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Der Graf von Monte Christo

von Alexander Dumas

Vorwort

Alexandre Dumas wurde am 24. Juli 1802 in der Nähe von Paris geboren. Er war der Sohn eines Generals Napoleon Bonapartes. Der Vater starb nur vier Jahre nach seiner Geburt. Die Familie lebte in ärmlichen Verhältnissen und Alexandre war es nicht möglich eine höhere Schule zu besuchen. Seine Schwester und seine Mutter unterrichteten den überaus wissbegierigen Jungen.

Seine Liebe zur Literatur und dem Theater entwickelte sich schon als Jugendlicher. Ab 1830 begann er historische Romane zu schreiben. Die erschienen als Fortsetzungsgeschichten kapitelweise in großen Pariser Tageszeitungen. Man nannte diese Form Feuilleton-Romane, weil sie in der Zeitung unter der Rubrik Feuilleton erschienen. Die Kapitel endeten stets so, dass die Neugierde der Leser geweckt war und sie die nächste Ausgabe kaum erwarten konnten.

Mit diesen Fortsetzungsromanen wurde Dumas zum Millionär. Leider verbrauchte sein Lebenswandel mehr Geld, als er mit dem Schreiben verdiente. Er veranstaltete oft große Feste und war immer großzügig seinen Freunden und Bekannten gegenüber. Durch längere Auslandsaufenthalte versuchte er sich den Gläubigern zu entziehen. So verbrachte er einige Jahre in Belgien, Russland und Italien.

1824 wurde er Vater eines unehelichen Sohnes. Alexandre Dumas (Sohn), wurde später ebenfalls Schriftsteller. Er kümmerte sich die letzten Jahre um seinen schwer verschuldeten Vater, der am 5. Dezember 1870 starb.

Der Graf von Monte Christo, einer der bekanntesten Romane von Alexandre Dumas, wurde erstmals von 1844 bis 1846 als Fortsetzungsroman in der Pariser Zeitschrift "Le Journal des debats" veröffentlicht. Er erzielte einen ungeahnten Erfolg. Bevor das Buch vollständig geschrieben war, wurden die bereits erschienenen Kapitel in Buchform nachgedruckt.

In den Pariser Theatern wurde das Stück in vier Teilen von 1848-1851 aufgeführt. Von 1942 bis 2002 ist die Handlung sechs Mal verfilmt worden.

Das Erfolgsrezept bestand darin, dass Dumas geschichtliche Handlung mit einer Romanze verband. So brachte er Tempo und Spannung in die Geschichte. Der Graf von Monte Christo ist Dumas' einziger Roman, in dem er sehr kritisch mit der Gesellschaft umgeht. Er zeigt auf, wie niederträchtig Menschen handeln, wenn sie die Chance auf Macht sehen ohne dafür gerade stehen zu müssen.

Und hier beginnt die Handlung erst richtig spannend zu werden. Der junge Seefahrer Edmond Dantes sitzt unschuldig und unwissend im Inselgefängnis Kastell Iff. Erst der Gelehrte Abbé Faria, den er nach vielen Jahren Einsamkeit kennen lernt, öffnet ihm die Augen, wem und warum er seine Haftstrafe zu verdanken hat.

Edmond Dantes gelingt nach 14 Jahren die Flucht und mit dem Vermögen, das ihm der Abbé vererbt hat, kehrt er als Graf von Monte Christo in die Pariser Gesellschaft zurück, um sich an den Männern zu rächen, die ihm alles genommen haben: Seine Liebe und 14 Jahre seines Lebens.

Ankunft in Marseille

Es war der 25. Februar 1815, als der Dreimaster "Pharao" in den Hafen von Marseille einfuhr. Eine unbestimmte Unruhe schwebte über der Menge und ein Zuschauer hielt es vor Anspannung nicht mehr aus. Er sprang in ein kleines Boot, und befahl der Pharao entgegen zu rudern. Es war der Eigner des Schiffes, der Reeder Morel. An der Reling des Schiffes erkannte er den jungen Seemann Edmond Dantes.

"Was ist geschehen, Dantes, wo ist der Kapitän?", rief er vom Boot hinauf.

"Ich überbringe Ihnen leider eine traurige Nachricht, Herr Morel. Kapitän Leclère ist innerhalb von drei Tagen an einer Hirnhautentzündung gestorben. Er hat mir befohlen die Pharao nach Hause zu bringen. Ich bin froh, dass Schiff und Ladung sich in gutem Zustand befinden. Wenn Sie heraufkommen wollen, zeigt Ihnen Herr Danglars, der Rechnungsführer die Bücher und Abrechnungen."

Während Dantes sich um die Ankerung kümmerte, ging Danglars dem Reeder Morel entgegen. Er war ungefähr 25 Jahre alt, klein und untersetzt. Zu seinen Vorgesetzten verhielt er sich unterwürfig und gegenüber seinen Untergebenen war er barsch und unfreundlich. Dadurch wurde er von der Mannschaft ebenso gehasst, wie Edmond Dantes geliebt wurde.

Morel wandte sich an Danglars: "Ihr seid verspätet, warum?"

"Das hat Dantes zu verantworten", erwiderte dieser scharf aber leise. "Kaum war der Kapitän verstorben, übernahm er das Kommando und befahl die Insel Elba anzusteuern."

"Elba? Der Zufluchtsort Napoleons - weshalb?"

"Das weiß allein Dantes - und unser verstorbener Kapitän."

"Nun, es ist gut, dass ihr wieder da seid!" Morel wollte sich die gute Laune über die sichere Landung von Schiff und Ladung nicht vermiesen lassen. Er ging auf Edmond Dantes zu: "Was wollten Sie auf Elba?"

"Es war der letzte Wunsch unseres Kapitäns, dass ich dem Großmarschall Bertrand ein Paket übergeben solle."

"Sie haben den Großmarschall gesprochen?", Herr Morel zog Dantes beiseite.

"Ja, auch den Kaiser Napoleon. Er war sehr interessiert an der Pharao."

"Dantes, ich muss Ihnen nicht erklären, dass es in der heutigen Zeit gefährlich ist, mit Napoleon gesehen zu werden. Seit seiner Verbannung auf die Insel Elba, verfolgt der neue Kaiser Ludwig der XVIII. jeden, der noch mit Napoleon sympathisiert. Die Strafen sind hart. Am besten Sie schweigen über diese Begegnung."

"Warum sollte es für mich gefährlich sein?" Dantes zuckte unbekümmert die Schultern, "ich weiß nicht einmal, was in dem Päckchen war, das ich überbracht habe."

Morel wollte nach der Ladung sehen, als Danglars ihn aufhielt: "Da wäre noch der Brief, Herr Morel", raunte er ihm zu. "Der Brief, den Dantes auf Elba erhielt und jedem verschwiegen hat."

"Ihr wisst trotzdem davon?", meinte Morel kühl.

Danglars verzog die Lippen: "Ein Schiff ist klein, ich ging an der geöffneten Kapitänskajüte vorbei, und sah, wie Dantes ihn in der Hand hielt."

"Das ist alles Edmonds Sache", schloss Morel mit Nachdruck. Danglars schwieg.

Da kehrte Dantes zurück und Morel sprach ihn an: "Nun, mein lieber Edmond, haben Sie Zeit mit mir Mittag zu essen?"

"Verzeihen Sie vielmals, Herr Morel. Zwei Menschen warten auf mich. Mein Vater und…"

"…die bezaubernde Mercedes", fiel ihm Morel lachend ins Wort. "Sie war bereits drei Mal bei mir, um Neuigkeiten über den Verbleib der Pharao zu erfahren. So gehen Sie zu ihren Lieben. Bis das Schiff wieder klar zum Auslaufen ist, dauert es gut drei Monate. Bis dahin können Sie Ihre Angelegenheiten erledigen. Doch dann brauche ich Sie hier als Kapitän der Pharao!"

Dantes wurde rot: "Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken kann, Herr Morel. Meine geheimsten Wünsche werden gerade wahr. Ich danke Ihnen im Namen meines Vaters und im Namen von Mercedes."

"Es ist gut, Edmond. Es gibt einen Gott im Himmel für die braven Leute. Und nun gehen Sie."

Edmond Dantes ließ sich das nicht zweimal sagen. Seine schlanke Gestalt flog davon. Aber Danglars Blicke folgten ihm feindlich. Er wäre selbst gern Kapitän geworden.

Vater und Sohn

Edmonds Vater lebte in Armut. Von den 200 Franken, die ihm sein Sohn vor über drei Monaten zurückgelassen hatte, forderte sein Nachbar, der Schneider Caderousse 140 Franken ein, die Edmond bei ihm schuldete. So lebte er von 60 Franken in seinem feuchten, engen Zimmer. Der alte Mann hustete, als Edmond eintrat und ihn umarmte.

"Mein lieber Vater, bist du denn krank? Es wird alles gut. Stell dir vor, ich werde Kapitän der Pharao. Es soll dir an nichts mehr fehlen. Ich will, dass du ein Häuschen mit Garten bekommst und Reben um deinen eigenen Wein anzubauen."

Der Vater lächelte wehmütig. Edmond leerte seine Taschen auf dem Tisch aus, die ein Dutzend Goldstücke enthielten. In diesem Augenblick klopfte es. "Es ist Caderousse", brummte sein Vater, "er hat wohl von deiner Ankunft erfahren."

Der Schneider schob seinen schwarzen bärtigen Kopf durch die Tür. Er war etwa 35 Jahre alt. "Ah! Du bist endlich zurückgekehrt, Edmond!", rief er mit breitem Lächeln.

Edmond sah ihn kalt an: "Konntest du nicht warten, bis ich von meiner Fahrt zurück bin? Ich hätte meine Schulden bei dir schon bezahlt."

"Man weiß nie", murmelte Caderousse, "aber lass uns alles vergessen. Ich war am Hafen, als mir Freund Danglars begegnete und mir von deiner Ankunft erzählte. Herr Morel hat dir den Kapitänsposten angeboten? Da wollte ich gleich kommen, um dir zu gratulieren."

"Herr Morel war stets gütig zu mir, ich hoffe seinen Erwartungen zu entsprechen."

"Meinst du nicht, dass Mercedes auf dich wartet? Sie wird sich bestimmt über die gute Nachricht freuen", entgegnete Caderousse.

"Ja, geh, mein Sohn", rief auch der Vater. "Gott segne dich und deine zukünftige Frau."

"Seine Frau!", rief Caderousse, "Ihr verliert ja keine Zeit. Ich würde mich an deiner Stelle auch beeilen, Edmond. Einer so schönen Frau laufen die Burschen in Scharen hinterher."

"Was willst du damit sagen? Meine Mercedes ist mir treu", entgegnete Edmond heftig.

"Glaube, was du magst. Ich habe sie jedenfalls auffällig häufig mit einem großen schwarzen Katalonier gesehen, den sie ihren Vetter nennt. Sein Name ist Fernand Montego. Wie er ihr den Hof macht…"

Edmond unterbrach ihn: "Ich gehe jetzt." Er umarmte seinen Vater, grüßte Caderousse und verließ das Zimmer.

Caderousse blieb noch einen Augenblick, verabschiedete sich dann und suchte Danglars, der ihn an der Straßenecke erwartete.

"Hast du ihn gesehen?", fragte Danglars leise.

"Ich komme direkt von ihm. Er hat seinem Vater erzählt, dass er Kapitän der Pharao wird."

"Zum Teufel. Noch ist er's nicht. Lass uns ihm ins Katalonierdorf folgen."

Sie schlugen mit schnellen Schritten den Weg zu dem genannten Ort ein. Dort angekommen, ließen sie sich eine Flasche Wein und zwei Gläser geben. Sie setzten sich unter eine Platane und warteten ab.

Im Katalonierdorf

Nur hundert Schritte von dem Platz, wo die beiden Freunde auf der Lauer lagen, befand sich das Dorf der Katalonier. Die Kolonie von nordspanischen Fischern bestand bereits seit mehreren Generationen. Sie pflegten ihre Sprache und ihre alten Sitten und vermischten sich nur selten mit der Bevölkerung von Marseille.

Ein schönes Mädchen mit tiefschwarzem Haar und dunklen Augen stand an eine Wand gelehnt. Diese Augen schleuderten gerade Blitze, die einen jungen Mann trafen, der die Hand nach ihr ausstreckte. "Nein, nein, Fernand, niemals", rief sie. "Hundertmal habe ich es dir schon gesagt, ich werde dich niemals heiraten. Schweig endlich. Ich werde die Frau von Edmond Dantes."

"Er wird immer ein armer Seemann bleiben, um den du zittern musst. Ich aber werde reich, ich biete dir ein Haus", antwortete er. "Was kann Edmond dem entgegensetzen. Ich liebe dich! Heirate mich, oder es geschieht ein Unglück!"

"Ich liebe Edmond Dantes. Und kein anderer als er soll mein Gatte werden."

Fernand ließ den Kopf hängen. Dann plötzlich rief er: "Was ist, wenn er tot ist?"

"Wenn er tot ist, sterbe ich auch."

"Mercedes!", rief eine freudige Stimme vor dem Haus.

"Ah", rief das junge Mädchen. "Wie ihr seht, er lebt. Herein, Edmond, hier bin ich!"

Fernand wich bleich und bebend zurück und sank auf einem Stuhl nieder.

Edmond und Mercedes lagen einander in den Armen. Die Welt um sie herum schien vergessen. Da entdeckte Edmond den finster dreinblickenden Fernand. "Verzeihung, ich wusste nicht, dass wir zu dritt sind! Mercedes, wer ist dieser Herr?"

"Er ist mein Freund und Vetter Fernand Montego. Erkennst du ihn nicht wieder?"

"Ah, gewiss!", sprach Edmond und reichte dem Katalonier freundlich die Hand.

Fernand blieb stumm und unbeweglich auf seinem Stuhl. Mit einem Mal erhob er sich und verließ furchtbar bleich das Haus. Draußen angelangt rief er: "Wer befreit mich von diesem Menschen?"

"He, Fernand, wohin läufst du?", rief eine Stimme.

Er blieb stehen, schaute sich um und erkannte Caderousse und Danglars unter der Platane. "Ihr habt mich gerufen?"

"Ich rief dich, weil du wie ein Irrer davongerannt bist, und ich Sorge hatte du würdest dich ins Meer stürzen", erwiderte Caderousse lachend. "Du siehst aus, wie ein geschlagener Liebhaber."

Das Komplott

So saßen Danglars, Caderousse und Fernand in der Laube der Schenke "Zum silbernen Fisch" und jeder der drei neidete Edmond sein Glück, jeder konnte ihn auf seine Weise nicht leiden. Der Wein tat mehr und mehr seine Wirkung und vernebelte ihnen die Sinne. Danglars, der Rechnungsführer der Pharao, war es, der den Vorschlag machte, das junge Glück zu trüben. Sie wollten ihm Schwierigkeiten bereiten, die Hochzeit verzögern oder gar vereiteln. Das Ausmaß des Unglücks, das sie damit anrichteten, ahnte zu diesem Zeitpunkt keiner.

Danglars erzählte von dem Brief, den Edmond erhalten hatte und den er mit Sicherheit bei sich trug. Wenn man ihn bei der Staatsanwaltschaft als Agent von Napoleon Bonapartes anzeigen würde, wäre er für eine gewisse Zeit außer Gefecht. "Wenn wir so etwas machen", sagte Danglars, "müssen wir das Schreiben anonym und mit verfälschter Handschrift anfertigen."

Und so schrieb Danglars mit der linken Hand folgende Zeilen: Der Herr Staatsanwalt wird hiermit von einem Freund des Throns darauf aufmerksam gemacht, dass Edmond Dantes, Erster Offizier auf dem Schiff Pharao, heute Morgen im Hafen von Marseille angekommen ist. Er hat auf der Herfahrt auf Elba angelegt, um dort mit dem Großmarschall Napoleons zu sprechen. Er bekam von diesem einen Brief, um diesen gewissen Leuten zu überbringen, die Seiner Majestät, unserem geliebten König Ludwig XVIII. nicht wohl wollen und vielleicht sogar die Rückkehr des Tyrannen vorbereiten. Den Beweis werden Sie bekommen, wenn Sie Edmond Dantes verhaften lassen und von ihm die Herausgabe des Briefes erzwingen.

Caderousse, der vom vielen Wein nur noch mit größter Anstrengung dem Inhalt des Schreibens folgen konnte rief: "Es wäre eine Schande, diesen Brief abzusenden. Dantes ist mein Nachbar, ich möchte nicht, dass ihm Böses zugefügt wird." Er streckte den Arm danach aus.

"Was wir gemacht haben, geschah doch nur im Scherz", meinte Danglars, "Es würde mir unendlich Leid tun, wenn dem guten Dantes etwas geschehen würde. Seht selbst…" Und er zerknitterte den Brief, und warf ihn in eine Ecke der Laube. Damit stand er auf, nahm Caderousse beim Arm und sie gingen davon. Als Danglars zwanzig Schritte gemacht hatte, wandte er sich um und sah, dass sich Fernand auf das Papier stürzte und es in seine Tasche steckte.

"Gut, die Sache ist im Gang. Nun kann man ihr ihren Lauf lassen", murmelte Danglars.

Die Verlobung

Am nächsten Morgen wurde Verlobung gefeiert. In der Mitte der langen Tafel saß auf der einen Seite die reizende Mercedes, rechts neben ihr, der alte Dantes und zu ihrer Linken ihr Vetter Fernand. Ihnen gegenüber saß der Bräutigam, ihm zur Seite Herr Morel, der sich die Verlobung seines zukünftigen Kapitäns nicht entgehen lassen wollte.

Auch Danglars und Caderousse waren anwesend. Caderousse hatte nur noch eine schwache Erinnerung an den Vorabend. Fernand quälte sich auf seinem Stuhl. Gelegentlich schaute er Richtung Türe und schien irgendetwas zu erwarten.

Da ergriff Edmond das Wort: "Durch die Hilfe von Herrn Morel, den ich nach meinem Vater am meisten auf dieser Welt zu verdanken habe, sind alle Schwierigkeiten beseitigt. Wir haben das Aufgebot bezahlt und um halb drei erwartet uns der Bürgermeister von Marseille um uns zu trauen."

Fernand schloss die Augen, und stieß einen dumpfen Seufzer aus, der sich jedoch in den Freudenrufen der Verlobungsgesellschaft verlor.

"So ist es gut", sprach der Vater. "Gestern Morgen angekommen und heute um drei Uhr schon verheiratet. Seeleute gehen rasch ans Geschäft."

Als es zwei Uhr war, ermahnte Mercedes, dass es Zeit wäre zu gehen. In diesem Augenblick sah Danglars, wie Fernand plötzlich seine verstörten Augen weit aufriss. Man vernahm ein dumpfes Geräusch auf der Treppe. Schwere Schritte kamen näher, Stimmengewirr und ein Klirren von Waffen, übertönten die Rufe der Gäste.

"Im Namen des Gesetzes!", rief eine scharfe Stimme. Es öffnete sich die Tür, und ein Kommissar, gefolgt von vier bewaffneten Soldaten, betrat den Saal. "Wer von Ihnen ist Edmond Dantes?"

"Ich bin es, mein Herr, was wollen Sie von mir?"

"Ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes."

Edmond verstand nichts. Gefesselt führte man ihn hinaus. Verzweifelt, mit Tränen in den Augen, blickte ihm Mercedes nach.

"Es ist ein Irrtum, es ist bestimmt ein Irrtum", murmelte der Reeder Morel, indem er seinen Arm tröstend um die Schultern des zitternden Vaters legte. "Gewiss ist Edmond in nicht einmal einer Stunde wieder bei uns! Wartet hier auf mich. Ich nehme den ersten Wagen, den ich treffe, und bringe euch bald Nachricht."

Die Gesellschaft war wie betäubt. Nach einiger Zeit rief einer der Gäste: "Hört, ein Wagen. Es ist Herr Morel. Er bringt ohne Zweifel gute Neuigkeiten." Mercedes und der alte Vater liefen dem Reeder entgegen. Morel war sehr blass.

"Meine Freunde, die Sache ist ernster, als wir dachten. Edmond wird angeklagt ein Agent von Napoleon Bonapartes zu sein."

Mercedes stieß einen Schrei aus und der Greis sank auf seinen Stuhl.

"Du hast mich hintergangen, Danglars", murmelte Caderousse. "Dein angeblicher Scherz wurde doch ausgeführt. Aber ich möchte nicht dass diesem alten Herrn und dem Mädchen solch großer Schmerz zugeführt wird. Ich werde ihnen alles sagen."

"Schweig!", zischte Danglars. "Wer sagt dir, dass Dantes nicht wirklich schuldig ist? Das Schiff hat die Insel Elba angelaufen, er ist an Land gegangen und einen Tag dort geblieben. Wenn man einen Brief bei ihm fände, so müsste jeder, der ihn unterstützt als Mitschuldiger gelten."

Caderousse spürte, dass es für ihn das Beste war, still zu halten. Auch wenn ihn sein Gewissen plagte. Der wahre Schuldige war Fernand. Er hatte den zerknüllten Brief aufgehoben und offensichtlich an den Staatsanwalt weitergeleitet. Wie geschickt Danglars die Sache eingefädelt hatte, entging ihm. Die Freunde machten sich auf den Rückzug.

Fernand nahm Mercedes Hand und führte sie zu den Kataloniern zurück. Herr Morel holte mit schnellem Schritt seinen Rechnungsführer und Caderousse ein. "Danglars, welches Unglück auch kommt, die Geschäfte müssen immer weiter laufen. Darf ich Sie bitten für die Zeit, bis Edmond wieder frei ist, den Posten als Kapitän der Pharao zu besetzten?"

"Sie wissen, dass ich die Führung eines Schiffes so gut beherrsche, wie ein Kapitän. Wenn Edmond aus dem Gefängnis kommt, brauchen Sie niemandem zu danken. Er nimmt seinen Platz ein und ich wieder den meinigen."

"Ich danke Ihnen Danglars. Damit ist alles geregelt. Ich werde mich beim Staatsanwalt für Dantes einsetzen."

Der Zweite Staatsanwalt

In der Rue du Grand-Cours feierte man zur selben Stunde ebenfalls eine Verlobung. Der junge, ehrgeizige Beamte Herr von Villefort, wollte die vornehme Renée Saint-Meran heiraten. Diese Hochzeit geschah nicht nur aus Liebe. Er versuchte sich dadurch von einem geerbten Makel zu befreien. Sein Vater war nämlich Girondist gewesen. Die Girondisten waren eine Vereinigung, die zu Beginn der Französischen Revolution für den Sturz des damaligen Königs Ludwig den XVI. gesorgt hatten. Durch die Französische Revolution wurde Frankreich von der Monarchie zur Republik. Erst mit Napoleon setzte sich wieder ein Monarch an die Spitze. Unter dem jetzigen König Ludwig XVIII. konnte dieses Erbe Herrn von Villefort schaden.

Ein Kammerdiener trat ein, und flüstere dem Staatsanwalt einige Worte ins Ohr. Herr von Villefort lächelte seine Verlobte entschuldigend an und stand auf. Renée schaute ihn liebevoll an. Mit seinen blauen Augen und seinem schwarzen Backenbart, war er ein gut aussehender junger Mann. "Was ist der Anlass für die Störung?", fragte das Mädchen.

"Hier ist ein anonyme Anzeige", Villefort las den Brief den Danglars geschrieben hatte vor.

"Aber dieser Brief ist doch an den Ersten Staatsanwalt adressiert und nicht an Sie", bemerkte die schöne Renée.

"Ja, aber der Erste Staatsanwalt ist nicht hier. In seiner Abwesenheit gelangte das Schreiben zu mir. Zu meinem Bedauern, muss ich mich um den Beklagten kümmern."

"Oh, Herr von Villefort", sagte Renée, "seien sie nachsichtig. Schließlich ist heute unser Verlobungstag."

Als Herr von Villefort den Raum verließ, warf er seiner Braut noch einem Blick zu, der sagte: "Seid unbesorgt, um eurer Liebe willen, werde ich nachsichtig sein."

Der Raum im Justizpalast war kahl und ließ einen trotz des Feuers im Kamin frösteln. Herr von Villefort setzte sich an seinen Schreibtisch und begann mit dem Verhör: "Wer sind Sie und wie heißen Sie?"

Edmond Dantes antwortete wahrheitsgemäß.

"Was taten Sie in dem Augenblick, als sie verhaftet wurden?"

"Ich feierte gerade meine Verlobung, mein Herr."

"Sie feierten Ihre Verlobung?", die Stimme des Zweiten Staatsanwaltes begann unwillkürlich zu zittern. Je weiter das Verhör fortfuhr, desto größere Sympathie hegte Herr von Villefort für den jungen Mann. Er betrachtete Dantes sanftes und offenes Gesicht und erinnerte sich an die Bitte Renées. Er kam zu dem Schluss, dass es ihm leicht fallen würde, sich bei seiner Verlobten beliebt zu machen.

"Ist Ihnen bekannt, dass Sie Feinde haben? Dieser Brief gelangte heute in meinen Besitz. Erkennen Sie die Handschrift?"

Edmond schaute und las: "Nein, ich kenne diese Handschrift nicht. Sie ist verstellt. Ich bin sehr froh, dass ich es mit einem ehrenwerten Herrn, wie Sie sind, zu tun habe. Hören Sie nun die reine Wahrheit." Edmond erzählte vom Tod des Kapitäns und dessen Auftrag, die Insel Elba anzufahren. Von seiner Rückkehr und der Verlobungsfeier mit Mercedes.

"Ich glaube Ihnen", erwiderte Villefort, "alles erscheint mir der Wahrheit zu entsprechen. Geben Sie mir den Brief und versprechen Sie mir, sich bei einer Vorladung sofort zu stellen, dann können Sie zu Ihren Freunden zurückkehren."

"Ich bin also frei?", rief Dantes voller Freude.

"Ja, nur geben Sie mir den Brief."

"Er muss bereits vor Ihnen liegen, mein Herr, denn man hat ihn mir mit meinen anderen Papieren abgenommen."

"Warten Sie, an wen war der Brief adressiert?"

"An Herrn Noirtier, in Paris", antwortete Dantes unbekümmert.

Ein greller Blitz durchzuckte Herrn von Villefort. Vollkommen bleich murmelte er die Adresse vor sich hin.

"Kennen Sie diesen Herrn?", fragte Dantes.

"Nein", stieß Villefort hervor, "ein treuer Diener des Königs kennt keine Verschwörer.

"Es handelt sich also um eine Verschwörung?" Dantes wurde von großer Furcht ergriffen. "Ich versichere Ihnen, ich wusste nichts über diese Depesche."

"Sie haben diesen Brief niemand gezeigt?", fragte Villefort, während er las und immer bleicher wurde.

"Nein, niemand!"

Oh, mein Gott, dachte der Staatsanwalt. Wenn diesem jungen Mann jemals bekannt wird, dass Herr Noirtier mein Vater ist, kein anderer als mein eigener Vater, und wenn er erfährt, was der Brief enthält, so bin ich verloren.

Villefort schnellte empor und warf das Blatt in das Feuer des Kamins. Gierig verzehrten es die Flammen. Als auch der kleinste Rest zu Asche geworden war, wandte er sich an Edmond Dantes: "Es geschah zu Ihrem Schutz. In Ihrem eigenen Interesse behalte ich Sie heute im Justizpalast. Morgen sind Sie frei, wenn Sie mir schwören, dass dies der einzige Brief war, den sie empfangen haben!"

Edmond streckte die Hand aus und sagte: "Ich schwöre."

Villefort läutete und ein Polizeibeamter trat ein, dem er einige Worte ins Ohr flüsterte. "Folgen Sie dem Herrn", sprach er zu Dantes.

Dieser verbeugte sich, warf einen dankbaren Blick auf Villefort und ging.

Kaum war die Tür geschlossen, fiel Villefort beinahe ohnmächtig auf seinen Stuhl. Dann murmelte er: "Herr im Himmel, ich danke dir! Wäre der Staatsanwalt nicht verreist gewesen und wäre dieser Brief in seine Hände gelangt, dann wäre es um mich und meinen Vater geschehen gewesen. So könnte sich alles noch zu meinem Glück wenden!" Dann erhob er sich und ging zum Haus seiner Braut zurück.

Das Kastell Iff

Als sich die Dämmerung an diesem Abend bleiern über das Meer senkte, wurde Edmond gefesselt zu einer Barke geführt. Man ruderte ihn schweigend hinüber zur Felseninsel, auf der sich das Kastell Iff erhob, einsam, dunkel und drohend.

Edmond zitterte am ganzen Körper. Er hatte immer noch an die Worte des Staatsanwaltes geglaubt, der ihm versprochen hatte, dass er am nächsten Morgen wieder frei wäre. Nun verstand er nichts mehr. Die monotonen Schläge der Ruder im Wasser verstärkten in ihm die Ausweglosigkeit seiner Lage. Er rief den Polizisten an: "Aber man wird mich doch nicht in Kastell Iff einsperren. Es ist ein Staatsgefängnis für große politische Verbrecher. Ich habe kein Verbrechen begangen."

Beinahe im selben Augenblick erschütterte ein heftiger Stoß das Schiff. Dantes begriff, dass man angelangt war. Seine Wächter zerrten ihn die Steinstufen empor, die ihn in ein unterirdisches Verlies brachten. Nackte, schwitzende Wände wurden von einer Art Lampe beleuchtet und ein gemein aussehender Gefangenwärter sagte:

"Das ist Ihr Zimmer. Hier ist Brot und ein Krug mit Wasser. In einem Winkel da hinten liegt Stroh. Das ist alles, was ein Gefangener braucht." Mit diesen Worten nahm er die Lampe und die Gefängnistür wurde geschlossen. Dantes befand sich nun allein in der Finsternis. Still, stumm und düster, umfing sie ihn.

Drei Tage später stand Herr von Villefort vor Ludwig XVIII. in Paris. "Sire, ich bin so rasch wie möglich hierher gereist, um Eurer Majestät mitzuteilen, dass ich eine ernst zu nehmende Verschwörung entdeckt habe. Napoleon bemannt drei Schiffe. Er beabsichtigt die Insel Elba zu verlassen um wahrscheinlich in Neapel oder gar in Frankreich an Land zu gehen."

Der König erkundigte sich, woher Villefort seine Informationen hatte. Dieser berichtete ihm vom Verhör mit Dantes. Ohne dabei den Brief zu erwähnen. Plötzlich öffnete sich die Türe und der Polizeiminister trat ein, zitternd und bleich. "Sire, welch furchtbares Unglück. Napoleon hat am 26. Februar Elba verlassen und ist am 1. März gelandet."

"Wo? In Italien?", fragte der König rasch.

"In Frankreich, Sire, in einem kleinen Hafen bei Antibes. Nur etwa 250 Meilen von Paris entfernt."

Ludwig XVIII. wurde sehr zornig und warf seinem Polizeiminister Unfähigkeit vor. Herrn von Villefort dagegen überreichte er das Kreuz der Ehrenlegion, als Zeichen seines Dankes. In den Augen Villforts schwamm eine Träne stolzer Freude. Auf Befehl des Königs, begab er sich zu seiner Unterkunft, um in Kürze Paris zu verlassen und nach Marseille zurück zu kehren.

Herr Noirtier

Nur zehn Minuten später hatte Herr von Villefort sein Hotel erreicht. Er hatte sich gerade zu Tisch gesetzt um zu frühstücken, da erklang die Glocke. Sein Kammerdiener ging, um zu öffnen.

"Nun, wer verlangt nach mir?" Villefort fragte sich, wer von seiner Anwesenheit in Paris wusste.

"Ein Fremder, der seinen Namen nicht nennen möchte."

"Lassen Sie ihn eintreten", befahl Villefort.

Ein Mann von etwa 50 Jahren, schwarzen Haaren und einem Rock der Ehrenlegion kam herein.

"Vater", rief Villefort. Und zu seinem Diener gerichtet: "Germain, lass uns allein."

Herr Noirtier wartete, bis Germain das Zimmer verlassen hatte: "Mein lieber Gérard, du scheinst dich nicht gerade über meinen Besuch zu freuen."

"Ich muss gestehen, ich bin sehr überrascht. Damit habe ich nicht gerechnet."

"Du hast bereits von der Landung seiner Majestät Kaiser Napoleons gehört?", fragte Herr Noirtier.

"Still, Vater. Sie täuschen sich, wenn sie mit der Rückkehr Napoleons rechnen. Er wird in Frankreich keine sechs Meilen zurücklegen, ohne verfolgt und umstellt zu werden."

"Mein lieber Sohn, der Kaiser befindet sich in diesem Augenblick auf dem Weg nach Grenoble, am 10. oder 12. ist er in Lyon, am 20 oder 25. in Paris. Das Volk wird ihm entgegenjubeln und die Tore öffnen."

Nachdem sein Vater gegangen war, machte sich auch Herr von Villefort auf den Weg nach Marseille. Unterwegs erfuhr er, dass Napoleon siegreich in Grenoble eingezogen war.

So, wie es Herr Noirtier vorausgesagt hatte, traf es ein. Napoleon feierte eine beispiellose Rückkehr auf den Thron. Diese Rückkehr sollte zwar nur 100 Tage währen, aber doch änderte sich einiges in dieser Zeit.

Villefort versorgte sein Kreuz der Ehrenlegion gut, und es war nur dem Schutz seines Vaters zu verdanken, dass er als Staatsanwalt nicht abgesetzt wurde. Der erste Staatsanwalt hingegen wurde suspendiert. Die Vermählung mit René wurde auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, bis abzusehen war, wie sich die politische Lage entwickelte.

Herr von Villefort war also für den Augenblick der erste Beamte von Marseille, als eines Morgens die Tür sich öffnete und ihm Herr Morel angekündigt wurde.

Morel versuchte in einem persönlichen Gespräch Villefort davon zu überzeugen, dass aufgrund der neuen Lage Edmond Dantes frei gesprochen werden müsse. Doch ehe Napoleon zu Edmonds Gunsten hätte entscheiden können, verlor er seinen Kampf bei Waterloo und wurde nach St. Helena verbannt, von wo es keine Rückkehr gab.

Herr von Villefort vermählte sich mit René von Saint-Meran. Er war glücklich und sein Glück war vollkommen, als er nach Toulon versetzt wurde. Fort von Marseille, wo er täglich durch den Anblick des Kastells an seine böse Tat erinnert wurde.

Edmonds Vater starb, genau fünf Monate nach Edmonds Verhaftung in den Armen von Mercedes. Herr Morel übernahm die Kosten der Beerdigung.

Caderousse und Fernand wurden an die Waffen gerufen. Der Reeder Morel gab die Hoffnung auf Edmonds Freilassung auf und ernannte Danglars zum Kapitän der Pharao.

Edmond Dantes selbst hörte auf die Tage, Wochen und Monate zu zählen.

Der Abbé

Inzwischen mochten ungefähr vier Jahre vergangen sein. Edmond hatte alle Stufen des Unglücks und der Verzweiflung durchlitten. Stundenlang sprach er mit sich selbst, nur um eine Stimme zu hören.

Eines Tages hörte Edmond in seiner Zelle Geräusche. Erst vernahm er sie nur dumpf, aber das Klopfen, Scharren und Schaben wurde immer lauter. Edmond richtete seine ganze Aufmerksamkeit darauf. Es war ein Kratzen wie von einer Kralle oder vom Druck eines kräftigen Werkzeugs.

Als kein Zweifel mehr möglich war, begann Edmond, dem Geräusch entgegenzuarbeiten. Er zerbrach seinen Wasserkrug und benutzte die größte Scherbe als Werkzeug, um damit die feuchte Mauer hinter seinem Bett aufzuritzen. Mit viel Ausdauer gelang es Edmond, der von seiner jahrelangen Gefangenschaft sehr geschwächt war, den ersten Stein zu lösen. Stein um Stein löste er so, dass er sie wieder einfügen konnte und sein Wächter nichts bemerkte.

Die Tage stiegen aus dem Meer und versanken wieder darin, um der Nacht zu weichen. Wieder verging die Zeit. Doch Edmond hatte eine Aufgabe, eine Hoffnung. "Es muss ein Gefangener sein, der ebenso wie ich, die Freiheit sucht."

Und dann kam der Tag, an dem Edmond zum ersten Mal Atemzüge hörte. Zitternd fragte er durch den Schlitz: "Wer sind Sie?"

"Ich bin die Nummer 27", war die zögernde Antwort. "Man hat mich im Jahr 1811 hierher verschleppt."

"Mein Gott, das war ja noch vor Napoleons Sturz und ganz vier Jahre vor meiner eigenen Verhaftung", stieß Edmond hervor.

"So gibt es den Kaiser nicht mehr?"

Edmond verneinte und die Stimme auf der anderen Seite schwieg lange. "Wenn Sie kein Verräter sind, worauf ich vertraue, so warten Sie auf mich. Ich werde zu Ihnen kommen. Es war ein großer Irrtum. Ich war mir sicher, dass diese Mauer die Außenmauer ist und ich damit ans Meer käme. Ich wollte mich hinabstürzen und zu irgendeiner Insel schwimmen."

"Verzweifeln Sie nicht", antwortete Edmond. "Der Himmel schickt Sie mir. Gemeinsam werden wir unser Ziel erreichen!"

Sie arbeiteten weiter. Sie passten die Stunden ab, in denen der Gefangenenwärter nicht erschien. Er kam ja nur einmal am Tag. Endlich erblickte Edmond im Hintergrund des düsteren Loches einen Kopf, danach Schultern und schließlich einen ganzen Menschen, der erstaunlich beweglich zu ihm herüber kroch.

Dantes schloss diesen neuen und so lange ungeduldig erwarteten Freund in seine Arme und zog ihn an sein Fenster, damit ihn das wenige Licht, beleuchtete. Er war ein mittelgroßer Mann, das Haar vom vielen Leid gebleicht, fast nackt und so mager, dass die Rippen hervortraten. Doch er hatte glühende durchdringende Augen.

"Ich bin der Abbé Faria", stellte er sich vor. "Bevor ich hierher kam, verbrachte ich drei Jahre auf einer anderen Festung. Man kerkerte mich ein, weil ich von einem vereinten, starken Italien träumte. Allein vier Jahre brauchte ich, um meine Werkzeuge herzustellen. Seit zwei Jahren kratze ich Erde aus, die so hart ist, wie Granit."

"Was hat Ihnen die Kraft gegeben, dies alles durchzustehen? Die Hoffnung auf Freiheit?"

"Ich schrieb und studierte."

"Man gab Ihnen also Papier, Feder und Tinte?"

"Nein", sagte der Abbé, "aber ich machte mir dies alles."

Dantes schaute diesen Mann mit Bewunderung an; nur hatte er Mühe, an das zu glauben. Faria bemerkte seinen Zweifel. "Wenn Sie zu mir kommen, werde ich Ihnen mein vollständiges Werk zeigen. Es ist das Ergebnis von Gedanken, Nachforschungen und Betrachtungen meines früheren Lebens. Ich habe eine Methode gefunden Stoff glatt und eben, wie Pergament zu machen. Kommen Sie zu mir herüber, wir haben genügend Zeit."

Gebückt schritt Edmond hinter dem Abbé durch den Gang. Im anderen Raum angekommen, zeigte ihm dieser eine Aushöhlung in der Wand. Sie enthielt mehrere Leinwandrollen.

"Um solch ein Werk aufzuschreiben, muss man geschichtliche Nachforschungen betreiben. Sie besaßen Bücher?"

"In Rom hatte ich in meiner Bibliothek ungefähr 5000 Bände. Es gibt ausgewählte Werke von Livius, Dante, Montaigne, Shakespeare und Machiavelli, die das Wissen der Menschheit umfassen, die ich Ihnen auswendig aufsagen kann, so oft habe ich sie in meinem früheren Leben gelesen."

"So sprechen Sie also mehrere Sprachen?", staunte Edmond.

"Ich spreche fünf lebende Sprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch."

Edmond betrachtete alles und sagte: "Herr Abbé, ich bewundere Sie. Wenn wir gemeinsam die Freiheit erringen wollen, brauchen wir Jahre, um die Mauern zu durchdringen. Sie haben den Verstand, ich die Kraft. Aber ich möchte auch meinen Verstand schärfen. Nutzen wir die Zeit, lehren Sie mich alles, was Sie wissen."

"Warum nicht", meinte der Abbé. "Die Wissenschaft ist recht begrenzt, wenn Sie Mathematik, Physik und die lebenden Sprachen gelernt haben, dann wissen Sie alles. Dazu werden wir nicht einmal zwei Jahre brauchen. Doch nun erzählen Sie mir Ihre Geschichte."

Dantes erzählte das, was er seine Geschichte nannte. Als die Erzählung zu Ende war, versank der Abbé in Gedanken. "Wem konnte Ihre Verhaftung nützen?"

"Mein Gott! Niemand, wer bin ich schon."

"Antworten Sie nicht so, denn Ihrer Antwort mangelt die Logik. Sie sollten der Kapitän der Pharao werden und ein hübsches junges Mädchen heiraten? Gab es jemanden der nicht wollte, dass Sie Kapitän werden und Mercedes heiraten?"

"Nein; ich war an Bord sehr beliebt. Nur ein einziger Mensch hatte einen Grund neidisch zu sein. Danglars, der Rechnungsführer der Pharao. Er wäre wohl selbst gerne Kapitän der Pharao geworden."

"Gut. Konnte jemand Ihre Unterhaltung mit Leclère, kurz vor dessen Tod hören?"

"Ja, die Türen waren immer offen… warten Sie… ja, Danglars ging gerade in dem Augenblick vorüber, wo mir der Kapitän das für den Großmarschall bestimmte Paket übergab."

"Und auf Elba waren Sie alleine und man hat Ihnen einen Brief übergeben. Konnte den jemand sehen?"

"Ich hielt ihn in der Hand, als ich zum Schiff zurückging. Jedermann, auch Danglars, konnte ihn sehen."

"Nun denken Sie genau nach. Erinnern Sie sich noch an den genauen Wortlaut des Schreibens an den Staatsanwalt von Marseille?"

Edmond hatte noch jedes einzelne Wort in seinem Kopf. Als er geendet hatte, gab es für den Abbé keinen Zweifel, dass nur Danglars in Frage kam.

"Was war die gewöhnliche Handschrift von Danglars?"

"Eine schöne Kursivschrift."

Der Abbé lächelte, nahm seine Feder und schrieb mit der linken Hand ein Stück des Textes, das ihm Edmond gerade erzählt hatte.

Edmond erschrak und rief: "Mein Gott, wie sehr diese Schrift jener gleicht, wie ist das möglich?"

"Nun, ich habe beobachtet, dass alle Schriften, die mit der linken Hand geschrieben wurden, sich gleichen. Aber fahren wir fort: Gibt es jemanden, der ein Interesse daran hat, dass Sie Mercedes nicht heiraten?"

"Ja, Fernand, ein junger Katalonier, er ist ihr Vetter und liebte sie."

"Glauben Sie, dass er fähig war, den Brief zu schreiben?"

"Nein, er hätte mich eher mit einem Messer niedergestochen."

"Kannten sich Danglars und Fernand?"

"Nein, oder doch? Einen Tag vor meiner Hochzeit sah ich sie miteinander in einer Laubenwirtschaft im Dorf von Mercedes sitzen. Es war nur kurz nachdem ich Mercedes endlich wieder in meine Arme geschlossen hatte. Bei Ihnen saß noch Caderousse, ein Nachbar von mir, er war sehr betrunken. Doch halt, warum konnte ich mich daran bis jetzt nicht erinnern? Auf dem Tisch waren Papier, Tinte und Federn. Oh nein, dort wurde der Brief geschrieben! Diese Verbrecher!" Edmond sprang auf und ging umher.

"Wollen Sie noch andere Dinge wissen?", fragte der Abbé.

"Ja, ich will völlige Klarheit. Warum wurde ich nur einmal verhört. Warum hatte ich keinen Richter?"

"Wer hat Sie denn verhört?"

"Der zweite Staatsanwalt, ein junger Mann von 27 oder 28 Jahren."

"Ihm haben Sie alles erzählt. Hat sich sein Verhalten während der Vernehmung verändert?"

Edmonds Augen verengten sich: "Warten Sie, in dem Augenblick, als er den Brief gelesen hatte, schien er wie niedergeschmettert. Ich dachte durch mein Unglück."

"An wen war denn dieser Brief adressiert?", wollte der Abbé wissen.

"An Herrn Noirtier, in Paris."

"Noirtier?", erwiderte der Abbé, "Noirtier? Ich kannte einen Noirtier am Hof der ehemaligen Königin von Etrurien, er war während der Revolution Girondist gewesen. Wie hieß Ihr Zweiter Staatsanwalt?"

"Villefort."

Der Abbé brach in finsteres Gelächter aus: "Sie armer junger Mann! Wissen Sie, wer dieser Noirtier war? Er war sein Vater - sein voller Name lautet Noirtier de Villefort."

Hätte der Blitz vor Dantes Füßen eingeschlagen, wäre er nicht weniger niedergeschmettert worden, als durch diese Wahrheit. Alles, was bis jetzt dunkel geblieben war, wurde in diesem Augenblick klar wie der Tag. Und er fasste einen furchtbaren Entschluss.

Der Abbé unterbrach seine wilden Gedanken: "Es tut mir Leid, dass ich Sie in ihren Nachforschungen unterstützt habe. Es wäre für Ihr Seelenheil besser gewesen, Sie hätten die Wahrheit nie erfahren. Ich habe in ihr Herz eine Leidenschaft gebracht, die dort zuvor nicht war: die der Rache."

Der kluge alte Mann hatte aus Edmonds Gesicht lesen können, was in seinem Kopf vorgeht.

Der Friedhof von Kastell Iff

Es folgten Monate des Lernens. Edmond besaß ein außerordentliches Gedächtnis und eine wunderbare Auffassungsgabe, und er war von brennender Leidenschaft erfüllt. Nach nicht einmal einem Jahr war er ein anderer Mensch. In diesen Monaten verfolgten die beiden Männer unablässig den Plan ihrer Befreiung. Mit der größten Vorsicht und ihren bescheidenen Werkzeugen gruben sie sich durch das Mauerwerk.

Was Edmond immer größere Sorge bereitete, war der Gesundheitszustand seines Freundes und Lehrers. Der Abbé Faria litt an quälenden Anfällen, die immer häufiger wurden, ihn für Stunden wie tot niederstreckten und seinen Körper mehr und mehr lähmten.

Ihr Verhältnis glich inzwischen dem von Vater und Sohn. Eines Tages sagte der Abbé zu Edmond: "Ich fühle, dass die Stunde meines Todes naht." Sein Atem ging röchelnd und er musste beim Sprechen lange Pausen machen, um wieder zu Kräften zu kommen.

"Ich will dir ein Geheimnis verraten, Edmond. Bevor man mich auf dieses fürchterliche Kastell brachte, stand ich im Dienst eines italienischen Grafen. Dieser sollte einen unermesslichen Schatz besitzen, der sich nach heutigem Wert auf mindestens zwei Millionen römische Taler belaufen würde…"

"Aber das wären ja mehr als dreizehn Millionen unseres Geldes. Dann ist Ihr Graf ja der reichste Mann der Welt gewesen", rief Edmond voll Staunen.

"Das wäre er, ja! Doch das Schicksal wollte, dass niemand wusste, wo sich der Schatz befand. Er existierte nur als eine Überlieferung, eine Sage, die sich durch die Jahrhunderte erhalten hatte - und man wusste, dass es ein Testament geben musste. Höre, mein lieber Sohn, der Graf starb verarmt und ohne Erben. Mir vermachte er alles, was ihm noch verblieben war.

Doch das einzige von Wert, waren seine Bücher. Ich will mich kurz fassen. Ein unglaublicher Zufall wollte es, dass ich in einem alten Buch ein Stück Pergament entdeckte, das ich für wertlos hielt und - während ich den Nachlass ordnete - den Flammen übergeben wollte. Aber gerade dadurch enthüllte es mir - schon halb verbrannt - sein Geheimnis.

Ich erinnere mich, wie ich vor Erregung zitterte, als ich erkannte, dass es das so lang und so vergeblich gesuchte Testament war, auf dem sich die Schrift durch die Hitze wiederhergestellt hatte! Viele Stunden verbrachte ich damit, es zu entziffern und die fehlenden, verbrannten Teile zu ergänzen. Und ich wurde belohnt. Ich erfuhr, dass sich das ganze Vermögen, bestehend aus Goldbarren, Münzen, Edelsteinen, Diamanten und Juwelen auf Monte Christo befinden sollte…"

"Ich kenne diese Insel", murmelte Edmond Dantes. "Ich kam oft an ihr vorüber, sie liegt fünfundzwanzig Meilen von Pianosa entfernt, zwischen Korsika und Elba."

"Höre gut zu, mein Sohn, und merke dir all meine Worte: Man findet den Schatz auf Monte Christo in den Öffnungen einer Grotte, in der östlichsten Bucht. Die Stelle ist nur schwer zugänglich. Du musst den zwanzigsten Stein der vor die Grotte gemauerten Wand lösen, dann findest du den Eingang. Geh in die hinterste Ecke der Höhle, dort liegt ein Felsen in Form eines Löwen… Und hinter diesem… Ach, ich fühle wieder einen Anfall kommen. Es wird der letzte sein, ich werde sterben!"

"Ihr werdet leben, mein Vater!"

Aber dieser Anfall war zu entsetzlich. Der Abbé starb in Edmond Dantes' Armen. Edmond war so verzweifelt, dass er beinahe die wichtigsten Vorsichtsmaßnahmen vergaß. In der allerletzten Minute erst verließ er die Zelle seines väterlichen Freundes und verschloss den Durchschlupf notdürftig, damit er im schwachen Licht nicht bemerkt wurde.

Als der Wärter kam und den Leichnam des Abbé fand, wurde der Arzt gerufen; dieser stellte den Tod fest - und was nun folgte, erschien Edmond Dantes wie ein unheimlicher Traum. Durch die dünne Wand hörte er die Unterhaltung der Totengräber. Sie ließen einen Sack zurück, in den sie den Toten steckten. In der Nacht wollten sie ihn forttragen und dem aufbrausenden Meer übergeben.

Edmonds Entschluss stand sofort fest. Nie wieder würde sich ihm so eine Gelegenheit bieten! Er schleppte seinen toten Freund in seinen eigenen Kerker und kroch in dessen Kammer zurück. Dort verschloss er die Wand gewissenhaft und schlüpfte in den Sack. Als die Totengräber kamen, machte er sich vollkommen steif.

Sein Plan glückte, denn die einfältigen Kerle hatten reichlich Wein getrunken. Die Nacht war finster und stürmisch. Keiner bemerkte den Tausch. Sie schleppten Edmond Dantes über den Hof des Kastells hinüber zu den Klippen. Dort warfen sie ihn nach mehrfachem Schwingen ins Meer. Der Angstschrei, der Edmond während seines Sturzes entwich, vergaß er sein restliches Leben nicht mehr. Das Meer war der Friedhof vom Kastell Iff.

Die Schmuggler

Edmond gelang es mit Hilfe des Messers von Abbé Faria sich aus dem Sack zu befreien. Viele Stunden trieb er in der aufgewühlten See. Kurz bevor ihn seine Kräfte endgültig verließen, entdeckte er ein Schiff. Die Männer zogen ihn an Bord. Dort erzählte er, dass sein Schiff beim nächtlichen Sturm gekentert wäre. Der Kapitän war zwar misstrauisch, aber Edmond überzeugte die Mannschaft mit seinen seemännischen Fähigkeiten.

Von Jacopo, dem Matrosen, erfuhr er, dass man den 28. Februar 1829 schrieb. Es war auf den Tag 14 Jahre her, dass man ihn verhaftet hatte. Ein schmerzliches Lächeln überzog seine Lippen. Er fragte sich, was aus Mercedes geworden war. Dann entzündete sich ein Blitz des Hasses, als er an die drei Menschen dachte, denen er die lange Haftstrafe zu verdanken hatte. Er erneuerte seinen Schwur gegen Danglars, Fernand und Villefort. Den Schwur unversöhnlicher Rache.

Dantes war noch keinen Tag an Bord, als er bereits wusste, mit wem er es auf dem Boot zu tun hatte. Er befand sich an Bord eines Schmugglerschiffes, das auf dem Weg nach Livorno war. Dort angekommen, ging er zum Barbier, um sich die langen Haare und den dicken, schwarzen Bart schneiden zu lassen. Als dieser fertig war, verlangte Edmond einen Spiegel, um zu sehen wie sehr er sich in den 14 Jahren verändert hatte.

Er war nun 33 Jahre alt und die Zeit im Gefängnis hatte große Spuren hinterlassen. Sein ovales Gesicht war länglich geworden, sein lachender Mund hatte harte Züge angenommen. Durch die lange Zeit ohne Tageslicht, hatte seine Gesichtshaut die matte Farbe angenommen, die bei adeligen Männern chic war.

Sein bester Freund, sollte er noch einen haben, würde ihn nicht mehr erkennen. Er erkannte sich selbst nicht mehr. Als er sich noch neu eingekleidet hatte, trat er als schöner junger Mann aus dem Schneidergeschäft wieder ins Tageslicht.

Er beschloss weiterhin bei den Schmugglern zu bleiben. Wenn er etwas im Kastell gelernt hatte, war es, zu warten. So heuerte er für drei Monate auf der "Amalie", dem Schmugglerschiff an. Eines Morgens stand er an die Schiffswand gelehnt und betrachtete mit erregtem Ausdruck eine Ansammlung von Granitfelsen. Sie wurden von der Sonne mit Gold übergossen und von den Wellen umspült. Es war die Insel Monte Christo. Edmond wäre am liebsten ins Meer gesprungen und hinübergeschwommen. Aber ohne Werkzeug, ohne Waffen? Er musste warten.

Eines Abends, als sie wieder in Livorno vertäut waren, nahm ihn sein Kapitän in einer Taverne beiseite und raunte ihm zu: "Pass auf, es geht um eine wirklich große Sache. Da ist ein türkisches Schiff, das mit Teppichen und Stoffen beladen ist. Wir müssen unbedingt ein neutrales Gebiet finden, wo wir die Ware austauschen können, um sie danach an die französische Küste zu bringen. Ich dachte an die Insel Monte Christo. Was hältst du davon?"

Edmond bebte vor Freude: "Vortrefflich", erwiderte er. "Dort sind wir sicher. Handeln wir rasch!" Schon am folgenden Abend liefen sie aus.

Die Insel Monte Christo

Die Nacht vor der Abfahrt war die unruhigste, die Edmond je durchlebt hatte. In wilden Träumen wälzte er sich auf seinem Lager. Er sah Grotten mit Diamanten ausgelegt, die Wände bestanden aus Rubinen und die Säulen aus Perlen. Ihre Decken glänzten in reinstem Gold.

Als dann die Insel im Tageslicht am Horizont aufwuchs, konnte er seine Erregung kaum noch bändigen. Aber seine Arbeit erledigte er und auch der Austausch der Ware vom türkischen auf das Schmugglerschiff brachte er glücklich zu Ende.

Unter dem Vorwand eine junge Ziege zu jagen, entfernte sich Edmond, um sich die Gegend genauer anzusehen. Während dieser Zeit bereiteten seine Gefährten das Frühstück, schöpften Wasser an der Quelle, brachten Brot und Früchte an Land und bereiteten ein Feuer für den Braten.

Plötzlich sahen sie Edmond, der leichtfüßig wie eine Gämse von einem Fels zum nächsten sprang. Genau in dieser Sekunde glitt er aus, er strauchelte, stieß einen Schrei aus und verschwand. Alle sprangen gleichzeitig auf, um Edmond zu helfen.

Sie fanden Edmond blutend und beinahe ohne Bewusstsein. Sie flößten ihm etwas Rum ein und Edmond schlug die Augen auf. Der Kapitän forderte Dantes dringend auf, er solle versuchen aufzustehen, da sie ihre Ladung pünktlich abliefern mussten.

Dantes machte übermenschliche Anstrengungen, um dieser Aufforderung nachzukommen; doch bei jedem Versuch fiel er klagend und bleich zurück.

"Er hat sich die Rippen gebrochen", sagte der Kapitän leise. "Wir können ihn unmöglich transportieren. Edmond, wir lassen dir ein wenig Vorrat an Zwieback hier. Außerdem ein Flinte, Pulver und Blei um Ziegen zu erlegen. In acht Tagen kommen wir zurück, um dich abzuholen."

Jacopo bot sich sogar an, bei Edmond zu bleiben und auf seinen Anteil am Gewinn der Schmuggelware zu verzichten. Edmond war gerührt und drückte Jacopo freundschaftlich, war aber unerschütterlich in seinem Entschluss, allein zu bleiben.

So ließen die Schmuggler ihn alleine zurück. Als sie verschwunden waren, murmelte Dantes: "Es ist schon sonderbar, dass man unter solchen Menschen einen derartigen Beweis von Freundschaft und Ergebenheit findet." Dann schleppte er sich vorsichtig bis auf die Spitze eines Felsens, der ihm den Anblick des Meeres gewährte. Von dort sah er das Schiff absegeln.

Nach einer Stunde waren sie völlig verschwunden. Da erhob sich Dantes, geschmeidiger und leichter als eine Ziege, nahm seine Flinte und die Axt zur Hand und machte sich auf die Suche nach der Gotte, nach dem Schatz.

Der Schatz

Er durchstreifte die Insel, das Unterholz, die Büsche. Jeden Fußbreit untersuchte er gründlich. Drei Tage vergingen so, bis er endlich einen großen Felsen entdeckte, der seltsam künstlich auf eine feste Grundlage gestellt war. Eine Ahnung riet ihm, diesen Felsblock zu beseitigen. Da seine Kraft dazu nicht ausreichte, verwendete er den Inhalt seines Pulverhorns und sprengte den Felsen. Die zertrümmerten Reste ließen sich recht leicht beiseite räumen.

Ein kreisförmiger Platz wurde sichtbar, und darauf zeigte sich ein eiserner Ring. Edmond stieß einen wilden Schrei der Freude aus. Er hob den Ring kräftig empor, wodurch eine Platte geöffnet wurde und eine Art Treppe freigelegt wurde, die sich im Schatten einer immer dunkler werdenden Grotte verlor.

Am nächsten Tag hatte er die Grotte, in die er eingestiegen war, bereits gründlich durchsucht. Von oben drang ein bläulicher Schimmer durch die Felsspalten. Durch den Lichteinfall entdeckte er in ihrer hintersten Aushöhlung einen Stein, der in der Dämmerung auf geheimnisvolle Weise einem Löwen glich. Edmonds Herz klopfte bis zum Hals. Er war am Ziel… Er war am Ziel… Aber war er der Erste, der Einzige, oder war der Platz bereits leer geräumt?

Zwei Fuß Erde waren noch zu durchwühlen. Dann stieß Edmond auf eine große hölzerne Kiste mit eisernem Reifen. In der Mitte des Deckels glänzte ein silbernes Wappen mit zwei gekreuzten Schwertern und dem Hut eines Kardinals darüber. Mit seinen letzten Kräften sprengte er den Deckel auf.

Nie in seinem Leben hatte sich ihm ein überwältigenderer Anblick geboten, nie wieder würde sich ihm ein gleicher bieten. Die Kiste war in drei Teile geteilt. Im ersten Teil glänzten die Goldtaler, im zweiten befanden sich die Goldbarren, und aus dem dritten zog Edmond mit zitternden Händen Diamanten, Perlen und Rubine.

Der Schatz schien unerschöpflich. Edmond nahm nur wenige Goldstücke und Edelsteine an sich. Ins Freie zurückgekehrt, musste er sich hinlegen, um wieder zur Besinnung zu kommen. So gut es ging, verwischte er die Spuren. Stopfte Erde in die Zwischenräume und pflanzte darin Myrten und Heidekraut. Dann erwartete er voller Ungeduld die Rückkehr seiner Kameraden.

Er musste unter Menschen zurückgehen, um in der Gesellschaft zu Rang und Einfluss zu kommen. Am sechsten Tag kehrten die Schmuggler zurück. Dantes humpelte und sagte, dass es ihm deutlich besser ginge. Zusammen fuhren sie zurück nach Livorno. Dort nahm er Abschied, indem er erklärte, dass er von einem Onkel Geld geerbt habe.

Der Unbekannte

In Livorno ging er zu einem Händler und verkaufte für hunderttausend Franken vier seiner kleinsten Diamanten. Am nächsten Tag kaufte er ein neues Boot, das er Jacopo schenkte. Dieser sollte für ihn nach Marseille gehen und über einen gewissen Louis Dantes und ein Mädchen namens Mercedes Erkundigungen einholen.

Jacopo glaubte er träume. Die Geschichte, die ihm Edmond präsentierte klang so glaubwürdig, dass er keine weiteren Fragen stellte. Am anderen Morgen segelte Jacopo nach Marseille und Edmond Dantes reiste nach Genua ab.

Für 60 000 Franken erwarb er eine Jacht, in der einen Geheimschrank mit drei Fächern einbauen ließ. Mit dieser Jacht steuerte er ganz alleine den Hafen von Monte Christo an. Bereits am Abend hatte er das ungeheure Vermögen an Bord gebracht und in den drei Fächern eingeschlossen. Er blieb mehrere Tage auf der Insel und wartete auf die Rückkehr von Jacopo, mit dem er sich hier verabredet hatte.

Am achten Tag erkannte er das Schiff von Jacopo und sein Gefährte überbrachte ihm traurige Mitteilungen. Den Tod seines Vaters hatte er voraus gesehen, aber was war aus Mercedes geworden? Dantes gab Befehl nach Marseille zu segeln. Er musste der Wahrheit selbst auf den Grund gehen. Er war sich sicher, dass ihn keiner erkennen würde, zu sehr hatte er sich verändert.

Im Hafen von Marseille, traf Edmond auf einen ehemaligen Matrosen der Pharao. Er schritt genau auf ihn zu und stellte ihm einige Fragen. Dieser antwortete freundlich, machte aber keinerlei Anzeichen, dass er den Herrn vor sich jemals gesehen hätte.

Dantes setzte seinen Weg fort; jeder Schritt, den er machte, erschütterte sein Herz. Die Erinnerungen schmerzten. Er kam zum Haus, das er mit seinem Vater bewohnt hatte. Vom Hausverwalter erfuhr er, dass Caderousse schon länger nicht mehr hier lebte. Er habe schlechte Geschäfte gemacht und führe nun eine Gastwirtschaft am Pont du Gard.

Einen Tag später erschien in der verwahrlosten Stube von Caderousse ein Abbé, dem er auf dessen Wunsch die teuerste Flasche Rotwein servierte. Der Geistliche gab sich als jener Priester aus, der einem Gefangenen, einem gewissen Edmond Dantes, die letzte Beichte abgenommen und dem Sterbenden die Vergebung seiner Sünden erteilt hatte.

Unter diesem Vorwand verstrickte er den verängstigten Wirt, den sein Gewissen plagte, in ein Gespräch, bei dem er ihm alles entlockte, was er wissen wollte. Seine Ahnungen bestätigten sich. Caderousse selbst war durch unglückliche Umstände in das schlimme Spiel hineingeraten und hatte die anderen gewähren lassen.

"Ich war dabei, als dieser verhängnisvolle Brief an den Staatsanwalt geschrieben wurde, das ist wahr", erklärte er mit erstickter Stimme.

"Und Sie haben sich nicht widersetzt?", fragte der Priester.

"Die beiden hatten mir so viel zu trinken gegeben, dass ich kaum noch bei Besinnung war! Ich schwieg. Vater, ich war ein Feigling, aber kein Verbrecher."

Edmond, denn niemand anders war dieser Geistliche, erkannte, dass die eigentlich Schuldigen Danglars und Fernand gewesen waren.

"Und beide wurden vom Glück auch noch belohnt", murmelte Caderousse. "Sie sind reich, wälzen sich in Millionen. Danglars ist zum Baron erhoben worden, er besitzt in Paris einen Palast."

"Und Fernand?"

"Der war noch glücklicher, er hat zugleich Vermögung und Stellung. Als Mercedes die Einsamkeit unerträglich wurde, heiratete sie Fernand. Sie haben einen Sohn, namens Albert."

"Einen Sohn", flüsterte Edmond. "Aber was ist mit dem Vater von Edmond, was wurde aus ihm?"

"Der arme Mann starb an Hunger. Er wollte sich von keinem helfen lassen. Obwohl es Menschen gab, die das wollten: die liebevolle Mercedes… der brave Morel…"

Dantes stand auf und trat ans Fenster. Lange starrte er in die öde, verlassene Landschaft. Er rang um Fassung. Endlich kehrte er zurück: "Sie sagten, der brave Morel, wie darf ich das verstehen?"

"Er bemühte sich sehr um Edmonds Vater, und versuchte, Edmonds Freilassung zu erwirken. Aber er hatte kein Glück. Heute ist auch er vom Ruin bedroht. Er verlor drei Schiffe auf Indienfahrten, und wenn das letzte, die Pharao, nicht heil zurückkehrt, endet er im Schuldenturm."

"So bliebe noch Herr von Villefort. Welche Rolle spielte er in dem Schurkenstück?", fragte Edmond.

"Das wüsste ich selbst gern", erwiderte Caderousse. "Er heiratete und verließ bald darauf Marseille. Ohne Zweifel wurde er so glücklich wie die beiden anderen."

"So verlasse ich Sie nun wieder", erklärte der vermeintliche Abbé. "Aber Sie haben mich davon überzeugt, wer unter diesen vieren der Einzige gewesen ist, der Edmonds Verzeihung bekommen hätte. Diesem, dem am wenigsten Schuldigen, also Ihnen, vermachte er diesen Ring, den ich Ihnen jetzt gebe. Er ist, selbst ohne die goldene Fassung, fünfzigtausend Franken wert. Werde glücklich damit, mein Sohn!"

Caderousse fiel auf die Knie, küsste dem Priester die Hand und nahm das kostbare, rot funkelnde Schmuckstück entgegen.

Das Haus Morel

Wiederum einen Tag später erschien ein gewisser Lord Wilmore beim Bürgermeister von Marseille um sich über die finanzielle Lage des Hauses Morel zu erkundigen. Er stellte sich als Beauftragter des Bankhauses Thomson und French in Rom vor, das seit zehn Jahren mit dem Haus Morel und Sohn in Marseille Geschäfte tätigte.

Der Bürgermeister verwies Lord Wilmore, der kein geringerer als Edmond Dantes war, an den Inspektor des Gefängnisses, Herrn von Boville, der bei Morel mit 200 000 Francs beteiligt war und um diese Summe fürchtete.

Der Engländer erzählte Herrn von Boville von seinem Gespräch mit dem Bürgermeister.

"Oh, mein Herr, meine Befürchtungen sind leider nur zu sehr begründet. Sie sehen einen verzweifelten Mann vor sich stehen. Die angelegte Summe war die Mitgift für meine Tochter, die in vierzehn Tagen heiraten soll. Nun habe ich auch noch vor einer halben Stunde erfahren, dass die Pharao nicht pünktlich einliefe und Herr Morel sich außerstande sieht, zu zahlen."

Dantes bot an, angeblich im Namen seines Bankhauses, die Schuldscheine abzukaufen. Als Gegenleistung bat er um Einsicht in die Gefängnisakte des Abbé Faria, von dem er behauptete, dass er in jungen Jahren sein Lehrer gewesen war.

"Kommen Sie in mein Kabinett, ich will Ihnen die Akte zeigen." Und beide gingen in einen Raum, in dem vollkommene Ordnung herrschte. Jedes Register hatte eine Nummer, jedes Aktenheft sein Fach. Herr von Boville legte Edmond die Akten vor und setzte sich mit einer Zeitung in einen Winkel des Zimmers.

Edmond Dantes fand ohne Schwierigkeiten alles, was ihn interessierte. Er blätterte, bis er zu seinem eigenen Heft gekommen war. Es war alles einsortiert: Der Brief an den Staatsanwalt, Verhör, Bittschrift von Herrn Morel und Randbemerkungen von Herrn von Villefort in der stand, dass Dantes im geheimsten Gewahrsam und unter strengster Aufsicht zu halten wäre.

Edmond räumte alles wieder an seinen Platz, nur den Brief steckte er heimlich in seine Tasche, bedankte sich bei Herrn von Boville und blätterte 200 000 Francs auf den Tisch.

Der gute Herr Morel war nicht nur am Ende seiner finanziellen, sondern auch seiner seelischen Kräfte. In dieser Situation fand sich der Vertreter von Thomson und French bei ihm ein. Während dieses Gespräches, stürzte Julie Morel, seine Tochter, herein und überbrachte die schreckliche Nachricht, dass die Pharao gesunken sein.

Lord Wilmore bot an die Kredite, die Morel bei Thomson und French laufen hatte, um weitere drei Monate zu verlängern, damit er seine Angelegenheiten regeln konnte. "Wir verlängern Ihre Papiere auf den 5. September um elf Uhr morgens - da werde ich wieder zu ihnen kommen."

"Ich werde Sie erwarten, mein Herr, und Sie werden ihre Bezahlung erhalten, oder ich bin tot", die letzten Worte setzte Morel leise hinzu.

Als der Engländer das Haus verlassen wollte, traf er auf Julie Morel. "Mein Fräulein, sie werden eines Tages einen Brief, unterzeichnet mit "Sindbad, der Seefahrer", erhalten. Tun Sie genau, was darin steht, versprechen Sie mir das?"

"Gut, mein Herr, ich schwöre es Ihnen."

Der 5. September rückte unweigerlich immer näher und die finanzielle Situation von Herrn Morel erholte sich nicht im Geringsten. Auch eine Reise nach Paris, wo er Danglars um Kredit bat, verlief ohne Erfolg und er kehrte wie gelähmt von der Demütigung zurück.

Damit waren alle Hoffnungen zunichte gemacht, sein Geschäft und seinen guten Namen zu retten. Sein Entschluss stand fest, die Pistole war bereits geladen - denn der Tod schien ihm der einzige ehrenvolle Ausweg aus der Schande zu sein.

Doch es kam anders. Am 5. September erhielt Julie Morel einen Brief in dem sie gebeten wurde, in die frühere Wohnung des Vaters von Edmond Dantes zu kommen. Er war unterschrieben mit "Sindbad der Seefahrer". In dieser Wohnung fand sie eine Geldbörse, in der die vom Bankhaus Thomson und French in Rom eingelösten Schuldscheine lagen, außerdem ein überaus kostbares Juwel, das ausdrücklich für ihre Hochzeit bestimmt war.

Sie eilte zurück nach Hause. Ihre Eltern, ihr Bruder Maximilian und ihr zukünftiger Mann, konnten alles noch gar nicht fassen, als ein junger Mann hereinstürmte und die Nachricht überbrachte, dass die Pharao gerade in den Hafen einlief. Sie konnten es nicht glauben, also liefen sie voller Zweifel Marseilles Prachtstraße hinab.

Jubelnde Menschen, begrüßten sie. Schon von weitem sah man ein Schiff in den Hafen einlaufen, das nahezu wie die Pharao aussah. An seinem Bug prangte die Aufschrift: Pharao - Morel und Sohn - Marseille. Die Laderäume waren bis oben mit Indigo und Seide gefüllt. Die Mannschaft war vollzählig an Bord.

In ihrer Freude, ihrem Glück und ihrer grenzenlosen Verwirrung beachteten sie nicht die elegante Jacht, die zur gleichen Stunde aufs offene Meer hinaussegelte. An Deck stand Edmond Dantes, der zufrieden lächelnd auf die Stadt zurückblickte. "Ich habe Vorsehung gespielt und die Guten belohnt - jetzt werde ich mich aufmachen, um die Bösen zu bestrafen!"

Sindbad der Seefahrer

Anfang des Jahres 1838 befanden sich in Florenz zwei junge Leute, die der elegantesten Gesellschaft von Paris angehörten. Der eine war der Vicomte Albert von Morcerf, der andere der Baron Franz d'Epinay. Sie hatten vereinbart, den Karneval dieses Jahr in Rom zu verbringen. Franz, der seit fast vier Jahren in Italien lebte, wollte für Albert den Fremdenführer spielen.

Da noch Zeit war, fuhr Albert weiter nach Neapel, während Franz sich mit einem Schiff Richtung Elba aufmachte. Er wollte auf Rothuhnjagd gehen. Doch die Jagd ging schlecht und der Kapitän des Schiffes schlug ihm eine Insel vor, auf der es wilde Ziegen zu jagen gab.

"Nun, was ist das für eine Insel", fragte Franz.

"Die Insel Monte Christo."

"Also vorwärts nach Monte Christo", rief Franz.

Um diese Insel rankten sich mehr und mehr Märchen von Klabautermännern und mächtigen Wassergeistern. In den Häfen wurde sogar gemunkelt, dass Sindbad, der sagenhafte Seefahrer, von Zeit zu Zeit auf ihr weilte. Er bewohne dort eine Grotte, die so prächtig ausgestattet sei, dass es jede menschliche Vorstellung übersteige.

Also nun Franz das Ufer der Insel erreichte brannte dort ein Feuer, um das Wachen saßen. Der Kapitän ging auf sie zu und verschwand für einige Zeit. Als er zurückkam meinte er zu Franz: "Der Anführer, dem man gesagt hat, Sie wären ein junger französischer Edelmann, lädt Sie zum Abendessen zu sich ein."

"Ihr kennt diesen Anführer?", fragte Franz.

"Ich habe von ihm gehört. Allerdings stellt er eine Bedingung."

"Und wie heißt diese Bedingung?"

"Sie sollen sich die Augen verbinden lassen. Hören Sie, ich weiß nicht, ob es stimmt, was man sagt. Dieser Anführer besitze einen unterirdischen Palast, der unvergleichlich schön sei."

"Welch ein Traum! Dort wird er mich empfangen?"

Franz wurden die Augen verbunden und zwei Wachen führten ihn ins Innere des Berges. Als seine Füße auf weichen Teppich traten, verließen sie ihn. Nach kurzen Schweigen sagte eine Stimme: "Sie sind mir willkommen, mein Herr, und können die Binde abnehmen."

Franz tat dies sofort und stand einem etwa vierzig Jahre alten, arabisch gekleideten Mann gegenüber. Es war kein anderer, als Edmond Dantes - Sindbad der Seefahrer.

Der junge Franzose war überwältigt vom Anblick der Grotte. Nie zuvor hatte er derartigen Prunk zu Gesicht bekommen. Sein Gastgeber bewirtete ihn königlich und Franz genoss den Abend mit diesem hoch gebildeten Herrn. Am Ende des Mahles brachte ein Diener ein Gefäß in dem sich Haschisch befand. Franz war neugierig und kostete einen Teelöffel davon.

Als er wieder erwachte, lag er inmitten duftendem Heidekraut an der frischen Luft. Alles Vergangene erschien ihm wie ein Traum und doch wollte er schwören diesen sagenumwobenen Sindbad getroffen zu haben.

Nur wenige Tage später traf Franz seinen Freund, den Vicomte Albert von Morcerf in Rom. Die beiden jungen Männer genossen den Reichtum ihrer Eltern. Ganz Rom war ein Maskentreiben. Alle Straßen und Plätze erfüllt von musikalischen Darbietungen und blutjungen Baronessen, die ihnen den Kopf verdrehten.

Doch ein schauerliches Ereignis vollzog sich am ersten Tag des Karnevals. Die jungen Männer wurden Zeugen einer öffentlichen Hinrichtung. Dort machten sie die Bekanntschaft des geheimnisvollen Grafen von Monte Christo, der mit kaltem Blick die Szene verfolgte. Franz raunte seinem Freund zu: "Albert, ich sage dir, diesen Mann kenne ich. Dieser Graf ist Sindbad der Seefahrer, der auf der feenhaften Insel von Monte Christo lebt. Diese Augen werde ich nie vergessen."

"Ach, er wird nur ein schrulliger Engländer sein. Nichts weiter. Lass und Karneval feiern", erwiderte Albert achselzuckend.

Im Laufe der Nacht verloren sich die beiden jungen Franzosen aus den Augen. Als Franz am nächsten Morgen zum Gasthof zurückkehrte, drückte ihm ein Unbekannter einen Brief in die Hand. Darin bat ihn sein Freund Albert, 4000 Piaster aufzutreiben. Unter diesen Zeilen stand mit fremder Handschrift: Wenn am nächsten Morgen um sechs Uhr die viertausend Piaster nicht in meinen Händen sind, so hat Graf Albert zu leben aufgehört. Luigi Vampa.

Dieser Luigi Vampa war ein berüchtigter Räuber, der mit seiner Bande in Rom und Umgebung sein Unwesen trieb. Franz konnte allerdings diese Hohe Summe nicht auftreiben. Da fiel ihm der Graf von Monte Christo ein, der, wie es der Zufall wollte, das Zimmer neben ihnen bewohnte.

Noch in der Nacht fuhren die beiden Männer zu den Banditen. Dort genügte ein kurzes Gespräch zwischen Vampa und dem Grafen und Albert wurde frei gelassen.

"Graf, nie werde ich vergessen, wie Sie mir das Leben gerettet haben. Wie kann ich Ihnen danken?", sagte Albert, als er auf den Grafen zuging.

"Es ist meine Absicht, Sie um einen großen Dienst zu bitten. Ich bin nie in Paris gewesen. Wären Sie bereit mich in Paris einzuführen?"

"Oh, das wäre mir ein große Freunde, lieber Graf. Wenn Sie nach Paris kommen, werden Sie mich als verheirateten Mann oder vielleicht gar als Familienvater wieder finden."

Der Graf zog seinen Kalender heraus und vereinbarte einen Termin für den 21. Mai um elf Uhr morgens - in drei Monaten. "So wünsche ich Ihnen beiden noch eine glückliche Reise", beendet der Graf von Monte Christo das Gespräch.

Franz berührte zum ersten Mal die Hand dieses Mannes und erschrak. Sie war eisig, wie die eines Toten.

Frühstück in Paris

Am 21. Mai bereitete sich im Haus des jungen Vicomtes von Morcerf alles darauf vor, den Grafen von Monte Christo zu empfangen.

Es hatte noch kaum die elfte Stunde geschlagen, als dieser eintraf. Albert empfing ihn im Kreis von vier jungen Herren, denen es der Einfluss und Reichtum ihrer Eltern ermöglichte, das Leben auf die angenehmste Weise zu gestalten. Sie kannten alle Ecken des aufregend eleganten Paris mit seinen Theatern, Kabaretts und vornehmen Restaurants.

Es waren der Graf von Chateau-Renaud, der Privatsekretär des Innenministers namens Debray, der Journalist Beauchamps, der als Kritiker der Regierung gefürchtet war und Maximilian, der Sohn des Reeders Morel.

"Ich hoffe sehr, dass ich Ihnen noch meine Braut, Fräulein Eugenie Danglars, vorstellen darf", wandte sich Albert an den Grafen von Monte Christo. Bei der Nennung dieses Namens schien das Gesicht des Gastes für einen kurzen Moment zu versteinern. Dann murmelte der Graf: "Ich denke, dass ich den Vater Ihrer Verlobten, den Baron Danglars, selbst bald kennen lernen werde, da ich durch das Haus Thomson und French in Rom einen offenen Kredit auf ihn habe."

Nun wurde Maximilian Morel wie von einem Blitz durchzuckt. "Thomson und French", meinte er bebend, "kennen Sie diese Bank?"

"Es ist die meine", erklärte der Graf auf eine Weise, die das Thema abschließen sollte.

Albert erkundigte sich nach der Wohnung des Grafen in Paris und erfuhr, dass dieser schon über eine eingerichtete Villa verfügte. "Sie haben immer bereits alles, was der Mensch braucht", erwiderte Albert lächelnd.

Nachdem die jungen Männer etwas später gegangen waren, führte Albert den Grafen von Monte Christo in das prächtige Wohnhaus hinüber. Hier stelle er ihm seinen Vater vor, einem Mann von fast fünfzig Jahren, den der Graf, unbeweglich wie eine Bildsäule, auf sich zukommen ließ, ohne ihm auch nur einen Schritt entgegenzugehen.

Fernand von Morcerf sagte: "Mein Herr, ich bin Ihnen zu größtem Dank verpflichtet. Sie haben meinem Haus durch die Rettung meines einzigen Erben aus Räuberhand einen Dienst erwiesen, für den wir Ihnen ewig verbunden sein werden."

Der Graf erwiderte nichts, er schwieg.

In diesem Augenblick trat Alberts Mutter ein. Der Graf von Monte Christo machte eine tiefe Verbeugung, um seine seelische Berührung zu verbergen. Die Gräfin von Morcerf stand bleich und unbeweglich für einige Sekunden in der Türe. Dann schritt sie majestätisch zum Grafen von Monte Christo. "Auch ich verdanke Ihnen das Leben meines Sohnes. Ohne Ihr Eingreifen wäre Albert aus Rom nicht mehr zu mir heimgekehrt."

Der Graf verneigte sich wieder, diesmal vielleicht noch tiefer als das erste Mal. Er war noch bleicher als Mercedes.

Als er sie wenig später verließ, bestieg er ein prachtvolles Coupé mit einem Gespann, das den größten Pferdekenner in Bewunderung versetzt hätte. Er fuhr im Galopp davon; trotzdem erkannte er noch, dass sich oben der Vorhang des Salons bewegte.

Als Albert zurückkehrte, verstrickte ihn Mercedes von Morcerf in ein langes Gespräch über den Grafen. Er verriet ihre innere Anspannung, für deren Stärke sie selbst keine Erklärung fand.

"Ihr seid sehr blass, Mama", bemerkte der Sohn. "Ist Euch nicht wohl?"

"Es ist nichts", murmelte sie. "Ist dieser Mann dein Freund, Albert. Magst du ihn?"

"Er gefällt mir, trotz allem, was Franz d'Epinay gegen ihn einzuwenden hat."

"Was wäre das?"

"Er hält ihn für einen Menschen, der aus einer anderen Welt zurückgekehrt ist!"

"Aus einer anderen Welt…", hauchte die Mutter und zitterte heftig. "Sei klug, mein Sohn! Und bedenke, dass es wichtig sein könnte, sich die Freundschaft dieses Mannes zu erhalten. Manchmal fürchte ich, dass dein Vater Sorgen hat, die er vor uns verschweigt." Die Gräfin von Morcerf schloss die Augen und schien in tiefes Nachdenken zu versinken.

Nachdem ihr Sohn sie noch einmal zärtlich angeblickt hatte, entfernte er sich auf den Zehenspitzen.

Das Haus in Auteuil

Der Graf von Monte Christ wurde schnell zum Stadtgespräch von Paris. Er erstaunte sowohl durch seinen unermesslichen Reichtum als auch durch seine Kühnheit. Neben seiner Villa in Paris, an den Champs-Élysées erwarb er noch ein Landhaus in Auteuil. Mit seinem Verwalter Bertucchio machte er sich auf den Weg, das Haus, welches ganz in der Nähe von Paris stand, zu besichtigen.

Der Graf hatte wohl bemerkt, dass Bertucchio nur sehr widerwillig bereit war, mit ihm zu fahren. Als sie den Garten betraten, stand Schweiß auf dem Gesicht des Verwalters. Aus den Unterlagen des Notars, hatte der Graf entnommen, dass dieses Haus einmal dem Schwiegervater des Herrn von Villefort gehört hatte.

Auf dem Grundstück brach Bertucchio zusammen und erzählte seinem Herrn, was sich vor über zwanzig Jahren dort zugetragen hatte:

Im Jahre 1815 wurde der Bruder von Bertucchio von Straßenräubern ermordet. Bertucchio suchte Hilfe bei der französischen Justiz und stand eines Tages vor dem Zweiten Staatsanwalt von Marseille, Herrn von Villefort. Dieser lehnte es jedoch ab, die Ermordung strafrechtlich zu verfolgen. Daraufhin schwor Bertucchio Blutrache.

Drei Monate belauerte er das Haus in Auteuil, in dem Herr von Villefort regelmäßig aus und einging. "Es war im Garten ebendieses Hauses, und es war eine finstere Nacht", erklärte der Verwalter. "Ich war Herrn Villefort gefolgt. Er hatte ein geheimes Verhältnis mit einer Dame, die hier zurückgezogen lebte und ein Kind zur Welt brachte, die Frucht der verbotenen Liebe."

"Wer war diese Frau?", unterbrach der Graf.

"Ich kenne ihren Namen nicht, aber ich weiß, dass sie jetzt die Gattin des Bankiers Danglars ist."

"Fahre fort!"

"Ich sah in der Dunkelheit, wie Herr von Villefort den Säugling erdrosselte. Er begrub ihn in seinem Garten. Gleich darauf durchbohrte ich Herrn von Villefort mit meinem Messer, ließ ihn liegen und eilte davon. Doch ein unerklärliches Gefühl zog mich zurück und ich grub die Kiste mit dem toten Säugling aus. Stellen Sie sich mein Entsetzen vor - es lebte noch. Ich nahm es als ein Zeichen Gottes an, dass er mir den Mord verziehen hatte und brachte den Jungen in ein Waisenhaus.

Meiner Schwägerin, die nach dem Tod meines Bruders sehr einsam war, erzählte ich die Geschichte und sie holte das Kind zu sich. Leider entwickelte sich Benedetto zu einem Gauner, ich habe ihn nie wieder gesehen."

Der Graf schwieg lange und meinte dann: "Rede mit keinem Menschen darüber." Bertucchio, der immer noch am ganzen Leib zitterte, nickte nur. Der Graf von Monte Christo verschwieg ihm, dass dessen Anschlag auf Herrn von Villefort seinerzeit misslungen war, dieser gerettet wurde und nun selbst als Herr über Leben und Tod entschied.

"Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende", fuhr Bertucchio fort. "Auf meiner Flucht, wollte ich bei einem bekannten Wirtsmann untertauchen. Ich bemerkte, dass er Besuch hatte und versteckte mich im Nebenzimmer."

"Wer war dieser Wirt?"

"Gaspard Caderousse. Im Gespräch hörte ich heraus, dass er einen Edelstein von einem Abbé erhalten hatte. Er war ein Vermächtnis eines Gefangenen. Der Juwelier wollte die Geschichte erst nicht glauben, doch schließlich erklärte er sich bereit, das Stück für 50 000 Franken abzukaufen. Die Männer gerieten in Streit und plötzlich fiel ein Schuss und Schritte entfernten sich. Als ich nachsah, lag der Juwelier blutüberströmt am Boden und Caderousse war auf der Flucht. Die Polizei nahm mich gefangen. Mir fiel wieder der Name des Abbés ein, vom dem die Rede gewesen war. Und so suchte die Polizei nach einem Abbé Busoni.

Zwei lange Monate später stand er plötzlich in meiner Zelle. Ich erzählte ihm alles und wurde bald darauf frei gelassen. Den Rest wissen Sie, mein Herr. Mit einem Empfehlungsschreiben von Abbé Busoni trat ich ihn ihre Dienste. Caderousse wurde gefangen genommen und büßt für den Mord an dem Juwelier auf einer Galeere."

Schweigend bestiegen die Männer wieder die Kutsche und fuhren nach Paris.

Noch am selben Abend kam eine andere Kutsche an der Villa an. Der Graf ging hinab und reichte seine Hand einer Frau, welche in einem großen, seidenen, ganz mit Gold bestickten Schleier gehüllt war. Die junge Frau küsste liebevoll die ihr dargebotene Hand. "Seid Willkommen, Haydee", begrüßte sie der Graf mit sanftem Ernst. Dann wurde die junge Griechin in ihre Gemächer begleitet.

Der Kredit

Am Nachmittag suchte Monte Christo den Bankier Danglars auf. Ein Schreiben von Thomson und French aus Rom, hatte den Grafen bereits angekündigt. Er wurde in den weißgoldenen Salon gebracht. Danglars wollte auf seinen Gast Eindruck machen.

"Ich habe die Ehre, mit dem Grafen von Monte Christo zu sprechen?"

Die Begrüßung fiel kühl und reserviert aus. Der Bankiers war unruhig, weil in dem Schreiben des römischen Bankhauses von einem unbegrenzten Kredit die Rede war.

"Was stört Sie an diesem Brief?", wollte der Graf wissen.

"Nichts, mein Herr, außer dem Wort "unbegrenzt"."

"Erscheint Ihnen das Haus Thomson und French nicht vollkommen sicher, Herr Baron?", fragte der Graf mit dem naivsten Gesichtsausdruck der Welt. "Nun, hier habe ich noch zwei Briefe. Sie sind an Bankhäuser in Wien und London adressiert. Wenn Ihr Haus nicht zahlungsfähig sein sollte, wende ich mich an eines der beiden Institute."

Es war geschehen. Danglars war besiegt. "Sprechen Sie Graf, ich bin zu Ihren Diensten!"

"Nun, da wir uns verstehen, möchte ich eine Summe für das Jahr, das ich in Paris bleiben möchte festsetzen. Ein Kredit über sechs Millionen."

"Sechs Millionen, so sei es!", erwiderte Danglars wie betäubt.

"Falls ich mehr brauche, erhöhen wir die Summe. Fürs Erste schicken Sie mir morgen bitte eine Summe von 500 000 Francs; ich werde bis Mittag zu Hause sein."

Auf Drängen des Bankiers, wurde der Graf der Baronin vorgestellt. Auch sie erlag der Ausstrahlung von Monte Christo. Als sie während des Gespräches zum Fenster hinausblickte, erkannte sie ihre wunderschönen Apfelschimmel vor der Kutsche des Grafen gespannt. Der Baron versicherte ihr, dass am Morgen ein Verwalter bei ihm war und die Pferde zu einer geradezu astronomischen Summe abgekauft hätte. Der Graf mimte den Unschuldigen und zog sich mit einem raschen Abgang aus der Affäre.

Sein Plan, Unfrieden in die Ehe zu bringen ging auf. Nur zwei Stunden später erhielt die Baronin einen Brief von ihm, worin er schrieb, dass er eine solch schöne Frau nicht verzweifelt sehen möchte. Er hätte ins Geschirr der Pferde je einen Diamanten nähen lassen und bitte die Baronin nun, sein Geschenk anzunehmen und die Apfelschimmel zurückzunehmen.

Am nächsten Tag machte Helène von Villefort mit ihren Sohn Eduard eine Ausfahrt mit eben diesem Gespann. Ihre Freundin, die Baronin hatte in den höchsten Tönen von Monte Christo geschwärmt, und ihr die Pferde für einen Mittag überlassen.

Der Graf, wie immer genau über alles informiert, wusste, dass diese Pferde nichts für Frauenhände waren. Sein Diener Ali, rettete die beiden, als die Pferde mit ihnen durchgingen. Er nahm Frau von Villefort und den sieben jährigen schwächlich wirkenden Jungen mit in sein Haus und kümmerte sich um sie.

Auch auf sie machte er großen Eindruck und Helène von Villefort drängte ihre Freundin in einem Brief, sie auf irgendeine Art wieder mit dem Grafen zusammentreffen zu lassen.

Die junge Griechin Haydee wartete in ihren Gemächern auf Monte Christo. War der Graf sonst kalt und gleichmütig, bei Haydee konnte man an ihm eine Zärtlichkeit erkennen, die keiner für möglich hielt.

"Du weißt, dass wir in Frankreich sind, mein schönes Kind", flüsterte er ihr liebevoll ins Ohr. "Hier gibt es keine Sklaven, ich gebe dich also frei!"

"Frei, wozu?", fragte das Mädchen.

"Frei dorthin zu gehen, wohin du willst."

"Ich werde dich nie verlassen. In meinem Leben habe ich nur zwei Männer geliebt. Meinen Vater und dich. Ich liebe dich, und könnte ohne dich nicht leben."

Er streichelte ihren Scheitel und meinte: "Bei allem was du tust, habe ich nur eine Bitte: sage gegenüber keinem Menschen etwas über deinen Vater und deine arme Mutter!"

Etwas über Gifte

Einem Mann mit der Beobachtungsgabe, wie sie den Grafen von Monte Christo auszeichnete, blieb es nicht verborgen, dass der junge Kapitän Maximilian Morel, die schöne Valentine liebte. Die einzige Tochter des Staatsanwaltes, Herrn von Villefort, liebte den jungen Mann ebenso glühend.

Monte Christo brachte in Erfahrung, dass Herr von Villefort schon seit langem eine Vermählung mit Franz d'Epinay arrangiert hatte. Dieser weilte noch immer in Italien. Nach der Befreiung seines Freundes Albert von Morcerf in Rom, bereiste er das ganze Land.

Herr von Villefort hegte schon seit vielen Jahren eine heftige Abneigung gegen die Familie Morel. Nicht zuletzt, weil der Reeder Morel immer fest an die Unschuld seines damaligen Matrosen Edmond Dantes geglaubt hatte. Eine Hochzeit mit Maximilian kam für den Staatsanwalt niemals in Frage.

Dem Grafen von Monte Christo bot sich die Gelegenheit, die Mutter von Valentine näher kennen zu lernen. Die Begegnung fand im Salon der Villeforts statt. Eduard wurde auch dazu gerufen, damit er sich bei seinem Retter nochmals bedanken konnte.

"Ihre Tochter muss eine Dame von großer Schönheit sein, Madame", eröffnete der Graf das Gespräch.

"Ja, aber Valentine ist mein Stiefkind, sie ist die Tochter aus Herrn von Villeforts erster Ehe. Nur der kleine Eduard ist unser gemeinsamer Sohn." Sie musterte ihr Gegenüber mit großer Aufmerksamkeit, und der Graf hielt ihrem Blick ruhig stand.

"Habe ich nicht bereits früher die Ehre gehabt, Sie und ihre Stieftochter irgendwo zu sehen, Madame? Eine verworrene Erinnerung geistert durch meinen Kopf."

"Es ist nicht sehr wahrscheinlich, wir gehen nur wenig aus. Valentine meidet die Pariser Gesellschaft."

"Nein, hier in Paris kann es nicht gewesen sein, dafür ist mir die Gesellschaft zu unbekannt, aber… es könnte in Italien gewesen sein!" Der Graf von Monte Christo hatte seine Hand an die Stirn gelegt, als wollte er seine Erinnerungen zusammendrängen. "In Perugia, im Gasthaus "Zur Post", wir saßen auf einer Bank unter der Weinlaube und plauderten lange miteinander, erinnern Sie sich?", versetzte der Graf.

"Ja, wahrhaftig", sprach Frau von Villefort, "ich entsinne mich, mit einem Mann in einem langen Mantel gesprochen zu haben, ich glaubte er wäre ein Arzt."

"Dieser Mann war ich; ich wohnte in dem Gasthof und hatte meinen Kammerdiener von einem Fieber geheilt, deshalb hielt man mich für einen Arzt."

"Ich fragte Sie um Rat, über die Gesundheit von Fräulein Villefort - aber sind Sie nicht Arzt, wenn Sie Kranke heilen?"

"Das Geheimnis ist, dass ich die Chemie und die Naturwissenschaften studiert habe, aber nur aus Liebhaberei."

In diesem Augenblick schlug es sechs Uhr und Valentine trat ein. "Ich werde nachsehen, ob Großvater Noirtier zum Mittagessen bereit ist", sagte sie und verschwand wieder.

"Madame, warum hat sich Fräulein von Villefort so schnell wieder entfernt, doch nicht meinetwegen?", fragte der Graf.

"Durchaus nicht", erwiderte die junge Frau lebhaft, "es ist die Stunde, wo wir Herrn von Noirtier sein trauriges Mahl einnehmen lassen, das sein unglückliches Dasein verlängert. Sie wissen, mein Herr, dass der Vater meines Gatten gelähmt ist? Er kann sich nicht mehr bewegen. Sein Geist wacht in einer leblosen Hülle. Aber ich unterbrach Sie, als Sie mir sagten, was für ein geschickter Chemiker sie seien."

Ihr Interesse war geweckt. Der Graf tat nichts, um es zu dämpfen. Geschickt lenkte er das Gespräch in die Richtung, in der er es haben wollte.

"Dieses Mittel, mit dem ich ihren Sohn aus der Ohnmacht geholt habe bringt das Leben, wenn man nur einen Tropfen verwendet. Aber nur fünf Tropfen bringen bereits den Tod."

"Es ist also ein furchtbares Gift?"

"Nun, in der Medizin hängt alles von der Anwendung ab. In geringer Dosis ist manches Gift eine heilsame Arznei!"

"Aber Sie sagen, man könne sich daran gewöhnen?", fragte Frau von Villefort, deren Augen in seltsamen Feuer glänzten.

"Ohne Zweifel. Nehmen Sie am ersten Tag ein Milligramm, am zweiten Tag zwei Milligramme, so haben Sie nach zehn Tagen ein Zentigramm. Diese Dosis werden Sie ohne Bedenken ertragen, während sie für jede andere Person äußerst gefährlich wäre."

"Und Sie kenne kein Gegengift?"

"Es gibt keines!"

"Trotz allem, muss es ein ausgezeichnetes Mittel gegen meine häufigen Ohnmachtsanfälle sein." Auf ihr Drängen händigte ihr der Graf von Monte Christo zum Abschied ein Fläschchen mit dem Mittel aus. Frau von Villefort blieb in tiefen Gedanken zurück.

Die Einladung

Wir sagten es schon: Nichts konnte die Liebe übertreffen, die Kapitän Maximilian Morel mit Valentine von Villefort verband. Aber die Hindernisse waren nahezu unüberwindlich. Der Vater hatte Franz d'Epinay als Bräutigam bestimmt.

Valentine hatte bereits alles versucht. Sie hatte ihren geliebten Großvater dazu gebracht, sie zu enterben, wenn sie Franz d'Epinay heiratete. Nun war Valentine auch ohne die 900 000 Francs des Großvaters reich, da ihr noch das mütterliche Erbe der Saint-Merans zufiel. Aber der Schlag saß tief bei Herrn von Villefort, als sein Vater sein Vermögen den Armen von Paris vermachte.

Bei seiner herausragenden öffentlichen Stellung konnte der Staatsanwalt auch unmöglich dieses mildtätige Testament anfechten.

"Nicht wahr Großvater, du grollst mir wegen der Heirat", hatte Valentine im Beisein eines Notars gefragt. "Ohne diese Heirat wäre ich also die Erbin, mein Großvater?"

Der Greis bejahte mit den Augen. Herr von Villefort biss sich auf die Lippen, während Frau von Villefort ihre Freude kaum unterdrücken konnte. Sie war aus sehr eigensinnigen Gründen gegen die Hochzeit. Das Erbe musste unbedingt in der Familie bleiben!

Doch auch diese Tatsache brachte Herrn von Villefort nicht von der geplanten Vermählung ab. Er fühlte sich in seiner Ehre verletzt. In dieser Stimmung erschien der Graf von Monte Christo bei ihm um eine Einladung für den kommenden Samstag in seinem Landhaus zu überreichen.

Dies war der zweite Schlag. Weil er nicht anders konnte, nahm er die Einladung an. Doch eine unnatürliche Blässe befiel ihn, als er die Adresse las: "Auteuil… Rue de la Fontaine… Nr. 28? Mein Herr Graf, so hat man dieses Haus an Sie verkauft? Es gehörte meinem ersten Schwiegervater, dem Marquis von Saint-Meran! Nun, ich mag diesen Ort nicht sonderlich", ergänzte er mit gepresster Stimme. Es war, wie wenn er den größten Widerwillen davor empfände, gerade diese Villa zu betreten.

Der Graf von Monte Christo registrierte dieses sonderbare Benehmen befriedigt. "Samstagabend um sechs Uhr erwarte ich Sie. Sollten Sie nicht kommen, müsste ich annehmen, dass Sie mit diesem Haus unangenehme Erinnerungen verbinden."

"Ich werde kommen", antwortete Villefort gequält, aber rasch.

Monte Christo verabschiedete sich zufrieden. Sein Weg führte ihn jedoch nicht nach Hause, sondern Richtung Orleans. Bei der Telegrafenstation hielt er an und begann ein Gespräch mit dem zuständigen Herrn. Dieser befand sich gerade in seinem Garten und kümmerte sich um die Erdbeeren.

Der Graf erfuhr, auf welche Weise die Meldungen in der Station eingehen und dass sie von Hand weitergeleitet werden. Am Ende bestach er den Mann mit einer Summe, die dem ein sorgenfreies Leben mit eigenem Häuschen und Garten versprach. Als Gegenleistung telegrafierte dieser einen Text an den Regierungssekretär Debray in Paris, der ein Verhältnis mit Madame Danglars hatte.

Das Telegramm besagte, dass der Kurs bestimmter spanischer Aktien ins Bodenlose fallen würde. Es kam, wie der Graf es sich ausgemalt hatte. Debray warnte seine Geliebte, diese wiederum eilte zu ihrem Gatten, dem Baron Danglars und der wiederum verkaufte alle diese Aktien.

Erst am nächsten Tag stellte sich die Meldung als falsch heraus. Doch da hatte Danglars bereits eine Million Francs Verlust zu verzeichnen.

Das Diner

Indessen empfing der Graf von Monte Christo seine Gäste in Auteuil. Nach der ersten Begrüßung sah er, wie sein Verwalter, Bertuccio, durch die halb geöffnete Tür blickte.

"Was wollen Sie, Bertuccio?"

"Seine Exzellenz hat mir die Zahl der Gäste nicht genannt."

"Ah! Das ist wahr. Zählen Sie selbst."

Bertuccio sah genauer hin: "Oh, mein Gott!", rief er.

"Was denn?", sagte der Graf.

"Diese Frau… mit dem weißen Kleid, die Blonde…"

"Madame Danglars?"

"Ich kenne ihren Namen nicht. Aber es ist die, die vor zwanzig Jahren hier in anderen Umständen war." Bertuccio erbleichte und deutete stumm mit dem Finger auf Villefort. "Sehen Sie nur, ich habe ihn also nicht getötet?"

"Staatsanwalt Villefort? Mein braver Bertuccio, wie sie sehen, ist er quicklebendig. Offensichtlich haben Sie ihn damals nur verwundet."

Den Sohn dieser beiden Personen hatte er gerettet und zu seiner Schwägerin gebracht. Und eben jenen Benedetto sah er auch bei den Gästen stehen.

Der Graf von Monte Christo stellte den jungen Mann und einen älteren in dessen Begleitung, als Andrea und Major Bartolomeo Cavalcanti vor. Der Major war ein vom Grafen bezahlter Schauspieler und Gauner. Gegen eine stattliche Rente, gab sich Benedetto als dessen Sohn Andrea aus und spielte seine Rolle perfekt, nichts ahnend in welcher Gesellschaft er sich befand.

Die Gesellschaft hatte sich eingefunden. Außer dem Kapitän Maximilian Morel, der glücklich war, seine Valentine zu treffen, sah man den Liebhaber von Madame Danglars, Herrn Debray - den reichen Chateau-Renaud, Baron und Baronin Danglars und das Ehepaar von Villefort.

Der Staatsanwalt und die Baronin Danglars brauchten all ihre Selbstbeherrschung, um diese Stunden zu überstehen. Nach dem Essen führte Monte Christo alle durch das Haus. In nur wenigen Tagen hatten seine Diener aus dem alten Haus, einen prunkvolles Domizil geschaffen. Nur ein Raum blieb auf Befehl des Grafen in seinem Urzustand.

In diesem düsteren Zimmer sprach der Graf von dunklen Ahnungen, die ihn verfolgten. "Aber, das ist alles nur Einbildung. Wahrscheinlich war diese Kammer nur das Zimmer einer Wöchnerin - und ein liebevolle Vater wiegte das Kind auf seinen Armen."

Hier stieß Madame Danglars einen Seufzer aus und war nahe daran, umzusinken.

Der Graf kostete die Situation aus, ja, er trieb sie noch weiter: "Sehen Sie", er zeigte durch das verstaubte Fenster in den Garten, "dort unten ließ ich graben, um neue Bäume zu setzen. Und dabei entdeckten meine Arbeiter ein Kistchen, in dem das Skelett eines neugeborenen Kindes lag!"

Nun fiel Frau Danglars wirklich in Ohnmacht. Alle liefen zusammen, um ihr zu helfen. Der Graf von Monte Christo borgte sich von Frau von Villefort das Fläschchen mit der ebenso wunderbaren, wie hochgiftigen Tinktur aus, das er ihr bei seinem Besuch überlassen hatte. Er ließ einen Tropfen des roten Saftes auf Frau Danglars Lippen fallen. Nach kurzer Zeit kehrte sie ins Leben zurück.

Nun beendete der Graf von Monte Christo sein grausames Spiel. "Verzeihen Sie - warum reden wir von alten Geschichten", rief er. "Die Sache muss über zwei Jahrzehnte her sein." Er bat seine Gäste zum Kaffee.

Zu seiner Genugtuung wurde er noch Zeuge, wie Herr von Villefort der Baronin Danglars, seiner ehemaligen Geliebten, zuraunte: "Wir müssen uns unbedingt sprechen!" Zitternd nickte sie.

Er flüsterte: "Kommen Sie morgen in mein Büro, das ist noch der sicherste Ort.

Nach dem Kaffee entließ der Graf seine Gäste.

Der Bettler

Die letzten waren Cavalcanti Vater und Sohn. Der Letztere ordnete noch seine Haare vor dem Spiegel im Foyer und lief dann zur Kutsche. In diesem Augenblick legte sich eine Hand auf seine Schulter: Der junge Mann wandte sich um und blickte erstaunt in ein von der Sonne verbranntes, von einem dichten schwarzen Bart eingerahmtes Gesicht. Ein spöttisches Lächeln, das den Mund öffnete, ließ schneeweiße Zähne wie die eines Wolfes sichtbar werden.

"Was wollen Sie von mir? Man bettelt nicht am Abend", sagte Andrea Cavalcanti misstrauisch.

Es war dunkel, aber als er das rote Kopftuch erkannte rief er aus: "Caderousse! Du konntest von der Galeere fliehen?"

"Ja, und ich schwöre dir, sie sieht mich niemals wieder. Mein lieber Benedetto, du hast also dein Glück gemacht?"

"Pst! Ich heiße hier Andrea Cavalcanti!"

"Wie dem auch sei. Du wirst mir auch zu meinem Glück verhelfen. Ich möchte eine anständige Existenz, ein Zimmer in einem ehrlichen Haus, mich rasieren lassen und das Kaffeehaus besuchen." Diese Worte waren von einer Drohung begleitet, die Benedetto wohl verstand.

"Gut, Caderousse, du willst glücklich werden. Was verlangst du?"

"Zweihundert Francs im Monat."

Es blieb Benedetto nichts anderes übrig, als dieser Forderung nachzukommen. Er zahlte die Rate für den ersten Monat und Caderousses dunkle Gestalt verschwand in einem Gässchen. Benedetto - beziehungsweise Andrea - erkannte, dass ihm seine neue Rolle als vermögender italienischer Adeliger nicht nur Genuss bereiten würde.

Er ahnte nicht, dass er soeben seinen leiblichen Eltern gegenübergestanden gestanden hatte, genauso wenig, wie Frau Danglars und Herr von Villefort wussten, dass sich hinter Andrea Cavalcanti nichts weiter verbarg, als ihr mutmaßlich im Garten von Auteuil vergrabener Sohn.

Der Einzige, der die wahren Zusammenhänge kannte, war der Graf von Monte Christo - und er zog alle Fäden für seine Pläne.

Heiratspläne

Zwischen dem Bankier Danglars und seiner Gattin kam es zu einer unschönen Szene, als der Bankier von seinen Verlusten an der Börse sprach. Er warf ihr vor daran Schuld zu sein, weil es ihr Liebhaber war, über den die falschen Meldungen über die spanischen Aktien zu Danglars gedrungen waren. Danglars verlangte einen Anteil an diesem Verlust von ihr zurück und, ungalant, wie es seine Natur war, hielt er ihr gleich noch alle Liebesverhältnisse vor die sie die letzten zwanzig Jahre hatte.

"Und ich sage Ihnen, Madame", rief er ihr zornig zu, "Ihr erster Mann starb aus Kummer oder Wut, als er Sie nach seiner Abwesenheit von über neun Monaten im sechsten Monat schwanger vorfand!"

Es ist nicht verwunderlich, dass diese Worte Madame Danglars niederschmetterten, offenbarten sie doch, dass ihr zweiter Gatte Dinge über sie wusste, von denen sie wünschte, dass sie im tiefen Schoß des Vergessens ruhten. Nicht nur ihr Verhältnis mit Herrn von Villefort, sondern auch die Schwangerschaft.

Während Frau Danglars sich auf dem Weg zum Staatsanwalt machte, besuchte Herr Danglars den Grafen von Monte Christo. Er erhoffte sich Auskünfte über den Major Cavalcanti und dessen Sohn Andrea.

"Guter Gott, was haben Sie denn? Sie sehen ganz sorgenvoll aus, in der Tat sie erschrecken mich", begann der Graf von Monte Christo das Gespräch.

"Mein Herr, das Unglück ruht seit ein paar Tagen auf mir."

"Haben Sie einen Börsensturz erlebt?"

Danglars erzählte von dem Verlust der spanischen Aktien und einem Bankrott in Triest, an dem der Graf ebenfalls nicht unschuldig war.

Dieser heuchelte Mitleid, doch nur um mit einem kleinen Rechenbeispiel zum Schlag auszuholen: "So verlieren Sie diesen Monat nahezu zwei Millionen Francs. Teufel! Für ein Vermögen dritten Ranges ist dies ein herber Verlust."

"Dritten Ranges", entgegnete Danglars gedemütigt, "was verstehen Sie darunter?"

"Ich mache drei Rangklassen: ersten Ranges sind Vermögen über hundert Millionen, zweiten Ranges über zwanzig Millionen und dritten Ranges liegen darunter. Daraus geht hervor, dass ein Haus wie das Ihre ins sechs Monatsabschlüssen im Todeskampf läge."

"Oh, wie rasch Sie zu Werke gehen", versetzte Danglars mit bleichem Lächeln. "Doch da wir von Geschäften reden", er suchte einen Grund das Thema zu wechseln, "sagen Sie mir doch, was ich für Herrn Cavalcanti tun kann."

Der Graf schilderte überaus schmeichelhaft vom Reichtum dieses alten, italienischen Adelsgeschlechtes. Der junge Andrea selbst, aus edelstem Hause und über ein unermessliches Vermögen verfügend, hatte die Absicht, sich zu vermählen, und war nur nach Paris gekommen, um eine Gattin zu suchen.

Diese Mitteilung, verbunden mit seinen eigenen Verlusten, die ihm die ständige Unsicherheit seines Berufes vor Augen führten, veranlassten Danglars, ein wenig umzudenken.

Hatte er bis heute geplant, seine Tochter Eugenie mit dem Vicomte Albert von Morcerf zu vermählen, so erschien ihm nun eine Verbindung mit Andrea Cavalcanti doch viel erstrebenswerter. Es blieb nur die Frage, unter welchem Vorwand er Alberts Vater, dem Grafen von Morcerf, seine geänderte Meinung mitteilen konnte, ohne ihn tödlich zu verletzen.

"Hören Sie, mein lieber Graf, Herr von Morcerf ist mein Freund oder vielmehr mein Bekannter seit dreißig Jahren. Er war früher ein einfacher Fischer namens Fernand Mondego."

"Deswegen würden Sie ihre Tochter lieber an Andrea Cavalcanti geben?"

"Wir sind beide Emporkömmlinge, vom gleichen Wert, abgesehen von gewissen Dingen, die man über Fernand sagt."

"Ah, ich begreife; was Sie gerade sagen frischt mein Gedächtnis auf. Den Namen Fernand Mondego habe ich in Griechenland bereits gehört. In Verbindung der Angelegenheit um Ali Pascha."

"Sehr richtig. Das ist eben das Geheimnis, das ich näher ergründen wollte", erwiderte Danglars.

"Waren setzten Sie nicht ihren Korrespondenten in Ioannina darauf an. Schreiben Sie ihm und fragen, welche Rolle in der Katastrophe von Ali Pascha ein Franzose namens Fernand gespielt habe."

"Das werde ich tun." Danglars verabschiedete sich, eilte aus dem Zimmer und sprang in den Wagen.

Die Tür zum Salon öffnete sich und die liebreizende Haydee betrat den Salon: "Mit wem hast du eben gesprochen?", fragte sie den Grafen von Monte Christo.

"Mit dem Bankier Danglars. Er möchte Erkundigungen einziehen über Fernand Mondego, der heutige Graf von Morcerf, der im Dienst deines erhabenen Vaters stand und ihm seine ganzes Vermögen verdankt."

"Fluch über diesen Elenden", zischte Haydee. "Er war es, der meinen Vater an die Türken verriet. Sein Reichtum ist nichts anderes als der Lohn eines Verräters!"

Im Staatskabinett

Frau Danglars war um halb zwei Uhr zum Büro von Herrn von Villefort gefahren und wurde sofort vorgelassen.

"Madame, meinen innigen Dank für Ihre Pünktlichkeit." Der Staatanwalt bot ihr einen Stuhl an, den sie gerne annahm, denn ihr Herz raste gewaltig.

Herr von Villefort suchte sein Büro ab, und kontrollierte die Türen, dann raunte er: "Madame, der Graf von Monte Christo weiß Dinge über uns, die niemals ans Tageslicht kommen dürfen."

"Was meinen Sie damit?"

"Als er in seinem Garten graben ließ, kann er weder das Skelett eines Kindes noch ein Kistchen gefunden haben!"

"Nicht?"

"Nein, denn weder das eine noch das andere waren vorhanden. Da Monte Christo aber von einem Kind spricht, das an einer Stelle vergraben sein soll, wo es nicht ist, so kennt er das Geheimnis, denn sonst könnte er nicht davon reden!"

"Wie? Sie hatten also das arme Kind, das wir für tot hielten, nicht dort begraben?"

"Doch, aber erinnern Sie sich, gleich darauf wurde ich von einem Korsen niedergestochen, und er hielt mich für tot. Monate später, als ich endlich genesen war und aus Marseille zurückkehrte, war mein erster Gang in diesen Garten. Getrieben von meinem Gewissen, suchte ich das Kistchen. Ich durchwühlte die Erde, jeden Fleck. In nur wenigen Stunden verrichtete ich die Arbeit wofür mehrere Männer einen Tage gebraucht hätten. Nichts! Das Kistchen war verschwunden - das Kind auch!"

"Unser Kind war nicht da?" Frau Danglars atmete schwer.

"Können Sie sich meinen Schreck vorstellen? Ich benutzte alle Möglichkeiten, die mir mein Amt gibt, und stellte jede nur denkbare Nachforschung an. Hören Sie, Hermine, am Tage nach jener unglückseligen Nacht wurde ein Säugling in das Waisenhospiz gebracht. Das Kind war in ein Tuch gewickelt, das die Krone eines Barons zierte…"

"Oh Gott, mein erster Gatte war Baron…"

"Noch mehr! Nicht nur eine Baronenkrone, sondern auch den eingetickten Buchstaben H!"

"Himmel, wie strafst du mich", rief Frau Danglars. "H, das bedeutet mein Vornamen, meine ganz Wäsche war so bezeichnet. Oh, mein Sohn lebt? Und Sie sagen mir das, ohne zu fürchten, ich könnte vor Freude sterben? Aber wo ist er?"

"Ich weiß es nicht, Hermine, alle meine Versuche, ihn zu finden, waren bisher vergeblich!"

"Und sie glauben, ich würde es dabei bewenden lassen?"

"Nein", erwiderte Herr von Villefort ebenso eindringlich wie scharf, "von heute an will ich mit noch größerem Nachdruck nach ihm suchen als schon früher, und ich werde ihn finden. Denn es ist nicht mehr nur das Gewissen, das mich treibt, sondern auch viel mehr die Furcht!"

"Der Graf von Monte Christo…", flüsterte sie schreckensbleich.

"Dieser Mensch verfolgt Pläne, die uns vernichten können. Ich frage sie nochmals Hermine! Weiß irgendjemand über unsere frühere Verbindung Bescheid?"

"Nein", flüsterte sie - und wusste, dass es die Unwahrheit war.

Der Staatsanwalt war aufs höchste beunruhigt. Insgeheim erkundigte er sich nach Monte Christo. Doch was er erfuhr, war nur dazu bestimmt, ihn in die Irre zu führen.

Brot und Salz

Ungerührt von allem nahm der Graf von Monte Christo die Einladung zu einem Ball des Grafen von Morcerf an. Dessen Sohn, der Vicomte Albert, überbrachte sie dem von ihm so sehr geschätzten Mann. Dieser brachte dem jungen Mann eine gleich bleibende Freundlichkeit entgegen, die sich nie erwärmte, sondern eher kühl blieb.

Bei dieser Gelegenheit konnte Albert von seiner Abneigung gegen Eugenie, die Tochter Danglars sprechen: "100 000 Francs wollte ich geben, wenn ich sie nicht heiraten müsste!"

Da lächelte Monte Christo. "Seien Sie unbesorgt", verriet er dem unglücklichen jungen Mann, den er dadurch zum glücklichsten machte, "Herr Danglars ist bereit, mehr als das Doppelte dafür zu geben, damit Ihr Vater und Sie vom Verlöbnis zurücktreten."

"Ist das wirklich wahr?", fragte Albert staunend und mit erregt glänzenden Augen.

"Verlassen Sie sich darauf, aber tun auch Sie mir einen Gefallen. Laden Sie den jungen Andrea Cavalcanti ebenfalls zu Ihrem Ball ein. Und noch eines: Falls Franz d'Epinay aus Italien zurückgekehrt ist, wie ich hörte, so wäre ich glücklich ihn bald wieder zu sehen."

Der Ball fand an einem der heißesten Julitage statt, gleichwohl sah er die glänzendste Gesellschaft. Vor allem Mercedes von Morcerf überstrahlte alle mit ihrer Schönheit, die sich immer dann noch zu steigern schien, wenn sie Monte Christo in der Menge erblickte.

Es mochten schönere Männer da sein, aber es war keiner ausdrucksvoller als er. Alles an ihm wollte etwas sagen und hatte einen Wert.

Frau von Morcerf ließ mit ihren Blicken nicht von Monte Christo ab. Sie sah die Platten voller Essen vorübergehen, ohne dass er sich etwas davon nahm. Sie hatte sogar das Gefühl, dass er sich davon entfernte.

"Albert", sagte sie, "hast du bemerkt, dass der Graf nie ein Diner bei Herrn von Morcerf annehmen wollte?"

"Ja, doch er hat ein Frühstück bei mir angenommen, da er durch dieses Frühstück in die Gesellschaft eingetreten ist."

"Bei dir ist nicht bei dem Grafen", erwiderte Mercedes, "und ich beobachte ihn, seitdem er hier ist."

"Das ist sicher nur Zufall!"

"Nein", entgegnete sie traurig. "Bleibe in seiner Nähe und biete ihm von der ersten Platte, die vorüberkommt, etwas an!"

Albert tat, was seine Mutter wünschte. Aber der Graf weigert sich hartnäckig. Albert kehrte zu seiner Mutter zurück; die Gräfin wurde sehr blass.

"Nun, du siehst es, er hat sich geweigert", sagte sie.

"Ja, doch warum ängstigt Sie das, meine geliebte Mama?"

"Gut, ich werde ein Beispiel geben", sagte Mercedes - sich an Monte Christo wendend, sprach sie: "Graf, haben Sie die Güte, mir Ihren Arm zu bieten?"

Es ist nicht zu beschreiben, mit welchen Gefühlen er, Edmond Dantes, den Arm seiner Mercedes nahm, um ihre Bitte zu erfüllen. Am Ende der Allee betraten sie ein Treibhaus. Mercedes pflückte eine Muskattraube: "Nehmen Sie, Herr Graf!"

"Madame, entschuldigen Sie, aber ich esse nie Muskat!"

In ihren Befürchtungen bestärkt, kämpfte sie mit den Tränen. "Graf, es gibt eine arabische Sitte, die auf ewig diejenigen zu Freunden macht, die Brot und Salz unter demselben Dach geteilt haben."

"Ich kenne sie, Madame, doch wir sind in Frankreich und nicht in Arabien und in Frankreich gibt es ebenso wenig ewige Freundschaften, wie eine Teilung von Salz und Brot."

"Mein Herr, ist es wahr, dass Sie ebenso viel gelitten haben, wie Sie gereist sind?"

"Es ist wahr, ich habe viel gelitten, Madame!"

"Aber nun sind Sie glücklich?"

"Es hört mich niemand klagen!"

"Aber Sie sind nicht verheiratet!"

"Vor vielen Jahren hatte ich eine Geliebte. Der Krieg trennte uns. Ich glaubte, sie würde bis an das Ende aller Tage auf mich warten, aber als ich zurückkehrte, war sie vermählt."

Die Gräfin suchte einen Halt, um nicht niederzusinken. "Hassen Sie sie?", fragte sie fast unhörbar.

"Warum sollte ich sie hassen?"

Sie fasste sich. Noch einmal wagte sie einen Versuch: "Nehmen Sie diesen Pfirsich!"

Der Graf hob abwehrend die Hand. Sie seufzte: "In der Tat, ich habe Unglück!"

Wer weiß, wie dieses Zusammentreffen voll unausgesprochener, innerer Dramatik geendet hätte. Doch Albert lief in diesem Augenblick herein und rief: "Oh Mutter, ein großes Unglück!"

"Was ist geschehen?", fragte die Gräfin, und richtete sich, wie nach einem Traum zur Wirklichkeit erwachend auf.

"Herr von Villefort ist hier, um seine Frau und Valentine zu holen. Die Marquise von Saint-Meran ist mit der Nachricht nach Paris gekommen, dass ihr Mann auf der Reise hierher gestorben ist."

"Wie ist den Fräulein Valentine mit Herrn von Saint-Meran verwandt?", fragte der Graf.

"Sie ist seine Enkeltochter. Er war der Vater von Herrn von Villeforts erster Frau. Er wollte kommen, um die Heirat von Franz und Valentine zu beschleunigen", erklärte Albert. "Franz hat nun Aufschub. Warum ist Herr von Saint-Meran nicht ebenso der Großvater von Fräulein Danglars - dann müssten wir auch nicht heiraten."

Die Mutter überhörte diese Ungezogenheit. Sie wandte sich dem Grafen von Monte Christo zu. Als sie sich von ihm verabschiedete, fragte sie ihn leise: "Nicht wahr, wir sind Freunde?"

"Ich werde mir nicht anmaßen, mich Ihren Freund zu nennen, Madame, aber ohne Zweifel bin ich Ihr ergebener Diener!" Er verbeugte sich und ließ die Gräfin von Morcerf mit beklommenem Herzen zurück.

Das Versprechen

Die Marquise von Saint-Meran befand sich in einem äußerst schlechten Zustand. Der plötzliche Tod ihres Gatten hatte sie schwer getroffen und von den Strapazen der Reise war sie geschwächt. Auch die Nacht brachte keine Erholung.

"Mein Herr von Villefort", erklärte sie ihrem ehemaligen Schwiegersohn am nächsten Morgen, "Sie hatten uns nach Paris gerufen, es geht um die Heirat von Valentine?"

"Ja, Madame, ihr zukünftiger Mann ist Franz d'Epinay."

"So beeilen Sie sich. Ich fühle, dass ich nicht mehr lange leben werde. Bevor es zu Ende geht, möchte ich den Bräutigam kennen lernen."

Herr von Villefort verließ den Raum und Valentine trat ein, um nach ihrer Großmutter zu sehen. Sie setzte sich an das Bett der Greisin. Das Mädchen war von den Ereignissen ebenso erschüttert, wie von der Aussicht, einen ungeliebten Mann heiraten zu müssen. "Liebe Großmutter, wie geht es dir?"

"Mein Kind, ich habe diese Nacht sehr schlecht geschlafen", sagte die Marquise leise. "Ich sah aus der Ecke, wo es in Frau von Villeforts Ankleidezimmer geht, eine weiße Gestalt hereinschleichen. Dann hörte ich, wie sie mein Glas verrückte!"

"Meine gute Großmutter, das war nur ein böser Traum", rief Valentine voller Grauen.

Die Wangen der alten Frau wurden flammend rot, ihr Atem ging kurz und keuchen und ihr Puls schlug, als ob sie hohes Fieber hätte. Valentine wachte viele Stunden bei ihr. Als die Großmutter eingeschlummert gab, sie ihr einen Kuss auf die Stirn und ging hinaus in den Garten. Nur wenige Augenblicke später verstarb die Marquise und folgte ihrem Gatten in die Ewigkeit.

Die Dunkelheit nistete in den Büschen. Maximilian Morel erwartete sie bereits. Die Liebenden hatten sich versprochen miteinander zu fliehen, wenn es Valentine nicht gelänge ihren Vater von der Heirat abzubringen.

"Wir gehen nach England oder Amerika", drängte Maximilian flüsternd. "Komm mit mir, komm sofort - ehe es zu spät ist."

"Lass mir noch etwas Zeit", bat Valentine. In diesem Augenblick hörten sie erregte Stimmen vom Haus. Jemand rief nach ihr und sie eilte ängstlich zurück.

Der Mond trat nun hinter der Wolke hervor, die Maximilian bisher im Gebüsch verbarg. Aus der Tür sah er Herrn von Villefort mit einem schwarz gekleideten Mann erscheinen. Sie näherten sich ihm, bis auf vier Schritte. Maximilian wich so weit es ging nach hinten, bis ein Ahornbaum ihn stoppte. Auf der Bank davor ließen sich die beiden Männer nieder. So wurde er unfreiwillig Zeuge eines Gespräches, das nicht für ihn bestimmt war und das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Der Mann erklärte: "Herr von Villefort, hören sie, die Marquise von Saint-Meran ist keines natürlichen Todes gestorben. Sie wurde vergiftet! Es war eine starke Dosis Strychnin oder Brucin."

"Doktor, was sagen Sie da!" Der Staatsanwalt war starr vor Schreck.

"Ich bin Ihr Freund, Herr von Villefort", erklärte der Arzt, "ich schweige gegenüber jedermann, aber suchen Sie den Schuldigen! Sie sind Staatsanwalt und wissen am besten, was zu tun ist.

Herr von Villefort erkannte sofort, wie wertvoll diese Aussage des Arztes war, rettete sie ihn doch vor der öffentlichen Schande: "Dank, Doktor, Dank", murmelte er. "Ich habe nie einen besseren Freund gehabt als Sie."

Die beiden Männer reichten sich stumm die Hand und gingen zurück zum Haus.

Maximilian verharrte wie betäubt. Der Mond beschien sein Gesicht, das so bleich war, dass man es hätte für ein Gespenst halten können. Dieses Gespräch stürzte ihn in einen heftigen Konflikt. Was sollte er jetzt tun? Er muss Valentine sprechen. Auf Zehenspitzen schlich er über den Kies. Das Glück war auf seiner Seite. Alle Diener waren mit der Verstorbenen beschäftigt. Maximilian gelangte über den dunklen Hausflur in Valentines Zimmer.

"Mein Freund, wie wagst du es hierher zu kommen?", flüsterte sie ängstlich. "Wenn man dich hier findet sind wir verloren!"

Maximilian hatte nicht den Mut, ihr die schreckliche Wahrheit mitzuteilen.

"Ach", seufzte sie. "Meine Großmutter starb mit dem Wunsch, dass ich jetzt heiraten soll. Im Glauben, mich zu beschützen, handelte sie gegen mich. Höre, mein einziger Freund, wir haben nur noch eine Hoffnung…"

Valentine nahm Maximilian an der Hand und zog ihn mit sich fort. Sie stiegen eine kleine Treppe hinab, die zu Noirtier führte. Gleich darauf standen sie vor dem gelähmten Großvater. Wenige Worte genügten, und der kluge Mann, der schon mehr ahnte, als er sagen konnte, hatte ihre Not erkannt.

"Von wem soll jetzt noch Hilfe kommen?", flüsterte Maximilian Morel.

Da lächelte der Greis mit den Augen. Und auf seine begrenzte, aber eindringliche Weise, die Valentine so gut zu deuten wusste, gab er ihnen zu verstehen: "Vertraut mir nur, meine Kinder!"

"Wie?", fragte Maximilian. "Unsere Rettung wird also von Ihnen kommen, mein lieber, mein verehrter Herr Noirtier?"

"Ja!" Nur die Bewegung seiner Augenlider gab die Antwort. Es lag aber eine solche Überzeugung in seinem Blick, dass man unmöglich zweifeln konnte. Der gelähmte Großvater segnete das junge Paar, und sie zogen sich unverhofft glücklich, zurück.

Das Protokoll

Die Marquise von Saint-Meran wurde mit allem Pomp, der einer solchen Persönlichkeit zustand, im Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. Halb Paris erwies ihr die letzte Ehre. Auch Franz d'Epinay, der vom letzten Wunsch der Marquise, ihre Enkelin rasch mit ihm zu vermählen, unterrichtet war, befand sich unter den Trauergästen.

Herr von Villefort hatte es denn auch mehr als eilig, fast unschicklich eilig, den Ehevertrag unterzeichnen zu lassen. Man fand sich in einem üppig ausgestatteten Salon zusammen. Franz hatte Einwände, dass die Trauerzeit doch eingehalten werden sollte. Er hoffte noch, sich vor der Heirat zu drücken.

Er hielt bereits die Feder in der Hand, um zu unterschreiben. Valentine schaut ihn, ihren zukünftigen Gemahl, mit einem Ausdruck an, der ebenso viel Schrecken wie Ergebenheit in das Unabwendbare erkennen ließ. In diesem Augenblick unterbrach der Kammerdiner die Handlung: "Herr von Noirtier wünscht Herrn Franz d'Epinay zu sprechen. Es dulde keinen Aufschub."

"Antworten Sie Herrn von Noirtier, dass das, was er verlangt, nicht sein kann", sagte Villefort.

"Dann lässt Herr Noirtier die Herren benachrichtigen, dass er sich in diesen Salon tragen lassen werde", sprach der Diener.

Das Erstaunen war groß. Ein Lächeln trat auf das Gesicht von Frau von Villefort. Valentine schlug unwillkürlich die Augen zur Decke, um dem Himmel zu danken.

Obwohl Herr von Villefort mit den Zähnen knirschte, musste der Wunsch des Großvaters erfüllt werden. Man begab sich also in die Stube. Noirtier wartete, schwarz gekleidet, in seinem Lehnstuhl. Als Franz, Valentine und Herr von Villefort eingetreten waren, schloss sein Kammerdiener sofort wieder die Tür.

Der Greis bedeutete Valentine, sie möge zum Schreibtisch gehen und dort ein Geheimfach öffnen. Valentine gehorchte. Danach sollte sie das Schriftstück Franz übergeben, der es auf der Stelle lesen sollte.

Umsonst versuchte Herr von Villefort, an allen Gliedern zitternd, dies zu verhindern. Der eiserne Wille seines Vaters, trotz der Lähmung, oder vielleicht gerade deswegen, war stärker.

Franz d'Epinay erbrach das Siegel. Der Greis bedeutete ihn zu lesen und in die tiefe Stille hinein begann er: "Auszug aus der Sitzung des bonapartistischen Klubs vom 5. Februar 1815."

Franz unterbrach. "Am 5. Februar 1815 ist mein Vater ermordet worden!", sagte er.

Die Augen des Greises sagten klar: "Fahren Sie fort."

Er fand eine genaue Schilderung der Umstände, denen sein Vater vor über zwanzig Jahren zum Opfer gefallen war. Dieser war ein treuer Anhänger des Königs gewesen und in den Besitz der geheimen Nachricht gekommen, dass eine Gruppe von Verschwörern für die Rückkehr Napoleons aus Elba kämpfte. Der Vater von Franz kannte diese Männer, und um ihn zum Schwiegen zu bringen, tötete ihn der größte Anhänger von Napoleon im Duell.

"Welch ein grauenvolles Protokoll. Ich bitte Sie nun Herr Noirtier, nennen Sie mir den Namen desjenigen, der meinen armen Vater getötet hat."

Noirtier schaute das Wörterbuch an. Franz nahm es zitternd und begann das Alphabet aufzusagen. Beim Buchstaben "I" nickte der Greis. Franz nannte einige Wörter, die mit diesem Buchstaben begannen, der Greis verneinte. Bald gelangte er zu einem Wort. "Ich."

"Ja!", machte der Greis.

"Sie?", rief Franz, dessen Haare sich auf seinem Kopf sträubten. "Sie, Herr Noirtier, Sie haben meinen Vater getötet?"

"Ja", antwortete Noirtier und warf einen blitzenden Blick auf den jungen Mann.

Nach einer Pause, in der die Atemzüge des Gelähmten wir triumphierend klangen, erklärte Franz: "Herr von Villefort, Sie werden verstehen, dass es mir unmöglich ist, die Enkelin eines Mannes zu heiraten, der den Tode meines Vaters auf dem Gewissen hat!"

Valentine - von der Dramatik dieser Szene erschüttert, aber gleichzeitig auf wunderbare Weise befreit - dankte ihrem Großvater mit einem Blick inniger Liebe.

Ali Pascha

Der Graf von Monte Christo hatte nach einem Besuch bei Danglars Albert von Morcerf eingeladen, ein Stündchen mit ihm zu plaudern. Sobald sie das Haus des Grafen betreten hatten, ließ der Graf Tee, Biskuits und türkische Pfeifen bringen.

Morcerf neigte sich zur Tür, durch die süße Töne drangen. Als er sich erkundigte, wer dort Gitarre spielt, erfuhr er, dass es Haydee war.

"Haydee! Welch ein bewunderungswürdiger Name! Ist sie eine liebe Person?"

"Das ist ihre Pflicht als meine Sklavin", entgegnete der Graf.

"Wie? Sklavinnen in Frankreich, das gibt es doch gar nicht."

"Das ist richtig. Aber sie will es nicht anders. Würden Sie sie gerne kennen lernen und ihre Geschichte aus eigenen Munde hören?"

"Ich wäre überglücklich."

"Unter zwei Bedingungen: Einmal dürfen Sie niemandem von diesem Gespräch erzählen. Zum anderen dürfen Sie ihr nicht sagen, dass ihr Vater ihrigem gedient hat."

Der junge Vicomte streckte die Hand aus: "Ich schwöre."

Kurze Zeit später saß Albert von Morcerf der schönen Haydee in ihrem Boudoir gegenüber. Monte Christo hatte sie in griechischer Sprache, sodass Albert ihn nicht verstehen konnte, gebeten, ihm alles zu erzählen - mit einer Ausnahme: Sie durfte den Namen des Mannes nicht nennen, der am Tod ihres Vaters und an ihrer Sklaverei Schuld trug.

Willig gehorchte Haydee, auch wenn es ihr schwer fiel. Nun sprach man italienisch miteinander, denn diese melodische Sprache beherrschten alle in diesem orientalisch geschmückten und wohl duftenden Raum. Doch die Geschichte, die Haydee erzählte, war düster:

Ihr Vater war der legendäre Ali Pascha gewesen, in Ioannina, der Hauptstadt des Epirus, hatte er sehr verschwenderisch gelebt und geherrscht. Sein Reichtum war unermesslich gewesen. Dem mächtigen Sultan von Konstantinopel war er ein Dorn im Auge. Haydees Vater, Ali Pascha, machte einen Offizier aus Frankreich zum Chef seiner Truppen und schenkte ihm sein ganzes Vertrauen. Doch der Offizier missbrauchte es schändlich. Ali Pascha wurde das Opfer einer schändlichen Intrige. Er wurde vom Sultan zum Tode verurteilt und der französische Offizier öffnete den feindlichen Truppen die Tore des Palastes.

Ali Pascha wurde ermordet, Mutter und Tochter gefangen genommen. Bevor sie die Mauer Konstantinopels durchschritten, stieß Haydees Mutter einen Schrei aus und stürzte tot zu Boden, denn dort oben war ein Haupt aufgespießt, über dem die Worte hingen: "Dies ist der Kopf von Ali, Pascha von Ioannina."

Es war eine grauenvolle Erzählung es gab niemanden, der mehr Schuld auf sich geladen hatte, als der junge Offizier, dessen Namen Haydee nicht aussprechen durfte.

Albert hatte tief ergriffen, in bangem Schweigen zugehört: "Und Ihr wurdet das Eigentum dieses schrecklichen, verbrecherischen Mannes?", fragte er, angeekelt von sie viel Niedertracht.

"Nein, das wagte er nicht. Er verschacherte mich an einen Sklavenhändler, von diesem erwarb mich ein reicher Armenier, der mir gute Lehrer gab. Als ich dreizehn Jahre alt war, verkaufte er mich weiter."

"Ja, ich erwarb diese zarte Schönheit für einen Smaragd", erklärte Monte Christo.

"Und ich bin sehr glücklich, dass ich dir gehöre", beendete Haydee ihre Lebensgeschichte, indem sie ihm die Hand küsste.

Meldung aus Ioannina

Drei Dinge geschahen danach fast zur gleichen Zeit. Zunächst erschien im Journal de Paris folgende Meldung: "Unser griechischer Korrespondent schreibt uns, dass der Mann, der den mächtigen Ali, Pascha von Ioannina, vor mehr als einem Jahrzehnt verraten und dadurch seinen Tod verursacht hat, ein französischer Offizier gewesen sein soll, der den Vornamen Fernand trägt und sich heute einer geachteten, einflussreichen Stellung erfreut."

Wenige Stunden nach Erscheinen der Zeitung ließ sich der Vicomte Albert von Morcerf bei dem Redakteur Beauchamps melden. "Mein Herr", stieß er erregt hervor, "ich verlange von Ihnen, dass Sie diese Meldung widerrufen, oder ich fordere Sie zum Duell."

"Und aus welchem Grund?", fragte dieser ruhig.

"Mein Vater, dessen Ehre mir über alles geht, geboren als Fernand Montego, heute Graf von Morcerf, hat als Offizier in vielen Ländern gedient…"

"Aber wo steht, dass er der Verräter war?"

"Nirgendwo, aber andere werden so denken. Widerrufen Sie."

Beauchamps dachte nach. Dann sagte er: "Diese Meldung stammt nicht von mir. Ich werde Erkundigungen einziehen, und dafür höchstpersönlich in den Epirus fahren. Geben Sie mir drei Wochen Zeit. Wenn Sie dann noch immer darauf beharren, stehe ich für ein Duell zu Ihrer Verfügung."

Albert musste sich zähneknirschend damit zufrieden geben.

Das zweite Ereignis war, dass Frau von Villefort, die Stiefmutter von Valentine, ihren Schwiegervater, Herrn von Noirtier, aufsuchte. "Was Sie nicht wissen, mein Herr, ich war stets gegen diese Heirat. Durch euer Eingreifen wurde sie verhindert.

Da nun diese Heirat, die Ihnen, wie ich weiß, ebenso sehr widerstrebte, abgebrochen ist, komme ich, um Sie etwas zu fragen, was weder Herr von Villefort noch Valentine tun können."

Die Augen von Noirtier fragten, was sie wolle.

"Ich komme, um Sie zu bitten, mein Herr, dass Sie Valentine wieder zu ihrer Erbin machen."

Die Augen des Greises blieben eine Zeitlang unschlüssig. Offenbar suchte er nach den Beweggründen seiner Schwiegertochter. Mit einem eigentümlichen Glanz in den Augen reichte Frau von Villefort dem Gelähmten einen Becher um daraus zu trinken.

Das Dritte war, dass der Baron Danglars den Grafen von Morcerf empfing. Der Graf war gekommen, um die Heiratspläne seines Sohnes mit Eugenie Danglars näher abzusprechen. Doch der Baron wand sich in seinen Erklärungen. Schließlich erklärte er, dass er der Meinung sei, dass sie seinerzeit übereilt gehandelt hätten, als sie ihre Kinder zu vermählen beabsichtigten.

"Sehen Sie Graf, meine Tochter ist erst 17 und ihr Sohn gerade einmal 21. Während wir die Hochzeit aufschieben, schreitet die Zeit fort. Oft fallen seltsame Verleumdungen an einem Tag zusammen."

Der Graf von Morcerf begriff die Anspielungen auf den Artikel im Journal de Paris. Er stand wütend auf und verließ Danglars beleidigt. Der Bankier aber lächelte zufrieden. Er ließ den Prinzen Cavalcanti - nicht anders nannte er den Korsen Benedetto in Gedanken bereits - rufen.

Dieser wartete im Vorzimmer. Es brauchte keine lange Unterredung. Der angebliche Reichtum des toskanischen Fürstensohnes hatte Danglars völlig geblendet. Er war bereit jegliche Summe an seinen zukünftigen Schwiegersohn auszuzahlen und drückte Andrea Cavalcanti an sein Herz.

Auch Maximilian Morel fühlte sich bereits als Schwiegersohn. Valentine von Villefort hatte ihren alten Kammerdiener gebeten, Kapitän Motel zu ihr zu bringen. Dieser rannte so, dass ihm der ergraute Diener kaum zu folgen vermochte. Valentine zog Maximilian heimlich ins väterliche Haus. Dort schlichen sie in die Kammer des Großvaters um sich beim ihm zu bedanken. Außerdem erbaten sie seinen Segen für ihren Bund. Der Greis nickte zufrieden.

"Warte noch ab, bis ich volljährig bin", flüsterte Valentine Maximilian danach leise zu. "In zehn Monaten kann ich über mich selbst bestimmen. Dann verfüge ich über die Erbschaft von Großmutter Saint-Meran.

Maximilian nickte und verschwand auf ein Zeichen in einer Nische, da sich Stimmen näherten. Der Kammerdiener trat ein, noch reichlich außer Atem. Noirtier ermuntere ihn mit den Augen, aus seiner Karaffe zu trinken, um sich zu erfrischen. Valentine reichte ihm ein Glas und der Diener trank dankbar. Wenige Augenblicke später lag er, von grässlichen Krämpfen geschüttelt, auf dem Boden.

Valentine erschrak zu Tode. Sie rief um Hilfe. Ihr Vater und ihre Stiefmutter eilten herbei. Nur wenige Minuten später erschien der Arzt. Er untersuchte den nun reglos daliegenden Diener.

"Ist er ohnmächtig?", fragte Herr von Villefort.

"Er ist tot!"

Villefort wich einen Schritt zurück. "So schnell?"

Der Arzt zog ihn in einen angrenzen Raum, wo sie alleine waren. "Ja, so schnell, ist das nicht seltsam?", antwortete er hart. "Wo doch der Marquis und die Marquise von Saint-Meran auf dieselbe Weise gestorben sind."

"Sie meinen, dass es wieder Gift war?"

"Ich bin mir absolut sicher. Es war Brucin."

"Aber wie kommt es dann, dass mein Vater nicht starb? Schließlich war es seine Karaffe."

"Die Erklärung ist einfach. Ich behandle ihren Vater sein langem mit geringen Mengen Brucin. Er hat sich längst an eine Dosis gewöhnt, die für jeden anderen tödlich ist!"

"Aber wer…?" Herr von Villefort erbleichte.

"Suche den, dem das Verbrechen nützt - so sagen doch die Rechtsgelehrten. Das müssten Sie am besten wissen! Erbt nicht ihre Tochter…?"

"Valentine? Nein, das ist unmöglich, Doktor! Sie liebt ihren Großvater mehr als mich."

"Hören Sie, Herr von Villefort, das Verbrechen ist unleugbar. Es war ihre Tochter, die die Medikamente für den Marquis gepackt hat, die an ihn nach Marseille geschickt worden sind, bevor er nach Paris aufgebrochen ist. Hier im Haus, war es ebenfalls Fräulein Valentine, die das abendliche Getränk für die Marquise bereitet hat. Und eben hat sie für den Kammerdiener aus der Karaffe ihres Vaters eingeschenkt. Tun Sie Ihre Pflicht, Herr Staatsanwalt!"

Da sank Herr von Villefort vor dem Arzt auf die Knie: "Haben Sie Mitleid, schonen Sie mein Leben, meine Ehre! Wie, wenn Sie sich doch täuschen?"

"Ich kenne Sie lange", erwiderte der Arzt leise und nach langem Nachdenken. "Ich werde warten. Doch wenn noch eine Person aus Ihrem Haus krank werden sollte, wenn Sie sich selbst getroffen fühlen, rufen Sie mich nicht! Ich kann Ihrem Ruf nicht mehr folgen, und ich verweile nicht in einem Haus, in dem gemordet wird. Guten Tag, mein Herr!"

Mit diesen schonungslosen Worten verließ der Arzt Herrn von Villefort. Die Bediensteten kündigten alle, im Haus des Todes mochte keiner bleiben.

Valentine weinte. Villefort verharrte in der höchster Erregung, ja, mehr als das, in Erschütterung. Aber als er seine Frau ansah, kam es ihm vor, als ob ein flüchtiges Lächeln über ihre dünnen Lippen flöge.

Der Einbruch

Andrea Cavalcanti, oder eigentlich Benedetto, kehrte, von Danglars kommend, beschwingt in seine Wohnung zurück. Er war am Ziel seiner Wünsche. Bald war Eugenie seine Frau. Daheim erhielt er eine versiegelte Nachricht. Sie stellte sich als Botschaft von Caderousse heraus, der ihn sprechen wollte.

Benedetto lieh sich von seinem Diener Kleidung und saß am nächsten Morgen getarnt in Caderousses Zimmer, im Hinterhof eines Mietshauses.

Caderousse verlangte eine höhere Rente: "Danglars war ein Freund von mir", erklärte er unumwunden. "Ich kann ihn jederzeit besuchen und mit ihm über dich reden. Wenn er nicht so ein schlechtes Gewissen hätte, müsste er mich zur Hochzeit seiner Tochter einladen, so wie er damals Gast auf meiner Hochzeit gewesen ist. Und ebenfalls auf der von Fernand Montego mit der schönen Mercedes. Du siehst, ich habe einflussreiche Bekanntschaften…"

Benedetto überlegte, und kam zu dem Schluss, dass es klug wäre, auf die Forderungen einzugehen.

Danach kamen sie auf den Grafen von Monte Christo zu sprechen. Benedetto ließ sich von seiner Eitelkeit hinreißen: Er behauptete, der Graf sei sein Vater, dessen unermessliches Vermögen er einmal erben werde. Die Schilderungen über das prachtvoll eingerichtete Haus, machten Caderousse neugierig und er forderte Benedetto auf, einen genauen Plan anzufertigen: Den Hof, den Garten, das Erdgeschoss, die Wohnung der Diener: "Übrigens", sagte Benedetto, "der Graf beabsichtigt, morgen nach Auteuil zu reisen."

"Und du wirst ihn begleiten?"

"Ja, denn ich bin bei dem Grafen wie zu Hause!"

Mehr wollte Caderousse nicht wissen. Sie trennten sich, doch nicht ohne dass Benedetto noch von seiner Mitgift schwärmte.

"Wie viel?"

"Mindestens eine Million!"

Caderousse blieb an seinem Fenster stehen, bis Benedetto durch den Hof gegangen war. Dann schloss er seine Tür sorgfältig und begann, den Plan des Hauses zu studieren.

Am nächsten Tag begab sich der Graf von Monte Christo wirklich mit mehreren Dienern und Pferden nach Auteuil. Doch er wurde, dort angekommen, durch ein Schreiben gewarnt, dass jemand versuche, in sein Haus in Paris einzubrechen.

Daher kehrte er nach Paris zurück und zog ein Kettenhemd unter seine Verkleidung als Abbé Busoni. So legte er sich auf die Lauer. Um Mitternacht vernahm er das Geräusch von splitterndem Glas und wenig später blickte er in ein erschrockenes Gesicht. "Ei, guten Abend mein lieber Caderousse", sprach der Graf, "was in Gottes Namen haben Sie hier zu suchen?"

"Der Abbé Busoni!", rief Caderousse.

"Allerdings, der bin ich, in Person. Sie scheinen ein gutes Gedächtnis zu haben, wenn ich mich nicht irre, sind es bald zehn Jahre her, seit wir uns das letzte mal begegnet sind."

"Der Abbé!", murmelte er, während seine Zähne klapperten und seine Hände sich krampfhaft zusammenzogen.

"Wir wollen also den Grafen von Monte Christo bestehlen?", fuhr der vermeintliche Abbé fort. "Ich sehe, Sie sind immer noch derselbe. Sind sie von der Galeere geflohen?"

"Mein Herr Abbé, jemand hat mich und meinen Kettennachbarn befreit. Ein Engländer namens Wilmore."

"Ich kenne diesen Herrn und werde erfahren, ob Sie lügen. Dieser Engländer beschützte Sie?"

"Nicht mich, sondern Benedetto, er war ein junger Korse, ein Findelkind. Von seinem Geld habe ich seit meiner Flucht gelebt."

"Sie haben vom Geld gelebt, das er Ihnen gegeben hat?", fragte der Abbé.

"Ja, er ist der Sohn eines überaus reichen Herrn - der leibliche Sohn."

"Wie heißt dieser vornehme Herr?"

"Graf von Monte Christo, derselbe, bei dem wir hier sind."

"Welchen Namen führt dieser junge Mann?"

"Er nennt sich Andrea Cavalcanti und wird bald die Tochter des Barons Danglars heiraten."

Als der Abbé damit drohte, Herrn Danglars, zu warnen, überfiel Caderousse der Zorn, er zog ein blankes Messer und stach zu. Zu seinem Erstaunen sprang der Dolch, statt in die Brust des Grafen zu dringen, stumpf ab. Da er nun wusste, dass ihm die Guillotine drohte, flehte er um Gnade. Sie wurde ihm gewährt, er musste aber folgende Erklärung schreiben:

"Herr Danglars, der Mann, mit dem Sie Ihre Tochter Eugenie verheiraten wollen, ist ein mit mir von der Galeere entwichener Straftäter. Er heißt Benedetto."

"Und nun geh", herrschte ihn der Graf in der Maske des Abbés an. "Verlasse Paris. Ich vermache dir eine kleine Pension, mit der du überall leben kannst."

Caderousse entwich durch dasselbe Fenster, durch das er gekommen war. Jedoch unter der Mauer, auf der stockfinsteren Straße, wurde er erwartet. Ein Stahl drang in seine Brust. Er stürzte zu Boden, der Täter konnte fliehen. "Mörder! Ich sterbe! Zu Hilfe!", rief er noch.

Der Abbé kam und schleppte den tödlich verletzten ins Haus.

"Du kennst den Mörder?", fragte er.

"Es war Benedetto!"

"So schreibe: Ich sterbe durch die Hand meines Kettengenossen Benedetto!"

Als Caderousse dies unterzeichnet hatte, fiel er kraftlos zurück. Dabei murmelte er: "Wer sind Sie? Ich glaube, dass ich Sie schon einmal gesehen habe! Wenn es nicht diese schwarzen Haare wären, würde ich sagen, Sie sind Lord Wilmore."

"Ich bin weder der Abbé Busoni, noch Lord Wilmore", sprach Monte Christo; "schaue genauer hin, schaue in deine Erinnerungen. Denke an Marseille, denke an die Schenke "Zum Silbernen Fisch". Ich bin… Edmond Dantes!"

"Oh, du mein Gott!", schrie Caderousse, indem er versuchte, sich auf die Knie zu erheben. "Vergib mir, vergib mir!" Dann hauchte er sein Leben aus. Er war tot.

"Der Erste!", murmelte der Graf mit grimmigem Lächeln zu sich selbst.

Die Pairskammer

Albert von Morcerf war ein Edelmann voll jugendlichen Ehrgefühls. Nichts hätte ihn mehr erschüttern können, als die Eröffnung, die ihm der Redakteur Beauchamps vom Journal de Paris machte: "Mein Herr Vicomte, ich komme eben aus dem Epirus. Ich selbst habe in Ioannina die Erkundigungen eingezogen, die Sie verlangten."

"Sie werden also widerrufen? Mein Vater ist unschuldig!"

"Lesen Sie selbst." Beauchamps reichte Albert ein Schriftstück. Dieser überflog es und erbleichte: "Wir bezeugen, dass der Oberst Fernand Montego das Schloss von Ioannina gegen zweitausend Beutel Gold dem Feind geöffnet und übergeben hat."

Das Schriftstück war von vier hochrangigen Persönlichkeiten unterschrieben. Albert fiel entsetzt auf einen Stuhl.

Nach einer Pause begann Beauchamps leise: "Ich verstehe, wie sich fühlen müssen. Aber sehen Sie, dass alles ist über ein Jahrzehnt her. Richten wir nicht über unsere Väter! Ich werde schweigen!"

"Edler Freund, das vergesse ich Ihnen nie!", rief Albert. "Aber meine arme Mutter!"

"Sagen Sie ihr nichts"!

"Wer steckt hinter dem Ganzen, wer mag Ihrer Zeitung damals diese unselige Nachricht zugespielt haben?"

"Ich weiß es nicht. Vergessen wir alles! Wie wäre es, Vicomte, wollen wir nicht den Grafen von Monte Christo aufsuchen, um Sie zu zerstreuen?"

Es ergab sich überraschenderweise, dass Monte Christo gerade ans Meer fahren wollte und Albert anbot, ihn zur Entenjagd zu begleiten. So reisten sie gemeinsam in die Bretagne.

Bereits am zweiten Tag ihres Aufenthaltes kam Albert zu Monte Christo gestürmt und rief in höchster Erregung: "Mein Herr Graf, ich bitte Sie um ein Pferd, ich muss augenblicklich nach Paris abreisen."

"Nehmen Sie jedes Pferd, das Sie wollen, aber sagen Sir mir um Gottes Willen, was geschehen ist!"

"Ein Unglück. Ich bin am verzweifeln. Meine Mutter ist in Tränen. Wehe dem, der die Schuld an allem trägt. Hier, lesen Sie selbst - aber warten Sie, bis ich Sie verlassen habe!" Er reichte Monte Christo eine Zeitung, es war nicht das Journal de Paris, sondern das Konkurrenzblatt, der Imperial.

Albert eilte aus dem Zimmer. Der Graf blickte ihm mitleidig nach und las dann folgenden Artikel: "Der französische Offizier im Dienst Ali Paschas, welcher seinen Wohltäter an die Türken verkaufte und dem Feind das Schloss von Ioannina öffnete, hieß wirklich Fernand, doch seitdem hat er seinem Vornamen einen Titel beigefügt. Er nennt sich jetzt Graf von Morcerf und ist Pair in Frankreich."

Als Albert in der Redaktion des Journalisten Beauchamps ankam, war er erschöpft von dem langen Ritt.

"Ich weiß, was Sie zu mir führt, Albert", redete ihn dieser gleich an. "Aber ich schwöre Ihnen, ich bin unschuldig. Auch meiner Zeitung wurde das Material angeboten, wir lehnten ab. Das Erscheinen im Imperial konnten wir leider nicht verhindern."

"Ich verstehe", murmelte Albert. "Waren Sie bereits in der Kammer der Pairs?"

"Ja, wie es meine Korrespondentenpflicht ist. Dort herrschte äußerste Unruhe. Ihr Vater kam zur üblichen Stunde und schien von nichts zu wissen. Die Herren konfrontierten ihn mit der Meldung. Ich will mich kurz fassen: Nachdem ihr Vater erbleichte, besann er sich und lehnte alle Schuld ab. Er versprach restlose Aufklärung. Man fragte den Grafen, wie viel Zeit er brauchte, um seine Rechtfertigung vorzubereiten.

Als man schon bereit war, ihm mehrere Wochen Frist zu gewähren, wurde eine tief verschleierte Dame in den Saal geführt."

Albert erzitterte: "Eine verschleierte Dame?"

"Verschleiert und orientalisch gekleidet. Man erkannte eine junge, zierliche Frau, aber nicht mehr. Als sie ihren Schleier hochhob, konnte jeder ihre Schönheit erkennen."

"Haydee", flüsterte Albert.

"So stellte sie sich vor: Ich bin Haydee, die Tochter von Ali, Pascha von Ioannina im Epirus und von Wasiliki, seiner geliebten Frau! Die Erschütterung der Versammlung war riesengroß. Man verlangte von ihr, sich auszuweisen und sie holte ihren Geburtsschein hervor, der vom mazedonischen Großprimas versiegelt war.

Dann sagte sie: Und hier ist die Urkunde des Verkauf von meiner Mutter und mir an den armenischen Kaufmann El-Kobbir durch einen ruchlosen französischen Offizier… er steht dort!"

"Sie zeigte auf meinen Vater?"

"Ja, Albert. Sie nannte auch die Summe, die ihr Vater für sie und ihre Mutter erhalten habe, 100 Beutel Gold."

"Oh, mein Gott! Und sie zeigte auf meinen Vater!", wiederholte Albert gequält.

"Nicht nur das! Sie sah ihn mit brennenden Augen an und rief: Du bist Fernand Morcerf, der die Truppen meines Vaters ausbildete! Du bist es, der uns an den Feind verriet und die Tore unseres Palastes öffnete. Du bist es, der unseren treuen Diener Selim erdolchte. Mörder! Mörder!"

"Zweifelte denn niemand in ihren Worten?"

"Sie trat sehr überzeugend auf. Und doch fragte der Vorsitzende, selbst leichenblass, ob sie sich ihrer Sache auch ganz sicher sei. Darauf antwortet sie leidenschaftlich: Er war es, der das Haupt meines Vaters auf einem Spieß fort getragen hat. Nie werde ich seinen Anblick vergessen. Doch schauen Sie nur auf seine rechte Hand! Sie trägt eine breite Narbe vom Gelenk unterhalb des Daumens bis hinauf zum Ansatz des kleinen Fingers!

Sie hätten sehen müssen, Albert, wie rasch ihr Vater da seine rechte Hand verbarg!"

"Und was geschah dann?"

"Ihr Vater verließ den Saal. Und die anwesenden Pairs konnten auf die Frage des Präsidenten nur noch bestätigen, dass sie von seiner Schuld überzeugt seien und er nicht würdig sei, weiter Pair von Frankreich zu bleiben!"

Alberts Augen schwammen in Tränen. "Mein Leben ist beendet", stammelte er.

"Aber wir leben nicht mehr in einer Zeit, in der die Söhne für die Taten ihrer Väter verantwortlich gemacht werden", rief Beauchamps. "Verreisen Sie, kommen Sie in drei oder vier Jahren wieder, und alles ist vergessen."

"Ich danke Ihnen Beauchamps. Ich habe nur noch einen Wunsch: Helfen Sie mir, die Hand zu finden, die für diese Meldung verantwortlich ist!

"Auf diese Frage habe ich gewartet und war nicht untätig. In Ioannina hörte ich bereits den Namen des Bankiers Danglars."

"Wie? Ist er der Schuldige?"

"Ich ging zu ihm. Und wissen Sie, was er mir sagte? Er erklärte mir, dass es der Graf von Monte Christo war, der ihm riet, sich in Ioannina nach Ihrem Vater zu erkundigen, bevor Sie mit seiner Tochter Eugenie vermählt werden würden!"

Albert erstarrte völlig. Endlich sagte er: "Natürlich! Wie konnte ich nur zweifeln. Der Graf von Monte Christo… Er hatte ja die schöne Sklavin Haydee gekauft… Er wusste alles, er kannte ihre Geschichte, bei der nicht ein einziges Mal der Name meines Vaters gefallen ist… Sogar, dass er mich aus Paris entfernte, als er die unselige Zeitungsnotiz drucken ließ… Ja, jetzt erkenne ich es, er ist unser Feind.

Auch dass er in unserem Hause keinen Bissen anrührte, spricht dafür. Er ist doch ein halber Orientale, und auf diese Weise bewahren sich die Orientalen die Freiheit, Rache an ihren Feinden nehmen zu können. Freund Beauchamps, ich muss mich mit dem Grafen von Monte Christo duellieren!"

"Nehmen Sie sich in Acht, ich fürchte, er ficht nur allzu gut!"

"Wäre es nicht das größte Glück, für seinen Vater getötet zu werden?"

"Ihre Mutter würde dabei sterben!"

"Arme Mama! - Begleiten Sie mich in die Oper, Beauchamps? Ich hörte Monte Christo sagen, er wolle nach Paris zurückkehren, um die heutige Aufführung nicht zu versäumen."

Die Beschimpfung

Bevor Albert von Morcerf die Oper aufsuchte, ging er nach Hause. Er fand seine Mutter in ihrem Zimmer, das sie seit der öffentlichen Demütigung am Vortag nicht mehr verlassen hatte.

"Mutter", sagte Albert, "kennen Sie irgendeinen Feind von Herrn von Morcerf?"

Mercedes bebte, es war ihr nicht entgangen, dass ihr Sohn nicht "von meinem Vater" sagte.

"Sie sind eine so kluge Frau, zum Beispiel bemerkten Sie, dass der Graf von Monte Christo nicht bei uns hatte essen wollen."

Mercedes erhob sich zitternd: "Herr von Monte Christo? Und welchen Zusammenhang hat dies mit der Frage, die du mir eben gestellt hast? Er ist nicht unser Feind. Wie kommst du darauf? Wenn ich eine Bitte an dich richten darf, so bleibe in gutem Einvernehmen mit ihm."

"Mutter", rief der junge Mann, "Sie haben wohl Ihre Gründe, dass Sie mir das sagen…"

"Vor drei Tagen bist du mit ihm in die Bretagne gereist, und hast ihn noch als deinen Freund betrachtet", unterbrach ihn Mercedes. "Albert, es geht mir nicht gut, bitte leiste mir Gesellschaft."

"Mutter, ich wäre gerne zu Ihren Diensten, das wissen Sie, aber eine dringende Angelegenheit zwingt mich, Sie heute Abend alleine zu lassen." Mit diesen Worten verließ Albert seine Mutter.

Der Graf von Monte Christo saß, schwarz gekleidet, in seiner Loge. An seiner Seite befand sich Kapitän Maximilian Morel. In der ersten Pause riss Albert von Morcerf die Tapetentür auf und drang zu ihm ein.

"Siehe da! Guten Abend Herr von Morcerf. Nehmen Sie Platz", begrüßte ihn der Graf höflich.

"Wir sind nicht hier, um heuchlerische Höflichkeiten auszutauschen, sondern um eine Erklärung von Ihnen zu fordern, Graf", zischte der junge Mann.

"Eine Erklärung in der Oper? Ist das in Paris so üblich?", fragte der Graf ruhig.

Albert schleuderte Monte Christo seinen Handschuh ins Gesicht. Der Graf nahm diese Geste zur Kenntnis und erwiderte kühl: "Vicomte, ich nehme Ihre Forderung zum Duell an, aber gehen Sie jetzt, sonst lasse ich Sie von meinem Diener hinauswerfen!"

Albert eilte hinaus, blind vor wütender Leidenschaft.

Maximilian Morel neige sich dem Grafen zu: "Was haben Sie Albert getan?"

"Nichts", antwortete der Graf. "Es geht um seinen Vater. Haydee ist die Tochter von Ali Pascha, und die Pairskammer kennt jetzt die Verbrechen des Grafen von Morcerf an ihrem Vater und ihr!"

"Ich verstehe! Aber was werden Sie mit Albert machen?"

"Mit Albert? Nun, ich werde ihn morgen Vormittag um zehn Uhr töten", erklärte Monte Christo ruhig.

Ehe Maximilian etwas erwidern konnte, öffnete sich die Tür wieder und der Journalist Beauchamps trat ein: "Herr Graf", sagte er. "Albert von Morcerf hatte sicher Unrecht, in solche Hitze zu geraten. Dennoch bitte ich Sie in seinem Namen um eine Erklärung, dass Sie keine Verbindung mit den Ereignissen in Ioannina haben!"

"Herr Beauchamps", antwortete Monte Christo. "In unser beider Adern fließt Blut, das wir zu vergießen Lust haben. Sagen Sie dem Vicomte, morgen werde ich die Farbe seines Blutes zu sehen bekommen!"

"So bleibt mir nichts übrig, als die Bedingungen für den Zweikampf festzulegen. Pistolen, morgen um acht Uhr, im Wald von Vincennes." erwiderte Beauchamps, völlig aus der Fassung gebracht. Dann entfernte er sich. Und der Graf lehnte seinen Arm auf die Brüstung, um dem Gesang zu lauschen, den er leidenschaftlich liebte.

Die Nacht

Monte Christo war eben dabei, die Waffe in die Hand zu nehmen und damit auf winzige Eisenplättchen zu zielen, als die Tür seines Zimmers sich öffnete, sein Diener eintrat und eine Dame meldete.

Kaum hatte dieser ausgesprochen, erblickte der Graf durch die offen gebliebene Tür eine verschleierte Frau.

"Wer sind Sie, Madame?", fragte er.

Die Unbekannte schaute umher, um sich zu versichern, dass sie allein waren, verneigte sich, als wollte sie niederknien und rief mit einem Ton der Verzweiflung: "Edmond! Sie werden meinen Sohn nicht töten!"

Der Graf machte einen Schritt rückwärts, stieß einen schwachen Schrei aus, ließ seine Waffe fallen und erwiderte: "Welchen Namen haben Sie da ausgesprochen, Frau von Morcerf?"

"Nicht Frau von Morcerf, Edmond, Mercedes kommt zu Ihnen!"

"Mercedes ist tot, Madame! Ich kenne niemand dieses Namens!"

"Mercedes lebt, und Mercedes erinnert sich. Schon beim ersten Ton Ihrer Stimme ahnte ich… wusste ich, und doch habe ich Sie nicht aufgesucht, als Sie Herrn von Morcerf niederwarfen!"

"Fernand wollen Sie sagen, Madame!"

"Wie auch immer", rief sie und sank vor ihm auf die Knie. "Was hat mein Sohn mit dem Unheil zu tun, das über Sie gebracht wurde?"

"Es steht schon in der Bibel geschrieben: Die Sünden der Eltern sollen auf die Kinder übergehen bis in die dritte oder vierte Generation!"

"Auch ich Edmond, habe viel gelitten!"

"Wie? Haben Sie Ihren Vater an Hunger sterben sehen? Haben Sie gesehen, wie die Frau, die Sie über alles liebten, ihre Hand einem anderen reichte."

"Ach, mein Herr, es ist mein Fehler. Edmond, Sie waren so lange fort und irgendwann fehlte es mir an Kraft…"

"Doch warum, war ich fort?"

"Sie waren im Gefängnis."

"Und warum saß ich im Gefängnis?"

"Ich weiß es nicht", sprach Mercedes.

"Ja, Sie wissen es nicht, Madame. Das wusste ich. Nun, ich will es Ihnen sagen. Ich wurde verhaftet, weil unter den Lauben des "Silbernen Fisches" am Vorabend unserer geplanten Hochzeit ein Mann namens Danglars einen Brief geschrieben hatte, den der Fischer Fernand selbst auf die Post brachte."

Monte Christo ging an seinen Schreibtisch und holte den Brief hervor, den er als Beauftragter des Hauses Thomson und French für 200 000 Francs gekauft hatte und aus der Akte Edmond Dantes genommen hatte.

Mercedes las und erschrak zu Tode. Edmond erzählte ihr von seiner 14 Jahre dauernden Gefangenschaft.

"Verzeihen Sie mir, Edmond, denn ich liebe Sie noch. Als ich erfuhr, dass Sie bei dem Fluchtversuch ums Leben gekommen sind, hörte ich zehn Jahre lang Nacht für Nacht einen furchtbaren Schrei in meinen Träumen. Und nun sehe ich, dass der Mann, den ich so sehr liebte, bereit ist, der Mörder meines Sohnes zu werden."

Sie sprach diese Worte mit so tiefer Empfindung, dass der Graf einen Schrei der Erschütterung losließ. Er war besiegt. "Was verlangen Sie von mir?", fragte er schließlich tonlos.

"Das Leben meines Sohnes!"

"Gut! Er wird leben! Dafür werde ich sterben!"

"Was sagen Sie da, Edmond?"

"Ihr Sohn wird leben, Madame", bestätigte er, um Fassung ringend. "Doch nun verlassen Sie mich, ehe ich mein Wort bereue!"

Mercedes erkannte, dass sie alles erreicht hatte. Mehr war nicht möglich. Im Gegenteil, sie würde alles zerstören, wenn sie bliebe. Sie trocknete ihre Augen und reichte Edmond die Hand. "Leben Sie wohl! Es ist noch nicht alles zu Ende. Wir haben uns wieder gesehen." Sie öffnete die Tür und verschwand.

"Ich Wahnsinniger", sagte der Graf zu sich selbst, "dass ich mir nicht an dem Tag, an dem ich beschlossen hatte, mich zu rächen, das Herz ausgerissen habe!"

Das Duell

In tiefen Gedanken schaute der Graf zu Boden. Nach einigen Minuten raffte er sich auf. Er setzte sich an seinen kleinen Tisch und verfasste sein Testament. Einen großen Teil vermachte er Maximilian Morel, der davon seiner Schwester und deren Mann etwas abgeben sollte. Er erklärte, dass sich das Geld in einer Grotte auf Monte Christo befindet und sein Verwalter Bertuccio das Geheimnis kenne.

Den anderen Teil seines Vermögens vermachte er Haydee. Nachdem er fertig war, ging er zu dem Mädchen. Haydees liebevolles Herz ahnte, dass er sich von ihr verabschieden wollte.

"Du denkst an den Tod, oh Herr", sagte sie leise.

"Das ist ein heilsamer Gedanke", antwortete er.

"Herr, wenn du stirbst, dann vermache dein Vermögen anderen, denn ich brauche es nicht mehr!" Sie verlor die Besinnung und sank zu Boden. Monte Christo hob sie auf. Er betrachtete ihr schönes Gesicht. Was, wenn sie ihn auf andere Weise liebte, als eine Tochter?

Aber er war entschlossen zu sterben. So erklärte er Maximilian und dessen Schwager, die am nächsten Morgen erschienen und ihn anflehten Albert nicht zu töten: "Sie brauchen mich nicht zu bitten, Herrn von Morcerf zu schonen. Er wird leben, und er wird mich töten!"

Maximilian war wie versteinert. Das war noch weniger sein Wunsch. Aber der Graf zog die beiden Herren mit sich fort. Sie fuhren in den Wald von Vincennes, wo sie ihren Gegner erwarteten. Nebel hing zwischen den Bäumen.

Durch den Morgendunst näherten sich ihnen drei Herren, die ihre Pferde abseits angebunden hatten. Es war Albert von Morcerf mit seinen Sekundanten, den Herren Debray und Beauchamps.

Albert war totenbleich. Er bat darum, den Grafen von Monte Christo gleich sprechen zu dürfen. Man sah ihn verwundert an, denn das war nicht üblich.

"Meine Herren", begann Albert mit einer Stimme, die anfangs zitterte, "Bitte seien Sie meine Zeugen. Ich komme, um mich bei dem Grafen von Monte Christo zu entschuldigen. Aber es geht dabei nicht um den Verrat, den mein Vater, der Offizier Fernand Montego, an Ali Pascha begangen hat, es geht vielmehr um ein anderes Verbrechen meines Vaters, der damals noch der Fischer Fernand gewesen ist.

Damit hat er unerhörtes Unglück über den Grafen von Monte Christo gebracht. Ich erkläre hiermit feierlich, dass Sie Recht gehabt haben, Herr Graf, sich an meinem Vater zu rächen!"

Es war, als ob unter den Zuhörern der Blitz eingeschlagen hätte. Das Auge feucht, die Brust beklommen, reichte Monte Christo Albert die Hand. Dann grüßte er ihn und seine Begleiter mit einem Lächeln voller Schwermut und Würde und stieg mit seinen beiden Sekundanten wieder in seinen Wagen.

Auch Albert von Morcerf verabschiedet sich von seinen Begleitern. Er eilte nach Hause um das Notwendigste zu packen. Er konnte nicht in Paris bleiben. Zu der Schande, die sein Vater über die Familie gebracht hatte, kam nun die Tatsache, dass man ihm die Entschuldigung beim Grafen von Monte Christo als Feigheit auslegen würde. Man würde ihn in der Gesellschaft meiden. Und die Wahrheit, die ihm seine Mutter anvertraut hatte, durfte er nicht sagen. Er konnte nicht länger bleiben.

Auch die schöne Mercedes, bereitete alles für eine Trennung von ihrem Gatten und eine Abreise vor. Sie wollte nach Marseille zurück, um dort in aller Bescheidenheit und Abgeschiedenheit zu leben.

So begegneten sich Mutter und Sohn in der gleichen Absicht. Sie wollten keinen Francs des väterlichen Vermögens mitnehmen, das er auf solch blutige Weise erworben hatte.

Der Graf von Monte Christo hatte eine solche Entwicklung bereits vermutet. Er sandte einen Brief an Frau von Morcerf, in dem er ihr und Albert das Haus in Marseile überlassen wollte, in dem früher sein Vater gelebt hatte. Er erklärte, dass dort im Garten eine Kiste vergraben sei, in der sich ein Betrag befindet, der für einen bescheidenen Lebensunterhalt ausreichen würde.

Mercedes nahm dankbar an. Albert wollte beim Militär Zuflucht suchen und hoffte, sich aus eigenen Kräften wieder hinaufarbeiten zu können.

Nachdem Maximilian Morel von Monte Christo ans Herz gedrückt und eindringlich gebeten worden war, sich mit jedem Kummer an ihn zu wenden, verließ er den Grafen, um seiner geliebten Valentine von Villefort nah zu sein.

Der Selbstmord

Monte Christo selbst wurde in seinem Hause von Haydee empfangen. Sie war überglücklich. Tränen der Freude standen in ihren Augen. Er drückte sie an sein Herz und küsste sie auf ihre edle Stirn. Seit einigen Tagen begriff Monte Christo, dass es nicht nur die eine Liebe im Leben gab - und dass er nochmals glücklich werden konnte.

Seine strahlenden Augen tauchten in die Blicke von Haydee, als sich plötzlich die Tür öffnete und der Diener den Grafen von Morcerf meldete. Haydee zog sich dezent zurück.

Die folgende Unterredung war ebenso heftig wie kurz. Fernand von Morcerf eröffnete Monte Christo, dass er gekommen sei, sich mit ihm zu schlagen, da sein Sohn offenbar zu feige dazu gewesen sei.

"Ihr Sohn ist nicht feige. Sie kennen seine wahren Gründe noch nicht, Fernand!", verteidigte Monte Christo Albert.

"Wie, Sie wagen es, mich mit meinem Vornamen anzureden? Und mit welchen Recht mischen Sie sich in meine Angelegenheiten und urteilen über meine Vergangenheit?"

"Mit dem Recht der Rache", erklärte Monte Christo.

"Rache? Was könnten Sie an mir rächen wollten?"

Der Graf von Monte Christo trat dicht an Morcerf heran. Dabei setzte er einen Matrosenhut auf. "Ich bin Edmond Dantes!"

Dieses Namens hätte es nicht mehr bedurft. Wenn die Vergangenheit die Kraft hat, wieder aufzustehen - wenn Schuld nach Jahren, Jahrzehnten noch brennen kann, so geschah es hier und jetzt.

Ein Stöhnen der Erkenntnis, wie es verzweifelter nicht denkbar ist, entrang sich der Brust Fernands von Morcerf. Er erkannte sofort, dass alles verloren war, dass es auf Erden keinen Platz mehr für ihn gab. Er drehte sich um und stürmte aus dem Zimmer.

Dann ließ er sich in sein Haus fahren, dass er leer vorfand. Nach wenigen Minuten hallte ein Schuss durchs Haus. In seinem Arbeitszimmer hatte Morcerf seinem Leben ein Ende gesetzt.

Als Monte Christo davon erfuhr, flüsterte er: "Der Zweite!"

Die Krankheit

Herr von Villefort war in einem Wagen vor der Tür des Arztes vorgefahren. Er läutete mit solcher Heftigkeit, dass ihm der Portier mit erschrockener Miene öffnete. Villefort stürzte zur Treppe, ohne dass er die Kraft hatte, etwas zu sagen. Er stieß die Tür zum Zimmer des Arztes auf.

"Ah", sagte der Doktor, "Sie sind es?"

"Ja, ich bin es. Sind wir alleine? Doktor, unser Haus ist ein verfluchtes Haus.

"Gibt es wieder einen Kranken?"

"Ja, Valentine, nun ist sie an der Reihe", rief Villefort verzweifelt.

"Ihre Tochter!", rief der Arzt voller Staunen und Schrecken.

"Sie sehen, Sie haben sich getäuscht. Ich flehe Sie an, kommen sie mit mir."

Nun, da der Arzt erkannte, dass der Verdacht auf das Mädchen falsch gewesen sein musste, eilte er in Villeforts Haus. Er fand alle in Angst.

Zur selben Zeit war Morel bei Monte Christo angekommen. Der junge Mann erschien, nur zwei Stunden nachdem er den Grafen verlassen hatte, mit völlig verstörtem Gesicht.

"Was gibt es denn, Maximilian? Sie sind bleich und ihre Stirn ist schweißbedeckt.

Morel erzählte, wie er Valentine in einem schlimmen Zustand angetroffen hatte. Sie war mehrmals zu Boden gefallen, von Krämpfen geschüttelt. Der Graf wurde ebenfalls blass, denn diese Entwicklung hatte er nicht vorhergesehen.

"Aber sie lebt noch?"

"Ja!"

"Und Sie lieben sie sehr, Maximilian?"

"Mehr als mein Leben!"

"Gehen Sie nach Hause, ich werde mich um alles kümmern. Vertrauen Sie mir, Maximilian."

Währenddessen waren im Hause Villefort alle um das kranke Mädchen versammelt. "Ach", seufzte Frau von Villefort, "das arme Kind! Ich dachte ihre Übelkeit wäre nicht weiter von Bedeutung."

Der Arzt verfolgte die Mimik des Großvaters Noirtier. Er erkannte, dass dieser ihm etwas mitzuteilen hatte. Also ließ er Valentine auf ihr Zimmer bringen, und verlangte, mit dem Greis allein gelassen zu werden.

Dann verging eine halbe Stunde mühseliger Unterredung. Der Arzt tastete sich mit Fragen, auf die der Greis mit Ja oder Nein antwortete heran. Vieles musste er nur vermuten, um es sich danach durch eine Augenbewegung bestätigen zu lassen. Immerhin, danach wusste er: Valentine hatte eine Aussicht auf Rettung. Der Großvater, der bereits ahnte, dass Valentine bald an der Reihe war, dem Giftmörder zum Opfer zu fallen, hatte ihr jeden Tag ein wenig aus seiner Karaffe zu trinken gegeben.

So hatte sie sich nach und nach an das Gift gewöhnt, und den Anschlag überstanden. Aber noch war der Giftmischer nicht erkannt, noch schwebten alle in tödlicher Gefahr, vor allem Valentine.

Der Staatsanwalt vergrub sich in seine Arbeit, fest entschlossen, für alle Verbrecher noch härtere Strafen anzuordnen, um selbst Vergessen zu finden.

In dem Augenblick, als der Doktor das Haus des Staatsanwaltes verließ, mietete sich ein italienischer Priester im Nachbarhaus ein. Der neue Mieter hieß Signor Busoni und noch am selben Abend begannen Bauarbeiter das alte Haus auszubessern.

Der Vertrag

Im Hause des Bankiers Danglars bereitete man sich auf die Unterzeichnung des Heiratsvertrages von Eugenie und dem Prinzen Andrea Cavalcanti vor. Dieser würde Andrea mit einem Federzug in den Besitz einer Mitgift von 500 000 Francs bringen.

Die vornehmste Gesellschaft war im Salon Danglars versammelt, der im Schein zahlloser Kerzen erstrahlte. Eugenie wirkte in ihrem Kleid von weißer Seide wie eine Rose, die eben gepflückt worden ist.

Alles war zur Unterschrift bereit, die Feder bereits in Tintenfass getaucht, da entwickelte sich ein Gespräch zwischen den Damen Danglars, von Villefort und dem Grafen von Monte Christo, über den Verbleib des Staatsanwaltes.

Der Graf berichtete, dass er am Morgen in seinem Haus eine blutverschmierte Weste gefunden hatte, die offensichtlich dem Mordopfer Caderousse gehört hatte. Er brachte diese, zusammen mit einem Brief, der sich darin befand, sofort zu Herrn von Villefort. Die Kehle von Andrea Cavalcanti schnürte sich ahnungsvoll zu. Unbemerkt schob er sich am Rand Richtung Ausgang.

Die Damen waren entsetzt. "Mein Herr Graf, was hat das mit uns zu tun? War der Ermordete nicht ein entsprungener Galeerensträfling?", Danglars war äußerst irritiert und verärgert über diese Störung, deren Sinn er nicht erkannte. Cavalcanti aber erreichte die Türe, öffnete sie, drückte sich rücklings hindurch und entwischte.

"Ja, ganz recht! Verzeihen Sie, ich wollte nur erklären, weshalb der Staatsanwalt heute nicht hier sein kann. Aber unterschreiben sie doch!"

"Prinz Cavalcanti!", rief der Notar, die Feder in der Hand.

In diesem Augenblick stürmte ein Gendarmerieoffizier durch die Flügeltür. Zwei Polizisten wurden davor postiert. "Wer von Ihnen nennt sich Andrea Cavalcanti?", fragte er laut in den Salon.

Schreie des Erstaunens ertönten in allen Winkel. "Was ist mit ihm?", wollte Danglars wissen, mehr als verwirrt.

"Sein richtiger Name ist Benedetto und er ist ein entflohener Galeerenhäftling. Er ist angeklagt, einen Menschen namens Caderousse, der sein Kettengenosse war, im Haus des Grafen Monte Christo ermordet zu haben."

Danglars suchte Halt. Ihm war, als öffne sich die Erde unter ihm.

Sein Haus leerte sich nach dieser Ankündigung so rasch wie ein Wassertopf, in den ein großes Loch geschlagen worden war. Auch Eugenie packte ihre Sachen und reiste, zusammen mit ihrer Mutter, ab.

Niedergedrückt von diesem Schicksalsschlag, und noch heftiger zu Boden geschleudert von Geschäften mit Millionenverlusten, die ihn zum selben Zeitpunkt heimsuchten, raffte er die letzten verbliebenen Wertpapiere an sich und verließ eine Nacht später ebenfalls sein Haus, um nie wieder dorthin zurück zu kehren. Er musste es tun, wollte er dem drohenden Konkurs und der Schande entgehen.

Die Erscheinung

Der Tüchtigkeit der Polizei, die sich der noch jungen Erfindung des Telegrafen bedienen konnte, war es zu danken, dass der Mörder Benedetto in einem Gasthaus an der Landstraße verhaftet werden konnte. Man führte ihn, der eben aus der schwindelnden Höhe eines Prinzen Cavalcanti herabgestürzt war, in die Hauptstadt zurück.

Villefort war entschlossen, unbarmherzig zu sein. Die Akten sagten ihm deutlich genug, wer dieser junge Mann war: Bereits im Alter von sechzehn Jahren wegen Fälschung zu fünf Jahren Galeere verurteilt, entwich er, maßte sich Titel und Würden an, wurde zum Hochstapler und schließlich zum Mörder.

Valentine war noch nicht völlig wiederhergestellt; gelähmt vor Müdigkeit, hütete sie das Bett. Ihr Großvater, ihr Vater und einer Wärterin, die der Arzt abgestellt hatte, wachten abwechselnd rund um die Uhr bei ihr. Als sich die Wärterin einmal entfernte, glaubte sie dass die Türe sich öffnete, ohne das geringste Geräusch zu machen.

Sie erschrak bis in die Tiefe ihres Herzens, als plötzlich eine Erscheinung vor ihrem Bett auftauchte. Ein Mann, schwarz wie die Nacht, flüsterte: "Erschrecken Sie nicht, und schweigen Sie! Ich bin der Graf von Monte Christo. Ich habe das Nebenhaus gemietet, um Ihnen nahe zu sein, um Sie zu retten. Es gibt einen geheimen Gang, den ich benutze. Vertrauen Sie mir Valentine, Sie sind in größter Gefahr. Aber ich werde Ihnen helfen. Ich bin ein Freund Maximilian Morels, ja mehr als das, ich liebe ihn wie meinen Sohn!"

Nach einer Pause der Besinnung antwortete Valentine leise: "Da Sie sich auf Maximilian berufen, mein Herr Graf, so will ich Ihnen glauben. Und da Sie mir helfen wollen, sagen Sie mir, was ich tun muss."

"Valentine", erklärte er mit beschwörender Stimme, "Sie müssen nun sehr stark sein. Man will Sie ermorden. Drei Menschen mussten bereits vor Ihnen sterben!"

"Oh, du mein Gott! Aber warum?"

"Weil Sie reich sind, Valentine! Sie haben 200 000 Francs Rente, und dieses Geld entziehen Sie dem Sohn von Frau von Villefort…"

"Meine Stiefmutter? Nein, das glaube ich niemals!"

"Hören Sie zu, dann werden Sie erkennen. Damit Sie erben, mussten Herr und Frau von Saint-Meran bereits sterben, damit Sie wieder erben, sollte Herr von Noirtier sterben, was deshalb misslang, weil er zufällig von seinem Arzt dasselbe Gift bereits in kleinen Mengen bekommen hatte und daher immun war. Doch nun hat er Ihnen sein Erbe vermacht, und jetzt sollen Sie dahingehen, damit der kleine Eduard in den Besitz all Ihrer Reichtümer kommen kann."

Valentine schwieg verwirrt.

"Was soll ich tun, mein Herr Graf?"

"Befolgen Sie meinen Rat. Was Ihnen auch widerfahren mag, erschrecken Sie nicht. Sie werden womöglich Ihr Gefühl und Ihr Gehör verlieren, fürchten Sie nichts. Wenn Sie erwachen, ohne zu wissen, wo Sie sind, haben Sie nicht Angst, und sollten Sie sich in einem Grabgewölbe oder in einem Sarg befinden, sammeln Sie sogleich Ihren ganzen Mut und sagen Sie sich, dass ein Freund über Sie wacht!"

Valentine heftete ihren Blick voll Dankbarkeit auf die dunkle Gestalt, wie ein Kind. Der Graf zog eine kleine Dose aus seiner Westentasche und reichte Valentine eine Pastille in der Größe einer Erbse. Valentine schob sie in den Mund und verschluckte sie. Monte Christo blieb noch bei dem Mädchen sitzen, das aufgrund der Narkosewirkung des Mittels langsam einschlief.

Am nächsten Morgen wurde das Haus Villefort von dem Schrei erschüttert: "Valentine ist tot!"

Valentine und Maximilian

"Zu Hilfe, zu Hilfe", schrie Herr von Villefort, aus seiner Kammer stürzend.

"Wie zu Hilfe?", entgegnete unten von der Treppe die Stimme des Arztes. Es war die Stunde, zu der der Doktor gewöhnlich kam.

"Doktor, kommen sie schnell - Valentine."

Man brachte die Leblose in das Zimmer ihres Großvaters, Herrn Noirtier. Der Arzt murmelte: "Auch sie…"

Herr von Villefort sank in sich zusammen. In diesem Augenblick trat Maximilian Moral ein. Er starrte Valentine an und fiel vor ihrem Bett auf die Knie. Der Schmerz von Maximilian war so heftig, dass alle Anwesenden sich abwandten, um ihre Rührung zu verbergen. Plötzlich sagte er: "Herr von Villefort, Valentine ist ermordet worden. In Ihnen sind zwei Menschen: der Vater muss nun aufhören zu trauern, damit der Staatsanwalt mit seiner Arbeit beginnen kann."

Da sagte der Arzt: "Auch ich fordere Gerechtigkeit. Mein Herz blutet bei dem Gedanken daran, dass ich zu nachgiebig war. Dadurch konnte der Mörder ein viertes Mal zuschlagen."

"Meine Herren, sie sprechen im Fieberwahn", entfuhr es dem Staatsanwalt, der sich verzweifelt gegen das Schicksal aufbäumen wollte.

Herrn von Noirtiers Augen flammten, obwohl der Greis an seinen Rollstuhl gefesselt war. Villefort fing diesen Blick auf. Er befragte seinen Vater und dieser verlangte, mit seinem Sohn alleine zu sein. Maximilian und der Arzt fügten sich der Bitte und verließen den Raum.

Nachdem eine Viertelstunde vorbei war, hörte man wankende Schritte, und Villefort erschien auf der Schwelle des Zimmers in welchem die beiden Herren in Gedanken versunken warteten. Das Gesicht des Staatsanwaltes war leichenblass.

"Meine Herrn", sprach er mit gepresster Stimme, "geben Sie mir Ihr Ehrenwort, dass das furchtbare Geheimnis niemals jemand erfährt."

Die Männer schüttelten entschieden ihre Köpfe.

"Ich beschwöre Sie!"

"Doch der Mörder…", rief Maximilian Morel.

"Seien Sie unbesorgt. Mein Vater hat mir den Namen des Mörders genannt. Er wird seinem Richter zugeführt. Herr Noirtier dürstet nach Rache wie Sie, und dennoch beschwört auch er Sie, zu schweigen. Ich habe ihm mein Wort gegeben, dass Valentine gerächt werden wird!"

"So will ich einen Priester holen", erklärte Maximilian nach einer Pause, als auch der Arzt genickt hatte. "Seit kurzen wohnt im Nebenhaus ein Geistlicher, den werde ich rufen."

Der Abbé Busoni kam und erfüllte die an ihn gerichtete Bitte. Er verlangte mit der Verstorbenen allein zu bleiben, ließ sich an ihrem Bett nieder und versank in ein schweigendes Gebet.

Valentine, das liebliche Mädchen wurde in der Gruft der Familien von Saint-Meran und Villefort beigesetzt. Die Anteilnahme der vornehmen Gesellschaft war groß, die Verwunderung über die so rasch aufeinander gefolgten Todesfälle nicht minder.

Maximilian Morel, der junge Kapitän, der Valentine so heiß geliebt hatte wie sein Leben, war vom Schmerz erschüttert. Monte Christo erschien gerade noch im richtigen Moment, um das Schlimmste zu verhindern. Die geladene Pistole lag vor Maximilian auf dem Tisch.

"Töten Sie sich nicht, Maximilian", sprach Monte Christo zu ihm, indem er die Waffe an sich nahm.

"Woher nehmen Sie dieses Recht?", fragte Maximilian aufgebracht. "Sie, der Sie mir so viele Hoffnungen gemacht haben?"

"Ich will nicht, dass der Sohn des Mannes, den ich verehrte, heute stirbt!"

"Warum sprechen Sie von meinem Vater?"

Da sah der Graf Maximilian fest in die Augen: "Weil ich derjenige bin, der deinen Vater rettete, als er sich ebenfalls das Leben nehmen wollte, weil ich der Mann bin, der deiner jungen Schwester die Geldbörse für ihre Heirat gab. Ich bin Edmond Dantes, der dich als Kind auf seinem Schoß spielen ließ!"

Da bebte Maximilian. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er Monte Christo an. "Sie…", stammelte er.

Und Monte Christos Augen wurden feucht. Er sagte: "Ich reise ab, Maximilian. In acht Tagen bin ich von diesem Land entfernt, in dem mein Vater vor Hunger und Schmerz starb. Versprechen Sie mir tapfer zu sein und mir zu vertrauen!"

Überwältigt von den Worten des Grafen murmelte Maximilian: "Ich werde den Tod nicht mehr suchen! Der Schmerz wird mein täglicher Begleiter sein!"

"Du wirst bei mir leben, Maximilian", erklärte Monte Christo. "Du wirst mich nicht mehr verlassen und in acht Tagen haben wir Frankreich hinter uns."

"Und Sie machen mir immer noch Hoffnung?"

"Ja, denn ich kenne ein Mittel, dass dich wieder glücklich macht. Von heute an wohnst du in Haydees Zimmer…"

"Haydee? Was wurde aus ihr?"

"Sie ist abgereist, aber nur, um mich an einem anderen Ort zu erwarten. Komm in mein Haus, Maximilian, und verlasse dieses hier, ohne dass man dich sieht!"

Maximilian neigte das Haupt. Er war wie ein Kind, das gehorchte.

Der Richter

Paris wartete auf den Prozess, der gegen den Mörder des Galeerensträflings Caderousse gehalten werden sollte, gegen Benedetto, der sich als Prinz Andrea Cavalcanti Zugang zu den höchsten Kreisen erschlichen hatte. Der Staatsanwalt Villefort bereitete sich mit aller Gründlichkeit darauf vor.

Am Tag der Verhandlung, musste er allerdings vor Verlassen des Hauses noch eine bittere Pflicht erfüllen. Fertig angekleidet, ließ er sich bei seiner Frau melden. Ohne Umschweife kam er auf den Punkt: "Wo haben Sie das Gift, mit dem Sie den Herrn Marquis von Saint-Meran, danach die Marquise und schließlich Valentine ermordet haben?"

Die Wucht dieser Anklage traf Frau von Villefort schwer. "Mein Herr", stammelte sie, "ich verstehe Sie nicht!"

"Es gibt keinen Zweifel", entgegnete Herr von Villefort. "Zunächst fiel der Verdacht auf meine liebe Tochter, ich leugne es nicht, aber nun ist dieser Engel tot. Zu Ihnen spricht jetzt nicht Ihr Gatte, sondern Ihr Richter! Auf die Giftmischerin wartet das Schafott!"

"Oh, mein Gott", rief Frau von Villefort. Wilder Schrecken ergriff sie.

"Aber fürchten Sie das Schafott nicht", fuhr der Staatsanwalt leise, wenn auch unbarmherzig fort. "Ich will Sie nicht entehren. Ich fragte Sie, wo Sie das Gift aufbewahrt haben. Nun - ich verlasse Sie jetzt, um die Todesstrafe für einen Mörder zu fordern. Inzwischen werden Sie wissen, was Sie zu tun haben! Kehre ich heim und finde Sie noch lebend, so ist heute Nacht der Kerker Ihre Wohnung!"

"Oh, Gnade! Bedenken Sie, dass ich Ihre Frau bin!"

"Sie sind eine Giftmischerin, Madame."

Der Staatsanwalt verließ seine verstörte Frau. Er war zwar vernichtet von der Last all des Unglücks, aber doch auch gestärkt durch das Gefühl, seine Pflicht erfüllt zu haben.

Er wurde im Gerichtsgebäude erwartet. Für viele war Andrea Cavalcanti, der Korse Benedetto, entweder Opfer oder doch ein Irrtum der Justiz. Die Beweise, die Anschuldigung eines Sterbenden, erschienen nicht ausreichend, nicht erdrückend genug. Man war gespannt, wie Herr von Villefort die Beweiskette schließen würde.

Unter den zahlreich erschienenen Persönlichkeiten sah man auch eine tief verschleierte Dame, die niemand erkannte. Der Angeklagte selbst vermittelte übrigens den Eindruck vollkommener Ruhe, sogar eine auffällige Überlegenheit.

Villefort zögerte nicht mit seinem Plädoyer. Selten war er so beredet wie an diesem Tag. Er schilderte die Verbrechen Benedettos in den lebhaftesten Farben. Er musterte dabei den Angeklagten immer wieder durchdringend.

Endlich endete der Staatsanwalt und wandte sich scheinbar gleichgültig seinen Akten zu. Nun befragte der Präsident den Angeklagten. "Ihr Alter?"

"Ich bin einundzwanzig Jahre, geboren wurde ich in der Nacht vom 27. auf den 28. September 1817."

Herr von Villefort hob den Kopf.

"Zur Welt kam ich in Auteuil bei Paris", fuhr Benedetto ruhig fort.

Herr von Villefort hielt den Atem an.

Benedetto sagte: "Anfangs war ich Fälscher, dann wurde ich Dieb, schließlich Hochstapler und Mörder!"

Ein Sturm der Entrüstung über so viel Unverfrorenheit ging durch den Saal. Herr von Villefort wischte sich den kalten Schweiß von der Stirn. Die verschleierte Dame wankte, man musste sie stützen.

"Wie ist Ihr Name?", fragte der Präsident, ebenfalls aus der Fassung gebracht.

"Ich kenne meinen Namen nicht", war die Antwort.

"Ich kann Ihnen jedoch sagen, dass mein Vater Staatsanwalt ist!"

"Wie?", rief der Präsident, außer sich vor Entrüstung und Staunen.

"Staatsanwalt", bekräftigte Benedetto. "Und Sie kennen ihn, denn er steht vor Ihnen, er heißt Villefort."

Das war wie ein Donnerschlag für die Anwesenden. Villefort brach zusammen, mehrere Personen bemühten sich um ihn. Die verschleierte Dame war in Ohnmacht gefallen, man versuchte es mit Riechsalz, und sie kam wieder zu sich, blieb aber äußerst matt. Der Präsident ermannte sich: "Sie haben bei der Untersuchung gesagt, Sie seien Waise!"

"Ich wiederhole Ihnen, dass ich in Auteuil geboren wurde, in der Nacht vom 27. auf den 28. September, und zwar als Sohn des Staatsanwaltes Villefort. Es war im ersten Stock des Hauses Nr. 28 Rue de la Fontaine, in einem mit rotem Damast austapezierten Zimmer. Mein Vater erklärte meiner Mutter, ich sei tot, und wickelte mich in eine mit einem H bestickte Serviette. Er trug mich in den Garten, wo er mich lebendig begrub."

Ein Schauer durchlief alle Anwesenden.

"Aber Sie leben", schrie der Präsident den Angeklagten an.

"Ein Korse, der an Herrn von Villefort die Vendetta ausüben wollte, verwundete ihn mit einigen Messerstichen. Danach grub er das Kistchen aus, in dem ich lag, brachte mich ins Waisenhaus, wo er mich später wieder abholte und mich zu seiner Schwester brachte, die mich aufzog."

"Und Ihre Mutter?", fragte der Präsident tonlos.

"Meine Mutter hielt mich für tot. Sie ist schuldlos, und ich kenne sie nicht", erklärte der Mörder Benedetto. Die verschleierte Frau stieß einen Schrei aus. Sie hatte einen Zusammenbruch erlitten. Man trug sie aus dem Saal. Dabei wurde ihr Schleier verschoben, und man erkannte Madame Danglars.

"Wo ist der Beweis für Ihre ungeheuerliche Behauptung?", herrschte der Präsident den Angeklagten an.

Was keiner wusste, Bertuccio, der Verwalter des Grafen von Monte Christo, hatte Benedetto im Gefängnis besucht, und ihm die ganze Geschichte erzählt. Doch er erklärte schlicht: "Sehen Sie Herrn von Villefort an, das ist der Beweis! Oder soll ich noch einen Beweis geben, mein Vater", redete er Herrn von Villefort direkt an.

"Nein, nein", rief dieser. "Nein, es ist unnötig! Es wäre vergeblich, mich der rächenden Hand Gottes zu entziehen. Keine Beweise mehr! Alles, was der junge Mann gesagt hat, ist wahr. Ich halte mich von dieser Stunde an zur Verfügung meines Nachfolger!"

Herr von Villefort sprach diese Worte mit erstickter Stimme, danach verließ er den Saal wie ein Flüchtender.

Die Versammlung blieb stumm, bis die Anspannung in eine ungeheure Erregung umschlug. Der Präsident hob die Sitzung auf: "Der Prozess muss neu eingeleitet werden!"

Polizisten führten Benedetto hinaus. Man rechnete damit, dass man ihm mildernde Umstände zubilligen werde.

Sühne

Herr von Villefort hastete zurück in sein Heim, von Verzweiflung und Angst gejagt. Schlimme Selbstvorwürfe marterten ihn. Er hatte seine Frau verdammt, gerichtet, und war doch selbst schuldig vor Gott und den Menschen.

Er hatte Angst, aber er hoffte doch, das Allerschlimmste noch verhindern zu können. Am Eingang des Zimmers stand Frau von Villefort, bleich, das Gesicht zusammengezogen, und schaute ihn mit furchtbar starren Augen an.

"Heloise", rief er, "was haben Sie, sprechen Sie!"

"Es ist geschehen, mein Herr", röchelte sie; "was wollen Sie noch mehr von mir?" Und sie stürzte auf den Boden. Dahinter auf dem Sofa erkannte er seinen Sohn, Eduard. Herr von Villefort hatte vergeblich gehofft! Seine Frau hatte den geliebten Sohn ebenfalls durch Gift getötet, um ihn mit sich in die Ewigkeit zu nehmen.

Villefort sank auf die Knie. Abbé Busoni, der bei dem alten Herrn Noirtier gewacht hatte, näherte sich ihm.

"Was wollen Sie", stöhnte Villefort.

"Ich komme, um Ihnen zu sagen, dass Sie Ihre Schuld hinreichend bezahlt haben und dass ich Gott bitten werde, er möge zufrieden sein, so wie ich es bin!"

"Mein Gott, ich kenne Ihre Stimme, Sie sind ja gar nicht der Abbé!"

Der Abbé nahm die Perücke ab und schüttelte sein schwarzes Haar. "Ich bin Edmond Dantes, den du zu einem langsamen, abscheulichen Tod verurteilt hattest. Du hast meinen Vater getötet, du hast mir die Liebe und die Freiheit geraubt, du hast mich unschuldig ins Kastell Iff verbannt!"

"Ah, jetzt erkenne ich dich, und alles ist dein Werk! Sieh nur, meine Frau, mein Kind! Bist du nun gerächt?" Villefort zerriss sich das Hemd vor der Brust.

Monte Christo erkannte, dass Herr von Villefort den Verstand verloren hatte. Er begriff, dass er die Rache übertrieben hatte. Nun sah er in den Abgrund des Zweifels. Er murmelte: "Der Dritte! Genug der Rache, retten wir den Letzten!"

Er stürzte aus dem Haus. Am nächsten Tag verließ er Paris zusammen mit Maximilian Morel. Ihr Ziel war Marseille.

Je weiter sich der Graf von Paris entfernte, desto mehr umgab ihn eine gewaltige Heiterkeit. Es war, als kehrte ein Verbannter in sein Vaterland zurück. Marseille erschien bald vor ihren Augen.

"Lieber Freund, haben Sie etwas in der Gegend zu erledigen?", fragte Monte Christo.

"Ich möchte das Grab meines Vaters besuchen", antwortete Morel, "wollen Sie mich begleiten?"

"Leider nein, ich habe noch einen wichtigen Besuch zu machen."

Monte Christo wartete bis Maximilian verschwunden war, dann lief er zu dem Haus, das wir schon am Anfang der Geschichte kennen gelernt haben. Für ihn waren die ausgetretenen Stufen vor der Tür alte Bekannte. Er trat ein, ohne anzuklopfen. Auf der Schwelle angelangt vernahm ein Seufzen. Als sein Blick ihn verfolgte, sah er Mercedes.

Mercedes hob den Kopf und stieß einen Schrei des Schreckens aus.

"Madame, leider kann ich Ihnen kein Glück bringen, aber ich möchte Sie bitten den Trost eines Freundes anzunehmen."

"Ich bin tatsächlich sehr unglücklich", erwiderte Mercedes. "Allein auf dieser Welt, und soeben ist auch noch Albert abgereist."

"Er wird sein Glück machen." Der Graf schlug die Augen auf und betrachtete Mercedes, die ihre Hände nach ihm ausstreckte. Er ging einen Schritt auf sie zu und reichte ihr schweigend die Hand. Tränen liefen ihr übers Gesicht - sie zerbrach beinahe an der gewaltigen Flut von Erinnerungen.

Monte Christo nahm ihre Hand und küsste sie ehrfürchtig, aber sie fühlte, dass diesem Kuss die Glut fehlte. "Nun sagen Sie mir Lebewohl, Edmond, hier trennen sich unsere Wege erneut."

Nachdem sich ihre bebenden Finger berührt hatten, stürzte Mercedes zur Treppe und verschwand.

Monte Christo verließ langsam das Haus und schlug den Weg zum Hafen ein. Er ließ Mercedes zurück und würde sie wohl nie wieder sehen.

Seit dem Tod des kleinen Eduard war eine große Veränderung in Monte Christo vorgegangen. Zweifel nagten an ihm, ob der Plan, den er seit zehn Jahren verfolgte wirklich richtig war.

Reue

Ein Mann reiste mit der Postkutsche nach Rom. Er war der einzige Passagier im Wagen. In seinem Gepäck hatte er Papiere im Wert von fünf Millionen Francs, die er zu Geld machen wollte, um damit ein neues Leben beginnen zu können. Dieser Mann war der Bankier Danglars.

Es wurde Nacht, als die Kutsche auf der Via Appia angehalten wurde. Dunkle Gestalten rissen ihn aus dem Wagen. Man führte ihn auf Umwegen in ein Gemäuer, das die Umrisse eines römischen Monumentes hatte. Danglars wurde in eine Höhle geworfen. Dort hielt man ihn mehrere Tage ohne Essen.

Er erfuhr, dass er sich den Händen des berüchtigten Räubers Vampa befand, aber verstand nicht, dass ihn dieser nicht gegen ein Lösegeld freiließ. Er wurde verrückt vor Hunger und zahlte Hunderttausende für ein Hähnchen und ein Glas Wein. All seine Reichtümer schmolzen dahin, nur um Nahrung zu bekommen. Als das Geld zur Neige ging, ließ man ihn wieder hungern.

Die Verzweiflung wurde so groß, dass er zu sterben wünschte. Erst, als er buchstäblich am Boden war und die Brotkrümel aufsammelte, trat ein Unbekannter in sein Verlies.

"Wer sind Sie", schrie Danglars ihn an. "Ich leide grausam!"

"Es gibt Menschen, die mehr gelitten haben", war die Antwort.

"Das waren Märtyrer!"

"Bereuen Sie, was sie getan haben?", fragte die düstere, feierliche Stimme.

"Was soll ich bereuen?"

"All die bösen Taten."

"Oh ja, ich bereue, ich bereue es! Aber wer sind Sie eigentlich?" Danglars Augen versuchten, die Dämmerung zu durchdringen. Dann ahnte er die Wahrheit: "Ah, Sie sind der Graf von Monte Christo!"

"Sie täuschen sich! Erinnern Sie sich genauer! Ich bin derjenige, den Sie verkauft, preisgegeben, entehrt haben! Ich bin derjenige, dessen Braut Sie mit Schmach bedeckten, ich bin derjenige, dessen Vater Sie vor Hunger sterben ließen. Aber ich vergebe Ihnen dennoch, weil ich mich selbst schuldig gemacht habe. Ich bin Edmond Dantes!"

Danglars schrie auf.

"Stehen Sie auf", sagte der Graf. "Ihr Leben bleibt unverletzt, ein solches Glück widerfuhr Ihren Genossen nicht. Caderousse starb von Mörderhand. Fernand erschoss sich selbst, Villefort hat den Verstand verloren. Es ist genug! Behalten Sie die restlichen 50 000 Francs, die Sie noch haben, und beginnen Sie ein neues Leben!"

Danglars sah, wie sich die dunkle Gestalt entfernte. Er war zu benommen, zu vernichtet, um irgendetwas denken zu können.

Die Banditen gaben ihm reichlich zu essen und zu trinken, er nahm alles zu sich wie im Traum. Dann ließ ihn Vampa frei.

Warten und Hoffen

Es war ungefähr sechs Uhr abends; das Licht der Herbstsonne fiel mit goldenen Strahlen auf das blau schimmernde Meer. Auf den Wellen glitt eine leichte Jacht dahin. Am Bug standen der Graf von Monte Christo und Maximilian Morel.

"Ist das die Insel Monte Christo?", fragte der junge Kapitän und deutete auf eine düstere, kegelförmige Felsformation.

"Ja, mein Freund", antwortete der Graf.

"Ich habe Ihnen mein Versprechen gegeben, einen Monat zu warten, aber nun will ich sterben. Meine Trauer um Valentine schmerzt jeden Tag noch mehr."

In der Zwischenzeit hatte die Jacht angelegt und Monte Christo hieß dem jungen Mann ihm zu folgen. Als er ihn in eine Grotte führte, sagte er: "Warten Sie noch ab."

Obwohl Maximilian sterbenstraurig war, staunte er nicht schlecht. Er fand Teppiche zu seinen Füßen und ihn umgaben wunderbare Düfte. Hunderte von Kerzen verströmten ein märchenhaftes, magisches Licht. Monte Christo forderte seinen Gast auf, sich auf einem weichen Kissen niederzulassen.

Dann sagte er zu ihm: "Sie wollen sterben, mein Freund. Der Tod ist entweder unser Freund, der uns wiegt, wie eine Mutter ihr Kind, oder unser Feind, der uns die Seele aus dem Leib reißt. Aber wenn Sie nun das Leben verlassen, Morel, dann haben Sie so vieles nicht erlebt. Ich biete Ihnen ein Vermögen…"

"Graf, lassen Sie mich bitte gehen!"

"Nun gut, Maximilian, wie Sie wollen. Aber warten Sie noch einen kleinen Moment."

Der Graf stand auf, holte ein Kästchen, öffnete es und bot Morel auf einem goldenen Löffel eine grünliche, salbenartige Substanz an. Morel nahm sie in den Mund und bedankte sich.

Allmählich wurde das Licht auf eine unbegreifliche Weise bleich. "Ich fühle, dass ich sterbe", murmelte Morel, "noch einmal vielen Dank!" Es war ihm, als ob der Graf wüchse. Riesenhaft öffnete dieser eine Tür, sogleich erstrahlte der Saal. Auf der Schwelle erschien eine wunderschöne Frau.

"Ein Engel", murmelte Morel. "Der Himmel öffnet sich! Valentine, oh, Valentine!"

Sie stürzte auf ihn zu.

Monte Christo lächelte. "Er träumt", sagte er, "aber er wird bald erwachen. Von nun an sollt ihr euch nie mehr trennen. Ich habe euer beider Leben gerettet, ich hoffe Gott wird es mir anrechnen."

Valentine ergriff die Hand von Monte Christo und drückte sie an ihre Lippen. Er murmelte: "Sagen Sie mir, dass ich Sie glücklich gemacht habe. Sie ahnen nicht, wie sehr ich diese Gewissheit brauche!"

"Oh ja, ich danke Ihnen", rief Valentine. "Fragen Sie Haydee, die mich seit unserer Abreise aus Frankreich begleitet hat und für mich wie eine Schwester ist."

"Haydee wie eine Schwester? So sind Sie sich eng verbunden? Darf ich Sie um eine große Gunst bitten, Valentine? Kümmern Sie sich zusammen mit Morel um Haydee, denn sie wird nun ganz allein auf der Welt sein!"

"Allein auf der Welt?", wiederholte eine Stimme im Hintergrund. "Und warum?"

Monte Christo fuhr herum. Da stand Haydee und schaute den Grafen mit ihren dunklen Augen an.

Er antwortete: "Weil du frei bist, meine Tochter, und weil ich dir all deine Reichtümer und den Fürstentitel deines Vaters zurückgebe."

"Also willst du mich verlassen?"

"Du bist jung, du bist schön, vergiss mich, und werde glücklich!"

"Wenn du stirbst, werde auch ich sterben!"

"Wie?", rief Monte Christo, "würdest du denn glücklich sein können, wenn ich bei dir bliebe?"

"Ich bin jung, ich liebe das Leben, aber ohne dich ist es mir nichts wert."

"Du liebst mich also?"

Haydee wandte sich Valentine zu, jetzt lächelte sie: "Er fragt, ob ich ihn liebe, Valentine - sage ihm, ob du Maximilian liebst!"

Da öffnete Edmond Dantes seine Arme und mit einem Aufschluchzen sank Haydee an seine Brust.

"Ja, ich liebe dich", sprach sie.

"Du geliebter Engel. Ich wollte mich selbst bestrafen, für das, was ich meinen Feinden angetan habe. Doch Gott will es nicht. Haydee, wer weiß, deine Liebe wird mich vielleicht vergessen lassen, was ich vergessen muss."

Seinen Arm um den Hals des Mädchens schlingend, drückte er Valentine die Hand und verschwand.

Es verging ungefähr eine Stunde, bis Morel erwachte. Er war mit Valentine allein und konnte sein Glück kaum fassen. Der Graf und Haydee hatten die Insel verlassen und das junge Paar fand eine Nachricht vor:

"Mein lieber Maximilian: ein Boot liegt für Sie vor Anker. Jacopo wird Sie nach Livorno bringen, wo Herr Noirtier seine Enkelin erwartet, um eure Ehe zu segnen. Alles, was sich in der Grotte befindet, mein Freund, und mein Haus in Paris, sind Hochzeitsgeschenke von Edmond Dantes, für den Sohn des Reeders Morel.

Wenn Sie sich fragen, warum ich sie im Glauben ließ zu sterben; man muss die Nähe des Todes gespürt haben, um zu wissen, wie schön das Leben ist. Lebt also und seid glücklich, geliebte Kinder. Und vergesst nie: die menschliche Weisheit besteht aus zwei Worten: Warten und Hoffen! Euer Freund Edmond Dantes, Graf von Monte Christo."

Die beiden jungen Leute traten aus der Grotte, überflutet vom Tageslicht. Auf der dunkelblauen Linie des Horizontes, dort, wo der Himmel aus dem Meer stieg, erblickten sie ein weißes Segel das sich von der Insel Monte Christo entfernte.

Der Klassiker DER GRAF VON MONTE CHRISTO von Alexander Dumas (1802-1870) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Coppin & Paul Gavarni (1804-1866)hergestellt.


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