Zurück zur Seite    Bilder ein/ausblenden     Druckvorgang starten

Info: Für den Druck des gesamten Buches (inkl. Bilder) sind ca. 71 Blatt Papier erforderlich.

LABBÉ - 100% Kreativität

Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Huckelberry Finn

von Mark Twain

Vorwort

Huckleberry Finn zog aus, um große Abenteuer zu erleben. Der jugendliche Held dieses Romans erlebt unglaublich viele; auch überaus gefährliche. Seine Freunde, der Neger Jim und auch Tom Sawyer begleiten ihn, nicht weniger mutig.

Das Buch "Die Abenteuer des Huckleberry Finn" wurde erstmals veröffentlicht im Jahre 1884. Es war ausschließlich als Jugendbuch gedacht, wendet sich aber letztendlich auch an Erwachsene. Es war vor allem die kritische, manchmal satirische Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft, hauptsächlich im Süden der Vereinigten Staaten, die Mark Twain hier am Herzen lag. Einige Einzelheiten der Geschichten erscheinen uns heute seltsam.

Die Abenteuer des Huckleberry finden in Amerika am, bzw. auf dem Mississippi statt; in einer Zeit, in der andere Gesetze galten als heute. Für uns heute ist die Beschreibung des Umgangs der Weißen mit ihren farbigen Untergebenen und die Darstellung der Sklaverei mehr als ungewöhnlich. Huckleberry Finn ist oft zerrissen, ob der Gleichwertigkeit der farbigen Menschen und der gesellschaftlichen Ordnung, gegen die er so häufig verstößt. Man muss dabei wissen, dass dieser Roman vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg spielt; die Sklaverei war zu dieser Zeit in den Südstaaten noch selbstverständlich.

Mark Twain ist übrigens ein Pseudonym, das der Schriftsteller gewählt hat, bevor er Weltruhm erlangte. Eigentlich hieß er Samuel Langhorne Clemens und wurde am 30. November 1835 in Florida geboren. Aufgewachsen ist er als jüngster von sechs Geschwistern in einem kleinen Ort am Mississippi. Nach einem abwechslungsreichen, bewegten Leben, starb am 21. April 1910 in Redding/Connecticut.

Doch nun lest selber nach, wie die Menschen in dieser Zeit gelebt haben, wie sie miteinander umgegangen sind und was Huckleberry Finn alles erlebt hat. Ich wünsche euch allen viel Spaß beim Eintauchen in die Welt des Huckleberry Finn!

Huckleberry Finn soll anständig werden

Wenn du noch nicht "Tom Sawyer" gelesen hast, dann kennst du mich nicht. Das Buch hat Herr Mark Twain geschrieben. Manches darin ist geflunkert. Aber das Meiste stimmt. Fast jeder flunkert ab und zu mal; nur Tante Polly, Mary oder die Witwe nicht. Tante Polly ist Tom Sawyers Tante und kommt in dem Buch vor, ebenso Mary und die Witwe Douglas.

Am Ende des Buches haben Tom und ich Geld gefunden, das die Räuber in der Höhle vergraben hatten. Wir kriegten jeder sechstausend Dollar in Gold - war ein schrecklicher Haufen Geld, als wir es ausgegraben hatten. Richter Thatcher legte es für uns an und so warf es für jeden von uns täglich einen Dollar ab, jahrelang. Mehr als einer von uns brauchen konnte.

Die Witwe Douglas nahm mich auf wie einen Sohn und wollte mich gebildet machen; es war grässlich, in ihrem Haus zu leben, zwischen all der Ordnung und Anständigkeit. Einmal riss ich aus und kroch wieder in meine alten Lumpen und in mein Zuckerfass zurück. Dort war ich frei und vergnügt, bis Tom Sawyer mich aufstöberte. Er wollte eine Räuberbande gründen und würde mich nur aufnehmen, wenn ich zur Witwe zurückgehen würde und mich ordentlich aufführen wollte. So ging ich denn wieder hin.

Die Witwe heulte wegen mir und nannte mich ein armes verlorenes Lamm. Sie gab mir noch mehr solche Namen und steckte mich wieder in neue Kleider. Und dann fing die alte Leier wieder an. Ich musste pünktlich sein, beten, aus der Bibel lernen. Als ich rauchen wollte, lehnte sie es ab. Sie sagte, es wäre eine schlechte Angewohnheit und es wäre nicht sauber. Ich sollte versuchen, es zu lassen. So war sie halt, schimpfte über Sachen, auch wenn sie gar nichts davon verstand.

Auf der einen Seite plagte sie mich mit dem Moses, der schließlich kein Verwandter von ihr war und zudem schon längst tot ist und dann zeterte sie wegen einer Sache, die doch ziemlich angenehm ist. Und dabei schnupfte sie selbst - aber das war natürlich nichts Unrechtes, weil sie es tat.

Ihre Schwester, Miss Watson, eine dürre alte Jungfer mit Brille, war damals gerade bei ihr eingezogen. Die machte sich mit einem Rechtschreibbuch über mich her. Sie wechselten sich ab, bis ich es fast nicht mehr aushalten konnte. Als ich nach mehr als einer Stunde zappelig wurde, schimpften sie mich. "Gähn und streck dich nicht so, Huckleberry. Warum versuchst du nicht, dich anständig zu benehmen?"

Dann erzählte sie mir allerlei von der Hölle. Aber als ich ihr sagte, dass ich froh wäre, wenn ich da sein könnte, war sie böse mit mir. Trotzdem wünschte ich mir mal wieder eine Abwechslung und ich war nicht wählerisch. Sie aber meinte, das wäre gottlos und erklärte mir, dass sie so leben wollte, dass sie in den Himmel kommen würde. Natürlich hatte ich keine Lust, dahin zu kommen, wohin sie kommen wollte. Und ich nahm mir vor, alles dafür zu tun.

Doch sie hörte nicht auf und erzählte mir alles vom Himmel. Dass man da den ganzen Tag Harfe spielend herumlaufen und singen musste. Dazu hatte ich natürlich gar keine Lust. Ich fragte nach, ob sie meinte, dass Tom Sawyer auch dorthin kommen würde. "Eher nicht.", antwortete sie. Da war ich ehrlich erleichtert. Denn ich wollte schon gerne mit meinem Freund Tom zusammenbleiben.

Miss Watson schwatzte noch ziemlich lange, dann holte sie noch die Neger rein und plapperte Gebete, bevor alle ins Bett gingen. Ich auch. Doch ich konnte nicht einschlafen, die Sterne schienen und die Blätter im Wald rauschten so traurig. Ich hörte von weitem eine Eule über jemand klagen und der Wind wollte mir etwas zuflüstert. Mir liefen kalte Schauer den Rücken runter. Ich wurde schwermütig und ängstlich und wünschte, jemanden bei mir zu haben. Bald danach krabbelte mir eine Spinne über die Schulter und ich schnippte sie weg. Sie fiel ins Kerzenlicht und war verbrannte, ehe ich mich rühren konnte. Mir war klar, dass dies ein verteufelt schlechtes Zeichen war und mir Unglück bringen würde.

Ich zitterte am ganzen Leib und zog meine Pfeife raus, um zu rauchen. Im Haus war es totenstill. Nach längerer Zeit hörte ich die Glocke drüben im Städtchen zwölfmal schlagen. Dann war alles noch stiller als vorher; bis ich einen Zweig krachen hörte. Drunten in der tiefen Dunkelheit war etwas. Ich horchte. Plötzlich konnte ich schwach "miau, miau!" hören.

Toll! So leise ich konnte antwortete ich eben so mit "miau, miau!". Dann machte ich das Licht aus, kletterte aus dem Fenster, über das Schuppendach runter. Natürlich wartete da schon Tom Sawyer auf mich.

Huckleberrys nächtlicher Ausflug

Auf Zehenspitzen schlichen wir durch den Garten der Witwe. Als wir gerade an der Küche vorbeikamen, stolperte ich über eine Wurzel und machte Lärm. Wir warfen uns hin und blieben still liegen. Jim, der große Neger von Mrs. Watson, saß in der Küchentür. Er fuhr in die Höhe und sagte: "Wer da?" Dann horchte er wieder. Er stellte sich direkt zwischen uns; wir hätten ihn fast berühren können. Eine ganze Ewigkeit mussten wir so verharren.

Am Knöchel juckte mich was; aber ich traute mich nicht zu kratzen. So fingen auch mein Ohr und mein Rücken an zu jucken. Überhaupt juckte es mich bald überall. Wie es eben häufig vorkommt, wenn man sich nicht kratzen darf - bei vornehmen Leuten oder bei einem Begräbnis. Ich glaubte, ich würde bald sterben, wenn ich mich nicht gleich kratzen könnte.

Leider gab Jim nicht auf und setzte sich auf die Erde. Grad zwischen mich und Tom. Er lehnte mit dem Rücken gegen einen Baum und streckte seine Füße von sich. Fast hätte er mein Bein berührt. Mich juckte es überall, selbst in den Nasenlöchern. Ich wusste nicht mehr, wie ich mich ruhig halten sollte. Als ich glaubte, ich könnte es keine Sekunde länger aushalten, fing Jim an tief zu atmen, ja sogar zu schnarchen. Da war mir schlagartig wieder sauwohl.

Tom schnalzte leise mit der Zunge und wir krochen auf Händen und Füßen fort. Als wir ungefähr zehn Meter weit weg waren, überlegte Tom, ob wir Jim nicht an den Baum binden sollten. Aber ich wollte das nicht, denn wenn er aufwachen und Lärm machen würde, dann würden alle merken, dass ich nicht mehr im Haus war.

Daraufhin fiel Tom ein, dass wir unbedingt noch Kerzen bräuchten. Erst wollte ich nicht, ich hatte Angst, aber dann schlichen wir zurück in die Küche, Tom erwischte drei Kerzen und legte fünf Cent auf den Tisch als Bezahlung. Bevor wir weiter schlichen, ging er nochmals zu Jim und neckte ihn ein bisschen. Zum Schluss nahm er ihm den Hut vom Kopf und hängte ihn auf den Ast direkt über ihm. Jim rührte sich kein bisschen.

Dann schlichen wir auf dem Pfad weiter, den Gartenzaun entlang und kamen schließlich auf der Spitze des steilen Hügels auf der anderen Seite vom Haus raus.

Jim erzählte später, dass Hexen ihn verzaubert hätten und dann wären sie durchs ganze Land geritten, hätten ihn schließlich wieder unter den Baum gesetzt und seinen Hut an den Ast gehängt. Jedes Mal wenn er die Geschichte erzählte, erfand er neue Details dazu. Aus der ganzen Umgebung kamen Neger, um Jim von seinem Erlebnis erzählen zu hören. Seitdem war er angesehener im Land als die anderen. Mit der Zeit wurde er so berühmt unter den Negern des Landes, dass er zu verdorben war, weiterhin noch als Diener zu arbeiten.

Als Tom und ich auf der Hügelspitze standen, schauten wir runter in die dunkle Stadt. Die Sterne glänzten über uns und unten war der Fluss, eine ganze Meile breit, still und großartig. Wir gingen den Hügel runter und trafen uns mit Joe Harper, Ben Rogers und noch einigen Burschen in dem alten Färberhof. Dann ließen wir uns auf dem Kahn den Fluss runter treiben. Dort krochen wir durch dichtes Gebüsch und Tom zeigte ihnen dann eine Höhle im Berg; grad da, wo das Gebüsch am dichtesten war. Er ließ alle schwören, das Geheimnis zu bewahren und wir zündeten die Kerzen an.

Mehr als zweihundert Meter krochen wir in die Höhle hinein; durch Gänge, wo keiner ein Loch vermutet haben würde. Endlich hielten wir in einem Raum, der ganz dunstig und feucht war. Tom sagte: "Nun wollen wir eine Räuberbande bilden, die Tom Sawyers Bande! Und jeder muss einen Eid schwören und seinen Namen mit Blut schreiben!"

Natürlich wollten alle in die Bande aufgenommen werden. So zog Tom den Fetzen Papier heraus, auf den er den Eid geschrieben hatte. Er las ihn vor und jeder musste schwören, zur Bande zu halten, keine Geheimnisse zu verraten, sich gegenseitig zu beschützen, und noch viele ehrenwerte Anweisungen. Bei nicht Einhalten musste dem Bandenmitglied die Kehle durchgeschnitten werden, die Leiche verbrannt, die Asche zerstreut und sein Name aus der Blutliste gestrichen werden. Alle hielten den Eid für famos. Tom hatte einiges selbst ausgedacht und den Rest aus Piraten- und Räuberbüchern herausgelesen.

Einige meinten, dass bei nicht Einhalten des Eids auch die Familien des schwatzenden Burschen getötet werden sollte. Tom nahm einen Bleistift und schrieb diesen guten Gedanken noch dazu. Doch Ben Rogers fiel ein, dass Huckleberry ja gar keine Familie hätte. Einen Vater hatte er zwar noch, aber den hatte man seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen.

Sie sprachen eine Weile darüber und wollten mich sogar aus der Bande ausschließen, weil ich keine Familie hätte. Doch plötzlich fiel mir ein Ausweg ein: "Die Miss Watson, die könntet ihr doch umbringen!"

Da waren alle einverstanden. Mit einer Stecknadel piekten sie sich in den Finger und unterzeichneten mit dem Blut aufs Papier. Auch ich machte mein Zeichen.

Erst dann überlegten wir, was so eine Bande denn eigentlich zu tun hätte. Tom sagte: "Na rauben und morden muss eine Bande!" Und so beschlossen sie, Wegelagerer zu werden, die Postkutschen und Reisewagen überfallen würden. Sie würden sich Masken aufsetzen, die Männer töten und ihnen Uhren und Geld fortnehmen.

Vielleicht würden sie auch mal eine Geisel nehmen und in der Höhle festhalten, bis sie ausgelöst würde. Genau so, wie es in Büchern beschrieben war. Und dann würden sie Wache schieben und schießen, sobald einer von ihnen nur einen Fuß bewegte.

"Sag, wollen wir die Weiber auch umbringen?", fragte Ben Rogers.

"Mensch, Ben. Bist du dumm. Die Frauen umbringen? Das hat noch in keinem Buch gestanden. Die schleppt man in eine Höhle und behandelt sie höflich und ritterlich. Dann verlieben sie sich in uns und wollen gar nicht mehr fort!", entgegnete Tom.

Zwar hatten die anderen nun Angst, dass sie bald die Höhle voll hätten mit Weibern, aber sie fügten sich dem Reglement ihres Anführers Tom.

Inzwischen war der kleine Tommy Barnes eingeschlafen. Als sie ihn aufweckten, schrie er vor Angst und wollte heim zu seiner Mama. Da machten sich alle über ihn lustig, bis er wütend drohte, er würde alle Geheimnisse verraten. Da gab Tom ihm fünf Cent, damit er den Mund hielt. Dann sagte er: "Wir sollten alle heimgehen und uns nächste Woche treffen, ein bisschen rauben und ein paar Kerle tot machen!"

Zum Schluss wählten wir Tom Sawyer zum Hauptmann und Joe Harper zu seinem Stellvertreter. Wir setzten einen Tag fest, an dem alle kommen konnten. Nur nicht am Sonntag, denn das fanden alle gottlos. Damit war die Sache abgemacht und wir gingen nach Hause.

Übers Scheunendach kletterte ich wieder durchs Fenster. Meine neuen Kleider waren ganz schmierig und ich war hundemüde.

Huckleberry, Tom und die Räuberbande

Am nächsten Morgen ging alles gut mit Miss Watson und meinen schmutzigen Kleidern. Die Witwe machte allerdings so ein trauriges Gesicht, dass ich mir vornahm, eine Weile anständig zu sein; wenn ich es fertig brächte.

Dann musste ich mit Miss Watson jeden Tag beten. Worum ich auch bitten würde, das bekäme ich dann. So versuchte ich drei oder vier Mal durchs Beten einen neuen Angelhaken zu bekommen, aber es wollte nicht klappen. Als ich Miss Watson bat, es für mich zu versuchen, nannte sie mich einen Idioten. Weshalb, das wollte sie nicht sagen.

Einmal setzte ich mich in den Wald und überlegte, weshalb denn alle so viel beteten, wenn sie doch nie das bekamen, was sie wollten. Später erklärte mir die Witwe, dass man nur "geistige Güter" durchs Beten bekommen würde. Ich müsste für andere Menschen was tun und immer nur an sie denken und niemals an mich. Ich überlegte mir das noch einmal, kam aber zu dem Schluss, dass dies nur ein Vorteil für die anderen Leute sein konnte. Deshalb wollte ich mir in Zukunft nicht mehr den Kopf darüber zerbrechen.

Seit mehr als einem Jahr hatte ich von meinem Alten nichts mehr gehört. Ich wollte ihn auch nicht mehr sehen, wenn er nüchtern war verprügelte er mich bloß. Als die Leute ungefähr zwölf Meilen Fluss aufwärts einen Ertrunkenen fanden, passte die Beschreibung genau auf meinen Alten. Aber das Gesicht konnten sie nicht erkennen, es war schon zu lange im Wasser gewesen. Sie zogen ihn aus und begruben ihn am Ufer.

Trotzdem ließ mir die Geschichte keine Ruhe, bis ich raus hatte, dass es gar nicht mein Alter war sondern ein Weib in Männerkleidern. Da wurde mir wieder unbehaglich.

Einen Monat lang spielten wir manchmal Räuber, dann mochte ich nicht mehr und der Rest der Bande auch nicht. Wir hatten niemanden wirklich beraubt oder umgebracht sondern nur so getan. Wir hatten Schweinetreiber und alte Weiber erschreckt aber nie ausgeplündert. Tom Sawyer nannte deren Schweine "Goldbarren" und das Gemüse "Geschmeide". In unserer Höhle prahlten wir damit, was für tolle Räuber wir wären. Aber ich konnte den Sinn dieses Spiels nicht verstehen.

Tom ließ sich noch einige Male etwas einfallen aber immer war es nur ein Spiel. Er behauptete, es wären Spanier und Araber auf der Wiese, dabei war es dann eine Gruppe Sonntagsschüler, die wir auseinander trieben. Wir erwischten aber nichts weiter als ein paar Krapfen, Marmelade, eine Puppe und ein Gesangbuch. Und als der Lehrer kam ließen wir alles fallen und hauten ab.

Als ich Tom fragte, weshalb denn keine Diamanten da gewesen wären, sagte er, dass ich blöd sei. Hätte ich Don Quichotte gelesen, würde ich wissen, dass alles durch Zauberei geschehen wäre. Die Elefanten, die Soldaten und der Schatz wären in die Kinder-Sonntagsschule verwandelt worden. Daraufhin wollte ich den Zauberern auf den Pelz rücken. Doch Tom Sawyer sagte, ich wäre ein Rindvieh.

Tom erklärte mir, dass ein Zauberer ganz viele Geister rufen könnte und die würden uns verprügeln wie nichts. Ich erwiderte, dass wir uns halt auch ein paar Geister holen müssten. "Wie stellen die das denn an", fragte ich.

"Wenn man eine alte Zinnlampe oder einen eisernen Ring reibt, dann kommen die Geister an mit Donner und Blitz; alles was ihnen gesagt wird, das tun sie dann auch. Sie würden sogar einem Sonntagsschullehrer eins über die Birne knallen."

"Wer befiehlt denen denn, so rumzutoben?"

"Na, der die Lampe oder den Ring gerade reibt. Wenn der ihnen sagt, sie sollen einen Palast bauen, vierzig Meilen lang und aus Diamanten oder was du sonst willst, dann müssen sie es tun. Und zwar vor dem nächsten Sonnenaufgang. Außerdem müssen sie den Palast dorthin tragen, wohin du gerade willst."

"Was du wieder quatschst! Du müsstest kommen und tun, was sie wollen; ob du willst oder nicht!"

"Ach was, mit denen würde ich schon fertig werden!"

"Mit dir kann man über so etwas nicht reden. Du bist ein richtiger Saftkopp!"

Zwei oder drei Tage dachte ich über all das nach. Und dann dachte ich, ich würde schon dahinter kommen, wenn was dran wäre. So suchte ich mir eine alte Zinnlampe und lief in den Wald. Ich rieb, bis ich schwitzte wie ein Affe, um mir einen Palast bauen zu lassen und ihn dann zu verkaufen. Doch es half nichts, es kam keiner von den Geistern. Schließlich dachte ich, dass es nur eine von Tom Sawyers Schwindeleien wäre. Es kam mir so vor, weil er an die Araber und Elefanten geglaubt hatte. Aber ich hatte die Sonntagsschulkasse zu deutlich gesehen.

Huckleberry lässt sich die Zukunft voraussagen

Es vergingen ungefähr drei Monate und wir waren schon mitten im Winter. Die meiste Zeit war ich zur Schule gegangen und ich konnte schon ein wenig buchstabieren, lesen und schreiben. Außerdem wusste ich das Einmaleins bis sechsmal sieben ist fünfunddreißig und glaubte, dass ich niemals noch mehr lernen konnte, auch wenn ich ewig leben würde.

Anfangs hasste ich die Schule, aber allmählich merkte ich, dass ich es aushalten könnte. Wenn ich die Nase voll hatte, dann spielte ich Blinde Kuh. Am nächsten Tag bekam ich Prügel dafür, die mich aber eher aufmöbelten. Auch die Witwe fand ich mit der Zeit gar nicht mehr so schrecklich. Und in einem Haus zu wohnen und in einem Bett zu schlafen, das gibt einen hübschen Sinn für Sauberkeit.

Vor Einbruch der kalten Jahreszeit brannte ich nur noch wenige Male durch und schlief im Wald - zur Erholung. Die alte Art war mir nun mal die liebste. Die Witwe war zufrieden mit mir. Sie meinte, ich "mache mich" langsam aber sicher und sie müsse sich nicht mehr so viel schämen wegen mir.

Einmal schmiss ich ein Salzfass um. Ich kratzte einen Teil vom Salz so schnell ich konnte zusammen und wollte es über meine linke Schulter werfen, um Unglück abzuhalten. Doch Miss Watson ertappte mich und hielt mich davon ab. Die Witwe legte zwar ein gutes Wort für mich ein, aber das Unglück konnte jetzt nicht mehr aufgehalten werden, das wusste ich zu gut. Danach lief ich fort und fühlte mich bedrückt und traurig. Es blieb mir nichts anderes übrig, als trübsinnig rumzustrolchen und abzuwarten, was kommen würde.

Ich ging in den Garten und kletterte über den Zaun. Ein paar Zentimeter frisch gefallener Schnee bedeckte den Boden und es waren Spuren darin. Es musste ein Kerl gewesen sein, der vom Steinbruch gekommen war. Am Zaun hatte er eine Weile still gestanden und dann war er um den Garten herumgegangen. Seltsam, dass er den Garten nicht betreten hatte. Sehr seltsam. Ich bückte mich, um mir die Spuren genauer anzusehen, bevor ich ihnen folgte. Im linken Absatz war ein Kreuz, aus dicken Nägeln gemacht, um den Teufel abzuhalten.

Im Nu war ich auf dem Weg zu Richter Thatcher. Während ich den Hügel runter rannte, schaute ich alle Augenblicke über meine Schulter; aber niemand verfolgte mich. Richter Thatcher fragte: "Na, Junge, du bist ganz außer Atem."

Da fragte ich ihn, ob was für mich hier wäre. Er sagte, dass die Zinsen von einem halben Jahr da wären; über hundertfünfzig Dollar. Und dass ich das Geld am besten zu den sechstausend dazugeben sollte. Am liebsten hätte ich dem Richter alles geschenkt, aber der wollte das natürlich nicht annehmen. Obwohl ich ihn sehr drängte. Dann dachte er eine Weile nach, bevor er sagte: "Gut, du kannst mir dein Eigentum anvertrauen, aber geschenkt will ich nichts." Er schrieb diese Abmachung auf ein Stück Papier. Dann gab er mir den wöchentlichen Dollar und ließ mich das Papier unterzeichnen. Schließlich rannte ich wieder davon.

Am Abend stattete ich Jim, Miss Watsons Neger, einen Besuch ab. Er hatte einen Haarknäuel aus dem vierten Magen eines Ochsen rausgeholt und gebrauchte diesen Knäuel zu allerhand Zauberei. Er behauptete, er könne damit in die Zukunft sehen.

Ich sagte Jim, dass der Alte wieder hier wäre. Ich hatte ja seine Spuren im Schnee gesehen. Ich wollte wissen, was er vorhatte, ob er hier bleiben würde. Jim zog sein Knäuel heraus, murmelte was, hielt es hoch und ließ es auf den Boden fallen. Es fiel ruhig und rollte einen Zoll weit. Das versuchte er mehrmals, horchte daran. Aber das Knäuel wollte einfach nichts sagen. Jim sagte, dass ohne Geld überhaupt nichts passieren würde.

So bot ich Jim ein falsches Vierteldollarstück an. Meinen richtigen Dollar verschwieg ich lieber. Er sagte, dass er es mit dem Geld probieren würde, auch wenn es ziemlich schlecht wäre. Er legte den Vierteldollar unter das Knäuel, bückte sich und horchte wieder. Diesmal wäre alles in Ordnung, sagte er, und dass er mir mein ganzes Schicksal erzählen könnte. Ich sagte natürlich ja.

"Dein Alter weiß selber noch nicht was er will. Am besten lässt du ihn seiner Wege gehen. Zwei Engel fliegen immer um ihn rum. Der weiße will, dass er das Rechte tut und der schwarze kommt und wirft alles wieder übern Haufen. Wer gewinnt, kann keiner sagen. Bei dir ist alles in Ordnung. Du wirst im Leben einen Haufen Plackerei haben und dann viel Freude. Mal wirst du dich verletzen und einmal wirst du krank. Aber es wird immer alles wieder gut. Da sind noch zwei Mädchen um dich. Das eine ist hell und arm und das andere reich und dunkel. Die arme heiratest du zuerst, dann die Reiche. Halte dich möglichst weit vom Wasser weg. Und außerdem musst du sehr vorsichtig sein, denn es steht fest, dass du sonst gehängt wirst."

Als ich meine Kerze anmachte und in mein Zimmer raufstieg, saß mein Alter da in Lebensgröße!

Huckleberry und sein Vater

Als ich in mein Zimmer kam, war er da! Ich hatte eine solche Angst vor ihm, weil er mich so oft vertrimmt hatte. Für einen Moment war ich geschockt, aber dann sah ich, dass kein Grund dazu war.

Er war fast fünfzig. Sein Haar war lang, wirr und schmierig; dazwischen schauten seine Augen hervor. Es war schwarz, sein langer, struppiger Bart auch und im Gesicht war er ganz weiß. Nicht gewöhnlich weiß, sondern weiß, dass einem die Gänsehaut überlief. Da saß er, in Lumpen gekleidet, ein Loch im Stiefel, dass man die Zehen sehen konnte.

Ich stand da und guckte ihn an; er guckte zurück, mit dem Stuhl ein bisschen nach hinten gekippt. Am offenen Fenster konnte ich erkennen, dass er übers Scheunendach reingeklettert sein musste. Er musterte mich von Kopf bis Fuß. "Piekfeine Kleider, was? Bist ein aufgeblasener Kerl geworden, oder?"

"Vielleicht ja, vielleicht nein!"

Da regte sich der alte tierisch über mich auf. Am Meisten ärgerte es ihn, dass ich lesen und schreiben konnte. Er blaffte mich an: "Das konnte noch nie einer in der Familie, auch deine Mutter nicht. Meinst jetzt wohl, du wärst was Besseres als ich! Das lasse ich mir nicht gefallen. Mit der Schule ist es jetzt vorbei, verstanden? Den Leuten werde ich zeigen, was es heißt, einen Bengel dazu zu bringen, auf den eigenen Vater runterzusehen und was Besseres werden zu wollen, als der ist! Lass dich bloß nicht noch einmal bei der Schule erwischen! Und jetzt lies mal!"

Ich nahm ein Buch und fing an, was über George Washington und den Krieg zu lesen. Nach kurzer Zeit schlug er mir das Buch aus der Hand und sagte: "Es stimmt, du kannst wirklich lesen. Ich wollte es nicht wirklich glauben. Nun pass auf: Du hörst jetzt mit dem Firlefanz auf. Ich will das nicht!"

Er zerriss mein buntes Bildchen, das ich für gutes Lernen gekriegt hatte. Dann drohte er mir mit Prügel und haderte noch eine Weile damit, dass ich im Bett schlafen dürfe und er mit den Schweinen schlafen müsse. Und dann ließ er die Katze aus dem Sack. "Und reich sollst du sein! Ich habe es in der ganzen Stadt gehört. Alle Leute reden darüber. Morgen wirst du mir das Geld geben, ich will es haben!"

Ich versuchte, alles zu leugnen und verwies ihn an Richter Thatcher. Er sagte nur: "Na gut, ich werde ihn fragen. Und blechen soll er… Sag, wie viel hast du in der Tasche?"

Und dann nahm er mir den Dollar ab, den ich noch in meiner Hosentasche hatte. Er wollte runter in die Stadt, um Whisky zu kaufen. Vorher befahl er mich noch einmal, von der Schule fortzubleiben.

Am nächsten Tag ging er betrunken zu Richter Thatcher und wollte ihn einschüchtern. Aber er kriegte das Geld nicht und da schwor er, er würde ihm einen Prozess anhängen. Richter Thatcher und die Witwe gingen zum Gericht, um mich von dem Alten loszukriegen.

Aber es war ein neuer Richter da, der meinen Alten noch nicht kannte. Der sagte, es wäre nicht richtig, wenn das Gericht Familien auseinander bringen würde. Er hätte noch nie einem Vater sein Kind weggenommen. Da freute sich der Alte. Er sagte, er würde mich prügeln, bis ich schwarz und blau wäre, wenn ich nicht ein paar Dollar für ihn auftreiben könnte. Da borgte ich drei Dollar von Richter Thatcher und der Alte ging und besoff sich. Er strolchte schimpfend und schreiend durch die ganze Stadt. Mit einer Pfanne machte er Spektakel bis fast um Mitternacht. Daraufhin wurde er vors Gericht gebracht und für eine Woche eingesperrt.

Aber er war ganz zufrieden mit sich. Er wäre doch Herr über seinen Sohn und würde es schon richtig machen. Als er rauskam, kümmerte sich der neue Richter um ihn. Er nahm ihn in sein Haus und kleidete ihn anständig und sauber. Ließ ihn an Frühstück, Mittag- und Abendessen teilnehmen; war wie ein Vater zu ihm.

Der Alte tat so, als würde er sich bekehren lassen, wollte fortan ein rechtschaffener Kerl sein. Erklärte, dass er bislang missverstanden war und heulte. Der Richter und seine Frau glaubten es und waren mehr als gerührt. Sie wollten ihm die Sympathie geben, die ihm bisher angeblich verwehrt worden war. Sie führten den Alten in ein wundervolles Zimmer und glaubten an seine guten Absichten.

In der Nacht bekam der Alte aber wieder furchtbaren Durst, kletterte aufs Dach von der Vorhalle und rutschte den Pfosten runter. Dann verscherbelte er seinen neuen Rock für einen Krug Schnaps und kletterte wieder hinauf und machte sich eine fidele Nacht. Gegen Morgen krabbelte er noch einmal raus, voll wie eine Haubitze, rollte vom Vorhallendach herunter und brach sich den linken Arm zweimal und war fast erfroren. Nach Sonnenaufgang fand ihn einer.

Der Richter war verteufelt trübsinnig hinterher. Seiner Meinung nach könnte man den Alten nur mit dem Schießgewehr kurieren; einen anderen Weg wüsste er nicht.

Huckleberry in Gefahr

Danach war der Alte wieder fit und lief zum Gericht, um Richter Thatcher zur Herausgabe des Geldes zu zwingen. Auf mich passte er auf, dass ich nicht in die Schule ging. Ein paar Mal prügelte er mich, aber ich ging trotzdem zur Schule; gebrauchte Ausreden und entwischte ihm. Zwar war ich vorher nicht gerne zur Schule gegangen, aber jetzt wollte ich es tun, um meinen Alten zu ärgern.

Das Gericht arbeitete sehr langsam. So musste ich immer wieder einige Dollars für den Alten beim Richter Thatcher holen, damit er mich nicht verprügelte. Immer wenn er Geld bekommen hatte, war er besoffen und machte einen Heidenkrach in der Stadt. Danach wurde er jedes Mal eingesperrt. Er war aber ganz vergnügt dabei.

Schließlich wurde er der Witwe zu lästig. Sie sagte ihm, wenn er nicht aufhörte, um ihr Haus rumzulungern, würde sie ihm die Hölle heiß machen. Doch der Alte ließ sich das natürlich nicht gefallen und verschleppte mich kurzerhand in einem Boot. Ungefähr drei Meilen stromaufwärts landeten wir am Illinois-Ufer. Dort war dichter Wald und nur eine alte Blockhütte, die wirklich Keiner finden konnte.

Er war immer um mich und ich konnte nicht weglaufen. Er hatte eine Flinte, die er wahrscheinlich gestohlen hatte, und wir fischten und jagten. Davon ernährten wir uns. Alle Augenblicke sperrte er mich ein, ging drei Meilen weit zur Fähre und tauschte Fische und Wild für Whisky ein. Damit besoff er sich, sobald er wieder in der Hütte war und prügelte mich. Schließlich kam die Witwe dahinter, wo ich war, und schickte einen Mann vorbei, der mich mitnehmen sollte. Aber der Alte verjagte ihn mit seiner Flinte. Mit der Zeit hatte ich mich an alles gewöhnt, außer den Prügeln, und es gefiel mir hier ganz gut.

Mehr als zwei Monate war ich faul und fidel, lag den ganzen Tag rauchend und fischend herum und musste nichts lernen. Meine Kleider waren inzwischen wieder dreckige Lumpen und ich konnte mir gar nicht mehr vorstellen, dass es mir bei der Witwe mal gefallen hatte. Ich hatte sogar aufgehört, ein widerborstiger Kerl zu sein, weil die Witwe es nicht leiden konnte. Jetzt fing ich wieder damit an, weil mein Alter nichts dagegen hatte.

Doch mit der Zeit nahm der Alte die Haselnussgerte zu häufig. Ich war über und über mit Striemen bedeckt. Er sperrte mich immer öfter ein, einmal sogar für drei Tage, dass ich glaubte, der Alte wäre ersoffen. Ich wollte ausbrechen, fand aber keine Möglichkeit. Außerdem war der Alte verteufelt drauf aus, dass kein Messer oder was Ähnliches liegen blieb, wenn er fort war. Er hatte immer wieder alles gefilzt. Trotzdem versuchte ich immer wieder auszubrechen, weil es der einzige Zeitvertreib war.

Einmal fand ich eine verrostete alte Handsäge ohne Griff. Ich machte mich an die Arbeit. An der Wand war eine alte Pferdedecke angenagelt, damit der Wind nicht durch die Ritzen blies. Darunter sägte ich aus dem untersten Stamm ein Stück heraus, durch das ich schlüpfen konnte. Doch da hörte ich den Alten im Wald mit der Büchse knallen. Ich beseitigte schnell die Spuren meiner Arbeit und ließ die Decke wieder runter. Die Säge versteckte ich.

Als der Alte reinkam, war er wie immer schlecht gelaunt. Seine Geschäfte in der Stadt waren nicht gut gelaufen. Er sagte, dass er den Prozess gewinnen könnte, wenn der Richter Thatcher nicht immer Mittel und Wege finden würde, das Ganze auf die lange Bank zu schieben. Außerdem wäre noch ein anderer Prozess im Gang, um mich von ihm wegzunehmen und mir die Witwe als Vormund zu geben. Und die Leute meinten, dass sie diesmal damit durchkommen würden.

Das jagte mir natürlich einen tüchtigen Schrecken ein. Ich konnte mir inzwischen nicht mehr vorstellen, bei der Witwe zu wohnen. Der Alte fing an zu fluchen, er verfluchte den ganzen Ort. Er wüsste ein neues Versteck, sieben Meilen weit weg, wo er mich verstecken könnte. Dann könnten sie suchen, bis sie schwarz würden! Da fühlte ich mich wieder ziemlich unbehaglich, aber nur für eine Minute. Ich dachte mir, dass ich nicht mehr da sein würde, wenn er mich wieder verschleppen wollte.

Der Alte befahl mir, zum Boot zu gehen. Er hatte Lebensmittel und Whisky besorgt. Ich brachte einen Teil zur Hütte, ging zurück und setzte mich ins Boot. Ich überlegte und beschloss, mit dem Gewehr und ein paar Angelschnüren durch den Wald abzuhauen. Ich wollte nirgendwo lange bleiben, vor allem nachts vorwärts kommen und mit jagen und fischen wollte ich mich ernähren. Ich war so in Gedanken, dass ich gar nicht hörte, dass der Alte nach mir rief und fragte, ob ich eingeschlafen oder ersoffen wäre. Da schleppte ich die restlichen Sachen noch zur Hütte.

Während ich Abendessen kochte, nahm der Alte ein paar tüchtige Schlucke. Langsam wurde er wieder besoffen. Dann fing er immer an über die Regierung zu schimpfen und über seine schlechte Lage. Er fand, dass das Leben und die Gesetze sehr ungerecht zu ihm waren. Mit jedem Schluck wurde es schlimmer. Er schimpfte über die Neger, darüber dass sie jetzt wählen durften. So ging es in einer Tour weiter. Und weil er nicht aufpasste, wohin ihn seine Beine trugen, viel er über das Fass mit dem gesalzenen Schweinefleisch und schlug sich beide Schienbeine auf. Da hüpfte er um die Hütte rum, erst auf einem Bein und dann auf dem anderen. Dazwischen schimpfte er weiter und holte zur Bekräftigung seiner Aussagen mit dem linken Fuß aus und verpasste dem Fass einen ordentlichen Tritt. Das war ein Fehler, es war der Fuß mit dem löchrigen Schuh, wo die Zehen rauslugten. Da fing er ein Geheul an, dass einem die Haare zu Berge standen, rollte sich herum und hielt sich an den Zehen.

Nach dem Abendessen soff er weiter. Ich dachte, dass ich nun bald abhauen könnte. Er soff und soff und nach einer Weile taumelte er auf sein Bett. Aber ich hatte kein Glück. Er schlief sehr unruhig, grunzte und stöhnte. Dann schlief ich auch ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Aber plötzlich gab es einen furchtbaren Schrei. Ich war hellwach. Der Alte sprang kreuz und quer durch die Hütte, schrie was von Schlangen. Sie würden ihm die Beine hochklettern und ihn beißen. Er wurde immer wilder. "Nimm sie weg!", schrie er. Nie hatte ich einen Menschen so wild die Augen rollen sehen. Er wurde schlapp, fiel hin und japste; gleichzeitig trat er nach allem was ihm vor die Füße kam. Er war regelrecht wahnsinnig geworden. Er meinte, den Tod zu hören, seine Schritte. Dann kroch er auf allen Vieren herum und bettelte, sie sollten ihn doch in Ruhe lassen.

Nach einer Weile holte er sein Klappmesser, und jagte mich durch die Hütte. Er nannte mich den Engel des Todes und wollte mich umbringen, damit ich ihm nichts mehr tun könne. Als er mich am Jackenkragen erwischte, schlüpfte ich schnell wie der Blitz aus der Jacke und brachte mich in Sicherheit.

Bald war der Alte müde geworden und fiel mit seinem Rücken gegen die Tür. Das Messer legte er unter sich und er meinte, wenn er ausgeschlafen hätte, dann würde er mich umbringen. So döste er bald hinüber.

Nach einer Weile stieg ich auf den alten Stuhl mit dem zerbrochenen Sitz, so leise wie ich nur konnte und nahm die Flinte von der Wand. Ich sah nach, ob sie geladen war und legte sie quer über meine Beine, die Mündung nach dem Alten gerichtet und wartete darauf, dass er sich bewegte. Wie langsam die Zeit doch verstrich.

Huckleberry kann fliehen

"Steh auf!" Ich machte die Augen auf und versuchte rauszukriegen, wo ich war. Es war schon nach Sonnenaufgang und der Alte stand über mir. Er sah hundeelend aus. "Was wolltest du mit der Flinte?", fragte er mürrisch.

Wahrscheinlich wusste er gar nicht mehr, was er in der Nacht angestellt hatte. Deshalb erzählte ich ihm, dass einer rein wollte in die Hütte und ich mich auf die Lauer gelegt hatte. "Nun quatsch keine Opern! Raus mit dir und sieh nach, ob Fische an den Schnüren hängen. Ich komme gleich nach."

Er schloss die Tür auf und ich machte, dass ich zum Ufer kam. Ich sah ein paar Holzstücke und Rindenstücke den Fluss runtertreiben. Da wusste ich, dass der Fluss angefangen hatte zu steigen. Wäre ich jetzt in der Stadt gewesen, hätte ich eine tolle Zeit gehabt. Die Juni-Überschwemmung brachte immer Klafterholz und Stücke von langen Flößen mit ans Ufer. Man brauchte sie nur rauszufischen und an Holzplätze und Sägemühlen zu verkaufen.

Langsam ging ich am Ufer entlang. Mit einem Auge hielt ich Ausschau nach dem Alten und mit dem anderen passte ich auf, was der Fluss wohl runterbrachte. Ein herrliches Kanu, ungefähr dreizehn Fuß lang, kam angeschwommen. Kopfüber sprang ich in den Fluss, mit allen Kleidern am Leib, und schwamm rüber. Ich kletterte in das herrenlose Kanu und steuerte es ans Ufer. Erst überlegte ich, dass der Alte froh sein würde, über so ein wertvolles Kanu - man konnte mindestens zehn Dollar dafür bekommen. Aber dann dachte ich: Versteck es doch, damit kannst du über den Fluss abhauen, irgendwo lagern und brauchst nicht so ekelhaft weit durch den Wald zu latschen.

Ich war ziemlich nah an der Hütte und hatte ständig Angst, dass der Alte mich entdecken könnte. Aber ich konnte das Kanu noch rechtzeitig verstecken. Als ich hinter der alten Weide hervorguckte, sah ich den Alten, wie er mit der Flinte nach einem Vogel zielte. Er hatte nichts gesehen.

Als er zu mir ans Ufer runterkam, schimpfte er mich, weil ich so langsam war. Doch ich schwindelte und erzählte was von ins Wasser gefallen und so. Dann machten wir fünf Welse von den Haken los und gingen zur Hütte.

Nach dem Frühstück legten wir uns aufs Ohr, denn wir waren ziemlich müde. Vorher befahl mir der Alte, ihn zu wecken, falls sich hier noch einmal ein fremder Kerl herumtreiben sollte. Dann ruhten wir bis um zwölf, gingen dann ans Ufer.

Der Fluss stieg ziemlich schnell und brachte eine Menge Treibholz mit runter. Auch ein Stück von einem Floß war dabei; neun zusammengebundene Stämme. Wir fuhren mit dem Boot aufs Wasser und schleppten alles an Land.

Jeder, außer dem Alten, würden den ganzen Tag lang warten, ob nicht noch mehr aus dem Fluss zu holen wäre. Aber das war nicht seine Art. Neun Stämme - da musste er sich erst einmal voll laufen lassen.

Dann schloss er mich wieder ein, nahm das Boot und band die Stämme hinten dran. Das war so ungefähr um halb vier. Die Nacht wird er wohl nicht mehr kommen, dachte ich. Dann wartete ich, bis er gut vom Ufer abgekommen war.

Und dann, nichts wie raus hier. Ehe er am anderen Ufer war, war ich durch mein Loch rausgekrabbelt. Dann schleppte ich den Sack Maismehl, die Speckseite und den Whiskeykrug, allen Zucker und auch allen Kaffee zum Boot. Ebenso nahm ich die ganze Munition und die Pfropfen, den Eimer und die Kürbisflasche und noch mehr Gegenstände, die für meine Zukunft wichtig erschienen. Eine Axt wollte ich auch mitnehmen, aber es war keine da - außer der, die am Holzstapel lehnte. Und ich wusste schon, weshalb ich die nicht mitnahm. Schließlich nahm ich noch die Flinte und dann hatte ich es geschafft.

Über meine Trampelspuren streute ich Sand und das rausgesägte Stück Holz setzte ich wieder ein und legte einen Stein davor, der das Ganze halten sollte. Bis zum Boot war Grasboden, so hinterließ ich keine Spuren. Dann nahm ich die Flinte und ging in den Wald. Als ich nach einigen Vögeln Ausschau hielt, lief mir ein Schwein vor den Lauf. Ich schoss das Biest und schleppte es zur Hütte.

Mit der Axt hieb ich auf die Tür ein, dass sie nur so in Stücke flog. Nun schleifte ich das Schwein bis zum Tisch und stieß ihm ein Loch in die Kehle. Dann legte ich es auf die Erde. In einen alten Sack steckte ich einen Haufen Steine, zog ihn durch die Blutlache und dann runter bis zum Fluss, wo ich ihn reinwarf. Nun konnte auch ein Blinder sehen, dass hier was Blutiges entsorgt worden war.

Schade, dass Tom Sawyer nicht dabei war. Dem wäre bestimmt noch was Besseres eingefallen.

Schließlich habe ich mir noch ein paar Haare ausgerissen, die Axt mit Blut beschmiert und die Haare an die stumpfe Seite geklebt. Dann habe ich die Axt in die Ecke geschmissen. Zum Schluss schleppte ich das Schwein zum Fluss und schmiss es ins Wasser. Mit dem Sack mit Maismehl, in den ich ein Loch schnitt, legte ich eine feine dünne Spur an dem seichten Teich vorbei in den Wald. Unterwegs ließ ich den Wetzstein vom Alten fallen, so dass es aussah, als wäre alles zufällig passiert. Dann machte ich das Loch im Sack wieder zu und trug ihn ins Kanu.

Es war jetzt schon fast dunkel. Ich setzte das Kanu aufs Wasser, machte es an der Weide fest und wartete darauf, dass der Mond aufging. Während ich eine Pfeife rauchte, überdachte ich noch einmal meinen Plan.

Sie werden die Spur verfolgen, die ich mit dem Sack voll Steinen gemacht habe und im Wasser nach meiner Leiche suchen. Außerdem werden sie die Mehlspur zum Teich und den Weg weiter abgehen und nach den Räubern zu suchen, die mich umgebracht haben. Bald werden sie davon genug haben und werden sich nicht mehr um mich kümmern. Dann kann ich bleiben wo ich will. Die Jackson-Insel ist gerade das Richtige für mich. Ich kenne sie ziemlich genau und dahin wird sich keiner verirren. Nachts habe ich nicht weit zum Städtchen und kann dort rumschleichen und mitnehmen, was ich will. Müde schlief ich ein.

Als ich wieder wach wurde, schien der Mond so hell, dass ich die runtertreibenden Baumstämme zählen konnte. Ich gähnte und streckte mich und wollte gerade abfahren. Da hörte ich ein Plätschern auf dem Wasser. Das Boot kam unterhalb von dem Kanu, in dem ich saß, ans Ufer getrieben. Mir stockte der Atem. Es war der Alte, ganz sicher, und er war stocknüchtern.

Ich verlor keine Zeit. Im nächsten Moment trieb ich schnell den Fluss runter, immer im Schatten des Ufers. Vor dem Städtchen ließ ich mich zur Flussmitte treiben; mitten im Treibholz schwamm ich mit, konnte mich ausruhen und einen Zug aus meiner Pfeife nehmen.

Es dauerte nicht lange, und ich landete schon bei der Insel. Das Kanu versteckte ich in einer tiefen Bucht unter runterhängenden Weidenzweigen. Oben vom Ufer aus, konnte ich rüber zum Städtchen blicken, das drei Meilen weit weg lag.

Plötzlich sah ich ein Licht auf dem Wasser und ein riesiges Floß, das langsam auf die Insel zutrieb. Ein Mann sagte in die Dunkelheit: "Achtung. Steuerbord voraus!" Ich hörte das so klar, als ob der Mann direkt neben mir gestanden hätte.

Es war schon fast Morgen. Da lief ich in den Wald, um vorm Frühstück noch eine Runde zu pennen.

Huckleberry und Jim

Die Sonne stand hoch am Himmel, als ich aufwachte. Ich lag noch eine Weile im Gras und dachte über dies und das nach. Ich fühlte mich ausgeruht und ziemlich zufrieden.

Ich döste wieder ein, da hörte ich ein tiefes Bum, Bum. Auf Ellbogen gestützt lauschte ich, sprang auf und lugte durchs Gebüsch zum Fluss. Bum! Weißer Qualm quoll aus der Seite der Fähre. Sie feuerten Kanonen ab, damit meine Leiche an die Oberfläche kommen sollte. Sie suchten mich!

Ich war hungrig. Aber ich konnte kein Feuer machen, weil man es vielleicht gesehen hätte. Da wartete ich ab. Es hieß, die Leute würden Quecksilber in ein Brot stecken und das dann aufs Wasser legen. Das würde direkt auf den Toten zutreiben. Ich musste also nur warten, bis so ein Brot mal in meine Richtung schwimmen würde.

Beim ersten Versuch hatte ich Pech. Doch beim nächsten hatte ich Glück. Ich zog das Brot aus dem Wasser, schüttete das Tröpfchen Quecksilber auf die Erde und zog mich mit der Beute auf den nächsten Baumstamm zurück. Im Glauben, dass die Witwe oder der Pastor bestimmt gebetet hatten, damit das Brot mich findet, machte ich mich über dieses leckere Bäckerbrot her.

Ich zündete mir eine Pfeife an und guckte weiter nach der Fähre. Als sie ziemlich nah war, machte ich meine Pfeife aus und legte mich hinter einen Baumstamm. Sie wurde so nah an die Insel getrieben dass die Leute hätten bequem über eine Planke an Land gehen können. Ich hörte, wie der Kapitän sagte, er hoffe, meine Leiche hier zu finden, an Land gespült! Ich hoffte das natürlich nicht.

Nachdem sie direkt vor mir eine Kanone abgefeuert hatten - ich glaubte, mir würden die Ohren wegfliegen - fuhren sie den Rest des Ufers ab, die andere Seite ebenfalls. Von Zeit zu Zeit schossen sie ihre Kanone ab. Später gaben sie das Suchen auf und steuerten wieder auf das Städtchen zu.

Ich holte mein Zeug aus dem Kanu und machte es mir im dichten Wald gemütlich. Aus Decken machte ich mir eine Art Zelt und dann fing ich einen Fisch. Als die Sonne unterging, zündete ich ein Lagerfeuer an und begann, mein Abendessen zu kochen. Gleichzeitig legte ich eine Angelschnur aus, um Fische fürs Frühstück zu fangen. Als es dann dunkel wurde, saß ich an meinem Feuer und rauchte und fühlte mich sauwohl. Dann ging ich schlafen. Die beste Möglichkeit die Zeit totzuschlagen, wenn man sich einsam fühlt.

So ging das einige Tage. Dann machte ich mich auf, die Insel zu erkunden. Hier war ich der Herr. Ich fand einen Haufen reife Erdbeeren, reife Trauben und unreife Brombeeren; aber die würden mit der Zeit auch noch essbar werden. So strolchte ich eine Weile durch den Wald, bis ich fast auf eine große Schlange getreten wäre. Sie huschte durchs Gras und ich versuchte sie zu fangen. Und plötzlich stand ich vor der Asche von einem Lagerfeuer, die noch rauchte.

Mir schlug das Herz bis zum Hals. Ich sah mich nicht weiter um und machte mich so schnell ich konnte aus dem Staub. Bei jedem Baumstamm hatte ich Angst, es wäre ein Mensch. Erst als ich in meinem Lager war, fühlte ich mich wieder sicher. Schnell packte ich meinen Kram wieder ins Kanu, machte das Feuer aus und verstreute die Asche so, dass es aussah, es wäre ein Lagerplatz vom letzten Jahr. Dann kletterte ich auf einen Baum.

Dort verharrte ich einige Zeit. Dann schlich ich durch den Wald, aß ein paar Beeren. Als es dunkel war, kletterte ich ins Kanu und paddelte bis zum anderen Ufer rüber. Da ging ich in den Wald und kochte mein Abendessen. Hier wollte ich die Nacht über bleiben.

Auf einmal hörte ich trab, trab, trab… mir war sofort klar, das sind Pferde. Und Stimmen hörte ich auch. Ich packte meinen Kram so schnell ich konnte wieder ins Kanu und kroch dann durch den Wald, um ein wenig auszuspionieren, wer das war. Ich war noch nicht weit, da hörte ich, wie ein Mann sagte, dass sie hier lagern sollten, weil die Pferde todmüde wären.

Ich wartete nicht länger, schlich zum Kanu zurück und paddelte weg. An einer anderen Stelle wollte ich im Kanu schlafen. Doch das konnte ich nicht lange aushalten. Ich hatte immer das Gefühl, jemand wollte mich am Hals packen. Deshalb paddelte ich weiter, bis zum Ende der Insel. Dann nahm ich meine Flinte und schlich durch den Wald. Nach einer Weile sah ich den Feuerschein durch die Bäume schimmern. Vorsichtig ging ich darauf zu, bis ich erkannte, dass da ein Mann auf der Erde lag; mit einer Decke überm Kopf.

Ich setzte mich einige Meter weit weg hinter einen Busch und beobachtete ihn. Bald gähnte der Mann, reckte sich und schlug die Decke zurück. Das war doch der Jim von Miss Watson! Mann, war ich froh, ihn hier zu sehen. "Hallo Jim!", rief ich.

Er sprang auf und starrte mich wild an. Dann fiel er auf die Knie und wimmerte: "Tu Jim nix, bitte. Jim hat immer Gutes getan, war immer freundlich zu toten Menschen. Geh wieder zum Fluss, wo du hingehörst. Tu mir nix, bitte!"

Es dauerte nicht sehr lange, bis ich ihm klar gemacht hatte, dass ich nicht tot war. Ich war froh, dass ich Jim gefunden hatte. Jetzt war es nicht mehr so einsam.

Jim war total ausgehungert. Schon seit mehreren Tagen lebte er von Erdbeeren und so. "Jim kann essen ganzes Pferd jetzt.", sagte er, als ich anfing von Frühstück zu reden. So gingen wir zusammen zum Kanu. Und während Jim zwischen den Bäumen Feuer machte, holte ich das Mehl, den Speck, den Kaffeetopf und die Bratpfanne, den Zucker und den Zinnbecher. Jim ist aus dem Staunen gar nicht mehr herausgekommen. Dann fing ich noch einen großen Fisch und Jim machte ihn mit seinem Messer sauber und briet ihn.

Als das Frühstück fertig war, setzten wir uns auf die Erde und aßen alles ganz heiß. Jim kniete sich fast schon rein, weil er so ausgehungert war. Anschließend dösten wir mit unseren vollen Bäuchen vor uns hin.

Nach einer Weile erzählte ich Jim die ganze Sache und er meinte, das wäre super. Tom Sawyer hätte keinen besseren Plan austüfteln können, meinte er. Dann erzählte Jim, dass die alte Miss Watson immer auf ihm rumgehackt hätte. Und als ein Negerhändler in den Ort gekommen ist, bekam Jim es mit der Angst zu tun. Er hat gar nicht erst gewartet, ob sie ihn verkaufen wollte. Er ist gleich ausgebüchst. Über viele Umwege ist er dann an diesem Fleck gelandet.

Wir versprachen uns gegenseitig, uns nicht zu verraten. Jim erzählte noch eine Weile seine Geschichten und von unheimlichen Vorzeichen. Kein anderer wusste in solchen Sachen so gut Bescheid wie Jim.

Doch er wusste auch von guten Zeichen zu berichten. Zum Beispiel, dass man reich werden würde, wenn man viele Haare auf Armen und Brust hätte. Doch obwohl Jim sehr behaart war, sollte es noch dauern, bis er zu Reichtum gelangte, denn er wurde mehrere Male um sein Geld gebracht, weil er so gutgläubig war.

Am Ende erklärte er mir: "Und jetzt ist Jim auch sehr reich. Er ist sein eigener Herr, und das ist mehr wert als hundert Dollar.

Huckleberry und Jim finden einen Toten

Ich wollte nochmals an eine Stelle gehen, die mir aufgefallen war, als ich die Insel durchstreift hatte. Wir waren schon bald da, die Insel war ja nur drei Meilen lang und eine viertel Meile breit.

Wir mussten auf einen ziemlich steilen Hügel, so eine Art Felsen hochsteigen. Wir suchten alles ab und fanden schließlich eine schöne große Höhle, kurz unter der Spitze des Hügels. Die Höhle war so groß wie zwei oder drei Zimmer zusammen. Sogar Jim konnte aufrecht stehen. Und kühl war es hier.

Jim wollte sofort hier einziehen. Aber ich wollte nicht dauernd rauf und runter latschen müssen. Jim hielt die Höhle für ein geeignetes Versteck, falls jemand auf die Insel kommen würde. Außerdem würde es, wenn es bald zu Regnen anfinge, unseren Kram vor Nässe schützen. Ich gab nach und wir ließen uns in der Höhle häuslich nieder.

Der Zugang zur Höhle war nicht größer als ein Schweinskopf. Auf der gegenüberliegenden Seite, die etwas erhöht war, konnten wir Feuer machen und unser Mittagessen kochen. Unsere Decken legten wir als Teppich auf die Erde und die anderen Sachen verstauten wir ganz hinten in der Höhle.

Bald kam auch das erwartete Sommergewitter. Es goss wie aus Kübeln und die Blitze tauchten alles in helles, goldenes Licht. Ein furchtbarer Donner folgte. Ich hätte nirgendwo anders sein wollen und wir aßen glücklich unseren Fisch und den heißen Maiskuchen.

Zehn oder zwölf Tage lang stieg der Fluss, bis er über die Ufer trat. Das Wasser stand auf den tief liegenden Stellen am Ilinois-Ufer. Tagsüber paddelten wir überall herum. Auf den entwurzelten Bäumen saßen Kaninchen und kleine Schlangen und anderes Viehzeug. Die Meisten waren inzwischen zahm vor Hunger. Nur die Schlangen und die Schildkröten schlüpften immer sofort ins Wasser, wenn einer kam. Unsere Höhle war voll von Viechern.

Das Gute am Hochwasser war wieder einmal das Treibholz. Wir zogen ein Stück von einem Floß aufs Trockene. Ein anders Mal kam ein richtiges Holzhaus angeschwommen, das auf einem Floß stand. Wir sind rübergepaddelt, auf das Floß geklettert und haben durch das Fenster ins Haus geguckt. Doch es war zu dämmrig. Deshalb machten wir das Kanu fest und warteten auf den Morgen.

Als es hell wurde, sahen wir uns alles an. Da lag ein Haufen altes Zeug rum. In der Ecke lag was, das aussah wie ein Mann. Aber der bewegte sich nicht. Ich rief und Jim sagte: "Der Mann schläft nicht, der ist tot."

Jim ging rein und sah, dass der Tote nackt war. Er musste erschossen worden sein und lag schon mindestens drei Tage hier. Ich guckte ihn nicht an und Jim warf ihm einige Lumpen über. Es lagen viele Dinge durcheinander auf dem Boden, alte Whiskyflaschen, zwei schwarze Gesichtsmasken, dreckige Kleider, ein Kopftuch und Frauenkleider, auch Männeranzüge. Das meiste packten wir ins Kanu.

Weil alles so wüst herumlag, glaubten wir, dass ein paar Leute Hals über Kopf abgehauen waren und keine Zeit mehr hatten, alles mitzunehmen. Doch wir schauten alles genau an und nahmen eine ganze Menge Zeug mit.

Wenn man alles in allem nimmt, haben wir einen guten Fischzug gemacht. Inzwischen waren wir ein ganzes Stück von der Insel weg und es war hell geworden. Da sagte ich zu Jim, er möge sich ins Kanu legen und ich würde eine Decke über ihn breiten. Es sollte keiner sagen, er hätte am Fluss unten einen Neger gesehen. Und ich bin so schnell ich konnte wieder zur Insel zurückgepaddelt. Keiner hat uns gesehen und wir sind glücklich gelandet.

Huckleberry, Jim und die Schlange

Nach dem Frühstück wollte ich mit Jim über den toten Mann reden, aber er wollte nicht. Er war wieder Abergläubisch und meinte, das würde Unglück bringen. Einer der nicht begraben wäre, würde eher umgehen als einer, der unter der Erde liegt.

Ich respektierte seinen Wunsch, dachte aber trotzdem noch eine Weile darüber nach. Wer den Mann wohl umgebracht hat? Als wir seine Kleider untersuchten, fanden wir acht Silberdollars in seiner Jacke. Jim hatte ein schlechtes Gefühl.

"Du denkst, das bringt Unglück. Aber das dachtest du auch von der Schlangenhaut, die wir neulich in der Höhle gefunden haben. Du sagtest, es wäre schlimm, so eine Schlangenhaut anzufassen. Ich habe sie angefasst und wie du siehst, hat es mir kein Unglück gebracht. Im Gegenteil - acht Dollar und den ganzen Kram haben wir gefunden!"

"Du wirst schon sehen, Kleiner! Es wird schon noch kommen, das Unglück."

Und es kam. Am Dienstag hatten wir uns unterhalten und am Freitag, nach dem Mittagessen, lagen wir auf dem Hügel im Gras. Wir hatten keinen Tabak mehr, deshalb ging ich in die Höhle, welchen zu holen. Da sah ich eine Klapperschlange. Ich schlug sie tot, rollte sie auf und legte sie ans Fußende von Jims Lager. Ich dachte, dass das ein Heidenspaß werden würde am Abend…

Abends hatte ich die Sache bereits vergessen, und als Jim sich auf seine Decke warf, wurde er von einer anderen Klapperschlange gebissen, die sich neben die tote gelegt hatte.

Er sprang schreiend auf und ich sah, dass das Biest noch einmal beißen wollte. Da schlug ich ihr mit einem Knüppel über den Kopf, dass sie genug hatte. Jim nahm sich sofort den Krug mit Whiskey von meinem Alten und soff was hineinpasste.

Jim war barfüßig und die Schlange hatte ihn direkt in die Ferse gebissen. Und alles war meine Schuld. Ich hätte wissen müssen, dass sich um eine tote Schlange gleich eine andere, lebende Schlange kringelt. Jim befahl mir, der Schlange den Kopf abzuschneiden, ihn wegzuschmeißen und die Haut vom Körper abzuziehen. Ich sollte ein Stück vom Körper braten. Ich tat wie geheißen und Jim aß das Stück und sagte, das würde ihn heilen. Er band sich die Klappern um die Handgelenke und behauptete: "Das hilft!"

Ich verdrückte mich, warf den Schlangenkadaver in die Büsche, weil ich nicht wollte, dass Jim herauskriegte, dass alles eigentlich meine Schuld war. Jim nuckelte noch eine Weile an dem Whisky. Sein Fuß wurde ganz dick. Ich dachte, wenn er besoffen ist, dann geht alles schnell vorüber. Doch Jim musste vier Tage und vier Nächte liegen, bis die Schwellung zurückgegangen war. Dann war er wieder fit.

Ich habe geschworen, nie wieder eine Schlangenhaut anzufassen und Jim war sich sicher, dass ich ihm ab sofort glauben würde!

Die Tage vergingen und der Fluss erreichte seinen normalen Wasserstand wieder. Wir jagten und genossen unser abenteuerliches Leben im Wald. Doch bald schon wurde es mir langweilig.

Am nächsten Morgen sagte ich, ich würde mal ans andere Ufer paddeln und sehen, was da los wäre. Jim war einverstanden, aber ich sollte erst im Dunkeln rüberfahren und gut aufpassen. Dann überlegte er sich, dass ich mich am Besten verkleiden sollte, mit den Klamotten, die wir vom Floß hatten. Dann würde ich wie ein Mädchen aussehen.

Das war eine prima Idee. Wir kürzten eines der Kleider und krempelten meine Hosenbeine hoch. Ich warf das Kleid über und Jim steckte es mit Angelhaken fest. Ich band mir noch ein Kopftuch um und meine Verkleidung war perfekt.

Jim war sich sicher, dass mich nun niemand mehr erkennen würde, selbst nicht wenn es hell wäre. Dann übte ich den ganzen Tag, um das richtige Gehabe für die Verkleidung rauszufinden.

Kurz nach Sonnenuntergang fuhr ich mit dem Kanu ans andere Ufer. In einer kleinen Hütte, die lange Zeit unbewohnt gewesen war, brannte noch Licht. Wer da wohl wohnte? Ich schlich mich an und beobachtete durchs Fenster eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, die bei Kerzenlicht strickte. Das musste eine Fremde sein. Nun war mir leichter ums Herz. Ich hatte befürchtet, die Leute würden mich erkennen. Aber vor so einer Fremden brauchte ich keine Angst zu haben. Sie würde mir sicher alles erzählen können, was inzwischen passiert war.

Ich klopfte also an die Tür und sagte mir: Huck, vergiss nicht, dass du jetzt ein Mädchen bist!

Huckleberry verkleidet sich als Mädchen

Wenig später saß ich bei der Frau auf einem Stuhl und stellte mich vor als "Sara Williams". Ich erklärte, dass ich aus Hookerville, sieben Meilen flussabwärts, kommen würde und den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt hätte. Ich tischte ihr ein Märchen auf von meiner angeblich kranken Mutter, die ganz arm wäre und mich zu meinem Onkel, den Abner More, geschickt hätte. "Ich bin noch nie bei ihm gewesen. Kennen Sie ihn?", fragte ich.

"Nein. Ich wohne erst seit zwei Wochen hier. Deshalb kenne ich hier keinen. Du kannst gerne über Nacht hier bleiben. Binde doch dein Kopftuch ab."

"Ach nein", sagte ich, "ich will nur ein wenig ausruhen. Ich hab keine Angst, im Dunkeln weiterzugehen."

Sie sagte, in einer Stunde ungefähr käme ihr Mann und der könnte mich ja begleiten. Dann erzählte sie mir von ihrem Mann und ihren Verwandten und dass es ein Fehler gewesen wäre, in die Stadt zu ziehen. Sie redete so lange, bis ich mich fragte, ob es nicht ein großer Fehler gewesen war, in die Stadt zu kommen, um rauszukriegen, was los war.

Aber nach einer Weile erzählte sie dann von meinem Alten und dem Mord. Da war es mir wieder recht. Sie kannte die ganze Geschichte von Tom und dem Geld und mir. Ich fragte: "Und wer bitte soll Huck Finn denn umgebracht haben?"

"Die meisten Leute glauben ja, dass es der alte Finn selber war. Aber dann hat man entdeckt, dass der alte Neger Jim durchgebrannt ist. Der könnte es auch gewesen sein."

Es fiel mir schwer, den Mund zu halten. Die Frau erzählte auch schon weiter. "Auf den Kopf des Negers haben sie dreihundert Dollar gesetzt. Und zweihundert Dollar Belohnung auf den Kopf des alten Finn. Am Morgen nach dem Mord hat er erst mitgeholfen zu suchen, aber dann ist er spurlos verschwunden, noch eh er gehenkt werden konnte. Dann kam er noch einmal zurück, nachdem er erfahren hatte, dass man nach Jim sucht. Da holte der Alte beim Richter Thatcher Geld, um nach dem Neger zu suchen. Der hat ihm auch welches gegeben. Das hat der alte Finn dann noch am gleichen Abend versoffen und ist mit einem Rudel Kerle durchgebrannt. Und wenn er schlau ist, dann wartet er ein Jahr, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Dann kriegt er auch sofort das Geld von Huck, denn beweisen kann man ihm ja nichts."

Sie erzählte weiter, dass es immer noch Leute gab, die den Neger Jim suchten. Allein wegen der dreihundert Dollar, das wäre ja klar. Und sie vermutete ihn auf der Insel, gegenüber. Denn dort hätte sie vor wenigen Tagen mal Rauch über der Insel gesehen, obwohl dort nach Aussagen der Leute keine Menschenseele wohnen würde. Deshalb meinte sie, dass es sich schon lohnen würde, mal da drüben nachzusehen.

Plötzlich wurde ich aufgeregt und konnte die Finger nicht mehr ruhig halten. Da nahm ich eine Nadel vom Tisch und versuchte, den Faden durchs Öhr zu kriegen. Aber vor lauter Zittern bekam ich es nicht hin und als ich bemerkte, dass die Frau mich mit einem komischen Lächeln beobachtete, legte ich die Nadel und den Faden auf den Tisch.

"Fährt ihr Mann diese Nacht noch rüber?", fragte ich sie.

Sie bejahte und beschrieb genau, was ihr Mann und sein Kumpel diese Nacht noch vorhatten. Plötzlich sagte sie: "Wie hast du doch gesagt, wie du heißt?"

"Ma.. Mary Williams."

Da fiel mir ein, dass ich vorher noch Sarah geheißen hatte. Ich fühlte mich in die Enge getrieben. Die Frau sagte eine Weile nichts, was das Ganze noch unbehaglicher machte. Schließlich sagte sie: "Kindchen, ich dachte, du heißt Sarah?"

"Ja, das stimmt auch. Ich heiße Sarah Mary Williams. Die einen nennen mich Sarah, die anderen Mary…", erwiderte ich stotternd und traute mich nicht aufzusehen.

Die Frau fing wieder an zu erzählen und über die schweren Zeiten zu jammern. Auch darüber, dass im Haus überall Ratten wären. Sie zeigte mir den Klumpen Blei, den sie immer nach den Biestern warf. Und als die nächste Ratte kam, da schmiss sie, traf aber nicht. Dann fragte sie mich, ob ich es auch mal versuchen wollte.

Eigentlich wollte ich zwar weg sein, wenn der Mann kam, aber ich durfte mir das ja nicht anmerken lassen. So nahm ich das Ding und warf es nach der nächsten Ratte. Die Frau lobte den guten Wurf und meinte, dass ich die nächste bestimmt treffen würde. Dann hob sie den Bleiklumpen auf und ich sollte ihr beim Wolle wickeln helfen. Ich streckte beide Arme aus und sie legte den Strang Wolle drüber. Dabei erzählte sie weiter. Dann ließ sie überraschend den Klumpen in meinen Schoß fallen, und im selben Augenblick presste ich meine Beine zusammen, um das Ding zu halten. Sie erzählte weiter, während sie die Wolle bearbeitete. Nach einer Minute nahm sie den Strang von meinen Armen und fragte: "Na, wie heißt du nun wirklich?"

Ich zitterte wie Espenlaub und wusste nicht, was ich tun sollte. Sie fragte, ob ich nun Tom, Bob oder Bill heißen würde… "Bitte verspotten sie nicht ein armes Mädchen. Wenn ich Ihnen lästig bin…"

"Nein, lästig bist du nicht. Bleib ruhig sitzen. Ich will dir sogar helfen. Und mein Mann auch. Du bist sicher ein durchgebrannter Lehrjunge. Man hat dich sicher schlecht behandelt. Und dann bist du ausgerissen. Erzählt mir alles, sei ein guter Junge."

Ich erzählte ihr, dass meine Eltern beide gestorben seien und ich bei einem alten ekelhaften Farmer in Pflege sei. Der hätte mich so schlecht behandelt, dass ich abgehauen sei. "… und darum bin ich auch nach Goshen gekommen, wo mein Onkel Abner More wohnt."

Die Frau rief: "Aber hier ist nicht Goshen. Du bist in St. Petersburg!"

Sie wollte wissen, wer mir den Bären denn aufgebunden hätte. Ich erzählte ihr von einem betrunkenen Mann, der mir den Weg gewiesen hätte. Dann stellte sie mir noch einige Fragen, um zu testen, ob ich wirklich auf dem Land gelebt hätte und fragte mich nach meinem richtigen Namen.

"George Peters", sagte ich.

"Ist gut. Aber vergiss den Namen nicht noch einmal. Ich lasse keine Ausrede mehr gelten. Und lass dich in den alten Fetzen nicht mehr vor Frauen sehen. Männer mögen darauf hereinfallen, aber Frauen erkennen sofort, dass du ein Junge bist. Du kannst keine Nadel einfädeln, außerdem triffst du zu gut, wenn du auf Ratten zielst und wenn dir jemand was in den Schoß wirft, dann lass die Beine breit. Mädchen sind es gewohnt, einen Rock anzuhaben. Nur Jungen kneifen die Beine zusammen wie du es gemacht hast. Und jetzt lauf zu deinem Onkel, Sarah, Mary, George oder wie du heißt. Und wenn du in Schwierigkeiten kommst, dann schick jemanden zu Mrs. Judith Lofthus, das bin ich. Dann werde ich dir helfen."

Ich ging ungefähr fünfzig Meter am Ufer entlang. Dann lief ich zu meinem Kanu und nahm Kurs auf die Insel. Ich band das Kopftuch ab und lauschte dem Schlagen der Uhr. Es war elf. Dann rannte ich zu meinem alten Lager und machte ein mächtiges Feuer. Anschließend ruderte ich mit dem Kanu zu unserem neuen Lager, das anderthalb Meilen flussabwärts lag. Ich landete und lief in unsere Höhle.

Jim lag da und schlief. "Steh auf, Jim!", schrie ich. "Wir dürfen keine Zeit verlieren. Sie sind hinter uns her!"

Jim fragte nicht, aber wie er sich in der folgenden halben Stunde benahm, zeigte deutlich, wie viel Angst er hatte. Das Feuer machten wir sofort aus und wir brachten alles was wir besaßen im Dunklen zum Floß, das unter den Weiden verborgen war. Die Nacht war sehr finster und wir ließen uns im Schatten des Ufers flussabwärts treiben. Es war totenstill.

Huck und Jim auf der Flucht

Kurz vor eins hatten wir die Insel hinter uns gelassen. Die Strömung trieb uns langsam voran. Wir hatten die Flinte und die Angelhaken vergessen und auch die Lebensmittel. Es war alles so schnell gegangen.

Wenn die Männer wirklich auf die Insel kommen würden, dann würde das Feuer am alten Lagerplatz sie erst Mal eine Weile ablenken. In einer Bucht am Illinois-Ufer legten wir in einer Bucht an. Wir versteckten Kanu und Floß so gut wir konnten.

Ich erzählte Jim die ganze Sache mit der Frau von gestern Abend. Jim meinte, das wäre eine ganz Schlaue; die würde bestimmt nicht die ganze Nacht am Feuer sitzen bleiben. Die hätte bestimmt einen Hund dabei. Aber die Männer, so glaubte Jim, die hätten ja keine Ahnung. Ich sagte, es wäre mir egal, warum sie uns nicht gekriegt haben.

Als es dunkel wurde, haben wir noch einmal die ganze Gegend mit Blicken abgesucht. Aber wir entdeckten nichts. Jim nahm die stärksten Planken vom Floß und baute daraus eine Hütte. Einen Bretterboden zimmerte er auch noch, so dass die Hütte ungefähr einen Fuß höher lag als das Floß. So waren die Decken und der ganze Kram geschützter gegen das Spritzwasser. Wir machten noch ein zweites Steuerruder, für den Fall, dass eines zerbrechen sollte. In der Mitte des Floßes hatten wir eine Astgabel festgemacht, in die wir eine alte Laterne hängten. Wenn ein Dampfer kam, mussten wir nämlich immer eine Laterne anmachen, damit wir nicht überrannt wurden.

In der nächsten Nacht fuhren wir sieben oder acht Stunden. Wir fingen Fische und erzählten uns was. Ab und zu schwammen wir neben dem Floß her, damit wir nicht müde wurden. Es war ziemlich feierlich, wenn wir auf dem Rücken lagen und die Sterne über uns strahlten. Das Wetter war gut und es geschah nichts Besonderes in den nächsten beiden Nächten.

Jede Nacht kamen wir an Städten vorbei. Ungefähr um zehn landete ich heimlich in der Nähe von irgendeinem Dorf und kaufte Maismehl oder Speck oder was wir gerade brauchten. Manchmal habe ich auch ein Huhn mitgehen lassen - das war ein Ratschlag von meinem Alten. Manchmal "borgte" ich mir eine Wassermelone oder einen Kürbis. Mein Alter sagte immer, dass "borgen" nichts Schlimmes wäre. Die Witwe aber hatte gesagt, dass dies nur ein mildes Wort für "stehlen" wäre. Jim meinte das auch und wir strichen ein paar Dinge aus unserer "Borgliste". Alles in Allem lebten wir ganz prima.

In der fünften Nacht gab es nach Mitternacht einen schweren Sturm. Das Wasser kam runter wie aus Eimern gegossen. Wir hatten uns in unsere Hütte verkrochen und überließen das Floß sich selbst. Bis wir in unserer Nähe einen Dampfer entdeckten, der auf einen Felsen gefahren war. Und wir trieben direkt auf ihn zu. "Jim, lass uns am Dampfer anlegen.", bat ich.

Er war erst furchtbar dagegen, hatte Angst vor den Wachposten. Doch ich konnte ihn überreden; erzählte ihm von wertvollen Schätzen, Zigarren, vielleicht sogar aus der Kapitänskajüte. "Komm, Jim. Tom Sawyer würde sich so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen! Er würde das Abenteuer nennen, auch wenn es sein Leben kostete. Ach, wenn nur Tom Sawyer hier wäre."

Jim gab brummend nach. Beim nächsten Blitz konnten wir das Wrack genau sehen und machten unser Floß am Ladebaum fest. Wir kletterten das schräg stehende Wrack hinauf, bis zum Deckfenster. Noch ein Schritt und dann waren wir bei der Kapitänskajüte. Die Tür stand offen… und um Himmels willen: In der Kajüte war Licht und wir hörten Stimmen!

Jim wollte flüchten und ich am Liebsten hinterher. Doch ich sagte mir, dass Tom Sawyer bei so einer Gelegenheit auch nicht auskratzen würde. Ich wollte wissen, was hier los war. Auf Händen und Füßen kroch ich den schmalen Gang entlang. In der Kajüte sah ich einen gefesselten Mann am Boden liegen und zwei Männer standen über ihm. Sie bedrohten ihn mit einer Pistole. Sie wollten den Mann umbringen.

Damit ich nicht entdeckt werden konnte, kroch ich rückwärts in eine Kabine. Doch dann hörte ich: "Komm hier rein." Und sie kamen. Die Männer namens Bill und John. Ich hatte mich in die äußerste Ecke der obersten Koje gedrückt und hielt den Atem an. Es roch nach Whisky. Bill wollte Turner umbringen, weil er sie verraten wollte.

Doch John Packard wollte erst das Schiff leerräumen und die Beute an Land verstecken. Er meinte, in zwei Stunden würde das Wrack eh auseinander brechen und den Fluss runtertreiben. "Er wird einfach ersaufen und man kann keinem einen Vorwurf machen, verstehst Du?", sagte er zu Bill.

Bill haderte noch kurz, aber gab dann nach. Die beiden gingen weg. Ich verduftete auch, ganz in Schweiß gebadet. Draußen war es duster und ich kroch dahin, wo wir mit dem Floß angelegt hatten. "Jim!", flüsterte ich. "Los, Jim. Da ist eine Mörderbande auf dem Schiff. Und wenn wir nicht ihr Boot finden und es losmachen, dann ist einer von ihnen in der Klemme. Wenn wir das Boot finden, dann sitzen sie alle in der Patsche, weil der Sheriff sie dann kriegt. Komm, beeil dich. Und dann gehen wir aufs Floß!"

"Mein Gott, da ist kein Floß mehr. Es hat sich losgerissen und ist weg. Wie stehen wir jetzt da?"

Huckleberry und Jim auf dem Wrack

Ich hielt die Luft an. Da waren wir also mit einer Mörderbande zusammen auf einem Wrack gefangen. Wir mussten schnell das Boot finden - diesmal um selber wegzukommen. Zitternd suchten wir die ganze Steuerbordseite ab - nichts. Jim sagte, er könnte vor lauter Angst nicht weiter. "Jim, wenn wir hier bleiben, dann sind wir geliefert!", drängte ich.

Wir krochen weiter. Gerade als wir in der Nähe der Kapitänskajüte das Boot entdeckt hatten, ging vor uns die Tür auf. Packard und Bill kamen raus, warfen einen voll gepackten Sack ins Boot und sprangen selbst hinterher. "Alles in Ordnung. Stoß ab!", hörten wir von unten. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten.

"Hast du ihn durchsucht?", hörten wir von unten.

Gespannt lauschten wir, wie Bill und Packard beschlossen, wieder an Bord zu kommen. Sie hatten vergessen, ihr Opfer auf Geld zu durchsuchen. "Die Moneten müssen wir auf jeden Fall mitnehmen!"

Sie kletterten noch mal an Bord, gingen in die Kajüte und ließen die Tür hinter sich ins Schloss krachen. Im Handumdrehen war ich im Boot, Jim taumelte direkt hinter mir drein. Ich schnitt das Tau durch und schon trieben wir flussabwärts. Wir bewegten kein Ruder und wagten kaum zu atmen. Alles ging schnell, in wenigen Augenblicken waren wir schon hundert Meter vom Schiff weg.

Als wir schon vierhundert Meter weit weg waren vom Wrack, sahen wir Licht bei der Kapitänskajüte. Ich begann, mir Sorgen zu machen. Auch wenn es Mörder waren, taten sie mir doch Leid. Ich beschloss, bald am Ufer zu landen und jemandem zu erzählen, dass noch wer auf dem Wrack ist. Dann würden sie wenigstens gerettet werden. Auch wenn es nur für den Galgen wäre.

Doch ich konnte den Plan nicht durchführen. Bald begann ein Sturm und wir konnten nirgends mehr anlegen. Nach einer Weile sahen wir unser Floß wieder. Wie froh wir waren, als wir wieder auf unserem Floß saßen. Bald erblickten wir Licht am rechten Ufer und ich sagte Jim, dass ich mit dem Boot der Banditen drauf zufahren würde. Wir verstauten das geklaute Zeugs der Kerle auf unserem Floß und Jim ließ sich treiben, so ungefähr zwei Meilen. Dann sollte er eine Laterne anmachen und so lange brennen lassen, bis ich ihn eingeholt hätte.

Flugs bin ich losgerudert. Es dauerte eine Weile, bis ich eine einzelne Anlegestelle fand, an der nur ein Fährmann saß. Dem erzählte ich eine abenteuerliche Geschichte von dem Wrack. Ich sagte ihm, er müsse gleich rüberfahren mit seiner Fähre, und wichtige Bewohner des Dorfes und Mitglieder meiner Familie retten. In meiner Lügengeschichte waren der Steuermann und die Negerzofe ersoffen und eine wichtige Misses des hiesigen Dorfes würde auf Rettung warten.

Der Fährmann schickte mich in die Dorfkneipe, Hilfe holen. Er selbst würde schon mal losfahren. Ich rannte ums Eck, wartete dort bis die Fähre losdampfte. Ich war stolz auf mich. Nicht jeder hätte so viel für die Verbrecher getan. Die Witwe wäre stolz auf mich.

Es dauerte nicht mehr lange, da kam das Wrack den Fluss heruntergetrieben. Es hatte sich von dem Felsen losgerissen. Ich sah sofort, dass da nicht mehr viel zu machen war. Erst war ich ein bisschen bedrückt, als ich an die Verbrecher dachte. Aber das verging wieder, als ich daran dachte, was für Schufte das gewesen waren.

Der Fährmann fuhr rund um das Wrack und suchte nach den Überresten der vermeintlich wichtigen Dorfbewohner, gab aber bald auf und fuhr zum Ufer zurück. Da ruderte ich mit aller Kraft los und fuhr flussabwärts.

Es kam mir ewig lange vor, bis ich Jims Licht sah. Als es fast schon wieder Tag wurde, erreichte ich Jim. Wir landeten auf einer Insel, versteckten das Floß und versenkten das Boot. Dann legten wir uns hin und schliefen wie die Toten.

Huckleberry als Lehrer

Als wir wach wurden, untersuchten wir das geklaute Zeug von den Kerlen. Wir fanden Stiefel, Decken, Kleider, Bücher, ein Fernglas und drei Kisten mit Zigarren. Wir waren noch nie so reich gewesen. Das Beste waren die Zigarren. Den ganzen Nachmittag lagen wir im Wald und quatschten.

Ich las in den Büchern und später erzählte ich Jim ganz genau, was ich mit dem Fährmann erlebt hatte. Aber Jim sagte nur, er hätte die Nase voll von Abenteuern; er wäre vor Angst fast gestorben. Und wenn man ihn aus dem Fluss gezogen hätte, hätte man ihn zu Miss Watson gebracht, schon wegen der Belohnung, die auf seinen Kopf ausgesetzt war. Und dann hätte man ihn in den Süden verkauft.

Da hatte er Recht, wie meistens. Dann las ich ihm von Königen, Herzögen und Grafen vor. Von Leuten, die feine Manieren haben und sich mit "Eure Majestät" oder "Euer Gnaden" anreden ließen, anstatt einfach nur "Mister". Jim fielen vor Staunen fast die Augen aus.

"Wie viel verdient denn so ein König?", fragte er. Und dann wollte er noch wissen, was so ein König den ganzen Tag zu tun hätte.

"Na, der sitzt nur rum. Vielleicht zieht er auch mal in den Krieg, oder auf die Jagd. Still, Jim. Hast du auch was gehört?" Wir sprangen auf und lauschten. Aber außer den Schaufeln des Dampfers, die das Wasser aufwühlten, war nichts zu hören.

Ich erklärte Jim noch weitere Gepflogenheiten eines Königs. Besonders der Harem interessierte ihn sehr. Nur vom König Salomon wollte er nicht viel wissen. Da sagte er: "Der hat auf die blödeste Art gelebt, die Jim kennt."

Da fing ich an von anderen Königen zu erzählen, weil Jim sich nicht umstimmen lassen wollte. Ich erzählte ihm von Louis XVI., der vor langer Zeit in Frankreich geköpft wurde. Seinen Sohn, den Thronfolger, hatten sie einfach in ein Loch gesperrt. Dort ist er auch gestorben. Obwohl andere Leute sagen, er wäre ausgebrochen und nach Amerika ausgewandert.

"Prima. Aber ist der denn nicht einsam hier?", fragte Jim.

"Weiß nicht. Vielleicht ist er bei der Polizei oder lernt den Leuten Französisch."

Jim wunderte sich, dass es verschiedene Sprachen gibt. Und ich versicherte ihm, dass er kein Wort davon verstehen würde. "Was würdest du sagen, wenn einer käme und zu dir sagen würde: Parlewutzfrangzeise?"

"Den würde Jim verkloppen.", versicherte Jim eifrig.

Ich erklärte ihm, dass es doch nur heißt: Sprechen Sie Französisch?

Wir diskutierten noch eine Weile über den Sinn von verschiedenen Sprachen in anderen Ländern. Jim ließ sich nicht davon abbringen, das alles für ausgemachten Blödsinn zu halten. Ich wollte ihm erklären, dass Hund und Katze auch verschiedene Laute von sich geben. Aber wie gesagt, es hatte keinen Zweck, auch nur noch ein weiteres Wort zu verlieren. Mit einem Neger kann man eben nicht streiten.

Huckleberry neckt Jim

Wir hatten uns überlegt, dass wir in drei Nächten bis nach Cairo kommen würden. Die Stadt liegt am Ende von Illinois, dort mündet der Ohio ein. Dort wollten wir unser Floß verkaufen und in die Nordstaaten trampen, wo es keine Sklaverei gibt.

Aber in der zweiten Nacht kam Nebel auf und wir steuerten auf eine Sandbank zu. Da es sinnlos gewesen wäre, im Nebel weiterzufahren, versuchte ich, das Floß festzumachen. Ich war mit dem Kanu rausgefahren, aber ich fand nichts als ein paar kleine Bäumchen. Die Strömung war so stark, dass das Floß weiter abgetrieben wurde und das kleine Bäumchen, um das ich das Tau geworfen hatte, entwurzelte. Mir wurde angst und bange. Ich sprang ins Kanu und griff nach den Rudern; wollte hinter dem Floß her. Doch ich hatte vergessen, das Kanu loszubinden.

Mit zittrigen Händen versuchte ich, den Knoten aufzupulen. Es dauerte ewig, aber dann ruderte ich mit aller Kraft hinter dem Floß her. An der Sandbank vorbei, schoss ich in eine dicke Nebelsuppe. Ich dachte schon, jetzt ist es aus mit dir. Doch dann beschloss ich, mich einfach treiben zu lassen. Es war ein schreckliches Gefühl, einfach dazusitzen und nichts zu tun. Ich rief manchmal, und von weit weg hörte ich eine Antwort. Ich versuchte, auf die Stelle zu halten, von wo die Antwort gekommen war.

Ich ärgerte mich. Jim, der Idiot, hätte ja auch mal mit der Pfanne Krach machen können. Aber er tat es natürlich nicht. Plötzlich hörte ich ein Rufen. Ich hatte inzwischen völlig die Orientierung verloren. Irgendwann merkte ich, dass die Strömung mein Kanu wieder mit der Spitze stromabwärts gedreht hatte. Dann war vor mir Jim und kein anderer Flößer. Ich hatte ja bisher keine Ahnung, wie schwer es war, im Nebel Stimmen zu erkennen. Alles hörte sich unheimlich an.

Ich hielt mich völlig ruhig und lauschte auf mein Herzklopfen. Dann bemerkte ich, dass die Sandbank gar keine war, sondern eine Insel. Und Jim musste auf der anderen Seite an derselben vorbeigetrieben sein. Ich lauschte, dabei trieb ich mit einer Geschwindigkeit von vier bis fünf Meilen die Stunde stromabwärts. Aber das habe ich gar nicht gemerkt. Der Nebel und die Dunkelheit verzerrten alles.

Schließlich wurde die Fahrt langsamer, aber ich konnte keinen Ruf mehr hören. Ich legte mich ins Kanu und wollte mich nur ausruhen. Aber später bin ich doch eingeschlafen. Als ich aufwachte, war der Nebel weg und die Sterne standen hell am Himmel. Ich trieb mit dem Steuer voran eine Flussbiegung runter. Zuerst wusste ich gar nicht, wo ich war. Bis mir wieder alles einfiel.

Ich guckte flussabwärts und erkannte, dass einer der schwarzen Flecken auf dem Wasser Jim mit dem Floß sein musste. Ich hielt darauf zu. Wie ich rankam, sah ich Jim daliegen. Das ganze Floß war mit Schlamm und Laub bedeckt. Es musste auch allerlei durchgemacht haben. Ich machte fest, legte mich vor Jims Nase auf das Floß und gähnte laut. "He, Jim, hab ich geschlafen? Warum hast du mich nicht geweckt?"

"Großer Gott, bist du es Huck? Du bist nicht tot? Komm, lass dich angucken, lass dich befühlen. Es ist wirklich derselbe alte Huck!"

"Jim, bist du besoffen? Was redest du denn für einen Quatsch?"

"Bist du wirklich nicht weg gewesen? Ehrenwort?"

"Jim, was weg gewesen. Nirgends war ich."

Da erzählte Jim vom Nebel und wie Huck das Floß festtäuen wollte. Doch ich fragte nur: "Nebel? Was für ein Nebel?"

"Ist Jim nicht auf viele Inseln gefahren und hat schreckliche Stunden verbracht? Ist Jim nicht beinahe ertrunken, Huck?"

"Jim, das musst du geträumt haben!"

Jim sah mich ungläubig an. Das konnte nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, die Unsicherheit war ihm anzusehen. Er erzählte haarklein die Erlebnisse der ganzen Nacht und er betrachtete diesen schrecklichen Traum als Zeichen, als Warnung.

Dann zeigte ich ihm den Schlamm auf dem Floß. Jim sah darauf und dann auf mich. In seinem Gehirn sortierten sich die Vorgänge. Als ihm klar wurde, dass es tatsächlich neblig war, wurde er sehr ernst.

Jim erzählte mir, wie er Angst um mich hatte. Dass es ihm fast das Herz gebrochen hätte. Und dass ihm fast die Tränen gekommen wären, als er mich heil und gesund gesehen hatte. "Aber du hast nix anders im Kopf, als dich lustig zu machen über einen Freund!", endete er seinen vorwurfsvollen Vortrag.

Er stand auf und sagte kein Wort mehr. Ich fühlte mich so schlecht und gemein, dass ich am liebsten seine Füße geküsst hätte. Es tat mir so Leid. Ich wünschte, ich könnte das alles ungeschehen machen. Aber ich konnte mich nur schwer dazu entschließen, einen Neger um Verzeihung zu bitten. Aber ich habe es getan und es nie in meinem Leben bereut. Seitdem habe ich ihn nie mehr gefoppt. Hätte ich vorher gewusst, wie traurig es ihn machte, dann hätte ich es nie getan.

Huckleberry und Jim suchen Cairo

Am nächsten Tag schliefen wir und gondelten erst abends wieder los. Wir trieben einen großen Flussbogen runter. Am Nachthimmel kamen Wolken auf und es wurde schwül. An beiden Ufern zogen sich dichte Wälder hin, der Fluss war sehr breit. Wir sprachen über Cairo und fragten uns, ob wir die Stadt überhaupt erkennen würden.

Ich sagte, wir würden es wahrscheinlich nicht erkennen. Es gäbe da nur ein Dutzend Häuser und wenn die nicht anständig beleuchtet wären, würden wir vermutlich daran vorbeifahren.

Jim meinte, er würde es sicher nicht verpassen. Cairo war für ihn ein anderes Wort für Freiheit. Wenn er Cairo verfehlen würde, wäre er bald wieder im Land der Sklaverei. So sprang er alle Augenblicke auf und rief: "Eine Stadt!"

Jim sagte, er würde ganz zittrig, so nahe bei der Freiheit zu sein. Ich selbst bekam ein schlechtes Gewissen. Ich war dabei, einem Neger zur Freiheit zu verhelfen. Ja klar, ich hätte nur an Land gehen müssen und alles erzählen. Aber was wäre dann aus Jim geworden. Dann überlegte ich mir, was Miss Watson mir getan hat, dass ich zusehe, wie ihr Neger fortläuft.

Ich fühlte mich erbärmlich und wünschte, ich wäre tot. Ich lief auf dem Floß hin und her, klagte mich an. Jim lief mit. Keiner von uns fand mehr Ruhe. Ab und zu rief er: "Das ist Cairo!" Und ich machte mir bittere Vorwürfe.

Jim machte Pläne. Als erstes wollte er Geld sparen, um seine Frau freizukaufen. Auch seine Kinder wollte er freikaufen. Falls die weißen Herren sie nicht rausrückten, dann wollten sie einen Weißen aus dem Norden bitten, sie zu stehlen.

Mir wurde heiß und kalt. Jim hatte nie zuvor gewagt, so zu reden. Mir kam das Sprichwort in den Sinn: "Gib einem Neger den kleinen Finger und er wird den ganzen Arm nehmen!"

Ich war ganz traurig, dass Jim so einen Blödsinn quatschte. Mein Gewissen plagte mich schlimmer als je zuvor. Ich könnte ja noch ans Ufer fahren und alles erzählen, überlegte ich. Endlich zeigte sich ein Licht und Jim jauchzte: "Cairo, das ist Cairo!"

"Ich will doch erst mal mit dem Boot rüberfahren, vielleicht stimmt es gar nicht.", schlug ich vor.

Jim sprang auf und machte das Kanu fertig. Als ich abstieß sagte er, dass er nun bald in Freiheit wäre. "Huck, du bist der beste Freund, den Jim in seinem Leben je gehabt hat." Nun fühlte ich mich endgültig miserabel. Jim rief mir nach: "Du bist der einzige weiße Mann, der seine Versprechen gehalten hat."

In dem Augenblick kam ein Boot mit zwei Männern drin. Sie hatten Flinten und wollten wissen, was auf dem Floß wäre. Sie suchten fünf Neger, die ausgerissen waren. "Ist der Kerl auf dem Floß weiß oder schwarz?"

Erst versagte mir die Stimme. Endlich brachte ich raus: "Er ist weiß!"

Sie wollten selbst nachsehen. Dann erklärte ich, dass es sehr praktisch wäre. Sie könnten mir helfen, meinen kranken Vater und die anderen Passagiere an Land zu bringen. Die Männer wollten gerade losfahren, da fragten sie, welche Krankheit mein Alter denn hätte. Ich stammelte, dass es nichts Wichtiges wäre. "Ich bin euch so dankbar. Alle die ich bisher gebeten habe, sind einfach weitergefahren." Das machte die Männer misstrauisch. "Sag die Wahrheit, Junge. Was hat dein Vater?"

"Halt John, zurück. Wahrscheinlich hat sein Alter die Blattern. Bleib uns bloß vom Leib! Armer Teufel - aber wir haben keine Lust, die Blattern zu kriegen!" Sein schlechtes Gewissen veranlasste ihn, mir zwanzig Dollar auf eine Planke zu legen, die ich mir beim vorbeitreiben wegnehmen sollte. Der zweite Mann legte auch noch einen Zwanziger dazu.

Sie ruderten davon und ich machte wieder am Floß fest. Aber Jim war nicht da. Er hing im Fluss und hielt sich unten am Steuer fest. Er sah nur mit der Nasenspitze zum Wasser raus. Erst als er sicher war, dass die Männer weg waren, kam er wieder an Bord.

Jim dankte mir überschwänglich und nannte mich seinen Liebling. Dann redeten wir von dem Geld. Er meinte, ich hätte die Männer ganz schön an der Nase rumgeführt. Jim meinte, bis Cairo wären es noch höchstens zwanzig Meilen mit dem Floß. Bei Tagesanbruch machten wir fest und versteckten das Floß. Dann packte Jim den ganzen Tag unseren Kram. Nochmals eine Nacht fuhren wir flussabwärts und mit der Zeit überlegten wir, ob wir schon vor einigen Nächten an Cairo vorbeigefahren wären.

Jim wurde trübselig. "Armer Neger hat kein Glück. Jim fürchtet immer, dass die Sache mit der Schlangenhaut noch nicht erledigt ist."

"Jim, ich wollt, ich hätte die Schlangenhaut nie gesehen!" Zum Glück war Jim klar, dass ich das ja nicht wissen konnte.

Als es hell war, sahen wir ganz deutlich das klare Wasser vom Ohio. In der Mitte war noch dass dreckig-gelbe Wasser des Mississippis. Also waren wir an Cairo vorbeigefahren. Der einzige Ausweg war, auf die Dunkelheit zu warten und dann im Kanu zurückzufahren. Wir legten uns ins Baumwollgestrüpp und schliefen den ganzen Tag. Als wir zum Fluss zurückkamen war das Kanu weg.

Zuerst sagten wir kein Wort. Wir wussten, dass das auch noch mit der Schlangenhaut zusammenhing. Dann sprachen wir aber doch darüber, was am besten zu tun wäre. Wir fanden keinen anderen Weg, als mit dem Floß weiterzutreiben, bis wir uns irgendwo ein Kanu kaufen könnten. Wir stießen also nach Einbruch der Dunkelheit mit dem Floß ab.

Falls jetzt noch einer nicht glaubt, dass es reiner Selbstmord ist, wenn man eine Schlangenhaut anfasst… dann soll er weiterlesen.

Wir fanden nirgends eine Stelle am Ufer, an der man ein Kanu kaufen konnte. Wir fuhren weiter, man kann die Entfernungen nur schwer schätzen. Später kam ein Dampfer flussaufwärts. Normalerweise hielten sie sich mehr am Ufer. Aber in so einer dunklen Nacht fahren sie mitten in der Fahrrinne gegen den Strom. Wir hörten den Dampfer keuchen. Er hielt direkt auf uns zu. Das machen sie oft so, um zu zeigen, wie gut sie ausweichen können. Und nach dem Schreck steckt der Steuermann dann seinen Kopf raus, lacht und fühlt sich wie ein Held. Also der Dampfer kam näher und wir dachten, das wäre wieder einmal so ein Spaßvogel.

Aber er war wie ein mächtiges Vieh, er fuhr mit voller Geschwindigkeit. Die Glocken schrillten, man schrie uns was zu, ein grässliches Durcheinander vermischte sich mit dem Pfeifen des Dampfers. Jim sprang auf der einen Seite ins Wasser und ich auf der anderen. Dann fuhr der Dampfer krachend auf unser Floß.

Ich versuchte möglichst tief unten zu bleiben, weil doch das Schaufelrad eines Dampfers so riesig ist. Als ich wieder auftauchte, wurde ich von der Strömung mitgerissen und der Dampfer setzte seine Maschinen wieder in Gang. Ich rief verzweifelt nach Jim. Dann packte ich eine Planke und schwamm aufs Ufer zu. Die Strömung ging nach dem linken Ufer zu. Ich ließ mich treiben und hoffte, dass Jim genauso schlau ist und nicht mit aller Gewalt ans rechte Ufer geschwommen ist.

Es dauerte eine Weile, bis ich an Land kam. Ich kletterte ans Ufer und machte mich auf den Weg. Länger als eine Viertelstunde musste ich auf ziemlich steinigem Boden vorwärtstappen. Ich konnte den Weg immer nur ein kleines Stück übersehen, deshalb bemerkte ich sehr spät, dass ich bei einem großen altmodischen Blockhaus angekommen war. Ein Rudel Hunde stellte mich, bellte mich an. Da gab es nichts Klügeres, als sich nicht zu rühren.

Huckleberry schläft in einem Bett

Nach einer halben Minute rief jemand, ohne den Kopf aus dem Fenster zu stecken: "Ruhe, wer ist denn da?!"

"Ich bin es. Ich will nichts, Herr. Ich will bloß vorbei, aber die Hunde lassen mich nicht."

"Was machst du hier zu nachtschlafender Zeit?", fragte die mürrische Stimme.

"Ich strolche nicht rum. Ich bin vom Dampfer gefallen."

Da ging das Licht an und jemand fragte: "Wie heißt du?"

"George Jackson, Herr."

Ich hörte, wie die Leute im Haus hin und her liefen. Sie wollten wissen, ob ich alleine wäre, holten ihre Flinten. Dann fragte der Mann: "George, kennst du die Shepherdsons?"

Natürlich kannte ich die nicht und sagte das auch. Die Leute in dem Haus waren sehr vorsichtig und hatten Angst, dass ich noch jemanden dabei hätte. Inzwischen waren die Hunde still. Mir wurde gesagt, ich solle langsam zum Haus kommen. Ich legte meine Hand gegen die Tür, stieß sie langsam auf, bis jemand sagte: "Steck deinen Kopf rein!" Das tat ich und hoffte, dass mir niemand den Kopf abreißen würde.

Auf dem Fußboden stand eine Kerze und die ganze Gesellschaft guckte mich an. Ich guckte zurück. Drei große Männer zielten mit ihren Flinten auf mich. Der Älteste war um die Sechzig und die anderen beiden so um die Dreißig. Dabei saßen noch eine reizende, grauhaarige Frau und hinter ihr zwei junge Frauen. Als der ältere Mann alles in Ordnung befunden hatte, durfte ich endgültig eintreten. Ich war kaum drin, da schloss er zügig die Tür wieder ab.

Alle gingen ins Wohnzimmer, ich auch. Der alte Mann hielt mir die Kerze vors Gesicht und alle sagten: "Nein, der ist kein Shepherdson." Dann durchsuchten sie mich nach Waffen, waren aber sehr freundlich zu mir. Und dann sagte er, es wäre alles in Ordnung, ich solle mich wie zu Hause fühlen. Außerdem sollte ich allen meine Geschichte erzählen.

Ich bekam trockene Kleider von Buck. Der war ungefähr gleich alt wie ich. Außerdem holte mir Betsy, die Negerfrau, was zu essen. Ich ging mit Buck ins Zimmer, er gab mir ein grobes Hemd und eine Jacke und eine Hose von sich. Dabei quasselte er ständig. Er freute sich, dass in der schulfreien Zeit endlich mal was los war.

Als wir wieder runter gingen, hatten sie kalten Maispudding, Pökelfleisch, Butter und Buttermilch für mich zurechtgestellt. Was Besseres hatte ich lange nicht gegessen. Buck, seine Mutter und die anderen rauchten Maiskolbenpfeifen, redeten und ich aß und redete mit. Jeder wollte was von mir wissen und ich erzählte wieder einmal, dass ich Vollwaise wäre, aus Arkansas und dort von einer kleinen Farm käme.

Sie sagten, ich könnte hier ein Heim finden, wenn ich wollte. Inzwischen war es fast Tag geworden und wir gingen alle zu Bett. Ich ging mit Buck. Als ich am Morgen aufwachte, hatte ich doch tatsächlich meinen Namen vergessen. Ich grübelte, mehr als eine Stunde. Als Buck aufwachte, sagte ich: "Wetten, dass du meinen Namen nicht buchstabieren kannst?"

Verschlafen murmelte er: "G-e-o-r-g-e J-a-c-k-s-o-n! Na, was sagst du dazu?"

Ich lobte ihn und sagte, dass ich wirklich nicht gedacht hätte, dass er es kann. Heimlich schrieb ich ihn auf, damit ich ihn in Zukunft parat hatte.

Das war wirklich eine nette Familie in einem feinen, stilvollen Haus. Überall Messingknöpfe an den Türen, ganz wie bei den Häusern in der Stadt. In der Stube war nicht mal ein Bett zu sehen und überall standen hübsche Gegenstände rum, Uhren, die laut tickten. Auf dem Tisch lagen Bücher, an den Wänden hingen Bilder und überall auf dem Boden lagen Teppiche und das ganze Haus war von außen gekalkt.

Es war ein Doppelhaus und der Hof war überdacht und gedielt. Manchmal wurde im Hof zu Mittag gegessen. Dort war es kühl. Es konnte einfach nichts Schöneres geben und das Essen war immer gut und reichlich!

Huckleberry brennt durch

Oberst Grangerford war ein Gentleman, vom Scheitel bis zur Sohle. Jeden Morgen rasierte er sich. Seine Haut war sehr bleich. Er hatte die dünnsten Lippen, die man sich vorstellen kann und ganz kleine Nasenlöcher, eine starke Nase und buschige Augenbrauen. Seine Augen lagen so tief, dass es aussah, als wenn sie einen aus Höhlen anguckten. Überhaupt war er eine imponierende Erscheinung. Außerdem benahm er sich gut und jeder hatte ihn gerne um sich; schon wegen seiner guten Laune.

Der Tagesablauf war sehr steif und wohlerzogen. Das respektvolle Miteinander stellte die Sitten der Witwe noch in den Schatten. Jeder von der Familie hatte seinen Neger zur Bedienung, sogar Buck. Mein Neger hatte eine schöne Zeit, weil ich es nicht gewohnt war, was für mich machen zu lassen. Aber der von Buck war den ganzen Tag auf den Beinen.

Dem alten Herrn gehörten einige Farmen und über hundert Neger. Es kam Besuch, manchmal für mehrere Tage und dann gab es großes Essen und Picknicks oder Tanzereien und Bälle. Diese Leute waren meistens Verwandte von der Familie. Die Männer brachten immer ihre Flinten mit. Alles feine Leute.

In der Gegend lebte noch eine andere aristokratische Sippe. Die Shepherdsons bestanden aus fünf oder sechs Familien. Sie waren ebenso vornehm und reich wie die Grangerfords. Sie benutzten dieselbe Dampferhaltestelle und wenn ich manchmal dorthin kam, dann war da fast immer ein Haufen von den Shepherdsons auf ihren schönen Pferden.

Einmal waren Buck und ich im Gebüsch, als der junge Harney Shepherdson vorbeigaloppierte. Da hörte ich Bucks Flinte dicht an meinem Ohr losgehen und Harneys Hut fiel runter. Er griff nach seiner Flinte und ritt in unsere Richtung. Aber wir warteten nicht, wir rannten in den Wald rein. Als ich zurückblickte, sah ich Harney zweimal auf Buck anlegen, aber er schoss nicht. Zuhause waren alle sehr stolz auf den Sohn. Nur Miss Sophia wurde blass, doch die Farbe kam wieder, als sie hörte, dass der junge Mann nicht verletzt worden war.

Buck erklärte mir, dass es sich hier um eine alte Familienfehde geht. Er wüsste zwar nicht genau, was für ein Streit dem Ganzen voranging. Sein Vater wüsste es bestimmt. Aber die Kämpfe, die dauerten schon ewig und es gab immer wieder Verletzte. In diesem Jahr gab es sogar schon auf jeder Seite einen Toten.

Am Sonntag ritten wir drei Meilen weit zur Kirche. Es war so langweilig, wie ich es von der Witwe und St. Petersburg gewohnt war. Nach dem Essen döste alles rum. Ich ging rauf in unser Zimmer und wollte auch ein Nickerchen machen. Da stand die liebliche Miss Sophia vor ihrer Zimmertür.

Sie nahm mich mit rein und bat mich, in der Kirche ihr Neues Testament zu holen. Sie hätte es zwischen zwei anderen Büchern liegen gelassen, erklärte sie aufgeregt. Ich sagte ja. Dann schlich ich raus auf die Straße. Mich überkam zwar das Gefühl, dass hier irgendetwas nicht stimmen konnte, aber trotzdem ging ich in die Kirche.

Als ich das Buch anstieß, fiel ein Stück Papier raus, auf dem geschrieben stand: "Halb drei." Wieder zurück, stand Miss Sophia bereits da und zog mich in ihr Zimmer. Dort blätterte sie das Neue Testament durch, bis sie den Zettel fand. Sie sah ganz glücklich aus, als sie ihn las und drückte mich ganz fest an sich und sagte, ich wäre der beste Junge der Welt. Aber ich dürfte Niemandem davon erzählen.

Ich ging runter zum Fluss und dachte über die Geschichte nach. Bald merkte ich, dass mir mein Neger nachkam. Als uns keiner mehr sehen konnte, kam er zu mir gelaufen.

"Master George, wenn sie mit mir ins Moor kommen wollen, will ich Ihnen einen Haufen Wasserschlangen zeigen."

Das kam mir komisch vor. Er hatte es mir gestern schon gesagt, aber ich mag Schlangen gar nicht so gerne. Was hat er bloß vor. Ich folgte ihm eine halbe Meile, dann bog er ins Moor ein. Wir gingen durch Schlamm und unter wilden Büschen durch. Auf einmal hielt er an einer Stelle, sagte ich solle rumgucken. Er hätte sie schon gesehen. Dann drehte er sich um und ging weg.

Ich stöberte eine Weile an der Stelle rum und kam schließlich an ein kleines offenes Fleckchen. Da sah ich einen Mann auf der Erde schlafen, und beim Himmel: Es war mein alter Jim!

Ich weckte ihn und dachte, es wäre für ihn eine große Überraschung. Aber er war in der Nacht, als wir mit dem Dampfer zusammengestoßen waren, hinter mir hergeschwommen und hätte mich auch immer rufen hören. Nur antworten wollte er nicht, weil er Angst davor hatte, wieder in die Sklaverei geschleppt zu werden. Die Neger aus dem Haus hätten ihn auf dem Laufenden gehalten und jeden Tag etwas zu essen gebracht.

Inzwischen, so erzählte Jim, hätte er Töpfe, Pfannen und Lebensmittel gekauft und das alte Floß geflickt. Das war zwar ziemlich kaputt, aber es war noch zu retten.

Am nächsten Tag, als ich aufwachte, war Buck schon aufgestanden. Es war unnatürlich still im Haus. Als ich Jack traf, erzählte er mir, dass Miss Sophia einfach weggelaufen sei, durchgebrannt. Sie wolle den jungen Harney Shepherdson heiraten, so heißt es.

Alles was Beine hatte machte sich mit Flinten auf den Weg. Beide Parteien kämpften bitter und wollten sich nichts nachsagen lassen. Doch trotz der Verluste auf beiden Seiten konnten Miss Sophia und der junge Harney über den Fluss entkommen. Das stimmte mich froh.

Ich saß am Ufer auf einem Baum und beobachtete die erbitterte Schlacht. Mir wurde so übel, dass ich mir wünschte, ich wäre nie zum Ufer gekommen. Am Ende war ich Zeuge, wie Buck und sein Mitstreiter getötet wurden. Als ich Bucks Gesicht zudeckte, weinte ich. Er war immer so gut zu mir gewesen.

Inzwischen war es dunkel geworden. Ich machte einen Bogen um das Haus und suchte nach Jim. Ich rannte zum Ufer und auf dem Floß drückte mich Jim an sich, so freute er sich, dass ich wieder da war.

Sie werden sicher denken, dass ich tot bin, sagte ich zu Jim. Sie werden mich bestimmt nicht suchen. Also los, Jim, rasch in die Strömung, so schnell wie du kannst.

Erst als das Floß zwei Meilen weit getrieben war und wieder mitten im Mississippi schwamm, wurde mir leichter ums Herz. Wir hängten unsere Signallaterne auf, denn wir hielten uns für frei und völlig in Sicherheit. Seit gestern hatte ich nichts mehr gegessen. Also holte Jim ein paar Maiskuchen, Schweinefleisch, Kohl und Buttermilch raus. Wir schwatzten und ließen es uns wohl sein.

Ich war heilfroh, dass wir der Fehde entwischt waren und Jim war ebenso froh, aus dem Moor entkommen zu sein. Überall auf der Welt ist es voll und drückend. Aber auf einem Floß fühlt man sich herrlich frei und behaglich.

Huckleberrys adelige Reisebekanntschaft

Einige Tage und Nächte gingen vorbei. Der Fluss war ungeheuer breit hier, floss aber sanft und lieblich. Des Nachts fuhren wir; bei Tag machten wir fest und versteckten uns.

Es war ein stilles, wunderbares Leben. Eines Morgens fand ich ein Kanu und ruderte rüber zur Küste. Ich ruderte vielleicht eine Meile auf einem Nebenfluss, um irgendwo Beeren zu suchen. Da sah ich ein paar Männer, die so schnell wie möglich am Ufer lang liefen. Ich dachte schon, ich wäre geliefert. Die Angst, dass ich verfolgt würde war immer da. Ich wollte mich aus dem Staub machen, aber sie waren schon zu nah und baten mich, ihr Leben zu retten. Sie hätten nichts verbrochen, würden aber verfolgt. Männer mit Hunden wären hinter ihnen her.

Ich rief ihnen zu, dass sie noch ein wenig laufen sollten, bis zu einer flacheren Stelle, damit sie durchs Wasser waten könnten, bevor sie ins Kanu stiegen. So würden die Hunde die Spur verlieren.

Sobald sie ins Kanu geklettert waren, holte ich aus und fuhr auf die Sandbank zu, wo wir mit dem Floß festgemacht hatten. Da hörten wir auch schon die Hunde bellen. Wir kamen inzwischen immer weiter und hörten kaum noch die Stimmen der Männer. Im Baumwollgestrüpp versteckten wir uns.

Einer der Männer war ungefähr siebzig und hatte einen Glatzkopf, dafür aber einen Schnurbart. Er war in Lumpen gekleidet. Der andere war so an die Dreißig und normal angezogen. Beide trugen dicke, speckige Reisetaschen.

Nach dem Frühstück erzählten wir uns was, und da kam raus, dass die beiden Männer sich gar nicht kannten. Jeder wurde wegen was anderem von den Männern der Stadt verfolgt. Der Alte war Buchdrucker von Beruf, behauptete, außerdem Schauspieler, Wahrsager, Sänger und auch Verkäufer von Arzneimitteln zu sein. Und der andere sah sich als wandernder Mediziner, Handaufleger oder Prediger.

Für eine Weile sagte keiner was. Dann seufzte der junge Mann und behauptete, er sei eigentlich ein richtiger Herzog. Sein Urgroßvater, der älteste Sohn des Herzogs von Bridgewater, sei vor langer Zeit in dieses Land geflüchtet, um reine Luft der Freiheit schnuppern zu können. Und nun sei er verfolgt von der Menschheit, herausgerissen aus seiner hohen Stellung, verachtet von der schnöden Welt, auf diesem Floß bei Landstreichern gelandet.

Jim bemitleidete ihn sehr; ich auch. Wir trösteten ihn und fragten, was wir für ihn tun könnten, dass es ihm wieder besser ginge. Er meinte, wir müssten uns vor ihm verbeugen und ihn mit Euer Gnaden oder Mylord ansprechen; oder einfach nur Bridgewater. Außerdem sollten wir ihn bei Tisch bedienen und ihm Handreichungen machen.

Das war alles einfach und wir taten es. Der alte Mann dagegen wurde immer stiller. Er sah nicht gerade vergnüglich dem Getue zu, das um den Herzog gemacht wurde. Im Laufe des Nachmittags sagte er: "Hör mal, Bridgewater. Du magst zwar arm dran sein, aber du bist nicht der einzige Mensch auf der Welt, der solchen Kummer hat. Auch ich bin von Adel."

Jim und ich starrten die beiden an. Als der Alte dann erklärte, er wäre der letzte französische Thronfolger, waren wir total entgeistert. Er behauptete allen Ernstes, er wäre der arme verschwundene Thronfolger, der Sohn von Louis XVI. und Marie Antoinette. Er sei Ludwig der Siebzehnte!

Sie diskutierten eine Weile, ob der Wahrheit dieser Aussagen. Jim und ich wussten wirklich nicht, was wir jetzt machen sollten. Der Alte heulte und regte sich schrecklich auf. So bemühten wir uns um ihn ebenso wie zuvor um den Herzog. Wir bedienten nun auch ihn und redeten ihn mit Eure Majestät an und setzten uns erst, als er es uns erlaubte. Das tat ihm wohl und er wurde wieder fröhlich und gemütlich. Nur der Herzog schien etwas verstimmt.

Doch im Laufe des Tages versöhnten sich die beiden "Adeligen". Sie erkannten, dass sie noch eine ganze Weile auf dem Floß verbringen mussten. Jim und ich, wir waren froh, dass nun die Ungemütlichkeit wie weggeblasen war. Eine Feindschaft an Bord von einem Floß wäre nicht gerade angenehm.

Es dauerte nicht lange, bis mir klar wurde, dass die beiden weder Herzog noch König waren sondern schnöde Schwindler. Aber ich sagte nichts, sondern behielt meine Weisheit für mich. Das ist immer das Beste. So gibt es keinen Streit und keine Unannehmlichkeiten. Und wenn es ihnen Spaß machte, sich König und Herzog nennen zu lassen, so hatte ich nichts dagegen. Dadurch war Ruhe auf dem Floß.

Huckleberrys unruhige Gäste

Die beiden fragten uns die Seele aus dem Leib. Sie wollten unsere ganze Geschichte hören. Vor allem interessierten sie sich dafür, ob Jim vielleicht ein weggelaufener Neger wäre. "Meine Güte, wird ein Neger freiwillig nach Süden fliehen?", fragte ich sie.

Dann erzählte ich wieder meine Geschichte vom Waisenjungen, der auf der Floßfahrt in Richtung New Orleans sein ganzes Hab und Gut verloren hatte. Nur Jim, unser eigener Neger, der hätte mit mir überlebt. Und weil die Leute alle meinten, er wäre weggelaufen, deshalb würden wir nur nachts fahren.

Der Herzog wollte sich überlegen, wie man es anstellen könnte, auch den Tag zur Fahrt nutzen zu können. Am Abend bewölkte sich der Himmel, man konnte sehen, dass es eine schlimme Nacht werden würde. Der Herzog und der König begutachteten unsere Betten. Ich hatte einen Strohsack zum Schlafen und Jim einen Sack mit Maisblättern, in dem auch noch einige Maiskolben dafür sorgten, dass es ihm nicht zu bequem wurde.

Die Herren einigten sich gemäß der Rangordnung. Als es dunkel genug war, stießen wir ab. Der König gab uns noch gute Ratschläge. Nach einer Weile sahen wir die Lichter einer Stadt. Als wir sie eine dreiviertel Meile hinter uns gelassen hatten, zündeten wir unsere Signallaterne an.

Ungefähr um zehn fing es an zu regnen. Der König hielt uns an, Wache zu halten, bis das Wetter besser wäre. Er und der Herzog zogen sich in unsere Hütte zurück. Erst hielt ich Wache bis zwölf Uhr, dann sollte Jim weitermachen. Aber selbst wenn ich ein Bett gehabt hätte, wäre ich nicht schlafen gegangen. So einen Sturm erlebt man nicht alle Tage.

Ich hielt den Rest der Nacht auch noch Wache und schickte Jim in die Hütte, er sollte auf dem Fußboden schlafen. Als der Morgen dämmerte, weckte ich ihn und wir steuerten gemeinsam unser Floß in ein Versteck.

Am nächsten Morgen spielten der Herzog und der König ein wenig Karten, bevor sie aus Langeweile einen Schlachtplan entwarfen. Aus ihren Reisetaschen zauberten sie allerlei Utensilien, die sie für ihre verschiedenen "Berufe" brauchten. Sie überlegten, ob sie predigen sollten, zaubern oder vielleicht die Balkonszene von "Romeo und Julia" aufführen sollten. So fantasierten sie eine Weile.

Drei Meilen flussabwärts lag ein kleines Nest. Nach dem Mittagessen sagte der Herzog, er hätte einen Weg gefunden, wie wir auch am Tag fahren könnten, ohne dass es für Jim gefährlich werden könnte. Er wolle gleich in das Nest rüberfahren und alles Nötige vorbereiten. Der König sollte mit. Jim meinte, ich sollte auch mit, weil wir keinen Kaffee mehr hätten.

Als wir bei dem Städtchen landeten, war alles wie ausgestorben. Ein Neger, der sich in einem Hof sonnte, der sagte, dass alle die nicht zu jung oder zu krank oder zu alt waren, die wären zur Versammlung in den Wald rausgepilgert. Der König ließ sich den Weg zeigen, denn er wollte hin.

Der Herzog wollte erst eine Druckerei suchen. Wir stöberten bald eine auf und da der Inhaber scheinbar auch bei der Versammlung war, zog der Herzog sofort seine Jacke aus. Er war endlich wieder einmal voll in seinem Element. Da ging ich mit dem König zur Versammlung.

Nach einer halben Stunde, wir waren völlig durchgeschwitzt, kamen wir an. Ungefähr tausend Menschen waren zusammengekommen. Es gab Zelte, wo man Limonade, Pfefferkuchen und Puffreis kaufen konnte. In manchen Zelten wurden Predigten abgehalten.

In einem lasen sie eine Hymne vor und die Menge sang mit oder wiederholte die Worte. Sie hielten die Bibel hoch und schwenkten sie hin und her. Die Leute schrieen und heulten. Plötzlich war der König vorn! Er überschrie sie alle. Der Prediger bat ihn, zum Volk zu sprechen. Das ließ sich der König nicht zweimal sagen und am Ende waren die Menschen so ergriffen, dass sie eine Kollekte für ihn veranstalteten.

So ging der König mit seinem Hut durch die Reihen, trocknete sich dabei die Tränen im Gesicht, segnete die Menschen und dankte ihnen dafür, dass sie so gut wären. Mädchen standen auf und küssten ihn. Fremde Leute luden ihn ein, eine Woche bei ihnen zu wohnen. Aber er lehnte ab.

Als wir wieder zum Floß zurückruderten, zählte er das Geld. Es waren siebenundachtzig Dollar und fünfundsiebzig Cent. Außerdem hatte er noch einen Drei-Gallonen-Krug mit Whisky mitgehen lassen. Der König sagte, dass er an einem Missionstag noch nie so viel eingenommen hätte.

Der Herzog hatte gedacht, er hätte auch nicht übel gearbeitet. Aber als der König von seinem Coup erzählt, wurde er ganz klein. Er hatte zwei kleine Aufträge für Farmer ausgeführt und vier Dollar dafür eingesteckt. Und noch viele andere Aufträge und Verkäufe brachten ihm insgesamt neun Dollar und fünfzig Cent ein.

Dann zeigte er noch die Arbeit, die er gemacht hatte, ohne etwas dafür zu verlangen. Es war das Bild von einem weggelaufenen Neger, der einen Stock mit einem Bündel dran über der Schulter hatte. Drunter Stand: 200 Dollar Belohnung, dann kam eine Beschreibung von Jim. Da stand, er wäre vierzig Meilen südlich von New Orleans ausgerissen und wäre wahrscheinlich in den Norden gegangen. Wer ihn seinem Besitzer wieder bringen würde, der kriegte die Belohnung und die Unkosten dazu ersetzt.

"Jetzt können wir auch am Tag fahren.", sagte der Herzog stolz. "Wenn wir jemanden sehen, der an Bord kommen will, binden wir Jim mit einem Seil fest und zeigen den Handzettel. Dann sagen wir, wir wären auf der Fahrt zu seinem Besitzer."

Sie sagten alle, dass der Herzog ein ganz schlauer Mann wäre. Wir überlegten, dass wir in der kommenden Nacht weit raus kommen sollten. Wir legten uns aufs Floß und verhielten uns ruhig bis zehn Uhr. Dann legten wir ab.

Als Jim mich morgens um vier für die nächste Wache weckte, sagte er: "Huck, glaubst du, dass uns noch mehr Könige über den Weg laufen werden?"

Ich verneinte. "Dann ist es gut", meinte er. "Jim macht sich nämlich nichts aus Königen. Die zwei reichen. Den wir hier haben, der ist fürchterlich besoffen und der Herzog auch."

Später erfuhr ich, dass Jim versucht hatte, den König zum Französischsprechen zu kriegen. Aber der hatte gesagt, er wäre schon so lange aus Frankreich weg, dass er seine Muttersprache völlig vergessen hätte.

Huckleberry und das Stadtleben

Das Frühstück war kaum vorbei, da setzte sich der König auf eine Ecke vom Floß und machte es sich bequem. Er rauchte und lernte dabei "Romeo und Julia". Als er seine Rolle einigermaßen intus hatte, übte er mit dem Herzog zusammen. Es dauerte, aber nach einer guten Weile, ging es schon ganz gut. Der Herzog meinte nur, der König dürfte das "Romeo" nicht brüllen wie ein Stier. Er müsse es leidend und weich, gar schwärmerisch sagen.

Dann holten sie ein paar lange Schwerter, die der Herzog aus Latten gemacht hatte, und fingen an, den Schwertkampf einzuüben. Als der König ausrutschte und über Bord fiel, machten sie eine Pause und erzählten sich allerlei Abenteuer.

Sie übten später weiter. Für eine eventuelle Zugabe probierten sie noch den Hamlet. König und Herzog waren in ihrem Spielfieber kaum zu bremsen. Als sich die erste Gelegenheit für eine Vorstellung bot, ließ der Herzog mehrere Anschlagzettel drucken. Die nächsten Tage ging es auf unserem Floß turbulent zu. Die beiden übten sehr lebhaft.

In der nächsten Stadt legten wir an. Alle außer Jim machten sich auf den Weg, um zu sehen, ob sich hier wirklich eine Möglichkeit zu einer Vorstellung bot. Der Zirkus wollte noch am Nachmittag fort. Deshalb könnte unsere Vorstellung am Abend einen ziemlichen Erfolg haben. Der Herzog mietete das Gerichtsgebäude und wir machten uns auf die Socken und klebten die Zettel an.

Dann bummelten wir durch die Stadt. Die Läden und Häuser waren fast lauter alte wacklige Fachwerkbauten. Sie standen drei oder vier Fuß über der Erde auf Pfählen, damit sie bei Überschwemmungen vor dem Wasser sicher waren. Die Gärten waren ungepflegt.

Die Leute in den Straßen waren gewöhnlich, fluchten viel. An jeder Hausecke lehnte mindestens ein Bummler, der jemanden um ein Stück Kautabak anbettelte. Ich sah drei Raufereien und es wurde ziemlich viel Schnaps getrunken.

"Da kommt der alte Boggs!", hörte ich jemand rufen. "Der kommt, um sich seinen monatlichen Rausch zu holen."

Die Bummler machten fröhliche Gesichter und fragten sich, wen der Boggs wohl heute verprügeln wolle. Der alte Boggs raste auf seinem Pferd ran und schrie: "Macht die Straße frei, ich bin auf Kriegspfad! Heute steigen die Preise für Särge!"

Er war bereits betrunken und schwankte im Sattel hin und her. Er war mindestens über fünfzig Jahre und hatte ein rotes Gesicht. Die Leute pöbelten ihn an. Der alte Boggs kam auf mich zu und fragte: "Wo kommst du her, Kleiner? Willst du sterben?"

Dann ritt er weiter. Ein Mann sagte zu mir, dass ich keine Angst haben müsse. Er wäre der gutmütigste Narr im ganzen Land und hätte noch keiner Menschenseele was zuleide getan.

Doch Boggs ritt weiter, bis vor den größten Laden der Stadt. Dort schrie er nach einem Mann namens "Sherburn" und pöbelte ihn an. Sherburn kam heraus; ruhig und langsam und sagte: "Jetzt hab ich es satt. Wenn du nach eins heute Mittag noch einmal dein Maul gegen mich aufreißt, mach ich dich fertig!" Damit drehte er sich um und ging wieder hinein.

Die Leute waren ganz nüchtern geworden. Niemand wagte, sich zu rühren. Auch lachte kein Mensch mehr. Alle wollten Boggs helfen, hielten ihn zurück, sagten ihm, es wäre doch kurz vor eins. Schließlich sagte einer: "Holt seine Tochter! Auf sie hört er manchmal!"

Doch das Unglück nahm seinen Lauf. Boggs wollte den Mund nicht halten, Sherburn zielte auf ihn. Boggs rief noch: "Um Gottes willen, nicht schießen!" Doch der ersten Schuss ging los und Boggs taumelte zurück. Der zweite Schuss - und Boggs fiel zu Boden. Das junge Mädchen stürzte über ihn und schrie: "Er hat ihn getötet!"

Die Menge bildete einen Kreis, alle gafften. Sie legten dem alten Boggs eine Bibel unter den Kopf und eine aufgeklappte auf die Brust. Ein paar Mal hob und senkte sich diese noch. Dann war er tot. Das Mädchen war etwa sechzehn Jahre alt und sah sehr hübsch aus. Jetzt war sie blass und wirkte ängstlich.

Die Menschen waren alle aufgeregt. Jeder der die Schießerei mit angesehen hatte, erzählte, wie sich die Geschichte zugetragen hatte. Sie waren sich einig, dass man Sherburn lynchen müsse. Sie zogen mit lautem Geschrei los, um ihn zu erhängen.

Huckleberry und die erste Vorstellung

Sie stürmten die Straße entlang zum Haus von Sherburn. Wer sich nicht aus dem Weg machte, wurde überrannt. Es war schrecklich. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Fast in jedem Baum saß ein Negerjunge, hinter den Zäunen guckten Neger und Negerinnen; Frauen und Mädchen weinten und waren zu Tode erschrocken.

Die erste Reihe rollte wie eine Woge in den Hof. Da trat Sherburn auf das Dach von dem kleinen Vorbau. Er sagte kein Wort, hatte nur eine doppelläufige Flinte in der Hand. Das Gepolter hörte auf. Die Stille war schrecklich ungemütlich und die Leute versuchten, Sherburns Blick standzuhalten.

Aber keine brachte es fertig. Alle schlugen die Augen nieder und sahen ziemlich bedeppert aus. Da lachte Sherburn. Es war ein unangenehmes Lachen. Und er sagte langsam und voller Verachtung: "Als wenn ihr einen wirklichen Mann lynchen könntet! Ich kenn euch ganz genau. Durchschnittskerle sind feige. Eure Zeitungen haben euch so lange ein tapferes Volk genannt, bis ihr es geglaubt habt. Aber das ist auch alles. Euer Fehler ist, dass ihr keinen wirklichen Mann mitgebracht habt. Es gibt nichts Jämmerlicheres als euch. So, und jetzt geht nach Hause und kriecht in eure Löcher. Schert euch fort!"

Bei diesen Worten warf er seine Flinte über den linken Arm und spannte die Hähne. Die Menge flutete plötzlich zurück und brach auseinander. Sie gingen nach allen Seiten davon.

Ich ging zum Zirkus und strolchte an der Hinterseite herum. Als der Wächter vorbei war, schlüpfte ich unter der Zeltplane durch, um das Geld für den Eintritt zu sparen. Es war wirklich ein prima Zirkus. So eine edle Vorstellung hatte ich noch nie gesehen. Mit furchtbar schönen Frauen und Männern, geschmückten Pferden und Clowns, die die ganze Zeit Späße machten. Es ist ja möglich, dass es bessere Zirkusse gibt als diesen. Aber ich bin bisher keinem begegnet.

Abends war unsere Vorstellung. Es waren höchstens zwölf Leute da; gerade genug, um unsere Auslagen wieder reinzubringen. Sie lachten die ganze Zeit, was den Herzog ganz verrückt machte. Sie gingen alle schon vor Schluss der Vorstellung, bis auf einen Jungen, der eingeschlafen war. Der Herzog meinte verstimmt, dass Shakespeare für die Holzköpfe in Arkansas doch zu hoch wäre. Die Leute wollten leichte Komödien oder so.

Am nächsten Tag malte er neue Anschlagzettel, die er in der ganzen Stadt anklebte. Er hatte sich ein neues, raffinierteres Programm ausgedacht, bei dem Frauen und Kinder keinen Zutritt haben sollten. Er sagte: "Wenn das nicht zieht, dann kenne ich Arkansas nicht!"

Huckleberry reist weiter

Den ganzen Tag hatten der König und der Herzog mit der Vorbereitung der neuen Vorstellung zu tun. Am Abend war das Haus im Nu proppenvoll.

Der Herzog trat vor den Vorhang und hielt eine Rede. Er sagte, sein Trauerspiel wäre das Schauerlichste, was es gäbe. Er redete über die Tragödie, über Edmund Kean den Älteren, der die Hauptrolle spielen würde. Und schließlich, als alle aufmerksam waren, zog er den Vorhang hoch.

Es erschien der König, splitternackt, auf allen vieren. Er war mit Ringeln und Streifen bemalt in allen Farben, so bunt wie ein Regenbogen. Er sah wild, aber auch komisch aus. Die Leute wären vor Lachen beinahe gestorben. Als der König hinter die Kulisse hopste, schrieen die Leute und klatschten, bis er wieder rauskam und das Ganze noch einmal machte.

Dann ließ der Herzog den Vorhang runter, verbeugte sich und sagte, das große Trauerspiel könnte leider nur noch an den nächsten zwei Abenden aufgeführt werden, wegen eines unaufschiebbaren Engagements in London. Er bedankte sich und hielt die Leute an, wenn es ihnen gefallen hätte, sollen sie es ihren Bekannten weitersagen, damit auch sie kommen und sich das Stück ansehen würden.

Die Leute waren empört und schrieen, ob das schon alles wäre. Da war Kirmes auf dem Dorf, alle stürmten zur Bühne und auf die Schauspieler los. Aber ein großer, vornehm aussehender Herr sprang auf eine Bank und schrie: "Ruhe! Wir sind reingefallen, ganz gewaltig. Aber wir wollen doch nicht zum Gespött der ganzen Stadt werden. Wir werden still fortgehen und den Leuten draußen was vorschwärmen von dem Stück. Sollen sie doch gleich hereinfallen. Hab ich Recht oder nicht?"

"Klar, Herr Richter!", riefen alle.

Am nächsten Tag konnte man in der ganzen Stadt hören, wie herrlich das Theaterstück gewesen wäre. Das Haus war am Abend wieder voll und wir legten die Gesellschaft ganz genauso herein. Am Abend gingen wir alle zu unserem Floß und aßen zu Abend.

Am dritten Abend war das Haus wieder proppenvoll. Aber es waren dieselben Leute, die schon bei der ersten oder bei der zweiten Vorstellung waren. Es kam mir gleich komisch vor, dass sie alle prall gefüllte Taschen dabei hatten, die nicht gerade nach Parfüm rochen.

Als wirklich keiner mehr in den vollen Saal reinkonnte, gab der Herzog einem jungen Burschen einen Viertel Dollar und sagte ihm, er solle einen Moment auf die Tür aufpassen. Er ging zum Bühneneingang, ich hinterher und im Dunkeln sagte er: "Rasch, lauf so schnell du kannst. Lauf zum Floß!"

Ich rannte los und er hinter mir her. Wir kamen zusammen beim Floß an und schwammen zwei Sekunden später stromabwärts. Ich stellte mir vor, wie die armen Leute dem König zusetzen würden. Aber ich hatte mich geirrt. Der König kam bald aus der Hütte rausgekrochen. Er war gar nicht in der Stadt gewesen.

Wir stellten kein Licht auf, bis wir weit genug vom Ort weg waren. Dann machten wir die Laterne an und aßen zu Abend. Der König und der Herzog lachten sich fast tot darüber, wie sie die Leute an der Nase herumgeführt hatten. Die Schufte hatten an den drei Abenden vierhundertfünfundsechzig Dollar eingenommen.

Als sie schliefen und schnarchten, fragte Jim, ob ich nicht verwundert darüber wäre, wie sich Könige und Herzöge benehmen würden. Ich verneinte, ich hielt alle Könige für Halunken. Hatte ich doch schon so Manches über Könige gelesen.

Wir redeten darüber, dass unser Herzog und der König auf jeden Fall Halunken wären. "Jim hat die Nase voll von ihnen!"

"Ich auch. Aber sie sind nun mal da. Wir müssen ihnen unsere Untertänigkeit beweisen."

Ich ging schlafen. Jim weckte mich nicht, als ich mit der Wache an der Reihe gewesen wäre. Das machte er oft so. Ich sah ihn dann sitzen, den Kopf zwischen den Knien und er ächzte und stöhnte vor sich hin. Ich glaube, dass er Heimweh hatte nach seiner Frau und seinen Kindern. Schließlich war er in seinem ganzen Leben noch nie von zu Hause fort gewesen. Ich glaube fast, dass die Schwarzen ihre Familien genauso lieben wie wir Weißen unsere. Manchmal hörte ich, wie er jammerte: "Arme kleine Elisabeth!" Es war bitter.

Später kamen wir auf seine Frau und seine Kinder zu sprechen. Da erzählte er mir, dass er eine Zeit lang seine kleine Elisabeth so schlecht behandelt hätte. Sie hatte Scharlach gehabt, als sie fünf Jahre alt war. Aber sie war wieder gesund geworden.

Immer wenn er seine Tochter danach angesprochen hätte, ihr einen Befehl gegeben hätte, dann hat sie ihn nicht ausgeführt. Das hatte Jim dann fast wahnsinnig gemacht, er hat sie geschimpft, sogar geprügelt. Bis er bemerkte, dass seine kleine Tochter nach der Krankheit stocktaub gewesen ist. "Der mächtige Gott vergebe einem alten Neger. Ach Huck, Jim hat sie so schlecht behandelt!"

Huckleberry und die beiden Halunken

Am nächsten Tag legten wir wieder bei einer Insel an. Der König und der Herzog überlegten bereits, wie man am besten was aus den nahe liegenden Ortschaften rausholen konnte. Jim lag wieder gefesselt da, weil wenn ihn jemand frei gesehen hätte, dann hätte man ihn für einen weggelaufenen Neger gehalten. Er fand das sehr unangenehm und sagte es auch.

Da hatte der Herzog eine Idee. Er zog Jim das Kostüm von König Lear an, das wie ein langes Nachthemd aussah. Dazu setzte er ihm eine weiße Perücke auf und machte ihm einen Bart. Den Rest von Jims Gesicht bemalte er mit blauer Farbe, die Hände und die Ohren auch. Er sah aus, als wäre er vor acht Tagen bereits ersoffen. Der Herzog schrieb noch ein Schild: Kranker Araber - aber ungefährlich, wenn bei Sinnen.

Damit war Jim zufrieden, wenn er nur nicht wieder gefesselt würde. Sie meinten, wenn jemand sich der Hütte näherte, solle Jim ein wenig rumtoben, aus der Hütte rausbrüllen. Dann würden die Leute ausreißen und ihn in Ruhe lassen.

Die beiden Halunken wollten es dann noch einmal mit dem "Non plus Ultra" versuchen, weil damit am meisten Geld zu machen war. Sie mussten lange überlegen. Als ihnen nichts Konkretes einfiel, gingen sie ohne festen Plan in die nächste Ortschaft. Die Vorsehung würde ihnen schon den Weg weisen.

Wir mussten uns alle umziehen. Das machte ich gerne. Der König sah in dem schwarzen Zeug furchtbar fein aus. Kleider verändern Menschen so von Grund auf. Man konnte meinen, er käme direkt von der Arche Noah und hätte das dritte Buch Mose selber geschrieben. Jim machte das Kanu fertig. Wir ruderten ans Ufer. Es dauerte nicht lange, da sahen wir einen netten Bauern auf einem Baumstamm sitzen. Er hatte zwei Reisetaschen bei sich. Wir fragten ihn, ob wir ihm behilflich sein könnten. Er sagte, er wolle zum Dampfer nach New Orleans. Da nahmen wir ihn mit. Der König war voll in seinem Element; ich war diesmal Adolphus - der Diener!

Wir fuhren zu dritt wieder los. Der junge Bursche war sehr dankbar. Er fragte den König, wohin er reiste. Der erzählte, dass er einen Freund besuchen wolle auf seiner Farm. Der Bauer vermutete, dass der König ein gewisser Mr. Wilks wäre. Doch der König klärte ihn auf, dass er Reverend Alexander Blodgett wäre. Aber dieser Mr. Wilks täte ihm außerordentlich leid, vor allem wenn er etwas verlöre durch sein Zuspätkommen.

Der Bauer sagte: "Na, das Vermögen verliert er bestimmt nicht. Aber seinen Bruder kann er nicht mehr am Sterbebett sehen." Und er erzählte die gesamte Wilksche Familiengeschichte gleich dazu. Sehr tragische Geschichte; bis auf die vier Frauen, die noch in dem Haushalt lebten.

"Warum nehmen Sie an, dass dieser Harvey Wilks nicht kommt? Wo ist er zu Hause?"

"In England. Er ist Prediger und noch nie hier gewesen. Vielleicht hat er den Brief auch gar nicht bekommen."

Dann erzählte der junge Mann, dass New Orleans nur ein kurzer Stopp auf seiner langen Reise wäre. Am nächsten Mittwoch ginge es mit dem Schiff weiter nach Rio de Janeiro, wo sein Onkel lebe.

Der König fragte ihn nochmals über die Familie aus. "Sagen sie mal, ist Mary Jane die älteste Tochter?"

"Ja, sie ist neunzehn, Susan ist fünfzehn und Joanna - die mit der Hasenscharte - ist vierzehn. Aber Sie müssen sich keine Gedanken machen. Die Familie hat viele Freunde, die sich schon um alles kümmern werden."

Der Alte fragte immer weiter, bis nichts mehr aus dem jungen Mann rauszuholen war. Es gab nichts in dem Ort, über das er ihn nicht ausgefragt hätte. Er erfuhr noch, dass am nächsten Tag das Begräbnis dieses Peter Wilks sein sollte. Als wir den Dampfer erreichten, war er fast voll beladen und fuhr bald ab. Der König sagte kein Wort mehr von Mitfahren, so kam ich wieder um meine Dampferfahrt.

Ich ruderte noch eine Weile flussabwärts, bis zu einem einsamen Platz. Da ging er an Land und schickte mich, den Herzog und die zwei neuen Reisetaschen zu holen. Ich wusste, was er vorhatte, aber ich sagte nichts.

Als ich mit dem Herzog wieder an Ort und Stelle war, versteckten wir das Kanu und der König erzählte ihm alles haarklein. Er schloss ab mit den Worten: "Na, Bridgewater, liegt dir das Taubstumme?"

"Da bin ich am Besten drin!", erwiderte der. So warteten sie denn auf einen Dampfer. Sie nahmen uns ungern mit, weil wir nur ein kurzes Stück mitfahren wollten, aber der König setzte sich wieder forsch durch. Im Städtchen angekommen, fragte der König: "Kann mir einer von den Herren sagen, wo Mister Peter Wilks wohnt?"

Die Leute erklärten ihm, dass er zu spät käme. Da klappte der Halunke einfach zusammen, heulte und schluchzte. "Ach mein Gott, unser lieber Bruder!" Damit drehte er sich um und gab dem Herzog idiotische Zeichen mit der Hand. Dieser ließ die Reisetasche fallen und begann ebenfalls zu schluchzen.

Die Leute versammelten sich um die beiden und bemitleideten sie. Sie schleppten ihnen die Reisetaschen den Hügel rauf und erzählten dem König alles über die letzten Augenblicke seines (angeblichen) Bruders. Der König übersetzte dem Herzog alles per Handzeichen und sie stellten sich an, als hätten sie weiß Gott was verloren. Man konnte sich richtig schämen, wenn man das mit ansah!

Huckleberrys Freunde wollen erben

In kurzer Zeit war die Neuigkeit in der ganzen Stadt herum. Bald waren wir alle mitten in einer Menschenmenge. Die Leute fragten: "Sind sie es?"

Und die Menge raunte: "Natürlich!"

Als wir am Haus ankamen, standen die drei Mädchen in der Haustür. Mary Jane hatte wirklich rote Haare und ihr Gesicht leuchtete vor lauter Freude darüber, dass ihre Onkels gekommen waren. Der König breitete die Arme aus und Mary Jane warf sich hinein. Das Mädchen mit der Hasenscharte warf sich dem Herzog in die Arme. Fast alle weinten vor Freude, dass sich nun alle gefunden hatten.

Dann bemerkten sie den Sarg, der in der Ecke auf zwei Stühlen stand. Sie umarmten sich wieder alle und ich habe vorher noch nie jemanden so weinen sehen. Der Boden war ganz nass von den Tränen. Schließlich schluchzte der König eine Rede runter, die er mit einem frommen Amen beendete. Dann sangen alle noch "Großer Gott wir loben dich"; mir wurde ganz warm ums Herz. Es war wie in einer richtigen Kirche. Das Lied klang richtig stark und ehrlich.

Der König lud die nächsten Freunde der Familie ein, mit ihnen Abend zu essen und bei den sterblichen Überresten des Toten zu wachen. Er nannte die Namen, die er unterwegs zufällig erfahren hatte.

Dann brachte Mary Jane den Brief, den ihr Onkel hinterlassen hatte und der König las ihn laut vor und weinte dabei. In dem Brief stand, dass er das Wohnhaus und dreitausend Dollar den Nichten vermachen würde. Die Gerberei, ein paar Häuser und Grundstücke die ungefähr siebentausend Dollar wert waren, und dreitausend Dollar in Gold sollten Harvey und William kriegen. Außerdem nannte er noch das Versteck des Geldes, nämlich unten im Keller.

Die beiden Betrüger gingen nach unten, ich musste eine Kerze mitnehmen. Wir machten die Kellertür hinter uns zu. Sie fanden das Gold gleich und ließen es mit leuchtenden Augen durch die Finger gleiten. Dann fingen sie an zu zählen. Als sie fertig waren, kamen vierhundertfünfzehn Dollar zu wenig raus. Sie ärgerten sich und suchten überall. Damit ihnen niemand etwas Schlechtes unterstellen konnte, legten sie das fehlende Geld aus eigener Kasse drauf.

Sie gingen nach oben und alle versammelten sich am Tisch. Der König schichtete das Geld in Häufchen zu je dreihundert Dollar auf. Es waren zwanzig Häufchen, auf die die Leute gierig guckten. Im Rahmen einer geschwollenen Rede verteilte er das Geld zwischen Mary Jane, Susan und Joanne auf. "Nehmt alles; es ist eine Gabe von dem der da liegt, kalt und tot, aber im Besitz der Seligkeit", endete sein Vortrag.

Unterdessen arbeitete sich ein Mann mit großen Kieferknochen durch die Menge. Er stand da und hörte und sah sich alles an. Der König war gerade mittendrin:

"… weil Sie besonders gute Freunde des Toten sind, deshalb haben wir Sie für heute Abend eingeladen. Die Begräbnisorgie soll öffentlich stattfinden."

Er quasselte weiter, denn er hörte sich gerne reden. Der Herzog steckte ihm einen Zettel zu mit den Worten: Es heißt nicht Orgie sondern Obsequien, du Esel! Der König lud nochmals alle zur Begräbnisfeier ein. Schließlich sagte er: "Ich sag nicht etwa Orgie, weil das der richtige Ausdruck ist. Obsequien wäre besser. Aber wir Engländer nennen das Orgie. Das Wort kommt aus dem Griechischen - Orgo, was so viel heißt wie "draußen" und "jiesumi" heißt mit Erde bedecken. Also sind Begräbnisorgien öffentliche Beerdigungen."

So etwas Unverschämtes hatte ich vorher noch nie gehört. Der Mann mit den großen Kieferknochen lachte ihn auch direkt aus und alle waren entsetzt. "Aber Herr Doktor!", sagte jeder. Sie erklärten ihm, dass dies doch Harvey Wilks wäre, der Bruder des Verstorbenen.

Der König streckte schon eifrig seine Pranke aus, da sagte der Doktor: "Fassen Sie mich nicht an!" Dann beschimpfte er ihn, dass er nie und nimmer Engländer wäre und Wilks Bruder wäre er schon gar nicht. Dann entlarvte er ihn als Betrüger.

Die Diskussion um die Glaubwürdigkeit der Halunken ging noch eine Weile hin und her. Bis Mary Jane dem Ganzen ein Ende bereitete. Sie nahm den Beutel mit den sechstausend Dollar und sagte: Hier, nimm das Geld und leg es für mich und meine Schwester so an, wie du es für richtig hältst. Eine Quittung brauchen wir nicht!"

Die Leute klatschten. Der König stand da mit stolz erhobenen Kopf und schwieg lächelnd. Der Doktor sagte: "Ich wasche meine Hände in Unschuld. Aber es wird eine Zeit kommen, da wird euch übel werden, wenn ihr an den heutigen Tag denkt!" Dann ging er weg.

"Klar, Doktor!", rief der König, "dann werden wir nach Ihnen schicken." Und alle lachten und sagten, es wäre eine anständige Parade gewesen.

Huckleberry und die Erbschleicher

Wie alle gegangen waren, fragte er König Mary Jane, ob es im Haus auch Gästezimmer gäbe. Mary Jane führte uns in das obere Stockwerk und zeigte uns unsere Zimmer. Sie waren einfach aber nett. Sie selbst würde mit ihren Schwestern zusammen schlafen.

Am Abend gab es ein großes Essen. Alle Männer und Frauen vom Nachmittag waren gekommen. Ich bediente den König und den Herzog. Die anderen wurden von Negern bedient. Das Essen war vorzüglich gelungen und Mary Jane, die am Kopfende saß, zierte sich erst, nahm aber das Lob der Gäste dann freudig an.

Als alles vorbei war, ging das Mädchen mit der Hasenscharte mit in die Küche. Sie fragte mich über England aus. Da wurde mir mulmig. Ich hatte nun mal keine Ahnung von diesem fernen Land. Aber ich konnte mich immer wieder rausreden; wenigstens das Misstrauen konnte ich abschwächen.

Später sagte sie: "Du hast mir nicht einen Sack voll Lügengeschichten erzählt?"

Ich verneinte. Die Hasenscharte verlangte, dass ich schwören solle und legte mir ein Buch vor. Ich sah, dass es nur ein Wörterbuch war und erfüllte ihr den Wunsch. Da kam Mary Jane in die Küche. Sie rügte ihre Schwester, weil sie so wenig freundlich mit mir umging. Mary Jane nahm mich regelrecht in Schutz. Dann musste sich das Mädchen mit der Hasenscharte bei mir entschuldigen.

Sie hat mich so wunderschön um Verzeihung gebeten, dass ich wünschte, ich könnte ihr tausend Lügen erzählen, damit sie es immer wieder tut. Gleichzeitig kam ich mir so niederträchtig vor, weil sie auch zu den Menschen gehörte, die ich einfach ausrauben lassen würde.

Am Abend überlegte ich, ob ich zum Doktor gehen und die Gauner verraten sollte. Aber das war nicht das Richtige. Aber um zu Mary Jane zu gehen, da fehlte mir der Mut. Darum gab es nur einen einzigen Weg. Ich musste das Geld stehlen; und zwar so, dass kein Verdacht auf mich fiel. Dann würde ich den Fluss hinabfahren und in einem Brief Mary Jane mitteilen, wo ich es versteckt hatte. Es war sicher gut, wenn ich das Geld gleich heute Nacht holte.

Erst wollte ich die Zimmer der beiden Erbschleicher durchsuchen. Doch dann dachte ich, dass ich das Versteck schneller finden würde, wenn ich die beiden belauschte. Bald hörte ich ihre Schritte. Ich versteckte mich hinter dem Vorhang von Mary Janes Kleiderschrank.

Die beiden kamen ins Zimmer und schlossen die Tür ab. Der Herzog guckte sofort unters Bett. Ich war froh, dass ich nicht darunter gekrochen war. Die beiden setzten sich. Sie unterhielten sich darüber, dass der Doktor ihnen nicht geheuer wäre. Der Herzog meinte, dass er am liebsten mit dem Geld abhauen wollte. Doch der König fluchte los. Er wollte natürlich den ganzen Braten haben und auf keinen Fall ohne den Rest des Eigentums weggehen.

Der König machte den Herzog ganz besoffen mit seinem Gequatsche. So gab der schließlich nach. Bevor sie wieder runter gingen, überlegten sie, das Geld in ein neues Versteck zu legen. Der König fummelte daraufhin keine drei Fuß von mir entfernt unter dem Vorhang rum. Ich drückte mich ganz eng an die Wand. Der König fand den Beutel bald und sie schoben ihn in die Strohmatratze.

"So, jetzt ist es richtig. So ein Neger schüttelt ja doch nur das Federbett. Die Matratze dreht er höchstens zweimal im Jahr um.", sagten sie.

Sie waren noch nicht die halbe Treppe unten, da hatte ich den Beutel schon herausgeholt. Ich überlegte mir, ihn irgendwo außer dem Haus zu verstecken. Denn die beiden würden sicher das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn sie bemerkten, dass der Beutel nicht mehr da war. Ich ging in meine Kammer, aber ich hätte nicht schlafen können, selbst wenn ich gewollt hätte. Ich war zu aufgeregt.

Als der König und der Herzog ins Bett gingen, hielt ich noch einmal die Luft an, ob sich was ereignen würde. Aber alles blieb ruhig. Dann schlich ich die Treppe hinunter.

Huckleberry schlängelt sich durch

Leise schlich ich an die Tür und lauschte. Die beiden Halunken schnarchten. Auf Zehenspitzen ging ich nach unten. Es war still. Ich guckte durch die Ritze in der Esszimmertür und sah, dass die Männer, die die Totenwache halten sollten, allesamt eingeschlafen waren. Die Verbindungstür zum Wohnzimmer, wo die Leiche lag, war offen und überall brannten Kerzen.

Die Haustür war verschlossen. Gerade als ich überlegte, was ich tun sollte, kam jemand die Treppe herunter. Ich konnte gerade noch ins Wohnzimmer flüchten. Ich versteckte den Beutel im Sarg, gleich daneben, wo die gefalteten Hände des Toten lagen. Sie waren so kalt, dass mir ein Schauer über den Rücken lief. Dann rannte ich aus dem Raum und versteckte mich hinter der Tür.

Es war Mary Jane, die ich kommen gehört hatte. Sie kniete leise vor dem Sarg nieder und weinte. Diesen Augenblick nutzte ich, um aus dem Zimmer rauszuschlüpfen. Ich ging wieder in mein Bett und ärgerte mich, dass die Geschichte so blöd gelaufen war. Obwohl ich mir so viel Mühe gegeben hatte.

Ich überlegte: Es wird so sein, dass sie das Geld finden, wenn sie den Sargdeckel anschrauben. Dann bekommt es der König zurück und das wars. Am liebsten wäre ich wieder runtergeschlichen und hätte das Geld herausgeholt. Aber dazu fehlte mir der Mut. Wenn ich dann mit den sechstausend geschnappt würde… Mit so einer Sache wollte ich nichts zu tun haben.

Am nächsten Morgen strömten die Leute ins Wohnzimmer. Die beiden Gauner und die Mädchen setzten sich in die vorderste Reihe am Kopfende des Sarges und ließen die Leute im Gänsemarsch vorbeimarschieren. Die Leute weinten und es war alles sehr feierlich. Dann kam der Leichenbestatter ins Zimmer und legte letzte Hand an. Eine Frau bearbeitete das geliehene Harmonium. Was da rauskam war schrill und kreischend. Zum Glück musste der tote Peter das nicht mehr hören.

Der Pastor begann langsam und feierlich zu reden. Danach gab der König den üblichen Unsinn zum Besten. Schließlich ging der Leichenbestatter mit einem großen Schraubenzieher zum Sarg. Er schob nur den Deckel drüber und schraubte ihn fest. Da stand ich nun! Ich wusste nicht, ob das Geld noch drin war oder nicht.

Ich hatte die Sache besser machen wollen und nun war sie hundertmal schlimmer. Mein Gott, hätte ich nur die Finger von dem Geld gelassen. Peter wurde begraben und wir kamen bald zurück. Ängstlich guckte ich in die Gesichter. Aber niemand schien was bemerkt zu haben.

Der König schmeichelte sich weiterhin ein und am Abend sagte er, dass sie die Mädchen selbstverständlich nach England mitnehmen würden. Die Mädchen waren Feuer und Flamme. Sie sagten, er sollte alles so rasch als möglich verkaufen, dann wären sie reisefertig. Die armen Dinger waren froh und glücklich, dass mir das Herz wehtat. Wenn ich daran dachte, wie sie belogen und betrogen wurden…

Tatsächlich ließ der König das Haus und die Neger, überhaupt allen Besitz zur öffentlichen Versteigerung ausschreiben. Wer wollte, konnte schon vorher privat kaufen.

Am Tag nach der Beerdigung kaufte der erste Sklavenhändler einige Neger; allerdings gegen einen Wechsel. Die Mutter musste nach New Orleans, die beiden Söhne nach Memphis. Ich dachte, den armen Mädchen und den Negern würde das Herz brechen. Sie weinten vor Trennungsschmerz. Und wenn ich nicht gewusst hätte, dass der Handel nicht rechtsgültig war, dann hätte ich den Mund aufgemacht. Aber die Neger würden in spätestens zwei Wochen wieder nach Hause zurückkommen.

Den beiden Gaunern schadete diese Aktion gewaltig. Weder die Mädchen noch die Leute konnten das radikale Vorgehen verstehen.

Am nächsten Tag war die Auktion. Bereits vor Sonnenaufgang kamen König und Herzog in meine Kammer. Sie wollten wissen, ob ich je in ihrem Zimmer gewesen wäre. Natürlich verneinte ich. Dann fügte ich noch hinzu, dass ich mal gesehen hätte, wie die Neger reingegangen wären. Am Tag der Beerdigung. Die beiden Gauner wurden ganz aufgeregt. Ich erzählte, dass ich geglaubt hatte, sie hätten das Zimmer frisch gemacht. Ein bisschen eingeschüchtert fragte ich: "Ist was schief gelaufen?"

Der König brüllte los: "Das geht dich nichts an. Halt dein Maul und kümmere dich um deine Angelegenheiten!" Als sie die Treppe hinuntergingen, sagte der Herzog höhnisch: "Schnelles Geschäft und kleiner Profit, was!" Der König schimpfte sofort zurück. Dann drehte er sich um und machte mich runter, weil ich das mit den Negern nicht sofort gemeldet hätte. Dann gingen sie weg.

Ich war heilfroh, dass ich alles auf die Neger abgewälzt hatte. Denen konnte jetzt ja nichts mehr passieren.

Huckleberry und Mary Jane

Allmählich wurde es Zeit zum Aufstehen. Als ich die Treppen runterkletterte kam ich am Zimmer der Mädchen vorbei. Mary Jane hockte vor ihrem alten Koffer und packte ihre Sachen. Sie machte sich fertig für die Reise nach England. Sie hielt gerade ein zusammengelegtes Kleid auf ihrem Schoß und weinte. Mir war hundeelend bei diesem Anblick.

Ich ging ins Zimmer und fragte, was los wäre. Sie sagte es mir. Sie weinte wegen der Neger. Die Reise nach England wäre ihr ganz verleidet, wo sie doch wüsste, dass die Negermutter ihre Söhne nie wieder sehen würde. Sie weinte jetzt noch heftiger, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und rief: "Ach, wenn ich daran denke, dass sie sich nie mehr wieder sehen werden!"

"Aber sie werden sich wieder sehen. Das weiß ich sicher." Oh je, jetzt war es mir rausgerutscht. Nun saß ich in der Patsche. Ich bat sie, sie solle mich schnell mal nachdenken lassen. Sie setzte sich, war aufgeregt und wirkte wieder glücklich und erleichtert. Dabei kam es mir vor, als würde ich auf einem Pulverfass sitzen. Ich überlegte mir die Sache gründlich und beschloss, die Wahrheit zu sagen.

"Miss Mary Jane, kennen Sie jemanden draußen vor der Stadt, zu dem sie drei oder vier Tage gehen könnten?"

"Ja, zu den Lothrops. Aber weshalb?"

"Fragen Sie nicht weshalb. Aber ich verspreche Ihnen, dass die Neger sich in spätestens vierzehn Tagen wieder sehen. Wenn ich Ihnen erzähle, woher ich das weiß, wollen Sie dann zu den Lopthrops gehen und vier Tage da bleiben?"

"Aber ja. Ich gebe Ihnen mein Wort darauf. Ich würde auch ein Jahr bleiben!"

"Schön. Ihr Wort ist mir mehr wert als wenn andere Leute auf die Bibel schwören."

Sie lächelte und wurde rot. Ich machte die Tür zu, zur Sicherheit. Dann bat ich sie, nicht zu schreien oder laut zu sein. "Tragen Sie es wie ein Mann!", sagte ich und erzählte ihr die ganze Wahrheit über die angeblichen Onkels und das versteckte Geld.

Sie trug es mit Fassung. Trotzdem sprang sie auf und schrie: "Diese Schufte! Rasch, wir dürfen keine Minute verlieren. Wir wollen sie teeren und federn und dann in den Fluss werfen!"

"Ja, ich verstehe. Aber wollen Sie nicht erst einige Tage zu den Lothrops? Ich muss nämlich noch einige Tage mit den Halunken reisen. Wenn wir die ganze Stadt auf sie hetzen, dann wäre ich sie los. Das wäre zwar gut für mich aber es gibt da noch eine andere Person, die würde dadurch furchtbar in Not geraten."

"Und die müssen wir retten?"

"Selbstverständlich." Während ich so sprach, hatte ich eine gute Idee. Ich wusste jetzt, wie Jim und ich die Gauner loswerden konnten. Wenn man sie hier ins Gefängnis werfen würde, dann hätten wir genug Vorsprung mit dem Floß.

Ich erklärte Miss Mary Jane, dass sie nur bis am Abend bei den Lothrops bleiben müsse. Sie solle sich so um halb zehn nach Hause bringen lassen, dann eine Kerze ans Fenster stellen und bis elf Uhr warten. "Wenn ich bis dahin noch nicht zurück bin, befinde ich mich in Sicherheit. Und dann müssen sie überall die Wahrheit erzählen und lassen die Gauner ins Gefängnis werfen."

"Gut, das werde ich tun."

"Wenn ich aber nicht abhauen kann und mit den Kerlen erwischt werde. Dann müssen Sie sagen, dass ich Ihnen die ganze Sache vorher erzählt habe. Sie müssen mir dann helfen."

"Natürlich werde ich dir helfen", sagte sie. Ihre Nasenflügel zuckten dabei und ihre Augen funkelten.

"Ich muss dringend beweisen, dass diese Halunken nicht Ihre Onkels sind." Dazu erzählte ich die Geschichte von der Theatervorstellung in Bricksville "Das Königliche Non plus ultra". Ich schrieb es ihr auf einen Zettel und sagte, dass wenn das Gericht Beweise bräuchte, müssten sie nur einen Boten in diese Stadt schicken. Die Leute dort wären sehr wütend auf die beiden Halunken.

Ich empfahl ihr, die Versteigerung ruhig stattfinden zu lassen. So lange würden die Kerle bestimmt in der Gegend bleiben. Erst wenn sie das Geld hätten, dann… Aber sie werden es nicht bekommen, denn der ganze Verkauf ist ungültig. Es ist dasselbe wie mit den Negern, die werden auch bald wieder kommen. Nicht mal das Geld für die Schwarzen können sie bei der Bank einlösen. Sie sitzen ganz schön in der Klemme.

Dann fragte Mary Jane noch nach dem Geldbeutel. Sie bereute es sehr, wie sie den beiden Halunken das Geld geradezu geschenkt hatte. Doch ich konnte sie beruhigen. "Ich habe ihn versteckt, aber ich kann nicht sagen wo."

Sie bat mich, es auf einen Zettel zu schreiben, was ich auch tat: Ich habe ihn in den Sarg gelegt. Er lag schon drin, wie Sie in der Nacht dort geweint haben." Ich faltete den Zettel zusammen und gab ihn ihr. Wir schüttelten uns kräftig die Hand, ihre Augen wurden feucht und dann war sie auch schon fort.

Susan und Joanna erklärte ich, dass ihre Schwester zu kranken Leuten gerufen wurde, deren Namen ich vergessen hatte. "Ich glaube, dass es nur einige Stunden dauern wird.", beruhigte ich die beiden.

Zur Versteigerung wird sie sicher wieder da sein. Am gleichen Nachmittag fand dann die Versteigerung statt und sie wollte gar kein Ende nehmen. Schließlich war alles verkauft, bis auf einen kleinen Platz auf dem Kirchhof. Aber auch den wollten die beiden Halunken noch verscherbeln. Der König war so raffsüchtig.

Während sie noch feilschten, legte ein Dampfer an und eine Menge Menschen kamen schreiend und johlend die Straße rauf: "Hier kommt die Konkurrenz. Die zweite Garnitur der Erben vom alten Peter Wilks!"

Huckleberry und Jim reißen aus

Mit zwei nett aussehenden Herren, ein älterer und ein jüngerer mit dem Arm in einer Binde, erschienen sie auf der Bildfläche. Die Menschen schrieen und lachten. Ich konnte mir nicht erklären, weshalb. Dem König und dem Herzog war das Ganze nicht ein bisschen peinlich. Sie ließen sich nichts anmerken.

Viele einflussreiche Menschen versammelten sich um den König, um zu zeigen, dass sie zu ihm halten würden. Der ältere Herr sah ganz verdattert aus. Als er zu sprechen begann, merkte man gleich, dass dies wirklich ein Engländer war. Es hörte sich ganz anders an als das Gerede vom König.

Der ältere Herr erzählte, dass er und sein Bruder ein Unglück gehabt hätten. Dabei hätte sich der jüngere Bruder den Arm gebrochen. Das gemeinsame Gepäck wäre versehentlich in der Nacht bei der letzten Dampferstation von Bord gebracht worden. Er stellte sich als der wahre Bruder des verstorbenen Peter Wilks vor. Der jüngere Mann sei Harvey, ebenfalls ein Bruder. Sobald das Gepäck ebenfalls hier sei, könne er das beweisen. Bis dahin wolle er ins Hotel gehen und abwarten.

Der König zog dieses Geständnis ins Lächerliche und die meisten Menschen lachten mit ihm. Ungefähr zwölf oder dreizehn Männer blieben ernst. Sie entlarvten den König. Sie hätten ihn und einen Jungen schon vor dem Tod von Peter Wilks im Kanu an der Landzunge gesehen. Sie zeigten dabei mit ausgestreckten Fingern auf mich.

Der Doktor sagte: "Es ist unsere Pflicht, aufzupassen, dass sie nicht fortkommen, bis wir die Geschichte geprüft haben. Wir wollen die Burschen hier mal den anderen beiden gegenüberstellen. Es wird sicher nicht lange dauern, bis wir hinter die Sache kommen."

Das machte den Leuten Spaß und alle machten sich auf den Weg. Man brachte alle vier in ein Zimmer im Hotel. Um herauszufinden, wer nun die echten Brüder des verstorbenen Peter Wilks waren, schlug der Doktor vor, das Geld ins Hotel bringen zu lassen, bis bewiesen war, dass der König und der Herzog die richtigen Erben waren.

Alle stimmten zu. Da saß unsere Bande ganz schön in der Patsche. Der König erklärte traurig, dass das Geld aus dem Versteck gestohlen worden war. Doch es schien ihm keiner zu glauben. "Blödsinn", hörte man die Leute murmeln. Dann fragte der Doktor mich, ob ich Engländer sei. Ich bejahte, doch die Leute lachten.

Dann begann die Untersuchung. Man ließ den König sein Garn spinnen und den alten Herzog seins. Die meisten bemerkten, dass der König log. Nach einer Weile befragten sie mich auch. Da ich im Schwindeln nicht sehr erprobt war, flog meine falsche Erklärung schnell auf. Da ließen sie von mir ab.

Dann ließ der Rechtsanwalt Schriftproben von den vier Herren anfertigen. Doch da einer der fremden Herren den rechten Arm gebrochen hatte, blieb der eindeutige Beweis aus. Trotzdem war ganz klar, dass der König und der Herzog nie und nimmer die Brüder des Verstorbenen sein konnten. Doch der Narr gab nicht auf.

Da unterbrach der alte Herr die Diskussion. "Mir ist etwas eingefallen. Ist jemand hier, der dabei war, als die Leiche von Peter Wilks zurecht gemacht wurde?"

"Ja", rief einer.

Der alte Herr wandte sich an den König und sagte: "Vielleicht kann der Herr mir sagen, was auf der Brust von Peter Wilks tätowiert war?"

Der König wurde ein kleines bisschen blass. Dann behauptete er, einen blassen, blauen Pfeil gesehen zu haben. Doch die Männer hätten so ein Zeichen wohl nicht gesehen. Dann trumpfte der ältere Herr auf, dass auf der Brust ein blasses P-B-W (das B für den zweiten, nie benutzten Vornamen) zu sehen wäre. Doch die besagten Männer behaupteten, gar keine Tätowierung erkannt zu haben.

Da waren die Leute nicht mehr zu halten. Sie schrieen: "Das sind alles Betrüger. Sie gehören ersäuft." Der Rechtsanwalt sprang auf und ordnete an, die Leiche auszugraben und nachzusehen. Da waren die Leute begeistert.

Man packte uns und marschierte zum Friedhof und begann zu graben. Es kam ein Gewitter auf. Im Schein der grellen Blitze fingen sie an den Deckel des Sarges abzuschrauben. Da entdeckten sie den Beutel mit dem Geld auf der Brust des Toten. Im Gewirr ließ mein Bewacher mein Handgelenk los. Diese Gelegenheit nutzte ich und rannte auf die Landstraße zu.

Ich rannte über die leeren Straßen. Unterwegs blitzte ein Licht an Mary Janes Fenster auf. Mein Herz schwoll in der Brust. Aber schon lagen das Haus und alles hinter mir. Ich sollte es nie wieder sehen. Ach, Mary Jane war das beste Mädchen, das ich jemals getroffen hab.

Am Fluss holte ich mir das erste Boot und stieß vom Ufer ab. Ich ruderte zur Insel so schnell ich konnte. Als ich beim Floß angekommen war, war ich erschöpft. Trotzdem sprang ich an Bord und weckte Jim. Der kam mit ausgebreiteten Armen aus der Hütte auf mich zu. Aber als ich im Schein der Blitze sein Antlitz sah, erschrak ich. Ich hatte ganz vergessen, dass er ja immer noch der "kranke Araber" war. Ich wäre beinahe gestorben vor Schreck.

Ich schrie: "Los, mach los!" Zwei Sekunden später trieben wir den Fluss runter. Es war so schön, wieder frei zu sein und ganz allein. Ich musste erst einmal rumspringen und tanzen. Aber nach dem dritten Sprung hörte ich einen Laut. Ich hielt den Atem an und wartete. Als der nächste Blitz übers Wasser zuckte, sah ich sie kommen. Es waren der König und der Herzog, die kräftig in unsere Richtung ruderten. Ich fiel auf die Planken und gab auf.

Huckleberry klärt die Sachlage

Als sie schließlich an Bord waren, kam der König auf mich zu und packte mich am Kragen: "Wolltest uns wohl heimlich entwischen?", keifte er.

"Nein, meine Majestät", sagte ich und begann mit meiner Erklärung. "Der Mann, der mich festhielt, war sehr gut zu mir. Er erzählte mir dauernd von seinem Jungen, der voriges Jahr gestorben wäre. Im täte es Leid, dass ich in so großer Gefahr wäre. Und wie alle so furchtbar erstaunt waren, dass das Geld im Sarg war, da hat er mir zugeflüstert, dass ich laufen soll. Sonst würde ich gehängt werden. Dann bin ich natürlich losgerannt."

"Na, wenn das stimmt, dann fresse ich einen Besen.", maulte der König. Doch der Herzog nahm mich in Schutz. Er meinte, dass sie sich ja auch nicht nach mir umgeschaut hätten, bei ihrer Flucht. Er meinte, dass es ziemlich frech gewesen wäre vom König, diesen Pfeil auf der Brust zu erfinden. Aber der hätte ihnen wohl das Leben gerettet.

Doch der König war noch nicht besänftigt. Er suchte immer noch den Schuldigen für die missliche Lage, in der er sich befand. So kam es zum Streit zwischen König und Herzog. Sie stritten darum, wer wohl das Geld im Sarg versteckt hätte. Jeder meinte, der andere wäre es gewesen. Am Ende hatte der Herzog Oberhand und der König röchelte: "Ich gebe es ja zu. Ich habe das Geld genommen und versteckt."

Ich war heilfroh, dass er es sagte und fühlte mich gleich viel wohler. Dann bekundete der Herzog seine Enttäuschung, wie er dem König vertraut hätte und so. Am schlimmsten fanden sie, dass nun nicht nur das vermeintliche Erbe weg war sondern auch die Einnahmen von den vorigen Tagen. Das war bitter.

Der König kroch in die Hütte und tröstete sich mit seiner Flasche; später machte der Herzog es ihm nach. Nach einer halben Stunde waren sie wieder die dicksten Freunde und je mehr sie in sich hineinlaufen ließen, desto mehr liebten sie sich. Als die beiden Arm in Arm schnarchten, erzählte ich Jim alles.

Huckleberry sucht Jim

Mehrere Tage ließen wir uns in Richtung Süden treiben. Wir hatten warmes Wetter und waren unendlich weit von zu Hause weg. Nun glaubten die beiden Halunken sich wieder in Sicherheit und begannen von neuem, auf die Dörfer zu gehen.

Sie versuchten es mit Vorlesungen über Mäßigkeit; ein anderes Mal mit Tanzkursen. Später versuchten sie es mit Hellsehen. Doch überall warf das Publikum sie raus. Es schien, als hätten sie mit nichts Glück. So gingen Tage ins Land, bis sich die beiden wieder was Neues überlegten. Allerdings gewährten sie uns keinen Einblick in ihre unseriösen Pläne.

Eines Morgens brachten wir unser Floß wie gewöhnlich in ein sicheres Versteck. Der König ging an Land und befahl uns, im Versteck zu bleiben. Wenn er bis Mittag nicht zurück wäre, würde es heißen, dass man in dieser Gegend noch nie von ihnen gehört hätte und die Luft somit rein wäre. Dann sollten der Herzog und ich nachkommen.

So kam es auch. Wir fanden den König in einem Hinterzimmer einer miserablen Destille. Er war schrecklich besoffen. Der Herzog schimpfte ihn einen alten Idioten. Mitten im Schimpfen erkannte ich die günstige Gelegenheit und haute ab. Atemlos kam ich zum Floß und rief nach Jim.

Aber es kam keine Antwort. Jim war fort. Da setzte ich mich erst einmal hin und weinte. Aber dann ging ich zurück auf die Straße und sprach einen Jungen an. Der sagte mir, dass die Straße weiter unten ein weggelaufener Neger erwischt wurde. In der Nähe wo Silas Phelps wohnt. Wir sprachen noch darüber, was für ein gutes Geschäft man macht, wenn man einen weggelaufenen Neger einfängt. Der Junge erzählte, dass der Neger sogar einen Zettel dabei gehabt hätte, auf dem gestanden hätte, dass er von einer Farm in der Nähe von New Orleans herkäme.

Da war ich mir sicher, dass es Jim war. Meine Gefühle schwankten. Mal war ich froh, dass Jim gefangen war, dann wieder hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich einem Neger zur Flucht verholfen hatte. Wenn sie das in St. Petersburg jemals erfahren sollten….

Ich versuchte zu beten. Aber es ging nicht. Ich war voller Zweifel. Schließlich kam mir der Gedanke, einen Brief an Miss Watson zu schreiben. Vielleicht fühlte ich mich dann besser. Ich schrieb: "Liebe Miss Watson, Ihr weggelaufener Neger ist zwei Meilen unterhalb von Pikesville. Mr. Phelps hat ihn eingefangen und wird ihn Ihnen geben, wenn Sie ihm die Belohnung schicken. Huck Finn."

Nun fühlte ich mich wie neugeboren. Ich hätte jetzt beten können, aber mir gingen Gedanken an unsere Reise durch den Kopf. Ich sah Jim vor mir, wie er auf dem Floß stand, einzelne Momente unserer Reise hatte ich direkt vor Augen. Ich hörte seine Stimme und fühlte seine Umarmung, wenn ich immer wieder zurückkam. Mein Blick fiel auf den Brief! Ich nahm ihn, meine Hand zitterte, denn jetzt musste ich mich entscheiden. Dann sagte ich laut: "Lieber will ich in die Hölle kommen!" und zerriss das Papier in kleine Stücke.

Ich verscheuchte alle Gedanken an Reue aus dem Kopf und beschloss, Jim noch einmal aus der Sklaverei zu retten. Dazu kundschaftete ich eine bewaldete Insel aus, die weiter flussabwärts lag. Dort versteckte ich das Floß und legte mich schlafen.

Am nächsten Tag zog ich einen Anzug an und schnürte mir ein Bündel. Dann fuhr ich mit dem Kanu ans Ufer und versteckte alles. Als ich losging, sah ich bald ein Schild worauf stand: Phelps Sägemühle. Dreihundert Meter weiter waren die dazugehörigen Häuser. Aber es war alles wie ausgestorben. Als ich in den Ort weiterging, begegnete ich als erstes dem Herzog. Der besaß die Frechheit, wieder Zettel anzuschlagen, auf denen sie ihr Theaterstück anboten. Im Handumdrehen war ich neben ihm.

Er wunderte sich und fragte, ob ich das Floß auch gut versteckt hätte und wo ich gewesen wäre. Ich erzählte ihm eine meiner erfundenen Geschichten und dass ich das Floß nicht mehr vorgefunden hätte. Ich hätte geglaubt, dass sie Beide mit Jim dringend fort gemusst hätten. Ich erzählte, dass ich die Nacht im Wald verbracht hätte und bettelte, dass er mir sagen solle, wo denn nur mein Neger Jim wäre.

Da kam auf, dass der König vierzig Dollar ergaunert hatte und unbedingt das Weite suchen musste. Wie er ihn nachts ans Ufer gebracht hatte, sahen sie, dass das Floß nicht da war und glaubten, ich wäre ausgebüchst.

"Aber ich würde doch nie ohne meinen Neger Jim gehen. Er ist das einzige Eigentum auf der Welt das ich habe!", rief ich.

Der Herzog meinte, es wäre ja unser aller Neger gewesen. Dann rückte er mit der Wahrheit raus. Der König hätte den Neger verkauft und nun hatte der Herzog Angst, dass Jim ihn verpfeifen könnte. Ich wimmerte und sagte, dass ich los wollte, meinen Jim zu suchen.

Dann sagte der Herzog mir eine falsche Anschrift. "Er ist bei einem Farmer mit Namen, ähm, Abraham Foster. Er wohnt vierzig Meilen landeinwärts." Er ließ mich losziehen, den Neger zu suchen. Ich müsse eben rechtzeitig in drei Tagen wieder zurück sein. Das versprach ich.

Ich sah mich nicht um, aber ich fühlte, dass er mich beobachtete. Eine Meile weit ging ich ins Land rein, dann machte ich Halt und ging zurück, bis ich an die Besitzung von Phelps kam. Es war schon besser, meinen Plan gleich durchzuführen, damit Jim den Mund hielt, bis die beiden Halunken den Ort verlassen hatten. Ich wollte sie endlich für immer loswerden.

Huckleberry wird verwechselt

Als ich bei Phelps Farm ankam, war es still wie an einem Sonntag. Es war heiß und die Männer schienen auf dem Feld zu sein. Die Farm war eine kleine Baumwollplantage. Da waren ein paar kümmerliche Fleckchen Rasen, aber sonst war der Hof kahl. In der Mitte stand ein großes Doppelblockhaus für die weißen Besitzer. Dann standen da noch drei kleine Blockhäuser für die Neger und noch ein paar einzeln stehende Häuschen und Nebengebäude.

Als ich mitten im Hof stand, wachten die Hunde auf und gingen auf mich los. Eine Negerin stürzte mit einem Bratspieß in der Hand aus der Küche und schrie: "Nero, Tiger - Kusch!" Die beiden Hunde folgten aufs Wort und anschließend hätten sie sich am liebsten mit mir angefreundet. Ich dachte, dass Hunde eigentlich doch gutmütige Tiere sind.

Aus dem Haus kam eine weiße Frau. Sie war um die fünfzig Jahre alt. Sie lachte übers ganze Gesicht und begrüßte mich. "Tom, dass du endlich da bist. Bist du es auch wirklich. Kinder, seht her! Das ist euer Vetter Tom. Sagt ihm guten Tag."

Sie bot mir ein Frühstück an, doch ich lehnte es ab und behauptete, ich hätte bereits auf dem Dampfer gefrühstückt. Sie fragte mich, weshalb ich so spät dran wäre. Ich überlegte krampfhaft, was ich jetzt tun sollte. Ich musste irgendwie heraus bekommen, für wen genau sie mich hielt. So lange würde ich sie mit einer meiner Geschichten beruhigen.

"Auf dem Dampfer ist ein Kessel explodiert. Aber es wurde niemand verletzt. Dann habe ich mein Gepäck bei der Landungsstelle gelassen und mir ein wenig die Stadt angesehen. Es war noch so früh.", erzählte ich vorsichtig.

"Aber Kind, dir wird das Gepäck gestohlen werden."

"Nein. Wo ich es versteckt habe sicher nicht."

Mir wurde unbehaglich, dass ich gar nicht mehr richtig hinhören konnte, was sie sagte. Vielleicht könnte ich die Kinder ein wenig aushorchen, und fragen, wer ich eigentlich sein soll. Doch ich hatte mich mächtig festgerannt. Hier ist wieder einmal ein Augenblick, sagte ich zu mir selbst, wo ich es mit der Wahrheit versuchen muss. Gerade als ich den Mund aufmachen wollte, packte sie mich und schob mich hinter das Bett: "Da kommt er. Lass nicht merken, dass du schon da bist. Ich will ihm einen Streich spielen." Die Kinder kicherten.

Jetzt saß ich in der Falle. Mir blieb nichts anderes übrig, als stillzuhalten und das unausweichliche Donnerwetter auf mich zukommen zu lassen. Ein alter Herr betrat das Zimmer und Mrs. Phelps sprang auf und fragte, ob er angekommen sei. Er verneinte und erzählte von seiner Sorge um den erwarteten Gast. "Es ist furchtbar, Sally", sagte er, "der Dampfer muss verunglückt sein!"

"Wieso Silas! Sieh mal die Landstraße lang. Kommt da nicht einer?", fragte sie. Und während ihr Gatte zum Fenster ging, gab sie mir einen Schubs. Ich kroch raus und wie der Mann sich umdrehte, strahlte sie ihn an. Ich stand ziemlich betreten daneben und war in Schweiß gebadet.

Der alte Herr starrte mich an und fragte, wer ich denn sei. Seine Frau klärte ihn auf: "Na, erkennst du ihn nicht wieder? Es ist Tom Sawyer!"

Der Mann nahm meine Hand und schüttelte sie. Seine Frau tanzte durch den Raum und bestürmte mich mit Fragen über Sid und Mary und die ganze Gesellschaft. Und ich war erleichtert, dass ich endlich wusste, für wen sie mich hielten. Natürlich erzählte ich ihnen mehr von "meiner" Familie (also von Toms Familie).

Nach einer Weile hörte ich den Dampfer den Fluss runterkeuchen. Was wird passieren, wenn Tom Sawyer nun auf dem Dampfer ist und hier reinkommt, mich bei meinem Namen nennt bevor ich ihn warnen kann? Das durfte auf keinen Fall geschehen.

Ich sagte zu den beiden, dass ich nun in der Stadt mein Gepäck holen wolle. Die Hilfe des alten Mannes schlug ich natürlich aus. Ich könne selber kutschieren und ich wolle nicht, dass er sich meinetwegen noch mehr Mühe mache.

Huckleberry trifft Tom Sawyer

Ich fuhr mit dem Wagen in Richtung Stadt. Auf halbem Wege kam mir Tom Sawyer in einem anderen Wagen entgegen. Als er mich erkannte, blickte er mich sprachlos an; als wäre ich von den Toten auferstanden. Na ja, für ihn war ich das wohl auch. Sie glaubten ja alle, ich wäre gestorben.

Als wir geklärt hatten, dass ich wirklich kein Gespenst war, erzählte ich ihm, dass ich in der Klemme saß. Er überlegte ein paar Minuten, dann sagte er: "Nimm du meinen Koffer und tu so, als wäre es deiner. Und dann gehst du zu der Zeit zurück, in der du erwartet wirst. Ich komme dann in ungefähr einer halben Stunde an. Du musst so tun, als ob du mich gar nicht kennst."

"Ist gut", sagte ich. Und dann erzählte ich ihm von Jim. Nach reiflicher Überlegung sagte Tom, er wolle mir helfen, den Neger zu stehlen. Ich war erstaunt. Tom sank gewaltig in meiner Achtung. Unglaublich, Tom Sawyer - ein Sklavendieb! Wir verabredeten, dass keiner je einen Neger gesehen hatte.

Für den weiten Weg kam ich viel zu rasch zu den Phelps. Der alte Herr stand gerade unter der Tür und war überrascht. Er war der beste Kerl, der mir je begegnet ist. Er war ja auch nicht nur Farmer sondern auch Prediger und betreute eine kleine Kirche, die er selbst aufgebaut hatte.

Eine halbe Stunde später fuhr Tom in seinem Wagen vor. Tante Sally sah aus dem Fenster und war erstaunt über den Fremden. Tom hatte seinen besten Anzug an, nahm gewandt seinen Hut ab und fragte, ob er bei Herrn Archibald Nichols wäre. Die Phelps verneinten, luden ihn aber zum Mittagessen ein und wollten ihn anschließend zu Nichols bringen.

Tom dankte herzlich und vornehm. Drinnen erzählte er, dass er aus Hicksville wäre und was dort gerade los wäre, was ihm so einfiel. Ich wurde nervös. Plötzlich beugte er sich zu Tante Sally rüber, küsste sie auf den Mund und lehnte sich dann bequem in seinem Stuhl zurück. Tante Sally sprang entsetzt auf. Tom tat erstaunt. Alle hätten ihm gesagt, er solle sie küssen, sie würde das so gerne mögen. Doch die Tante musste sich mächtig zusammennehmen. Ihre Augen blitzten und ihre Finger zuckten. Sie hinterfragte genau. Tom entschuldigte sich und sagte, dass er es nie wieder tun wollte. Kleinlaut hängte er noch an: "Und ich habe geglaubt, dass Sie die Arme ausbreiten und Sid Sawyer herzlich grüßen würden."

Tante Sally fiel aus allen Wolken. Tom erklärte ihr, dass es ganz überraschend dazu kam. Wir aßen draußen zu Mittag und erzählten viel. Es war ein unterhaltsamer Mittag. Beim Abendessen fragte einer der kleinen Jungen, ob sie heute Abend zum Theater dürften. "Nein", sagte der alte Mann, "der weggelaufene Neger hat mir und Burton alles von dieser skandalösen Theatervorstellung erzählt. Burton wollte es in der Stadt weitersagen und die Leute werden die Halunken vertreiben!"

So, da hatten wir den Salat. Aber was sollte ich tun? Tom und ich sollten in demselben Bett schlafen. Gleich nach dem Abendessen gingen wir rauf. Aber wir kletterten später aus dem Fenster und liefen zur Stadt. Ich musste unbedingt dem König und dem Herzog einen Wink geben.

Unterwegs erzählte mir Tom, dass alle geglaubt hätten, dass ich ermordet worden wäre und dass mein Alter bald darauf auch verschwunden war. Und wegen Jim hätte es eine riesige Aufregung gegeben. Ich erzählte Tom die ganze Geschichte und was wir mit den Gaunern so erlebt hatten.

Als wir den Ort erreicht hatten, kam uns eine wilde Meute mit Fackeln entgegen. Sie schrieen und tobten fürchterlich. Da sah ich auch schon den Herzog und den König rittlings auf einem Balken sitzen. Das heißt, erkennen konnte ich sie nicht wirklich. Denn sie waren über und über mit Teer und Federn bedeckt. Sie sahen nicht mehr wie Menschen aus sondern wie ein paar riesige Büsche. Mir wurde ganz elend und die beiden Schufte taten mir furchtbar leid. Ich konnte kein böses Gefühl gegen sie aufbringen. Menschen können doch sehr grausam gegeneinander sein.

Wir sahen, dass es zu spät war um zu helfen. Die Leute hatten die beiden während der Vorstellung angegriffen - so erzählten sie uns. Niedergeschlagen gingen wir wieder nach Hause. Ich fühlte mich ziemlich gemein und schuldig, obwohl ich gar nichts getan hatte.

Huckleberry findet Jim

Wir fingen an zu überlegen, wo Jim sein könnte. Da fiel Tom ein, dass er einen Neger beobachtet hatte, der Essen in die Hütte beim Aschenhaufen getragen hatte. Und da er keinen Hund hatte bellen hören und auf dem Tablett eine Wassermelone war, war er sich fast sicher, dass die Mahlzeit für einen Menschen bestimmt war. Außerdem hatte der Neger ein Vorhängeschloss aufgemacht und beim Verlassen der Hütte wieder sorgfältig verschlossen. Da konnte nur ein Gefangener drin sein und das war sicher Jim!

Ich fing an, mir einen Plan auszudenken, wie wir Jim befreien könnten in der Nacht. Dann wollte ich mein Kanu wieder holen und wir würden nachts fahren und tagsüber ruhen - so wie Jim und ich das gewohnt waren.

Doch Tom verriet mir seinen Plan. Der war viel besser. Ich brauche jetzt noch nicht zu erzählen, worin der Plan bestand. Aber eins war todsicher: Tom war dabei, seiner Familie Schande zu machen, wenn er sich jetzt an der Befreiung eines weggelaufenen Negers beteiligte. Das war ungeheuerlich, aber er wollte meine Einwände nicht hören.

Als wir zu Hause ankamen, war alles schon dunkel. So konnten wir ungestört die Hütte am Aschenhaufen von allen Seiten her untersuchen. Ich entdeckte ein viereckiges Fensterloch; wenn wir da noch ein Brett wegreißen würden, dann könnte Jim durchkommen. Doch Tom war das zu einfach.

Wir gingen in den Schuppen, der zwischen der Hütte und dem Zaun stand. Die fest verschlossene Tür mussten wir vorsichtig aufbrechen. Als wir die Tür hinter uns zugemacht hatten, zündeten wir ein Streichholz an und sahen, dass der Schuppen tatsächlich nur an die Hütte angebaut war. Es gab keine Verbindung. Selbst ein Fußboden fehlte und außer ein paar alten Hacken und Spaten, Heugabeln und einem kaputten Pflug war hier nichts zu holen. Wir gingen raus und hakten den Schließhaken wieder ein. Die Tür sah jetzt aus wie immer. Tom war vergnügt und sagte: "Wir werden Jim ausgraben. Das wird ungefähr eine Woche dauern."

Wir schlichen zum Haus zurück. Als ich einfach durch die Hintertür gehen wollte, hielt Tom mich zurück. Das war einem Tom Sawyer nicht romantisch genug. Er wollte unbedingt über den Blitzableiter ins Zimmer klettern; was nach dem dritten Versuch dann endlich klappte.

Am nächsten Morgen gingen wir schon früh zu den Negerhütten. Wir wollten die Hunde streicheln und mit dem Neger, der das Essen bringen musste, Freundschaft schließen. Jims Neger war dabei, Essen auf das Tablett zu häufen. Er hatte ein gutmütiges Gesicht und seine Wollhaare waren mit Fäden zu kleinen Büscheln zusammengebunden. Das sollte die Hexen abzuhalten. Er erzählte uns auch gleich, wie furchtbar ihn die Hexen in der letzten Nacht gequält hatten und steigerte sich dann richtig in seine Geschichte hinein.

Wir horchten ihn aus, für welchen Hund denn das Essen wäre? Der Neger grinste und ließ uns zur Hütte mitkommen, wir sollten den angeblichen Hund ruhig mal angucken, wenn wir wollten. Da saß doch tatsächlich Jim. "Was, Huck? Mein Gott, ist das nicht Master Tom?", rief er aus.

Da fuhr der Neger dazwischen. Er wollte wissen, ob dieser weggelaufene Neger die beiden jungen Herren kenne. Ich verneinte natürlich überzeugend und tat so, als hätte ich Jim nie gesehen. Tom tat ganz bestürzt und meinte: "Ich habe niemanden etwas sagen hören." Wir taten also ganz verwundert, dass der Neger am Ende glaubte, er hätte wieder Hexenstimmen gehört. Er bat uns, niemandem davon zu erzählen, dass er Stimmen höre.

Tom gab dem Neger ein Zehncentstück und sagte, dass wir niemandem was davon erzählen würden. Zu Jim sagte er: "Ich bin bloß neugierig, ob Onkel Silas diesen Neger aufhängen wird. Ich an seiner Stelle, wenn ich einen weggelaufenen Neger fangen würde, würde ihn gar nicht erst einsperren. Bei mir würde so einer gleich gehängt werden!"

Während wir zur Tür gingen, flüsterte Tom zu Jim: "Lass dir ja nichts anmerken, dass du uns kennst. Wenn du nachts irgendwo graben hörst, dann sind wir es. Wir wollen dich befreien.

Jim hatte gerade noch Zeit, unsere Hände zu drücken. Dann kam der Neger zurück. Wir baten ihn, wieder mal mitgehen zu dürfen in die Hütte. Er sagte, dass es ihm ganz recht wäre, vor allem wenn es dunkel würde. Da würden ihn meist die Hexen plagen und es wäre gut, wenn dann jemand mit ihm ginge.

Huckleberry und Tom schmieden Befreiungspläne

Wir gingen noch vor dem Frühstück in den Wald. Wir wollten uns modriges Holz holen, das ein wenig leuchtete, wenn man es ins Dunkle legt. Zum Graben brauchten wir doch ein wenig Licht. Wir legten einen Arm voll ins Gebüsch.

Tom war ziemlich unzufrieden. Onkel Silas war ihm zu vertrauensselig. Die Befreiung Jims war ihm zu einfach. "Wir müssen keinen Hund vergiften und keinen Wächter betäuben. Man braucht ja nur das Bett hochzuheben, die Kette runterstreifen!", maulte er. Wir besprachen noch einige wichtige Strategien, doch Tom waren meine Vorschläge immer wieder zu einfach.

In diesem Augenblick wurde zum Frühstück getutet. Wir gingen nach Haus und im Laufe des Morgens füllte ich einen Sack mit den besprochenen Dingen. Wir holten uns das modrige Holz und taten es auch in den Sack. Als alle zur Arbeit gegangen waren, schleppte Tom den Sack in den Schuppen.

Ich wollte noch Werkzeuge zum Graben beschaffen. Doch Tom sah mich nur wehleidig an: "Huck Finn, hast du schon mal gehört, dass ein Gefangener bequem mit Hacken und Schaufeln ausgebuddelt wurde? Wie kann ein Held mit so etwas Ruhm und Ehre erringen, hä?"

Tom wollte große Küchenmesser beschaffen, um uns unter den Mauern von der Hütte durchzugraben. Ich hielt das Ganze für einen ausgewachsenen Blödsinn. Aber Hauptsache war, dass Jim rauskam. Egal wie. "Was meinst du, wie lange dauert es, bis wir Jim mit den Messern ausgegraben haben?", fragte ich ihn.

"Wir können es nicht riskieren, so lange zu buddeln, wie wir von Rechts wegen müssten. Wahrscheinlich wird es nicht lange dauern, bis Onkel Silas raushat, wo Jim wirklich her ist. Ich schlage vor, dass wir uns so rasch durchgraben, wie es geht. Nachher können wir immer noch so tun, als ob es siebenunddreißig Jahre gedauert hätte."

Wir beschlossen, Jim herauszuholen und bei der ersten Gefahr mit ihm abzuhauen. Ich appellierte nochmals an Toms Vernunft und brachte den Gedanken an eine Säge als Hilfsmittel ins Spiel - aber Tom guckte mich nur enttäuscht an und sagte: "Es hat keinen Zweck, du kapierst es einfach nicht. Hau ab und such drei Küchenmesser." Und ich suchte.

Huckleberry und Tom graben sich durch

Während die anderen schliefen, kletterten wir den Blitzableiter runter. Wir schlossen uns in den Schuppen ein, holten unser faules Holz zur Beleuchtung raus und fingen an zu arbeiten. Erst räumten wir alles weg, damit wir gut an den untersten Balken kommen konnten. Dann gruben wir mit unseren Küchenmessern bis gegen Mitternacht. Schnell merkten wir, dass es lange dauern würde, bestimmt länger als siebenunddreißig Jahre.

Tom seufzte und hörte bald auf zu graben. Er kam zu dem Schluss, dass es mit dem Küchenmesser keinen Sinn machte; dass es reine Zeitverschwendung wäre. Im Sinne des Gefangenen müsste er nun doch die unanständige Variante in Betracht ziehen. "Wir müssen Jim mit den Hacken und Schaufeln rausbuddeln und so tun, als ob es Küchenmesser wären.", gab er zu.

Ich lobte ihn, und sagte, dass es nur vernünftig wäre. Hacken wären das einzig Richtige. "Ich scher mich einen Teufel drum, ob es anständig ist oder nicht!", setzte ich noch hinzu. Tom nahm die Spitzhacke, tat als ob es ein Küchenmesser wäre und fing an zu arbeiten. Er sprach kein Wort.

Ich holte mir auch eine Schaufel und wir hackten und schippten um die Wette, dass die Fetzen flogen. Das ging eine halbe Stunde so, länger konnten wir nicht durchhalten. Außerdem hatten wir ein ganz schönes Loch geschafft. Als ich schon wieder oben war in unserer Stube, sah ich, wie Tom sich abmühte, über den Blitzableiter rüberzukommen. Aber seine Hände waren zu wund. "Es hat keinen Zweck, es geht nicht", stöhnte er.

Ich entgegnete: "Geh doch einfach die Treppe rauf und bilde dir ein, es wäre der Blitzableiter."

An den nächsten Tagen organisierten wir Kerzen, Federn, eine Löffel und einen Kerzenständer aus Messing. Wir gruben das Loch fertig und beugten uns an besagtem Abend so um Mitternacht über den schnarchenden Jim. Das Loch war genau unter Jims Bett. Er war froh, uns wieder zu sehen. Am liebsten wäre er gleich geflohen. Doch Tom erklärte ihm, dass dies gegen die Regel wäre.

Erst unterhielten wir uns eine Weile über Tante Sally und Onkel Silas, die beide recht nett zu Jim waren. Auch über alte Zeiten redeten wir. Dann erklärte Tom, dass wir Jim eine Strickleiter reinschmuggeln wollten, versteckt in einer Pastete. Er dürfte Nat die Leiter aber nicht sehen lassen. Kleinere Sachen würde Tom in Onkel Silas Jackentasche verstecken, Jim sollte sie dann rausklauen. Tom führte noch mehr Ideen auf und Jim konnte nicht einsehen, wozu das meiste gut war. Aber er versprach, alles so zu tun, wie man es ihm erklärt hatte.

Mit Jims Pfeifen aus Maiskolben und Tabak ließen wir es uns noch gut gehen und dann krochen wir durch unser Loch zurück und gingen ins Bett. Am nächsten Morgen zerschlugen wir den Messingleuchter in kleine Stücke. Dann gingen wir zu den Negerhütten und während ich mich mit Nat unterhielt, schmuggelte Tom ein Stück Messing in den Maisbrei, der für Jim bestimmt war.

Wir gingen zu Jims Hütte, um zu sehen, wie alles ablief. Als Jim auf ein Stück Messing biss, wären ihm fast sämtliche Zähne ausgefallen. Aber er ließ sich nichts anmerken und war ab sofort vorsichtiger. Während wir so dastanden, kamen ein paar Hunde unter Jims Bett vorgestürzt. Es wurden immer mehr. Es waren schließlich elf Stück. Weiß der Teufel, wir hatten vergessen, die Schuppentür abzuschließen.

Nat schrie, weil er glaubte, es wären Hexen. Er schmiss sich auf den Boden und stöhnte, als ob er im Sterben liegen würde. Tom riss die Tür auf und war eine Scheibe Fleisch von Jims Essen auf den Hof. Die Hunde fielen darüber her und im Nu war der Spuk erledigt.

Nat war außer sich. Er wollte doch nur, dass diese Hexen ihn endlich in Ruhe lassen würden. Tom versprach ihm, eine Zauberpaste zu machen. "Nat hat nie nix gehört von so einem Ding. Aber es wäre das Richtige.", rief er.

Tom gab ihm Anweisungen. "Ich will es tun. Aber du darfst auf keinen Fall zugucken. Was wir auch in den Napf tun, du darfst nicht hinsehen. Auch nicht, wenn Jim den Napf leert. Sonst passiert wer weiß was. Vor allem, fass ja nicht die verhexten Sachen an"!

"Nat und anfassen? Nicht für hundert Millionen Dollar!"

Huckleberry, Tom und die Pastete

Das war also geritzt. Wir gingen in so eine Art Rumpelkammer und holten uns eine alte Waschschüssel, in der wir den Teig anmachen konnten. Dazu füllten wir Mehl hinein, stellten sie in den Keller und gingen zum Frühstück.

Tante Sally war ganz aufgeregt. Nach dem Tischgebet erzählte sie, dass im Haushalt einige Dinge fehlten. Ein Hemd, zum Beispiel. Ein Löffel und die Kerzen vermisste sie ebenfalls. Mir rutschte das Herz in die Hose. Am Tisch begann eine Diskussion, wie solche Dinge denn verschwinden könnten. Dann kam die Negerfrau rein und rief: "Missus, ein Laken ist weg und der Messingleuchter auch!" Da vermutete Onkel Silas, dass Ratten das Haus unsicher machen würden. Er nahm sich vor, am gleichen Tag noch alle Rattenlöcher zu stopfen.

Als Onkel Silas in seine Jackentasche griff, schaute er verblüfft in die Runde. Er fand doch tatsächlich den Löffel darin. Tante Sally kochte vor Wut und wir saßen alle verschüchtert da. Onkel Silas entschuldigte sich. Trotzdem warf sie uns alle raus.

Onkel Silas hat uns mit dem Löffel einen wirklich guten Dienst erwiesen, ohne dass er es wusste. Und nun erwiesen wir ihm einen guten Dienst und stopften die Rattenlöcher zu. Es dauerte eine ganze Stunde. Als wir fertig waren, hörten wir Schritte. Wir versteckten uns.

Der alte Herr kam mit einer Kerze in der Hand herunter. Ganz in Gedanken ging er zu einem Rattenloch, dann zum nächsten - bis er alle gesehen hatte. Kopfschüttelnd drehte er sich um und ging langsam wieder die Treppe hinauf. "Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich die Löcher zugestopft habe.", murmelte er verwundert. Wirklich, Silas Phelps war ein furchtbar netter Mann.

Tom war in Schwierigkeiten wegen des Löffels. Deshalb schlich er in die Küche und "borgte" sich einen. Er steckte ihn Tante Sally in die Schürze und als sie zu Jim rüberkam, fischte der ihn da raus. Am Abend hängten wir das Laken wieder auf die Wäscheleine und holten dafür ein anderes aus dem Schrank. Das wiederholten wir so lange, bis sie gar nicht mehr wusste, wie viele Laken sie eigentlich noch hatte. Der Leuchter war nicht so wichtig, der war bald vergessen. Jetzt war alles in bester Ordnung mit dem Hemd, dem Laken, dem Löffel und den Kerzen und dem verrückten Auszählen der häuslichen Gegenstände.

Die Pastete machte uns unendlich viel Mühe. Wir bereiteten sie im Wald zu, dort buken wir sie auch. Wir verbrauchten dazu drei Waschschüsseln voll mit Mehl, bis sie uns gelang. Außerdem verbrannten wir uns und die Augen tränten vom Rauch. Erst zuletzt kam uns der Gedanke, die Strickleiter in die Pastete einzubacken.

Wir blieben die nächste Nacht bei Jim. Dort rissen wir das Laken in schmale Streifen und flochten sie zusammen. Außerdem liehen wir uns eine alte Wärmpfanne aus Messing mit einem langen Holzstiel dran. Auf sie hielt Onkel Silas besonders große Stücke, weil sie eine Reliquie war. Wir füllten sie mit dem Strick und dem Teig, legten noch eine Teigdecke darüber. Obendrauf taten wir Glut und stellten das Ding ins Feuer. Nach einer Viertelstunde hatten wir eine Pastete, die sich sehen lassen konnte.

Nat sah wirklich nicht hin, als wir sie in den Napf von Jim legten. Als Jim wieder alleine war, brach er die Pastete kaputt und versteckte die Strickleiter in seinem Strohsack. Dann kratzte er ein paar Zeichen auf einen Blechteller und schmiss ihn aus dem Fenster.

Huckleberry, Tom und der heldenhafte Jim

Das Herstellen der Federn und der Säge war eine furchtbar schwere Arbeit. Tom führte sich auf, als wäre Jim ein Staatsgefangener. Jim hielt dagegen, dass er kein Wappenschild ritzen musste sondern nur Tagebuch schreiben sollte auf einem Hemd.

Während Jim und ich auf einem Ziegelstein unsere Federn zurechtfeilten, dachte Tom über ein Wappenschild nach. Schließlich fiel ihm ein passendes Motiv ein: "Das Schild muss einen Querbalken haben und im rechten Feld unten ein dunkelrotes Andreaskreuz und einen kauernden Hund. Unter seinen Füßen muss eine Kette sein als Zeichen der Sklaverei. Im Schildkopf müssen ein grüner ausgezackter Sparren und drei eingekerbte Linien in einem blauen Feld sein. Dann muss in der Mitte über einer Säge ein fortlaufender Neger mit geschultertem Bündel sein. Und rechts zwei Stützen, das sind wir beide. Motto: Je hastiger umso unvornehmer. Das habe ich aus einem Buch!"

Tom trieb uns an, wir sollten loslegen. Wir hätten keine Zeit zu verschwenden. Danach dachte er sich einige traurige Inschriften aus wie: Hier brach ein gefangenes Herz; und noch einige ausschweifendere Erinnerungssprüche.

Jim sollte alle in die Wand ritzen. Doch er erklärte, dass er dazu mindestens ein Jahr brauchen würde. Außerdem wüsste er gar nicht, wie Buchstaben gemacht würden. Überhaupt ging alles nur langsam voran. Da hatte Tom die Idee, alles auf den großen Mühstein zu schreiben, der noch in der Mühle lag.

Das war eine große Idee, aber auch ein großer Mühlstein. Wir schritten sofort zur Tat. Aber es gestaltete sie so schwierig, dass wir Jim zu Hilfe holen mussten. So hob er also sein Bett hoch, machte die Kette vom Pfosten los und wickelte sie sich einige Male um den Hals. Dann krochen wir durch das Loch ins Freie und Jim und ich rollten den Stein weiter, während Tom uns beaufsichtigte. Das konnte er besser als sonst irgendwer.

Als der schwere Mühlenstein endlich in der Hütte war, ritzte Tom mit einem Nagel die Inschriften vor. Jim sollte sofort mit der Arbeit beginnen. Und er sollte so lange arbeiten, bis der Rest der Kerze niedergebrannt war. Eher durfte er nicht ins Bett.

Sie hatten sich schon verabschiedet, als Tom fragte, ob es hier Spinnen gäbe. Ich erinnerte ihn daran, dass Jim vor Spinnen ebensolche Angst hätte wie vor Klapperschlangen. Doch dies brachte Tom nur noch auf weitere Ideen. Er erklärte Jim, dass jeder richtige Gefangene einen stummen Freund bräuchte, und wenn es nur eine Klapperschlange ist.

Doch Jim verweigerte diese Idee mit aller Macht. Da ging Tom auf Ringelnattern und Ratten über, welche aber ebenso unbeliebt waren bei Jim. Tom gab Jim Tipps, wie ein Gefangener mit solchen Tieren umzugehen habe. Auf jeden Fall liebten diese Tiere die Musik, zum Beispiel könne Jim ja ein wenig auf dem Kamm blasen. Und auf jeden Fall müsse er noch eine Pflanze großziehen. Auch das mache jeder große Gefangene.

Jim lenkte ein und wollte es versuchen, auch wenn es im Raum ziemlich dunkel war. Auch hierfür hatte Tom einen Rat. "Du darfst kein Wasser nehmen, du musst sie mit deinen Tränen gießen. Nur dann gedeiht sie!"

"Dann wird sie sterben. Jim weint niemals!", erwiderte er. Außerdem beschwerte er sich darüber, dass er es nicht verstehen könne, weshalb er als Gefangener so ein Theater veranstalten müsse. Er hätte mehr Mühe und Ärger damit, ein Gefangener zu sein, als irgendetwas anderes, was er in seinem Leben angefangen hätte.

Tom hätte fast die Geduld verloren. Er sagte ihm, dass kein Gefangener vor ihm je solche Möglichkeiten gehabt hätte, zu Ruhm zu gelangen. Und bei ihm wäre Hopfen und Malz verloren.

Da wurde Jim traurig und versprach, sich ab jetzt besser zu benehmen. Tom und ich zogen ab und gingen ins Bett.

Huckleberry und Tom schreiben Briefe

Am nächsten Morgen kauften wir im Städtchen Rattenfallen aus Draht. Zuhause stellten wir sie auf, machten ein Rattenloch wieder auf und hatten innerhalb einer Stunde fünfzehn prachtvolle Ratten gefangen. Wir stellten die Falle dann unter Tante Sallys Bett. Dann gingen wir auf Spinnenfang.

Währenddessen fand der kleine Thomas Franklin Phelps die Falle und machte die Türe auf, um zu sehen, ob die Ratten auch rauskommen würden. Das taten sie natürlich sofort. Just in diesem Moment kam Tante Sally herein. Als wir nach Hause kamen, stand sie immer noch auf dem Bett und machte Krach. Tante Sally knöpfte uns beide vor und wir kriegten Prügel.

Ganze zwei Stunden brauchten wir, um uns fünfzehn neue Ratten zu fangen. Und sie waren nicht annähernd so fett und schön wie die ersten. Wir verschafften uns noch einen Vorrat von Spinnen, Käfern, Raupen, Fröschen und anderem Getier. Am liebsten wäre uns ein Hornissennest gewesen. Aber daraus ist nichts geworden.

Dann fingen wir noch ein paar Dutzend Blindschleichen und Ringelnattern. Die taten wir in einen Beutel und brachten sie in unser Zimmer. Dann gab es Abendbrot. Als wir wieder zurückkamen, war keine einzige Schlange mehr da. Wahrscheinlich hatten wir den Sack nicht richtig zugebunden; sie mussten sich irgendwie rausgearbeitet haben. Na ja, sie mussten ja noch irgendwo im Haus sein. Wir würden sie schon noch erwischen.

In nächster Zeit hatten wir auf jeden Fall keinen Mangel an Schlangen im Haus. Leider hatte Tante Sally eine derartige Abscheu vor diesen Tieren, dass sie jedes Mal in schreckliches Gezeter und Geschrei ausbrach, wenn sie eine sah. Und jedes Mal bekamen wir Dresche.

Die Keile machte mir nichts. Mir tat es nur um die verlorene Mühe leid, die das Fangen gemacht hatte. Schließlich hatten wir sie alle wieder beisammen. Nun begann für Jim die Zeit der Angst und des Unbehagens. Er meinte, er könne vor lauter Gekrabbel nicht mehr schlafen. Wenn er hier je glücklich herauskommen würde, wollte er sein Leben lang nie wieder Gefangener sein. Auch nicht, wenn er dafür bezahlt würde.

Nach drei Wochen hatten wir alle Vorbereitungen getroffen. Wir waren alle ziemlich erschöpft. Onkel Silas hatte inzwischen den Besitzer der Plantage bei New Orleans angeschrieben, er solle den fortgelaufenen Neger abholen lassen. Aber es konnte ja keine Antwort kommen, weil es diese Plantage überhaupt nicht gab. Dann wollte er in den Zeitungen von New Orleans und St. Louis eine Anzeige aufgeben. Da wurde mir mulmig und ich begriff, dass wir keine Zeit mehr zu verlieren hätten. Tom sagte, dass jetzt die Zeit für die annunühmen Briefe gekommen wäre.

Ich fragte ihn, was denn das wäre. Er erklärte mir, dass dies Warnungen an Leute seien, die denen erklärten, dass was Unglaubliches im Gange ist. Ich verstand zwar nicht, weshalb das so wichtig sein sollte, aber wenn Tom es wichtig fand…

Tom schrieb also den annunühmen Brief und ich klaute in der Nacht der Negermagd einen Rock, zog ihn über und schob den Brief unter die Haustür. Der Brief lautete:

Hütet euch! Man braut Unheil. Seid auf der Hut! - Ein unbekannter Freund.

In der nächsten Nacht klebten wir ein Blatt Papier an, auf das Tom mit Blut einen Totenschädel gemalt hatte. In der übernächsten Nacht malten wir einen Sarg auf und klebten das bemalte Papier auf die Hintertür.

Ich habe noch nie eine Familie gesehen, die so aufgeregt war wie die Phelps. Sie hätten nicht entsetzter sein können. Tante Sally war übernervös, sie erschrak bei der geringsten Kleinigkeit. Sie hatte Angst, zu Bett zu gehen, aber auch keinen Mut aufzubleiben.

Tom war sehr zufrieden. "Jetzt kommt der große Schlag.", sagte er.

Wir schrieben am nächsten Morgen noch einen Brief. In der nächsten Nacht sollten zwei Neger die ganze Nacht Wache stehen. Tom kletterte den Blitzableiter runter. Der Neger, der an der Hintertür Wache stehen sollte, schlief wie ein Stein. Tom steckte ihm den Brief hinten in den Kragen und kam zurück. Der Brief hatte folgenden Inhalt:

Verratet mich nicht, ich bin euer Freund. Die verwegenen Halsabschneider aus dem Indianergebiet beabsichtigen heute Nacht, euren fortgelaufenen Neger zu stehlen. Sie haben euch inzwischen so eingeschüchtert, dass ihr das Haus nicht mehr verlasst. Weil ich in Zukunft ein ehrliches Leben führen möchte, verrate ich den teuflischen Plan. Man wird um Punkt Mitternacht von Norden am Zaun heranschleichen. Mit einem falschen Schlüssel wird man die Hütte des Negers öffnen und ihn rausholen. Ich soll ein Stück entfernt warten und Alarm blasen, sobald Gefahr droht. Wenn sie seine Ketten lösen, müsst ihr ranschleichen und sie einschließen. Dann könnt ihr sie nach Belieben töten. Macht nichts anderes, als was ich euch sage. Ansonsten würden sie ein Indianergeheul erheben. Ich verlange keine Belohnung, ich will nur Rechtes tun. - Ein unbekannter Freund.

Huckleberry und der verletzte Tom

Bei all den Vorbereitungen fühlten wir uns sauwohl. Nach dem Frühstück holten wir mein Kanu und fingen auf dem Fluss einige Fische. Wir kamen erst zum Abendbrot wieder nach Hause. Die anderen schwitzten vor Aufregung und wussten kaum wo ihnen der Kopf stand. Aber keiner sagte uns, was los war.

Nach dem Abendbrot sollten wir zu Bett gehen. Als wir oben unbeobachtet waren, schlichen wir uns in den Speisekammerschrank, packten uns ein ordentliches Frühstück zusammen und nahmen es mit auf unser Zimmer. Um halb zwölf Uhr standen wir wieder auf. Tom zog das Kleid an, das er Tante Sally gestohlen hatte. Er wollte sich gerade mit dem Frühstück auf den Weg machen, als ihm einfiel, dass gar keine Butter dabei war.

Deshalb schickte er mich in den Keller, um Butter zu holen. Ich sauste über den Blitzableiter hinunter, während Tom bereits loszog, um das Stroh in Jims Kleider zu stopfen, die seine verkleidete Mutter darstellen sollte.

Das Stück Butter lag immer noch an der Stelle, wo ich es vorher hingelegt hatte. Ich griff danach und pustete das Licht aus. Ich kam bis zum Flur, da erschien plötzlich Tante Sally. Ich stopfte die Butter unter meinen Hut und setzte ihn auf. Sie wollte natürlich wissen, was ich gemacht hätte. Und weil ich nichts sagte, zitierte sie mich ins Wohnzimmer. "Du hast sicher etwas tun wollen, was dich gar nichts angeht. Ich kriege das aber bald heraus.", schimpfte sie.

Sie ging erst, als ich ins Wohnzimmer gegangen war. Dort traf mich fast der Schlag. Mindestens fünfzehn Farmer standen hier, mit einer Flinte in der Hand. Mir wurde furchtbar übel. Sie waren allesamt unruhig. Ich nicht minder. Die Männer wollten die erwarteten Halunken einfangen. Die Luft im Zimmer wurde immer heißer. Da sagte einer: "Ich bin dafür, dass wir sofort losgehen und die Kerle in der Hütte abfangen." Jetzt lief mir ein Stück Butter langsam über meine Stirn. Tante Sally sah es und wurde kalkweiß. Sie rief: "Der Junge hat Gehirnfieber, es läuft ja schon alles raus!"

Alle stürzten sich auf mich und sie riss mir den Hut vom Kopf. Und runter fiel das, was von der Butter noch übrig war. Sie umarmte mich und war froh, dass nichts Schlimmeres passiert war. Dann schickte sie mich wieder ins Bett. Ich sollte ihr vor morgen Früh nicht mehr unter die Augen kommen.

In der nächsten Sekunde war ich oben, den Blitzableiter wieder unten und durch das Dunkel zum Schuppen gerannt. Ich konnte vor Angst kaum noch ein Wort rausbringen. Trotzdem erzählte ich Tom alles so rasch es ging. Wir durften jetzt keine Minute mehr verlieren. Tom fand das natürlich wieder großartig. Er wollte am liebsten zweihundert Männer zusammenkriegen…

"Mach schnell!", sagte ich. "Wo ist Jim?"

Jim war bereits verkleidet, alles war vorbereitet. Da hörten wir das Getrampel von Männern und ein Gefummel am Schloss. Sie wollten sich in der Hütte verstecken bevor die Halunken kommen würden und sie dann erschießen, wenn sie die Hütte betreten würden.

Im Nu waren wir unterm Bett und wir konnten heimlich durch das Loch entkommen. Es war so dunkel, dass wir nichts erkennen konnten. Wir flüsterten uns zu, dass wir besser warten sollten, bis nichts mehr zu hören war. Wir horchten und horchten. Schließlich stieß Tom uns an und wir schlüpften mit angehaltenem Atem geduckt raus. Ohne das kleinste Geräusch zu machen. Jim und ich kamen gut über den Zaun, aber Tom blieb mit dem Hosenboden an einem Splitter hängen und es gab einen ziemlichen Knacks. Er lief hinter uns her.

Aber da rief schon jemand: "Wer da? Antwort oder ich schieße!"

Wir antworteten natürlich nicht, sondern rannten davon. Da hörten wir ein komisches Geräusch in der Luft und die Kugeln sausten uns um die Ohren. Gleichzeitig ließen sie die Hunde los. Sie setzten hinter uns her, wir konnten sie deutlich hören, denn sie hatten schwere Stiefel an. Als sie uns fast erreicht hatten, bogen wir seitwärts in die Büsche ab und ließen sie vorbeirennen. Zum Glück kannten uns die Hunde und rannten weiter, nachdem sie uns beschnuppert hatten. Keiner merkte was.

An der Stelle, wo mein Kanu festgemacht war, sprangen wir ins Boot und ruderten mit aller Kraft zur Mitte vom Fluss. Wir hörten noch eine Weile Schreien und Bellen am Ufer. Aber schließlich waren sie so weit weg, dass die Geräusche schwächer wurden. Als wir auf das Floß kletterten, sagte ich: "Nun bist du wieder ein freier Mann, Jim. Ich gebe dir meine Hand darauf, dass du nie wieder Sklave wirst."

Jim lobte uns und wir alle waren furchtbar froh. Tom war am frohesten von uns, denn er hatte eine Kugel ins Bein gekriegt. Als Jim und ich das hörten, war uns gar nicht mehr großartig zumute. Die Wunde blutete und tat ihm sehr weh. Wir rissen ein Hemd in Stücke und verbanden Tom damit. Doch der wollte das selbst erledigen. Er drängte uns zur Eile. "An die Ruder!", sagte er.

Jim und ich überlegten, was nun zu tun wäre. Tom brauchte einen Arzt. Er machte natürlich Spektakel als Jim es ihm erklärte. Aber wir ließen uns nicht beirren. Als er sah, dass wir das Kanu fertig machten, um den Arzt zu holen, wollte er wenigstens noch sagen, wie wir es machen müssen, wenn wir zu dem Doktor kämen.

"Schließ die Türe hinter dir zu und verbind dem Doktor rasch die Augen. Lass ihn schwören, dass er schweigen wird. Gib ihm eine Börse mit Goldstücken und dann nimm ihn bei der Hand und führ ihn auf Umwegen zum Kanu und dann hierher.", befahl Tom.

Ich versprach, alles genau so zu machen und fuhr ab. Jim sollte sich im Wald verstecken und dort bleiben, bis der Doktor wieder weg wäre.

Huckleberry kehrt zu den Phelps zurück

Der Doktor war ein sehr netter alter Herr. Ich musste ihn aus dem Bett holen. Dann erzählte ich ihm, dass mein Bruder sich im Schlaf aus Versehen mit der Flinte ins Bein geschossen hätte. Er möchte bitte so freundlich sein und rüberkommen, die Wunde zu säubern und zu verbinden. Aber er dürfte es keinem Menschen erzählen. Denn mein Bruder und ich, wir wären auf einem Ausflug und wir wollten unsere Verwandten nicht beunruhigen.

Er fragte, wer denn unsere Verwandten wären. Ich antwortete: "Die Phelps." Er schien sie zu kennen und fragte mich weiter aus. Über den genauen Hergang des Unglücks wollte er alles wissen. Ich schlängelte mich mit harmlosen Antworten durch. Ich erklärte ihm, wo er das Floß finden würde. Dann setzte er sich ins Kanu, obwohl ihm das sehr unsicher und wackelig schien.

Ich blieb zurück und begann nachzudenken. Was, wenn ich dem Doktor nun doch nicht vertrauen kann. Am besten wäre, wenn wir ihm seinen Lohn erst auszahlten, nachdem er Tom verarztet hätte. So lange müssten wir ihn allerdings festhalten, nicht dass er die Geschichte irgendwo herumerzählte. Ich konnte unmöglich hier so lange herumsitzen. Während ich überlegte, kroch ich in einen Holzhaufen, um ein wenig zu schlafen.

Als ich wieder aufwachte, ging ich sofort zum Haus von dem Doktor. Die Sonne stand hoch am Himmel. Dort sagten sie mir, dass der Doktor heute Nacht fortgegangen wäre, aber noch nicht zurück wäre. Jetzt machte ich mir riesige Sorgen um Tom. Ich machte mich auf, aber als ich um die nächste Ecke bog, stieß ich auf Onkel Silas.

Wir waren beide überrascht. Auf seine Fragen, wo ich und Sid denn gewesen wären, antwortete ich stotternd. Ich erzählte ihm, dass wir auch hinter den Halunken hergerannt wären, sie aber nicht einholen konnten. Als wir auf dem Wasser was gehört hätten, wären wir bis zum anderen Ufer gerudert. Dort wären wir dann vor Erschöpfung eingeschlafen. Die Halunken hatten wir natürlich nicht gefunden.

Ich schwindelte ihm vor, dass Sid auf der Post wäre. Dort sahen wir nach - Sid war natürlich nicht da. Und weil Onkel Silas nicht länger warten wollte, gingen wir beide alleine nach Hause. "Sid soll dann zu Fuß nachkommen"; meinte er. "Wir können Tante Sally nicht mehr länger warten lassen. Sie macht sich so große Sorgen um euch."

Tante Sally war glücklich, mich wieder zu haben. Sie gab mir die übliche Tracht Prügel und Sid würde seine auch noch abkriegen, sagte sie.

Zu Hause war ein Geschnatter auf dem Hof wie ich es meiner Lebtag noch nicht gehört hatte. Die Leute versuchten für die Gegenstände in der Hütte eine Erklärung zu finden. Sie überlegten, dass ein Mensch der noch bei Trost wäre, doch keinen solchen Blödsinn auf einen Mühlstein schreiben würde. Sie vermuteten, dass der Neger absolut verrückt sein musste. Und wer das Loch gegraben hatte, das war ihnen auch noch ein Rätsel. So gingen die Überlegungen hin und her.

Tante Sally erzählte, dass sie alle doch so vorsichtig gewesen wären. Sie wären ständig auf der Hut gewesen und hätten alles beobachtet, was sich bewegt hätte. "Auch wenn es jetzt bei Tag lächerlich erscheint", sagte sie, "gestern Abend habe ich sogar meine beiden schlafenden Jungs oben eingeschlossen." Daraufhin überlegt sie kurz, unsere Blicke trafen sich. Dann verließ ich das Zimmer.

Ich wollte draußen einen klaren Kopf bekommen. Sie verlangte jetzt bestimmt eine Erklärung, weshalb wir am Morgen nicht mehr in unserem Zimmer waren.

Gegen Abend gingen die Leute fort und ich erzählte der Tante, dass mich und Sid der Lärm geweckt hätte. Weil wir neugierig waren, wären wir den Blitzableiter runtergeklettert, weil doch die Tür abgeschlossen gewesen wäre. Dabei hätten wir uns beide ein wenig verletzt und wollten es bestimmt nie wieder tun. Dann erzählte ich ihr noch die Geschichte, die ich bereits Onkel Silas erzählt hatte. Sie sagte, dass sie froh wäre, dass wir beide heil wären. Schließlich strich sie mir übern Kopf und wurde dabei ganz nachdenklich.

"Um Gottes willen, es ist ja fast Nacht und Sid ist immer noch nicht da.", rief sie entsetzt.

Das war meine Chance. Ich sprang auf und rief, dass ich in die Stadt laufen wollte, um Sid zu holen. Doch Tante Sally verbot es mir. Onkel Silas kam gegen zehn zurück. Er war beunruhigt, weil er nirgends eine Spur von Sid gefunden hatte. Trotzdem beschloss er, dass ein Junge in dem Alter sicher am nächsten Morgen heil und gesund wieder auf der Bildfläche erscheinen würde.

Bald ging ich zu Bett. Tante Sally kam zu mir aufs Zimmer und deckte mich zu und bemutterte mich, dass ich mir ganz gemein vorkam. Sie setzte sich an mein Bett und sprach noch lange mit mir. Dann fragte sie mich noch einmal aus, weil sie Angst hatte, dass Sid etwas Ernsthaftes geschehen sein könnte; er könnte ja ertrunken sein oder so etwas. Dabei rollten ihr Tränen die Backen runter. Ich beruhigte sie.

Als sie endlich ging, sah sie mir mit festem Blick in die Augen und sagte: "Tom, du wirst doch nicht abhauen, oder? Ich schließe die Zimmertüre nicht ab." Ich gab mein Versprechen ab und dann ging sie endgültig nach unten. Mein Gott, wie gerne wäre ich abgehauen. Ich machte mir doch so große Sorgen um Tom. Aber jetzt hätte ich es nicht mehr gekonnt.

Als ich aufwachte, war es schon fast Morgen. Als ich nach unten schlich, saß die Tante noch am Fenster. Die Kerze war fast runtergebrannt und ihr müder Kopf lag auf dem Tisch. Sie war eingeschlafen.

Huckleberry und Tom gestehen die Wahrheit

Bereits vor dem Frühstück war Onkel Silas auf dem Weg ins Städtchen. Er fand wieder keine Spur von Sid. Tante Sally und er sahen sehr betrübt aus. Sie ließen ihren Kaffee kalt werden und aßen nichts. Da sagte der Onkel auf einmal: "Habe ich dir eigentlich den Brief gegeben, den aus St. Petersburg von deiner Schwester?"

"Nein, du hast mir keinen Brief gegeben", erwiderte sie ganz aufgeregt.

Er suchte all seine Taschen durch und holte ihn schließlich von irgendwo, wo er ihn hingelegt hatte. Ich wusste sofort, dass es wieder einmal Zeit für einen Spaziergang war. Ehe Sally aber den Brief geöffnet hatte, ließ sie ihn fallen und lief fort. Sie hatte Tom Sawyer auf einer Bahre gesehen. Der alte Doktor und Jim, die Hände auf dem Rücken gefesselt, begleiteten ihn. Ich versteckte rasch den Brief und stürzte raus. Die Tante warf sich weinend über Tom.

Als sie merkte, dass er noch lebte, war sie sehr erleichtert. "Mehr verlange ich gar nicht.", seufzte sie.

Ich ging hinter den Leuten her und schaute zu, wie sie Jim wieder in seine Hütte brachten. Sie ketteten ihn wieder fest, fesselten ihn an Händen und Füßen und sagten ihm, dass er nach dieser Geschichte nur Wasser und Brot zu erwarten hätte. Natürlich schütteten sie auch unser Loch zu und während der Nacht sollten immer ein paar Farmer mit Flinten Wache stehen. Tagsüber wollten sie dann eine Bulldogge festbinden.

Der Doktor nahm Jim in Schutz. Er lobte vor allem seine Hilfsbereitschaft, als es um Toms Verletzungen ging. Jim hätte seine Freiheit in Gefahr gebracht und vorbildlich assistiert. Er hätte noch nie im Leben einen Neger gesehen, der ein so guter und treuer Krankenpfleger war. "Er ist kein schlechter Kerl, meine Herren.", schloss er seine Lobeshymne.

Da waren die Leute besänftigt. Doch die Ketten nahmen sie Jim trotzdem nicht ab. Ich hielt es aber für besser, vorläufig nichts zu sagen. Erst wollte ich Tante Sally die Erzählung des Doktors stecken. Aber die war Tag und Nacht im Krankenzimmer.

Am nächsten Morgen hörte ich, dass es Tom schon viel besser ging. Als Tante Sally sich zu einem Nickerchen zurückzog, schlich ich ins Krankenzimmer. Falls Tom wach war, wollte ich mit ihm was aushecken und der ganzen Familie einen Bären aufbinden. Aber Tom schlief ganz ruhig. Nach einer Weile kam Tante Sally dazu. Sie sagte, dass es um Sid wieder sehr gut stünde.

Wir warteten, bis er sich endlich ein bisschen bewegte. Er fragte gleich nach Jim und ob ich Tante Sally alles erzählt hätte. Da hatte ich den Salat. Bevor ich einschreiten konnte, begann Tom, Tante Sally die ganze Geschichte zu erzählen. Wie wir den Neger befreit hätten, dass wir alle Sachen geklaut hatten, die Inschriften und das Loch in der Hütte - eben alles.

Tante Sally bebte vor Wut. Die ganze Angst, die sie durchlebt hatte. Sie drohte uns mit Prügel. Sie konnte sich nicht mehr beruhigen.

Tom war so stolz auf seine Heldentat, dass er gar nicht mehr aufhören konnte. Tante Sally unterbrach ihn. Erst jetzt verstand Tom, dass Jim wieder in Gefangenschaft war. Er schrie: "Dazu habt ihr kein Recht! Er ist kein Sklave, er ist frei."

"Was meinst du damit?", fragte Tante Sally.

"Die alte Miss Watson ist vor zwei Monaten gestorben. Und weil sie sich so furchtbar geschämt hat, dass sie Jim hat überhaupt verkaufen wollen, hat sie ihm die Freiheit geschenkt. In ihrem Testament. Jawohl."

"Aber weshalb hast du ihn dann befreien wollen?", fragte sie verständnislos.

"Das kann jetzt nur eine Frau fragen. Ich wollte doch das Abenteuer erleben und mal bis zu den Knöcheln in Blut waten…! Tante Polly!"

Wirklich und wahrhaftig, da stand Tante Polly mitten in der Tür. Wie ein Engel, lieb und sanft. Tante Sally flog ihr um den Hals und weinte. Ich suchte mir derweilen unterm Bett ein Plätzchen. Jetzt konnte die ganze Sache brenzlig werden für uns.

Und tatsächlich. Tante Polly erkannte natürlich, dass der Junge im Bett Tom war und nicht Sid. Und vor allem entlarvte sie mich: Huck Finn. Ich habe noch nie einen Menschen so verblüfft gesehen wie Tante Sally. Obwohl, Onkel Silas war ebenso verblüfft, als er die Geschichte erzählt bekam.

Tante Polly erzählte haarklein, wer und was ich wäre. Ich musste auch erzählen, weshalb ich in der Klemme steckte. Doch Tante Sally war mir nicht wirklich böse, sie bot mir sogar an, sie weiterhin Tante Sally zu nennen. Ich fuhr also fort und gestand alles.

Tante Polly bestätigte, dass Jim laut Miss Watsons Testament ein freier Mann wäre. Als sie aber die Briefe von Tante Sally bekommen hatte, in denen geschrieben stand, dass Tom und Sid gut angekommen waren, da wäre sie etwas verwirrt gewesen. Deshalb war sie überhaupt erst gekommen. Denn Tante Sally hätte auf die vielen Briefe, die sie geschrieben hätte, gar nicht geantwortet.

Sie hatte natürlich keine Briefe bekommen. Tante Polly wusste gleich was los war; sie blickte Tom an und sagte: "Los, wo sind sie. Gib die Briefe her!"

Da zeigte Tom auf die Truhe. Kleinlaut gab er zu, dass er sie alle reingetan hätte, ohne sie zu lesen. Er hatte Angst davor, dass er Unannehmlichkeiten bekommen würde. Tante Polly sagte: "Aber den dritten Brief, den hast du doch bekommen, oder?"

"Aber ja, gestern. Ich habe ihn noch nicht gelesen. Aber den habe ich."

Na ja, ich hätte ruhig um zwei Dollar wetten können, dass sie ihn nicht hatte; aber ich dachte, es ist besser, wenn du kein Wort sagst.

Huckleberry verabschiedet sich

Als ich Tom zum ersten Mal wieder alleine traf, fragte ich ihn, was er eigentlich nach unserer Flucht vorgehabt hätte. Er sagte mir, er wollte, dass wir mit dem Floß flussabwärts gefahren wären. Bis zur Flussmündung wäre das noch sehr abenteuerlich gewesen. Jim hätten sie zuletzt erzählt, dass er frei wäre. Dann hätten wir ihn mit dem Dampfer wieder nach Hause gebracht.

Natürlich hätten wir ihn für die verlorene Zeit bezahlt und nach Hause geschrieben, damit die ganzen Neger der Umgebung ihn hätten mit einem Fackelzug abholen können. Dann hätte Jim als Held dagestanden und wir auch.

Ich dachte, dass es für Jim besser war, wie es jetzt ausgegangen war.

Wir ließen Jim natürlich sofort die Ketten abnehmen. Und weil Jim dem Doktor so gut geholfen hatte bei der Pflege von Tom, bekam er neue Sachen zum Anziehen und so viel und gut zu essen, wie er nur wollte. Er brauchte nicht zu arbeiten. Deshalb holten wir Jim zu uns rauf ins Krankenzimmer und wir hatten uns natürlich viel zu erzählen.

Tom gab ihm vierzig Dollar, weil er so ein geduldiger Gefangener gewesen war. Jim war vor Freude ganz aus dem Häuschen. Es kam so, wie er es schon auf der Jackson-Insel vorausgesagt hatte, ganz am Anfang unseres Abenteuers. Er würde mal ein reicher Mann werden und nun ist es wahr geworden.

Tom fing schon wieder an, neue Abenteuer zu planen. Doch ich warf ein, dass ich sicher kein Geld mehr dazu haben würde. "Mein Alter hat sich bestimmt schon alles von Richter Thatcher geben lassen und es sich durch die Gurgel gejagt!"

"Hat er nicht!", sagte Tom. "Dein Vater hat sich nicht mehr blicken lassen."

Da sagte Jim leise und ernst: "Er wird auch nicht wieder kommen, Huck. Kannst du dich noch an das Haus erinnern, während des Sturms. Der Tote, als ich gesagt hatte, du sollst ihn nicht angucken… Das war dein Vater. Na, jetzt kannst du all dein Geld haben."

Tom ist jetzt wieder beinahe gesund. Die Kugel hängt an einer Uhrkette um seinen Hals, wie eine richtige Uhr. Er sieht auf ihr immer nach der Zeit. Mehr habe ich nicht mehr zu erzählen. Denn wenn ich gewusst hätte, was es für eine Mühe macht, ein Buch zu schreiben, dann hätte ich gar nicht erst angefangen.

Aber ich glaube, ich muss eher zu den Indianern auskratzen wie die anderen; Tante Sally will mich adoptieren und mich zu einem anständigen Menschen machen. Das kann ich doch nicht aushalten. Ich kenn das noch von der Witwe Douglas.

Viele Grüße von eurem
Huck Finn

Der Klassiker HUCKLEBERRY FINN von Mark Twain (1835-1910) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Edward Windsor Kemble (1861-1933) hergestellt.


Seiten URL:
http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=133



Copyright © 2021 LABBÉ GmbH, D-50126 Bergheim