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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Die Sagen der Römer

von Gustav Schwab

Aeneas

Nach zehnjährigem Kampf war Troja [1] dem Erdboden gleich gemacht. Die Überlebenden erwartete die Sklaverei bei den siegreichen Griechen, und nur wenige Trojaner konnten sich in die Freiheit retten.

Einer von ihnen war Aeneas, der Sohn von Anchises und Aphrodite [2]. In jener Nacht, als der Grieche Odysseus mit seinem hölzernen Pferd [3] die Trojaner überlistete, erschien Aeneas der gefallene Hektor [4] im Traume. Der tote Waffenbruder mahnte ihn, eilig die Stadt zu verlassen. Auch riet er ihm, seine Hausgötter vom Altar zu nehmen und mit sich zu führen. In weiter Ferne werde er eine neue Heimat finden.

Da erwachte Aenas erschreckt aus dem Schlafe, denn es erhob sich ein wilder Kampfeslärm. Er eilte auf die Straße, sah die Stadt in Flammen stehen und Erschlagene in allen Gassen.

Äneas stürzte zurück ins Haus, um seine Familie zu retten, doch sein alter Vater weigerte sich zu gehen. Er wollte diesen Ort nicht mehr lebend verlassen. Plötzlich aber fiel dem Sohn von Aeneas eine Flamme aufs Haupt, ohne ihm auch nur ein Haar zu versengen. Es musste eine Mahnung der Götter sein, sich nicht den Flammen zu stellen. Da gab Aeneas seinem Vater Anchises die Hausgötter in den Arm und nahm ihn auf seinen Rücken. So machte er sich mit seinem Sohn und seiner Frau daran, die brennende Stadt zu verlassen.

Aphrodite, die göttliche Mutter des Helden, bahnte ihnen hilfreich den Weg durch das wilde Kampfgetümmel. Doch im Gewirr der brennenden Gassen verlor Aeneas seine Frau aus den Augen. Er sollte sie nicht wiedersehen.

Mit nur wenigen Gefährten, die sich um ihn scharten, gelangte Aeneas in eine kleine Hafenstadt am Meer. Dort zimmerten sich die Flüchtlinge Boote zusammen, um eine neue Heimat in der Fremde zu finden.

Im Tempel des Apollon [5] auf der Insel Delos flehte Aeneas um Rat, und der Gott wies ihm den Weg zu den Italern. In diesem Lande der Verheißung sollte Aeneas mit den Seinen seinen neuen Wohnsitz bauen.

Es war nicht leicht, die Fahrt in die neue Heimat glücklich zu beenden. Lange irrten sie umher und manch tapferer Gefährte büßte das Wagnis der Reise mit seinem Leben. Dieses Los wurde auch Vater Anchises zu Teil, und Aeneas trug ihn auf der Fahrt zu Grabe.

Die Hoffnung auf eine neue Heimat schwand schon dahin, da erreichte Aeneas endlich die Küste des verheißenen Landes. Es war dort, wo der Fluss Tiber [6] sich nach Westen in das große Meer ergoss. Diese Landschaft wurde Latium genannt, weil König Latinus hier herrschte. Dieser fand Gefallen an den Fremden, nahm sie gastfreundlich auf und gewährte ihnen gerne, in seinem Lande zu bleiben. Damit nicht genug, versprach er, seine Tochter Lavinia dem Helden Aeneas als Gattin zu geben.

Lavinia aber war schon dem König der Rutuler versprochen, der über ein benachbartes Volk herrschte. Dies nutzte die Mutter von Lavinia aus, um Zwietracht zwischen Latinus und Aeneas zu säen. So entbrannte ein schwerer Krieg, bei dem Aeneas den König der Rutuler im Zweikampf tödlich besiegte.

Mit Hilfe der Götter gelang dann auch der Sieg gegen das vereinigte Heer der Rutuler und Latiner, worauf sich Aeneas mit König Latinus versöhnte. Nun konnte Aeneas die schöne Lavinia zur Gemahlin nehmen und ihr zu Ehren eine schöne Stadt mit dem Namen Lavinium bauen. Latinus aber machte Aeneas zu seinem Erben.

So wurde Äneas König in Latium, und es währte nicht lange, da waren Trojaner und Latiner in einem Volke vereint. Jetzt konnte Aeneas getrost dem neuen Kriege entgegensehen, zu dem die Rutuler rüsteten. Die feindlichen Nachbarn hatten sich mit den Etruskern verbündet und standen schon drohend an den Grenzen.

Doch wieder blieb Aeneas mit seinen Männern siegreich, auch wenn er den höchsten Preis zu zahlen hatte. Der Sieg kostete ihn das Leben.

Das Volk erwies dem Helden göttliche Ehren und machte seinen Sohn zum König, der sich fortan Iulus nannte. Unter seiner Herrschaft gab es endlich Friede zwischen Latinern und Etruskern, und der Tiber bildete die Grenze.

Die Stadt Lavinium aber wuchs so mächtig heran, dass ihre Mauern schon bald die Bewohner nicht mehr fasste. Da erbaute Iulus eine neue prächtige Stadt und nannte sie Alba Longa. Mehr als dreihundert Jahre sollten hier die Nachkommen des Königs über die weite Landschaft am Tiber herrschen.

 

Erklärungen:

[1] Troja war eine bedeutende Handelsstadt am Eingang zum Marmarameer. Dieses Meer ist die Verbindung zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer. Der deutsche Forscher Heinrich Schliemann hat Troja im 19. Jahrhundert wiederentdeckt.

[2] Aphrodite ist die Göttin der Liebe und Schönheit. Bei den Römern steht die Göttin Venus an ihrer Stelle.

[3] Die Griechen bauten der Sage nach ein großes Holzpferd, in dessen Bauch sich mehrere Kämpfer verstecken. Dieses Pferd wurde von den Trojanern in ihre Stadt gezogen, als die griechischen Truppen aufs Meer hinausgefahren waren. Die Trojaner feierten ausgelassen ihren Sieg und legten sich dann schlafen. Nun kletterten die Krieger aus dem Pferd und öffneten Tore. Die Griechen waren heimlich vom Meer zurückgekehrt und eroberten Troja jetzt im Handstreich.

[4] Hektor ist ein trojanischer Krieger, der viele Heldentaten vollbrachte. Der Grieche Achilleus forderte ihn zum Zweikampf auf, weil Hektor seinen besten Freund im Kampf getötet hatte. Hektor nahm die Herausforderung an und wurde von Achilleus getötet.

[5] Apollon, ein Sohn von Zeus, ist der Gott der Weissagung. Sein berühmtestes Orakel stand im griechischen Delphi.

[6] Der Tiber ist ein italienischer Fluss und fließt durch Rom.

 

Die Gründung Roms

Die beiden Brüder Romulus und Remus hatten beschlossen, eine Stadt am heiligen Fluss Tiber zu erbauen. Es war der Ort, wo sie als Neugeborene in einem Körbchen ans Ufer gekommen waren.

Romulus spannte nun eifrig zwei Rinder vor seinen Pflug und trieb sie im Viereck um den Palatin [1]. Das ausgehobene Erdreich und die Furche sollten Wall und Graben andeuten. Dort aber, wo die Tore vorgesehen waren, nahm Romulus seinen Pflug stets ein Strecke weit aus dem Boden.

Wer sollte jetzt König sein und der neuen Stadt seinen Namen geben? Beide Brüder erhoben Anspruch darauf, doch als Zwillinge konnte keiner das Recht der Erstgeburt behaupten.

"Ihr müsst nach der Weisung der Götter handeln und den Vogelflug erkunden," sprach Numitor, als die Brüder um Rat fragten. Der Rat des Großvaters erschien weise und sie befolgten ihn. Wem die Vögel zuerst ein glückliches Zeichen gaben, der sollte König sein.

Lange mussten die beiden auf göttliche Weisung warten, Romulus auf dem Palatin, Remus auf dem Aventin [2]. Doch endlich zeigten sich dem Remus sechs Geier, die den Hügel im weiten Bogen umkreisten.

"Remus ist unser neuer König!", riefen seine Begleiter voller Freude. Sogleich eilten sie zu Romulus, um ihm davon Kunde zu bringen. Doch bei ihrer Ankunft auf dem Palatin sahen sie zwölf Geier bei Blitz und Donner vorüberziehen.

"Mir steht die Königswürde zu!", rief Romulus mit gebieterischer Stimme, "denn mir ist die doppelte Zahl an Vögeln erschienen. Auch kamen sie unter göttlichen Vorzeichen!"

Remus wollte diese Worte nicht hinnehmen, und schickte sich an, den Bruder zu verspotten. Leichtfüßig sprang Remus über die wenig hohe Ummauerung der neuen Stadt, um ihre Wertlosigkeit zu beweisen. Damit gab er Romulus der Lächerlichkeit preis, und verletzte ihn tief in seiner Seele. Nun war die Wut in Romulus entfacht und er streckte seinen Bruder mit tödlichem Schwertstreich nieder. "So", rief er, "wird es jedem ergehen, der diese Mauer vor meinen Augen zu übersteigen wagt!"

Romulus hatte sich mit dieser Tat zum König gemacht und gab der jungen Stadt Rom seinen Namen. Doch Romulus wollte auch den Schatten seines getöteten Bruders Remus versöhnen. So ließ er neben sich einen zweiten Thron errichten, der an die brüderlichen Herrschaftsrechte erinnerte.

 

Erklärungen:

[1] Der Palatin ist eine Hügelgruppe, auf der die älteste Ansiedlung Roms lag.

[2] Der Aventin gehört zu den sieben Hügeln, auf denen Rom erbaut wurde. Der Aventin liegt dem Palatin gegenüber.

 

Romulus und Remus

Ein Nachkomme aus dem Stamme des Aeneas war König Prokas. Er regierte in Alba Longa [1] und hinterließ bei seinem Tode zwei Söhne. Selten hat man so große Unterschiede zwischen zwei Brüdern gesehen. Numitor, der ältere, war sanft und gutmütig, Amulius aufbrausend und herrschsüchtig.

Voller Ehrgeiz stieß Amulius seinen Bruder vom Throne und verbannte ihn aus dem Lande. Damit nicht genug, ließ er auch den Sohn seines Bruders töten, fürchtete er doch dessen Rache.

Jetzt konnte ihn nur noch die Tochter des Numitor, Rhea Silvia, in seinem königlichen Amte bedrohen. Darum machte Amulius sie zur Priesterin der Vesta [2]. So musste sie Jungfrau bleiben und durfte keine Kinder haben.

Damit schien endlich jede Bedrohung für den Thron beseitigt. Doch der Kriegsgott Mars erblickte die schöne Rhea Silvia und entbrannte in Liebe zu ihr. Da gebar die schöne Priesterin ein kräftiges Zwillingspaar.

Das trieb Amulius die Zornesröte ins Gesicht, konnten die Kinder doch Anspruch auf den Thron erheben. Die Tage der Rhea Silvia waren dagegen gezählt, denn nach den strengen Gesetzen der Göttin Vesta gab es für ihr Vergehen nur den Tod.

Amulius überlegte nun, was er mit den Zwillingen tun sollte. Eine weitere Mordtat schien ihm das Sicherste, also wies er seine Diener an, die Kinder im Tiber [3] zu ertränken. Der Fluss war in jenen Tagen aber über seine Ufer getreten und strömte eilig dahin. Auch wollten die Diener ihre Hände nicht mit Blut beflecken, darum übergaben sie die Kinder in einem Körbchen dem Lauf des Flusses.

Das Körbchen war den Blicken schnell entschwunden und gelangte in eine Landschaft, die von sieben Hügeln gekrönt war. Dort blieb es im Geäst eines überfluteten Baumes hängen. Als das Wasser dann gefallen war, stand das Körbchen auf dem Trockenen.

Der Kriegsgott Mars war um das Schicksal seiner Söhne sehr besorgt und sandte ihnen Hilfe. Von der Höhe des Berges kam eine Wölfin, die ihren Durst stillen wollte. Sie bemerkte die hilflosen Kinder, schleppte sie zu ihrer Höhle und säugte sie. Später brachte der heilige Spechtvogel des Mars wohlschmeckende Körner und Samen herbei. So wurden die Zwillinge mit kräftiger Nahrung versorgt.

Eines Tages kam der Ziegenhirt Faustulus an der Wolfshöhle vorbei. Er war auf der Suche nach einer Ziege, die ihm abhanden gekommen war. Faustulus hörte Stimmen in der Höhle und sah die beiden Knaben. Voll Mitleid brachte der Hirte sie zu seiner Frau, die sich ihrer gerne annahm. Von nun an waren die Zwillinge Romulus und Remus genannt.

Eines Tages kam dem Hirtenpaar zu Ohren, was mit Rhea Silvia und ihren Kindern geschehen war. Faustulus erkannte jetzt, dass er die Enkel des verbannten Numitor gerettet hatte, doch er schwieg aus Furcht vor König Amulius.

Die Zwillinge wuchsen zu kräftigen Jünglingen heran, durchstreiften mit ihren Kameraden Wald und Flur und bauten sich auf dem Palatinischen Berge ihre Hütten. Häufig mussten sie ihre Kraft mit wilden Tieren messen, welche die väterlichen Herden bedrängten. Und oft lagen sie auch mit anderen Hirten im Streit, die dem vertriebenen König Numitor dienten.

So geschah es einst, dass Remus sich der Übermacht der Hirten nicht erwehren konnte und in Gefangenschaft geriet. Die Hirten brachten ihn vor ihren Herrn, den greisen Numitor.

Tief betroffen schaute dieser den Jüngling an, schien er doch seinem gemordeten Sohn sehr ähnlich. Kurz darauf trafen Faustulus und Romulus ein, die für den Gefangenen um Gnade bitten wollten. Faustulus erzählte nun, was er wusste, und Numitor umarmte seine beiden Enkel.

Dann schworen Romulus und Remus die Herrschaft zu gewinnen, die einst ihrem Großvater gehörte. Die Jünglinge riefen ihre Gefährten zusammen und zogen nach Alba Longa vor die Königsburg. Der Kampf um die Burg war verbissen und lang, doch am Ende wartete auf König Amulius nur der Tod. Romulus und Remus aber waren die Sieger im Kampf, und sie setzten ihren Großvater Numitor wieder in seine königlichen Rechte ein.

 

Erklärungen:

[1] Die Stadt Alba Longa ist der Sage nach vom Sohn des Aeneas gegründet worden. Heute befinden sich dort die kleine Stadt Castel Gandolfo und der Sommersitz des Papstes.

[2] Vesta ist die Göttin des Herdes, vor allem des Staatsherdes. Die Priesterinnen der Vesta sorgten in Rom dafür, dass das heilige Staatsfeuer in einem Tempel niemals ausging.

[3] Der Tiber ist ein italienischer Fluss und fließt durch Rom.

 

Die Gänse des Kapitols

Einst geschah es, dass sich vom Norden her keltische Völkerscharen [1] gegen Rom wendeten. Die Römer verachteten diese barbarischen Gallier, doch ihr Anblick ließ sie auch erzittern.

Es war an der Allia [2], wo das Römerheer auf die hünenhaften Gallier traf. Die Römer mussten sich dem wilden Ansturm geschlagen geben, und nur wenige Streiter konnten sich in den Schutz der römischen Mauern retten.

Nun war es Markus Manlius, der als Befehlshaber Rom verteidigen sollte. Zuerst wies er die ganze Bevölkerung  an, die Stadt zu verlassen, weil er sie nicht schützen konnte. Dann schickte er seine Männer zum Kapitol [3] hinauf, um der Belagerung in steiler Höhe standzuhalten.

Doch einer der Gallier hatte bei einem Rundgang einen verborgenen Zugang entdeckt. Dort stieg des Nachts eine Anzahl mutiger Männer hinauf, um die Römer im Schlafe zu überraschen. Schon waren sie lautlos bis an den Mauerrand vorgedrungen, und noch immer zeigte sich kein Posten auf dieser Seite.

Da fingen die heiligen Gänse ängstlich an zu schnattern, die zu Ehren der Göttin der Juno [4] auf dem Kapitol gehalten wurden. Markus Manlius erwachte und stürzte eilig zu der unbewachten Stelle. Dort stieß er den vordersten Eindringling von der Mauerkante, worauf dieser die Nachfolgenden mit sich riss.

Trotz dieser wundersamen Rettung konnte sich die tapfere Besatzung auf Dauer nicht halten. Der Führer der Gallier, Brennus genannt, erklärte sich aber für tausend Pfund Gold bereit, mit seinem Heere abzuziehen.

Den Römern blieb keine andere Wahl, sie mussten die Bedingung erfüllen. Da ging man vor die Tore der Stadt, um das kostbare Metall zu wiegen. Doch schon bald beklagten sich die Römer, dass die Gallier falsche Gewichte hätten. Brennus lachte nur laut, nahm sein Schwert und warf es zum Gold in die Waagschale. Streng schaute er die Römer an und rief mit drohender Stimme: "Wehe den Besiegten!" So lernten die Römer, dass im Krieg Besiegte keine gerechte Behandlung erwarten durften.

 

Erklärungen:

[1] Es war keltische Stamm der Senonen, der 387 vor Christus gegen Rom marschierte.

[2] Die Allia ist ein kleiner Fluss in der Nähe von Rom.

[3] Das Kapitol gehört zu den sieben Hügeln, auf denen Rom erbaut wurde. Zu Anfang stand auf der ersten Kuppe des Kapitols die Burg, auf der zweiten Kuppe ein Tempel.

[4] Juno ist die Göttin der Lebenskraft, eine Begleiterin des weiblichen Wesens von der Geburt bis zum Tod.

 

Die sibyllinischen Bücher

Rom hatte in seinen Anfängen sieben Könige. Der sechste war Tarquinius Priskus. Durch glückliche Kriege konnte er die Sicherheit der Stadt weiter festigen. Auch seine Friedenswerke gereichten ihm zum Ruhme, gelang es ihm doch, die Pontinischen Sümpfe [1] trockenzulegen.

Im letzten Jahr der Regierung von Tarquinius Priskus erschien eine alte Frau im Palast, die niemand zuvor gesehen hatte. Sie bot neun Buchrollen zu einem überaus hohen Preise an.

Der König lachte und rief: "Solch ein Buch muss erst noch geschrieben werden, wofür ich hunderttausend As bezahle!" Da trat die Alte an den Altar der Hausgötter und verbrannte drei Buchrollen am Opferfeuer.

"Sage uns nun den neuen Preis", scherzte der König, "vielleicht werden wir doch noch einig!" "Die sechs Bücherrollen kosten ebenso viel wie die neun", sprach die Alte vergnügt. "Bezahle nur, oh König, deine hunderttausend As." Das ließ den König zornig werden. Er beugte sich vor und rief mit wütender Stimme: "Du Närrin, bist du denn ohne Verstand?" Die Alte ließ sich aber nicht beirren und warf wieder drei Buchrollen ins lodernde Opferfeuer.

Der König atmete tief, wollte er doch die Beherrschung nicht verlieren. Dann sagte er mit nachdenklicher Miene: "Nenne deinen Preis." Die Alte schaute dem König tief in die Augen und sprach: "Du, Tarquinius, wirst mir für die letzten Bücher hunderttausend As bezahlen, oder sie gehen in Flammen auf."

Jetzt überkam Tarquinius eine leidenschaftliche Neugier. Er musste einfach wissen, was es mit den Buchrollen auf sich hatte. Darum ließ er seine Auguren kommen, die aus dem Vogelflug und aus Eingeweiden von Opfertieren die Zukunft lesen. Diese prüften die Bücher und erkannten, dass es die Weissagungen der Sibylle von Kuma [2] waren. Der König zögerte nicht lange, und gab der Alten, was sie verlangte.

 

Erklärungen:

[1] Die Landschaft der pontinischen Sümpfe liegt 40 Kilometer südöstlich von Rom, am Monti Lepini. Durch Trockenlegung konnte neues fruchtbares Land gewonnen und die Malariamücke zurückgedrängt werden.

[2] Die neun Sibyllinischen Bücher wurden lange Zeit im Jupitertempel [3] des Kapitols [4] aufbewahrt. In Notfällen konnten Priester und Politiker die Weissagungen der Sibylle zu Rate ziehen.

[3] Jupiter ist der Schutzgott des römischen Staates. In vielen Dingen ist er auch dem griechischen Gott Zeus sehr ähnlich.

[4] Das Kapitol gehört zu den sieben Hügeln, auf denen Rom erbaut wurde.

 

Diese Sage von Gustav Schwab (1792-1850) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt.


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