadegeneral Sir Francis Cromarty, der auf der Schiffsreise zu Mr. Foggs Whist-Partnern gehört hatte.

Der General war groß, blond und mochte etwa 50 Jahre alt sein. Mit Ausnahme einiger Aufenthalte im Mutterland, war er seit seiner frühen Jugend nicht aus Indien herausgekommen. Kein Wunder, dass er sich in den Sitten und Gebräuchen dieses Landes bestens auskannte.

Phileas Fogg hätte von diesem Herrn viel Wissenswertes erfahren können, doch er zog es vor zu schweigen und überschlug im Geist die Stundenzahl, die ihn die Reise bisher gekostet hatte. Wäre er nicht so sparsam mit seinen Bewegungen gewesen, hätte er sich zufrieden die Hände reiben können.

Seit der General von der merkwürdigen Wette des Mr. Fogg gehört hatte, fragte er sich, was dieser verschrobene Engländer für ein Mensch war.

Die Zugfahrt führte die Reisenden vorbei an hohen Gipfeln und dichten Laubwäldern. Eine richtige Unterhaltung wollte zwischen den Herren nicht aufkommen. Daher war der General froh, als ihm ein neues Gesprächsthema einfiel: "Noch vor wenigen Jahren wäre Ihr Reiseplan an dieser Stelle gescheitert, Mister Fogg."

"Und warum, Sir Francis?"

"Die Eisenbahnlinie reichte damals nur bis zum Fuß des Gebirges. Dann ging es im Tragsessel oder auf dem Ponyrücken weiter bis hinüber nach Kandallah."

"So eine Verzögerung wäre nicht das Schlimmste. Bei der Aufstellung meines Planes habe ich solche Zeitverluste einkalkuliert", antwortete Phileas Fogg.

"Immerhin hätte Ihnen das Abenteuer Ihres Dieners erhebliche Unannehmlichkeiten bereiten können."

Passepartout hatte die Füße in seine Reisedecke gewickelt und schlief. Er ahnte nicht, dass von ihm die Rede war.

"Die englische Regierung bestraft solche Delikte sehr streng", begann Sir Francis Cromarty noch einmal. "Wir sind der Meinung, dass die religiösen Bräuche der Hindus unbedingt respektiert werden müssen. Wenn man Ihren Diener erwischt hätte…"

"… dann wäre er eben ins Gefängnis gegangen und nach Verbüßung der Strafe nach Europa zurückgefahren. Mich selbst hätte der Zwischenfall nicht aufhalten können."

Damit war das Gespräch wieder einmal erschöpft. In der Nacht kletterte der Zug hinauf ins Gebirge und am nächsten Tag, dem 21. Oktober, wieder hinunter in die fruchtbaren Ebenen. Der Dampf ringelte sich in Spiralen um hohe Palmen, zwischen den malerischen Hütten.

Als um 12 Uhr 30 Minuten in der Station von Burhanpur ein Stopp eingelegt wurde, nutzte Passepartout die Gelegenheit um ein Paar Pantoffeln zu kaufen. Der Preis war viel zu hoch, aber sie waren mit Perlen verziert. Passepartout betrachtete sie stolz.

Nach einer kleinen Mahlzeit ging die Fahrt weiter. Während die Zugreise andauerte, vollzog sich in Passepartout ein erstaunlicher Sinneswandel. Bis zur Ankunft in Bombay hatte er noch gehofft, dass der Spuk bald vorüber wäre. Doch seitdem er mit Volldampf über den indischen Kontinent ratterte, sah er die Reise in einem neuen Licht. Der Unternehmergeist seiner Jugendjahre wurde wiedererweckt, und er begann, die Pläne seines Herrn ernst zu nehmen.

Er dachte voller Unruhe daran, welche Hindernisse ihnen noch begegnen könnten. Immer wieder zählte er die Tage und schimpfte bei jedem Aufenthalt an den Bahnhöfen.

Am nächsten Tag, dem 22. Oktober erwähnte Sir Francis Cromarty einmal beiläufig die Uhrzeit. Passepartout warf einen Blick auf sein Erbstück. "Genau 3 Uhr früh", verkündete er. Das kostbare Stück war immer noch nach der Ortszeit von Greenwich, London eingestellt und ging um fünf Stunden nach.

Sir Francis berichtigte Passepartouts Zeitangabe und versuchte, wie bereits Mr. Fix in Suez, die Zusammenhänge zu erklären. Er wollte dem Franzosen begreiflich machen, dass er seine Uhr auf jedem Meridian, also Längengrad, neu stellen müsse, denn man reiste in östlicher Richtung, also der Sonne entgegen. Mit jedem Längengrad wurde der Tag 4 Minuten kürzer. Vergebens! Der dickköpfige Bursche behielt die Londoner Zeit bei.

Um 8 Uhr früh, etwa fünfzehn Meilen vor der Station Rothal, hielt der Zug auf einer weiten Lichtung. Der Zugführer rief: "Alles aussteigen! Der Zug endet hier!"

Phileas Fogg sah den General fragend an, aber auch der wusste nicht, was der Halt zu bedeuten hatte. Passepartout rannte hinaus, den Zug entlang und kam augenblicklich zurück: "Mister Fogg, es gibt keine Eisenbahn mehr!", schrie er. "Die Bahnlinie endet hier!"

Jetzt stieg auch Sir Francis und Mr. Fogg aus und wendeten sich an den Zugführer: "Wo sind wir hier", fragte Sir Francis Cromarty.

"In der Siedlung Kholby."

"Und weshalb halten wir?"

"Die Eisenbahnlinie ist noch nicht fertig. Auf den nächsten 50 Meilen bis Allahabad fehlen noch die Schienen. Von dort ab ist die Strecke vollständig."

"Aber die Zeitungen haben doch von der Eröffnung der gesamten Bahnlinie berichtet", warf Sir Francis wütend ein. "Wie können Sie denn dann Fahrkarten von Bombay nach Kalkutta verkaufen?"

"Die Reisenden wissen doch alle, dass sie sich selbst irgendwie über die Strecke von Kholby nach Allahabad helfen müssen."

Der Einzige, der ruhig blieb, war Phileas Fogg: "Sir Francis, wenn Sie nichts dagegen haben, werden wir uns jetzt um ein Transportmittel nach Allahabad bemühen."

"Und was wird aus Ihrem Reiseplan, Mister Fogg?"

"Die Verzögerung war einkalkuliert, Sir Francis."

"Wie? Sie wussten, dass die Bahnlinie…?"

"Ich wusste gar nichts, musste aber früher oder später mit einem Hindernis rechnen. Noch ist nichts verloren. Ich habe zwei Tage Vorsprung, die ich notfalls opfern kann. Der Dampfer nach Hongkong geht am 25. in Kalkutta ab. Heute ist er der 22., ich habe also Zeit."

Darauf konnte niemand etwas erwidern und so machten sie sich auf die Suche, nach einem geeigneten Transportmittel. Doch sie kamen zu spät; alles war bereits vergeben.

"Ich gehe zu Fuß", verkündete Mr. Fogg.

Passepartout sah an sich hinunter, seine wunderschönen Pantöffelchen waren für einen langen Fußmarsch völlig ungeeignet. Glücklicherweise konnte er einen Gegenvorschlag machen, denn er war allein auf Entdeckungstour gegangen: "Gnädiger Herr, ich wüsste schon, womit wir weiterreisen können."

"Und das wäre…?"

"Ein Elefant. Er gehört einem Inder, der gar nicht weit von hier wohnt."

Fünf Minuten später standen die Männer vor einer Hütte. Hinter einer Palisadenwand befand sich der Elefant. Kiuni - so wurde das Tier genannt - konnte lange Strecken in zügigem Tempo zurücklegen. Mr. Fogg hatte keine Wahl, er musste sich mit dem Elefanten abfinden.

So begann Mr. Fogg seine Verhandlungen mit dem Besitzer. Er war bereit das Tier für 10 Pfund pro Stunde zu mieten. Nein. Für 20 Pfund? Niemals. Für 40 Pfund? Überhaupt nicht.

Phileas Fogg blieb ruhig und bot an Kiuni für 1000 Pfund zu kaufen. Der Handel ging weiter und bei 2000 Pfund ergab sich der Inder.

"Bei meinen Pantoffeln", schrie Passepartout, "das nenne ich teures Elefantenfleisch."

Der Handel war perfekt. Jetzt brauchten sie nur noch einen Elefantentreiber. Ein junger Parse bot sich an, dem Mr. Fogg einen reichlichen Lohn anbot. Der Parse verstand das Handwerk des Elefantentreibers oder "Mahaut" genannt, ausgezeichnet. Er warf dem Tier eine Schabracke über den Rücken und befestigte an seinen Flanken Tragstühle, die sehr unbequem aussahen.

Phileas Fogg lud den Brigadegeneral ein, mit ihm zusammen nach Allahabad zu reiten. So kaufte die Reisegesellschaft noch etwas Proviant ein, und die beiden Gentlemen nahmen Platz in den Tragstühlen. Passepartout thronte rittlings, zwischen seinem Herrn und dem General, auf dem Rücken des Elefanten und der Parse hockte im Genick des Tieres.

Um 9 Uhr war es soweit: Sie verließen Kholby und verschwanden bald im dichten Fächerpalmenwald.

Im indischen Dschungel

Der Elefantentreiber wollte den Weg nach Allahabad abkürzen und bog von der Bahnstrecke, an der gebaut wurde, ab. Sir Francis und Mr. Fogg waren einverstanden. Nur ihre beiden Köpfe ragten aus den Tragstühlen. Der Parse trieb den Elefanten zur Eile an, so wurden die Reisenden kräftig durchgeschüttelt. Am Schwierigsten hatte es Passepartout, der mal auf dem Hinterteil saß und sich kurz darauf wieder am Hals festhielt. Trotzdem behielt er seine gute Laune, und reichte Kiuni immer wieder ein Stück Zucker, das dieser geschickt mit dem Rüsselende angelte.

Nach zwei Stunden machten sie eine Pause. Sir Francis Cromarty war dankbar; er fühlte sich vollkommen erschlagen. Mr. Fogg dagegen schien so frisch, als käme er gerade aus seinem Bett.

Um 12 Uhr brachen sie wieder auf. Die Landschaft wurde immer wilder. Große Wälder wechselten mit Heiden ab, in denen Tamarindenbäume und Zwergpalmen wuchsen. Gelegentlich tauchten Banden auf, die die Reisenden mit erhobener Faust bedrohten. Der Parse machte um diese Leute einen großen Bogen.

Um 8 Uhr abends erreichten sie am Fuße eines Berghanges die Ruinen eines Bungalows, wo sie ihr Nachtlager aufschlugen. Der Elefant hatte 25 Meilen zurückgelegt, genau die Hälfte der Strecke.

Die Nacht verlief ohne Zwischenfälle und um 6 Uhr in der Früh brach die Gesellschaft wieder auf. Kiuni trottete im immer gleichen Tempo bergab.

Zwölf Meilen vor Allahabad hielten sie erneut an. Sie rasteten unter Bananenstauden, deren Früchte sie mit großem Genuss verzehrten.

Der Führer lenkte den Elefanten durch einen dichten Wald, der guten Schutz zu bieten schien. Es war 4 Uhr, als Kiuni plötzlich unruhig stehen blieb.

"Was gibt es?", fragte Sir Francis Cromarty und reckte den Hals in die Höhe.

"Ich weiß nicht, Herr General", antwortete der Parse. Er lauschte angestrengt und konnte bald aus dem Dickicht ein wirres Geräusch vernehmen.

Bei genauerem Hinhören, erkannten die Reisenden, dass es sich um Stimmen, vermischt mit Klängen von Blasinstrumenten handelte. Der Parse sprang vom Elefanten, band das Tier an einen Baumstamm und verschwand im Unterholz. Er kam bald zurück und sagte: "Eine brahmanische Prozession kommt unseren Weg entlang. Wir sollten uns verstecken."

Er bat die Herrschaften sitzen zu bleiben, damit sie schnell flüchten konnten, falls Gefahr bestünde. Der lärmende Zug war schon ganz nahe, nur etwas 50 Schritt vom Versteck der Reisenden entfernt. Durch das Gebüsch konnte man deutlich die Teilnehmer der seltsamen Prozession beobachten.

Vorne weg schritten Priester mit pelzbesetzten Gewändern und hohen Mützen. Um sie herum drängten sich Männer, Frauen und Kinder deren Trauergesang immer wieder von Trommelschlägen unterbrochen wurde. Hinter ihnen wurde ein Wagen mit einer Furcht erregenden Statue sichtbar. Die vierarmige Gestalt war dunkelrot angemalt. Sie hatte wilde Augen und wirres Haar. Außerdem reckte sie die Zunge weit heraus. Unter ihren Füßen lag ein enthaupteter Riese.

Sir Francis Cromarty kannte die Bedeutung der Statue: "Die Göttin Kali", flüsterte er, "die Göttin der Liebe und des Todes."

Hinter der Statue liefen ein Haufen alter Fakire und danach ein paar Brahmanen in prunkvollen Gewändern, die zwischen sich eine Frau vorwärts zerrten.

Die Unglückliche war jung und weißhäutig wie eine Europäerin. Unmengen von Schmuckstücken, Halsbänder, Armreifen, Borschen und Ringe, bedeckten Kopf, Hals, Schultern, Arme, Hände und Zehen der jungen Frau.

Die Gruppe Leibwächter, die der Frau folgten, bildeten einen schrecklichen Gegensatz. Sie trugen blanke Dolche und Pistolen in den Gürteln. Zwischen sich schleppten sie einen Tragsessel, auf dem ein Leichnam thronte.

Die Kostbaren Gewänder des Toten ließen auf einen Radschah, einen indischen Fürsten schließen. Musiker bildeten das Ende des Leichenzuges.

Sir Francis Cromarty schaute der Prozession bekümmert hinterher und sagte zu dem Parsen: "Eine Suttee!"

Der junge Eingeborene nickte bestätigend und legte den Finger an die Lippen. Der lange Leichenzug kam nur langsam unter den Bäumen voran, aber schließlich verschwanden auch die letzten Teilnehmer im dichten Wald. Bald waren die Gesänge nicht mehr zu hören. Phileas Fogg fragte: "Was ist eine Suttee?"

"Das ist ein Menschenopfer, allerdings ein freiwilliges", antwortete der General. "Die junge Frau, die sie eben gesehen haben, wird morgen früh verbrannt."

Passepartout konnte sich nicht beherrschen: "Diese Lumpen!", schrie er empört.

"Und was war das für ein Leichnam?", erkundigte sich Mr. Fogg.

"Ihr Ehemann, ein Radschah von Bundelkhand", antwortete der Elefantentreiber.

"Sind diese barbarischen Sitten der Inder noch immer nicht durch die Engländer ausgerottet worden?", Phileas Foggs Stimme verriet nicht die leiseste Erregung.

"In den meisten Gebieten schon", sagte Sir Francis. "Aber in den wilden Gegenden, wie hier in Bundelkhand, stehen Raub und Mord an der Tagesordnung."

"Wie furchtbar! Bei lebendigem Leibe verbrannt zu werden!", murmelte Passepartout.

"Das ist furchtbar", bestätigte der General, "aber wenn sie sich weigert, wird sie von ihrer Familie verstoßen. Die Furcht vor diesem Schicksal, bringt viele dazu, freiwillig auf den Scheiterhaufen zu gehen."

Der Parse hatte mehrmals mit den Kopf geschüttelt. Nun kam er endlich zu Wort: "Die Witwe lässt sich gar nicht freiwillig verbrennen."

"Woher wissen Sie das?"

"Die Geschichte kennt doch jeder Einwohner von Bundelkhand", antwortete der Parse.

"Aber sie leistet gar keinen Widerstand", wandte Sir Francis Cromarty ein.

"Sie ist auch mit Hanf- und Opiumdämpfen betäubt worden."

"Und wohin wird sie nun gebracht?"

"Zur Pagode von Pillaji. Das sind zwei Meilen von hier. Dort muss sie die Stunden bis zu ihrer Verbrennung zubringen.

"Und wann soll das sein?"

"Morgen bei Tagesanbruch."

Der Treiber führte den Elefanten wieder aus seinem Versteck heraus und kletterte auf den Hals des Tieres. Gerade wollte er Kiuni mit einem Pfiff auf Trab bringen, da bat ihn Mr. Fogg, noch zu warten.

"Was meinen sie, könnten wir die Frau nicht retten?", fragte er den Brigadegeneral.

"Was wollen Sie? Die Frau retten? Mr. Fogg!", rief Sir Francis verblüfft.

"Ich habe immer noch zwölf Stunden Vorsprung, die könnte ich opfern."

"Sie an! Mister Fogg hat ein Herz!", sagte der General.

"Gelegentlich, vorausgesetzt, ich habe Zeit dazu", erwiderte Phileas Fogg bescheiden.

Der wagemutige Passepartout

Das Vorhaben war kühn und nahezu nicht durchführbar. Mr. Fogg setzte sein Leben und das Gelingen seines Reiseplanes aufs Spiel. Sir Francis Cromarty war bereit, ihm zur Seite zu stehen und auch Passepartout wollte mit von der Partie sein. Er war ganz hingerissen von dem Wagemut seines Herrn. Phileas Fogg wurde ihm immer lieber.

Sir Francis wandte sich an den Elefantentreiber um herauszufinden, was er darüber dachte.

"Herr General", antwortete der junge Mann, "ich bin Parse, wie die junge Frau. Verfügen Sie über mich."

"Gut, wir werden mit der Rettung beginnen, wenn es dunkel ist", sagte Mr. Fogg.

Während die Reisegesellschaft es sich im Dickicht so bequem wie möglich machte, begann der Mahaut zu erzählen, was er über die arme Witwe wusste.

Sie war eine wunderschöne Parsin, Tochter eines Kaufmanns aus Bombay, die eine vollkommen englische Erziehung genossen hatte. Ihr Name war Aouda. Sie war Waise und wurde gegen ihren Willen mit dem alten Radschah aus Bundelkhand vermählt. Als dieser drei Monate nach der Hochzeit starb, floh sie, weil sie wusste welches Schicksal sie erwartete. Als sie wieder eingefangen wurde, beschloss die Familie den Opfertod.

Durch die Erzählung noch mehr bestärkt, machten sich die Retter auf zur Pagode von Pillaji. In sicherer Entfernung suchten sie Schutz und berieten, was zu tun wäre.

Der Parse war fest davon überzeugt, dass die junge Frau im Innern der Pagode festgehalten wurde. Vielleicht sollte man abwarten, bis die tobende Menge einschlief. Immerhin waren sie aufgrund einer Mischung aus flüssigem Opium und Hanf schwer berauscht. Oder war es besser ein Loch in die Mauer zu brechen?

Als es dämmerte, machten sich die Herren auf den Weg. Sie schlichen an einem Flüsschen entlang, von dessen Ufer sie den Scheiterhaufen erkennen konnten. Sandelholzscheite waren aufeinander gestapelt und obendrauf ruhte der einbalsamierte Leichnam des Radschahs.

Sie näherten sich der Pagode und mussten zu ihrer Enttäuschung erkennen, dass Wächter mit blanken Dolchen vor den Toren auf- und abmarschierten. Von dieser Seite war der Durchgang unmöglich.

Sir Francis schlug vor zu warten: "Es ist er 8 Uhr. Vielleicht schlafen die Wächter noch ein."

Phileas Fogg und seine Gefährten streckten sich also neben einem Baum ins Gras und warteten unendlich lange Stunden.

Um Mitternacht war die Lage immer noch unverändert. Jetzt blieb nur noch eine Möglichkeit ins Innere der Pagode zu gelangen: Die Mauer musste durchbrochen werden. Allerdings war auch damit nicht viel erreicht; denn die Priester bewachten ihr Opfer sicher ebenso gut, wie die Wächter.

Es war halb 1 Uhr, als sie mit gezückten Messern vor der Rückseite der Tempelmauer standen. Die Wand war nicht besonders stabil. Wenn der erste Stein gelöst wäre, konnte man die weiteren ohne Probleme herausnehmen.

Sie machten sich so leise wie möglich an die Arbeit. Es ging gut voran, als aus dem Inneren plötzlich ein Schrei drang. Ohne weiter nachzudenken ergriffen alle vier die Flucht. Als sie im Schutz einer Baumgruppe anhielten, berieten sie.

"Wir müssen fort von hier", flüsterte der Parse.

"Vielleicht haben wir im letzten Augenblick noch eine Chance. Ich muss erst morgen kurz vor 12 Uhr in Allahabad sein. Warten wir ab", erwiderte Mr. Fogg mit ruhiger Stimme.

Passepartout fand keine Ruhe. Er saß in den unteren Ästen eines Baumes und heckte einen Schlachtplan aus. Der Einfall war ihm blitzartig gekommen, wurde aber immer mehr zur fixen Idee. Mit der Geschmeidigkeit einer Schlange glitt er über die Äste zurück auf den Erdboden.

Die Stunden vergingen schleichend. Wie von Zauberhand geweckt, richtete sich das Volk mit dem ersten Sonnenstrahl auf. Die Trommeln dröhnten und die Gesänge und das Geschrei wurden lauter.

Die Tore öffneten sich und unsere Reisenden konnte die junge Frau zwischen zwei Priestern erkennen. Offenbar versuchte sich die Parsin zu wehren. Doch betäubende Rauchschwaden ließen sie teilnahmslos in die Arme der Priester zurücksinken.

Phileas Fogg und seine Begleiter bildeten die Nachhut des Zuges. Sie sahen, dass die junge Frau völlig reglos neben dem Leichnam ihres Gatten lag. Eine brennende Fackel wurde gebracht, und sofort stand das ölgetränkte Holz lichterloh in Flammen.

Mr. Fogg, Sir Francis und der Mahaut standen hilflos da. Phileas Fogg wollte sich gerade auf den Scheiterhaufen stürzen, da veränderte sich die Szene. Die Zuschauer brachen in Angstschreie aus. Sie warfen sich bäuchlings auf den Boden - Angst schüttelte sie.

Der Radschah war nicht tot! Wie ein Geist richtete er sich auf, hob die junge Frau auf die Arme und kletterte vom Scheiterhaufen. Um ihn herum stiegen Rauchschwaden auf und ließen seine Gestalt noch überirdischer aussehen.

Fakire, Wächter, Priester, das ganze Volk lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden. Nicht einer wagte, den Blick zu heben und das Wunder mit den Augen zu schauen.

Sir Francis Cromarty und Phileas Fogg waren aufrecht stehen geblieben, während der Parse den Kopf gesenkt hatte. Und Passepartout?

Der auferstandene Radschah stand plötzlich zwischen den beiden Engländern und zischelte: "Fort von hier!"

Es war Passepartout! Der Franzose hatte sich im Schutz der Rauchschwaden an den Scheiterhaufen herangeschlichen und die junge Frau dem Tode entrissen. Passepartout war ein Held! Und er hatte Glück gehabt, dass im ersten Moment niemand hinter den Schwindel gekommen war.

Die vier Männer eilten in den Wald. Wenig später trug sie der Elefant in eiligen Trab davon. Die Inder, die den Betrug entdeckt hatten, schickten ihnen Gewehrsalven hinterher, aber es war zu spät. Die Kugeln und Pfeile der Verfolger konnten die Fliehenden nicht mehr erreichen.

Das herrliche Ganges-Tal

Die Entführung war geglückt. Noch eine Stunde später konnte sich Passepartout vor Lachen kaum halten. Sir Francis hatte ihm die Hand geschüttelt und sein Herr hatte die Tat als "gar nicht übel" bezeichnet, was einem Lob gleichkam.

Die junge Inderin hatte ihre neue Lage noch nicht begriffen. In eine Reisedecke gehüllt, schlummerte sie in einem der Tragsessel.

Um 7 Uhr morgens musste eine Ruhepause eingelegt werden. Die Benommenheit der jungen Frau dauerte an. Der Mahaut flößte ihr einige Schlucke Wasser ein, aber es ging ihr nicht besser.

Sir Fancis Cromarty sprach mit Phileas Fogg über die Zukunft der Witwe. Bliebe Mrs. Aouda in Indien, würde sie ihren Mördern sicherlich wieder in die Hände fallen. Sie musste Indien verlassen.

Mr. Fogg antwortete, er wolle darüber nachdenken, und entsprechend handeln.

Gegen 10 Uhr vormittags war der Bahnhof von Allahabad in Sicht. Die junge Frau wurde im Warteraum der Station untergebracht. Passepartout erhielt den Auftrag ihr neue Kleider zu besorgen.

Er brach sofort auf. Mit der Suche, nach passender Garderobe verband er gleich eine kleine Stadtbesichtigung. In einem jüdischen Laden wurde er fündig. Für 75 Pfund erwarb er ein Kleid aus Schottenstoff, einen weiten Mantel und einen herrlichen Marderpelz.

Mrs. Aouda kam langsam zu Bewusstsein. Die Rauschgifte der Priester verloren nach und nach ihre Wirkung und die schönen Augen der jungen Frau schimmerten allmählich wieder. Sie war eine überaus charmante Frau, die ein gewähltes Englisch sprach.

Inzwischen war es Zeit für die Abfahrt des Zuges. Der Parse wartete auf seinen Lohn. Mr. Fogg gab ihm die versprochene Summe. Nicht mehr und nicht weniger. Passepartout wunderte sich darüber, denn sein Herr musste doch wissen, wie viel er dem braven Parsen schuldete.

Dann sagte Phileas Fogg: "Mahaut, du hast uns zufrieden stellend und treu ergeben gedient. Für deine Ergebenheit sollst du den Elefanten bekommen. Möchtest du dieses Tier haben?"

Die Augen des Parsen funkelten: "Der Herr schenkt mir ein Vermögen", rief er fassungslos.

"Nimm ihn nur, Mahaut. Ich bleibe trotzdem in deiner Schuld."

"Greif zu!", schrie Passepartout begeistert. "Kiuni ist ein zäher, tapferer Bursche." Dann lief er zu dem Elefanten und streckte ihm ein paar Zuckerstücke hin.

Der Elefant trompetet fröhlich, packte den Franzosen mit dem Rüssel fest um die Taille und beförderte ihn mit einem einzigen Schwung auf seinen Schädel. Passepartout thronte furchtlos dort oben. Er streichelte das Tier und der Elefant setzte ihn sanft wieder zu Boden.

Kurz darauf fuhr die Reisegesellschaft mit Volldampf der Stadt Benares entgegen. Sir Francis Cromarty, Phileas Fogg und Passepartout saßen in einem bequemen Eisenbahnabteil und hatten Mrs. Aouda den besten Platz eingeräumt.

Die junge Frau erholte sich zusehends. Sir Francis beschrieb die Ereignisse der letzten Nacht. Er betonte immer wieder wie mutig Phileas Fogg und vor allem Passepartout vorgegangen waren. Mr. Fogg schwieg und Passepartout wehrte verschämt ab.

Mrs. Aouda dankte ihren Rettern und konnte dabei die Tränen nicht zurück halten. Die Schreckensszenen der Suttee fielen ihr wieder ein, und augenblicklich gingen ihre Gedanken in die Zukunft. Ein Schauer durchlief ihren Körper.

Mr. Fogg ahnte, was in der jungen Frau vorging. Er wollte sie beruhigen und versprach ihr, allerdings in recht trockenen Worten, sie nach Hongkong zu begleiten.

Da zufälligerweise ein Verwandter von Mrs. Aouda dort lebte, nahm die junge Frau dankbar an.

Um 12 Uhr 30 Minuten mittags hielt der Zug in Benares. Sir Francis Cromarty musste hier aussteigen. Seine Truppen waren einige Meilen nördlich von Benares stationiert. Der Brigadegeneral verabschiedete sich von seinen Reisegefährten und wünschte Mr. Fogg eine weniger originelle, aber umso ungefährlichere Weiterreise.

Damit gingen sie auseinander.

Von Benares folgte die Eisenbahnlinie teilweise dem Lauf des Ganges. Das Wetter war sehr schön. Nacheinander glitten grüne Bergzüge, Felder mit Gerste, Mais und Weizen, vor den Abteilfenstern vorbei.

Als die Nacht hereinbrach, fuhr der Zug mit unverminderter Geschwindigkeit weiter. Endlich um 7 Uhr früh, hielt der Zug in Kalkutta. Das Postschiff nach Hongkong sollte erst um 12 Uhr die Anker lichten. Phileas Fogg hatte also fünf Stunden zur freien Verfügung.

Sein Ziel war erreicht. Er hatte keinen Zeitgewinn mehr, aber auch keinen Verlust. Die beiden gewonnen Tage waren verloren, aber Phileas Fogg beklagte sich nicht darüber.

Die Verhandlung

Phileas Fogg hatte beschlossen Mrs. Aouda nicht mehr von der Seite zu weichen, bis sie in Hongkong außer Gefahr war. Die kleine Reisegesellschaft wollte gerade das Bahnhofsgebäude verlassen, als ein Polizist herantrat: "Mister Fogg?", fragte der Beamte.

"Sie wünschen?"

"Ist dieser junge Mann ihr Diener?" Der Polizist zeigte auf Passepartout.

"Ja."

"Ich muss die Herren bitten, mir zu folgen."

Mr. Fogg blieb ruhig und gab Passepartout ein Zeichen, dass er gehorchen solle. "Darf uns die junge Dame begleiten?", fragte er.

"Bitte", antwortete der Polizist.

Während der zwanzigminütigen Kutschfahrt fiel kein einziges Wort.

Der Polizist brachte seine Gefangenen in einen vergitterten Raum und sagte lediglich: "Um halb neun ist Ihre Verhandlung vor Richter Obadiah." Damit ging er hinaus und verschloss die Tür.

"Jetzt sitzen wir fest", jammerte Passepartout.

"Sie werden bestimmt verfolgt, weil Sie mich entführt haben. Bitte, Mr. Fogg, reisen sie alleine weiter", sagte Mrs. Aouda traurig.

"Wegen der Suttee? Ausgeschlossen, das kann nur ein Missverständnis sein. Ich werde Sie auf keinen Fall alleine lassen."

Pünktlich wurden unsere Reisenden vor den Richter geführt. Dieser war ein großer, dicker Mann. Nachdem er sich die passende Perücke aufgesetzt hatte, rief er: "Den ersten Fall - Phileas Fogg!"

"Hier", antwortete Mr. Fogg.

"Passepartout?"

"Anwesend", bestätigte der Franzose.

"Dann können wir anfangen. Die Klägerpartei soll eintreten."

Eine Tür ging auf und drei indische Priester wurden von einem Saaldiener hereingeführt.

"Also doch. Die Schurken, die unsere junge Dame verbrennen wollten…", flüsterte Passepartout.

Die Anklage wurde verlesen. Mr. Fogg und sein Diener hätten ein brahmanisches Heiligtum geschändet.

"Herr Richter, ich bekenne mich schuldig und verlange, dass diese drei Priester gestehen, was sie im Tempel von Pillaji vorhatten."

Es gab einen Tumult, die Priester verstanden nicht, wovon die Rede war. Erst als Richter Obadiah das Wort "Bombay" erwähnte, kam Klarheit in die Sache.

"Und hier ist das Beweisstück", sagte der Gerichtsschreiber und stellte ein Paar Schuhe auf den Schreibtisch.

"Meine Schuhe!", entfuhr es Passepartout, der damit überführt war.

An diesen Zwischenfall in Bombay hatten sie nicht mehr gedacht. Detektiv Fix hatte sich diesen Vorfall zunutzen gemacht. Er hatte die Priester der Malabar-Hill-Pagode überredet, mit ihm nach Kalkutta zu reisen.

In einer Ecke des Gerichtssaales verfolgte Fix die Verhandlung mit großer Anteilnahme. Sein ersehnter Haftbefehl war immer noch nicht angekommen.

"Sie geben die Tat also zu?", fragte der Richter.

"Wir geben die Tat zu", antwortete Mr. Fogg, ohne die Miene zu verziehen.

Der Richter setzte zur Urteilsverkündung an, wobei er alle Fakten nochmals erwähnte: "…wird der Beklagte Passepartout zu zwei Wochen Haft und einer Geldbuße in Höhe von 300 Pfund Sterling verurteilt."

"300 Pfund!", stöhnte der Franzose.

"Da es keine Gegenbeweise gibt, dass der Diener nicht im Auftrag seines Herrn gehandelt hat, wird Mr. Fogg zu einer Woche Haft und einer Geldbuße von 150 Pfund Sterling verurteilt.

Nach diesen Worten wandte sich der Richter an den Saaldiener: "Den nächsten Fall!"

Passepartout war völlig niedergeschlagen. Sein Herr dagegen blieb gewohnt gelassen. Er erhob sich und sagte: "Ich biete eine Kaution an."

"Das ist Ihr gutes Recht", antwortete der Richter. "Da Sie nicht in Indien leben, setze ich die Kaution auf 1000 Pfund pro Person an."

"Ich zahle", sagte der Gentleman und ließ sich von seinem Diener die Reisetasche mit den Banknoten geben.

"Wenn Sie die Gefängnisstrafe verbüßt haben, erhalten Sie das Geld zurück", sagte der Richter. "Im Augenblick sind sie gegen Kaution fei."

Mr. Fogg reichte Mrs. Aouda den Arm und schritt mit ihr hinaus auf die Straße. Passepartout folgte mit hängenden Schultern.

Mr. Fix konnte sich zwar nicht vorstellen, dass Mr. Fogg die Haft nicht antreten würde, aber vorsichtshalber blieb er ihm auf den Fersen.

Phileas Fogg mietete sich eine Kutsche und Fix musste mit ansehen, wie sein Dieb um 11 Uhr vormittags mit einem kleinen Boot zu dem Dampfer "Rangoon" übersetzte.

"Ich lasse den Burschen nicht mehr aus den Augen und wenn es ans Ende der Welt geht. Wenn er so weiter macht, ist das gestohlene Geld bald futsch", schimpfte der Detektiv.

So Unrecht hatte Fix gar nicht. Mr. Fogg hatte inzwischen bereits mehr als 5000 Pfund ausgegeben. Und die Belohnung sollte sich nach der Höhe der sichergestellten Summe richten.

Mr. Fix ist verwirrt

Die Rangoon verrichtete in den chinesischen und japanischen Küstengewässern den Postdienst. Der Schraubendampfer war zwar ebenso schnell, wie die Mongolia, aber weniger elegant ausgestattet. Für seine Reisebegleiterin hätte sich Phileas Fogg eine komfortablere Unterbringung gewünscht, aber Mrs. Aouda stellte keine besonderen Ansprüche, und die Fahrt über 3500 Meilen würde kaum länger als elf oder zwölf Tage dauern.

Während der ersten Tage der Überfahrt lernte Mrs. Aouda, Phileas Fogg etwas besser kennen. Bei jeder Gelegenheit erklärte sie ihm ihre Dankbarkeit. Doch unser unterkühlter Gentleman nahm ihre Worte mit unbewegter Miene entgegen. Jedenfalls sah es so aus. Er erfüllte seine Höflichkeitspflichten mit derselben Präzision, wie er seine Reise durchführte.

Mrs. Aouda wusste nicht, was sie von Mr. Foggs Verhalten denken sollte, aber Passepartout kam ihr zur Hilfe. Er klärte die junge Frau über die Eigenheiten seines Herrn auf und erzählte ihr auch von der Wette. Sie lächelte darüber, schließlich verdankte sie Mr. Fogg das Leben und so betrachtete sie ihn weiterhin mit dankbaren Augen.

Der erste Teil der Schiffsreise war vom Wetter begünstigt. Die Rangoon passierte den Bengalischen Meerbusen, die Andamanen und mit Volldampf weiter die Malakka-Straße, die ins Südchinesische Meer führt.

Was war aus Mr. Fix geworden? Noch in Kalkutta hatte er Anweisung gegeben, den Haftbefehl sofort weiter nach Hongkong zu schicken. Danach war er an Bord der Rangoon gegangen, wo er sich seither in seiner Kabine versteckt hielt, um Passepartout nicht über den Weg zu laufen.

Seine ganzen Hoffnungen lagen nun auf dem Halt in Hongkong. Mit dieser Stadt betrat der Dieb das letzte Mal britisches Hoheitsgebiet. Fix verbrachte Stunden damit, sich auszumalen, was geschähe, wenn der Haftbefehl nicht rechzeitig eintraf. Notfalls müsste er sich eine List einfallen lassen. Sein letzter Ausweg wäre, Passepartout ins Vertrauen zu ziehen, da er sich sicher war, dass der Franzose nichts über die wahren Machenschaften seines Herrn wusste.

Vollkommen unklar war ihm die Anwesenheit dieser jungen Dame. Fogg musste sie irgendwo zwischen Bombay und Kalkutta kennen gelernt haben, aber wo und wie? Schließlich kam er zu der Überzeugung, dass Fogg die junge Frau entführt hätte. Das würde reichen den Dieb in Hongkong dingfest zu machen.

Bei einem kurzen Zwischenstopp in Singapur wollte Fix ein Telegramm an die Behörden in Hongkong schicken, um sie zu verständigen. Aber ehe es so weit war, musste er wohl oder übel Passepartout zum Plaudern bringen.

Also kletterte Mr. Fix auf das Oberdeck und traf dort mit größter Verwunderung und ganz "zufällig" auf den jungen Franzosen.

"Sie hier auf der Rangoon?", rief Passepartout gleichermaßen erstaunt und erfreut, "machen sie etwa auch eine Reise um die Welt?"

"Oh, nein. Ich muss für ein paar Tage nach Hongkong", erwiderte der Detektiv.

Die Tatsache, warum sie sich bisher nicht auf dem Schiff begegnet waren, erklärte Fix mit einer Unpässlichkeit. Die Seekrankheit hätte ihn seiner Kabine gehalten. "Und wie geht es Mr. Fogg?"

"Vorzüglich", rief Passepartout aus und erklärte mit überschwänglichen Worten, was ihnen seit der letzten Begegnung passiert war.

"Und die junge Dame möchte er mit nach Europa nehmen?"

"Wo denken Sie hin! Wir bringen sie nur in die Obhut eines reichen Verwandten in Hongkong", erklärte Passepartout.

Fix verbarg seine Enttäuschung und lud den Franzosen auf ein Gläschen Gin ein.

Überlegungen

Während Phileas Fogg sich die meiste Zeit im Großen Salon der Rangoon aufhielt, wo er Mrs. Aouda Gesellschaft leistete oder, wie eh und je, Whist spielte, begann Passepartout sich ernsthaft Gedanken über Mr. Fix zu machen.

Es war schon ein eigenartiger Zufall, der ihre Wege immer wieder kreuzen ließ. Konnte man überhaupt noch von Zufall sprechen? Da es in der Natur des Menschen liegt, alles zu erklären, kam dem Franzosen plötzlich die Erleuchtung. Mr. Fix war von den Kollegen des Reform Clubs beauftragt worden, die Reiseroute seines Herrn zu überprüfen. Passepartout war sich sicher, nur so konnte es sein. Er beschloss allerdings diese Neuigkeit für sich zu behalten, weil das Misstrauen der Club-Mitglieder Mr. Fogg sicherlich gekränkt hätte.

Am Morgen des 31. Oktobers ging die Rangoon um 4 Uhr morgens in Singapur vor Anker um Lebensmittel und neue Kohle zu laden. Von Kalkutta nach Singapur hatte der Dampfer einen halben Tag weniger gebraucht.

Mrs. Aouda äußerte den Wunsch, für ein paar Stunden an Land zu gehen. Passepartout machte sich daran, wie gewohnt die Einkäufe zu erledigen, Mr. Fogg begleitete die junge Dame zu einer Kutsche, mit der sie eine zweistündige Rundfahrt unternahmen und Mr. Fix schlich ihnen hinterher.

Um 11 Uhr hatte die Rangoon genügend Kohle geladen und die Fahrt konnte weiter gehen. Ungefähr 1300 Meilen trennen Singapur von der Insel Hongkong. Da am 5. November ein Schiff nach Yokohama fuhr, hoffte Phileas Fogg dieses Ziel in höchstens sechs Tagen zu erreichen.

Die Rangoon war voll besetzt. Es wehte eine steife Brise und es gab hohen Wellengang. Die Dampfer der Indisch-Orientalischen-Schifffahrtsgesellschaft hatten einen schwerwiegenden Konstruktionsfehler. Das Verhältnis zwischen Tiefgang und Hohlraum stimmte nicht und so reichten einige Wellenbrecher, die das Deck überspülten um das Schiff zum Kentern zu bringen.

Wegen des schlechten Wetters konnte die Rangoon nur noch mit halber Maschinenkraft fahren, was zu Zeitverlusten führte. Passepartout regte sich schrecklich auf und beschimpfte die Verantwortlichen.

"Sie können es wohl gar nicht erwarten, in Hongkong anzukommen?", fragte ihn eines Tages der Detektiv.

"Wir sind in Eile, schließlich müssen wir das Postschiff nach Yokohama erwischen."

"Sie glauben also immer noch an diese ominöse Wette?"

"Sie etwa nicht? Sie können sich aber gut verstellen", sagte Passepartout und zwinkerte Mr. Fix vertraulich zu.

Der Detektiv stutzte. Wusste der Franzose über ihn Bescheid?

An einem der nächsten Tage wagte sich Passepartout noch weiter vor, das heißt, seine Zunge ging mit im durch. "Wir müssen Sie doch hoffentlich nicht in Hongkong zurücklassen?"

Fix wurde verlegen. "Ich weiß noch nicht…, vielleicht…", stammelte er hilflos. Er studierte das Gesicht seines Gegenübers. Doch der strahlte ihn so freundlich an, dass der Detektiv es für besser hielt, einfach mit zu lachen.

Als Mr. Fix in seine Kabine zurückkehrte, setzte er sich hin und überlegte. Der Franzose wusste offenbar, dass er Detektiv war. Hatte er seinen Herrn gewarnt? Welche Rolle spielte er in der Affäre? Waren die beiden Männer doch Komplizen? Als etwas Ruhe in seine Gedanken einkehrte, beschloss er offen mit Passepartout zu sprechen.

Von Singapur nach Hongkong

Es herrschte sehr schlechtes Wetter. Starker Wind blies unablässig von Nordwesten her und machte der Rangoon zu schaffen. Das unstabile Schiff schwankte heftig, und die Passagiere beobachteten voller Furcht die langen, gefährlichen Brecher.

Vom 3. bis zum 4. November wuchs der Wind zu einem Sturm. Die Rangoon musste beidrehen und die Wellen schräg anschneiden, um nicht zu kentern. Das Schiff verlor erheblich an Geschwindigkeit, und die Reisenden mussten mit einer beträchtlichen Verspätung rechnen.

Phileas Fogg beobachtete das aufbrausende Meer mit gewohntem Gleichmut. Fast hätte man meinen können, dieser Sturm wäre einkalkuliert.

Nur Mr. Fix war dankbar. Auch wenn er unter großer Übelkeit litt, freute er sich, dass Mr. Fogg durch die Verspätung einige Tage Aufenthalt in Hongkong haben würde.

Passepartout konnte seine Aufregung nicht verbergen. Er schimpfte und wütete, und quälte die Besatzung mit den immer gleichen Fragen. Die staunten nicht schlecht, als der Franzose wie ein Affe in der Takelage herum kletterte und überall mit Hand anlegte.

Schließlich legte sich der Sturm im Laufe des 4. Novembers und die Wogen glätteten sich. Die Rangoon nahm wieder hohe Geschwindigkeit auf. Trotzdem mussten sich die Passagiere damit abfinden, dass der Zeitverlust nicht mehr vollkommen aufzuholen war. Erst am 6. November um 5 Uhr morgens kam Land in Sicht.

In Mr. Foggs Reiseplan war der 5. November als Ankunftstag notiert. Er kam also um 24 Stunden zu spät an, und das Schiff nach Yokohama war sicher längst fort.

Als ein Lotse an Bord kam, um den Dampfer in den Hafen von Hongkong zu leiten, fragte Phileas Fogg diesen, wann das nächste Schiff nach Yokohama ginge.

"Morgen, mit dem Morgenhochwasser", erwiderte dieser.

"Soso", sagte Mr. Fogg gelassen. Passepartout hätte den Lotsen am liebsten umarmt, während Fix Mordgelüste bekam.

"Wie heißt das Schiff?", fragte Mr. Fogg.

"Die Carnatic."

"Sollte die nicht schon am 5. abfahren?"

"Sie haben Recht, aber einer ihrer Dampfkessel musste repariert werden, sodass sich die Abfahrt um zwei Tage verschob."

"Besten Dank", sagte Phileas Fogg und begab sich wieder in den Salon.

Der Lotse lenkte den Dampfer durch eine unübersehbare Menge von Dschunken, Haus- und Fischerboten, die die Hafeneinfahrt verstopften. Um 1 Uhr mittags legte die Rangoon am Kai von Hongkong an, und die Passagiere gingen an Land.

Diesmal war es also reiner Zufall, dass Mr. Foggs Vorhaben nicht scheiterte. Ohne den Maschinenschaden wäre die Carnatic tatsächlich am 5. November ausgelaufen und der nächste Dampfer wäre erst in einer Woche losgefahren.

Die 24 Stunden, die er verloren hatte, waren kein Problem, denn das Postschiff von Yokohama nach San Francisco wartete jeweils auf das Postboot aus Hongkong. Die verlorene Zeit konnte Phileas Fogg auf der 22-tägigen Reise über den Pazifik leicht wieder einholen. Er konnte also sein Programm einhalten, obwohl er bereits 35 Tage unterwegs war!

Die Carnatic sollte am 7. November um 5 Uhr früh in See stechen. Also blieben Mr. Fogg sechzehn Stunden, um die Angelegenheiten von Mrs. Aouda zu klären.

Während Passepartout der jungen Frau in einem Hotel Gesellschaft leistete, machte sich Phileas Fogg auf zur Börse. Einen angesehenen Geschäftsmann, wie es der Vetter von Mrs. Aouda war, kannte dort bestimmt irgend jemand. Er hatte Erfolg. Der reiche Parse war tatsächlich bekannt. Leider, teilte man Mr. Fogg mit, sei Jejeeh, so hieß der Vetter, nach Europa, vermutlich nach Holland ausgewandert.

Als Mr. Fogg im Hotel angekommen, der jungen Frau die Umstände erklärte, presste die die Hand an ihre Stirn und fragte mit sanfter Stimme: "Was soll ich jetzt tun, Mister Fogg?"

"Das ist einfach. Sie fahren mit uns weiter nach Europa."

"Aber ich kann Sie doch nicht länger belasten…"

"Sie belasten mich nicht. Passepartout, gehen Sie zur Carnatic und lassen Sie drei Kabinen reservieren."

Der treue Diener eilte überglücklich davon. Mrs. Aouda war stets so freundlich zu ihm! Und jetzt reiste sie mit Mr. Fogg und ihm zusammen weiter!

Der treue Diener

Am Anlegeplatz der Carnatic begegnete Passepartout erneut Mr. Fix. Dieser stand mit betrübter Miene da. Passepartout übersah dies und begrüßte den Detektiv mit strahlendem Gesicht: "Nun, Mister Fix, kommen Sie mit uns nach Amerika?", fragte er gerade heraus.

"Ja", sagte Fix mit verkniffenem Mund.

"Ich wusste ja, dass Sie sich nicht von uns trennen können. Lassen Sie uns die Plätze buchen."

Sie betraten das Büro und reservierten vier Kabinen. Der Angestellte machte sie darauf aufmerksam, dass die Carnatic bereits um 8 Uhr am Abend, und nicht, wie angekündigt am nächsten Morgen auslaufen werde. "Umso besser. Das bringt meinem Herrn wertvolle Zeit. Ich werde ihm gleich Bescheid sagen."

Da fasste Mr. Fix einen gewagten Plan. Er beschloss dem Franzosen endgültig die Wahrheit zu sagen. Auf dem Rückweg schlug er dem Diener eine Erfrischungspause vor. Sie betraten die nächste Taverne. Ohne gleich zu bemerken, dass sie in eine Opiumhöhle geraten waren, nahmen sie Platz und bestellten zwei Flaschen Wein. Um sie herum lungerten Menschen an Tischen oder schliefen auf einem feldbettähnlichen Gestell.

Passepartout trank eifrig und Mr. Fix hielt sich bewusst zurück. Erst als das Thema auf die Carnatic kam, fiel dem Franzosen wieder ein, dass er zu seinem Herrn musste, um ihm von der früheren Abreise des Dampfers zu berichten.

"Einen Augenblick", hielt ihn Fix zurück. "Ich möchte Sie in einer ernsten Angelegenheit sprechen."

"Das können wir doch auch noch morgen, jetzt habe ich keine Zeit."

"Sie haben bestimmt erraten, wer ich bin", begann Fix.

"Allerdings, und ich muss Ihnen sagen, dass ich es von den Herren unerhört finde, Mister Foggs Ehrenwort so wenig zu vertrauen. Uns einen Spitzel hinterherzuschicken."

"Hören Sie, wenn ich Erfolg habe, bekomme ich 2000 Pfund Belohnung, die könnte ich mit Ihnen teilen, wenn Sie mich unterstützen." Fix bestellte noch eine Flasche Brandy für Passepartout.

"Sie unterstützen?"

"Ja. Sie müssen mir helfen, Phileas Fogg ein paar Tage in Hongkong festzuhalten."

"Jetzt wollen diese ehrenwerten Herren ihm auch noch Hindernisse in den Weg werfen. Ich schäme mich für sie!", polterte der Franzose los.

"Wovon reden Sie eigentlich?", fragte Fix.

"Natürlich davon, dass diese Herren im Reform Club zur Überwachung unserer Reiseroute jemanden engagiert haben. Nur gut, dass Mister Fogg von all dem nichts weiß."

"Der ahnt nichts?", fragte Fix schnell dazwischen.

"Nichts", sagte Passepartout und leerte schnell noch ein Gläschen.

Nun geriet Fix ins Grübeln, ob es klug wäre dem Franzosen alles zu erklären. Doch wenn er nicht der Komplize wäre, würde er ihm sicherlich helfen. Und so präsentierte er dem überraschten Passepartout seinen Polizeiausweis und erklärte ihm, dass die Wette nur ein Vorwand sei, um mit den 55 000 Pfund aus dem Bankraub zu entkommen.

"Jetzt habe ich aber genug!", schrie Passepartout. "Mein Herr ist der ehrlichste Mensch der Welt!"

Als Fix ihm die Fakten aufzählte wurde er nachdenklich. "Was soll ich den tun?", fragte er schließlich - es kostete ihm große Mühe.

"Es ist so, ich habe Fogg bis hierher verfolgt, aber der Haftbefehl aus London ist noch nicht eingetroffen. Sie sollen mir nun helfen, den Mann in Hongkong zurückzuhalten."

"Niemals!", rief Passepartout. Er wollte aufstehen, plumpste aber zurück. Der Alkohol zeigte seine Wirkung. "Ich kann ihn nicht verraten, nein… nicht um alles Gold der Welt…mein Herr ist ein gutherziger großzügiger Gentleman."

"Gut, ich kann Sie nicht zwingen", lenkte Fix ein, "lassen Sie uns noch ein Gläschen trinken."

Fix hatte jetzt beschlossen, den Diener um jeden Preis von seinem Herrn zu trennen. Er musste Passepartout außer Gefecht setzen. Auf dem Tisch lagen einige gestopfte Opiumpfeifen. Fix drückte dem Franzosen eine davon in die Hand. Dieser führte das Mundstück an die Lippen, machte ein paar tiefe Züge - und sackte vornüber. Das Rauschgift wirkte schnell.

"Endlich", sagte Fix, "jetzt erfährt dieser Fogg nichts von der vorverlegten Abfahrt der Carnatic." Er bezahlte seine Rechnung und verschwand.

Fix trifft auf Mr. Fogg

Während das Schicksal von Phileas Fogg in der Hafentaverne eine bedrohliche Wendung nahm, spazierte unser Gentleman mit Mrs. Aouda durch Hongkong. Da sich die Parsin zur Weiterreise nach Europa entschieden hatte, musste sich Mr. Fogg um ihre Ausstattung für die lange Reise kümmern.

Nachdem sie die Einkäufe beendet hatten, kehrten die beiden ins Hotel zurück. Die junge Dame legte sich schlafen und Mr. Fogg konnte den Abend mit Zeitung lesen verbringen. Eigentlich hätte er sich wundern müssen, wo sein Diener bleibt, aber es lag nicht in seiner Natur. Das Schiff ging sowieso erst am folgenden Morgen. Wozu also aufregen?

Doch als er am nächsten Morgen nach Passepartout klingelte, erschien dieser nicht und Phileas Fogg erfuhr, dass der junge Franzose über Nacht nicht im Hotel war. Mr. Fogg nahm seine Reisetasche und begab sich mit Mrs. Aouda zum Anlegesteg der Carnatic, im sicheren Glauben hier den Diener zu treffen.

Dort angekommen, erfuhren sie von der vorverlegten Abfahrt der Carnatic. Mr. Fogg wandte sich an seine Begleiterin: "Ein kleiner Zwischenfall, gnädige Frau, nichts weiter."

Ein Mann trat auf ihn zu, es war der Detektiv. Fix grüßte Phileas Fogg und sagte: "Sind wir nicht gestern zusammen hier eingetroffen? Sie waren doch auch Passagier der Rangoon? Gestatten Sie mir eine Frage? Ich hoffte Ihren Diener hier zu treffen…"

"Wissen Sie vielleicht, wo er ist?", fragte die junge Frau erregt.

"Wie bitte? Er ist nicht mehr bei Ihnen?", Fix heuchelte Überraschung.

"Wir vermissen ihn seit gestern", sagte Mrs. Aouda.

Fix behauptete, er wollte auch mit der Carnatic fahren, aber die Reparaturarbeiten seien offensichtlich schneller beendet worden, als geplant. "Das Schiff hat Hongkong vor zwölf Stunden verlassen. Jetzt dauert es acht Tage, bis wieder ein Schiff abgeht." Bei den Worten "acht Tage" hüpfte das Herz des Detektivs vor Schadenfreude.

Die Antwort von Mr. Fogg versetzte ihm jedoch einen Keulenhieb. "Ich meine doch, dass es im Hafen von Hongkong noch andere Schiffe gibt", sagte der Gentleman in aller Ruhe, bot Mrs. Aouda den Arm um machte sich auf die Suche.

Diese stellte sich als äußerst schwierig heraus. Erst im Außenhafen, trat ein Seemann auf ihn zu, zog die Mütze und fragte: "Braucht der Herr ein Boot?"

"Könnte Ihr Boot augenblicklich abfahren?", erkundigte sich Mr. Fogg.

"Ja, gnädiger Herr. Es ist das beste Boot der Lotsenflottille, die Nummer 43! Immer hart am Wind. Sie möchten einen Ausflug machen?"

Als der Seemann von Phileas Fogg das eigentliche Reiseziel erfuhr, schrak er zurück. Eine Reise über das offene Meer, stellte für ein Boot dieser Größe zu hohe Gefahren dar. Erst als Mr. Fogg ihm 100 Pfund pro Tag bot, geriet der Lotse ins Wanken.

"Wie steht es. Ich muss spätestens am 14. in Yokohama sein, um das Postschiff nach San Francisco zu erreichen."

"Um die Wahrheit zu sagen, ich wage nicht das Leben meiner Leute zu riskieren, aber ich mache Ihnen einen neuen Vorschlag. Ich bringe Sie die 800 Meilen nach Schanghai, dort ist der Ausgangshafen für das Postschiff nach San Francisco."

"Sie wissen das ganz sicher?"

"Absolut sicher!"

"Wann fährt das Schiff in Schanghai ab?", fragte Mr. Fogg

"Am 11. November um 7 Uhr abends. Uns bleiben also vier Tage. Das können wir rechtzeitig schaffen, vorausgesetzt natürlich das Meer ist ruhig und der Wind weht weiter aus Südosten. Wenn Sie möchten, sind wir in einer Stunde abfahrtsbereit."

"Abgemacht. Sie sind der Schiffseigner?"

"Ja, gnädiger Herr, John Bunsby, Eigentümer der "Tankadère"."

Mr. Fogg wandte sich an den Detektiv: "Wenn Sie an der Fahrt teilnehmen wollen…"

"Ich wollte Sie schon um diesen Gefallen bitten", sagte Fix kurz entschlossen.

"Und was wird aus dem armen Burschen?", fragte Mrs. Aouda, die sich um Passepartout sorgte.

"Keine Sorge. Ich kümmere mich darum", versicherte Phileas Fogg.

Während der nervöse, wütende Fix schon auf das Boot ging, suchten Phileas Fogg und Mrs. Aouda die nächste Polizeistation auf. Sie hinterließen eine Personenbeschreibung und die nötige Summe für die Heimreise Passepartouts. Dieselben Formalitäten erledigten sie noch einmal auf dem französischen Konsulat.

Es schlug 3 Uhr, als das Lotsenboot Nr. 43 mit ausreichend Proviant in See stach. Die Tankadère glich einer Renn-Yacht. John Bunsby und seine Mannschaft waren ausgezeichnete Seeleute, die es mit jedem Wetter aufnahmen. Der Schiffseigner mochte etwa 45 Jahre alt sein.

Mr. Fogg und Mrs. Aouda suchten mit den Blicken noch einmal den Kai ab: Passepartout war nicht zu entdecken. Fix stand derweilen immer noch Ängste aus. Aber der Franzose kam nicht; er stand wohl immer noch unter der Einwirkung des Opiums.

Sturm auf hoher See

Die Seereise über 800 Meilen zu dieser Jahreszeit war ein echtes Abenteuer. Doch die Tankadère glitt leicht wie eine Möwe über die Wogen.

Phileas Fogg stand an Deck, kerzengerade und breitbeinig wie ein echter Seemann und beobachtete das aufgewühlte Meer. Mrs. Aouda saß im Heck des Schiffes. Sie war sehr aufgeregt. Die Nacht brach herein und die Tankadère stellte Positionslichter auf, um Zusammenstöße zu vermeiden.

Fix saß im Bug und döste vor sich hin. Er hatte bemerkt, dass Mr. Fogg nicht gerade gesprächig war, was ihm sehr entgegenkam. Die kommenden Ereignisse beschäftigten ihn. Was, wenn es Fogg erst mal bis Amerika geschafft hat.

Am 8. November hatte das Boot bei Sonnenaufgang bereits 100 Meilen zurückgelegt. Die Aussichten das Ziel plangemäß zu erreichen, standen gut. In einem Gespräch bot Fix Mr. Fogg an, sich an den Reisekosten zu beteiligen. Der lehnte aber entschieden ab, was den Detektiv noch ärgerlicher machte.

Das Schiff kam gut voran. Am nächsten Morgen erreichten sie den Wendekreis des Krebses. Das Meer war in dieser Gegend sehr rau. Die Tankadère büßte Geschwindigkeit ein und es wurde immer schwieriger sich an Deck auf den Beinen zu halten.

Als der Wind immer stärker wurde, trat John Bunsby auf Phileas Fogg zu: "Darf ich offen mit Ihnen reden?"

"Natürlich", entgegnete Mr. Fogg.

"Nun, es wird Sturm geben."

"Aus Nord oder Süd?", war alles, was Mr. Fogg wissen wollte.

"Süd. Da kommt ein richtiger Taifun auf."

"Von Süden her? Umso besser. Der schiebt uns in die gewünschte Richtung!"

"Wenn Sie es so sehen, habe ich nichts weiter hinzuzufügen", sagte der Lotse.

Er traf alle Vorkehrungen, das Boot sturmfest zu machen. Er ließ die Segel reffen, den Klüverbaum in Sicherheit bringen und den Lukendeckel sorgfältig abdichten, damit kein Wasser ins Schiffsinnere dringen konnte.

John Bunsby hatte seine Passagiere gebeten, die Kajüte aufzusuchen, aber der enge, fast luftdichte Raum, glich einem Gefängnis. Die drei Herrschaften zogen den Aufenthalt an Deck vor.

Gegen 8 Uhr brachen Sturm und Regen mit ungeheurer Kraft über das Schiff herein. Die Tankadère flog wie eine Feder durch die Wellen. Den ganzen Tag jagte das Schiffchen mit den Riesenwogen in nördlicher Richtung. Mrs. Aouda hielt ihren Blick tapfer auf Mr. Fogg gerichtet, der wieder einmal den Eindruck erweckte, auch dieser Taifun wäre einkalkuliert. Nur Fix haderte mit seinem Schicksal.

Mit Einbruch der Nacht wurde das Unwetter noch wilder. Mehrmals musste sich Phileas Fogg über Mrs. Aouda werfen, um sie vor der Gewalt der Wogen zu schützen, aber ihr entschlüpfte kein Jammern.

Um die Mittagszeit des nächsten Tages ließ der Sturm endlich nach. Es grenzte an ein Wunder, dass das Boot nicht untergegangen war. Die unteren Segel wurden gesetzt, und der Schoner glitt mit hoher Geschwindigkeit über die Wellen.

Am nächsten Tag, dem 11. November, kam bei Morgengrauen Land in Sicht. John Bunsby versicherte, dass es keine 100 Meilen mehr bis Schanghai wären. Keine 100 Meilen, aber auch nur noch ein Tag. Der Wind wurde immer schwächer, aber das Boot nutzte jede kleine Böe um voranzukommen.

Um 7 Uhr lagen immer noch drei Meilen vor den Reisenden. Der Lotse fluchte. Die Extrabelohnung von 200 Pfund entwischte ihm wohl gerade.

Da schob sich ein langer schwarzer Gegenstand ins Blickfeld, das amerikanische Postschiff! Es hatte Schanghai pünktlich verlassen.

"Verflucht!", schrie John Bunsby.

Signale geben!", sagte Phileas Fogg ganz ruhig.

Im Bug der Tankadère stand eine kleine Bronzekanone. Sie wurde geladen, und der Lotse wollte sie gerade zünden, als Mr. Fogg rief: "Notsignal setzen!"

Die Flagge wurde auf Halbmast gesetzt, was "Schiff in Not" bedeutet. Nun hofften alle, dass der Dampfer es sah und dem kleinen Schoner zu Hilfe kam.

"Feuer!", sagte Mr. Fogg.

Mit Donnergetöse löste sich der Schuss aus der Kanone.

Passepartout alleine

Gleich nachdem der Detektiv die Opiumhöhle verlassen hatte, war der schlafende Passepartout von zwei Kellnern zu den anderen Schläfern auf das große Bett geschleppt worden. Doch sein Pflichtbewusstsein arbeitete so stark in ihm, dass er bereits nach drei Stunden wieder aufwachte. Er kämpfte sich zur Ausgangstür und jammerte: "Die Carnatic, die Carnatic!"

Da lag das Schiff vor ihm, abfahrtbereit. Passepartout taumelte an Bord und fiel auf dem Vordeck bewusstlos zusammen. Ein paar Matrosen trugen ihn in eine Kabine der zweiten Klasse, in der er erst am nächsten Morgen wieder aufwachte, als sie bereits 150 Meilen vom Festland entfernt waren.

Auf dem Deck atmete der Franzose die frische Meeresluft ein, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nach und nach fielen ihm die Ereignisse vom Vorabend wieder ein. Was sollte Mr. Fogg von ihm denken? Nun, die Hauptsache war, dass er das Schiff nicht verpasst hatte. Und diesen Fix waren sie ein für alle Mal los.

Passepartout sah sich um. Wo wohl Mrs. Aouda und Mr. Fogg steckten? Nun ja, die junge Dame würde bestimmt noch schlafen und sein Herr vertrieb sich die Zeit sicherlich mit einer Partie Whist.

Der Franzose machte sich auf die Suche. Als er Phileas Fogg nirgendwo finden konnte, erkundigte er sich beim Zahlmeister nach der Kabinennummer. Dieser zeigte ihm die Passagierliste. Der Name seines Herrn war darauf nicht verzeichnet. Ihm wurde schwindlig und plötzlich dämmerte es ihm. Er wusste wieder, dass die Abfahrtszeit des Dampfers vorverlegt worden war und dass er seinen Herrn deswegen benachrichtigen sollte. Das hatte er aber nicht getan. Ihn allein traf die Schuld, wenn Mr. Fogg das Schiff verpasst hatte!

Oder doch vielmehr ein anderer. Nämlich dieser Schuft Fix. Wenn er den jemals zu fassen bekäme.

So reiste Passepartout ohne einen Schilling nach Japan. Immerhin waren die Überfahrt und die Verpflegung an Bord schon im Voraus bezahlt worden. Vor ihm lagen noch fünf oder sechs Tage an denen er genug zu Essen hatte und sich überlegen konnte, was zu tun war.

Am 13. November erreichte die Carnatic den Hafen von Yokohama. Unser Franzose betrat das geheimnisvolle Land ohne die geringste Begeisterung. Er lief durch die Straßen in denen ein Treiben wie im Ameisenhaufen herrschte.

Passepartout ging mehrere Stunden durch das buntscheckige Menschengetümmel. Vom vielen Umherwandern, begann sein Magen zu knurren. Doch es wurde dunkel und er musste sein Hungergefühl auf den nächsten Tag verschieben.

Als dieser anbrach war unser tapferer Held todmüde und halb verhungert. Irgendwie musste er zu Geld kommen. Er ging zu einem Trödler und verhökerte seinen guten europäischen Anzug gegen ein abgetragenes japanisches Gewand und ein paar Münzen.

Nachdem er in einem Teehaus Reis und Geflügelfleisch zu sich genommen hatte, machte er sich auf zum Hafen. Vielleicht konnte er als Koch oder Diener auf einem Schiff arbeiten, das nach Amerika fährt. Irgendwie musste er die 4 700 Meilen von Yokohama bis San Francisco hinter sich bringen.

Während er grübelte, fiel sein Blick auf ein großes Plakat, das von einem Clown durch die Straßen von Yokohama getragen wurde. Es war in Englisch geschrieben und Passepartout las, dass die japanischen Akrobatikkünstler um William Batulcar eine letzte Vorstellung vor ihrer Abreise in die Vereinigten Staaten von Amerika gaben.

Das ist doch genau das Richtige für mich, dachte Passepartout. Er lief dem Plakatträger nach und nur wenig später stand er vor William Batulcar persönlich: "Sie wünschen?"

"Können Sie einen Diener brauchen?", erkundigte sich der Franzose.

"Ich habe selbst zwei zuverlässige Diener, die sogar umsonst für mich arbeiten."

"Sie haben also keine Verwendung für mich?"

"Sind sie Franzose?", auf ein Nicken Passepartouts fuhr Batulcar fort, "dann müssten Sie gut Grimassen schneiden können?"

"Das kann ich wohl."

"Na schön. Dann werde ich Sie als Clown anstellen. Sind sie kräftig?"

"Ganz besonders nach dem Essen", erwiderte unser Held.

"Und singen können Sie auch? Auch im Kopfstand, wenn dabei ein Drehkreisel auf der rechten Fußsohle und ein Säbel auf der linken balanciert werden muss?"

"Donnerschlag", rief Passepartout. Er dachte an seine frühesten Versuche als Akrobat zurück.

Der Vertrag wurde geschlossen. Unser Franzose wurde als Mädchen für alles bei der japanischen Akrobatiktruppe aufgenommen. Nicht gerade sehr schmeichelhaft für ihn.

Die Vorstellung war für 3 Uhr angekündigt. Die Zuschauer strömten bereits früher herbei und das Orchester veranstaltete einen ohrenbetäubenden Lärm. Es wurde alles geboten, was man sich vorstellen kann. Ein Höhepunkt jagte den nächsten.

Als Krönung der Vorstellung stand eine menschliche Pyramide auf dem Programm. Normalerweise klettern Akrobaten dabei einander auf die Schultern. Doch die Männer von Batulcar bildeten die Pyramiden allein mit ihren langen Holznasen, sie sich wie Masken aufgesetzt hatten.

Passepartout ging hinaus auf die Bühne und legte sich als Untermann auf den Boden. Seine Nase ragte zum Himmel. Die Pyramide wuchs dem Dach des Theaters entgegen. Der Applaus schwoll an, das Orchester machte einen Höllenlärm, da geschah es: Der ganze Aufbau geriet ins Wanken, das Gleichgewicht ging verloren und der kunstvolle Bau stürzte in sich zusammen.

Der Franzose war Schuld. Er hatte seinen Posten einfach verlassen, sprang auf die Rampe und fiel einem der Zuschauer vor die Füße: "Mein Herr! Ich habe meinen Herrn gefunden!"

"Sie hier?"

"Ja, ich!"

"Dann können wir ja gleich zum Hafen gehen."

Um 6.30 Uhr, genau zur Abfahrtszeit, gingen Mr. Fogg und Mrs. Aouda an Bord des amerikanischen Postschiffes. Hinter ihnen drein schritt Passepartout mit seiner überlangen Nase, die er in der Eile noch nicht hatte ablegen können.

Der Pazifische Ozean

Mrs. Aouda erzählte Passepartout was sich in der Hafeneinfahrt von Schanghai ereignet hatte. Der Kapitän hatte den Dampfer auf den kleinen Schoner zugesteuert und Phileas Fogg war mit seinen Reisebegleitern an Bord gegangen. Zuvor hatte er John Bunsby die 550 Pfund überreicht.

Am 14. November legte das Schiff planmäßig am Vormittag in Yokohama an. Mr. Fogg und Mrs. Aouda waren sofort zur Carnatic gegangen und hatten vor allem zur Freude der jungen Frau festgestellt, dass Passepartout am Tag zuvor in Yokohama eingetroffen war.

Phileas Fogg musste noch am Abend nach San Francisco aufbrechen. So begab er sich augenblicklich auf die Suche nach seinem Diener. Es war der Zufall, der ihn in die Vorstellung des ehrenwerten Batulcar gebracht hatte. Wie es ausgegangen war, wissen wir.

Als Mrs. Aouda einen gewissen Mr. Fix erwähnte, verzog der Franzosen keine Miene. Sogar gegenüber seinem Herrn machte er sich selbst für den Opiumrausch verantwortlich. Es war noch nicht der richtige Augenblick um die ganze Wahrheit zu sagen.

Das Postschiff nach San Francisco hieß "General Grant". Es war ein gewaltiger Raddampfer. Bei einer Geschwindigkeit von zwölf Meilen in der Stunde konnte die Fahrt über den Pazifik kaum länger als 21 Tage dauern. Phileas Fogg durfte also hoffen, am 2. Dezember in San Francisco einzutreffen, am 11. bereits in New York zu sein und am 20., also noch einige Stunden vor Anbruch des bedeutungsvollen 21. Dezember, nach London zurückzukehren.

Die Überfahrt verlief ohne Zwischenfall. Der Pazifische oder auch Stille Ozean genannt, hielt, was sein Name versprach. Genauso ruhig war Mr. Fogg, wie eh und je. Seine junge Reisegefährtin dagegen hegte Gefühle, die inzwischen weit über bloße Dankbarkeit hinausgingen. Aber dies bemerkte der unterkühlte Fogg nicht.

Mrs. Aouda nahm, wie Passepartout, immer mehr Anteil an Phileas Foggs Reiseplänen. Immer mehr erregte sie sich über Zwischenfälle, die den Erfolg der Reise behinderten.

Nach neun Tagen hatte die kleine Reisegesellschaft eine Strecke zurückgelegt, die genau dem halben Erdumfang entsprach. Am 23. November passierte die General Grant den 180. Längengrad. Von den 80 geplanten Tagen waren zwar bereits 52 verbraucht, aber es waren immerhin schon zwei Drittel der Strecke vollbracht. Denn Mr. Foggs Reiseroute glich bisher einem Zickzackkurs. Ab San Francisco würde er eine mehr oder wenige glatte Strecke entlang des 50., also des Londoner Breitengrades vor sich haben.

Besagter 23. November brachte für unseren dickköpfigen Franzosen noch eine Überraschung. Sein Familienerbstück stimmte plötzlich wieder mit der Schiffsuhrzeit überein, und das, obwohl er kein bisschen an ihm herumgestellt hatte! Was wohl dieser Fix dazu sagen würde? Aber der Kerl war ja nicht da, Gott sei Dank.

Passepartout ließ sich darüber aus, was für einen Unsinn der Detektiv ihm über den Sonnenstand erzählt hatte, und dass er seine Uhr immer nachstellen müsse. "Ich wusste genau, dass sich die Sonne eines Tages besinnen und wieder nach meiner Uhr richten werde."

Doch da unterlag er einem groben Denkfehler. Seine Uhr zeigte wohl 9 Uhr, allerdings war dies abends. Die Uhr an Bord zeigte 9 Uhr Morgens an. Diese Abweichung von 12 Stunden entsprach genau der Zeitdifferenz zwischen London und dem 180. Längengrad.

Fix wäre in der Lage gewesen, dieses Phänomen zu erklären, aber Passepartout hätte es nicht begriffen oder richtiger, nicht begreifen wollen. Aber wo befand sich dieser Mr. Fix eigentlich? Nun, er war nirgendwo anders als an Bord der General Grant!

In Yokohama war er sofort zum britischen Konsulat geeilt. Der Haftbefehl für Phileas Fogg war da! Doch sie befanden sich nicht mehr auf britischem Territorium. Dem Detektiv blieb nichts anderes übrig, als sich eine Fahrkarte für die General Grant zu buchen. Natürlich war er sehr überrascht, als er in diesem japanischen Clown denn Franzosen erkannte. Also versteckte er sich in seiner Kabine.

Als er sich endlich hinauswagte, hoffte er, in der Menge von seinem Gegner nicht erkannt zu werden. Und da passierte es: An diesem 23. November standen sich Passepartout und Fix plötzlich auf dem Vordeck Auge in Auge gegenüber.

Der Franzose sprang dem Detektiv ohne jede Warnung an die Kehle und boxte auf ihn ein. Als Passepartout seine erste Wut ausgelassen hatte, fragte Fix, der übel zugerichtet war: "Fertig?"

"Ja, wenigstens im Augenblick."

"Dann kommen sie mit. Ich muss mit Ihnen sprechen."

"Ich pfeife darauf…"

Es geht um Ihren Herrn."

Sie setzten sich in eine Ecke des Vorschiffs. "Bisher", begann Fix, "habe ich alles versucht um Ihren Herrn aufzuhalten. Doch jetzt befindet er sich nicht mehr auf britischem Gebiet. Von nun an werde ich alles tun um ihm alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Offensichtlich reist er zurück nach London. Erst dort werden Sie erfahren, ob sie einem Schurken oder einem Ehrenmann dienen."

Passepartout hatte aufmerksam zugehört.

"Sind wir also wieder Freunde?", fragte Fix.

"Freunde? Nein, Verbündete, das reicht. Jedoch beim geringsten Anzeichen von Verrat drehe ich Ihnen den Hals um."

Am 3. Dezember glitt die General Grant durch die Golden-Gate-Bucht in den Hafen von San Francisco hinein. Mr. Foggs Reiseplan stimmte immer noch: Er hatte keinen Tag gewonnen und keinen verloren.

Die pazifische Eisenbahnlinie

Um 7 Uhr morgens betrat die Reisegruppe amerikanischen Boden. Phileas Fogg brachte in Erfahrung, dass die Abfahrt des nächsten Zuges nach New York um 6 Uhr abends war.

Also besorgten sie sich eine Droschke und ließen sich ins Hotel International fahren. Nach einem ausgedehntem Frühstück, machte sich Mr. Fogg zusammen mit Mrs. Aouda auf den Weg zum englischen Konsulat wegen der üblichen Eintragungen in seinem Pass. Passepartout ging Besorgungen machen. Er hatte seinem Herrn vorgeschlagen einige Colts für die Reise vom einen Ozean zum andern zu erstehen. Fogg ließ ihm freie Hand.

Mit einem Mal stand Mr. Fix vor unserem englischen Gentleman. Der Detektiv behauptete, dass ihn die Geschäfte nach Europa riefen, und er wäre entzückt, wenn er seine Weiterreise in so angenehmer Gesellschaft verbringen dürfte.

Mr. Fogg bot ihm an, an der Besichtung von San Francisco teilzunehmen. So verbrachten sie den restlichen Tag zusammen. In der Montgomery Street fand eine Wahlveranstaltung statt. Die Gemüter waren derart aufgebracht, dass es zu Handgreiflichkeiten kam, in die ohne großes Zutun auch Phileas Fogg und Mr. Fix einbezogen wurden. Ein gewisser Oberst Stamp W. Proctor verabreichte unseren Herren einen gewaltigen Hieb. Phileas Fogg beschloss, nach eingelöster Wette nach Amerika zurückzukehren und diesen Herrn zum Duell zu fordern.

Um 5.45 Uhr erreichte die Reisegesellschaft den Bahnhof. Der Zug war bereits eingefahren. Mit Volldampf machte sich die Eisenbahn Richtung Osten auf. San Francisco und New York sind auf über 3786 Meilen ununterbrochen mit Schienen verbunden.

Früher brauchte man für diese Strecke sechs Monate, doch Mr. Fogg würde dafür nur noch sieben Tage benötigen. Allerdings führte der Schienenstrang durch Gebiete, die von Indianern und wilden Tieren unsicher gemacht wurden.

Um 8 Uhr abends betrat der Steward den Wagen und meldete, es sei Zeit zur Nachruhe. Der Wagen verwandelte sich in wenigen Minuten in einen Schlafwagen; die Sitze wurden zu Liegeflächen, denn die Rückenlehnen ließen sich nach hinten klappen, und mit Hilfe eines raffinierten Mechanismus kam das Bettzeug zum Vorschein. So schliefen die Reisenden, als lägen sie in den Kabinen eines großen Überseedampfers.

Am nächsten Morgen um 9 Uhr gelangte der Zug in den Staat Nevada. Mr. Fogg und seine Reisegefährten betrachteten das vorübereilende, sich stets verändernde Landschaftsbild. Am Horizont türmten sich Berge, davor lagen Prärien.

Gegen 3 Uhr nachmittags versperrte eine Herde von 10 000 bis 12 000 Bisons den Weg. Der Lokomotivführer hatte noch versucht die Kolonne bei geringer Geschwindigkeit mit dem Kuhfänger beiseite zu drücken, doch das gelang ihm nicht. Der Zug musste anhalten.

"Unglaublich, dieses Land", schrie Passepartout, der sich fürchterlich über die Verzögerung aufregte, "gewöhnliche Rindviecher halten Eisenbahnzüge auf und gehen auch noch so langsam, als wären sie nicht das geringste Verkehrshindernis!"

Drei volle Stunden trotteten die Bisons über die Schienen, und erst mit einbrechender Nacht wurde der Weg wieder frei.

Es war bereits halb 10 Uhr, als der Zug Utah erreichte, das Gebiet der Mormonen am großen Salz-See.

Die Brücke

Am großen Salz-See lag der bisher höchste Punkt der Bahnlinie. Von dort ging es in einem lang gestreckten Bogen hinunter in das Bitter Creek-Tal. In diesem Bergland gab es viele Flüsse, über die kleine Brücken führten.

Je mehr man sich dem Reiseziel näherte, desto ungeduldiger wurde Passepartout, und auch Fix wünschte sich sehnlichst das Ende der Reise durch den amerikanischen Kontinent herbei.

Die Route ging weiter durch den Staat Wyoming. Es hatte die ganze Nacht geschneit und gleichzeitig geregnet. Passepartout war immer in großer Sorge. Und er hatte nicht ganz Unrecht. Größere Schneemengen konnten die Räder blockieren und den Reiseplan gefährden.

Während sich der Franzose um das Gelingen der Wette sorgte, wurde Mrs. Aouda von anderen Befürchtungen geplagt. Beim letzten Aufenthalt im Bahnhof von Green River waren einige Reisende ausgestiegen. Unter diesen Personen hatte die junge Frau jenen Oberst Stamp W. Proctor erkannt, der sich während der Wahlveranstaltung in San Francisco so flegelhaft gegen Mr. Fogg aufgeführt hatte.

Dieses Auftauchen bedrückte die junge Frau sehr. Sie fühlte sich immer enger ihrem Retter verbunden. Kein Wunder, dass sich ihr Herz zusammenkrampfte, als sie den Rüpel wiedererkannte, mit dem sich Mr. Fogg früher oder später duellieren wollte.

Der Mann durfte Mr. Fogg um keinen Preis unter die Augen kommen. Als der Zug weiterfuhr, schlummerte Phileas Fogg ein wenig. Mrs. Aouda nutzte die Gelegenheit und erzählte Fix und Passepartout von ihrer Beobachtung.

"Wie? Proctor ist hier im Zug?", rief Fix. "Seien Sie ganz beruhigt Gnädigste, ich werde mir den Kerl schon vornehmen."

Passepartout stimmte Mr. Fix zu.

"Ach, Mister Fogg wird die Rache keinem anderem überlassen. Er hat versichert, dass er nach Amerika zurückreisen und den Grobian suchen werde. Wenn ihm der Oberst jetzt zu Gesicht kommt, gibt es einen bösen Zusammenstoß."

Als sie gerade weiter sprechen wollten, erwachte Phileas Fogg und blickte aus dem schneeverkrusteten Fenster. Ein wenig später wandte sich Passepartout leise an Mr. Fix: "Sie wollen sich allen Ernstes für ihn schlagen?"

"Ich werde alles daran setzten, ihn lebend nach London zurückzubringen", sagte Fix schlicht.

Nun musste eine Möglichkeit gefunden werden, um Phileas Fogg in seinem Eisenbahnabteil zurückzuhalten. Allzu schwer konnte das nicht sein, denn, wie wir wissen, machte er niemals überflüssige Bewegungen, und neugierig war er auch nicht. Mr. Fix glaubte einen Weg gefunden zu haben.

"Die Zeit wird lang auf einer derartig weiten Reise", sagte er, "haben Sie nicht während der Schiffsreisen immer Whist gespielt?"

"Ganz recht. Aber hier ist das nicht möglich. Ich habe weder Karten noch Partner."

"Da können wir Abhilfe schaffen. Karten kann man sicher kaufen. In amerikanischen Eisenbahnzügen gibt es einfach alles. Und Partner? Vielleicht kann die junge Dame…"

Nur wenige Minuten später saßen Phileas Fogg, Mrs. Aouda und der Detektiv vor einem tuchbezogenen Spieltisch und begannen die erste Partie Whist.

"Jetzt haben wir ihn festgenagelt", sagte sich Passepartout. "Er wird sich nicht mehr vom Platz rühren."

Der Zug arbeitete sich weiter durch die Rocky Mountains. Nach dem Mittagessen, nahmen die Partner ihr Spiel wieder auf. Da ertönte plötzlich ein gellendes Peifensignal, und der Zug stand.

Mr. Fogg forderte seinen Diener auf, nachzusehen, was passiert sei. Dieser sprang aus dem Wagen. Draußen auf den Schienen hatten sich bereits etwas 40 Fahrgäste versammelt, unter ihnen auch Oberst Stamp W. Proctor.

Der Lokomotivführer und der Zugführer unterhielten sich mit einem Streckenwärter. Passepartout fing einige Worte auf.

"Nein, Sie kommen auf gar keinen Fall hinüber. Die Brücke von Medicine Bow ist beschädigt und würde unter dem schweren Zug endgültig zusammenbrechen."

Diese Brücke war eine Hängekonstruktion über einem Wildbach. Bis dahin war es noch etwa eine Meile. Passepartout erstarrte. Er wagte nicht seinem Herrn die Wahrheit zu sagen.

Der Steckenwärter erklärte, dass man von Omaha einen Zug entgegen schicken würde. Bis zur Station von Medicine Bow müsse man ungefähr zwölf Meilen durch die schneebedeckte Landschaft laufen. Die Reisenden, allen voran der Oberst begannen laut zu schimpfen.

Nur einer blieb ruhig; Phileas Fogg war so in sein Spiel vertieft, dass er die Vorgänge draußen einfach nicht wahrnahm. Als Passepartout sich bereits wieder aufmachte, seinem Herrn alles zu berichten, rief der Lokomotivführer plötzlich: "Meine Herren, ich wüsste noch ein Mittel, um über die Brücke zu kommen."

"Über die Brücke?", wiederholten die Reisenden.

"Über die Brücke! Mit diesem Zug hier."

"Aber die Brücke steht doch kurz vor dem Einsturz", sagte der Oberst.

"Und wenn schon! Wenn wir den Zug mit Höchstgeschwindigkeit über die Brücke jagen, könnten wir es schaffen."

"Donnerschlag", entfuhr es Passepartout.

Einige Reisende begeisterten sich sofort für diesen Plan. Am meisten war Oberst Proctor davon angetan. Schließlich stimmten die Reisenden für den Vorschlag des Lokomotivführers.

Der Franzose, der den Plan für sehr verwegen hielt, wollte den Vorschlag machen, die Reisenden zu Fuß über die Brücke zu schicken und den Zug leer folgen zu lassen. Aber Oberst Proctor ließ ihn nicht zu Wort kommen.

So begaben sich die Fahrgäste in die Wagen zurück. Passepartout ließ kein Wort über die Ereignisse verlauten, und die Whist-Spieler waren nach wie vor ins Spiel versunken.

Gleich darauf hörte man das Pfeifensignal. Der Lokomotivführer hatte den Rückwärtsgang eingeschalten, damit der Zug Anlauf nehmen konnte. Beim nächsten Signal fuhr er vorwärts: er wurde schneller und schneller, so schnell, dass einem angst und bange werden musste. Die Kolben machten zwanzig Stöße in der Sekunde, die Radachsen begannen in den Schmieröllagern zu rauchen. Der Zug raste jetzt mit einer Geschwindigkeit von 100 Meilen pro Stunde, und die Reisenden spürten, dass die Räder kaum noch die Schienen berührten.

Die hohe Geschwindigkeit hob das Gewicht des Zuges auf. Und das Wagnis gelang! Es ging blitzschnell. Niemand hatte die Brücke überhaupt wahrgenommen! Der Zug war, fast möchte man sagen, von einem Ufer zum anderen gesprungen! Erst fünf Meilen jenseits der Bahnstation gelang es dem Lokomotivführer, die Geschwindigkeit wieder zu drosseln.

Unmittelbar hinter dem durchjagenden Zug aber waren die Trümmer der Brücke mit lautem Getöse in die reißenden Gewässer des Medicine Bow gestürzt.

Das Duell

An diesem Abend gab es keine Zwischenfälle mehr. Seit San Francisco waren 1382 Meilen zurückgelegt worden, für die der Zug drei Tage gebraucht hatte. Vier weitere Tage mussten für die Reststrecke voraussichtlich genügen.

Mr. Fogg und seine Partner pflegten weiterhin ihr Whist-Spiel. Gerade als Phileas Fogg sich ein besonders gewagtes Manöver ausgedacht hatte, und schon Pik ausspielen wollte, sagte eine Stimme hinter ihm: "Warum denn nicht Karo?"

Die Spieler blickten erstaunt auf. Oberst Proctor stand vor ihnen. "Sie an, wieder dieser Engländer und will Pik ausspielen. Sie haben ja keine Ahnung vom Whist-Spiel."

"Vielleicht verstehe ich mich tatsächlich besser auf etwas anderes", erwiderte Mr. Fogg und erhob sich.

Mrs. Aouda wurde blass. Sie griff nach Mr. Foggs Arm, aber der schüttelte ihre Hand sanft ab. Inzwischen war Fix aufgestanden: "Sie vergessen wohl, dass Sie es mit mir zu tun haben. Mich haben Sie damals geschlagen. Das wiegt schwerer als eine Beleidigung!"

"Mr. Fix, überlassen Sie diesen Fall bitte mir. Durch seine Kritik an meinem Spiel hat mich der Oberst erneut beleidigt, und ich fordere Genugtuung."

"Wann sie wollen und wo sie wollen", antwortete der Amerikaner.

Mr. Fogg verließ das Abteil und der Oberst folgte ihm.

"Mein Herr", sagte Phileas Fogg zu seinem Gegner, "ich muss auf dem schnellsten Weg nach Europa reisen. Ich muss dort einige Dinge erledigen, danach kehre ich nach Amerika zurück und werde Sie aufsuchen."

"Eine faule Ausrede! Sie schlagen sich jetzt oder gar nicht!", brüllte der Oberst. "Plum Creek heißt die nächste Station. Dort halten wir für zehn Minuten. Diese Zeit sollte reichen, um ein paar Revolverkugeln abzufeuern."

Wieder zurück im Wagen, bat Phileas Fogg, Mr. Fix, sein Sekundant zu sein. Danach setzte er sich wieder hin und spielte die Pik-Karte aus, als wäre nichts geschehen.

Um 11 Uhr kamen sie in Plum Creek an. Doch der Zugführer, erklärte, dass sie zwanzig Minuten Verspätung hätten und deshalb keine Pause machen konnten. Er schlug den Herren jedoch vor ihr Duell im letzten Wagen auszuführen.

Bereitwillig räumten die Reisenden den Waggon frei. Keiner wunderte sich. Mr. Fogg und Oberst Proctor betraten den Wagen. Jeder hatte zwei Revolver mit insgesamt zwölf Schuss bei sich. Die Sekundanten blieben draußen und verschlossen die Tür. Beim nächsten Pfeifton der Lokomotive sollten die Herren losfeuern. Zwei Minuten später würde man nachschauen, was von ihnen übrig war.

Fix, Passepartout und Mrs. Aouda schlug das Herz bis zum Hals.

Jedermann lauschte auf das vereinbarte Signal. Plötzlich ertönte wildes Gebrüll und Schüsse krachten. Aber im Wagen der Duellanten war es ruhig. Der Lärm kam aus einem anderen Zugabschnitt. Die Reisenden brachen in Angstschreie aus.

Oberst Proctor und Mr. Fogg stürzten, den Revolver in der Hand, aus der Tür und eilten zur Spitze des Zuges. Beide hatten begriffen, dass Sioux-Indianer einen Anschlag auf den Zug verübten.

Bei voller Fahrt hatten sich mehr als 100 Mann auf die Trittbretter geschwungen und kletterten in die Wagen. Die Sioux besaßen Gewehre. Als erstes hatten die Indianer die Lokomotive erstürmt und Lokomotivführer und Heizer mit Äxten außer Gefecht gesetzt. Beim Versuch den Zug zum Stehen zu bringen, hatten die den Hebel falsch bedient und nun rasten sie mit wahnwitziger Geschwindigkeit über die Schienen.

Die Reisenden verteidigten sich tapfer. Mrs. Aouda erschoss jeden Sioux, der vor ihrem zerbrochenen Fenster auftauchte. Es wurde allerdings höchste Zeit, dass der Kampf zu Ende ging. Bis zur Station von Fort Kearny waren es nur noch knapp zwei Meilen. Dort befand sich ein amerikanischer Militärposten. Jagte der Zug aber daran vorbei, waren die Reisenden endgültig den Sioux ausgeliefert.

Der Zugführer, der neben Mr. Fogg kämpfte schrie: "Wir müssen den Zug zum Stehen bringen, sonst sind wir verloren."

Passepartout rief seinem Herrn zu: "Bleiben Sie hier, das übernehme ich."

Ohne dass ihn ein Indianer bemerkte, gelang es dem Diener eine Tür zu öffnen. Dann ließ er sich unter den Wagen gleiten. Geschmeidig, wie er einst in Jugendtagen als Akrobat war, schlüpfte er unter den Wagen hindurch. Er klammerte sich an Ketten, stützte sich auf Bremsklötze und erreichte die ersten Waggons. Passepartout verbrachte eine Meisterleistung.

Jetzt hing er zwischen dem Kohle- und dem Gepäckwagen. Mit der einen Hand hielt er sich fest, mit der anderen versuchte er, die Sicherheitsketten der Wagenkoppelung zu lösen. Aber der Pflock stand zu sehr unter Spannung. Da gab es einen Ruck, der Pflock schob sich hoch, und die abgehängten Reisewagen verlangsamten ihr Tempo, während die Lokomotive weiterraste.

Nach mehreren Minuten, gelang es jemandem die Bremsen zu ziehen und der Zug kam weniger als 100 Schritt vor der Station Kearny zum Stehen.

Die Soldaten des Forts hatten schon von ferne die Schießerei gehört und waren zur Bahnlinie geeilt. Doch die Indianer waren bereits geflüchtet.

Als sich die Zuginsassen auf dem Bahnsteig versammelten, stellten sie fest, dass einige der Reisenden fehlten. Unter anderem der mutige Franzose.

Mr. Fogg erfüllt seine Pflicht

Drei Reisende fehlten also, unter ihnen auch Passepartout. Waren sie im Kampf getötet worden oder hatten die Sioux sie als Gefangene entführt? Niemand wusste eine Antwort darauf.

Es gab zahlreiche Verletzte. Zu den schwer verwundeten gehörte Oberst Proctor. Er hatte sich tapfer geschlagen und war erst durch einen Bauchschuss außer Gefecht gesetzt worden. Phileas Fogg hatte trotz seines schonungslosen Einsatzes nicht einen Kratzer davongetragen. Mrs. Aouda war ebenfalls unverletzt, aber sie konnte die Tränen nicht zurück halten, wenn sie an den vermissten Passepartout dachte.

Mr. Fogg stand mit gekreuzten Armen da und überlegte. Er musste jetzt einen schwerwiegenden Entschluss fassen. Mrs. Aouda wich ihm nicht von der Seite. Schließlich sagte er ruhig: "Tot oder lebendig, ich hole ihn zurück."

"Ach, Mister Fogg…", stammelte die junge Frau, ergriff seine Hände und bedeckte sie mit ihren Tränen.

Der Gedanke, seine Pflicht tun zu müssen, war stärker als alle anderen Erwägungen. Mr. Fogg verhandelte mit dem Hauptmann von Fort Kearny, der letztendlich einverstanden war und 30 seiner Männer mitgab.

Mr. Fix ließ sich in einem Anflug von Gefühlsduselei dazu überreden, bei Mrs. Aouda zu bleiben. Was er später bereute, als die Wartezeit kein Ende nehmen wollte.

Noch vor dem Aufbruch sagte Mr. Fogg zu den Soldaten: "1000 Pfund gehören euch, meine Freunde, wenn wir die Gefangenen retten können!"

Mrs. Aouda zog sich in die Wartehalle zurück. Ihre Gedanken waren bei Phileas Fogg, der in ihren Augen ein echter Held war. Er setzte sein gesamtes Vermögen und sogar sein Leben aufs Spiel.

Gegen 2 Uhr mittags hatte Fix alles schon verloren geglaubt, als sich plötzlich aus Richtung Omaha ein Zug näherte. Es war die Lokomotive, die mit dem bewusstlosen Lokomotivführer und dem Heizer davongerast war. Als der Zug etwa 20 Meilen hinter Kearny zum Stehen gekommen war und die Männer aus ihrer Ohnmacht erwachten, heizten sie mit mehreren Schaufeln an und fuhren zurück zur Station von Kearny.

Fix haderte mit seinem Schicksal. Sollte er einsteigen und die Verfolgung des Diebes damit für beendet erklären? Der Zugführer erklärte, dass sie sofort weiterfahren würden, um nicht noch mehr Verspätung zu bekommen. Selbst Mrs. Aoudas eindringliches Bitten half nichts. "Ich bleibe hier", sagte die junge Frau.

Der Zug verschwand im dichten Schneegestöber und Mr. Fix war ebenfalls nicht abgereist.

Die Stunden vergingen. Das Wetter war schlecht und das Warten unerträglich. So verging die Nacht. Es war schon 7 Uhr morgens, als der besorgte Hauptmann einen Aufklärungstrupp nach Süden schicken wollte. Doch da hallten Gewehrschüsse durch die Ebene. Ein Trupp angeführt von Mr. Fogg, dicht gefolgt von Passepartout und den beiden anderen Vermissten, näherte sich der Station.

Als der Suchtrupp die Indianer mit ihren Gefangenen fast erreicht hatte, versuchten Passepartout und seine zwei Leidensgefährten bereits sich aus eigener Kraft zu befreien. Mr. Fogg und die Soldaten waren zu Hilfe geeilt und hatten sie befreit.

Retter und Gerettete wurden im Bahnhof mit Jubelrufen empfangen und Mr. Fogg verteilte an die Soldaten die versprochene Belohnung.

Fix sagte überhaupt nichts. Er starrte Mr. Fogg nur an. Mrs. Aouda dagegen hatte Mr. Foggs Hände ergriffen und drückte sie in wortloser Dankbarkeit.

"Aber wo ist denn der Zug?", rief Passepartout aufgeregt.

"Ist fort", erklärte Fix.

"Und wann kommt der nächste?", erkundigte sich Phileas Fogg.

"Erst heut Abend."

"So!", sagte unser unerschütterlicher Gentleman.

Eine Schlittenfahrt

Phileas Fogg musste nun zwanzig Stunden Verspätung verbuchen. Passepartout war der Verzweiflung nahe. Es war alles seine Schuld. In diesem Augenblick trat Mr. Fix an Phileas Fogg heran: "Liegt Ihnen ernstlich etwas daran, so schnell wie möglich weiterzureisen?"

"Ja, ernstlich", antwortete Mr. Fogg.

"Ich habe da eine Idee, wie Sie die Verspätung vielleicht wieder gutmachen können. Letzte Nacht hat mir ein Mann einen Segelschlitten angeboten. Damit könnten wir es versuchen."

Mr. Fogg ging sofort zu dem Schlittenbesitzer hinüber. Der Amerikaner, der sich Mudge nannte und unser Gentleman wurden sich schnell einig.

Das Fahrzeug war ein Brett auf zwei langen, vorne hochgebogenen Schlittenkufen, das sicher fünf bis sechs Personen Platz bot. Dieser Schlitten sah aus, wie ein Segelboot und wurde in den Wintermonaten oft benutzt, wenn zu viel Schnee ein Weiterkommen der Eisenbahnzüge verhinderte.

Der Wind war gut, blies kräftig von Westen, und der Amerikaner war sich sicher die Gruppe in wenigen Stunden nach Omaha bringen zu können. Von dort gab es zahlreiche Zugverbindungen nach New York.

Um 8 Uhr war der Schlitten zur Abfahrt gerüstet. Die Reisenden nahmen dicht aneinandergedrängt und in Reisedecken gehüllt Platz. Welch eine Fahrt! Die Kälte wurde durch die hohe Geschwindigkeit noch schlimmer und schnitt ihnen buchstäblich das Wort am Munde ab. Der Segelschlitten brachte es gut und gerne auf 40 Meilen in der Stunde.

Alle hingen stumm ihren Gedanken nach. Passepartout wollte in seinem ganzen Leben niemals vergessen, was sein Herr für ihn getan hatte.

Um die Mittagszeit kamen sie in Omaha an. Omaha liegt im Staat Nebraska. Hier endete die Pazifik-Eisenbahnlinie. Für die Weiterreise nach Chicago konnte man die Chicago-Rock-Island-Linie benutzen, die schnurgerade nach Osten verläuft.

Ein Schnellzug stand abfahrtbereit im Bahnhof. Der Zug brauste mit hoher Geschwindigkeit durch die Staaten Iowa und Illinois. Am nächsten Tag, also dem 10. Dezember trafen die Reisenden um 4 Uhr nachmittags in Chicago ein. 900 Meilen liegen zwischen Chicago und New York. Die nächste Lokomotive war schon startbereit und brauste unter Volldampf los.

Wie ein Blitz schoss er durch die Staaten Indiana, Ohio, Pennsylvania und New Jersey. Endlich kam der Hudson River in Sicht. Am 11. Dezember um 45 Minuten vor Mitternacht, hielt der Zug in der Bahnstation; direkt vor dem Anlegeplatz der Postschiffe. Doch die "China", das Postschiff nach Liverpool, war vor 45 Minuten in See gestochen!

Phileas Fogg im Pech

Mit der "China" war auch Phileas Foggs letzte Hoffnung entschwunden. Keines der ankernden Schiffe kam für ihn und sein Unterfangen in Frage.

Passepartout war verzweifelt. Das Postschiff um 45 Minuten zu verpassen! Er allein trug die Schuld an diesem Unglück. Was hatte er seinem Herrn bisher schon ungewollt Steine in den Weg gelegt. Jetzt war Phileas Fogg seinetwegen ruiniert.

Aber Mr. Fogg machte ihm keine Vorwürfe. Er sagte lediglich: "Morgen werden wir weitersehen. Kommen Sie jetzt."

Mit einer Droschke fuhren sie zum Hotel Saint Nicholas am Broadway. Phileas Fogg schlief in dieser Nacht seelenruhig ein, aber seine Reisegefährten taten vor Aufregung kein Auge zu.

Der nächste Tag brach an. Es war der 12. Dezember. Von diesem 12., 7 Uhr morgens bis zum 21. Dezember, 8.45 Uhr abends, waren es noch neun Tage, dreizehn Stunden und 45 Minuten. Reichlich Zeit um die Wette noch zu gewinnen, wenn… ja wenn Phileas Fogg am letzten Abend mit der "China", dem schnellsten Schiff der Cunard-Linie, in See gestochen wäre.

Mr. Fogg wollte allein ausgehen. Er bat seine Begleiter sich für den sofortigen Aufbruch bereit zu halten. Danach begab er sich zum Ufer des Hudson Rivers und schaute unter den vielen Schiffen nach einem geeigneten Fahrzeug.

Schon sah es so aus, als sollte auch dieser letzte Versuch scheitern, da fiel sein Blick auf ein Handelsschiff. Aus dem Schornstein des eleganten Schraubendampfers quollen dicke Dampfwolken, ein sicheres Zeichen, dass es zur Abfahrt bereit war.

Der Kapitän der "Henrietta", ein echter Seebär, mochte gut 50 Jahre als sein und machte nicht gerade den Eindruck eines umgänglichen Menschen.

"Herr Kapitän?", begann Phileas Fogg.

"Der bin ich."

"Darf ich mich vorstellen: Phileas Fogg aus London."

"Andrew Speedy, geboren in Cardiff."

"Sie wollen gerade abfahren?"

"In einer Stunde."

"Und ihr Ziel ist…?"

"Bordeaux."

"Haben sie Passagiere?"

"Nein. Nie. Machen bloß Scherereien."

"Ist das Schiff schnell?"

"Macht elf bis zwölf Knoten, die Henrietta. Hat `nen guten Ruf."

"Können Sie mich und drei weitere Personen nach Liverpool bringen?"

"Nach Liverpool? Warum nicht gleich nach China?"

"Ich sagte: Liverpool!"

"Nein."

"Nein? Auch nicht für 2000 Dollar? Und Sie nehmen uns mit bis Bordeaux?" Bisher hatten die Banknoten noch jedes Hindernis überwunden.

"Pro Person?"

"Pro Person!"

Kapitän Speedy kratzte sich am Kopf. 8000 Dollar Verdienst, noch dazu, ohne die Reiseroute ändern zu müssen. Dafür lohnte es sich schon, einmal den Widerwillen gegen jede Sorte Passagiere zu unterdrücken. Dies waren keine Passagiere, sonder eher kostbare Fracht.

"Ich fahre um 9 Uhr ab", sagte der Kapitän.

"Wir werden um 9 Uhr an Bord sein", antwortete Mr. Fogg.

Es blieben 30 Minuten Zeit um die anderen aus dem Hotel zu holen. Als die Henrietta die Anker lichtete, waren unsere vier Passagiere an Bord.

Nun erst erfuhr Passepartout den Fahrpreis für die letzte Überfahrt. Das alles wegen ihm.

Inspektor Fix dagegen rechnete aus, wie viel Geld der Bank von England bleiben würde. Inzwischen müsste die Reisetasche um gut 7000 Pfund leichter sein.

Auf hoher See

Eine Stunde nach der Abfahrt passierte die Henrietta die Hudson-Mündung und erreichte die offene See.

Am nächsten Tag, dem 13. Dezember, erschien zur Mittagsstunde ein Mann auf der kleinen Kommandobrücke und stellt die Position des Schiffes fest. Diese Person war - Phileas Fogg.

Kapitän Speedy dagegen saß eingesperrt in seiner Kabine, schrie und tobte fürchterlich. Was war geschehen? Mr. Fogg wollte bekanntlich nach Liverpool reisen. Da sich der Kapitän geweigert hatte, half ein kleiner Wink mit den Banknoten und die Besatzung war auf der Seite unserer Weltreisenden.

Während der ersten Tage verlief die Fahrt wunschgemäß. Passepartout war entzückt über Mr. Foggs neuesten Streich.

Fix begriff überhaupt nichts mehr. Die "Eroberung" der Henrietta und die Bestechung der Mannschaft passten natürlich zum Bild eines Diebes, der die Bank von Englang ausgeraubt hat. Der Inspektor war sich sicher, dass Mr. Fogg das Schiff keinesfalls nach Liverpool steuern würde, sondern in irgendeinen Winkel der Welt fliehen wollte.

In der Nacht deutete sich eine Wetterverschlechterung an. Die Temperaturen sanken ins Unerträgliche und schließlich drehte auch noch der Wind. Mr. Fogg musste die Segel reffen lassen und die Dampfkessel noch mehr anheizen. Dennoch wurde das Schiff langsamer.

Aus dem Sturm wurde allmählich ein Orkan. Zwei Tage schwebten alle in Todesangst. Aber Phileas Fogg war ein kühner Seefahrer; der allen Gefahren trotzte und kein bisschen vom Kurs abwich.

Der 16. Dezember war der 75. Tag nach der Abreise aus London. Genau genommen lag die Henrietta gut in der Zeit. Aber der Winter war immer für eine Überraschung gut. Passepartout begann erneut sich Hoffnung zu machen. Würde der Wind nicht mehr werden, müsse man eben die Dampfkessel kräftiger einheizen.

An diesem Tag erschien der Maschinist und erklärte Phileas Fogg, dass die Kohle nicht ausreichte um bis Liverpool zu kommen. Man wäre seit der Abfahrt ständig unter Volldampf gestanden und der Kohlevorrat war nur bis Bordeaux berechnet gewesen, und das bei halber Leistung.

"Ich werde mir die Sache durch den Kopf gehen lassen", entgegnete Mr. Fogg.

Passepartout, der das Gespräch mitgehört hatte, konnte nicht anders, als Fix die schlechte Neuigkeit zu berichten.

"Sie glauben wohl immer noch, wir seien auf dem Weg nach Liverpool?", fragte der Detektiv bissig.

"Etwa nicht?"

"Dummkopf!", erwiderte Fix, zuckte die Achseln und wendete sich ab.

Eigentlich wollte Passepartout sich die Beschimpfung des Inspektors nicht gefallen lassen, aber seine Sorge, was sein Herr nun unternehmen wollte, war größer.

Am Abend ließ Mr. Fogg den Maschinisten rufen und sagte: "Geben Sie noch einmal Volldampf, bis die Feuerung aufgebraucht ist, und holen Sie aus dem Dampfer das Letzte heraus."

Zwei Tage später, am 18. Dezember ging der Kohlenvorrat endgültig zu Ende.

Am Mittag desselben Tages wurde Passepartout beauftragt den Kapitän aus seiner Kajüte zu holen. Der Diener hatte das Gefühl, als würde er einen Tiger losbinden.

Wenige Augenblicke später schien auf dem Deck eine Bombe mit großem Getöse zu explodieren. Die Bombe war Kapitän Speedy: "Wo sind wir?" schrie er.

"770 Meilen vor Liverpool", antwortete Mr. Fogg mit unerschütterlicher Ruhe.

"Pirat!", brüllte Andrew Speedy.

"Herr Kapitän, ich habe Sie holen lassen, weil ich Ihnen das Schiff abkaufen möchte."

"Seeräubergesindel! Niemals!"

"Es ist aber notwendig, weil ich es verbrennen muss."

"Mein Schiff verbrennen!"

"Ja, wenigstens den oberen Teil. Wir haben keine Feuerung mehr."

"Mein Schiff ist 50 000 Dollar wert!", er bekam die Worte kaum noch richtig heraus.

"Hier sind 60 000", sagte Phileas Fogg und wedelte mit dem Geldbündel vor der Nase des Kapitäns.

Die Wirkung der Geldscheine war umwerfend. Andrew Speedys Wut verrauchte im Nu. Vergessen war die Haft, vergessen der Zorn über Mr. Fogg.

"Und der eiserne Rumpf bleibt mein Eigentum?", fragte der Kapitän unerwartet sanftmütig.

"Der eiserne Rumpf und die Maschine. Einverstanden?"

"Einverstanden."

Phileas Fogg gab Befehl die ganze Innenausstattung zu zerhacken und zu verfeuern. Es wurden Unmengen von Holz benötigt und die ganze Mannschaft samt Passepartout schuftete bis zum Umfallen.

Am 20. Dezember um 10 Uhr abends kam die irische Küste in Sicht. Mr. Fogg blieben keine 24 Stunden mehr. Es wurde knapp, denn nahezu das gesamte Holz der Henrietta war verheizt worden.

"Das dort drüben sind die Lichter von Queenstown?", fragte Mr. Fogg.

"Ja."

"Können wir den Hafen anlaufen?"

"Erst mit der Flut um 3 Uhr", erwiderte Kapitän Speedy.

"Dann warten wir."

Phileas Fogg war die Idee gekommen von Queenstown eines der schnellen Postschiffe nach Liverpool zu nehmen. Auf diese Weise würde er zwölf Stunden gewinnen und es bliebe genug Zeit, um bis 8.45 Uhr abends London zu erreichen.

Nachdem die Henrietta mit der Flut in den Hafen gelangt war, gingen die Passagiere eilig von Bord.

Fix wollte diesem Fogg endlich den Haftbefehl unter die Nase halten. Aber er wartete ab.

Erst als sie Liverpool erreicht hatten, stellte sich Fix am 21. Dezember um 20 Minuten vor 12 Uhr mittags auf dem Kai von Liverpool vor Mr. Fogg, zog den Haftbefehl aus seiner Tasche und sagte: "Im Namen der Königin: Sie sind verhaftet!"

Fix bekommt seinen Lohn

Phileas Fogg saß gefangen im Zollamt von Liverpool. Dort sollte er den Tag und die folgende Nacht bis zu seinem Abtransport nach London verbringen.

Im Augenblick der Verhaftung hatte sich Passepartout auf den Detektiv stürzen wollen, aber er wurde von einigen Polizisten zurückgehalten. Die nichts ahnende Mrs. Aouda war zu Tode erschrocken. Als Passepartout ihr die Sachlage erklärt hatte, traten Tränen in ihre Augen.

Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte den tapferen Franzosen: Er selbst war Schuld an diesem schrecklichen Unglück! Warum auch hatte er Mr. Fogg den Verdacht des Polizei-Inspektors verschwiegen! Hätte er nicht seinen Herrn warnen müssen? Sicher hätte Mr. Fogg seine Unschuld beweisen können und die Unkosten, den Detektiv um die halbe Welt zu schleppen wären im erspart geblieben. Je mehr Passepartout darüber nachdachte, desto elender fühlte er sich.

Mr. Fogg saß still auf einem Holzbänkchen. Keiner mochte erahnen, was in ihm vorging. Gab er auf? Hegte er noch eine schwache Hoffnung? Oder beschäftige ihn gar der Gedanke einer Flucht.

Da schlug die Uhr des Zollturmes 2 Uhr. Wenn er in diesem Augenblick einen Schnellzug besteigen könnte, käme er noch immer zur rechten Zeit im Reform Club an.

Um 2.33 Uhr hörte er Lärm von draußen, sich öffnende Türen und die Stimmen von Passepartout und dem Detektiv. Für einen Moment funkelte es gefährlich in Mr. Foggs Augen.

Die Tür zu seinem Gefängnis ging auf und herein stürzten Mrs. Aouda, Passepartout und Fix. Der Detektiv war außer Atem. Die Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und er brachte fast kein Wort heraus. Endlich stammelte er: "Mein Herr, ich… ich bitte um Vergebung…, eine bedauerliche Verwechslung…, Dieb wurde vor drei Tagen gefasst…! Sie sind… frei!"

Phileas Fogg war frei! Er ging auf den Detektiv zu, sah ihm ganz ruhig in die Augen, machte zum ersten und letzten Mal in seinem Leben eine rasche Armbewegung und ließ beide Fäuste mit der Präzision eines Roboters auf den unglückseligen Fix niedersausen.

"Gut getroffen!", brülle Passepartout.

Fix sagte kein Wort und stürzte zu Boden. Er hatte seinen Lohn erhalten.

Mr. Fogg, Mrs. Aouda und Passepartout sprangen in die nächste Droschke, die sie zum Bahnhof von Liverpool brachte. Um 3 Uhr konnte Phileas Fogg endlich die Reise nach London antreten.

Von Liverpool nach London standen nur fünf und eine halbe Stunde zur Verfügung, was bei vollkommen freier Strecke ausgereicht hätte. Aber es gab immer wieder Aufenthalte, und als die Reisenden endlich in London auf dem Bahnsteig standen, war es auf allen Uhren der Hauptstadt zehn Minuten vor 9 Uhr.

Phileas Fogg beendete seine Reise um die Erde mit fünf Minuten Verspätung!

Er hatte die Wette verloren.

Der Heiratsantrag

Kein Nachbar hatte gemerkt, dass Mr. Fogg wieder in der Savile Row Nr. 7 angekommen war. Alle Fenster und Türen blieben verschlossen.

Phileas Fogg ertrug sein Schicksal nach außen mit gewohnter Gleichgültigkeit. Ruiniert! Und dieser Polizeibeamte war Schuld! Nach all den Strapazen und Mühen. Das war zuviel.

Von seiner Reisekasse waren nur noch ein paar Pfund übrig, und die 20 000 Pfund auf dem Bankkonto bei den Gebrüdern Baring gehörten im Grunde bereits seinen Club-Brüdern.

Er stand vor dem Ruin und für einen Gentleman gab es in einer solchen Situation nur einen Ausweg. Mrs. Aouda und Passepartout machten sich schreckliche Sorgen um Phileas Fogg.

Als allererstes drehte Passepartout den Gashahn in seinem Zimmer ab, der die letzen 80 Tage sein Zimmer warm gehalten hatte. Die Rechnung der Gaswerke war bereits eingetroffen.

Die Nacht verging und Passepartout wachte wie ein treuer Hund vor der Tür seines Herrn aus Angst, Mr. Fogg könne sich etwas antun.

Am nächsten Tag machte sich Phileas Fogg daran seine Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Er begab sich in sein Zimmer und war nicht mehr gesehen. Passepartout sollte Mrs. Aouda ausrichten, dass er sie am Abend sprechen möchte.

"Gnädige Frau, ich bin leider völlig machtlos. Können Sie meinen Herrn nicht zur Vernunft bringen?"

"Was kann ich schon ausrichten? Mister Fogg hört auf niemanden. Hat er jemals meine Gefühle für ihn bemerkt? Mein Freund, lassen Sie ihn nicht aus den Augen."

Den ganzen Sonntag machte die Savile Row Nr. 7 den Eindruck eines unbewohnten Hauses.

Gegen halb 8 Uhr abends ließ Mr. Fogg fragen, ob Mrs. Aouda ihn erwarten würde. Wenige Augenblicke später stand er in ihrem Zimmer. Er ergriff einen Stuhl und nahm neben Mrs. Aouda am Kamin Platz. Fünf Minuten sprach er kein einziges Wort. Dann richtete er den Blick auf Mrs. Aouda und sagte:

"Gnädige Frau, verzeihen Sie mir, dass ich Sie nach England mitgenommen habe. Ich wollte Ihnen hier einen Teil meines Vermögens überlassen, sie hätten ein sorgenfreies Leben führen können. Doch leider bin ich jetzt ruiniert."

"Aber Mister Fogg, ich bin Ihnen doch die ganze Reise zur Last gefallen. Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Ich weiß nicht was ich sagen soll. Sie haben mir nicht nur das Leben gerettet, sondern wollten auch noch für meinen Unterhalt im Ausland sorgen?"

"Das war meine Absicht, gnädige Frau. Nun kann ich Sie nur noch bitten, über die wenigen Dinge, die ich noch besitze zu verfügen. Ich selbst brauche nichts."

"Was haben Sie vor?", fragte Mrs. Aouda ängstlich.

"Was unumgänglich ist.", erwiderte Mr. Fogg ruhig.

"Aber ein Ehrenmann wie Sie… denken sie doch an ihre Freunde und Angehörigen."

"Ich habe weder Freunde noch Verwandte."

"Ich bedaure Sie, Mister Fogg, ganz alleine zu sein. Zu zweit erträgt sich das Unglück leichter." Mrs. Aouda erhob sich und streckte ihrem Gastgeber die Hand entgegen: "Darf ich Ihnen Verwandte und Freundin zugleich sein? Mister Fogg, möchten Sie mich heiraten?"

Bei diesen Worten hatte sich auch Mr. Fogg erhoben. Seine Augen bekamen einen seltsamen Schimmer und seine Lippen schienen zu zittern. Phileas Fogg war erstaunt und tief berührt von ihren Worten. Er blickte Mrs. Aouda an und sagte: "Ich liebe Sie. Bei allem, was mir heilig ist…, ich liebe Sie und bin der Ihre."

Mrs. Aouda seufzte glücklich und sie hielten sich an den Händen. Passepartout wurde gerufen. Er verstand sofort und strahlte.

Mr. Fogg fragte ihn, ob er trotz der späten Abendstunde noch den Pfarrer aufsuchen könne.

"Dafür ist es nie zu spät!", erwiderte der Franzose.

Es war fünf Minuten nach 8 Uhr, als Passepartout aus dem Haus stürzte.

"Also werden wir morgen, am Montag heiraten!", bekräftigte Phileas Fogg noch einmal.

Die Aktie Fogg steigt

Nachdem in der Öffentlichkeit bekannt geworden war, dass nicht Phileas Fogg, sondern ein gewisser James Strand die Bank von England überfallen hatte, schoss der Wert der "Phileas Fogg"-Aktie in die Höhe.

Die fünf Club-Kollegen hatten die letzten drei Tage in leichter Aufregung verbracht. Eine Wette in solcher Höhe war doch außergewöhnlich. Am Samstag, dem 21. Dezember gab es darum einen großen Menschenauflauf in der Pall Mall. Je näher die Stunde rückte, zu der Phileas Fogg zurückerwartet wurde, desto größer wurde die Anspannung.

Die beiden Bankiers John Sullivan und Samuel Fallentin, der Ingenieur Andrew Stuart, Gauthier Ralph, der zweite Direktor der Bank von England und der Brauereibesitzer Thomas Flanagan saßen seit vielen Stunden gespannt im Großen Salon des Reform Clubs.

Um 8 Uhr 25 Minuten erhob sich Andrew Stuart: "Meine Herren, in zwanzig Minuten ist die Frist abgelaufen. Der letzte Zug aus Liverpool ist um 7.23 Uhr eingetroffen. Mr. Fogg müsste also bereits hier sein. Wir dürfen uns wohl als Sieger der Wette betrachten."

"Seien wir nicht zu voreilig", warnte Samuel Fallentin.

Die Herren diskutierten über Sinn und Unsinn dieser Reise um die Welt, bis die Zeiger auf 8 Uhr 40 Minuten standen. "Noch fünf Minuten", sagte Andrew Stuart.

Die fünf Männer blickten einander an. Der Minutenzeiger wanderte weiter. 8 Uhr 43 Minuten.

Einen Augenblick herrschte tiefe Stille. "8 Uhr 44 Minuten", meldete John Sullivan erregt.

Noch eine Minute und die Wette war gewonnen. Andrew Stuart und seine Kollegen zählten sie Sekunden. In der 40. Sekunde… nichts. In der 50. Sekunde… noch nichts! In der 55. Sekunde brach draußen ein ungeheurer Lärm aus. Applaus und Hurra-Rufe drangen in den Großen Salon.

Die Herren erhoben sich von den Sitzen.

In der 57. Sekunde ging die Tür auf. Phileas Fogg trat ein! Mit seiner gewohnt ruhigen Stimme sagte er: "Ich bin da, meine Herren."

Das glückliche Ende

Ja, da stand Phileas Fogg, höchstpersönlich. Wie war das möglich?

Passepartout war in Windeseile zu Pfarrer Wilson gelaufen. Der war allerdings nicht zu Hause. So musste der Diener warten, gut zwanzig Minuten lang.

Um 8 Uhr 35 Minuten hatte er seinen Auftrag erledigt und rannte so schnell er nur konnte in die Savile Row Nr. 7 zurück. Alles, was sich ihm in den Weg stellte, wurde weggefegt.

Nach nur drei Minuten traf er bei seinem Herrn ein. "Was gibt es denn?", erkundigte sich Mr. Fogg.

"Gnädiger Herr….", keuchte der Franzose, "Heirat… nicht möglich…Morgen ist Sonntag!"

"Sie irren, es ist Montag", korrigierte Mr. Fogg.

"Nein, heute ist Samstag. Sie haben sich um einen Tag verrechnet. Aber es bleiben Ihnen nur noch sieben Minuten um in den Reform Club zu kommen."

Phileas Fogg stürzte hinaus, in die nächste Droschke und mit einer Belohnung von 100 Pfund, ging die Fahrt los. Mindestens fünf kaputte Fahrzeuge blieben dabei auf der Strecke. Aber pünktlich um 8 Uhr 45 Minuten betrat Phileas Fogg den Reform Club.

Er war in achtzig Tagen um die ganze Welt gereist und hatte dabei die Wette über 20 000 Pfund gewonnen!

Aber wie konnte es passieren, dass sich unser korrekter Gentleman um einen ganzen Tag verrechnet hatte? Dadurch, dass Phileas Fogg in östlicher Richtung um die Welt gereist ist, hat er einen Tag dazu gewonnen. Bei seiner Reise Richtung Osten war er der Sonne entgegengefahren. Die Tage wurden für ihn mit jedem Längengrad, den er überschritt um 4 Minuten kürzer. Bei 360 Längengraden ergibt das genau 24 Stunden.

Hätte er die Reise in westlicher Richtung gemacht, wäre die Reise um einen Tag länger gewesen.

Die verbleibenden 1000 Pfund in seiner Reisekasse, teilte er zu gleichen Teilen zwischen Passepartout und Mr. Fix, dem er längst verziehen hatte, auf.

Von den 500 Pfund, die Passepartout bekam, behielt er allerdings die Kosten für die Gasrechnung zurück. So viel Ordnung musste sein.

Am selben Abend, wieder zurück in der Savile Row Nr. 7 sagte Mr. Fogg zu Mrs. Aouda: "Wollen Sie mich immer noch heiraten, gnädige Frau?"

"Mister Fogg, ich glaube diese Frage sollte ich Ihnen stellen. Sie sind jetzt ein reicher Mann…"

"Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Mein Vermögen gehört Ihnen. Sie hatten den Einfall mit der Heirat. Wir hätten den Irrtum erst viel zu spät bemerkt."

Die Hochzeit fand 48 Stunden später statt. Passepartout war der Trauzeuge, schließlich hatte Mrs. Aouda ihm ihr Leben zu verdanken.

Phileas Fogg hatte also die Wette gewonnen. Er war mit Postschiffen, Eisenbahnen, Kutschen, Segelschiffen, Handelsschiffen und sogar mit einem Schlitten und einem Elefanten gereist. Und wozu dieser ganze Aufwand? Was hat ihm diese Reise gebracht?

Nichts? Nun, das mag stimmen, wenn man mal von seiner reizenden Frau absieht, die ihn zum glücklichsten Menschen auf dieser Erde gemacht hat!

So mancher würde für weniger eine Reise um die Welt machen!

Der Klassiker IN 80 TAGEN UM DIE WELT von Jules Verne (1828-1905) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Alphonse de Neuville (1836-1885) und Léon Benett (1839-1917) hergestellt.


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