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Das Dschungelbuch

von Rudyard Kipling

Vorwort

Die berühmteste Geschichte des Dschungelbuchs ist die von Mowgli, der seinen Eltern als Kleinkind geraubt wird und im Dschungel bei einem Wolfsrudel aufwächst, bis er zu den Menschen zurückkehrt. Gerade die Geschichte um Mowgli und die wilden Tiere des Dschungels zeigen, dass auch in der scheinbar freien Natur feste Verhaltensregeln und Gesetze gelten. Ohne Gemeinschaft ist im Dschungel kein Überleben möglich.

Besonders reizvoll beschreibt Rudyard Kipling die Tierfiguren, die zwar menschliche Züge tragen, aber gleichzeitig ihrer Natur gemäß handeln.

Der Autor dieser Geschichten, Joseph Rudyard Kipling, wurde am 30. Dezember 1865 in Indien geboren. Damals gehörte Indien noch zum britischen Kolonialreich. Kiplings Eltern waren Engländer. Mit sechs Jahren wurde Rudyard Kipling nach England geschickt, weil er dort seine Schulbildung bekommen sollte.

Mit 17 Jahren kehrte er nach Indien zurück. Hier arbeitete er zunächst als Journalist für eine Tageszeitung in Lahore. Dann reiste er einige Jahre durch die ganze Welt. Gleichzeitig schrieb er Kurzgeschichten, Reportagen und Reiseberichte für verschiedene Zeitungen.

1889 kehrte Rudyard Kipling nach England zurück und lebte mit seiner Familie (inzwischen hatte er geheiratet) in Südengland.

Mit dem erstmals 1894 erschienenen "Dschungelbuch", einer Sammlung von Geschichten, die durch seine Zeit in Indien und Eindrücke auf seinen Reisen geprägt sind, erreichte er internationalen Ruhm. 1895 ließ er einen zweiten Band "Das neue Dschungelbuch" folgen. Kipling schrieb noch viele andere erfolgreiche Bücher und Erzählungen. Er gilt als Meister der englischen Kurzgeschichte und erhielt viele Auszeichnungen. Unter anderem den Nobelpreis für Literatur im Jahre 1907. Er starb im Alter von 70 Jahren, am 18. Januar 1936, in London.

Nun taucht ein in die Gesetze des Dschungels und lest selber nach, was die Geschichten des Dschungelbuchs erzählen. Ich wünsche euch allen viel Spaß mit den Abenteuern von Mowgli und seinen Freunden!

Nachtgesang im Dschungel

Der Geier Chil ruft her die Nacht,
die Mang, die Fledermaus, frei gemacht.
Die Herden stehen sicher in Hütte und Stall,
denn wir jagen bis zum Morgenstrahl.

Für Kraft und Macht ist jetzt die Zeit,
Reißzahn und Schnabel und Kralle.
O hört den Ruf! Folgt dem Dschungelgesetz,
dann gibt es gute Jagd für alle.

Mowglis Brüder - Teil 1

Es war um sieben Uhr an einem sehr warmen Abend in den Seeonee-Hügeln. Vater Wolf erwachte vom Tagesschlaf, kratzte sich und gähnte. "Uahh!", sagte er. Mutter Wolf lag mit ihrer grauen langen Nase quer auf ihren vier fiependen Jungen. Der Mond schien in den Eingang der Höhle, in der sie alle hausten.

Gerade als Vater Wolf die Höhle verlassen wollte, um sich auf die Jagd zu begeben, tauchte der Schakal - Tabaqui, der Tellerlecker - am Eingang auf. Die Wölfe von Indien verachten Tabaqui, weil er durch die Gegend rennt und Unheil stiftet, Klatschgeschichten verbreitet und Lumpen von den Abfallhaufen des Dorfes verschlingt.

Aber, wenn der Schakal mal wieder seinen Verstand verlieren sollte, fürchteten sich alle vor ihm. Dann hat er vor nichts und niemandem mehr Angst, rast durch den Wald und beißt jeden, der ihm über den Weg läuft. Selbst der Tiger springt vor dem wahnsinnigen kleinen Tabaqui davon. Dieser Wahnsinn ist das Ärgste, was einem wilden Geschöpf zustoßen kann. Wir bezeichnen ihn als Tollwut; die Tiere nennen ihn Dewanee und ergreifen die Flucht.

Missmutig ließ der Wolf den kleinen Tabaqui in die Höhle. Obwohl Vater Wolf betonte, dass er kein Futter übrig hätte, kaute der Schakal nach kurzer Zeit an dem Knochen eines Bocks, an dem noch etwas Fleisch hing. Er leckte seine Lippen und bedankte sich. Bevor er ging, erzählte er boshaft: "Shir Khan der Große hat seine Jagdgründe gewechselt. Er möchte etwa einen Monat lang in diesen Hügeln jagen!"

Shir Khan war der Tiger, der zwanzig Meilen entfernt in der Nähe des Wainganga-Flusses lebte. Vater Wolf war aufgebracht. Nach dem Gesetz des Dschungels hatte Shir Khan nicht das Recht, ohne Ankündigung sein Gebiet zu wechseln. Vater Wolf fürchtete um seine Beute - wo er doch gerade jetzt für zwei töten musste.

Mutter Wolf beruhigte ihn. Nannte man den Tiger auch Lungri, der Lahme. Er war von Geburt an auf einer Pfote lahm, deshalb schlug er nur Herdenvieh. Sie sagte: "Shir Khan hat die Dorfleute von Wainganga gegen sich aufgebracht und wird jetzt die hiesigen Dorfleute in Wut bringen. Sie werden den Dschungel nach ihm durchkämmen. Wenn er weit fort ist und das Gras angezündet wird, müssen wir und unsere Kinder fliehen. Wir sind Shir Khan wirklich dankbar!"

Tabaqui wollte wissen, ob er das dem Tiger ausrichten solle. Daraufhin schmiss Vater Wolf ihn raus.

Vater Wolf lauschte, und unten im Tal, hörte er das heisere, wütende Gejaule eines Tigers, der erfolglos von der Jagd zurückgekehrt ist. Es schien ihn nicht zu kümmern, dass der ganze Dschungel es erfuhr. Mutter Wolf flüsterte: "Pscht! Heute Nacht jagt er weder Bock noch Bullen. Er jagt einen Menschen." Sie hörte es an dem Ton, der Menschen so verwirren konnte, dass sie dem Tiger direkt ins offene Maul rannten.

Vater Wolf ereiferte sich darüber, dass ein Tier einen Menschen fressen wollte. Gab es doch genügend Käfer und Frösche. Das Gesetz des Dschungels verbietet allen wilden Tieren, Menschen zu fressen. Der tiefere Sinn liegt darin, dass ein getöteter Mann in kurzer Zeit die Ankunft von Männern auf Elefanten und mit Gewehren bedeutet. Und dann müssen alle im Dschungel leiden.

Die Tiere selbst glaubten, dass der Mensch verschont werden müsse, weil er das schwächste aller Lebewesen ist und dass es unsportlich sei, sich an ihm zu vergreifen. Außerdem würden Menschenfresser die Zähne verlieren und Krätze bekommen.

Sie hörten von Weitem, dass Shir Khan seine Beute verfehlt haben musste und dass Tabaqui ihn nun erreicht hatte. Die Büsche im Dickicht raschelten leise und Vater Wolf ließ sich auf die angezogenen Hinterläufe fallen und setzte zum Sprung an. Er war losgeschnellt, ehe er sein Ziel genau erkennen konnte; und nun versuchte er, seinen Schwung zu stoppen. Das Ergebnis war, dass er etwa anderthalb Meter steil in die Höhe schoss und fast auf derselben Stelle wieder aufkam, von der er abgesprungen war.

"Ein Mensch!", keuchte er. "Ein Menschenjunges!" Direkt vor ihm, von einem niederen Zweig gehalten, stand ein nacktes, kleines braunes Kind, das gerade erst laufen konnte. Und dieses zarte Wesen mit seinen weichen Grübchen marschierte mitten in der Nacht in eine Wolfshöhle! Es schaute direkt in Vater Wolfs Gesicht und lachte ihn an.

"So was habe ich noch nie gesehen. Bring es her!", bat Mutter Wolf. Sie war entzückt und sie überlegte, dass es sehr selten war, ein Menschenjunges zwischen jungen Wölfen zu haben. Vater Wolf sagte: "Er hat kein Haar am Leibe und ich könnte ihn mit einer einzigen Berührung meiner Pfote töten. Aber sein Blick ist ohne Furcht."

Inzwischen war Shir Khan am Höhleneingang aufgetaucht und direkt hinter ihm Tabaqui. Der Tiger suchte seine Beute. Doch Vater Wolf wusste, dass der Höhleneingang für ein so großes Tier zu schmal war. Shir Khan war an Schultern und Vorderpfoten so eng eingeklemmt, wie ein Mann, der in einem Fass zu kämpfen versucht.

Vater Wolf verteidigte den Jungen. Shir Khans Gebrüll rollte wie ein Donner durch die Höhle. Da machte Mutter Wolf einen Satz nach vorne und ihre wutfunkelnden Augen richteten sich auf Shir Khan: "Das Menschenjunge gehört mir, Lungri! Es soll leben und mit dem Rudel jagen; und am Ende - hüte dich, du Jäger von nackten kleinen Kindern, du Froschfresser - am Ende wird es dich jagen! Jetzt scher dich fort!"

Vater Wolf schaute sie fassungslos an. Dem Tiger aber war klar, dass er es mit Mutter Wolf nicht aufnehmen konnte; mit Vater Wolf hätte er es vielleicht versuchen können. Er arbeitete sich rückwärts zum Höhleneingang hinaus und brüllte: "Jeder Hund bellt auf seinem eigenen Hof! Wir werden ja sehen, was das Rudel zu diesem Menschenjungen sagen wird. Das Junge wird zwischen meinen Zähnen landen, ihr puschelgeschwänzten Diebe!"

Vater und Mutter Wolf war klar, dass sie das Menschenjunge dem Rudel vorführen mussten. Doch Mutter Wolf hatte sich schon in den Kleinen verguckt und sagte: "Lieg still, kleiner Frosch, Mowgli - denn so will ich dich nennen: Mowgli, der Frosch."

Das Gesetz des Dschungels legt unmissverständlich fest, dass jedes Wolfsjunge, sobald es auf eigenen Füßen stehen kann, dem Rudelrat vorgestellt werden muss. Gewöhnlich findet dieses Treffen einmal im Monat bei Vollmond statt. So können die anderen Wölfe die Jungen kennen lernen und wieder erkennen. Nach dieser Musterung steht es den Jungen frei, sich einen neuen Aufenthaltsort zu wählen. Doch bevor ein junger Wolf getötet werden durfte, musste er selbst seinen ersten Bock erlegt haben. So lautet das Gesetz.

Als seine Jungen etwas laufen konnten, führte Vater Wolf sie und Mowgli und Mutter Wolf in der Nacht des Rudeltreffens zum Ratsfelsen. Jede Wolfsfamilie stellte seine Jungen in der Mitte der Felsblöcke vor. Akela, der Leitwolf, pflegte zu rufen: "Ihr kennt das Gesetz! Schaut gut hin, o Wölfe!" Als es an der Zeit war, stieß Vater Wolf Mowgli in die Mitte, wo er sich lachend hinplumpsen ließ und mit ein paar Kieselsteinen spielte. Akela bemerkte das Menschenjunge erst, als das dumpfe Gebrüll von Shir Khan die Felsen erbeben ließ: "Das Junge gehört mir. Was hat das Menschenjunge mit euch zu tun!"

Das Gesetz des Dschungels besagte, dass wenn einem Jungtier das Recht auf die Aufnahme in das Rudel strittig gemacht wurde, so müssen zwei Angehörige des Rudels für das Junge eintreten. Es dürfen weder Vater noch Mutter sein. Mutter Wolf bereitete sich schon auf alles vor, als sich die Stimme des trägen braunen Bärs Baloo erhob. Er war das einzige fremde Geschöpf, das im Rudelrat geduldet ist. Er kann kommen und gehen, wie es ihm passt, weil er sich nur von Nüssen, Wurzeln und Honig ernährt. Baloo grunzte: "Ich spreche für das Menschenjunge! Lasst ihn mit dem Rudel laufen, nehmt ihn mit den anderen auf. Ich selbst will ihn unterrichten. Er tut doch keinem was zuleide."

Nun fehlte noch die zweite Stimme. Da ließ sich ein schwarzer Schatten in den Kreis fallen. Es war Bagheera, der schwarze Panther. Er war schlau wie Tabaqui, kühn wie ein wilder Büffel und so tollkühn wie ein Elefant. Seine Stimme aber klang so sanft wie wilder Honig, der von einem Baume tropft und sein Fell war weicher als Daunen. Er unterstützte Baloo und hielt die Wölfe an, das Menschenjunge im Rudel zu akzeptieren. Er erleichterte ihnen die Entscheidung mit einem Angebot: "Ich will noch einen Bullen hinzufügen - einen fetten, frisch getötet, nicht weit von hier entfernt."

Und dann erklang Akelas tiefes Bellen: "Schaut gut hin, schaut gut hin, o Wölfe!" Mowgli war immer noch mit den Steinen beschäftigt und merkte gar nicht, dass die Wölfe ihn nacheinander in Augenschein nahmen. Schließlich sprangen sie den Hügel hinunter zu dem toten Bullen. Nur Akela, Bagheera, Baloo und Mowglis Wölfe blieben zurück. Shir Khan brüllte immer noch wütend durch die Nacht. Bagheera murmelte: "Brüll nur weiter. Die Zeit wird kommen, da dieses nackte Ding dich in einem anderen Ton brüllen lassen wird, oder ich verstehe nichts von Menschen."

Akela sagte zu Vater Wolf: "Nimm ihn mit und erzieh ihn so, wie es sich für einen vom freien Volk gehört." Und so wurde Mowgli in das Seeonee-Wolfsrudel aufgenommen, zum Preis eines Bullen und mit der Fürsprache von Baloo.

Mowglis Brüder - Teil 2

In den nächsten zehn oder zwölf Jahren führte Mowgli mit den Wölfen ein wundervolles Leben. Die Erlebnisse würden in jedem Jahr ein ganzes Buch füllen, wollte man sie aufschreiben.

Die Wolfsjungen entwickelten sich natürlich viel schneller und waren bald ausgewachsene Wölfe, während Mowgli noch lange Kind blieb. Vater Wolf lehrte ihn die Bedeutung der Dinge im Dschungel, bis ihn jedes Rascheln im Grase, jeder Hauch der warmen Nachtluft, jeder Eulenton über seinem Kopf, jedes Planschen all der kleinen Fische im Tümpel so viel bedeutete wie einem Geschäftsmann sein Büro.

Wenn er nicht lernte, so saß er in der Sonne und schlief und aß und schlief wieder. Wenn er sich schmutzig oder verschwitzt fühlte, so schwamm er in den Waldseen; wenn er Lust auf Honig hatte - Baloo brachte ihm bei, dass Honig und Nüsse genauso köstlich schmecken wie rohes Fleisch - so kletterte er in die Bäume. Wie man das macht, das hatte ihm Bagheera gezeigt.

Bagheera legte sich dann längs auf einen Ast und rief: "Komm, kleiner Bruder!" Zuerst hatte Mowgli sich wie ein Faultier festgeklammert. Aber später schwang er sich fast so kühn durch die Zweige wie der graue Affe.

Er nahm auch seinen Platz auf dem Ratsfelsen ein, wenn sich das Rudel traf. Bald stellte er fest, dass er jeden Wolf zwingen konnte, die Augen niederzuschlagen, wenn er ihn nur fest und unbeirrt anstarrte. So pflegte Mowgli aus reinem Übermut seine Freunde anzustarren.

Manchmal zog er ihnen lange Dornen aus den Ballen, denn Wölfe leiden schrecklich unter den Dornen und Kletten, die sich in ihrem Fell verfangen. Nachts lief er manchmal den Hügel hinunter, in das bebaute Land, und beobachtete neugierig die Dorfbewohner in ihren Hütten. Aber er misstraute den Menschen. Bagheera hatte ihm eine Falle gezeigt, die von Menschenhand gebaut und geschickt im Dschungel versteckt war.

Am allerliebsten aber ging Mowgli mit Bagheera in das dunkle, warme Herz des Waldes, um dort den ganzen schwülen Tag zu verschlafen und des Nachts zuzusehen, wie Bagheera seine Beute riss. Mowgli machte es genauso - mit einer Ausnahme. Sobald er alt genug war, bestimmte Dinge zu begreifen, befahl ihm Bagheera, niemals Herdenvieh anzurühren. Immerhin war Mowgli für den Preis eines Bullenlebens in das Rudel eingekauft worden.

Mowgli wuchs heran und wurde stark. Er bemerkte gar nicht, dass er etwas lernte, und hatte an nichts anderes zu denken, als an Nahrung. Mutter Wolf schärfte ihm mehrmals ein, dass er Shir Khan nicht trauen dürfe und dass er eines Tages Shir Khan würde töten müssen. Aber Mowgli nahm das nicht so ernst. Aber wenn ihn jemand gefragt hätte, wer er sei, hätte er sich als Wolf bezeichnet - sofern er sich in der menschlichen Sprache hätte ausdrücken können.

Shir Khan kreuzte im Dschungel oft seinen Weg. Der lahme Tiger war, während Akela älter und schwächer wurde, gut Freund mit den jüngeren Wölfen des Rudels geworden. Er strich ihnen um den Bart und sie fraßen, was er übrig ließ. Früher hätte Akela das nie zugelassen, aber er war älter geworden. Shir Khan stichelte, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass die Wölfe sich nicht getrauten, Mowgli in die Augen zu schauen. Dann knurrten die jungen Wölfe und sträubten das Fell.

Bagheera bekam davon Wind und verwies Mowgli immer wieder darauf, dass Shir Khan ihn eines Tages töten würde. Doch Mowgli lachte nur unbeschwert. Er verließ sich ganz auf ihn, das Rudel und Baloo.

Es war an einem sehr warmen Tag, als Bagheera einen Einfall hatte. Er begann mit Mowgli wieder ein Gespräch darüber, wie gefährlich Shir Khan war. Und dass alle es wüssten, sogar die dummen Hirsche wüssten Bescheid.

"Ja, Tabaqui ist bei mir gewesen", sagte Mowgli, "und er hat mir Gemeinheiten gesagt; aber ich habe ihn am Schwanz erwischt und ihn zweimal an eine Palme geknallt. Das soll ihn lehren, wie man sich benimmt."

Bagheera war besorgt. Er machte Mowgli darauf aufmerksam, dass Akelas Zeit bald gekommen war. Der Tag würde kommen, an dem der Rudelführer seinen Bock nicht mehr töten konnte. Dann wäre er kein Führer mehr. Und die jungen Wölfe, die glaubten Shir Khan, dass für ein Menschenjunges kein Platz im Rudel wäre. Doch Mowgli sah die Gefahr immer noch nicht.

Da erzählte der schwarze Panther seinem Freund, was er noch niemandem zuvor erzählt hatte. Er selbst war bei den Menschen geboren und aufgewachsen. Seine Mutter war hinter den Eisenstangen eines Käfigs gestorben. Doch er, Bagheera, hatte erkannt, dass er aus den Käfigen des Königspalastes ausbrechen musste, und zerschmetterte das alberne Schloss mit einem einzigen Hieb seiner Pranke und entfloh. "Und weil ich die Gewohnheiten der Menschen kennen gelernt habe, bin ich im Dschungel furchtbarer geworden als Shir Khan", endete er seinen Vortrag.

Mowgli blickte ihn erwartungsvoll an, dass Bagheera weiterredete. "Du bist ein Menschenkind, und deshalb musst du zurückkehren in deine wahre Heimat. Finde zurück zu deinen wahren Brüdern, bevor du im Rat getötet wirst."

Bagheera erklärte Mowgli, dass die anderen Wölfe ihn hassten, weil sie seinem Blick nicht standhalten konnten und weil er klug war und weil er sie von Dornen befreit hatte und weil er ein Mensch war. Jetzt erst verstand Mowgli. Bagheera riet ihm, sich bis zu den Menschenhütten ins Tal durchzuschlagen und sich dort etwas von der Roten Blume zu holen. Dann hätte er, wenn die Zeit gekommen war, einen stärkeren Freund als Baloo und ihn.

Mit der Roten Blume meinte Bagheera das Feuer. Jedes wilde Tier lebt in Todesangst vor dem Feuer und würde es nie beim Namen nennen. Sie erfanden hundert Möglichkeiten, des zu umschreiben.

Mowgli stürzte los. Er brach durch die Büsche und rannte hinab ins Tal zum Fluss. Unterwegs hörte er, dass Akela tatsächlich seine Beute verfehlte. Und ihm wurde klar, dass der nächste Tag ein wichtiger Tag für Akela und ihn sein würde.

Bei einer Hütte angekommen, presste er sein Gesicht dicht ans Fenster und beobachtete das Feuer auf dem Herd. Er sah, wie die Frau es immer wieder mit schwarzen Brocken fütterte. Am nächsten Morgen nahm das Kind der Familie einen mit Lehm verstärkten Korb und füllte ihn mit rot glühenden Holzkohlestücken. Er bereitete eine Decke darüber und ging hinaus, die Kühe im Stall zu versorgen.

Mowgli schlenderte um die Ecke, stieß auf den Jungen, nahm ihm den Korb aus der Hand und verschwand im Nebel, während der Junge vor Schreck laut aufheulte. Als Mowgli den Hügel halb erklommen hatte, stieß er auf Bagheera. Stolz zeigte er auf seine Beute und blies hinein, wie er es bei der Frau gesehen hatte. Er meinte sich erinnern zu können, dass er - bevor er Wolf wurde - neben einer Roten Blume gelegen hatte und es als warm und behaglich empfunden hatte.

Den ganzen Tag lag Mowgli in der Höhle und pflegte sein Feuer. Als am Abend Tabaqui zur Höhle kam, und ihm ziemlich unverschämt ausrichtete, er werde am Ratsfelsen verlangt, da lachte er, bis Tabaqui davonrannte. Mowgli machte sich auf den Weg.

Als er beim Ratfelsen ankam, erkannte er, dass die Lage ernst war. Sie wollten Akela töten und ihn auch. Shir Khan machte sich selbst zum Sprecher des Rudels. Da schritt Mowgli ein. Er drohte Shir Khan mit seinem Feuer, dass dieser eingeschüchtert war. Die Wölfe des Rudels nannte er gewöhnliche Hunde, wenn sie wirklich glaubten, er wäre ein Mensch. Am Ende musste er erkennen, dass ihm der Dschungel von nun an verschlossen bleiben würde und er seinen Weg zu den Menschen finden musste.

In seiner Wut warf er den Feuerkorb auf den Boden, stieß einen trockenen Ast hinein und warf ihn mitten in die Meute der geduckten Wölfe hinein. Dann griff er sich noch einen Ast. "Ich will gnädiger sein als ihr!", rief er. "Zwischen uns und dem Rudel soll kein Krieg herrschen." Dann ging er zu Shir Khan und packte ihn am Kinnhaar. Der lahme Tiger musste sich hinsetzen und kniff angesichts des brennenden Astes die Augen zu. "Pah, versengte Dschungelkatze. Geh jetzt! Und Akela ist im Übrigen frei, so zu leben, wie es ihm gefällt. Ich will nicht, dass ihr ihn tötet. Und nun geht alle, wie ihr eure Zungen aus dem Maule hängen lasst. Ihr seid nichts als Hunde, die ich fortjage!" Die Wölfe rannten heulend davon, während ihnen die Funken das Fell versengten.

Am Ende waren nur noch Akela, Bagheera und vielleicht zehn Wölfe zurückgeblieben. Da ergriff Mowgli ein tiefer Schmerz. Die Tränen rannen ihm übers Gesicht und sein Herz Tat weh wie nie zuvor. Unter Tränen nahm er Abschied von Mutter und Vater Wolf und seinen Geschwistern. Alle heulten jämmerlich. Sie versprachen sich, des Nachts manchmal zu treffen. "Adieu, du kleiner Frosch", sagte Vater Wolf und die Mutter schniefte: "Du mein kleiner nackter Sohn. Ich habe dich mehr geliebt als meine eigenen Jungen."

"Ich komme wieder und dann werde ich Shir Khans Fell auf dem Ratsfelsen ausbreiten. Vergesst mich nicht", sagte Mowgli. Früh am Morgen lief Mowgli den Hügel hinunter, um jene geheimnisvollen Wesen zu treffen, die Menschen genannt wurden.

Jagdgesang des Seonee-Rudels

Als der Morgen kam, hat der Hirsch geröhrt,
einmal, zweimal und wieder!
Und ein Reh sprang auf, und ein Reh sprang auf
von dem See im Wald, wo das Rotwild äst.
Das hab ich auf einsamer Pirsch gesehen,
einmal, zweimal und wieder!

Als der Morgen kam, hat der Hirsch geröhrt,
einmal, zweimal und wieder!
Und ein Wolf schlich heim, und ein Wolf schlich heim
und brachte die Nachricht der wartenden Schar,
und wir suchten und fanden und verbellten die Spur,
einmal, zweimal und wieder!

Als der Morgen kam, hat das Rudel gebellt,
einmal, zweimal und wieder!
Füße im Dschungel ohne Abdruck und Spur!
Augen im Dunkeln sehen Dunkelheit nur!
Laut - gebt jetzt Laut! O höre nur, hör!
Einmal, zweimal und wieder!

Kaas Jagd - Teil 1

Einige Zeit, bevor Mowgli aus dem Wolfsrudel ausgestoßen worden war oder sich an Shir Khan gerächt hatte, ereignete sich die Geschichte mit Kaa. Baloo, der große, ernste Bär war entzückt, dass sein Schüler von so rascher Auffassungsgabe war. Da Mowgli ein Menschenjunges war, musste er mehr lernen als nur die Gesetze des Dschungels, die ihn die Wölfe gelehrt hatten.

So brachte Baloo ihm die Wald- und Wasserregeln bei. Insgesamt musste Mowgli unglaublich viel auswendig lernen. Manchmal war er es leid, dieselben Sätze über hundertmal zu wiederholen. Bagheera, der schwarze Panther, schlenderte manchmal durch den Dschungel, um zu sehen, wie es seinem Liebling gehe. Er hätte Mowgli gehörig verzogen, wenn es nach seinem Kopf gegangen wäre.

Weil Mowgli ein Menschenjunges war, musste er die Meisterworte aller Stimmen des Dschungels lernen. Baloo ließ seinen Schützling alle möglichen Meisterworte aufsagen, damit sich Bagheera von der erfolgreichen Unterrichtsmethode überzeugen konnte. Mowgli sprach die Worte mit den jeweiligen Geräuschen, was sehr beeindruckend klang. Es beruhigte Baloo sehr, dass Mowgli nun einigermaßen vor allem Unglück geschützt war, weil ihm weder Schlange, Vogel noch irgendein Raubtier etwas anhaben würde. So hätte er vor keinem was zu fürchten - nur vor seinem eigenen Stamm.

Als Baloo herausbekam, dass Mowgli mit Bandar-log gesprochen hatte, dem Affenvolk, war er entsetzt. Das Affenvolk galt gemeinhin als gesetzlos; als Allesfresser. Mowgli wollte sich von Bagheera Bestätigung holen. Doch der Panther war ebenfalls wütend und seine Augen blickten ihn hart an wie Jadesteine.

"Jetzt hör mal zu, Menschenkind", sagte Baloo und seine Stimme grollte wie der Donner in einer Gewitternacht. "Ich habe dir alle Dschungelgesetze aller Dschungelvölker beigebracht. Aber hast du mich jemals von dem Affenvolk erzählen hören?"

Mowgli schüttelte betreten den Kopf. Baloo schimpfte weiter: "Sie sind Ausgestoßene. Sie haben keine eigene Sprache, sie sind führerlos und sie haben kein Gedächtnis. Sie prahlen und plappern, welch ein gewaltiges Volk sie sind. Aber wenn eine Nuss vom Baum fällt, lachen sie ich halb tot und alles ist vergessen!"

Mowgli sah sich um. Der Wald lag in tiefem Schweigen. Da redete Baloo weiter. "Die Dschungelleute wollen mit den Affen nichts zu tun haben. Der Umgang mit dem Affenvolk ist verboten für das Dschungelvolk. Denk immer daran."

Bagheera schloss sich diesen Ausführungen bedingungslos an. Während sie so sprachen, prasselte von oben ein Schauer von Nüssen und Zweigen über sie herab.

Ein Affe der Bandar-log hatte einen, wie er meinte, tollen Einfall. Wenn sie Mowgli bei sich im Stamm halten würden, dann wäre das nützlich. Er konnte zum Beispiel aus Zweigen einen Windschutz flechten. Deshalb folgten sie Bagheera, Baloo und Mowgli still und leise durch den Dschungel. Als es Zeit war für den Mittagsschlaf, schämte sich Mowgli bereits und schlief zwischen dem Panther und dem Bär ein, fest entschlossen, nichts mehr mit dem Affenvolk zu tun zu haben.

Diese Ruhephase nutzten die Bandar-log und entführten Mowgli an Armen und Beinen haltend, indem sie sich von Ast zu Ast schwangen. Baloo und Bagheera weckten mit ihrem Gebrüll den ganzen Dschungel, sie verfolgten die Affen bis in höchste Höhen.

Mowgli wurde bei der Geschwindigkeit ganz mulmig; trotzdem genoss er die wilde Jagd. Er war in den Armen der zwei stärksten Affen, die sich mit ihm durch die Wipfel schwangen, zwanzig Fuß weit mit einem Satz. Manchmal konnte Mowgli meilenweit über den stillen grünen Dschungel blicken. Dann aber peitschten ihm Zweige und Blätter ins Gesicht. So fegte der ganze Stamm der Bandar-log unter lärmendem Kreischen mit dem entführten Mowgli über die Baumstraßen davon.

Mit der Zeit bekam Mowgli es mit der Angst zu tun. Er wurde wütend, wusste aber genau, dass es sinnlos war, sich zu wehren. Als er über sich Chil, den Geier, entdeckte, der im fernen Himmelsblau schwebte, rief er ihm zu: "Merk dir meine Fährte, und gib Baloo und Bagheera Bescheid. Sag ihnen, wo Mowgli, der Frosch sich jetzt aufhält!" So behielt Chil die Meute noch eine Weile im Auge, bevor er sich auf den Weg machte.

Unterdessen waren Baloo und Bagheera ganz krank vor Sorge. Was, wenn die Affen ihren Mowgli fallen ließen. Den Bandar-log konnte man noch nie trauen. Baloo schlug sich die Tatzen auf die Ohren und rollte sich stöhnend hin und her.

Bagheera beobachtete ihn ungeduldig. "Baloo, du hast keine Selbstachtung. Wenn der Dschungel dich so sehen könnte… Ich habe keine Angst um das Menschenjunge. Er ist gut erzogen, und er hat diese Augen, die den Dschungelleuten Furcht einjagen."

"Oh ich dicker, fetter, brauner, Wurzeln scharrender Narr", klagte Baloo. "Wie heißt es so schön - jedem seine Angst! Und die Bandar-log, sie fürchten Kaa, die Felsenschlange. Kaa kann genauso schnell klettern wie sie. Er raubt des Nachts die jungen Affen. Allein das Flüstern seines Namens lässt ihre bösen Schwänze vor Todesangst erstarren."

So beschlossen Bagheera und Baloo, zu Kaa zu gehen.

Kaas Jagd - Teil 2

Bagheera und Baloo machten sich auf den Weg zu Kaa. Obwohl er nicht zu ihrem Stamm gehörte, keine Füße hat und sehr bösartige Augen, wollten sie die Schlange um Hilfe bitten.

Sie fanden ihn auf einem warmen Steinsims, ausgestreckt in der Mittagssonne. Er bewunderte gerade seine neue Haut, denn er hatte sich in den letzten zehn Tagen zurückgezogen, um die Haut zu wechseln. So erstrahlte Kaas Haut in neuer Pracht. Er glitt mit seinem dicken, stumpfnasigen Kopf über den Boden. Seinen dreißig Fuß langen Leib drehte und wendete er zu fantastischen Knoten und Kurven. In Gedanken an sein künftiges Abendbrot leckte er sich die Lippen.

"Er hat noch nicht gegessen", sagte Baloo erleichtert, sobald er das braun und gelb gefleckte Gewand sah. Allerdings durfte man Kaa nicht hetzen. Sie schlenderten wie zufällig auf ihn zu. Kaa fragte nach, ob er unterwegs etwa Wild oder einen jungen Bock gesichtet hatte. "Ich bin so leer wie ein ausgetrockneter Baum", begehrte Kaa auf.

Baloo erwiderte lässig, dass sie auf der Jagd seien. Da schloss sich Kaa den beiden an. Sie tauschten ihre jüngsten Erlebnisse aus. Kaa erzählte, dass er bei seiner letzten Jagd von den Bandar-Iog mit schlimmen Ausdrücken beschimpft worden war. Bagheera bestätigte, dass sie über Kaa als den fußlosen gelben Regenwurm sprachen; manchmal noch schlimmere Wörter. Aber Baloo und Bagheera würden sich selbstverständlich nicht darum kümmern. Sie plauderten noch eine Weile belangloses Zeug; bis Baloo endlich zugab, dass sie die Bandar-Iog verfolgen würden.

Kaa platzte vor Neugier. Da erzählten der Bär und der Panther, dass diese Nussdiebe und Palmblattpflücker ihnen ihr Menschenjunges gestohlen hatten.

Kaa hatte natürlich von den Wölfen und dem Menschenjungen gehört. Und als Baloo und Bagheera ihn darauf aufmerksam machten, dass die Affen besonders vor ihm, Kaa, Angst hätten, machte das die Schlange stolz.

Bagheera betonte noch einmal, wie respektlos das Affenvolk über die mächtige Schlange redete. "Wurm, Wurm, Regenwurm … das und noch andere Sachen, die ich gar nicht laut aussprechen kann, sagen die über dich!"

Trotzdem weigerte sich Kaa, das Affenvolk oder gar diesen Frosch zu jagen. Während sie berieten, wie sie Mowgli helfen konnten, flog Chil der Geier über sie hinweg. Endlich hatte er Baloo gefunden und konnte ihm erzählen, was er beobachtet hatte. Die Bandar-Iog hatten das Menschenjunge über den Fluss in die Affenstadt - zur Kalten Lagerstatt mitgenommen. Wie lange sie dort bleiben würden, das wusste niemand. Mit einem "Gute Jagd euch allen da unten!" verabschiedete sich Chil.

Bagheera versprach ihm noch einen Teil seiner nächsten Beute, dem besten aller Geier! Baloo und Bagheera waren stolz auf ihren Mowgli, weil er sich in dieser gefährlichen Situation an das Meisterwort für die Vögel erinnert hatte. Sie machten sich auf zu der Kalten Lagerstatt.

Nur wenige Dschungelleute sind jemals dorthin gegangen. Denn die Kalte Lagerstatt war eine alte verlassene Stadt, vom Dschungel verschlungen und wilde Tiere nutzten nur selten einen Ort, den einst Menschen benutzt haben. Es war eine halbe Nachtreise entfernt.

Baloo musste bereits nach kurzer Zeit zurückbleiben, Bagheera und die Schlange waren ihm zu schnell. Sie beschlossen, dass er nachkommen sollte. Und Bagheera staunte nicht schlecht, wie schnell Kaa sich fortbewegte, und das ohne Füße. "Langsam bist du wahrhaftig nicht", sage Bagheera, als das Zwielicht hereinbrach.

Währenddessen dachten in der Kalten Lagerstatt die Affen überhaupt nicht an Mowglis Freunde. Sie waren ungeheuer stolz auf sich. Mowgli, der zuvor noch nie eine indische Stadt gesehen hatte, war beeindruckt. Obwohl es nur ein Haufen Ruinen war, erschien es ihm wunderbar und prächtig.

Die Affen nannten den Ort ihre Stadt und gaben vor, das Dschungelvolk zu verachten, weil es im Walde hauste. Trotzdem hatten sie keine Ahnung, wozu diese Gebäude gedacht waren. Sie lausten sich auf dem Fußboden des königlichen Ratssaales und versuchten so zu tun, als ob sie Menschen wären. Sie rannten durch die Hausruinen, sammelten Mörtelbrocken und alte Backsteine in einem Winkel, vergaßen aber gleich wieder, wo sie sie versteckt hatten. Irgendwann am Tag stritten sie sich alle, kreischten, für wie klug und weise sie sich selber hielten. Dann wurden sie der Stadt überdrüssig, sie kehrten in die Baumwipfel zurück und hofften auf die Aufmerksamkeit des Dschungelvolkes. Dann begann alles von vorn.

Mowgli konnte diese Art zu leben weder verstehen noch gutheißen. Am Nachmittag schleppten ihn die Affen zur Kalten Lagerstatt. Dort fassten sie sich an den Händen, sangen alberne Lieder und tanzten herum. Sie feierten die Gefangennahme Mowglis als einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Bandar-Iog.

Mowgli erkannte schnell, dass er an einen schlimmen Ort geraten war. Alles, was Baloo über die Affen erzählt hatte, stimmte. Er dachte, sie haben kein Gesetz, keinen Jagdruf und keine Führer. Nichts als dummes Geschwätz und kleine diebische Pfoten. Ich muss versuchen, in meinen eigenen Dschungel zurückzufinden. Lieber lasse ich mich von Baloo verdreschen, als mit den Bandar-Iog lächerliche Rosenblätter zu jagen.

Doch sein Versuch, das Affenlager zu verlassen, schlug fehl. Sie sperrten ihn ein. Während er durch die Gitterstäbe das Affenleben beobachtete, dachte er, dass der Schakal diese Bandar-log gebissen haben musste. Ja, das ist ganz bestimmt clewanee, der Wahnsinn. Jetzt zieht gerade eine Wolke auf. Wenn sie den Mond verhängt, dann könnte ich vielleicht versuchen, in der Dunkelheit zu fliehen.

Genau dasselbe beobachteten Kaa und Bagheera vom zerfallenen Stadtgraben aus. Fast ohne einen Laut war der schwarze Panther den Hang hinaufgejagt. Doch sein Befreiungsversuch schlug fehl. Die Bandar-Iog brachten Mowgli in Sicherheit und als sie merkten, dass der Panther alleine war, erkannten sie ihre Chance. Zum ersten Mal seit seiner Geburt musste Bagheera um sein Leben kämpfen.

Währenddessen hatte Baloo das Affenlager erreicht. Als er hörte, wie Mowgli den Panther zu den Wasserreservoiren schickte, rief er: "Bagheera, ich bin da!" Dann mischte er sich in den Kampf ein. Er pflanzte sich dabei felsenfest auf seine Hinterbacken, breitete die Vorderpfoten weit aus, presste so viele Affen an sich, wie er fassen konnte, und begann, mit gleichmäßigem "Klatsch-Klatsch-Klatsch" Hiebe auszuteilen. Es klang wie die schnellen Schläge eines Schaufelrades.

Kaa hatte sich gerade jetzt erst über die westliche Mauer gequält. Er war mit einer solchen Wucht aufgekommen, dass ein Stück der Mauerabdeckung abbrach und im Graben landete. Während er sich vergewisserte, dass sein langer Leib in bester Arbeitsverfassung war, wogte der Kampf um Baloo weiter. Bagheera war am Wasserreservoir von kreischenden Affen umgeben. In seiner Verzweiflung stieß er den Schlangenruf aus: "Wir sind eines Blutes, du und ich!" Mowgli musste kichern, ob der Tatsache, dass der gefährliche schwarze Bagheera um Hilfe rief. Und Mang, die Fledermaus, flatterte hin und her und trug die Nachrichten von der großen Schlacht über den ganzen Dschungel.

Dann kam Kaa, blitzschnell und bereit zum Töten. Die Kampfkraft einer vier oder fünf Fuß langen Python kann einen Mann umwerfen. Und Kaa war, wie ihr wisst, dreißig Fuß lang. Sein erster Stoß ins Herz der Menge um Baloo geschah mit geschlossenem Munde und in tiefer Stille. Ein Zweiter war nicht mehr nötig. Die Affen stoben auseinander und schrien: "Kaa! Das ist Kaa! Lauft! Lauft!"

Generationen von Affen waren von ihren Eltern mit Schauergeschichten über Kaa zum Gehorsam gebracht worden. Kaa war der Inbegriff dessen, was die Affen im Dschungel fürchteten.

Baloo stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Der Kampf hatte seinem dicken Fell schwer zugesetzt. Da öffnete Kaa zum ersten Mal den Mund und sagte ein langes zischendes Wort. Daraufhin blieben die Affen bis in die hintersten Winkel zusammengekauert hocken. Bagheera schüttelte seine nassen Flanken, während er aus der Zisterne stieg. Mowgli zappelte vor Ungeduld, das Gesicht ans Gitterwerk gepresst. Bagheera keuchte: "Lasst uns schnell Mowgli aus dieser Falle rausholen und dann nichts wie weg. Bevor sie uns noch einmal angreifen!"

"Sie werden sich nicht rühren, bis ich es zulasse. Bleibt ssso auf der Sssstelle!", zischte Kaa. "Ich konnte nicht eher kommen Bruder, aber ich meine, ich hörte dich rufen." Damit meinte er Bagheera.

"Na ja, ich mag im Kampfe aufgeschrieen haben", antwortete Bagheera kleinlaut.

Nachdem sie Mowgli befreit hatten, drückte Baloo seinen Schützling sanft an sich. Doch Bagheera grüßte ihn mit strengerem Tonfall. Er machte Mowgli darauf aufmerksam, dass Kaa der wahre Held dieser Schlacht war. "Danke ihm, wie es bei uns Brauch ist", verlangte er.

Mowgli entledigte sich seines Dankes recht brav. Der Python senkte sein Haupt ganz leicht eine Minute lang auf Mowglis Schulter. "Ein tapferes Herz und eine mutige Zunge werden dich im Dschungel weit bringen, Menschenkind. Aber jetzt lauf rasch mit deinen Freunden davon. Geh und schlaf. Ich meine, dass du das Folgende nicht sehen solltest."

Zu Beginn sahen Baloo, Bagheera und Mowgli aber doch noch zu, wie Kaa ihre Kreise zog. Was Mowgli für albern hielt, war in Wirklichkeit eine wahre Kunst. Kaa hypnotisierte die Affen und sie tanzten dann, ohne dass sie es spürten, nach seiner Pfeife.

Dann hielten Baloo und Bagheera dem Menschenjungen noch eine ordentliche Standpauke. Mowgli sah den Schaden ein, den er angerichtet hatte und fragte, was denn das Gesetz des Dschungels dafür vorsah. Baloo murmelte: "Reue schützt nicht vor Strafe. Aber denk daran, Bagheera, er ist sehr klein."

Mowgli, der seinen Leichtsinn bereute, entschuldigte sich bei den beiden. Bagheera gab ihm ein halbes Dutzend liebevoller Knüffe. Sie hätten wahrscheinlich nicht mal ausgereicht, ein Pantherbaby aus dem Schlaf zu wecken. Aber für einen Siebenjährigen liefen sie auf eine so tüchtige Tracht Prügel hinaus, um die man schon lieber herumgekommen wäre. Als es vorüber war, schniefte Mowgli und rappelte sich wortlos auf.

Bagheera nahm ihn auf seinen Rücken, damit sie endlich heimgehen konnten.

Das Schöne am Dschungelgesetz ist, dass die Strafe alles löscht. Es ist, als wäre nie etwas passiert. Mowgli legte seinen Kopf auf Bagheeras Rücken und schlief so tief, dass er nicht einmal bemerkte, als er in der Höhle neben Mutter Wolf gebettet wurde.

Baloos Lehren

Die Flecken sind der Panter Stolz und Büffel sind auf Horn versessen.

Sei reinlich, denn des Jägers Kraft wird an dem Glanz des Fells gemessen.

Wenn du merkst, dass der Büffel dich umwerfen kann, und ein Hirsch hat dich mühelos umgerannt, so mach weiter die Arbeit und halt deinen Mund: Das war seit Jahrzehnt schon bekannt.

Sei zu Kindern von Fremden nicht gemein, begrüß sie wie deine Geschwister, denn wenn sie auch winzig und pummelig sind - ist der Bär nicht ihr Vater? Das ist er!

"Keiner wie ich!", sagte das Junge voll Stolz, nach seinem ersten Töten. Doch der Dschungel ist groß, und das Junge ist klein. Da sind Denken und Stille vonnöten.

Tiger! Tiger! - Teil 1

Nun kehren wir noch einmal zurück, zum Ende der ersten Geschichte. Ihr erinnert euch an Mowglis Kampf mit dem Rudel am Ratsfelsen. Danach hatte er die Wolfshöhle verlassen und war zum Dorf gegangen. Doch dort wollte er nicht bleiben, denn ihm war klar, dass er sich im Rat mindestens einen Todfeind gemacht hatte. Und dieses Dorf lag zu nah am Dschungel. Deshalb eilte er weiter und folgte etwa zwanzig Meilen weit einem Pfad, bis er eine Gegend erreichte, die er nicht kannte.

Hier öffnete sich das Tal zu einer weiten Ebene, die mit Felsen übersät und von Schluchten zerschnitten war. Am einen Ende lag ein kleines Dorf, am anderen senkte sich der dichte Dschungel bis zu den Viehweiden hinunter und endete dort abrupt. Überall grasten Rinder und Büffel. Als die kleinen Hütejungen Mowgli sahen, schrien sie und rannten davon. Mowgli marschierte weiter, denn er hatte Hunger.

An den Barrikaden am Dorfeingang erkannte er, dass die Menschen sich auch hier vor dem Dschungelvolk fürchteten. Als ein Dorfbewohner Mowgli entdeckte, holte er gleich den Priester. Er schritt zum Tor, von mindestens hundert Leuten begleitet. Sie rissen alle die Augen auf, sprachen und riefen und deuteten auf Mowgli. Der erkannte gleich, dass diese Menschen so schlechte Manieren hatten wie der graue Affe. Deshalb warf er sein langes Haar zurück und blickte er die Menschen stirnrunzelnd an.

Doch anhand der Bisse an Mowglis Armen und Beinen erkannte der Priester gleich, dass er nur ein Wolfskind war. Er beruhigte die Menschen und die Frauen bedauerten das arme Kind, das von Wölfen gebissen wurde. Sie glaubten sogar, dass es sich um den vor einigen Jahren verschleppten Sohn von Messua, einer Dorfbewohnerin, handelte.

Messua legte die Hand über die Augen und spähte zu Mowgli hinüber. "Ja, er ist ihm ähnlich. Er ist dünner, aber meinem Jungen wie aus dem Gesicht geschnitten." Sie nahm Mowgli mit in ihr Haus. Mowgli dachte, dass dieses ganze Gerede auch nicht besser war, als die Musterung durch das Rudel! Aber wenn er Mensch werden wollte, dann musste er da wohl durch.

Sie gingen gemeinsam durch die Menschenmenge zur Hütte der Frau. Sie gab ihm tüchtig Milch zu trinken und etwas Brot. Als sie ihm in die Augen blickte, dachte sie, er könnte vielleicht doch ihr Sohn Nathoo sein. Doch Mowgli konnte mit dem Namen nichts anfangen. Er fühlte sich unbehaglich. Noch nie hatte er unter einem Dach gewohnt. Glücklicherweise erkannte er, dass er jederzeit ausreißen konnte, falls er sich davonstehlen wollte.

Mowgli wurde schnell klar, dass er die Menschensprache lernen musste, wenn er nicht dumm und ungeschickt sein wollte, wie ein Mensch im Dschungel. Und da er bei den Wölfen bereits gelernt hatte, sämtliche Tierlaute nachzuahmen, fiel es ihm nicht schwer, die Worte nachzusprechen, die Messua ihn lehrte. Noch vor dem Abend hatte er die Bezeichnungen von vielen Dingen in der Hütte gelernt.

Doch schlafen konnte Mowgli nicht in der Hütte. Sie glich zu sehr einer Pantherfalle. Als Messua die Tür schließen wollte, sprang er zum Fenster hinaus. Am Rande des Feldes streckte er sich im Gras aus. Aber bevor er die Augen geschlossen hatte, bohrte sich eine feuchte graue Nase unter sein Kinn. Es war Grauer Bruder, das Älteste von Mutter Wolfs Jungen. Er beklagte sich, dass Mowgli schon jetzt stinke wie ein Mensch. So erfuhr Mowgli das Neueste aus dem Dschungel. Grauer Bruder erzählte ihm, dass alle wohl auf wären im Dschungel, außer den Wölfen, dessen Fell von der Roten Blume versengt, wurde.

"Shir Khan, der Tiger, ist fortgegangen, um fern von uns zu jagen, bis sein Fell wieder nachgewachsen ist. Er ist nämlich schlimm verbrannt. Und wenn er zurückkommt, dann will er deine Knochen im Fluss versenken", warnte Grauer Bruder seinen Mowgli.

Doch Mowgli war zu müde, um sich darüber aufzuregen. "Aber bring mir immer die Neuigkeiten!", bat er seinen Wolfsbruder. "Ich werde nie vergessen, dass ich auch ein Wolf bin. Aber ich werde auch immer daran denken, dass ich aus dem Rudel ausgestoßen wurde."

Grauer Bruder erwiderte, dass Mowgli auch aus dem Rudel der Menschen ausgestoßen werden könne. "Menschen sind nur Menschen und ihr Gerede ist nicht viel Wert. Wenn ich das nächste Mal hier herunterkomme, warte ich zwischen den Bambusstauden am Rande der Weide auf dich."

Nach dieser Nacht kam Mowgli drei Monate lang kaum vor das Dorftor. Er war emsig damit beschäftigt, die Sitten und Gebräuche der Menschen zu lernen. Es war nicht einfach und manche Dinge regten ihn auf und nicht immer sah er den Zweck einer Gepflogenheit. Die anderen Kinder lachten ihn manchmal aus. Glücklicherweise hatte ihn das Gesetz des Dschungels gelehrt, sich zu beherrschen. Nur das Wissen, dass es unrühmlich war, kleine nackte Jungen zu töten, hielt ihn ab, sie in der Luft zu zerreißen. Im Dschungel kam er sich immer schwach vor, aber die Dorfleute sagten, er sei stark wie ein Bulle.

Eines Tages befahl der Dorfälteste Mowgli, er müsse am nächsten Tag mit den Büffeln hinausziehen und sie hüten, während sie grasten. Mowgli freute sich sehr darüber. Jetzt ging er jeden Abend zu der kleinen Versammlung, die auf der Plattform unter einem großen Feigenbaum stattfand. Hier trafen sich der Dorfälteste, der Barbier und der alte Buldeo und rauchten. Die alten Männer saßen um den Baum herum, rauchten Wasserpfeifen und erzählten wunderbare Geschichten von Göttern, Menschen und Geistern. Und Buldeo erzählte fast noch wundervollere über das Dschungelleben. Den Kindern, die außerhalb des Kreises den Geschichten lauschten, fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Mowgli, der natürlich Bescheid wusste, musste sich die Hände vors Gesicht schlagen, damit niemand sah, dass er lachte. Erst als Boleo behauptete, dass der Tiger, der Messuas Sohn davongeschleppt hatte, ein Geistertiger gewesen sei, besessen vom Geist des hinkenden Purun, erst dann mischte sich Mowgli ein. Er erklärte, dass dieser Tiger humpelte, weil er lahm geboren wurde. Buldeo war vor Verblüffung sprachlos.

"Wenn du so schlau und weise bist, dann bring uns sein Fell. Die Regierung hat hundert Rupien auf ihn ausgesetzt. Aber noch besser wäre es, zu schweigen, wenn Ältere sprechen", fuhr Buldeo ihn an.

In den meisten indischen Dörfern war es Sitte, dass am frühen Morgen ein paar Jungen die Rinder und Büffel zum Weiden hinaustreiben und des Abends wieder heimbringen. Solange die Jungen bei den Rindern bleiben, sind sie sicher. Nicht einmal der Tiger würde eine Rinderherde angreifen. Wenn sie aber umherstreifen, kann es vorkommen, dass sie verschleppt werden.

Mowgli machte den Kindern unmissverständlich klar, dass er der Meister war. Er trieb auf dem Rücken des Leitbullen die Herde mit einem Bambusstab bis an den Rand des Dschungels. Dort ließ er sich von Rhamas Nacken gleiten, trabte zu einem Bambusgebüsch und fand Grauer Bruder. Der wartete schon viele Tage lang auf ihn.

"Was gibt es Neues von Shir Khan?", fragte Mowgli gleich.

"Er ist in diese Gegend zurückgekommen und hat schon lange auf dich gelauert. Jetzt ist er wieder weg, weil das Wild knapp ist. Aber er hat vor, dich zu töten."

"Ausgezeichnet", sagte Mowgli. "Solange er fort ist, musst du oder einer der vier Brüder immer auf diesem Felsen sitzen. Dann kann ich euch sehen, wenn ich aus dem Dorf komme. Wenn Shir Khan aber zurückkehrt, dann wartet mitten in der Ebene in der Schlucht neben dem Dhak-Baum."

Dann legte sich Mowgli nieder und schlief, während die Büffel um ihn herumgrasten. Vieh hüten ist in Indien eine bequeme Arbeit. Das Vieh bewegt sich langsam hin und her, kaut und liegt rum. Sie muhen nicht einmal. Sie lassen sich in Schlammlöcher nieder und bleiben wie die Baumstämme liegen. Und während die Geier außer Sichtweite über ihnen pfeifen, schlafen die Jungen ein. Wenn sie wieder aufwachen, flechten sie kleine Körbe aus getrockneten Grashalmen und setzen Heuschrecken hinein. Wenn der Abend kommt, wühlen sich die Büffel aus dem klebrigen Schlamm heraus und alle ziehen quer über die graue Ebene zurück zum Dorf.

Tag für Tag führte Mowgli seine Tiere hinaus. Und Tag für Tag sah er Grauer Bruder jenseits der Ebene, was ihm sagte, dass Shir Khan noch nicht zurückgekehrt war. Schließlich kam ein Tag, an dem Grauer Bruder nicht an der verabredeten Stelle saß. Mowgli lachte und trieb die Büffel zum Dhak-Baum. Dort saß Grauer Bruder und erzählte, dass sich der Tiger mit Tabaqui über die Berge auf den Weg gemacht hatte.

Mowgli runzelte die Stirn. Mit Shir Khan würde er fertig werden, aber Tabaqui hielt er für hinterlistig. Doch Grauer Bruder konnte ihn beruhigen. "Im Morgengrauen habe ich Tabaqui getroffen. Bevor ich ihm das Rückgrat gebrochen habe, hat er mir alles erzählt. Shir Khan will dir heute Abend am Dorftor auflauern. Jetzt hat er sich erst mal in das ausgetrocknete Flussbett zurückgezogen. Und gefressen hat er auch."

"Der Narr", entgegnete Mowgli, "dumm wie der Welpe eines Welpen.

Tiger! Tiger! - Teil 2

Mowgli schüttelte den Kopf über die Dummheit des Tigers. "Der bildet sich wahrscheinlich noch ein, dass ich warte, bis er ausgeschlafen hat. Wo rastet er jetzt?", fragte er seinen Grauen Bruder. "Die Büffel greifen erst an, wenn sie ihn wittern. Können wir auf seine Fährte kommen, damit sie die Witterung aufnehmen?"

"Er ist ein ganzes Stück den Fluss hinabgeschwommen, um das zu verhindern", antwortete Grauer Bruder.

Mowgli war klar, dass dies nur die Idee Tabaquis gewesen sein konnte, von alleine wäre Shir Khan nie darauf gekommen. Sie besprachen verschiedene Möglichkeiten, wie sie Shir Khan in die Enge treiben konnten. Doch zu zweit würde das schwierig werden. "Ich habe dir einen klugen Helfer mitgebracht", sagte Grauer Bruder. Er schlüpfte in eine Grube. Daraus tauchte gleich darauf ein mächtiger Kopf auf. Es war Akela! Mowgli klatschte in die Hände.

"Du hast mich nicht vergessen! Wir haben eine schwere Arbeit vor uns. Teil die Herde in zwei Gruppen, Akela. Haltet die Kühe und die Kälber zusammen und trennt sie von den Bullen und den Ackerbüffeln."

Die beiden Wölfe stürzten los und in kürzester Zeit teilten sich die Tiere in zwei Gruppen. Nicht mal sechs Männer hätten eine Herde so sauber trennen können. Akela war außer Atem.

Mowgli rief: "Treibe sie dorthin, wo die Wände der Schlucht höher sind, als Shir Khan springen kann. Halt sie dort zusammen bis wir von oben kommen." Die Bullen galoppierten davon, als Akela bellte.

Grauer Bruder blieb vor der Herde mit den Kühen stehen. Sie griffen ihn sofort an. Auf diese Weise lockte er sie zum Ausgang der Schlucht. So trieb jeder seine Herde in eine andere Richtung. "Hüüja!", rief Mowgli, "das ist eine wildere Jagd, als Schwarzhirsche zu treiben!"

Die Bullen, getrieben von Akela, drangen nun ins Unterholz ein. Die anderen Hütejungen, die eine halbe Meile entfernt standen und alles beobachteten, rannten jetzt zum Dorf. Sie schrien, die Büffel seien verrückt geworden und davongerannt.

Dabei wollte Mowgli nur in einem großen Bogen auf den Hügel kommen, und dann die Bullen hinunterjagen und sich Shir Khan zwischen den Kühen und den Bullen schnappen. Shir Khan wäre nach einer Mahlzeit nicht in der Lage, zu kämpfen oder die Steilwand der Schlucht hinaufzuklettern.

Sein Plan ging auf. Erst ließen sie die Tiere kurz verschnaufen. Um Shir Khan zu sagen, wer zu ihm kommen würde, legte er die Hände um den Mund und schrie in die Schlucht hinunter. Es klang, als riefe er in einen Tunnel hinein. Das Echo sprang von Felsen zu Felsen.

Nach einer langen Weile antwortete Shir Khan mit dem schläfrigen Knurren eines voll gefressenen Tigers. "Wer ruft da?", fragte Shir Khan.

"Ich, Mowgli. Viehdieb, deine Zeit ist gekommen. Du erinnerst dich an den Schwur, den wir beim Ratsfelsen abgelegt haben? Los Akela, jage die Büffel runter." Die Herde hielt einen kurzen Moment am Rande des Abhangs inne, aber als Akela den heulenden vollen Jagdruf ausstieß, stürzten sich nacheinander die Büffel über die Kante. Sand und Steine spritzten nach allen Seiten. Jetzt nahm Rhama, der Leitbüffel, die Witterung von Shir Khan wahr und brüllte los.

Shir Khan hörte den Donner ihrer Hufe und rappelte sich schwerfällig auf. Er suchte auf allen Seiten nach einem Fluchtweg. Aber die Wände der Schlucht waren zu steil. Der Tiger wusste ganz genau, dass es besser war, sich den Bullen zu stellen als den Kühen und Kälbern. Dann strauchelte Rhama, stolperte und galoppierte weiter über etwas Weiches. Die Herden stürmten aufeinander zu und Mowgli passte den richtigen Moment ab, die tobenden Tiere auf die Ebene hinaus zu befördern. Akela zerstreute sie, bevor sie sich gegenseitig angreifen konnten.

Es war nicht nötig, noch einmal über Shir Khan hinwegzutrampeln. Der Tiger war tot und die Geier schon im Anflug. "Brüder, das war der Tod eines Hundes", sagte Mowgli, "aber er hätte sich nie zum Kampf gestellt. Sein Fell wird auf dem Ratsfelsen gut aussehen. An die Arbeit."

Gar nicht lange, da stand Buldeo mit der Muskete neben ihm. Die Kinder hatten im Dorf von den durchgegangenen Büffeln berichtet. Da hatte er sich gleich auf den Weg gemacht, Mowgli zu bestrafen. Die Wölfe hatten sich beim Anblick der fremden Menschen unsichtbar gemacht.

Buldeo glaubte natürlich nicht, dass Mowgli einen Tiger alleine häuten könnte. Außerdem wollte er das Fell des lahmen Tigers selbst haben. Es waren hundert Rupien darauf ausgesetzt. "Wo haben die Büffel den Tiger denn getötet?", fragte er ungeduldig, "ich gebe dir vielleicht einen Rupien von der Belohnung ab."

Während Mowgli souverän den Tiger häutete, ließ Buldeo nicht locker. Er wollte unbedingt an das Fell und schwatzte Mowgli voll; bis es diesem zu dumm wurde und er rief: "Muss ich den ganzen Mittag mit einem alten Affen schwatzen? Hierher, Akela, dieser Mann ist mir lästig."

Buldeo, der eben noch über Shir Khans Kopf gebeugt war, fand sich ausgestreckt im Gras wieder; unter einem grauen Wolf. Mowgli erklärte seinem Widersacher, dass er hier nur eine alte Rechnung beglichen hätte. Buldeo blieb mucksmäuschenstill liegen. Immerhin hatte er es hier mit einem Wolf zu tun, der sich von einem Jungen befehlen ließ, der wiederum eine Fehde mit einem Menschen fressenden Tiger hatte… Dies war Hexerei der schlimmsten Art für ihn. Er hoffte, dass sich Mowgli nun nicht vor seinen Augen in einen Tiger verwandelte.

Bewundernd sagte Buldeo: "Maharadscha. Großer König! Ich konnte ja nicht ahnen, dass du kein gewöhnlicher Hirtenjunge bist. Darf ich jetzt aufstehen, oder reißt mich dein Diener in Stücke?"

"Geh und Friede sei mit dir. Misch dich nicht mehr in meine Angelegenheiten. Lass ihn laufen, Akela."

Als Buldeo glücklich das Dorf erreicht hatte, erzählte er seine Geschichte. Der Priester schaute sehr bedenklich drein.

Es war schon Abend, als Mowgli und die Wölfe dem Tiger das große, schimmernde Fell vom Leibe gezogen hatten. Sie versteckten es, damit sie erst einmal die Büffel zusammentreiben konnten. Als sie in die Nähe des Dorfes kamen, hagelten Steine auf Mowgli nieder. Die Dorfbewohner wollten diesen Wolfsbalg und Dschungelgeist nicht bei sich haben.

Messua rannte zu ihm. "Mowgli, du hast Nathoons Tod gerächt." Sie umarmte ihn. Doch Mowgli schickte sie zurück zu den Dorfbewohnern. Dann trieben er und Akela die Büffelherde in die Menschenmenge hinein. "Zählt gut nach!", rief er verbittert, "damit ich euch auch ja keines gestohlen habe!" Er drehte sich um und ging mit dem einsamen Wolf davon. Sie holten Shir Khans Fell und gingen fort.

Als der Mond über die Ebene stieg, sahen die entsetzten Dorfbewohner, wie Mowgli über die Felder ging, begleitet von zwei Wölfen. Während die Tempelglocken läuteten, schmückte Buldeo die Geschichten von seinen Dschungelabenteuern immer weiter aus.

Als der Mond gerade unterging, kamen die beiden Wölfe mit Mowgli bei Mutter Wolfs Höhle an. Sie erzählten, von Mowglis Sieg über Shir Khan. Sie war stolz auf ihren kleinen Frosch. Und Bagheera, der aus dem Dickicht angeschlichen kam, umarmte Mowgli. Gemeinsam kletterten alle auf den Ratsfelsen und spannten Shir Khans gestreiftes Fell auf die Steinplatten. In diesem Moment fiel Mowgli ein Lied ein, ohne jeden Reim. Es stieg wie von selbst aus seiner Kehle. Grauer Bruder und Akela stimmten zwischen den Strophen ihr Geheul an.

So hatte Mowgli sein Wort gehalten. "Menschenrudel und Wolfsrudel haben mich ausgestoßen", sagte Mowgli, "jetzt will ich alleine im Dschungel jagen."

Die Wolfsjungen wollten mit ihm kommen. So ging Mowgli ab diesem Tag seiner Wege und jagte mit den vier Wolfsjungen alleine im Dschungel. Aber er blieb nicht immer alleine. Im Lauf der Jahre wurde er ein Mann und heiratete. Aber das ist eine Geschichte für Erwachsene.

Mowglis Lied

… das er auf dem Ratsfelsen sang, als er auf Shir Khans Fell tanzte.

Das ist Mowglis Gesang - ich, Mowgli, ich singe! Der Dschungel soll hören, was ich getan. Shir Khan hat gesprochen, er wolle mich töten! Am Dorftor, im Zwielicht, Mowgli, den Frosch. Er fraß und soff. Trink nur tüchtig, Shir Khan, denn wer weiß, wann du noch einmal trinkst. Schlaf nur und träum von der Beute.

Ich bin allein auf der Weide. Komm, Grauer Bruder, zu mir! Komm, einsamer Wolf, denn auf uns wartet herrliche Beute. Führ sie her, die mächtigen Büffel, die Bullen mit blauer Haut und zornigen Augen! Führ sie nach meinem Befehl.

Schläfst du immer noch, Shir Khan? Dann wach endlich auf! Hier komme ich, und mir folgen die Bullen. Rhama, der König der Büffel, stampft stolz mit den Hufen. Wasser des Wainganga, wohin ist Shir Khan denn gegangen? Er ist nicht Ikki, gräbt keine Löcher, nicht Mao, der Pfau, kann nicht fliegen, er ist nicht Mang, die Fledermaus, hängt nicht an Zweigen. Du kleiner Bambus, der krachend zerbrach, sag mir, wohin ist der Tiger gerannt!

O - er ist hier. Oho - er ist dort. Unter den Hufen von Rhama liegt der Lahme. Hoch Shir Khan! Steh auf und schlag zu! Hol dir das Fleisch! Durchbeiß den Nacken der Stiere. Still jetzt, ganz still! Er schläft, lasst ihn ruhen, denn seine Kraft ist sehr groß.

Die Geier stoßen herab, um sie zu erkennen. Die schwarzen Ameisen krabbeln herauf, um sie zu erfahren. Welch große Versammlung, alles zu seinen Ehren. Alala, ich habe kein Tuch, um mich zu bekleiden, nackt und beschämt stehe ich da, vor den Geiern und allen Geschöpfen des Dschungels.

Leih mir dein Fell, Shir Khan. Leih mir den heiter gestreiften Rock, dann kann ich zum Ratsfelsen gehen. Beim Bullen, mit dem ich bezahlt, tat ich einst einen Schwur, ein kleines Versprechen. Nur der Rock fehlt noch, dann kann ich mein Wort auch halten.

Mit dem Messer, dem Menschengerät, mit der Klinge des Jägers, des Mannes, will ich mich bücken nach meinem Geschenk, und dir aus dem Rock helfen. Wasser des Wainganga, das kannst du bezeugen, aus Liebe zu mir überlässt mir Shir Khan als Pfand seinen Rock. Pack an, Grauer Bruder! Zieh, Akela, zerr! Schwer ist das Fell von Shir Khan.

Das Menschenvolk zürnt mir. Sie werfen mit Steinen nach mir und führen kindische Reden. Ich blute am Munde, komm, wir gehen! Lauft mit mir, ihr Brüder, lauft schnell durch die Nacht, wir verlassen die Lichter des Dorfes und folgen dem sinkenden Mond. Wasser des Wainganga, das Menschenvolk hat mich verstoßen. Nichts tat ich ihnen zuleide, und dennoch fürchten sie mich. Warum?

Wolfsvolk, auch du verstößt mich. So ist mir der Dschungel verschlossen und auch die Tore des Dorfes. Warum? Wie die Fledermaus zwischen Vögeln und Tieren umherschwirrt, so ich zwischen Dschungel und Dorf. Warum?

Ich tanz auf dem Fell von Shir Khan, doch das Herz ist mir schwer. Mein Mund ist verletzt und verwundet von den Steinen des Dorfes, doch das Herz ist mir leicht, weil ich heimkam zum Dschungel. Warum?

Beides, Freude und Schmerz, kämpfen in mir wie die Schlangen im Frühling. Ich weine und lache. Warum? Ich bin Mowgli und noch ein anderer Mowgli, doch ich spüre das Fell von Shir Khan unter den Füßen.

Der Dschungel weiß: Ich habe Shir Khan getötet! Schaut her - schaut gut her, o ihr Wölfe! Ahae! Das Herz ist mir schwer von den Dingen, die ich nicht begreife.

Schlaflied der Robben

O schlafe, mein Kind, die Nacht ist uns nah,
und schwarz das Wasser, das glasgrün lag da.
Der Mond auf den Schaumkronen schaut nach uns aus,
wie wir in den flüsternden Tälern jetzt ruhn.
Wallt Woge an Woge, ist es weich wie ein Flaum,
ach schmieg dich, müdes Liebchen, an mich wie im Traum.
Kein Sturm soll dich wecken, kein Haifisch erschrecken,
schlaf süß in der Dünung der rollenden See.

Die weiße Robbe - Teil 1

Die folgende Geschichte hat sich von einigen Jahren in Novastoshnah (das heißt auch Nordostspitze) zugetragen. Dieser Ort liegt auf der Insel St. Paul, weit entfernt in der Beringsee. Limmershin, der Winterzaunkönig, hat mir diese Geschichte erzählt. Der Wind hatte ihn gegen das Takelwerk des Dampfers geworfen, mit dem ich in Richtung Japan fuhr.

Ich nahm den kleinen Vogel für einige Tage mit in meine Kabine und wärmte ihn auf, bis er wieder nach St. Paul zurückfliegen konnte. Limmershin ist ein merkwürdiger Vogel, aber in seinen Geschichten steckt immer ein Funken Wahrheit.

Nach Novastoshnah kommt keiner, außer man hat etwas zu erledigen - und die Einzigen, die dort regelmäßig Geschäfte zu erledigen haben, sind die Robben. Zu Hunderttausenden steigen sie im Sommer aus dem kalten grauen Meer. Der Strand von Novastoshnah ist für die Robben wie geschaffen.

Das wusste Seezahn. Wo immer er sich herumtrieb, in jedem Frühjahr machte er sich auf den Weg und schwamm wie ein Torpedoboot geradewegs nach Nowastoshnah. Dort kämpfte er einen Monat lang mit seinen Artgenossen um einen guten Platz auf dem Felsen, möglichst nahe am Meer.

Seezahn war eine ungefähr fünfzehn Jahre alte, gewaltige graue Pelzrobbe mit langen, gefährlichen Seehundzähnen. Sein dichter Pelz auf den Schultern glich einer Mähne. Am ganzen Leib war er von den Narben wilder Kämpfe gezeichnet. Trotzdem war er stets für den nächsten Kampf bereit.

Er drehte immer den Kopf etwas zur Seite, als hätte er Angst, dem Gegner ins Auge zu blicken. Dann aber schoss er vor wie ein Blitz. Und wenn seine großen Zähne erst einmal dem anderen Seehund fest im Nackenfell saßen, dann konnte der andere zappeln soviel er wollte. Seezahn ließ dann nicht mehr locker. Allerdings verfolgte er nie eine unterlegene Robbe, denn das verstieß gegen das Gesetz der Bucht.

Seezahn verlangte nur genügend Platz am Meer für seine Kinderstube. Und da vierzig- oder fünfzigtausend andere Seehunde in jedem Frühling dasselbe suchten, war das Pfeifen und Bellen, das Prusten und Prügeln am Strand manchmal furchterregend.

Erst wenn die Seehunde die Plätze erkämpft hatten, kamen im Mai oder Anfang Juni die Frauen auf die Insel. Und die jungen zwei- bis vierjährigen Seehunde, die noch keine eigene Familie gegründet hatten, watschelten mitten durch das Kampfgetümmel etwa eine halbe Meile landein, wo sie sich in großen Gruppen zusammentaten und friedlich in den Sanddünen spielten. Sie wurden Holluschickie, die Junggesellen, genannt. Auf Novastoshnah gab es gut zwei- bis dreihunderttausend von ihnen!

In diesem Frühjahr hatte Seezahn gerade seinen fünfundvierzigsten Kampf erfolgreich beendet, als Mathka aus dem Meer auftauchte. Sie war sein weiches, geschmeidiges, sanftäugiges Weib. Er packte sie beim Nacken, ließ sie auf ihren diesjährigen Stammplatz plumpsen und brummte: "Zu spät, wie immer. Wo warst du nur!"

Da Seezahn in den letzten vier Monaten keinen Happen gegessen hatte, war er nun sehr schlechter Laune. Mathka wusste das schon und schaute sich nur um und sagte zärtlich: "Wie aufmerksam von dir! Du hast wieder unseren alten Platz genommen."

"Natürlich! Aber sieh mich an!", knurrte Seezahn.

Er war überall zerkratzt und blutete aus mehr als zwanzig Wunden; auf einem Auge war er fast blind und an den Seiten hing ihm das Fell in Fetzen. Doch Mathka kannte den Anblick bereits. Sie schlug mit der Hinterflosse wie mit einem Fächer. "Oh ihr Männer. Warum verteilt ihr eure Plätze nicht in Ruhe? Du siehst wirklich aus, als hättest du mit einem Mörderwal gekämpft."

"Ich habe auch seit Mitte Mai nur gekämpft. Der Strand war noch nie so überfüllt wie jetzt. Ein wahrer Schandfleck. Mehr als hundert Robben vom Lukannonstrand sind hier auf Wohnungssuche. Warum bleiben die Leute nicht da wo sie hingehören?"

Mathka fragte sich immer öfter, ob sie nicht auf der Otterinsel glücklicher wären. Aber Seezahns Stolz würde das nie zulassen. Immer wenn sie diesen Vorschlag machte rief er: "Da ziehen nur die Holluschickie hin. Wir müssen das Gesicht wahren."

Es war ein riesiger Lärm auf der Insel. Selbst nach vorsichtiger Schätzung befanden sich über eine Million Seehunde auf dem Strand. Mitten in diesem Getümmel wurde Mathkas Baby geboren. Er hieß Kotick und hatte blasse wasserblaue Augen und bestand nur aus Kopf und Schultern, wie es sich für einen neugeborenen Seehund gehört. Aber irgendetwas an seinem Fell war anders.

"Seezahn", sagte sie schließlich, "ich glaube, unser Kind wird weiß werden."

"Muschelgeklapper und Seetanggeraschel!", schnaubte Seezahn. "Auf der ganzen Welt hat es noch nie eine weiße Robbe gegeben."

"Dann wird es ab jetzt wohl eine geben", antwortete Mathka, "ich kann es nicht ändern." Dann summte sie das leise, süße Seehundslied, das alle Robbenmütter ihren Kindern vorsingen:

Jetzt schwimmt mein Kind noch nicht im Meer, sonst sinkt sein Kopf, ist noch zu schwer; und Mörderwahl und Sommerwind sind schlimm fürs kleine Robbenkind.

Sind arg fürs Robbenkindchen mein, könnte schlimmer gar nicht sein. Doch plantsche, stärke dir Leib und Mut, dann wird am Ende alles gut. Du Kind der wogenden Flut!

Anfangs verstand der kleine Kotick kein Wort. Er paddelte neben seiner Mutter her und lernte, sich nach Seehundmanier zu benehmen. Obwohl er nur jeden zweiten Tag gefüttert wurde, gedieh er prächtig.

Als er zum ersten Mal alleine landeinwärts watschelte, begegnete er zehntausenden von jungen Robben. Sie waren alle in seinem Alter und spielten wie junge Hunde miteinander. Und da die Holluschickie auf ihrem eigenen Gelände blieben, konnten die Robbenkinder nach Herzenslust herumspielen.

Im Oktober verließen die Seehunde die Insel St. Paul. Alle Familien und Stämme kehrten in die tiefe See zurück. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg quer über den Stillen Ozean.

Mathka lernte Kotick in diesem halben Jahr alles, was eine junge Robbe wissen musste. Er lernte jagen oder zu erkennen, wann ein Sturm aufziehen würde. In der ganzen Zeit hatte er keine Flosse auf trockenen Boden gesetzt.

Eines Tages jedoch, als er irgendwo dicht bei der Insel Juan Fernandez im warmen Wasser döste, fühlte er sich am ganzen Leibe schwach. So, als hätte er die Frühjahrsmüdigkeit in den Knochen. Da fiel ihm wieder die schöne sandige Bucht von Novastoshnah ein; siebentausend Meilen von hier. Er dachte an seine Kameraden, den Geruch des Seetangs und das Röhren der Robben.

Auf der Stelle machte er kehrt und schwamm ausdauernd nach Norden. Je weiter er kam, desto häufiger stieß er auf kleine Gruppen seiner Kameraden. Alle hatten dasselbe Ziel. Sie wollten als Holluschickie den Feuertanz in der Brandung vor Lukannon tanzen.

"Sag, woher hast du diesen Pelz?", fragten sie ihn verwundert. Koticks Fell war inzwischen völlig weiß geworden und er war sehr stolz darauf. Trotzdem sagte er nur: "Schwimmt schnell! Meine Knochen sehnen sich nach Land!"

Die weiße Robbe - Teil 2

In dieser Nacht tanzte Kotick mit den anderen Seehunden den Feuertanz. In den Sommernächten steht das Meer von Novastoshnah bis Lukannon in Flammen und jeder Seehund hinterlässt ein Kielwasser wie eine brennende Ölspur.

Nach dem Tanz liefen die Holluschickie landeinwärts zu den Plätzen für die Junggesellen. Sie wälzten sich im Wildweizen und prahlten mit ihren Abenteuern auf See. Da watschelten die drei- und vierjährigen Holluschickie vom Hügel hinunter, um mit ihren noch größeren Erfahrungen zu prahlen.

Einer spottete zu Kotick: "He, du Jährling, wo hast du diesen weißen Mantel gekriegt?" Gerade als er den Spötter umrempeln wollte, tauchten zwei schwarzhaarige Männer hinter einer Sanddüne auf. Kotick, der zu vor noch nie Menschen gesehen hatte, bellte und senkte den Kopf. Die anderen watschelten einige Meter zurück und glotzten dumm.

Die Männer waren niemand Geringerer als Kerick Booterin, der Anführer der Robbenjäger und sein Sohn Patalamon. Sie waren dabei, die Seehunde aufzulesen, die sie zum Schlachtplatz treiben wollten. Robben wurden genau wie Schafe getrieben, um sie später in Robbenfelljacken zu verwandeln.

Als die Männer die weiße Robbe erkannten, wurden sie unsicher. Sie glaubten, es handle sich hier um den Geist des alten Caharrof. Der war letztes Jahr beim großen Sturm umgekommen. Die Robbenjäger trieben trotzdem eine Gruppe von Robben landeinwärts. Hunderttausende von Robben sahen zu, doch keiner konnte Kotick erklären, was hier passierte. Die anderen wussten nur, dass schon seit vielen Jahren Menschen kamen, die immer auf die gleiche Art und Weise Robben forttrieben.

Kotick beschloss, den gefährlichen Männern zu folgen. Da rief Patalamon: "Die weiße Robbe ist hinter uns her!" Trotzdem gingen sie weiter und brachten am Ende die Robben um. Als sie am Schlachtplatz angekommen waren, ließen sie die Tiere kurz auskühlen und dann kamen zwölf Männer, jeder mit einer eisenbeschlagenen Keule. Die Männer schlugen den Robben die Schädel ein, so schnell sie nur konnten. Dann wurde ihnen das Fell von der Nase bis zu den Hinterflossen aufgeschlitzt, mit einer Bewegung abgezogen und auf der Erde gestapelt.

Kotick hatte genug gesehen. Er galoppierte zurück zum Meer und sein neuer Schnurrbart sträubte sich vor Entsetzen. Beim Seelöwenkap warf er sich ins kalte Wasser, ließ sich schaukeln und stöhnte erbärmlich. Dann erzählte er den Seelöwen, was er gesehen hatte. Die jedoch wunderten sich nicht, da sie die Machenschaften des alten Kerick schon seit dreißig Jahren kannten.

Sie brachten Kotick auf die Idee, nach einer Insel zu suchen, auf der es keine Menschen gab. So kam es, dass Kotick nach einer kurzen Ruhepause zur Walrossinsel schwamm. Das war ein kleines flaches Felseneiland, auf dem die Walrösser ganz unter sich bleiben.

Kotick landete dicht vor dem alten Seebär. "Wach auf!", bellte er dem großen, hässlichen, aufgeblähten, fleckigen Walross zu. Zum Glück schlief er gerade, da hatte er die besten Manieren. Der alte Seebär schreckte auf und weckte sogleich seinen Nachbar. Dieser tat es ihm nach, bis alle Walrosse Kotick anglotzten. Sie blickten ihn an, wie ein verschlafener Altherrenklub vermutlich einen kleinen Jungen mustern würde. Deshalb fragte Kotick laut: "Gibt es für uns Robben eine Insel, auf die die Menschen niemals kommen?"

"Such doch selber", antworteten sie unfreundlich. "Hau ab! Wir haben hier zu tun!"

Daraufhin beschimpfte Kotick den alten Seebären als Muschelfresser. Er wusste, dass der Seebär so tat, als ob er eine Furcht einflößende Persönlichkeit wäre. Dabei hatte er in seinem Leben noch nie einen Fisch gefangen; allenfalls nach Muschelseetang gegrapscht. Seebär rollte sich keuchend und grunzend vor Verlegenheit von einer Seite zur anderen.

"Frag die Seekuh", ächzte er und erklärte der weißen Robbe den Weg.

Kotick schwamm zurück nach Novastoshnah. Doch dort zeigte niemand Interesse daran, einen menschenleeren Platz zu entdecken. Als Kotick seine Enttäuschung mit seinem Vater, der alten Seeschnuppe besprach, gab er ihm folgenden Rat: "Du musst erwachsen werden. Dann gründest du deine eigene Familie und noch einmal fünf Jährchen später müsstest du stark genug sein, um dich selber durchzukämpfen."

Seine Mutter, Mathka, sagte ihm, dass er das Töten nie beenden könne. Da watschelte Kotick davon und tanzte schweren Herzens den Feuertanz. In diesem Herbst schwamm er ganz alleine los, denn er wollte die Seekuh suchen. Er beabsichtigte, unbedingt eine ruhige Insel zu finden, auf denen Seehunde leben konnten und kein Mensch ihnen was anhaben könnte.

Und so durchforschte er den Stillen Ozean von Norden bis zum Süden. Manchmal legte er bis zu 300 Meilen an einem Tag und in einer Nacht zurück. Er stieß auf viele gefährliche Fische, aber auch auf große höfliche Zeitgenossen. Der Seekuh begegnete er jedoch nicht und erst recht sah er keine Insel, die ihm gefallen hätte.

Wenn der Strand gut und fest war, mit einer Kuhle dahinter - sodass sie für Seehunde geeignet gewesen wäre, waren vor ihm schon Menschen da. Und Kotick konnte erkennen, dass sich hier das Robbenschlachten wiederholte. Er begriff, dass Menschen immer wieder an einen Ort zurückkehren, wenn sie einmal dort gewesen sind.

Fünf Jahre brauchte Kotick für seine Forschungen. Dabei machte er jedes Jahr in Novastoshnah vier Monate Ruhepause. Und jedes Mal verspotteten ihn die Holluschickie wegen seiner Inselträume.

Als er wieder unterwegs war, führte sein Weg ihn nach Norden. Auf einer Insel mit vielen grünen Bäumen traf er auf einen uralten Seehund, der im Sterben lag. Kotick erzählte ihm seine Geschichte und erklärte, dass er nun aufgeben würde. "Ich kehre jetzt nach Novastoshnah zurück, und wenn ich mit den anderen geschlachtet werde, ist es mir auch egal!", erklärt er kummervoll.

Doch der alte Seehund sagte: "Versuch es noch einmal. Ich bin der Letzte vom verlorenen Brutplatz von Masafuera. Damals, als die Menschen uns erschlugen, hat man in den Buchten eine Geschichte erzählt. Eines Tages würde eine weiße Robbe aus dem Norden kommen und das Robbenvolk an einen friedlichen Ort führen. Ich bin alt und werde den Tag nicht mehr erleben, aber andere schon."

Kotick zwirbelte an seinem Schnurrbart und erkannte, dass nur er diese Robbe sein konnte. Als er in diesem Sommer wieder nach Hause kam, bat er seine Mutter darum, mit der vorgesehenen Heirat noch ein Jahr warten zu dürfen. Und merkwürdigerweise gab es eine zweite Robbe, die das Heiraten bis zum nächsten Jahr verschieben wollte. Mit ihr tanzte er in der Nacht, ehe er zu seiner letzten Entdeckungsreise aufbrach.

Tatsächlich begegnete er diesmal der Seekuh. Er erkannte sie daran, dass sie tatsächlich noch hässlicher war, als der alte Seebär und sie hatten noch schrecklichere Manieren. Und weil Seekühe nicht sprechen können - sie verständigen sich mit einer Art plumper Morsesprache - blieb Kotick nichts anderes übrig, als der Herde zu folgen.

Es war mühselig, da die Herde nie mehr als 40 bis 50 Meilen vorankam. Koticks Laune sank so tief wie die toten Krabben. Alle paar Stunden hielten die Seekühe eine Konferenz ab und Kotick zerbiss sich fast den Schnurrbart vor Ungeduld. Als er aber bemerkte, dass sie einer warmen Wasserströmung folgten, stiegen die Seekühe wieder in seiner Achtung.

Eines Nachts ließen sie sich plötzlich durchs schimmernde Wasser sinken. Und zum ersten Mal, seit er sie kannte, begannen sie rasch zu schwimmen. Kotick folgte ihnen verblüfft. Am Fuß einer senkrechten Klippe, die tief bis zum Meeresgrund reichte, tauchten sie in ein dunkles Loch. Sie mussten eine lange Strecke durch den dunklen Tunnel schwimmen. Kotick rang mit allen Fasern seines Körpers nach frischer Luft.

Als er keuchend und schnaubend am anderen Ende des dunklen Tunnels wieder ins offene Wasser stieß, war er verblüfft. Das lange Tauchen hatte sich gelohnt. Die Seekühe grasten bereits am Rand der herrlichsten Strände, die Kotick je gesehen hatte. Meilenweit zogen sich die Felsen hin.

Hier war ein Ort, der für Robbenkinderstuben wie geschaffen schien, ebenso für den Tanz der Seehunde. Das Allerbeste war, dass hier noch nie ein Mensch gewesen war. Das hatte ihm das Wasser verraten - und das Wasser betrügt einen echten Seehund nie. Wenn es überhaupt im Meer einen sicheren Ort gibt, dann war es hier. Kein Mensch würde je über diese Klippen gelangen.

Er brauchte sechs Tage, um wieder nach Hause zu schwimmen. Als Erste traf er die Robbe, die auf ihn gewartet hatte. Sie wusste sofort, dass er endlich eine Insel gefunden hatte. Aber die Holluschickie und sein Vater lachten ihn aus. Und weil sie ihm vorwarfen, dass er noch nicht einmal um einen Brutplatz gekämpft habe, und er deshalb überhaupt nicht mitreden könne, lieferte er den anderen Robben einen heftigen Kampf. Es hat noch nie zuvor eine derartige Schlacht bei den Robben gegeben, wie Koticks Attacke auf die Brutplätze.

Da war sein Vater sehr stolz auf ihn und verkündete, dass er mit ihm auf die Insel kommen würde. Da lief ein Murmeln die Strände entlang und viele Seehunde beschlossen, dass sie mitkommen würden.

So kam es, dass eine Woche später fast zehntausend Holluschickie und alte Seehunde in Richtung Norden davonschwammen. Die Robben, die in Novastoshnah geblieben waren, nannten sie alle Narren. Als sie sich im nächsten Jahr bei den Fischbänken des Stillen Ozeans trafen, erzählten Koticks Robben solche Wunderdinge von den neuen Stränden, dass immer mehr Seehunde mit zu den neuen Stränden hinter dem Tunnel zogen.

Jahr für Jahr verließen immer mehr Seehunde Novastoshnah und Lukannon und schwammen zu den ruhigen Buchten. Dort sitzt Kotick den ganzen Sommer lang und wird immer dicker. Um ihn herum spielen die Holluschickie - auf jener Insel im Meer, auf die niemals ein Mensch gelangen wird.

Rikki-tikki-tavi - Teil 1

Vor dem Loch, in das er floh, rief das kleine Rotaug so - hört nur, wie er Runzelhaut droht: Nag, komm raus, tanz mit dem Tod!

Aug in Aug und Kopf an Kopf, (Nimm nur Maß, Nag.)

Endet erst, wenn einer tot; (Fang nur an, Nag.)

Drehn und Wenden, Schritt für Schritt - (Schleich dich weg, Nag.)

Runzelhaut, du hast verspielt! (Es ist aus, Nag.)

Dies ist die Geschichte von der großen Schlacht, die Rikki-tikki-tavi ganz alleine durch die Badezimmer des großen Bungalows von Segowlee ausgetragen hat. Darzee, der Schneidervogel, hat ihm zwar geholfen. Und Chuchundra, die ängstliche Moschusratte, hat ihm gute Ratschläge gegeben. Aber den eigentlichen Kampf, den hat Rikki-tikki-tavi alleine ausgefochten.

Rikki-tikki-tavi war ein Mungo. In seinem Fell und seinem Schwanz ähnelte er einer Katze, sein Kopf und seine Lebensgewohnheiten glichen eher denen eines Wiesels. Er war überaus gelenkig, konnte seinen Schwanz aufplustern, als wäre er eine Flaschenbürste und wenn er durch das hohe Gras flitzte, stieß er seinen Kriegsruf aus: "Rikk-tikk-tikki-tikki-tchk!"

Eines Tages schwemmte ihn ein sommerliches Hochwasser aus dem Haus, in dem er mit seinen Eltern gelebt hatte. So sehr er auch strampelte, verlor er im Sog des Wassers irgendwann das Bewusstsein. Er erwachte erst wieder, als ein großer Mann ihn zwischen Daumen und Zeigefinger klemmte, ihn hochhob und erklärte, dass er wirklich nicht tot sei. Jemand wickelte ihn in Watte und wärmte ihn, bis er die Augen öffnete und nieste. "Na also", sagte der Mann. "Jetzt jagt ihm keinen Schrecken ein."

Allerdings ist es ganz unmöglich, einen Mungo zu erschrecken. Dazu ist er viel zu neugierig. Der Wahlspruch aller Mungos lautete: "Lauf los und schau nach!" Und weil Rikki-tikki ein waschechter Mungo war, schaute er sich erst mal die Watte an, fand sie ungenießbar und rannte um den ganzen Tisch herum. Zuletzt sprang er dem Jungen auf die Schulter.

"Du brauchst keine Angst zu haben, Teddy", sagte sein Vater, "das ist seine Art, Freundschaft zu schließen." Der kleine Teddy kicherte, weil der Mungo ihn am Kinn kitzelte.

Rikki-tikki inspizierte den Jungen genauer. Dann verspeiste er mit großem Appetit das kleine Stück rohes Fleisch, das sie ihm gaben. Danach flitzte er auf die Terrasse und ließ sein Fell trocknen. Nun fühlte er sich besser. Inzwischen war ihm klar geworden, dass es in diesem Hause mehr zu entdecken gab, als eine Familie in einem ganzen Mungo-Leben entdecken kann. So beschloss er, zu bleiben.

Den ganzen Tag stöberte er ihm Haus herum. Er ertrank fast in Badewannen, steckte die Nase in ein Tintenfass und verbrannte sich an der glühenden Zigarrenspitze des großen Mannes. Nachts huschte er in Teddys Kinderzimmer und kletterte in dessen Bett. Jedoch musste er bei jedem Geräusch aufstehen und nachsehen, woher es kam.

Teddys Mutter war noch beunruhigt. Sie hatte Angst, dass der Mungo ihren Teddy beißen könnte. Doch der Vater zerstreute ihre Bedenken. Er war sich sicher, dass sein Sohn nun besser bewacht wäre, als mit einem Bluthund. Wenn er nur daran dachte, dass eine Schlange ins Zimmer kommen könnte …

Am nächsten Morgen ritt Rikki-tikki auf Teddys Schulter zum Frühstück auf die Veranda. Er bekam etwas Banane und ein weich gekochtes Ei. Dann setzte er sich reihum jedem auf den Schoß, denn jeder wohlerzogene Mungo hoffte, eines Tages ein Hausmungo zu werden. Und Rikki-tikkis Mutter hatte ihm genau erklärt, wie er sich dann zu verhalten hätte.

Als Nächstes erkundete er den riesigen Garten und freute sich ob des hervorragenden Jagdgebietes. Er schnüffelte hier und da, bis aus dem Dornbusch jämmerliche Stimmen zu hören waren. Es waren Darzee, der Schneidervogel und seine Frau. Sie beklagten, dass eines ihrer Kinder gestern aus dem Nest gefallen war und von Nag gefressen wurde.

Rikki-tikki erfuhr, dass Nag eine Brillenschlange war, die von der Zunge bis zum Schwanz über anderthalb Meter maß. Schon zischte Nag im hohen Gras. Doch Rikki-tikki erschrak; aber nur kurz. Denn obwohl er noch nie eine lebendige Brillenschlange gesehen hatte, so wusste er genau, dass es der Lebenszweck eines erwachsenen Mungos war, die Nattern zu jagen und zu fressen. Immerhin hatte seine Mutter ihn schon mit toten Nattern gefüttert. Und Nag wusste das auch. Im Grunde seines Herzens hatte er fürchterliche Angst.

Und weil er genau wusste, dass die Anwesenheit dieses Mungos für seine Familie über kurz oder lang den sicheren Tod bedeutete, wollte er Rikki-tikki dazu verleiten, die Wachsamkeit zu lockern. Doch Darzee warnte ihn. Und anstatt sich umzudrehen, sprang Rikki-tikki hoch in die Luft und sah, wie unter ihm der Kopf von Nagaina vorbeischoss. Sie war Nags böse Frau, die ihm hinterrücks den Garaus machen wollte.

Er landete fast auf ihrem Rücken. Nagaina verdankte ihr Leben nur seiner Unerfahrenheit. Ein alter, erfahrener Mungo hätte ihr mit einem einzigen Biss das Rückgrat gebrochen. Aber er fürchtete sich vor dem gefährlichen Peitschenhieb, biss zwar zu, aber sprang mit einem Satz dem herumwirbelnden Schwanz aus dem Wege und ließ Nagaina verletzt und wütend zurück. Nag zischte Darzee an, der sich in seinem Nest verkroch. Er hatte es in weiser Voraussicht außer Reichweite von Schlangen gebaut.

Während Rikki-tikki mit rot unterlaufenen Augen - das ist bei Mungos immer ein Zeichen von Wut - vor Zorn keckerte, waren Nag und Nagaina im hohen Gras verschwunden. Wenn eine Schlange ihr Ziel verfehlt, so zieht sie sich schweigend zurück und lässt nicht verlauten, was sie als Nächstes plant. Deshalb hoppelte er zum Haus und ließ sich nieder, um nachzudenken. Die Lage war ernst.

Wenn ein Mungo im Kampf mit einer Schlange ist, dann liegt sein Sieg nur an der schnellen Reaktion von Auge und Fuß. Schlangenstoß gegen Mungosprung - und nur weil kein Schlangenkopf beim Angriff folgen kann, siegt in der Regel der Mungo. Und weil Rikki-tikki noch ein junger Mungo war, konnte er besonders stolz darauf sein, einem Angriff aus dem Hinterhalt entkommen zu sein.

Als Teddy den Gartenweg entlanglief, ließ Rikki-tikki sich bereitwillig streicheln. Er hatte jetzt großes Selbstvertrauen. Doch als Teddy sich bückte, sagte eine feine Stimme: "Gib Acht, ich bin der Tod!" Es war Karait, die staubfarbene kleine Schlange, die am liebsten in der Erde liegt. Ihr Biss war ebenfalls tödlich.

Rikki-tikkis Augen wurden wieder rot und er umtanzte Karait so, wie Mungos es eben taten. Dem Mungo war in diesem Moment die Gefahr nicht bewusst, die von der besonders kleinen, wendigen Schlange ausging. Während er nach einer Stelle zum Zubeißen suchte, schaukelte er vor und zurück. Da stieß Karait vor. Rikki sprang zur Seite und versuchte anzugreifen. In der Zwischenzeit kam Teddys Vater mit einem Prügel in der Hand angelaufen. Aber Karait war schon zu weit vorgestoßen und Rikki-Tikki hatte ihn in die obere Nackenpartie gebissen, so fest er nur konnte. Dieser Biss betäubte Karait und Rikki-tikki begann nach Familiensitte, die Schlange vom Schwanz an aufzufressen. Doch dann fiel ihm ein, dass ein voller Bauch einen langsamen Mungo aus ihm machen würde, und er beschloss, sich in den Eukalyptusbüschen auszuruhen.

Teddys Mutter hob ihn aus dem Staub auf die Arme. Sie rief unter Tränen, er habe Teddy das Leben gerettet und Teddys Vater sagte, er sei von der Vorsehung geschickt. Rikki-tikki fand die ganze Aufregung eher erheiternd und amüsierte sich köstlich. An diesem Abend spazierte er auf dem Tisch zwischen den Tellern hin und her und hätte sich dreimal den Bauch vollschlagen können. Doch er dachte nebenbei an Nag und Nagaina; und obwohl er sehr verwöhnt wurde, bekam er doch von Zeit zu Zeit rote Augen und stieß dann seinen langen Kriegsruf aus: "Rikk-tikk-tikki-tikki-tchk!"

Rikki-tikki-tavi - Teil 2

Teddy nahm ihn mit ins Bett und bestand darauf, dass der Mungo unter seinem Kinn schlief. Rikki-tikki war zu wohlerzogen, um sich zu wehren. Aber als Teddy eingeschlafen war, begab er sich auf seinen nächtlichen Ausflug durchs Haus. In der Dunkelheit prallte er auf Chuchundra, die Moschusratte, die sich an der Wand entlangdrückte.

Er ist ein jämmerlich kleines Tier, der die ganze Nacht winselt. Natürlich hatte er Angst vor dem Mungo. Doch Rikki-tikki erklärte nur verächtlich: "Glaubst du etwa, dass ein Schlangentöter Moschusratten umbringt?"

Da sagte Chuchundra: "Wer Schlangen tötet, der kommt durch Schlangen um. Und was, wenn Nag mich in der Nacht verwechselt?"

Rikki-tikki winkte verächtlich ab. Doch Chuchundra hatte zuvor erfahren, dass Nag überall ist. Die Ratte fürchtete sich sogar, Genaueres zu erzählen und forderte den Mungo auf, der nächtlichen Stille zu lauschen. Und tatsächlich hörte Rikki-tikki ein winziges Geräusch … schrapp, schrapp. So leise wie … das trockene Scharren von Schlangenhaut auf Mauerwerk. Das ist Nag oder Nagaina, dachte er sich, und er kriecht in den Abfluss vom Badezimmer.

Schnell huschte Rikki-tikki in Teddys Badezimmer - nichts. Aber im Badezimmer von Teddys Mutter, da hörte er Nag und Nagaina draußen im Mondlicht miteinander flüstern. "Wenn das Haus menschenleer ist", sagte Nagaina zu ihrem Mann, "dann wird auch er verschwinden und dann gehört der Garten wieder uns. Kriech leise hinein und denk daran, dass du den großen Mann zuerst beißen musst. Dann komm wieder heraus, sag mir Bescheid, dann jagen wir zusammen den Mungo."

Nag fragte, weshalb er alle Menschen im Haus töten solle. Da erwiderte Nagaina: "Zuerst waren die Menschen da, dann der Mungo. Sobald das Haus leer steht, verzieht sich Rikki-tikki und wir sind wieder König und Königin des Gartens. Und vergiss nicht, sobald unsere Kinder aus den Eiern im Melonenbeet schlüpfen, brauchen wir viel Platz und Ruhe."

Daran hatte Nag noch gar nicht gedacht. Deshalb schob Nag den Kopf durch das Abflussloch und der anderthalb Meter lange Schlangenleib folgte nach. Rikki-tikki begann es am ganzen Leibe vor Wut zu kribbeln. Er war sehr aufgebracht, trotzdem erschrak er für einen Moment, als er die Schlange in ihrer ganzen Länge erblickte.

Nag wiegte sich hin und her. Dann beschloss er, im Badezimmer zu warten, bis am nächsten Morgen der große Mann kommen würde. Im Badezimmer hätte er sicher keinen Stock dabei. Nag teilte Nagaina sein Vorhaben mit. Als sie keine Antwort gab, wusste Rikki-tikki, dass sie fortgegangen war.

Nag wand sich um den Wasserkrug und schlief. Rikki-tikki überlegte in der Zwischenzeit, an welcher Stelle er am besten zubeißen könnte. Wenn ich ihm nicht beim ersten Biss das Rückgrat breche, dann kann er noch kämpfen. Oh je, er sah den dicken Nacken an.

Dann sprang er. Rikki schlug seine Zähne in den Feind hinein, gleichzeitig stemmte er seinen Rücken gegen den gewölbten Tonkrug, damit er den Schlangenkopf fest nach unten drücken konnte. Doch das verhalf ihm nur für einen Moment Luft, dann wurde er schon geschüttelt und gezerrt wie eine Ratte, die von einem Hund hin und hergebeutelt wird. Trotzdem, dass er in wilden Kreisen durchs Zimmer geschleudert wurde, blieben Rikkis Augen rot und er hielt sich verbissen fest. Während sein Körper herumgewirbelt wurde, flogen Seifenschale, Blechschöpfer und Badebürste herunter und schließlich krachte er gegen die Zinkwand der Badewanne.

Doch Rikki ließ nicht locker. Inzwischen war er endgültig davon überzeugt, diesen Kampf nicht gewinnen zu können; dann wollte er wenigstens mit zusammengebissenen Zähnen aufgefunden werden - schon wegen der Familienehre.

Ihm war schwindlig und alles tat ihm weh, als hinter ihm ein Donnerschlag loszugehen schien. Ein heißer Windstoß raubte ihm beinahe die Besinnung und rote Hitze versengte ihm das Fell. Der große Mann war von dem Lärm wach geworden und hatte eine volle Ladung seiner Flinte auf Nag abgefeuert.

Rikki-tikki ließ immer noch nicht locker, denn jetzt hielt er sich endgültig für tot. Aber der Kopf der Schlange bewegte sich nicht mehr. Der große Mann hob Rikki-tikki hoch und sagte: "Das war wieder dieser Mungo, Alice. Diesmal hat er uns das Leben gerettet." Da wankte die Frau herein und wurde beinahe ohnmächtig, als sie die zerfetzte Schlange sah.

Rikki-tikki schleppte sich in Teddys Schlafzimmer und verbrachte den Rest der Nacht damit, sich vorsichtig alle Knochen abzutasten. Er war davon überzeugt, dass er sie sich an mindestens vierzig Stellen gebrochen hatte. Am nächsten Morgen war der Mungo noch ziemlich steif, mit seinen Taten aber recht zufrieden. Jetzt muss ich nur noch Nagaina den Garaus machen, dachte er; und die ist gefährlicher als fünf Nags. Und dann noch die Jungen, keiner weiß genau, wann sie schlüpfen. Himmel! Ich muss unbedingt mit Darzee sprechen.

Ohne sein Frühstück rannte Rikki-tikki zu Darzee, der aus Leibeskräften einen Triumphgesang schmetterte. Die Nachricht von Nags Tod hatte sich schon im Garten herumgesprochen. Doch Rikki-tikki schimpfte mit ihm. "Das ist ja alles schön und gut, aber wo ist Nagaina?" Und das musste er dreimal fragen, bevor der Vogel endlich den Schnabel hielt.

"Auf dem Abfallhaufen neben den Ställen. Dort trauert sie um Nag."

Rikki-tikki fragte sogleich nach den Eiern. Und Darzee wusste tatsächlich das Versteck. Nagaina legte ihre Eier vor drei Wochen im Melonenbeet ab, dicht bei der Mauer, dort wo den ganzen Tag die Sonne hinbrennt. Der Vogel erschrak: "Riki-tikki, du wirst doch nicht ihre Eier fressen?"

"Nein, eigentlich nicht, Darzee", antwortete der Mungo. Er befahl dem Vogel, Nagaina so lange abzulenken, bis er zum Melonenbeet gelaufen war. Und weil Darzee ein Vogelhirn hatte, mit nichts als Flausen im Kopf, und deshalb immer nur Platz für einen Gedanken. Im ersten Moment dachte er, dass es gemein wäre, die Kleinen zu töten. Aber seine Frau war vernünftiger. Sie wusste genau, wo Schlangeneier waren, gab es in kürzester Zeit auch ausgewachsene Schlangen. So überließ sie es ihrem Gatten, das Nest warm zu halten und flog vom Nest fort. Darzee ähnelte in gewisser Weise den Menschen.

Aber seine Frau flog vor Nagaina hin und her, flatterte aufgeregt und rief: "Oh, meine Flügel sind gebrochen. Der Junge hat einen Stein nach mir geworfen." Zur Bekräftigung ruderte sie noch verzweifelter mit ihren Flügeln herum. Doch Nagaina hatte ihr noch nicht verziehen, dass sie die Schlangen an den Mungo verraten hatten. Deshalb wollte sie den Vogel töten. Doch Darzees Frau war klug genug, der Schlange nicht in die Augen zu schauen. Dann wäre sie nämlich verloren gewesen.

Während dieser kurzen Zeit flitzte Rikki-tikki zum Rande des Melonenbeets. Dort entdeckte er fünfundzwanzig Eier, etwa so groß wie Eier von Junghühnern, aber mit einer weißen Haut umhüllt statt mit einer Kalkschale. Und durch die Haut hindurch konnte man bereits die winzigen zusammengerollten Brillenschlangen erkennen. Und Rikki-tikki wusste genau, dass so eine kleine Schlange sofort nach dem Ausschlüpfen in der Lage war, einen Menschen oder einen Mungo zu töten.

In Windeseile biss er die Spitzen der Eier ab und zerdrückte die jungen Nattern sorgfältig. Als schließlich nur noch drei Eier übrig waren, hörte er Darzees Frau kreischen: "Rikki-tikki, Nagaina ist zur Terrasse gekrochen und - komm schnell - sie will ihn töten!"

Rikki-tikki zerdrückte zwei weitere Eier und taumelte rücklings aus dem Melonenbeet und raste zur Terrasse. Dort saßen Teddy und seine Eltern beim Frühstück. Aber sie aßen nichts, sondern saßen wie zu Stein erstarrt da. Nagaina lag zusammengerollt neben Teddys Stuhl, in bequemer Bissweite. Sie wiegte sich hin und her und sang einen Triumphgesang.

"Bleib ruhig, Teddy!", flüsterte der große Mann verzweifelt. Da fegte Rikki-tikki auf die Terrasse und forderte Nagaina auf, mit ihm zu kämpfen. Sie reagierte sehr erhaben. Als Rikki-tikki aber sagte, sie solle sich umdrehen und nach ihren Eiern sehen …

… da drehte die große Schlange sich halb um und sah das Ei auf der Veranda liegen, das Rikki-tikki im Maul getragen hatte. "Ah!", zischte sie. "Gib es sofort her!" Als Nagaina erfuhr, dass dies das letzte Ei war, schnellte sie herum. Teddys Vater nutzte die Gelegenheit und zog den Jungen quer über den Tisch. Nun war Teddy vor der Schlange erst einmal sicher. Währenddessen versuchte die Schlange den Mungo zu bezirzen: "Gib mir das Ei, dann will ich fortgehen und niemals zurückkehren!"

"Ja, du wirst fortgehen und niemals zurückkehren. Weil, du wirst auf dem Abfallhaufen landen, neben Nag. Kämpf jetzt, große Witwe!" Und das taten sie auch. Bis Rikki-tikki das Ei beinahe vergessen hatte; es lag inzwischen alleine auf der Terrasse. Einmal rief er: "Beeile dich, der große Mann holt schon sein Gewehr. Kämpfe!" Doch in einem kurzen Moment der Unaufmerksamkeit schnappte sich Nagaina ihr Ei und flüchtete in Richtung Grasgestrüpp. Darzees Frau versuchte noch, die Schlange aufzuhalten, konnte sie aber nur kurz ablenken. Das genügte, dass Rikki-tikki noch ihren Schwanz erwischte, und dann mitsamt der Schlange in ein Erdloch hinuntergezogen wurde.

Nur sehr wenige Mungos, egal wie erfahren sie auch waren, sind daran interessiert, einer Brillenschlange in ihren Bau zu folgen. Rikki-tikki hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte, hielt aber wild entschlossen fest und stemmte die Pfoten nach vorn, um sich im finsteren Erdreich abzustützen.

Als sich am Eingang des Lochs kein Grashalm mehr bewegte, begann Darzee ein herzzerbrechendes Klagelied zu singen. Als er gerade den rührseligen Höhepunkt erreichte, bewegte sich das Gras und Rikki-tikki schlüpfte aus dem Loch, von oben bis unten mit Erde bedeckt. Darzee blieb der letzte Ton direkt in der Kehle stecken.

"Es ist vorbei", sagte Rikki-tikki. "Die Witwe wird nie wieder herauskommen." Dann fiel der kleine Mungo erschöpft ins Gras und schlief den Rest des Tages. Als er wieder aufwachte, fingen alle Vögel im Garten an zu singen und alle Frösche quakten, denn Nag und Nagaina hatten Vögel wie Frösche gleich gern gefressen.

Als Rikki-tikki zum Haus kam, stürzte die ganze Familie heraus und weinte vor Freude. Am Abend aß Rikki alles auf, was ihm angeboten wurde, bis er fast platzte. Dann ging er auf Teddys Schulter zu Bett. Als die Eltern in der Nacht noch einmal hereinschauten, wachte Rikki-tikki auf, denn Mungos hatten einen leichten Schlaf. Er fragte sich, worüber sie sich jetzt schon wieder aufregten. Es waren doch alle Schlangen tot, und wenn nicht, dann wäre er ja noch da.

Rikki-tikki war so stolz auf sich, dass er fast platzte - und das mit Recht. Trotzdem wurde er nie eingebildet, sondern hielt weiterhin den Garten so in Ordnung, wie ein Mungo das kann: mit scharfen Zähnen und hohen Sprüngen, sodass sich keine einzige Brillenschlange jemals wieder über die Mauer wagte.

Toomai von den Elefanten - Teil 1

Kala Nag - "Schwarze Schlange" - hatte der indischen Regierung siebenundvierzig Jahre gedient. Er war schon zwanzig Jahre alt, als er eingefangen wurde. Nun war er fast siebzig Jahre - ein reifes Alter für einen Elefanten. Er konnte sich noch daran erinnern, dass er mit einem dicken Lederpolster auf der Stirn eine Kanone herausgestemmt hatte, die im tiefen Schlamm stecken geblieben war; das war vor dem afghanischen Krieg von 1842 gewesen. Damals hatte er noch nicht einmal seine volle Kraft erreicht.

Seine Mutter, Radha Pyari - "Liebling" - war bei derselben Treibjagd gefangen worden wie Kala Nag. Noch bevor ihm seine kleinen Milchzähne ausgefallen waren, erzählte sie ihm, dass ängstliche Elefanten immer verwundet werden. Und Kala Nag hatte am eigenen Leib erfahren, dass dieser Hinweis richtig war. Als das erste Mal vor seinen Augen eine Granate explodierte, wich er laut trompetend zurück - direkt in eine Gewehrpyramide; die Bajonette stachen ihn an seinen empfindlichen Stellen.

So hörte er vor seinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr auf, sich zu fürchten. Deshalb wurde er der am meisten geliebte und der am besten gepflegte Elefant im Dienst der indischen Regierung. Viele tausend Meilen wurde er hin und her geschickt. Er schleppte Zelte, wurde mithilfe eines Dampfkrans auf ein Schiff gehievt und war tagelang übers Meer gefahren worden. Er hatte den toten Kaiser Theodore tot in Magdala liegen sehen. Die Soldaten sagten, er habe sich den abessinischen Tapferkeitsorden verdient.

Zuletzt schleppte er Teakholzstämme auf den Holzplätzen von Moulmein. Dort hätte er fast einen jungen Elefanten getötet, der sich immer vor der Arbeit drückte. Nach diesem Vorfall wurde er vom Stämmeschleppen wieder fortgeholt. Nun musste er ein paar anderen, eigens dafür ausgebildeten Elefanten helfen, in den Bergen wilde Elefanten einzufangen. Elefanten stehen unter dem ausdrücklichen Schutz der indischen Regierung. Es gibt eine ganze Abteilung, die nichts anderes tut, als sie zu jagen, zu fangen, zu zähmen und je nach Bedarf landauf, landab zur Arbeit einzuteilen.

Kala Nag maß bis zum Rücken mehr als drei Meter. Seine Stoßzähne hatte man ihm abgesägt und mit Kupferbändern umwickelt, damit sie nicht splitterten. Mit diesen Stümpfen konnte er jedoch immer noch mehr ausrichten als jeder untrainierte Elefant mit seinen scharfen Stoßzähnen.

Waren nach wochenlanger Jagd vierzig oder fünfzig wilde Tiere in den letzten Pferch getrieben worden, krachte das große Fallgitter hinter ihnen herunter. Kala Nag ging auf einen Befehl hin mitten hinein in dieses tosende, trompetende Getümmel - meistens nachts, wenn es beim flackernden Schein der Fackeln schwer war, die Entfernungen richtig abzuschätzen. Dann suchte er sich den größten und wildesten Burschen aus und bearbeitete ihn so lange, bis die Männer auf den anderen Arbeitselefanten den kleineren gefangenen mit Stricken fesselten.

Was das Kämpfen anbelangt, so gab es nichts, was Kala Nag nicht gelernt hätte. Mehr als einmal in seinem Leben musste er mit einem verwundeten Tiger fertig werden. Dazu hatte er sich einen eigenen Trick ausgedacht: Zuerst rollte er seinen empfindlichen Rüssel ein, damit er nicht in Gefahr geriet. Dann schleuderte er den Angreifer mitten im Angriffssprung mit einer raschen runden Kopfdrehung beiseite, stieß ihn nieder, ließ sich mit seinem gewaltigen Körper auf ihn krachen und ging dann langsam in die Knie, bis der Gegner mit einem erstickten Seufzer sein Leben aushauchte. Es blieb nichts übrig, außer ein platt gedrücktes gestreiftes Fell, das Kala Nag mühelos am Schwanz wegzerren konnte.

Sein Treiber war der "Große Toomai", der Enkel von "Toomai von den Elefanten", der dabei war, als man Kala Nag gefangen hatte. "Ja", sagte er, "es gibt nichts, was Schwarze Schlange fürchtet, nur mich. Seit drei Generationen füttern und pflegen wir ihn. Er wird noch die vierte erleben."

"Mich fürchtet er auch", sagte Kleiner Toomai. Er war zehn Jahre alt und der älteste Sohn von Großer Toomai. Er reckte sich zu seiner vollen Höhe von anderthalb Metern auf und trug ein zerfetztes Lendentuch. Wenn er erwachsen war, würde er den Platz seines Vaters auf Kala Nags Nacken übernehmen und den schweren eisernen Ankus führen. Das ist der Stachelstock, dessen Griff unter den Händen seines Großvaters und Urgroßvaters ganz glatt geworden war. Mit diesem Stock dirigierte man die Elefanten.

Der Kleine Toomai wusste, wovon er sprach. Immerhin war er im Schatten Kala Nags geboren worden und hatte mit dessen Rüssel gespielt, ehe er laufen konnte. Nie wäre es dem bulligen Elefanten eingefallen, sich den schrillen befehlen des Kleinen zu widersetzen. Ebenso war es selbstverständlich für ihn, seinen künftigen Herrn zu begrüßen, als ihm der kleine braune Säugling unter die Stoßzähne gehalten wurde.

"Ja", rief Kleiner Toomai, "bist du aber riesengroß!" Und er schüttelte seinen Wuschelkopf und plapperte nach, was er von seinem Vater gehört hatte. "Die Regierung bezahlt zwar für euch Elefanten, aber uns Mabouts gehört ihr. Und wenn du einmal alt bist, dann werden sie dich an einen reichen Radscha verkaufen. Dann hast du nichts mehr zu tun, als ein vornehmes, ruhiges Leben am Hof des Radschas zu führen. Und ich werde auf deinem Rücken sitzen mit einem silbernen Ankus, und vor uns werden Männer den Weg frei machen. Ja, das wird schön! Allerdings - nicht ganz so schön wie jetzt die Jagd im Dschungel."

Großer Toomai stöhnte: "Du bist noch ein wildes Kind. Ich bin auf die Schinderei in den Bergen nicht mehr scharf und mag keine wilden Elefanten mehr. Mir wären solide Elefantenställe und eine ebene Straße zum Exerzieren lieber. Kleiner Toomai schwieg, denn er konnte sich noch an die Kaserne von Khanpur erinnern. Da war ihm das Lagerleben schon lieber.

Kleiner Toomai liebte es, Reitwege hinaufzuklimmen, die nur ein Elefant bezwang und dann ins nächste Tal hinunterzustürmen. Er liebte die Atmosphäre der Jagd in der Wildnis, die Geräusche, die Gerüche und das verrückte Gedränge und Getöse, wenn die wilden Elefanten zuletzt in den Pferch hineinpolterten. Und wenn sie dann erkannten, dass sie eingesperrt waren, und sich gegen die dicken Pfähle der Umzäunung warfen und mit Fackeln und Platzpatronen zurückgescheucht wurden…

Bei solchen Ereignissen konnte sich Toomai nützlich machen; und er war so tüchtig wie drei. Er schwenkte seine Fackel so wild und schrie so laut wie ein Alter. Aber das Beste war, wenn der Austrieb begann und es in der Keddah - das ist der Pferch - zuging wie beim Weltuntergang. Die Männer mussten sich mit Zeichen verständigen, wegen des Lärms. Dann kletterte Kleiner Toomai auf einen der schwankenden Pfähle und seine sonnengebleichten Locken flogen ihm um die Schultern. Seine schrille, begeisterte Stimme übertönte das Trompeten und das Krachen der angeketteten Elefanten. Aus vollem Halse feuerte er das Geschehen an und der große Kampf zwischen Kala Nag und den wilden Elefanten in der Keddah wogte hin und her. Die alten Elefantenjäger wischten sich den Schweiß aus den Augen und nickten dem Zappeljungen oben auf seiner Stange zu.

Eines Nachts glitt er von seiner Stange hinunter, zwängte sich zwischen den Elefanten durch und warf einem Treiber das Seil zu, das diesem aus der Hand gefallen war. Kala Nag sah ihn jedoch, packte ihn mit dem Rüssel und überreichte ihn an den Großen Toomai. Der verprügelte den Kleinen Toomai kräftig und setzte ihn wieder auf seinen Pfosten.

Am nächsten Morgen schimpfte er ihn aus. Sein Vater hatte Angst, denn die Jäger hatten die ganze Geschichte brühwarm Petersen Sahib erzählt. Kleiner Toomai erschrak, denn dieser Weiße war der Herrscher über alle Keddahs - der Mann, der für die indische Regierung Elefanten fing und mehr als jeder andere Sterbliche über das Leben und Verhalten der Elefanten wusste. Kleinlaut fragte er, was denn nun geschehen würde.

Großer Toomai rief: "Geschehen? Das Allerschlimmste. Womöglich macht er jetzt einen Elefantenjäger aus dir. Dann musst du im fieberverseuchten Dschungel schlafen und zum Schluss wirst du in der Keddah zu Tode getrampelt. Zum Glück ist dieser Unsinn nächste Woche vorbei und wir vom Flachland werden zu unseren Stationen zurückgeschickt. Aber, mein Sohn, ich bin wirklich böse, dass du dich in die Arbeit dieses dreckigen Dschungelvolks aus Assam eingemischt hast. Weißt du, ein Mahout ist kein gewöhnlicher Jäger, er sitzt auf dem Rücken eines Kampfelefanten und muss nicht helfen, die Gefangenen zu fesseln. Ein Mahout erhält nach Ablauf seines Dienstes eine Rente. Soll unsere Familie nun im Schmutz einer Keddah zertrampelt werden? Böser Sohn! Nichtsnutz! Lauf und wasch Kala Nag ordentlich, auch seine Ohren und schau nach, ob er sich auch keine Dornen eingetreten hat. Sonst wird dich Petersen Sahib kriegen und einen wilden Jäger aus dir machen. Pfui! Schäm dich!"

Kleiner Toomai ging wortlos, schüttete aber Kala Nag sein kummervolles Herz aus, während er ihm die Füße untersuchte und einen großen dicken Dorn herauszog.

In den folgenden Tagen kehrte geregelte Ruhe in das Lagerleben ein. Die Elefanten gewöhnten sich aneinander und jeder wusste, was er zu tun hatte. Dann ritt Petersen Sahib auf seiner klugen Elefantendame Pudmini heran. Die Jagdzeit ging zu Ende. Er hatte die Leute in den anderen Lagern ausgezahlt und sein eigeborener Schreiber zahlte den Treibern ihren Lohn. Danach reihten sich Treiber und Fänger bei ihren Elefanten ein und warteten auf den Abmarsch.

Als Großer Toomai, gefolgt von Kleiner Toomai, zum Schreiber ging, sagte Machua Appa, der oberste Fährtenleser, leise zu seinem neben ihm stehenden Freund: Da geht einer dahin, der das Zeug zu einem guten Elefantenjäger hätte. Ein Jammer, diesen jungen Dschungelhahn in der Ebene verschimmeln zu lassen."

Da Petersen Sahib seine Ohren überall hatte, reagierte er sofort: "Was sagst du da? Ich kenne keinen einzigen Mann unter den Treibern, der auch nur den Mumm hat, einen toten Elefanten zu fesseln." Und er staunte nicht schlecht, als man ihm berichtete, dass es gar nicht um einen Mann sondern um einen Jungen handelte. "Was? Der hat einen Strick geworfen? Der ist ja dünner als ein Pflock. Wie heißt du, Kleiner?", fragte Petersen Sahib.

Kleiner Toomai konnte vor Schreck nicht sprechen. Doch auf ein Zeichen von Großer Toomai umschlang ihn Kala Nag, der hinter ihm stand, mit dem Rüssel und hob ihn in die Höhe von Pudminis Stirn, direkt vor den großen Petersen Sahib. Da schlug Kleiner Toomai schüchtern die Hände vors Gesicht.

"Oho!", sagte Petersen Sahib und lächelte in seinen Schnurrbart. "Weshalb hast du deinem Elefanten das Kunststück beigebracht? Willst du so Maiskolben von den Hausdächern stibitzen, die dort zum Trocknen liegen?"

"Nein, keine Maiskolben - Melonen", antwortete Kleiner Toomai und die ringsherum sitzenden Männer brachen in lautes Gelächter aus. Fast alle hatten als Jungen ihren Elefanten diesen Trick beigebracht. Kleiner Toomai hing hoch oben in der Luft, wünschte sich aber, er läge tief unter dem Erdboden.

Großer Toomai mischte sich ärgerlich ein: "Das ist Toomai, mein Sohn. Er ist wirklich ein Bösewicht und wird noch im Gefängnis enden, Sahib."

"Das mag ich nicht glauben", antwortete Petersen Sahib. "Ein Junge, der sich in diesem Alter in eine volle Keddah wagt, wird nicht im Gefängnis enden. Schau her, Kleiner. Nimm diese Münzen und kauf dir Süßigkeiten dafür, weil du ein kluges Köpfchen hast. Mit der Zeit könntest du auch ein Jäger werden." Bei diesen Worten runzelte Großer Toomai die Stirn noch mehr. "Aber denk daran, dass Keddahs keine Spielplätze für Kinder sind", fuhr Petersen Sahib fort.

"Darf ich denn nie wieder rein, Sahib?", fragte Kleiner Toomai erschrocken.

"Doch, schon." Petersen Sahib lächelte. "Aber erst, wenn du den Elefantentanz gesehen hast. Dann ist die rechte Zeit gekommen und ich sorge dafür, dass dir alle Keddahs offen stehen."

Neuerlich brachen alle in schallendes Gelächter aus. Denn das ist ein alter Witz unter Elefantenjägern und bedeutet: nie und nimmer. Tief in den Wäldern gibt es große Lichtungen, die sie die Ballsäle der Elefanten nennen. Aber man entdeckt sie nur zufällig und keiner hat tatsächlich Elefanten tanzen sehen.

Kala Nag setzte Kleiner Toomai ab und er verneigte sich noch einmal bis zum Boden. Dann ging er mit seinem Vater fort und gab der Mutter die Münzen. Dann wurden alle auf Kala Nags Rücken gesetzt und der lange Zug setzte sich in Bewegung. Es war ein unruhiger Marsch, den Bergpfad hinab in die Ebene. Die neuen Elefanten sorgten bei jeder Flussbiegung für Aufregung. Der Große Toomai war noch immer zornig.

Toomai von den Elefanten - Teil 2

Kleiner Toomai aber war glücklich. Er fragte seine Mutter noch einmal nach dem Elefantentanz. Großer Toomai hörte ihn jedoch und brummte: "Dass du nie so ein Fährtenleser werden sollst, das hat er damit gemeint."

Dann wurden die Elefanten schon wieder unruhig. Ein Treiber aus Assam, zwei oder drei Elefanten weiter vorn, drehte sich ärgerlich um. Es ging ein Streit los, wer denn nun wahrlich die wilden Elefanten gefangen hat. Die Treiber, die Jäger oder die Mahout... Ein Treiber rief: "Die Elefanten wissen ganz genau, wann die Treibsaison vorüber ist. Heute Nacht werden alle wilden Elefanten …"

"Was werden sie tun?", rief Kleiner Toomai neugierig.

"Na gut, dir will ich es verraten. Heute Nacht müsst ihr Kala Nag besonders gut anketten. Denn heute Nacht werden die Elefanten tanzen."

Da stritten sie weiter. Denn seit Generationen hatten die Mahouts noch nie derart mondsüchtiges Geschwätz von Elefantentänzen gehört. So ging es mit viel Zank und Spott über Stock und Stein und durch den Fluss weiter, bis sie gegen Abend ein Zwischenlager für die Elefanten erreichten. Die waren ohnehin kaum noch zu beruhigen. Nachdem die Treiber die Elefanten gewissenhaft gefesselt hatten, die neuen Elefanten sogar mit Extrastricken, wurde Futter vor ihnen aufgehäuft. Dann liefen die Treiber zurück zu Petersen Sahib, ermahnten die anderen aber vorher, heute Nacht besonders wachsam zu sein.

Kleiner Toomai kümmerte sich um Kala Nags Abendessen und schlenderte durch das Lager. Er war unbeschreiblich glücklich und suchte ein Tom-Tom. Wenn ein indisches Kinderherz nämlich voll ist, läuft es nicht ziellos herum und lärmt. Es lässt sich vielmehr nieder und genießt sein Glück ganz für sich. Zum Glück fand Kleiner Toomai ein Tom-Tom, das ist eine Trommel, die mit den Handflächen geschlagen wird - und als die Sterne am Himmel standen, setzte sich der Kleine Toomai im Schneidersitz vor Kala Nag, mitten auf die Reste des Futters, und trommelte drauflos. Er brauchte keine Melodie und keine Worte, der Trommelklang alleine stimmte ihn glücklich.

Die neuen Elefanten zerrten unruhig und trompeteten hin und wieder. Toomais Mutter sang leise seinen kleinen Bruder in den Schlaf. Sie sang das sehr alte, einschläfernde Wiegenlied vom großen Gott Shiva, der allen Tieren befiehlt, was sie essen sollen. Kleiner Toomai beendete jede Strophe mit einem fröhlichen Trommelwirbel, bis auch er müde wurde und sich neben Kala Nag ins Heu legte.

Bald kehrte Ruhe ein und die Luft war erfüllt von vielerlei leisen Nachtgeräuschen, die alle zusammen ein tiefes Schweigen ergaben. Kleiner Toomai schlief eine Weile. Als er erwachte, schien der Mond strahlend hell. Kala Nag stand immer noch mit aufgeklappten Ohren da und lauschte. Kleiner Toomai war noch in diesen Anblick versunken, als er das Trompeten eines wilden Elefanten hörte. Alle Elefanten schreckten hoch. Die durch das Schnauben aufgeweckten Inabjouts kamen und schlugen die Pflöcke tiefer in den Boden. Sie zurrten den Strick fester, bis alles wieder ruhig war.

Ein neuer Elefant hatte seinen Pflock fast herausgerissen. Da nahm Großer Toomai Kala Nags Beinkette ab und band dem Neuen damit die Vorder- und Hinterbeine zusammen. Dann schlang er eine Kordel aus Grashalmen um Kala Nags Fuß und befahl ihm, nicht zu vergessen, wie fest er angebunden war. So hatten er und sein Vater und sein Großvater es schon Hunderte Male gemacht. Doch diesmal antwortete Kala Nag nicht wie sonst. Er stand reglos da, hatte den Kopf leicht in den Nacken gelegt und die Ohren wie Fächer abgespreizt und schaute ins Mondlicht hinauf.

"Kümmere dich um ihn, wenn er unruhig wird", sagte Großer Toomai und ging in seine Hütte zurück. Als Kleiner Toomai gerade am Einschlafen war, hörte er, wie die Grasfessel mit einem leisen Knall riss und er sah, wie Kala Nag langsam das Lager verließ. Der Kleine Toomai lief ihm barfuß nach und beschwor ihn leise: "Nimm mich mit! Bitte!"

Der Elefant drehte sich lautlos um und umfasste den Jungen mit seinem Rüssel und schwang ihn auf den Nacken. Bevor Kleiner Toomai sich mit dem Knie festgeklemmt hatte, glitt Kala Nag schon in den Wald. Es war ein langer Weg und der Kleine Toomai schmiegte sich ganz eng an Kala Nags breiten Rücken. Heimlich wünschte er sich ins Lager zurück. Bei jedem Schritt schmatzte das Gras. Doch auf einmal war von allen Seiten Getrampel zu hören. Und plötzlich waren überall die Nebelschwaden von dunklen Schatten erfüllt.

"Oh!", rief Toomai leise. "Heute Nacht ist das ganze Elefantenvolk unterwegs. Sie tanzen also doch!" Endlich blieb Kala Nag am Rande einer Lichtung stehen. Innerhalb dieser Lichtung gab es keinen einzigen grünen Halm mehr. Nur festgetrampelte Erde. Das Mondlicht ließ alles grau erscheinen. Mit angehaltenem Atem sah Kleiner Toomai sich alles an. Immer mehr Elefanten traten zwischen den Baumstämmen heraus auf den freien Platz.

Da waren wilde Bullen mit langen weißen Stoßzähnen, pralle Elefantenkühe mit ihren kleinen zappeligen Kälbern und junge Elefanten, denen gerade die Stoßzähne wuchsen und noch viele andere. Sie standen Kopf an Kopf, andere bewegten sich paarweise über den Platz - es waren hunderte und aberhunderte von Elefanten.

Toomai wusste, dass ihm hier nichts geschehen würde, solange er reglos auf Kala Nags Nacken lag. Und in dieser Nacht dachten die Elefanten überhaupt nicht an Menschen. Nur einmal fuhren sie zusammen, als sie das Klirren einer Fußkette hörten. Es war Pudmini, Petersen Sahibs Lieblingselefant, die noch schnaubend den Berg hinaufkeuchte. Sie musste sich von ihren Pflöcken gerissen haben.

Endlich wurde es still im Wald. Dann trat Kala Nag zwischen den Bäumen hervor; nun begannen alle Elefanten, aufeinander zuzugehen und sich in ihrer Sprache zu unterhalten. Kleiner Toomai blieb reglos liegen. Er schaute auf die vielen breiten Rücken hinunter, auf flatternde Ohren und die tanzenden Rüssel. Er fürchtete sich ein wenig ob der unheimlichen Finsternis.

Doch dann trommelte ein Elefant los und fünf oder sechs höllische Sekunden lang fielen sie alle ein. Es begann ein dumpfes Dröhnen. Toomai wusste nicht, was es zu bedeuten hatte. Immer lauter wurde das Dröhnen, immer lauter. Auch Kala Nag stampfte jetzt abwechselnd mit seinen Vorderbeinen auf den Boden. Eins-zwei, eins-zwei - wie ein Schmiedehammer, so gleichmäßig.

Durch die fortwährenden Erschütterungen wurden jetzt auch die allerletzten Tautropfen von den Bäumen geschüttelt. Neben Toomai begann ein Baum zu ächzen. Er streckte die Hand aus, konnte die Rinde spüren, doch Kala Nag trampelte schon weiter. Der Boden bebte und schwankte und Kleiner Toomai hielt sich die Ohren zu. Als die ersten Sonnenstrahlen nicht mehr fern waren, verstummte schlagartig das Stampfen der wuchtigen Elefantenfüße.

Bevor Kleiner Toomai wieder einigermaßen klar im Kopf war, war kein Elefant mehr zu sehen. Nur Kala Nag und Pudmini standen noch auf der Lichtung. Und die war über Nacht größer geworden. In ihrer Mitte standen zwar immer noch die Bäume, doch das Unterholz und das Dschungelgras am Rande waren niedergewalzt. Nun verstand der Junge das Trampeln. Die Elefanten hatten sich eine größere Fläche geschaffen.

"Wah!", sagte Kleiner Toomai, "Kala Nag, lass uns mit Pudmini in das Lager von Petersen Sahib gehen, sonst fall ich dir noch vom Rücken." Zwei Stunden später, als Petersen Sahib gerade beim Frühstück saß, wurden die angeketteten Elefanten im Lager unruhig. Und plötzlich schlurfte Pudmini, schlammbespritzt bis zu den Schultern, mit dem erschöpften Kala Nag daher. Kleiner Toomai war erschöpft, versuchte aber trotzdem vor Petersen Sahib zu salutieren. Mit schwacher Stimme rief er: "Der Tanz! Ich habe den Elefantentanz gesehen … ich sterbe!" Während Kala Nag sich niederließ, rutschte der Junge ohnmächtig von seinem Nacken.

Der Junge schlief den ganzen Nachmittag bis in die Abenddämmerung. Währenddessen folgten Petersen Sahib und Machua Appa der Spur der beiden Elefanten etwa fünfzehn Meilen weit quer über die Hügel. Petersen Sahib war seit achtzehn Jahren Elefantenfänger, aber so einen Tanzplatz hatte er erst einmal gesehen. Sie untersuchten den Platz genau und sahen, was vorgegangen war.

"Das Kind hat die Wahrheit gesagt!", sagte Machua Appa. "Ich habe siebzig frische Fährten gezählt. Schau nur, Sahib, da drüben hat Pudminis Fußkette die Rinde vom Baum gekratzt. Ja, sie ist auch hier gewesen!"

Die beiden Männer sahen einander an, blickten noch einmal in die staunende Runde; denn die Wege der Elefanten sind mit dem Verstand der Menschen nicht zu begreifen.

"Fünfundvierzig Jahre bin ich meinem Herrn, dem Elefanten gefolgt. Aber ich habe noch nie von einem Menschen gehört, der etwas Ähnliches erlebt hat wie dieser Junge. Was soll man dazu nur sagen?", sagte Machua Appa kopfschüttelnd.

Als sie ins Lager zurückkamen, speiste Petersen Sahib alleine in seinem Zelt. Aber er ordnete an, dass das Lager zwei Schafe und einige Hühner zum Abendessen bekommen solle. Denn er wusste, dass sie heute ein Fest feiern würden.

Großer Toomai war überstürzt aus der Ebene heraufgekommen, um nach seinem Sohn und seinem Elefanten zu suchen. Nun aber starrte er sie an, als fürchtete er sich vor ihnen.

Am lodernden Lagerfeuer wurde der Kleine Toomai wie ein Held gefeiert. Sie reichten ihn von einem zum anderen und zeichneten ein Kreuz auf seine Stirn mit dem Herzblut eines frisch geschlachteten Dschungelhahns. So zeigten sie, dass er nun zum Waldvolk gehörte und sich frei in allen Dschungelgebieten bewegen durfte.

Zuletzt flackerten die Flammen nur noch müde. Da sprang Machua Appa auf und stemmte den Kleinen Toomai hoch in die Luft und rief: "Brüder, hört her. Dieses Kind soll nicht mehr Kleiner Toomai heißen sondern Toomai von den Elefanten, so wie sein Urgroßvater einst genannt worden ist." Und er sagte dem Jungen noch eine erfolgreiche Zukunft als Fährtenleser voraus und überaus großes Glück. Er sauste die Reihe der Pflöcke entlang und rief zu den Elefanten: "Hier ist das Kind, das eure Tänze an dem verborgenen Ort gesehen hat. Erweist ihm die Ehre, meine Herren! Pudmini - du hast ihn beim Tanz gesehen! Kala Nag, meine Perle unter den Elefanten - du auch! Ahaa! Ein Salaam dem Toomai von den Elefanten!"

Auf diesen letzten Schrei hin warfen alle Elefanten ihren Rüssel hoch, krümmten ihn, bis ihre Spitzen die Stirn berührten, und trompeteten einen ohrenbetäubenden Salut, den normalerweise nur der Vizekönig von Indien zu hören bekommt.

Und das alles geschah zu Ehren des Kleinen Toomai. Nur er allein hatte gesehen, was noch kein Mensch zuvor erblickt hatte: den Tanz der Elefanten.

Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.


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