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Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Der Zauberer von Oz

von L. Frank Baum

In Kansas

Dorothy lebte mit ihrer Tante Emmie und ihrem Onkel Henry in der weiten Landschaft von Kansas. So weit das Auge reichte, gab es nur graue Einöde, ohne Blumen und ohne Bäume. Ihr Haus war das einzige Haus weit und breit, und es war winzig. Es bestand nur aus einem einzigen Raum, in dem ein Tisch und einige Stühle standen. Dann gab es noch einen Schrank für das Geschirr und zwei Betten.

Im großen Bett schliefen Tante Emmie und Onkel Henry, und im kleinen Bett schlief Dorothy. Das Häuschen hatte weder Dachboden noch Keller. Es gab aber eine Falltür im Fußboden, die zu einem engen dunklen Loch führte, das auch der "Wirbelsturm-Keller" genannt wurde. Hierhin flüchteten sich Dorothy, Tante Emmie und Onkel Henry, wenn einer der gefährlichen Wirbelstürme über das Land tobte.

Wenn Dorothy aus der Tür blickte, sah sie nichts als endlose graue Landschaft. Nachbarn gab es nicht. Die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel und dörrte den Boden aus, so dass er rissig und trocken war. Das Gras verbrannte in der glühenden Hitze, und das Haus, das einmal frisch und bunt gestrichen gewesen war, sah nach Jahren der Sonne und des Regens ebenso grau und trostlos aus wie alles hier.

Die harten Jahre in der Steppe hatten Tante Emmie müde und blass werden lassen. Sie war dünn und ernst und lächelte nur selten. Auch Onkel Henry war ernst und streng. Er arbeitete den ganzen Tag schwer, und sein Gesicht war ebenso grau wie sein langer Bart. Wie Tante Emmie lachte er nie und war auch ansonsten sehr schweigsam.

Was für ein Glück war es da für Dorothy, dass es Toto gab. Toto war ihr kleiner Hund mit seidigem schwarzen Fell und intelligenten, vergnügt funkelnden Augen. Toto begleitete Dorothy überall hin und war immer zu Späßen aufgelegt. Ohne ihn wäre Dorothy vielleicht genauso grau geworden wie Tante Emmie und Onkel Henry, aber Toto bewahrte sie davor mit seinen drolligen Einfällen. Dorothy spielte oft stundenlang mit ihm und liebte ihn sehr.

Der Wirbelsturm

Eines Tages hatte Dorothy Toto auf dem Arm, als Onkel Henry angerannt kam. "Emmie!", schrie er, "Emmie, da kommt ein Wirbelsturm! Schnell, in den Keller. Ich komme auch gleich, ich muss noch nach dem Vieh sehen." Tante Emmie ließ den Abwaschlappen in das Spülbecken fallen und rief nach Dorothy. "Schnell, Mädchen, in den Keller!" Rasch öffnete sie die Falltür im Fußboden des Häuschens und kletterte über die wacklige Leiter in das dunkle und dumpfe Loch. Dorothy wollte ihr folgen, aber Toto hatte sich wegen Onkel Henrys Geschrei so erschrocken, dass er aus ihren Armen gesprungen und unter das Bett gesaust war. Dorothy eilte ihm nach. "Toto, hierher! Komm sofort hierher, Toto!" Aber der Hund saß in der hintersten Ecke und winselte nur. 

Der Sturm wurde immer lauter und das Häuschen ächzte und knarrte. Dorothy warf sich auf den Boden und angelte unter dem Bett nach Toto. Endlich bekam sie ihn zu fassen und zog ihn hervor. "Rasch, in den Keller!" Sie richtete sich auf und wollte zur Falltür laufen. Da warf sich der Sturm mit unglaublicher Gewalt gegen das Häuschen, dass es zitterte und bebte. Dorothy verlor den Halt und fiel der Länge nach hin. Das Haus quietschte und rumpelte. Der Wind riss es aus seinem Fundament und hob es in wirbelnden Kreisen empor in die Luft. Fast war es Dorothy, als würde sie mit einem Ballon aufsteigen. Der Wind toste und brauste, und es wurde ganz dunkel.

Irgendwann drehte das Häuschen sich nicht mehr um die eigene Achse, sondern schwebte an der Spitze der Windhose, die es vom Boden fortgerissen hatte, leicht und sanft wie eine Feder. Dorothy saß auf dem Boden des Häuschens und fand die Reise inzwischen eigentlich recht angenehm, als Toto, der ängstlich hin und her rannte, der Falltür zu nahe kam und durch das Loch im Boden verschwand. Dorothy schrie und sprang auf. Was war mit Toto? War er tot? Sie kroch an das Loch heran und spähte nach unten. Da sah sie erst ein Ohr und dann den ganzen Hund, den der starke Wind von unten gegen das Haus drückte. Mutig griff sie nach ihm und holte ihn zurück. Schnell klappte sie die gefährliche Falltür zu, um weitere Unfälle zu vermeiden.

Mit Toto auf dem Arm wartete sie Stunde um Stunde, dass der Wind nachlassen würde. Zuerst hatte sie sich Sorgen gemacht was wohl geschehen würde. Ließe der Wind nach, würden sie wie ein Stein vom Himmel fallen. Ob sie und Toto solch einen Absturz überleben konnten? Aber mit der Zeit verlor Dorothy ihre Angst, und schließlich wurde sie müde. Zusammen mit Toto legte sie sich auf ihr Bett und schloss die Augen. Es dauerte nicht lange, da war sie eingeschlafen.

Die Landung

Ein heftiger Ruck und ein lautes Krachen rissen Dorothy aus ihren Träumen. Das Häuschen war heftig auf die Erde aufgeschlagen, so heftig, dass Dorothy sich bestimmt verletzt hätte, wenn sie nicht schlafend auf ihrem Bett gelegen hätte. Schlaftrunken rieb sie sich die Augen und sah sich um. Es war nicht mehr dunkel, und der Wind hatte sich gelegt. Heller Sonnenschein flutete zu Dorothy herein, und sie hörte das Zwitschern von Vögeln. Schnell sprang sie zur Tür und riss sie auf. Was sie sah, nahm ihr den Atem und ließ ihr den Mund offen stehen.

Dorothy blickte auf eine üppig blühende, grüne Landschaft voller Blumen, Früchte und bunten Vögeln. Das Murmeln eines Baches drang an Dorothys Ohr und zauberte ein ungläubiges Lächeln auf ihr Gesicht. Während Dorothy noch staunend umher blickte, näherten sich ihr vier seltsame Gestalten. Sie sahen aus wie Erwachsene, aber sie waren viel kleiner, obwohl sie keine Zwerge waren.

Sie waren ungefähr so groß wie Dorothy, aber eben viel älter. Es waren drei Männer und eine alte Frau. Die Männer trugen blaue Anzüge und spitze blaue Hüte mit kleinen Glöckchen an der Hutkrempe, die bei jeder Bewegung leise klingelten. Die Frau aber trug eine weißes Kleid und einen weißen Hut. Die Sterne, die auf ihr Kleid genäht waren, funkelten in der Sonne wie Edelsteine. Die vier gingen noch einige Schritte auf Dorothy zu, dann blieben sie stehen und tuschelten miteinander, wobei sie immer wieder auf Dorothy und ihr Häuschen zeigten.

Im Land der Käuer

Schließlich trat die alte Frau vor und verbeugte sich vor Dorothy. „Ich heiße dich hier im Land der Käuer willkommen. Wir sind dir sehr dankbar, dass du die böse Hexe des Ostens mit deinem fliegenden Häuschen getötet und die Käuer aus der Knechtschaft befreit hast.“ Dorothy starrte die Frau verwundert an und stotterte: „Der Sturm... das Häuschen... ich weiß nicht... verzeihen Sie, aber sicherlich verwechseln Sie mich. Ich habe niemanden getötet.“ Die alte Frau lächelte und antwortete: „Dann war es eben dein Häuschen, aber das ist nun auch egal. Die böse Hexe des Ostens ist tot, das ist alles, was zählt. Dein Häuschen ist ihr direkt auf den Kopf gefallen und hat ihr den Garaus gemacht. Sieh selbst!“ Und sie deutete auf ein paar Füße in rot-weiß geringelten langen Strümpfen und silbernen Schnabelschuhen, die unter dem Häuschen hervorragten.

Dorothy schrie erschrocken auf. „Wir müssen ihr helfen. Du liebe Zeit, das Haus muss sie direkt getroffen haben.“ „Eben, eben“, nickte die alte Frau. „Die böse Hexe ist tot, da kann man nichts mehr machen. Sie war sehr böse und hat die Käuer jahrelang unterdrückt und gequält. Jetzt aber haben sie ihre Freiheit wieder, und das haben sie nur dir zu verdanken.“ Dorothy sah ratlos aus. „Sind Sie denn auch ein... Käuer?“ „Nein, ich bin nur mit dem Volk der Käuer befreundet. Sie schickten nach mir, als dein Haus der bösen Hexe des Ostens auf den Kopf fiel. Ich bin die Hexe des Nordens.“

Dorothy wurde blass. „Sie sind eine echte Hexe?“ „Das bin ich wohl, aber hab’ keine Angst. Ich bin eine gute Hexe und alle mögen mich. Leider bin ich nicht so mächtig, wie die Hexe des Ostens es war. Sonst hätte ich die Käuer schon selbst befreit.“ „Sind nicht alle Hexen böse?“ Die Hexe des Nordens schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Im Lande Oz gab es vier Hexen: zwei gute Hexen, die Hexe des Südens und ich, und zwei böse Hexen, die Hexe des Westens und die Hexe des Ostens, die jetzt dort liegt.“ „Meine Tante sagt, es gibt gar keine Hexen mehr“, sagte Dorothy trotzig. „Nun, vielleicht gibt es in eurem Land keine Hexen mehr. Aber in Oz gibt es sie noch, denn Oz liegt weitab von der Welt und ist nie wirklich modern und zivilisiert gewesen. Hier gibt es Hexen, Magier, Zauberer und Geisterwesen aller Art. Und der größte Zauberer ist Oz selbst. Er hat mehr Macht als wir alle zusammen. Er lebt in der Smaragdstadt.“

Noch während die Hexe des Nordens sprach, entstand unter den drei Männern eine Unruhe und sie deuteten wieder auf das Häuschen. Die Hexe des Nordens folgte ihren Fingern mit ihrem Blick und lachte laut auf. Die Füße der Hexe des Ostens waren verschwunden. Nur noch ihre silbernen Schuhe waren von ihr übrig geblieben. Dorothy war sehr aufgeregt, aber die Hexe des Nordens beruhigte sie. „Nun, nun, Kindchen. Die Hexe des Ostens war so alt, dass sie in der Sonne einfach verdampft ist, wie Wasser auf einer heißen Herdplatte. Nun ist sie wirklich fort. Hier“, sie bückte sich nach den Schuhen, „nimm du sie. Du hast sie verdient. Es steckt ein geheimer Zauber in ihnen, doch leider weiß ich nicht, welcher.“

Dorothy nahm die Schuhe und bedankte sich. „Ich würde gern nach Hause zurückkehren. Können Sie mir vielleicht den Heimweg zeigen?“ Die Männer wiegten bedenklich ihre Köpfe, und die kleinen Glöckchen klingelten leise. „Das ist nicht so einfach.“, erklärte die Hexe des Nordens. „Um das Land Oz herum liegt eine große und schreckliche Wüste. Niemand hat sie bisher durchqueren können. Und wenn du durch das Land des Westens gehst, fällst du der bösen Hexe des Westens und ihren Flügelaffen in die Hände. Nein, Kind, du kannst nicht zurück! Du musst wohl oder übel hier bei uns bleiben.“

Als hätte er verstanden, was die Hexe sagte, fing Toto an zu winseln und Dorothy brach in Tränen aus. Die Käuer sahen Dorothys Tränen und begannen nun ihrerseits zu weinen. Umständlich zogen sie ihre Taschentücher aus den Hosentaschen und putzen sich geräuschvoll die Nasen. Die Hexe des Nordens sah sich das Elend an, nahm dann ihren spitzen Hut ab und balancierte ihn auf der Nase. Dazu sprach sie feierlich: „Eins – Zwei – Drei .“ Der Hut verwandelte sich in eine Tafel, auf der mit weißer Kreide geschrieben stand: ‚Dorothy muss in die Smaragdstadt gehen’. Die Hexe las die Botschaft auf der Tafel und sah Dorothy an: „Du heißt Dorothy, nicht wahr?“ Und als Dorothy nickte, fuhr sie fort: „Dann musst du in die Smaragdstadt gehen. Vielleicht kann Oz dir helfen. Die Smaragdstadt liegt genau in der Mitte des Landes und wird von Oz regiert.“ „Ist Oz ein guter Mensch?“, wollte Dorothy wissen. „Er ist ein sehr guter Zauberer. Ob er ein Mensch ist, kann ich dir allerdings nicht sagen, denn ich habe ihn noch nie gesehen.“

„Können Sie mich nicht auf meinem Weg begleiten?“ Bittend sah Dorothy die Hexe des Nordens an. „Nein, Kind, das kann ich nicht. Aber ich verspreche dir, dass ich mit all meinen Hexenkräften dafür sorgen werde, dass dir nichts geschieht. Komm her!“ Dorothy trat an die Hexe heran, die sich zu ihr beugte und ihr einen Kuss auf die Stirn gab. „Dieser Kuss beschützt dich vor allem Bösen, denn niemand wird es wagen, einem Wesen etwas zu Leide zu tun, das von der Hexe des Nordens geküsst wurde. Und nun sieh her: Der Weg in die Smaragdstadt ist mit gelben Ziegeln gepflastert. Du kannst ihn gar nicht verfehlen. Fürchte dich nicht vor dem großen Oz, sondern erzähle ihm deine Geschichte. Und nun geh, Kleines!“

Die drei Käuer verneigten sich vor Dorothy und gingen davon. Die Hexe nickte Dorothy noch einmal freundlich zu, drehte sich dann dreimal auf ihrem linken Absatz um die eigene Achse und war und war im nächsten Augenblick verschwunden. Dorothy blieb allein zurück und bemerkte erst später den runden, schimmernden Fleck, den der Kuss der Hexe auf ihrer Stirn hinterlassen hatte.

Dorothy macht sich auf den Weg

Dorothy war wieder allein und merkte nun plötzlich, dass sie großen Hunger hatte. Sie ging in das Häuschen und holte sich Brot und Butter vom Regal. Auch Toto bekam ein Stück Butterbrot. Dorothy nahm einen kleinen Eimer zur Hand und lief wieder nach draußen, um für Toto frisches Wasser in den Eimer zu füllen. Toto rannte hinter ihr her und bellte fröhlich die Vögel an, die überall in den Bäumen saßen. Als sie Hunger und Durst gestillt hatten, gingen Dorothy und Toto ins Häuschen zurück, um sich für die Reise zur Smaragdstadt fertig zu machen.

Dorothy besaß nur zwei Kleider, aber das zweite Kleid war frisch gewaschen und hing an einem Haken hinter der Tür. Es war aus blau-weiß kariertem Stoff, und Dorothy mochte es gern. Sie zog sich rasch um, wusch sich noch einmal Gesicht und Hände und bürstete das Haar. Dann angelte sie sich ihren Strohhut. In einen kleinen Korb legte sie das Brot und deckte es mit einem weißen Tuch zu.

Als sie sich betrachtete, sah sie, wie abgetragen und alt ihre Schuhe waren. „Ach Toto, ich weiß nicht. Diese Schuhe sind schon so alt, sie werden wohl kaum die lange Reise in die Smaragdstadt überstehen. Was soll ich nur tun?“ Toto sah Dorothy mit seinen klugen Augen an und wedelte mit dem Schwanz. Da sah Dorothy die silbernen Schuhe der Hexe auf dem Tisch stehen. „Ob ich sie mal anprobieren soll“, fragte sie Toto. „Vielleicht passen sie mir.“ Dorothy zog ihre alten Lederschuhe aus und schlüpfte in die funkelnden Hexenschuhe. „Oh, sie passen mir, Toto! Sie passen mir, als wären sie für mich gemacht. Und sieh mal, wie schön sie sind!“ Toto bellte und sprang um Dorothy herum.

Dorothy griff entschlossen nach ihrem Korb. „Dann geht die Reise zur Smaragdstadt jetzt los, Toto. Komm mit! Ich will den großen Oz fragen, ob er mich nach Kansas zurückbringen kann.“ Dorothy marschierte zur Tür hinaus schloss hinter sich zu. Den Schlüssel steckte sie sorgfältig ein. Zusammen mit Toto machte sie sich auf den Weg in die Smaragdstadt.

Dorothy rettet die Vogelscheuche

Toto und Dorothy waren nicht lange gegangen, als die den Anfang der gelb gepflasterten Straße fanden. Die Straße nach Oz! Dorothys silberne Schuhe glitzerten in der Sonne, die hell vom Himmel schien, die Vögel zwitscherten fröhlich, und Dorothy selbst fühlte sich nicht halb so unglücklich, wie sich ein kleines Mädchen fern der Heimat und mutterseelenallein fühlen sollte.

Sie genoss die zauberhaft schöne Landschaft, die sich ihr links und rechts des Weges darbot. Hinter den blau gestrichenen Zäunen, die den Weg säumten, dehnten sich üppige Korn- und Gemüsefelder. Die Käuer mussten wirklich gute Farmer sein, wenn sie ihrem Land so reiche Ernte abgewinnen konnten. Dorothy kam auch an Häusern vorbei, deren Bewohner auf sie zuliefen und freundlich mit ihr sprachen. Alle wussten, dass sie die Hexe des Ostens getötet und damit die Käuer aus der Sklaverei befreit hatte. Und wie seltsam die Häuser der Käuer aussahen! Sie waren kugelrund und hatten Dächer wie kleine Kuppeln. Sie waren in den verschiedensten Blautönen gestrichen. Offensichtlich war blau die Lieblingsfarbe der Käuer.

Langsam wurde es Abend und Dorothy war den ganzen Tag lang gelaufen. Sie war müde und fragte sich, wo sie wohl die Nacht verbringen könnte. Und als sie noch darüber nachdachte, kam sie zu einem Haus, das deutlich größer war als alle Häuser, die Dorothy bisher gesehen hatte. Auf der grünen Wiese vor dem Haus tanzten viele Menschen zu der Musik von fünf kleinen Geigern, die so laut spielten, wie sie nur konnten. Die Käuer sangen und lachten, und alles sah sehr einladend aus.

Als die Käuer Dorothy sahen, begrüßten sie sie herzlich und luden sie zum Essen ein. Der Hausherr, ein sehr reicher Käuer, hieß Boq. Er feierte mit seinen Freunden den Tod der Hexe des Ostens und hieß Dorothy herzlich in seinem Haus willkommen. Dorothy aß und trank und ließ sich von ihrem Gastgeber verwöhnen. Als sie satt war, sagte Boq: „Du musst eine sehr mächtige Hexe sein.“ „Wieso glaubst du das?“ fragte Dorothy. „Nun, du hast die silbernen Hexenschuhe an, und du hast die Hexe des Ostens getötet. Außerdem hast du ein weißes Kleid an, und nur Zauberer oder Hexen tragen weiß.“ Dorothy sah an sich herunter. „Mein Kleid ist blau-weiß kariert“, stellte sie richtig. „Ja, du bist sehr höflich“, nickte Boq. „Blau ist die Farbe der Käuer und weiß die Farbe der Hexen und Zauberer.“ Er lächelte Dorothy freundlich an, die nicht wusste, was sie sagen sollte. Sie war doch nur ein kleines Mädchen aus Kansas und keine Hexe!

Als Dorothy genug vom Tanz, vom Essen und der Gesellschaft hatte, brachte Boq sie in ein hübsches Zimmerchen, in dem sie schlafen sollte. Das Bettzeug war blau, und Toto und Dorothy schliefen traumlos bis zum nächsten Morgen.

Sie bekam ein köstliches Frühstück und sah einem Käuer-Baby dabei zu, wie es mit Toto spielte. Dann fragte sie Boq: „Wie weit ist es bis in die bis zur Smaragdstadt?“ Boq schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich bin nie dort gewesen. Weißt du, wir Käuer gehen Oz lieber aus dem Weg, wenn wir nicht wirklich eine dringende Angelegenheit haben, die nur er regeln kann. Ich weiß nur, dass der Weg sehr weit ist. Du wirst sicher ein paar Tage brauchen, um die Smaragdstadt zu erreichen. Und der Weg wird nicht überall so freundlich und nett sein wie hier. Du musst auch durch raues und gefährliches Gelände.“ Diese Auskunft beunruhigte Dorothy etwas, aber sie wusste, dass nur Oz ihr helfen konnte und dass sie tapfer sein musste. Sie verabschiedete sich bald von den freundlichen Käuern und ging zurück auf den gelben Ziegelsteinweg.

Als Dorothy schon einige Kilometer gegangen war, wollte sie eine Pause einlegen. Sie kletterte auf einen Zaun und ließ sich dort nieder. Sie blickte auf ein großes Kornfeld, in dessen Mitte eine Vogelscheuche aufgestellt worden war. Der Kopf der Vogelscheuche war ein mit Stroh ausgestopfter Sack, mit einem aufgemalten Gesicht. Auf dem Kopf trug die Vogelscheuche einen alten blauen Hut, der sicherlich einmal einem Käuer gehört hatte. Der Körper bestand aus einem alten blauen Anzug, der ebenfalls mit Stroh ausgestopft war. An den Füßen trug die Vogelscheuche alte blaue Schuhe. Sie war auf einem Stock befestigt und schwebte hoch über den Kornähren.

Gedankenverloren betrachtete Dorothy die Vogelscheuche. Was war das? Hatte die Vogelscheuche ihr etwa gerade zugeblinzelt? Dorothy sah genauer hin. In Kansas gab es keine Vogelscheuchen, die einem zublinzelten. Tatsächlich! Jetzt nickte die Vogelscheuche sogar freundlich mit dem Kopf. Dorothy kletterte von ihrem Zaun herunter und trat an die Vogelscheuche heran. Toto blieb dicht auf ihren Fersen und bellte die Vogelscheuche lauthals an.

„Guten Tag!“, sagte die Vogelscheuche mit heiserer Stimme. „Hast du gerade wirklich etwas gesagt?“, fragte Dorothy ungläubig und starrte sie an. „Aber sicher“, antwortete die Vogelscheuche und nickte wieder freundlich mit dem Kopf. „Wie geht es dir?“ „Mir geht es gut“, antwortete Dorothy etwas verwirrt. „Und selbst?“ Die Vogelscheuche versuchte sich zu strecken. „Ach, besonders gut geht es mir nicht. Es ist langweilig, tagein tagaus hier zu hängen und die Krähen zu verscheuchen.“ „Kannst du denn nicht herunter kommen?“ fragte Dorothy den Scheuch. „Nein. Die Stange steckt zu fest in meinem Rücken. Ich kann beim besten Willen nicht herunter. Oder meinst du, du könntest mich herunterholen?“ „Ich könnte es probieren“, sagte Dorothy bereitwillig.

Sie fasste den Scheuch um die Mitte, stellte sich auf die Zehenspitzen und hob ihn von der Stange herunter. Das ging natürlich nur, weil der Scheuch mit Stroh ausgestopft und deshalb sehr leicht war. „Vielen Dank“, seufzte der Scheuch erleichtert und setzte sich. „Ich fühle mich gleich wie ein neuer Mann.“ Dorothy war etwas verwirrt, schließlich redet man ja nicht jeden Tag mit einer Vogelscheuche. „Wer bist du eigentlich?“ fragte der Scheuch Dorothy, während er sich genüsslich reckte und streckte. „Wo willst du hin?“ „Ich heiße Dorothy. Ich bin auf dem Weg in die Smaragdstadt, um den großen Zauber Oz zu bitten, mich nach Kansas zurückzubringen.“

Der Scheuch überlegte eine Weile. „Wo liegt die Smaragdstadt und wer ist Oz?“ „Sag nur, dass du das nicht weißt“, wunderte sich Dorothy. Der Scheuch schüttelte betrübt den Kopf. „Ich weiß gar nichts. Schließlich habe ich statt eines Gehirns nur Stroh im Kopf. Was erwartest du also?“ „Verzeihung!“ sagte Dorothy erschrocken. „Das wusste ich nicht.“ „Meinst du, der Zauber von Oz ist so mächtig, dass er mir ein Gehirn geben könnte?“ fragte der Scheuch aufgeregt. „Ich weiß es nicht“, erwiderte Dorothy. „Aber du kannst doch mitkommen und den Zauberer danach fragen. Wenn er es nicht kann, bist du nicht schlechter dran als jetzt.“ „Du hast Recht“, lachte der Scheuch. „Es macht mir nichts aus, mit Stroh ausgestopft zu sein. Eigentlich ist es ganz praktisch, weil mir nichts weh tun kann. Aber dass ich auch Stroh im Kopf habe, ärgert mich. Ich möchte nicht, dass die Leute mich einen Narren schimpfen. Aber wenn ich nur Stroh im Kopf habe, kann ich ja nie etwas lernen, richtig?“

Dorothy nickte verständnisvoll. „Komm einfach mit mir mit. Ich frage den Zauberer, ob er dir helfen kann.“ „Oh danke schön!“ Der Scheuch sprang auf, und Dorothy half ihm, über den Zaun zu klettern. Toto bellte aufgeregt, denn er freute sich nicht sehr über die seltsame Gesellschaft. „Hab’ keine Angst. Toto beißt nie“, beruhigte Dorothy den Scheuch. „Ich habe keine Angst. Er kann mich ruhig beißen. Ich spüre keine Schmerzen. Gib’ mir deinen Korb. Ich werde ihn für dich tragen, denn ich werde auch nicht müde. Und wenn du willst, verrate ich dir ein Geheimnis. Es gibt nur ein Ding, vor dem ich mich wirklich fürchte.“ „Wovor fürchtest du dich? Vor dem Farmer, der dich gemacht hat?“ Der Scheuch schüttelte verächtlich den Kopf. „Nein, vor dem fürchte ich mich nicht. Ich habe nur Angst vor einem brennenden Streichholz.“

Die Strasse durch den Wald

Dorothy und der Scheuch wanderten die Straße entlang, die mit der Zeit immer unebener wurde. Toto und Dorothy wichen den Löchern in der Straße aus oder stiegen über hervorstehende Steine hinweg, aber der Scheuch, ohne Sinn und Verstand, lief einfach immer geradeaus und stolperte andauernd. Geduldig hob Dorothy ihn immer wieder auf, und der Scheuch lachte über sein Missgeschick, da er ja keine Schmerzen empfinden konnte.

Immer seltener sahen die Wanderer Häuser oder Farmen am Straßenrand. Es gab auch keine Zäune mehr, die den Weg säumten. Gegen Mittag rasteten sie an einer kleiner Quelle. Dorothy holte das Brot aus dem Korb hervor und bot dem Scheuch etwas davon an. „Nein, danke. Ich esse nie“, wehrte der Scheuch ab. „Sieh doch, mein Mund ist nur gemalt. Würde ich ihn aufschneiden, um essen zu können, dann würde das ganze Stroh herausfallen und meine Kopfform wäre ruiniert.“ „Oh, ich verstehe“, antwortete Dorothy und lachte. Dann aß sie ihr Brot allein, und nur Toto bekam hin und wieder einen Bissen. „Erzähl mir doch etwas über dich“, bat der Scheuch. „Erzähl mir etwas über Kansas.“ Dorothy erzählte ihm von der Prärie, den trockenen Winden, dem Staub und davon, dass alles grau war.

Schließlich erzählte sie ihm von dem Wirbelsturm, der sie in das Land Oz getragen hatte. Der Scheuch hörte aufmerksam zu und meinte:“ Ich verstehe nicht, warum du nach Kansas zurück willst, wenn es dort so grau und trocken und öde ist. Bleib in Oz, hier ist es doch schön!“ „Das verstehst du nicht, weil du keinen Verstand hast“, versetzte Dorothy. „Es ist mir völlig gleich, wie grau und trocken es in Kansas ist. Kansas ist meine Heimat, dort leben die Menschen, die ich liebe. Es kann anderswo so schön sein, wie es will - am besten ist es doch zu Hause.“

Der Scheuch sah Dorothy an. „Du hast Recht. Ich habe keinen Verstand und bin nur mit Stroh ausgestopft. Deshalb kann ich es nicht verstehen. Wenn alle so dumm wären wie ich, würden wahrscheinlich alle an den schönen Orten leben und niemand mehr an einem so grauen und trockenen Ort wie Kansas.“ „Erzähl’ du mir doch eine Geschichte, während wir uns ausruhen“, bat Dorothy.

Der Scheuch sah sie ein wenig verzweifelt an. „Was soll ich dir erzählen? Ich habe noch nichts zu erzählen, denn mein Leben hat doch erst vorgestern begonnen. Was davor auf der Welt geschehen ist, weiß ich nicht. Also, das erste, was der Farmer machte, als er mich zusammenbastelte, waren meine Ohren. Er malte ein Ohr auf meinen Kopf, und schon konnte ich alles hören. Er malte auch das zweite Ohr und fragte dann einen anderen Käuer, wie er die Ohren fände. ‚Ein bisschen schief!’ sagte der andere Käuer. Aber mein Farmer sagte, Ohren seien Ohren, und so blieben meine Ohren ein bisschen schief.“ Dorothy betrachtete die Ohren des Scheuchs und lächelte. „Erzähl’ weiter!“

„Als nächstes malte der Farmer meine Augen. Ich konnte alles sehen. Den Farmer, den anderen Käuer, das Zimmer, in dem ich lag. Dann kamen Mund und Nase. Die Männer stopften meine Kleider aus und setzten meinen Kopf auf den Körper. Ich war so stolz, denn ich dachte, jetzt sei ich ein richtiger Mann. ‚Schau nur, er sieht fast aus wie ein Mann’, sagte mein Farmer. ‚Er ist ein Mann’, sagte der andere. Mein Farmer packte mich und trug mich auf das Feld hinaus. Dort steckte er mich auf den Stab, an dem du mich gefunden hast. Der Farmer und sein Freund gingen fort und ließen mich allein.“ Der Scheuch seufzte tief.

„Sie gingen einfach fort, und es war so furchtbar, dort draußen allein zu bleiben. Ich wollte ihnen hinterherlaufen, aber meine Füße berührten den Boden nicht. Ich steckte fest auf dem Stab und konnte nirgends wohin. Es war schrecklich. Dann kamen die Vögel, Krähen und auch andere Tiere. Aber als sie mich sahen, flogen sie schnell wieder davon. Sie dachten, ich sei ein Käuer. Das machte mich wieder froh, und ich dachte, ich sei eine wichtige Person. Bis eine alte Krähe kam. Sie flog dicht heran und setzte sich auf meine Schulter. Sie sah mir in die Augen und sagte: ‚Ich wusste, dass der Farmer uns hereinlegt. Aber jede Krähe mit Verstand sieht, dass du nur eine Vogelscheuche bist und nichts weiter. Du kannst nichts tun, denn du bist nur mit Stroh ausgestopft.’ Sie hüpfte von meiner Schulter und fing an, das Korn aufzupicken.“

„Das war aber nicht nett von der Krähe“, warf Dorothy ein. Der Scheuch beachtete sie nicht und erzählte voller Kummer weiter: „Als die Vögel sahen, dass der alten Krähe nichts geschah, kamen sie in Schwärmen und fielen über das Kornfeld her. Sie pickten und hackten, dass mir angst und bange wurde. Ich war eine schlechte Vogelscheuche! Schließlich kam die alte Krähe zu mir zurück. ‚Gräm’ dich nicht. Wenn du ein bisschen Verstand hättest, wärest du genauso gut wie alle anderen und besser als einige von ihnen. Das Wichtigste ist eben, ein bisschen Verstand zu haben. Ganz egal, ob du ein Käuer, eine Krähe oder eine Vogelscheuche bist!’ Ich habe viel darüber nachgedacht und mich entschieden. Ich will Verstand haben. Was auch immer ich dafür tun muss. Ich will einen Verstand haben und nicht mein Leben lang der Strohkopf bleiben. Ich hatte Glück. Du bist gekommen und hast mich von meiner Stange gehoben. Und jetzt sind wir auf dem Weg in die Smaragdstadt, damit ich ein wenig Verstand bekomme.“

„Hoffentlich klappt das auch.“, sagte Dorothy ernst. „Ich wünsche es dir wirklich. Und du kannst wohl an nichts anderes mehr denken.“ „Genau. Es ist schrecklich, zu wissen, dass man ein Dummkopf ist.“ „Dann lass uns weitergehen.“ Dorothy erhob sich, und die kleine Gesellschaft wanderte weiter. Das Land wurde immer rauer und unwegsamer, und als es Abend wurde, kamen sie an einen großen dunklen Wald. Der Weg mit den gelben Ziegelsteinen führte direkt hinein. „Nun, wenn der Weg hier in den Wald hineinführt und am anderen Ende die Smaragdstadt liegt, muss der Weg ja auch wieder aus dem Wald herausführen“, überlegte der Scheuch laut. „Das ist ja wohl klar“, antwortete Dorothy. „Entschuldige.“, bat der Scheuch. “Du weißt, dass ich einen Kopf voller Stroh habe. Ich kann nur Dinge sagen, für die man keinen Verstand braucht.“

Sie gingen weiter, aber die Dunkelheit sank rasch auf das Land, und bald konnte Dorothy nichts mehr sehen. „Scheuch, wenn du ein Haus oder eine Hütte oder etwas anderes siehst, wo wir übernachten können, dann sag Bescheid.“ Der Scheuch nickte und sie stolperten weiter. Schließlich entdeckte der Scheuch ein kleines Häuschen. Sie klopften, aber niemand öffnete. „Es ist unbewohnt“, verkündete der Scheuch, nachdem er sich vorsichtig in das Häuschen hineingeschlichen hatte. „Es gibt eine Raststatt aus Reisig und Zweigen.“ „Wunderbar“, seufzte Dorothy. Sie ging hinein und ließ sich gleich auf das Reisig fallen. Sie war todmüde. Während Toto und Dorothy in tiefen Schlummer sanken, lehnte der Scheuch, der niemals müde war, in einer Ecke und wartete geduldig auf den Morgen.

Ein unheimliches Geräusch

Als Dorothy am nächsten Morgen erwachte, schien bereits die Sonne durch die Bäume, und Toto tollte vor dem Haus umher und versuchte Vögel oder Eichhörnchen zu fangen. Der Scheuch saß noch immer in seiner Ecke und wartete geduldig darauf, dass Dorothy aufwachte. „Guten Morgen“, sagte Dorothy und reckte und streckte sich. „Guten Morgen“, lächelte der Scheuch.

„Ich glaube, als erstes müssen wir Wasser suchen.“ Dorothy setzte sich auf und strich sich das Haar aus dem Gesicht. „Wozu brauchst du denn Wasser?“ fragte der Scheuch erstaunt. „Na, ich muss mich nach einer so langen und staubigen Reise wohl einmal waschen. Und außerdem müssen Toto und ich etwas trinken, sonst können wir das trockene Brot gar nicht herunterbringen.“ Der Scheuch wiegte seinen Kopf. „Ihr Menschen aus Fleisch und Blut habt zwar einen Verstand, aber alles andere ist doch höchst unpraktisch an euch. Ihr müsst schlafen und essen und trinken. Ob ein Verstand all diese Unannehmlichkeiten aufwiegt?“

Dorothy lachte nur, und sie und der Scheuch verließen die Hütte. Dorothy rief nach Toto, und alle drei wanderten in den Wald hinein, auf der Suche nach Wasser. Sie fanden eine kleine klare Quelle, an der Dorothy sich gründlich wusch und auch den Hals nicht vergaß. Sie und Toto stillten ihren Durst und setzten sich dann zum Frühstück nieder. Mit Schrecken bemerkte Dorothy, dass nicht mehr viel Brot in ihrem Korb war. Es reichte vielleicht noch einen Tag für sie und Toto.

Als sie aufgegessen hatten, machten sie sich auf den Weg zurück zum gelben Ziegelsteinweg. Plötzlich hörten sie ein lautes Ächzen und Stöhnen. Dorothy erschrak und fragte: „Was war das?“ Der Scheuch zuckte die Achseln. „Vorstellen kann ich mir nicht, was das war. Aber ich könnte nachschauen gehen.“ Da ächzte und stöhnte es wieder ganz erbärmlich. „Es kommt von da hinten!“ rief Dorothy und ging los. Der Scheuch folgte ihr. Sie waren noch nicht sehr weit gekommen, als Dorothy etwas Glänzendes zwischen den Bäumen erspähte. Vorsichtig ging sie darauf zu und rief überrascht: „Scheuch, hierher!“

Dorothy hatte allen Grund, überrascht zu sein. Vor ihr stand nämlich ein höchst seltsamer Mann. Er hatte eine Axt in den Händen, die er über dem Kopf zu schwingen schien. Der Mann war ganz aus Blech und stand völlig unbewegt in der Sonne. Dorothy und der Scheuch starrten den seltsamen Blechmann erstaunt an, während Toto wie verrückt bellte und versuchte, den Blechmann ins Bein zu beißen, was aber nur seinen eigenen Zähnen wehtat.

Dorothy rettet den Holzfäller

Schließlich fasste Dorothy sich ein Herz: „Hast du so gestöhnt und geächzt?“ fragte sie den Blechmann. „Ja, das war ich. Ich stöhne und ächze schon seit einem Jahr, aber bisher hat mich niemand gehört und niemand ist gekommen, um mir zu helfen“, nuschelte die seltsame Gestalt. „Was können wir für dich tun?“ Dorothy tat der Mann mit der traurigen Stimme sehr leid. „Ihr könntet die Ölkanne aus meiner Hütte holen und meine Gelenke ölen. Dann geht es mir bestimmt gleich wieder besser.“ Dorothy lief sofort zur Hütte zurück und holte die Ölkanne.

„Wo soll ich denn anfangen?“ „Bitte öle zuerst meinen Hals!“ Dorothy tat es, aber das Gelenk war so sehr festgerostet, dass der Scheuch helfen musste. Vorsichtig bewegte er den Kopf des blechernen Mannes hin und her, bis der Rost sich löste und der Mann den Kopf selbst wieder bewegen konnte. „Und nun meine Arme!“ Dorothy gehorchte, und bald konnte der Mann seine Axt aus den Händen legen. „Das tut gut“, grunzte er behaglich. „Länger als ein Jahr halte ich diese Axt nun schon über meinen Kopf. Ich bin ja mit Leib und Seele Holzfäller, aber das war doch ein bisschen zuviel.“

„Komm Holzfäller, dann ölen wir noch deine Beine und du bist so gut wie neu!“ Dorothy freute sich, dass es dem Holzfäller so schnell besser ging. Als sie seine Beine geölt hatte, konnte er auch wieder herumgehen und sich setzen. Der Holzfäller bedankte sich überschwänglich ein ums andere Mal und hörte gar nicht wieder auf, so dankbar war er für die Rettung. „Vielleicht hätte ich für immer so dastehen müssen, wenn ihr nicht vorbei gekommen wäret. Ihr habt mir das Leben gerettet, vielen Dank! Und nun erzählt mir, was ihr an einem so einsamen Ort wollt!“

Dorothy und der Scheuch erzählten dem Holzfäller, dass sie auf dem Weg zur Smaragdstadt seien und den Zauber Oz treffen wollten. „Ihr wollt den Zauberer treffen?“ wunderte sich der Holzfäller. „Warum?“ „Ich will zurück nach Kansas, zu meiner Familie“, erklärte Dorothy. „Und der Scheuch möchte den Zauberer um ein bisschen Verstand bitten.“ Der Holzfäller dachte einen Moment nach, dann sagte er: „Glaubt ihr, dass Oz mir ein Herz geben könnte?“ „Warum nicht“, antwortete Dorothy. „Was soll daran schwieriger sein, als dem Scheuch ein wenig Verstand einzuflößen?“ „Du hast Recht,“ jubelte der Holzfäller. „Dann würde ich mich gern eurer Gesellschaft anschließen und auch in die Smaragdstadt gehen, um den Zauber um Hilfe zu bitten.“ Dorothy und der Scheuch waren sehr erfreut darüber, dass der Holzfäller mit ihnen gehen wollte, und so schulterte der Holzfäller dieser seine Axt und gemeinsam gingen alle drei zurück zu dem gelben Ziegelweg. Dorothy trug die Ölkanne des Holzfällers in ihrem Korb, falls es Regen geben würde und er wieder zu rosten anfinge.

Sie waren noch nicht lange gegangen, als ein Dickicht vor ihnen auftauchte, das den ganzen Weg überwucherte und undurchdringlich schien. Wie gut, dass sie den Holzfäller bei sich hatten! Mit seiner Axt schlug und hackte er so lange unermüdlich, bis der Weg für die drei Kameraden frei war. Gemeinsam zogen sie weiter, und Dorothy war so in Gedanken versunken, dass sie nicht bemerkte, wie der Scheuch mal wieder in ein Loch in der Straße trat und der Länge nach hinschlug. Er kullerte in den Graben und blieb liegen. Erst als er um Hilfe rief, erwachte Dorothy aus ihrer Grübelei und hob ihn rasch auf. Sie entschuldigte sich, dass sie so unaufmerksam gewesen war. „Warum gehst du denn nicht einfach um das Loch herum“, erkundigte sich der Holzfäller. „Ich bin eben dumm“, antwortete der Scheuch geduldig. „In meinem Kopf ist nur Stroh, deshalb bin ich ja auch auf dem Weg zu Oz. Er soll mir mehr Verstand geben.“

„Ich verstehe“, nickte der Holzfäller. „Aber Verstand zu haben ist nicht das Wichtigste auf der Welt.“ „Hast du denn Verstand?“ wollte der Scheuch wissen. „Nein, mein Kopf ist völlig leer. Aber ich hatte mal einen Verstand und ein Herz. Weißt du, ich habe beides ausprobiert und ich möchte lieber ein Herz als einen Verstand haben.“ „Aber warum?“ Der Scheuch schüttelte verwundert den Kopf. „Passt auf, ich werde euch eine Geschichte erzählen und dann werdet ihr mich verstehen.“ Und so zogen die drei ungleichen Gefährten auf dem gelben Ziegelweg weiter, während der Holzfäller ihnen seine Geschichte erzählte.

Die Geschichte des Holzfällers

„Schon mein Vater war ein Holzfäller, der sein Geld damit verdiente, Holz zu schlagen und es zu verkaufen. Als er starb, kümmerte ich mich um meine alte Mutter und schlug wie mein Vater Holz. Als meine Mutter starb, wurde mir klar, dass ich nicht allein leben wollte. Heiraten wollte ich und eine Familie haben, und ich wusste auch schon, wen ich heiraten wollte. Es gab da ein Käuer-Mädchen. Sie war wunderschön. Ich liebte sie von ganzem Herzen, und sie wollte mich heiraten, sobald ich genug Geld verdiente, um ein besseres Haus zu bauen. Ihr könnt euch vorstellen, wie hart ich arbeitete!

Aber das Mädchen lebte bei einer faulen alten Frau, die uns das Glück nicht gönnte und die mein Mädchen lieber bei sich behalten hätte, zum Putzen und Kochen. Diese böse alte Frau ging also zur Hexe des Ostens und versprach ihr zwei Schafe und eine Kuh, wenn sie unsere Hochzeit verhinderte.“ Der Holzfäller war sehr aufgeregt, aber er erzählte weiter.

„Die Hexe des Ostens verhexte meine Axt, und eines Tages, als ich gerade besonders gut in Schwung war, rutschte meine Axt ab weg, und ich schlug mir das linke Bein ab. Erst war ich vor Schreck wie gelähmt und dachte, dass ich nie wieder arbeiten könnte. Dann aber ging ich zu einem Blechschmied. Er machte mir ein neues Bein, so dass ich weiter arbeiten konnte. Das ärgerte die Hexe des Ostens sehr und sie verhexte meine Axt wieder, so dass ich mir auch das rechte Bein abhackte. Wieder ging ich zu dem Blechschmied, der mir auch ein zweites Bein anfertigte. Könnt ihr euch vorstellen, wie es weiterging? Mit der verhexten Axt hackte ich mir erst die Arme und dann sogar den Kopf ab. Aber der Blechschmied flickte mich jedes Mal wieder zusammen, und ich wurde immer mehr zu einem Blechmann. Aber ich liebte das schöne Käuer-Mädchen.

Dann aber schnitt ich mir mit der Axt den Körper entzwei. Der Blechschmied konnte mich retten und machte mir einen Körper aus Blech. Ich war am Leben, aber ich hatte mein liebendes Herz verloren. Das Mädchen war mir egal, weil ich kein Herz mehr hatte, das sie liebte. Wahrscheinlich wartet sie immer noch darauf, dass ich komme, um sie zu heiraten. Ich war schließlich sogar ganz stolz auf mich. Ich glänzte in der Sonne und konnte mich mit der Axt nicht mehr verletzen. Ich musste immer wieder meine Gelenke ölen, damit ich nicht roste. Das habe ich auch immer getan, aber einmal vergaß ich es.

Das war der Tag, an dem mich der Regen überraschte. Ich rostete so schnell, das ich nicht mehr zu meiner Hütte gelangen konnte. Und so habt ihr mich gefunden. Ich hatte viel Zeit, nachzudenken, als ich da so bewegungslos im Wald stand. Und ich weiß jetzt, dass es das Schlimmste war, das Herz zu verlieren, denn als ich noch liebte, war ich der glücklichste Mann der Welt. Aber niemand liebt einen Mann ohne Herz. Und deshalb will ich Oz um ein Herz bitten, und wenn er es mir geben kann, will ich zurückgehen und das Käuer-Mädchen heiraten.“

Dorothy und der Scheuch hatten der Geschichte atemlos gelauscht. „Also, ich möchte trotzdem lieber ein bisschen Verstand haben“, wandte der Scheuch ein. „Ein Narr weiß doch gar nicht, was er mit seinem Herzen anfangen kann.“ „Ich nehme das Herz“, beharrte der Holzfäller. „Der Verstand macht einen nicht glücklich, aber glücklich zu sein ist das Beste, was einem passieren kann.“ Dorothy schwieg, denn sie war verwirrt. Wer von ihren Freunden hatte nun Recht?

Schließlich aber war es ihr egal, denn sie wollte nur heim nach Kansas, und wenn die Freunde Herz und Verstand vom Zauberer bekamen, so hatte doch jeder, was er wollte. Im Moment bekümmerte sie auch viel mehr, dass sie nur noch so wenig Brot bei sich hatte. Bei der nächsten Mahlzeit würden sie und Toto alles aufessen, und wie sollte es dann weitergehen?

Der feige Löwe

Der Weg führte Dorothy und ihre Gefährten immer tiefer in den Wald hinein. Er war zwar immer noch aus gelben Ziegelsteinen, aber überall lagen Zweige und braune Blätter herum und erschwerten das Gehen. Es gab nur noch wenige Vögel, denn Vögel lieben den Sonnenschein. Hier aber war es düster, und die Vögel mieden diesen Teil des Waldes. Ab und zu hörte man ein unheimliches Fauchen oder Knurren aus dem Dickicht. Diese Geräusche ängstigten Dorothy, und ihr Herz schlug schnell und ängstlich. Toto lief dicht neben Dorothy und bellte nicht.

„Wie lange dauert es wohl noch, bis wir aus diesem Wald heraus sind?“ fragte Dorothy den Holzfäller. „Ich weiß es nicht“, gab dieser zu. „Ich war noch nie in der Smaragdstadt. Mein Vater war einmal dort, als ich ein kleiner Junge war, und er erzählte mir von seiner langen gefährlichen Reise. Je näher man aber an die Smaragdstadt herankommt, desto lieblicher wird die Landschaft wieder. Aber was soll schon sein, Dorothy? Dem Scheuch kann nichts geschehen, ich bin aus Blech und habe meine Ölkanne stets griffbereit, und dich hat die Fee des Nordens geküsst. Es kann uns nichts zustoßen.“ „Aber was ist mit Toto?“ „Auf den müssen wir eben alle aufpassen, wenn Gefahr droht“, beruhigte der Holzfäller das Mädchen.

In diesem Augenblick erscholl ein schauerliches Gebrüll aus dem Wald, und im nächsten Moment sprang ein riesiger Löwe auf den gelben Ziegelweg. Er fegte den Scheuch mit einem gewaltigen Tatzenhieb beiseite, so dass dieser durch die Luft flog, sich überschlug und am Rande des Weges liegen blieb. Dann kratzte er den Holzfäller mit seinen scharfen Krallen. Der Löwe war überrascht, dass er dem dicken Blech nichts anhaben konnte, aber der Holzfäller fiel dennoch zu Boden und blieb dort bewegungslos liegen.

Der tapfere Toto sah sich nun einem Feind gegenüber und bellte wild. Der Löwe war wenig beeindruckt, öffnete das Maul und wollte Toto verschlingen. Dorothy war in großer Angst um ihr Hündchen, und in ihrer Verzweiflung sprang sie hervor und schlug dem Löwen so fest sie konnte auf die Nase. „Wage es nicht, meinen Hund zu beißen!“ schrie sie. „Schäme dich lieber! Ein so großer Löwe wie du macht sich an solch einen kleinen Hund heran.“ „Ich habe ihn nicht gebissen“, sagte der Löwe und rieb sich mit der Pfote seine Nase. „Aber du wolltest es“, fuhr Dorothy ihn an. „Du bist nichts als ein riesengroßer Feigling!“

Der Löwe ließ beschämt den Kopf sinken. „Ich weiß“, flüsterte er. „Ich hab’ es schon immer gewusst. Aber was soll ich denn machen?“ „Was weiß ich! Wenn ich nur daran denke, dass du einen ausgestopften Scheuch und einen Holzfäller aus Blech so erschreckst!“ rief Dorothy, die immer noch wütend war. „Er ist ausgestopft? Deshalb war er so leicht. Ich hab’ mich schon gewundert. Und der andere? Ist der auch ausgestopft?“ „Nein, schau doch hin. Er ist aus Blech!“ und Dorothy bückte sich, um dem Holzfäller wieder auf die Beine zu helfen. „Deshalb sind meine Krallen beinahe stumpf geworden, als ich ihn kratzte. Und das Geräusch... Mir lief ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

Was ist das für ein kleines Tier, dessentwegen du mich auf die Nase gehauen hast?“ „Das ist mein Hund Toto.“ „Ist er aus Blech oder ist er auch ausgestopft?“ „Weder noch. Er ist einfach ein Hund aus Fleisch und Blut. Verstehst du mich?“ schnaubte Dorothy. „Ja, schon gut“, lenkte der Löwe ein. „Er ist wirklich ein seltsames Tier und wirklich sehr klein. Wenn ich ihn mir so angucke, ist mir klar, dass niemand so ein kleines Tier beißen würde außer einem Feigling wie mir.“

„Warum bist du denn so feige?“ fragte Dorothy neugierig. „Du bist doch riesengroß. Du bist ein Löwe! Wovor solltest du dich fürchten?“ „Ich weiß es nicht“, erklärte der Löwe traurig, „ich befürchte, ich bin schon so geboren. Alle Tiere im Wald denken, dass ich tapfer bin, denn ein Löwe ist überall der König der Tiere. Wisst ihr, wenn ich besonders laut brülle, dann haben alle Angst vor mir und laufen davon. Das ist praktisch. Immer wenn ich jemanden traf, der mir Angst machte –Tier oder Mensch –, dann brüllte ich laut, und jeder lief davon. Und ich habe sie natürlich immer laufen lassen. Wenn irgendjemand je versucht hätte, mich anzugreifen, dann hätte ich selbst weglaufen müssen, solch ein Feigling bin ich.“

„Richtig ist das aber nicht“, mischte sich der Scheuch ein. „Der König der Tiere darf eigentlich kein Feigling sein.“ „Vielleicht bist du herzkrank“, warf der Holzfäller ein. „Das könnte sein“, antwortete der Löwe. „Falls du herzkrank bist, solltest du froh sein. Es beweist nämlich, dass du ein Herz hast, das krank werden kann. Ich für meinen Teil habe kein Herz und kann deshalb auch nicht herzkrank werden.“

„Vielleicht wäre ich ohne ein Herz nicht ein solcher Feigling“, überlegte der Löwe. „Hast du denn Verstand?“ erkundigte sich der Scheuch. „Ich glaube schon. Ich habe nie nachgesehen“, gab der Löwe zurück. „Ich gehe zum großen Oz, um ihn um Verstand zu bitten, denn mein Kopf ist mit Stroh ausgestopft“, sagte der Scheuch. „Und ich möchte ihn um ein Herz bitten“, ergänzte der Holzfäller. „Und ich möchte, dass er Toto und mich heim nach Kansas bringt.“ Der Löwe sah Dorothy an. „Glaubst du, er könnte mich mutig machen?“ „Das ist nicht schwieriger, als mir einen Verstand zu geben“, rief der Scheuch. „Oder mir ein Herz.“ „Oder mich heimzubringen“, lächelte Dorothy. „Wenn ihr nichts dagegen habt, dann würde ich gerne mit zu Oz gehen. Mein Leben als Feigling ist einfach unerträglich“, sagte der Löwe.

Die Gefährten sahen sich an und waren einverstanden. Einen Löwen dabei zu haben, konnte sehr nützlich sein, denn alle anderen Tiere würden vor ihm Angst haben. Sie wussten ja nicht, dass er in Wahrheit ein Feigling war. Und so machten sich die fünf wieder auf den Weg, wobei Toto sehr böse auf den Löwen war, weil dieser ihn hatte beißen wollen. Nachdem sie aber eine Weile gegangen waren, verflog Totos Ärger, und er freundete sich, wie die anderen auch, mit dem feigen Löwen an.

Sie setzten ihren Weg in die Smaragdstadt ohne nennenswerte Abenteuer fort. Nur der Holzfäller trat auf einen kleinen Käfer und tötete das arme Ding. Der Holzfäller war darüber so betrübt, dass er anfing zu weinen, und nach kurzer Zeit war sein Kiefergelenk von den Tränen so eingerostet, dass er nicht mehr sprechen konnte. Zum Glück hatte Dorothy die Ölkanne in ihrem Korb. So ölten sie das Kiefergelenk des Holzfällers, bis er wieder sprechen konnte. „Das wird mir eine Lehre sein“, sagt er. „Ich werde genau aufpassen, wo ich hintrete, und sollte ich aus Versehen noch einmal auf einen Käfer treten, werde ich nicht weinen, sonst fange ich wieder an zu rosten.“

Und der Holzfäller achtete von nun an sehr genau auf den Weg, um kein anderes Lebewesen zu verletzen oder zu töten. „Ihr Leute mit einem Herzen könnt das nicht verstehen. Euer Herz leitet euch und sagt euch, ob ihr auf dem richtigen Weg seid. Ich habe kein Herz und muss deshalb umso mehr auf mich aufpassen. Wenn Oz mir aber ein Herz gibt, dann muss ich das nicht mehr tun.“

Die Reise zu Oz

Die nächste Nacht verbrachten die Freunde unter freiem Himmel, denn weit und breit war kein Haus zu entdecken. Sie fanden einen großen Baum, dessen dichtes Blätterdach sie zu schützen versprach, und der Holzfäller schlug einen ganzen Stapel Holz, so dass Dorothy ein großes Feuer entfachen konnte. Im Schein der Flammen wurde ihr warm, und sie fühlte sich weniger verlassen. So teilte sie mit Toto das letzte Stückchen Brot und fragte sich besorgt, was sie wohl morgen essen sollten.

„Ich könnte in den Wald gehen und ein Reh für dich erbeuten“, bot der Löwe an. „Wir haben ein Feuer, so dass du das Fleisch braten kannst. Ich weiß, dass ihr einen sehr komischen Geschmack habt und alles nur gekocht oder gebraten esst.“ „O nein“, bat der Holzfäller, „ bitte tu das nicht! Wenn du so ein armes Reh tötest, dann muss ich weinen. Und wenn ich weine, dann rosten meine Gelenke wieder.“ Der Löwe wandte sich ab und verschwand zwischen den Bäumen, um sich sein eigenes Abendbrot zu besorgen. Was es war, erfuhr niemand, denn er sprach nicht darüber.

Der Scheuch hatte unterdessen einen Haselnussstrauch entdeckt und pflückte für Dorothy Nüsse, die er ihr in den Korb füllte. Sie fand das sehr nett und fürsorglich von ihm, obwohl sie doch ein bisschen über ihn lachen musste, wie er da mit seinen plumpen Händen die kleinen Nüsse pflückte und genau so viele Nüsse verlor, wie er in den Korb legte. Dem Scheuch aber machte das nichts aus. Er wollte sowieso nicht am Feuer sitzen, denn er hatte Angst, dass ein Funke sein Stroh in Brand setzen könnte. So pflückte er Nüsse und hielt sich vom Feuer fern. Erst als er Dorothy mit trockenen Blättern zudeckte, näherte er sich vorsichtig dem Feuer. Dorothy schlief in ihrem Blätterbett selig und süß bis zum nächsten Morgen.

Der Morgen brach an, und Dorothy wusch ihr Gesicht in einem kleinen Bach. Gleich danach brachen sie auf, um endlich die Smaragdstadt zu finden. Dieser Tag brachte für die Wanderer viele Abenteuer! Sie waren kaum eine Stunde gegangen, als sie an einen großen Graben kamen. Der Graben unterbrach die Straße und teilte den Wald in zwei Teile. Es war ein sehr breiter Graben, und als sie hineinblickten, merkten sie, dass es auch ein sehr tiefer Graben war, an dessen Boden unwirtliche Felsbrocken lagen. Die Seitenwände waren steil, und keiner von ihnen hätte diese steilen Wände hinunterklettern können. War die Reise hier etwa zu Ende?

„Was sollen wir denn bloß tun?“ fragte Dorothy. „Ich habe nicht die leiseste Idee“, antwortete der Holzfäller. Der Löwe schüttelte seine Mähne. Der Scheuch aber sagte: „Wir können nicht fliegen, so viel ist sicher. Wir können diesen Graben auch nicht durchqueren. Und da wir nicht darüber springen können, müssen wir wohl bleiben, wo wir sind.“ Der Löwe maß den Graben mit den Augen. „Ich glaube, ich könnte darüber springen“, meinte er. „Dann ist doch alles klar“, freute sich der Scheuch. „Wir setzen uns auf deinen Rücken – natürlich einer nach dem anderen – und du trägst uns über den Graben.“

„Wir können es ja mal versuchen“, nickte der Löwe. „Wer will denn zuerst?“ „Ich gehe zuerst“, meldete sich der Scheuch. „Wenn es nicht funktioniert und du in den Graben fällst, würde Dorothy sterben. Der Holzfäller würde sich Beulen holen. Ich aber, mit meinem Stroh, werde dir nicht viel ausmachen, und ich kann mich auch nicht verletzen.“ „Ich habe furchtbare Angst, dass ich selber falle“, gab der Löwe zu. „Aber ich befürchte, wir müssen es trotzdem probieren. So setz’ dich also auf meinen Rücken und wir versuchen unser Glück.“

Der Scheuch setzte sich auf den Rücken des Löwen. Der Löwe ging an den Rand des Grabens und kauerte sich nieder. „Willst du nicht einfach Anlauf nehmen und springen?“ erkundigte sich der Scheuch. „Nein, denn so springen Löwen nicht“, knurrte der Löwe, spannte seine Muskeln an und sprang ab. Er schoss durch die Luft und landete sicher auf der anderen Seite. Alle waren erleichtert, dass der Löwe es geschafft hatte und so holte er erst Dorothy mit Toto und dann den Holzfäller über den Graben. Danach musste er sich allerdings erst einmal ein bisschen ausruhen, denn es war anstrengend gewesen, so weit zu springen. Der Löwe keuchte noch eine ganze Weile, aber schließlich konnte die kleine Gesellschaft weitergehen.

Die Kalidahs

Der Wald wurde immer dichter und dunkler, und jeder fragte sich heimlich, ob sie wohl jemals wieder die Sonne sehen würden. Allen wurde noch unbehaglicher zumute, als der Löwe plötzlich erzählte, dass in diesem Teil des Waldes Kalidahs lebten. „Was bitte sind Kalidahs?“ fragte Dorothy. „Das sind ganz fürchterliche Monster. Sie haben den Körper eines Bären und einen Tigerkopf. Sie haben so scharfe und lange Klauen, dass sie mich einfach in Stücke reißen könnten. Sie könnten mich so einfach töten, wie ich Toto töten könnte“, erklärte der Löwe und klapperte vor Angst ein bisschen mit den Zähnen. Während der Löwe über die Kalidahs gesprochen hatte, waren die Freunde an einen weiteren Graben gekommen, viel tiefer und breiter als der erste Graben. Niemals könnte der Löwe diesen Graben mit einem Sprung überwinden.

Wieder überlegten sie, wie sie nun hinüber kommen sollten. Der Scheuch rief: „Dort steht ein Baum. Seht ihr, wie groß er ist und wie dicht am Graben er steht? Wenn der Holzfäller ihn fällen könnte, so dass er über den Graben auf die andere Seite fällt, dann könnten wir einfach darüber gehen.“ „Die Idee ist ausgezeichnet“, lobte der Löwe. „Fast könnte man meinen, du hättest schon einen Verstand und nicht bloß Stroh in deinem Kopf.“

Der Holzfäller ging sogleich an die Arbeit, und da seine Axt scharf war, war der Baum schnell gefällt. Bevor er fiel, drückte der Löwe ihn mit seinen mächtigen Pranken in die richtige Richtung, und der Baum fiel, wie gewünscht, direkt über den Graben. Die fünf machten sich gerade bereit, die ungewöhnliche Brücke zu überschreiten, als sie hinter sich ein furchtbares Heulen hörten. Sie blickten zurück und sahen zu ihrem Entsetzen zwei riesige Monster auf sich zu laufen, die Bärenkörper und Tigerköpfe hatten.

„Da kommen die Kalidahs!“ rief der Löwe und zitterte wie Espenlaub. „Schnell!“ schrie der Scheuch. „Wir müssen hinüber!“ Dorothy ging zuerst. Sie hatte Toto auf dem Arm, und der Holzfäller folgte ihr. Der Scheuch war der dritte, und der Löwe ging als letzter. Er hatte furchtbare Angst, aber trotzdem drehte er sich zu den Kalidahs um und brüllte so laut und furchterregend, wie er nur konnte. Die beiden Kreaturen blieben verdutzt stehen. Dorothy schrie erschrocken auf, und der Scheuch fiel vor Schreck fast hintenüber.

Die Kalidahs aber erkannten, dass sie viel größer waren als der Löwe und zwei gegen einen, und stürmten wieder vorwärts. Inzwischen hatten alle die andere Seite des Grabens erreicht. Der Löwe drehte sich nach den Bestien um und überlegte, was als nächstes zu tun sei. „Wir sind verloren. Sie werden uns in Stücke reißen. Aber stell dich trotzdem hinter mich, Dorothy, so lange ich irgend kann, werde ich kämpfen und dich beschützen.“

„Moment mal!“ schrie da der Scheuch, der ebenfalls überlegt hatte, was man noch tun könnte. „Holzfäller, schnell, hack dem Baum die Krone ab! Mach schnell, sie kommen immer näher!“ Der Holzfäller hatte verstanden und hackte so schnell er nur konnte. Wie gut, dass er nie müde wurde! Und tatsächlich, die beiden Kalidahs hatten den Baum fast überquert, als der Holzfäller den letzten großen Ast durchtrennte und der Baum mitsamt den Bestien in den Graben hinunter stürzte!

„Das war knapp!“ seufzte der Löwe. „Ich hänge doch sehr an meinem Leben. Wie traurig wäre es, wenn es schon zu Ende wäre. Du lieber Himmel, haben mich diese Biester erschreckt. Mein Herz klopft immer noch wie verrückt.“ „Ach, hätte ich doch ein Herz, das so klopfen konnte könnte“, warf der Holzfäller ein.

Alle wollten schnell weitergehen und beeilten sich, den Graben hinter sich zu lassen. Aber Dorothy ermüdete schnell, und so nahm der Löwe sie auf seinen Rücken. Glücklicherweise wurde der Wald wieder lichter, und am Nachmittag kamen sie zu einem breiten Fluss. Auf der anderen Seite des Flusses. Auf der anderen Seite des Flusses konnten sie sehen, wie die gelbe Ziegelsteinstraße durch eine wunderschöne Landschaft führte. Da waren sanftgrüne Wiesen, die mit Blumen übersät waren, und Bäume, die voll mit den köstlichsten Früchten hingen. Was waren die Wanderer von diesem Anblick entzückt!

„Wie kommen wir nun über diesen Fluss?“ fragte Dorothy. „Das ist doch klar“, antwortete der Scheuch. „Der Holzfäller baut uns ein Floß. Dann können wir über den Fluss fahren.“ Gesagt, getan. Der Holzfäller fällte kleine Bäume für ein Floß, und der Scheuch entdeckte einen Baum mit den feinsten Früchten. Die brachte er Dorothy. Dorothy freute sich sehr, denn sie hatte den ganzen Tag nur Nüsse gegessen, und ließ sich die Früchte schmecken. Aber es dauerte doch seine Zeit, ein Floß zu bauen, selbst wenn man solch einen unermüdlichen Arbeiter hatte wie den Holzfäller. Als die Nacht kam, war das Floß noch nicht fertig. So legten sie sich wieder unter einem Baum zur Ruhe und schliefen gut; Dorothy träumte von der Smaragdstadt und dem guten Zauber Oz, der sie bald nach Hause bringen würde.

Der Fluss

Am nächsten Morgen erwachten alle erfrischt und voller Hoffnung. Dorothy bekam ein Frühstück wie eine Prinzessin, aus lauter süßen Pfirsichen und Pflaumen. Der dunkle Wald, in dem sie so viel erlebten hatten, lag hinter ihnen; was sollte sie nun daran hindern, den Weg auf der anderen Seite des Flusses fortzusetzen und bald die Smaragdstadt zu finden? Nur noch der Fluss trennte sie von der gelben Ziegelsteinstraße auf der anderen Seite, aber das Floß war ja fast fertig. Der fleißige Holzfäller schlug die letzten Stämme und verband alles mit hölzernen Pflöcken. Nun konnte die Fahrt beginnen.

Dorothy setzte sich in die Mitte des Floßes und hielt Toto in ihren Armen. Als der Löwe das Floß bestieg, schwankte und wackelte es bedenklich, denn der Löwe war groß und schwer. Doch der Scheuch und der Holzfäller sprangen schnell auf die andere Seite und stellten so das Gleichgewicht wieder her. Sie nahmen lange Stangen und stießen das Floß vom Ufer ab. Zunächst ging alles gut, als sie jedoch die Mitte des Flusses erreicht hatten, gerieten sie in eine starke Strömung, die sie einfach mitriss. Immer weiter wurden sie von der gelben Ziegelsteinstraße fortgetrieben. Das Wasser wurde so tief, dass die langen Stangen den Grund nicht mehr erreichen konnten.

„Das ist schlimm“, sagte der Holzfäller. „Wenn wir nicht ans Ufer kommen, dann werden wir in das Land der bösen Hexe des Westens getragen. Sie wird uns fangen und uns zu ihren Sklaven machen.“ „Dann werde ich niemals Verstand bekommen“, seufzte der Scheuch. „Und ich werde niemals ein mutiger Löwe sein“, sagte der Löwe. „Und ich bekomme kein Herz“, erklärte der Holzfäller. „Und ich komme nie mehr nach Hause nach Kansas“, schluchzte Dorothy.

„Aber wir müssen doch irgendwie in die Smaragdstadt gelangen“, rief der Scheuch aufgeregt und stieß seine lange Stange mit so viel Kraft in das Wasser, dass sie im Schlamm am Grunde des Flusses stecken blieb. Bevor der Scheuch die Stange herausziehen oder loslassen konnte, trieb das Floß weiter, und der arme Scheuch blieb an der Stange in der Mitte des Flusses hängend zurück. „Auf Wiedersehen!“ rief er seinen Freunden zu. zu. Die waren verzweifelt, weil sie ihn zurücklassen mussten, und der Holzfäller begann zu weinen. Aber schnell erinnerte er sich daran, dass seine Gelenke rosteten, und so trocknete er sich das Gesicht an Dorothys Schürze ab.

„Jetzt geht es mir eigentlich noch schlechter als damals, bevor ich Dorothy traf“, überlegte der Scheuch. „Damals steckte ich auf einem Holzpfahl auf einem Feld und konnte doch wenigstens den Krähen etwas vormachen. Aber was soll ich nun hier im Wasser? Nun werde ich wahrscheinlich nie einen Verstand bekommen.“ Das Floß trieb immer weiter flussabwärts. Die Freunde hatten den Scheuch schon weit hinter sich gelassen. „Wir müssen irgendetwas tun“, sagte der Löwe. „Vielleicht kann ich zum Ufer schwimmen und das Floß hinter mir herziehen. Ich müsst euch bloß ganz fest an meinem Schwanz festhalten.“

Damit sprang er ins Wasser und hielt dem Holzfäller seinen Schwanz hin. Dieser klammerte sich daran fest, und der Löwe schwamm dem Ufer zu. Er musste all seine Kraft zusammen nehmen zusammennehmen, denn die Strömung war stark. Schließlich aber wurde das Wasser flacher und die Strömung ließ nach. Dorothy griff nach einer langen Stange und half dem Löwen. Völlig erschöpft sank der Löwe schließlich am Ufer zusammen.

Alle waren mit ihren Kräften am Ende und mussten einsehen, dass die gelbe Ziegelsteinstraße nun weit weg war. „Was sollen wir nur tun?“ fragte der Holzfäller den Löwen, der in der Sonne lag und sein Fell trocknen ließ. „Wir müssen zu der gelben Ziegelsteinstraße zurück“, sagte Dorothy. „Das Beste ist wohl, wenn wir am Flussufer entlang gehen, bis wir die Straße wieder haben“, überlegte der Löwe. Und genau das taten sie, als sie sich ein wenig ausgeruht hatten.

Sie gingen am Ufer des Flusses auf samtgrünem Gras. Überall blühten Blumen und standen Bäumen mit üppigen Früchten. Die Sonne schien ihnen warm ins Gesicht. Wären sie nicht so traurig über das Schicksal des Scheuchs gewesen, sie hätten fast glücklich sein können. Sie gingen schnell, und Dorothy bückte sich nur ein einziges Mal, um eine Blume zu pflücken. Da rief plötzlich der Holzfäller: „Seht nur! Dort drüben!“ Und alle schauten auf den Fluss hinaus zu dem armen Scheuch, der sich immer noch an die lange Stange klammerte, um nicht ins Wasser zu fallen. Er sah traurig und sehr einsam aus.

„Was können wir nur tun? Wir müssen ihn retten.“ Dorothy schaute ihre Gefährten an. Aber keiner hatte eine Idee, und so setzten sie sich an das Ufer und sahen zum Scheuch hinüber. Da kam ein Storch an ihnen vorbeigeflogen. Als er die kleine Versammlung sah, drehte er ab und landete neben den Freunden am Ufer. „Wer seid ihr und was macht ihr hier?“ fragte der Storch. „Ich bin Dorothy“, erklärte das Mädchen. „Und das hier sind meine Freunde, der Holzfäller und der Löwe. Wir wollen in die Smaragdstadt.“ „Da seid ihr aber auf dem falschen Weg“, wunderte sich der Storch. „Das wissen wir“, antwortete Dorothy. „Aber wir haben unseren Freund, den Scheuch, verloren. Sieh doch, dort hängt er, und wir wissen nicht, wie wir ihn retten können.“

Der Storch schaute den Scheuch an. „Wenn er nicht so groß und schwer wäre, könnte ich ihn euch holen, aber so...“ Dorothy sprang aufgeregt auf. „Aber er ist gar nicht groß und kein bisschen schwer. Er ist nur mit Stroh ausgestopft. Oh bitte, lieber Storch! Kannst du nicht versuchen, den Scheuch zu retten?“ „Ich kann sehen, was sich machen lässt“, versprach der Storch. „Aber wenn er zu schwer wird, dann muss ich ihn in den Fluss fallen lassen.“ Damit breitete der Storch seine Schwingen aus und flog zum Scheuch hinüber. Mit seinen Krallen griff er den Scheuch am Arm und hob ihn in die Luft. Dann flog er mit ihm zum Ufer und setzte ihn behutsam neben Dorothy und den anderen ab.

Der Scheuch war so glücklich, wieder bei seinen Freunden zu seinen, dass er alle herzte und küsste, auch den Löwen und Toto. Dann sang und tanzte und lachte er vor Freude, als sie weitergingen. „Ich dachte schon, ich müsste für immer im Fluss bleiben. Aber dieser nette Storch hier hat mich gerettet. Wenn ich jemals zu ein bisschen Verstand komme, dann kehre ich hierher zurück und tue etwas genauso Nettes für den Storch.“ „Das hört sich gut an.“, lächelte der Storch, der neben den Wanderern herflog. „Ich helfe aber gern, wenn jemand in Not ist. Und jetzt muss ich weiter. Meine Kinder warten auf mich. Ich wünsche euch viel Glück. Hoffentlich findet ihr die Smaragdstadt. Hoffentlich kann Oz euch helfen. Lebt wohl!“ „Danke für alles!“ rief Dorothy und winkte dem davonfliegenden Storch nach.

Das tödliche Mohnfeld

So gingen die Freunde weiter. Die Landschaft war lieblich und voller Blumen. Die bunten Vögel zwitscherten fröhlich, und Dorothy fragte die Gefährten: „Sind die Blumen nicht wunderschön?“ „Wahrscheinlich“, antwortete der Scheuch. „Aber wenn ich klüger geworden bin, mag ich sie vielleicht noch lieber.“ „Hätte ich ein Herz, dann würde ich die Blumen wahrscheinlich lieben“, fügte der Holzfäller hinzu. „Ich habe Blumen schon immer gemocht“, sagte nun der Löwe. „Aber bei mir im Wald gab’s davon so wenige. Und keine waren so leuchtend wie diese Mohnblumen.“

Und tatsächlich – allmählich waren es immer mehr Mohnblüten und immer weniger andere Blumen geworden. Zu Tausenden wogten sie um die Freunde und verbreiteten ihren süßen, aber betäubenden Duft. Dorothy und die anderen merkten jedoch nichts von der Gefahr. Es wäre auch zu spät gewesen. Sie hätten nicht mehr aus diesem Meer von Mohnblüten herausgefunden.

Dorothy wurde immer müder. Ihre Augen waren schwer wie Blei. Sie wollte nur noch ausruhen und schlafen, schlafen ,schlafen... „Nein. Du kannst hier nicht schlafen“, schimpfte der Holzfäller. „Wenn du hier schläfst, wachst du nie wieder auf. Der Duft der Mohnblüten lässt einen immer weiter schlafen.“ Er packte Dorothy und zerrte sie weiter, aber Dorothy konnte nicht mehr laufen. Sie fiel in das Mohnfeld und blieb schlafend liegen. „Man kann nichts dagegen tun“, erklärte der Löwe. „Auch ich merke, dass ich immer müder werde. Es ist der Duft der Mohnblüten. Wir kommen hier nicht mehr heraus.“

„Lauf, so schnell du kannst!“ befahl der Scheuch dem Löwen. „Lauf schnell, damit du dich retten kannst! Der Holzfäller und ich, uns kann der Duft nichts anhaben. Wir werden Dorothy hier herausholen.“ „Und den Hund“, ergänzte der Holzfäller und zeigte auf den schlafenden Toto. Der Löwe gehorchte und rannte davon. Der Scheuch und der Holzfäller machten aus ihren Armen einen Sitz für Dorothy und legten ihr den schlafenden Toto in die Arme. Dann trugen sie das kleine Mädchen und seinen Hund vorsichtig durch das nicht enden wollende Mohnfeld.

Nach einiger Zeit fanden sie den Löwen. Er lag schlafend im Mohnfeld. Kurz bevor er die rettenden Uferwiesen erreicht hatte, war er zusammengebrochen. „Wir können nichts für ihn tun“, sagte der Holzfäller traurig. „Er ist viel zu schwer für uns. Wir müssen ihn hier in ewigem Schlaf zurücklassen. Vielleicht träumt er ja, dass er am Schluss doch noch mutig wurde.“ „Es ist so furchtbar traurig“, jammerte der Scheuch. „Er war zwar feige, aber doch ein guter Kamerad, oder?“ Der Holzfäller nickte und die beiden taumelten weiter. Sie trugen Dorothy zu einem geschützten Platz am Ufer des Flusses, weit genug entfernt von dem gefährlichen Mohnfeld. Vorsichtig legten sie sie und ihren Hund ins Gras und ließen sich nieder, um darauf zu warten, dass der frische Wind Dorothy wieder aufwecken würde.

Die Königin der Feldmäuse

„Weit kann die gelbe Ziegelsteinstraße nicht mehr sein“, überlegte der Scheuch, als sie neben der schlafenden Dorothy saßen. „Wir sind ja doch ein großes Stück am Fluss entlang zurückgegangen.“ Bevor der Holzfäller antworten konnte, sprang eine große gelbe Wildkatze fauchend auf sie zu. Ihre Ohren lagen flach am Kopf an und ihr Maul war weit aufgerissen. Man konnte zwei Reihen schrecklicher Zähne sehen, und die Augen glühten wie Feuerbälle. Die Katze jagte hinter einer kleinen grauen Feldmaus her.

Der Holzfäller hatte zwar kein Herz, aber er wusste, dass er dieser kleinen Maus helfen musste. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, holte er mit seiner Axt aus und schlug der Katze den Kopf ab. Sofort blieb die Maus stehen und drehte sich zu dem Holzfäller um. „Danke! Vielen Dank!“ rief sie mit piepsiger Stimme. „Du hast mir das Leben gerettet. Ich danke dir vielmals!“ Der Holzfäller lächelte verlegen. „Ach, das war doch nicht der Rede wert“, wehrte er den Dank der kleinen Maus ab. „Weißt du, ich habe kein Herz und muss deshalb besonders aufpassen, ob ich jemandem in Not helfen kann. Selbst wenn es nur so eine kleine Maus ist wie du.“

Die Maus schnaubte empört. „Was heißt hier nur so eine kleine Maus wie ich? Ich bin eine Königin. Jawohl! Ich bin die Königin der Feldmäuse.“ „Tatsächlich?“ stotterte der Holzfäller verwirrt und verbeugte sich. „Du hast Großes getan und mein Leben gerettet“, sagte die Königin der Feldmäuse. In diesem Moment kamen von überall her kleine Mäuse gelaufen, die sich schnell um die Königin scharten.

„Majestät, geht es euch gut?“ „Wie habt ihr der Katze entkommen können?“ „Wie schön, dass ihr am Leben seid, Majestät!“ So klang es durcheinander. „Dieser seltsame Holzfäller aus Blech rettete mein Leben, indem er die Katze tötete“, erklärte die Königin. „Deshalb müsst ihr ihm nun alle dienen und alle seine Wünsche erfüllen.“ „Das werden wir tun“, riefen die Mäuse im Chor, um dann plötzlich auseinander zu stieben. Toto war aufgewacht und hatte sich inmitten vieler kleiner Mäuse gefunden. Da er schon in Kansas gerne Mäuse gejagt hatte, war er in freudiges Gebell ausgebrochen.

Der Holzfäller nahm Toto auf den Arm und rief die Mäuse zurück. „Er tut euch nichts. Ich passe darauf auf. Er wird euch nicht beißen.“ Langsam und vorsichtig kamen die Mäuse wieder näher und starrten Toto ängstlich an, der sich in den Armen des Holzfällers wand und immer noch bellte. Eine große Maus richtete das Wort an den Holzfäller. „Gibt es irgendetwas, das wir für dich tun können, weil du unserer Königin das Leben gerettet hast?“ Der Holzfäller überlegte lange. Dann schüttelte er den Kopf. „Nein, da fällt mir gar nichts ein“, bedauerte er.

„Doch, es gibt etwas“, mischte sich nun der Scheuch ein. „Ihr könnt uns helfen, unseren Freund, den Löwen, zu retten. Er liegt immer noch im Mohnfeld und schläft.“ „Ein Löwe!“ schrie die Feldmauskönigin. „Seid ihr verrückt? Er wird uns alle auffressen!“ „Das wird er nicht“, beruhigte der Scheuch die kleine Maus. „Er ist ein Feigling!“ „Ach, ist er das?“ fragte die Feldmauskönigin. „Ja. Das behauptet er sogar selber. Er würde nie einem unserer Freunde wehtun. Wenn ihr uns helft, ihn zu retten, versprechen wir, dass er euch nichts zu Leide tut.“

Die Rettung des Löwen

Die Feldmauskönigin überlegte noch einmal kurz und sagte dann: „Nun gut. Wir vertrauen euch. Aber was können wir kleinen Mäuse denn schon tun?“ „Gibt es viele Mäuse, die eure Untertanen sind?“ „Aber natürlich. Es sind viele Tausende“, versetzte die Feldmauskönigin. „Dann schick nach deinen Untertanen! Sie sollen alle, so schnell sie nur können, hierher eilen und alle ein Stück Bindfaden mitbringen.“ Die Feldmauskönigin befahl, den Wunsch des Scheuchs auszuführen, und die Mäuse stoben davon, um allen zu sagen, dass sie mit einem Stück Bindfaden an das Flussufer bei dem Mohnfeld kommen sollten.

„Du musst jetzt einen Wagen bauen, auf den wir den Löwen legen können“, wandte sich der Scheuch an den Holzfäller. Und der Holzfäller machte sich an die Arbeit. Aus großen Ästen zimmerte er das Fahrzeug, und aus Holzscheiben von einem Baumstumpf die Räder. Da er nicht müde wurde, war der Wagen schon fast fertig, als alle Mäuse mit einem Bindfaden im Schnäuzchen am Flussufer erschienen.

Es waren wirklich Tausende: kleine, große, braune und graue Mäuse. Dorothy erwachte und öffnete die Augen. Wie erstaunt war sie, sich im Gras liegend zu finden, umringt von Tausenden Mäusen mit Bindfaden im Schnäuzchen. Der Scheuch sprang herbei und erklärte Dorothy alles. Dann verbeugte er sich und sagte: „Erlaube mir, dir die Majestät Feldmauskönigin vorzustellen.“ Dorothy nickte ernsthaft, und auch die kleine Feldmauskönigin begrüßte Dorothy.

Währenddessen begannen der Holzfäller und der Scheuch die vielen tausend Mäuse vor den Karren zu spannen. Dazu nahmen sie die Bindfäden, legten sie den Mäusen um die Schultern und knoteten die Enden an den Karren. Dieser Karren war groß und schwer, aber weil es so viele tausend Mäuse waren, konnten sie ihn schließlich doch von der Stelle bewegen und zu dem Löwen im Mohnfeld bringen.

Es war ein hartes Stück Arbeit, den Löwen auf den Wagen zu laden, denn er war wirklich schwer. Aber schließlich war es geschafft, und die Feldmauskönigin gab den Befehl, den Löwen aus dem Mohnfeld zu ziehen. Sie trieb sie zur Eile an, denn sie befürchtete, dass auch ihre Mäuse im Mohnfeld einschlafen könnten. Alle packten mit an. Die Mäuse zogen, der Scheuch und der Holzfäller schoben von hinten. Gemeinsam rollten sie den Löwen aus dem Mohnfeld mit seiner vergifteten Luft an die frische Brise am Ufer.

Dorothy bedankte sich herzlich bei der Feldmauskönigin und ihrem Volk. Sie hatte den Löwen lieb gewonnen und war froh über seine Rettung. Die Mäuse wurden vom Karren losgemacht und verschwanden schnell in alle Richtungen. Die Feldmauskönigin war die letzte, die ging. „Falls du uns je noch einmal brauchen solltest“, sagte sie zu Dorothy, „dann pfeife auf dieser kleinen silbernen Pfeife. Wir werden dich hören und dir so schnell als möglich zu Hilfe eilen. Und nun leb’ wohl.“ Sie drückte Dorothy eine kleine silberne Pfeife an einer feinen silbernen Kette in die Hand. „Auf Wiedersehen!“ riefen die Freunde der Feldmauskönigin nach.

Sie ließen sich neben dem schlafenden Löwen nieder, um auf sein Erwachen zu warten. Dorothy band die Kette um ihren Hals, und der Scheuch brachte ihr noch ein paar Früchte von einem nahen Baum, damit sie nicht verhungern musste.

Auf zur Smaragdstadt

Als der Löwe endlich erwachte, war er sehr froh, noch am Leben zu sein. „Ich rannte, so schnell ich konnte“, erklärte er und gähnte herzhaft. „Aber die Blumen waren zu stark für mich. Wie habt ihr mich nur aus dem Feld geholt?“ Und so erzählten sie ihm die Geschichte von der Feldmaus-Königin und von seiner Rettung. Der Löwe lachte beschämt und sagte: „Da sagt man mir nach, dass ich besonders groß und schrecklich bin. Dabei hat mich so ein kleines Ding wie eine Blume fast getötet, und die kleinen Mäuse haben mein Leben gerettet. Wie seltsam das doch alles ist! Und nun, meine Kameraden, was sollen wir nun tun?“

„Wie müssen den gelben Ziegelsteinweg wieder finden und zur Smaragdstadt gehen“, entschied Dorothy. Sie ließen dem Löwen noch ein kleines Weilchen, sich zu erholen, dann aber brachen sie auf, um den gelben Ziegelsteinweg zu suchen. Es dauerte gar nicht lange, und sie hatten den Weg wieder unter den Füßen, der sie zur Smaragdstadt und dem großen Oz bringen sollte.

Der Weg war gut gepflastert und gepflegt, und die Landschaft war lieblich. Die Wanderer waren froh, den dunklen Wald mit all seinen Gefahren hinter sich zu lassen. Hier gab es auch wieder Zäune. Sie waren genau so grün gestrichen wie die Häuser, die nun wieder am Wegesrand standen. Einige Bewohner kamen aus ihren Häusern, als sie die Freunde sahen, aber keiner wagte es, die Wanderer anzusprechen. Sie hatten alle Angst vor dem großen Löwen. Die Menschen hier waren in einem hübschen Smaragdgrün gekleidet, und sie trugen spitze Hüte, die an die Hüte der Käuer erinnerten.

„Das muss das Land Oz sein“, sagte Dorothy. „Glaubt mir, bald sind wir in der Smaragdstadt.“ „Du hast Recht“, antwortete der Scheuch. „Alles ist hier grün. Die Käuer bevorzugten Blau. Aber die Menschen hier scheinen nicht so freundlich zu sein wie die Käuer. Sicherlich werden sie uns keine Unterkunft für die Nacht geben.“ „Oh, sag doch nicht so etwas.“ Dorothy weinte fast. „Ich möchte so gerne einmal etwas anderes essen als Obst. Und mein lieber Toto muss bald verhungern, wenn er nicht etwas Ordentliches zu essen bekommt. Kommt, am nächsten Haus halten wir einfach an und reden mit den Leuten.“

Und so ging Dorothy, als sie am nächsten Haus vorbeikamen, mutig durch den Vorgarten und klopfte dann energisch an die Tür. Die Tür wurde nur einen Spaltbreit geöffnet, und eine Frau sah Dorothy an. „Was willst du, Kind? Warum hast du diesen großen Löwen bei dir?“ „Wir suchen ein Nachtlager“, bat Dorothy. „Der Löwe ist mein Freund. Er tut niemandem etwas zu Leide.“ Neugierig beäugte die Frau den Löwen. „Ist er denn zahm?“ fragte sie und öffnete die Tür ein kleines bisschen mehr. „Ja, er ist völlig zahm und dazu noch ein großer Feigling. Er hat mehr Angst vor dir als du vor ihm.“ „Wenn das so ist“ sagte die Frau und warf noch einmal einen Blick auf den Löwen, „dann könnt ihr meinetwegen hereinkommen. Ich gebe euch etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen.“

Dorothy und ihre Freunde betraten das Haus. Außer der Frau gab es noch zwei Kinder und einen Mann, der auf dem Sofa lag, weil er sich am Bein verletzt hatte. Alle waren sehr überrascht, so außergewöhnlichen Besuch im Haus zu haben. Die Frau deckte den Tisch und der Mann fragte: „Wo wollt ihr denn eigentlich hin?“ Dorothy antwortete: „Wir wollen in die Smaragdstadt zum großen Zauber Oz.“ „Oh!“, rief der Mann überrascht. „Seid ihr sicher, dass der große Oz euch auch empfangen wird?“ „Warum nicht?“ fragte Dorothy beunruhigt. „Nun ja, es heißt, dass er nie irgendwelche Besucher empfängt. Ich selbst war einige Male in der Smaragdstadt. Sie ist wunderhübsch, wirklich ein schönes Fleckchen, aber nie war mir erlaubt, den großen Oz zu sehen. Ich kenne auch niemanden, der ihn je gesehen hat.“

„Verlässt er denn niemals das Haus?“ fragte der Scheuch erstaunt. „Nie. Tagein, tagaus sitzt er in seinem großen Thronsaal in seinem Palast. Und die, die auf ihn warten, sehen ihn auch nie von Angesicht zu Angesicht.“ „Wie ist er denn so?“ fragte Dorothy. „Das ist schwer zu sagen“, erwiderte der Mann. „Weißt du, Oz ist ein großer Zauberer. Er kann jede Gestalt annehmen, die er zu sein wünscht. Einige sagen, er sieht aus wie ein Vogel. Andere wieder sagen, er sieht aus wie ein Elefant. Und es gibt Leute, die behaupten, er sähe aus wie eine Katze. Er erscheint in der Gestalt, die ihm beliebt, und niemand hat je den wahren Oz zu Gesicht bekommen.“

„Das ist fast unheimlich“, stellte Dorothy fest. „Aber wir müssen versuchen, zu Oz zu gelangen. Wenn wir ihn nicht sprechen dürfen, war unsere ganze Reise umsonst.“ „Aber warum wollt ihr denn Oz so unbedingt sehen?“ wunderte sich der Mann nun. „Ich will ihn um einen scharfen Verstand bitten“, erklärte der Scheuch. „Und ich möchte ihn um ein liebendes Herz bitten“, sagte der Holzfäller. „Das mit dem Herzen wird nicht schwer sein für Oz“, bemerkte der Mann. „Ich weiß, dass er eine ganze Sammlung von Herzen in jeder Form und Größe hat.“ „Und mich soll er endlich mutig machen“, fuhr der Löwe fort. Der Mann lächelte. „Oz hat eine große Flasche Mut in seinem Thronsaal. Das wird auch dich mutig machen.“

„Und ich möchte ihn bitten, mich zurück nach Kansas zu bringen“, sagte Dorothy. „Wo liegt Kansas?“ fragte der Mann überrascht. „Ich weiß es nicht“, erwiderte Dorothy traurig. „Aber in Kansas bin ich zu Hause, und ich bin ganz sicher, dass es irgendwo ist.“ „Oz kann alles“, tröstete der Mann Dorothy. „Er wird auch wissen, wo Kansas liegt, und dich dorthin bringen. Aber zuerst müsst ihr Oz überhaupt erst einmal treffen. Das wird sehr schwierig werden, glaubt mir.“

In diesem Moment rief die Frau ihnen zu, das Abendessen sei fertig. Alle setzten sich um den Tisch, und Dorothy aß köstlichen Haferbrei und einen Teller voll mit Rührei. Dazu gab es eine Scheibe Brot, und Dorothy aß mit großem Appetit. Der Löwe bekam auch eine Schüssel mit Haferbrei, aber er schmeckte ihm nicht. Hafer sei etwas für Pferde, aber nichts für Löwen, murmelte er und ließ die Schüssel stehen. Der Scheuch und der Holzfäller aßen wie immer nichts. Toto aber fraß von allem ein bisschen und freute sich über das gute Abendessen.

Der Hüter des Tores

Nach dem Essen zeigte die Frau Dorothy ihr Bett. Toto kuschelte sich neben Dorothy, und der Löwe legte sich an die Tür, um Dorothys Schlaf zu bewachen. Der Scheuch und der Holzfäller standen in einer Ecke und waren ganz still, obwohl sie natürlich nicht schliefen. Kaum graute der nächste Tag, waren die Wanderer wieder auf ihrem Weg zur Smaragdstadt. Je weiter sie gingen, desto grüner glühte der Himmel am Horizont. „Schaut nur, das muss die Smaragdstadt sein“, jubelte Dorothy. Am Nachmittag kamen sie an eine große Mauer, die die Smaragdstadt umschloss. Sie war hoch und dick und leuchtend grün. Hier endete die Straße aus gelben Ziegelsteinen direkt an einem großen Tor in der grünen Mauer. Das Tor war über und über mit Smaragden besetzt.

Die funkelten und glitzerten so sehr in der Sonne, dass sogar die gemalten Augen des Scheuchs davon geblendet wurden. Neben dem Tor war ein Klingelzug. Dorothy zog daran und hörte gleich darauf ein silbernes Klingeln von drinnen. Gleich danach schwang das Tor auf, und die fünf schritten hindurch. In einem hohen Raum, dessen Wände mit zahllosen Smaragden besetzt waren, blieben sie stehen.

Vor ihnen stand ein kleiner Mann, fast ebenso groß nur wie ein Käuer. Er war von Kopf bis Fuß in Grün gekleidet, sogar seine Haut hatte einen leichten Grünschimmer. Er stand neben einer großen grünen Kiste und fragte: „Was wollt ihr hier in der Smaragdstadt?“ „Wir kamen hierher, um den großen Oz zu sprechen“, flüsterte Dorothy schüchtern. Diese Antwort überraschte den Mann so sehr, dass er sich setzen musste, um darüber nachzudenken. „Es ist schon sehr lange her, dass jemand mich darum bat, ihn zu Oz zu bringen“, sagte der Mann und schüttelte den Kopf. „Oz ist sehr mächtig und furchtbar. Wenn ihr mit einer unwichtigen oder albernen Nachricht die weisen Gedanken des großen Oz stört, tötet er euch vielleicht auf der Stelle.“

„Wir wollen aber etwas sehr Wichtiges von ihm“, versetzte der Scheuch. „Und außerdem wurde uns gesagt, dass Oz ein guter Zauberer ist.“ „Das ist er auch“, bestätigte der grüne Mann. „Er regiert die Smaragdstadt klug und weise. Aber denjenigen, die nicht ehrlich sind oder die nur aus Neugierde kommen, denen erscheint er in wahrhaft schrecklicher Gestalt. Deshalb haben bisher nur wenige gewagt, dem Zauberer unter die Augen zu treten. Ich bin der Torwächter, und da ihr den großen Oz zu sehen wünscht, muss ich euch in den Palast geleiten. Zuallererst müsst ihr aber diese Brillen aufsetzen.“

Dorothy schaute in die große, grüne Kiste, die der Torwächter geöffnet hatte und die voll mit Brillen war. Sie hatten alle grüne Gläser und an den Fassungen goldene Bänder, die ineinander griffen. Es gab Brillen in allen Größen und Formen. Dorothy staunte. „Warum müssen wir eine Brille aufsetzen?“ fragte sie. „Weil der Glanz der Smaragdstadt euch sonst blenden würde“, erklärte der Torwächter. „Ihr würdet einfach blind werden. Auch die Bewohner der Smaragdstadt tragen diese Brillen Tag und Nacht. Wie du siehst, werden sie hinten an den Bändern abgeschlossen. So hat es der große Oz angeordnet, als die Smaragdstadt erbaut wurde. Ich bin der einzige, der einen Schlüssel hat.“

Damit fischte der Torwächter für jeden der Freunde eine passende Brille aus der großen Kiste und setzte sie ihnen auf. Sogar Toto und auch der Löwe bekamen Brillen. Sorgfältig schloss der Torwächter das kleine Schloss hinten am Kopf ab. Selbst wenn sie gewollt hätten, konnten sie nun die Brillen nicht mehr abnehmen. Dann setzte sich der Torwächter seine eigene Brille auf. „Ich bringe euch nun in den Palast von Oz.“ Er nahm einen großen goldenen Schlüssel von einem Haken an der Wand und öffnete damit ein weiteres großes Tor. Beklommen folgten ihm die Freunde in die funkelnde Stadt des großen Zauberers Oz.

Die wunderbare Smaragdstadt

Obwohl ihre Augen durch die grünen Gläser der Brillen geschützt waren, wurde den Freunden vom Glanz und vom Schimmer der wundervollen Smaragdstadt beinahe schwindelig. Prächtige Häuser aus grünem Marmor, die mit Smaragden besetzt waren, säumten die Straßen. Auch das Straßenpflaster bestand aus feinstem grünem Marmor, und die Fugen waren mit glitzernden Smaragden bestückt. Sie funkelten und leuchteten in der Sonne. Die Fensterscheiben der Häuser bestanden aus grünem Glas, der Himmel über der Stadt schimmerte hellgrün, und sogar die Strahlen der Sonne wirkten leicht grünlich.

In der Stadt gab es viel Leben. Männer, Frauen und Kinder liefen geschäftig durch die Straßen. Alle waren grün gekleidet und trugen eine grüne Brille. Ihre Haut schien leicht grün zu sein, und sie sahen Dorothy und ihre Freunde mit großen verwunderten Augen an. Als die Kinder den Löwen sahen, rannten sie davon, um sich hinter ihren Müttern zu verstecken. Niemand richtete das Wort an die Wanderer. Es gab auch viele Geschäfte in der Smaragdstadt, und sogar die Auslagen der Läden waren grün. Da gab es grüne Bonbons, grünes Popcorn, grüne Schuhe, grüne Hüte und viele grüne Kleider. Ein Mann verkaufte grüne Limonade, und Dorothy sah die Kinder mit grünem Geld dafür bezahlen.

Pferde oder andere Tiere konnte Dorothy nirgendwo entdecken. Dafür begegneten ihnen immer wieder Männer, die auf ihren kleinen grünen Karren Lasten durch die Stadt schoben. Alle schienen glücklich und zufrieden zu sein. Der Torwächter führte sie durch die Straßen, bis sie zu einem riesigen Gebäude ganz genau in der Mitte der Smaragdstadt kamen. Es war der Palast vom großen Zauberer Oz. Vor der Tür stand ein grün gekleideter Soldat mit einem langen grünen Bart. „Hier bringe ich dir einige Fremde“, sagte der Torwächter zu dem Soldaten. „Sie wünschen den großen Oz zu sprechen.“ „Kommt herein“, nickte der Soldat. „Ich werde dem großen Oz Bescheid sagen.“

So traten die fünf in den Palast des großen Zauberers Oz ein und wurden in einen großen Raum geführt, in dem es einen weichen grünen Teppich und grüne Möbel gab. Die Möbel waren mit Smaragden verziert, und Dorothy und ihre Freunde mussten sich die Füße auf einer grünen Matte abputzen, bevor sie eintreten durften. Als sie sich gesetzt hatten, sagte der Soldat höflich: „Bitte macht es euch bequem. Ich werde zum Thronsaal gehen und Oz berichten, dass ihr hier seid.“

Dorothy und ihre Freunde mussten lange warten, bis der Soldat zurückkam. Schon fürchteten sie, dass er sie vergessen habe könnte, als er wieder in das Zimmer trat. „Hast du den Zauberer gesehen?“ fragte Dorothy. „Oh, nein“, antwortete der Soldat. „Ich habe den Zauberer noch nie gesehen. Aber ich habe ihn gesprochen und ihm ausgerichtet, dass ihr hier seid, während er hinter einem Wandschirm saß. Er sagt, dass er euch eine Audienz gewähren will, wenn ihr es wünscht. Der große Oz will aber jeden von euch einzeln sehen und nicht mehr als einen von euch am Tag. Ihr müsst also für einige Zeit hier im Palast bleiben. Ich zeige euch nun eure Zimmer, ihr werdet euch nach der langen Reise sicher ausruhen wollen.“ „Vielen Dank“, knickste Dorothy, „Wir wissen die Großzügigkeit von Oz sehr zu schätzen.“

Der Soldat blies in eine kleine grüne Pfeife, und sofort erschien ein junges Mädchen, das ein entzückendes grünes Seidenkleid trug. Sie hatte wunderschöne grüne Haare und Augen. Sie verneigte sich vor Dorothy und sagte: „Folge mir bitte. Ich zeige dir deine Gemächer.“ Dorothy verabschiedete sich von ihren Freunden, nahm Toto auf den Arm und folgte dem grünen Mädchen über sieben Gänge und drei Stockwerke.

Dann öffnete das grüne Mädchen eine Tür, und Dorothy trat in das hübscheste Zimmer der ganzen Welt. In diesem Zimmer stand ein wunderbar weiches Bett mit grünen Seidenlaken und einer weichen grünen Samtdecke. Ein kleiner Springbrunnen plätscherte in der Mitte des Zimmers und versprühte grünes duftendes Wasser, das sich in einem Becken aus grünem Marmor sammelte. Vor den Fenstern standen wunderschöne grüne Pflanzen, und es gab sogar ein Regal voller lustiger grüner Bücher. Im Schrank hingen viele grüne Kleider aus Samt und Seide. Sie alle passten Dorothy wie angegossen. „Fühl’ dich wie zu Hause“, sagte das grüne Mädchen. „Falls du irgendetwas brauchst, dann läute. Ich komme sofort. Morgen früh wird Oz dich empfangen.“

Damit ließ sie Dorothy allein, um auch den anderen ihre Zimmer zu zeigen. Jeder von ihnen erhielt ein wunderschönes Zimmer. An den Scheuch war diese Pracht allerdings verschwendet, denn er schlief ja nie in einem Bett. Als das grüne Mädchen ihn allein ließ, blieb er einfach auf der Schwelle des Raumes stehen und starrte die ganze Nacht über eine kleine grüne Spinne an, die in einer Ecke des Zimmers ein Netz spann, und es war beiden egal, wie prächtig das Zimmer war.

Der Holzfäller streckte sich auf seinem weichen Bett aus, denn er erinnerte sich daran, dass er als Mensch in einem Bett gelegen hatte. Aber er konnte nicht einschlafen, und so bewegte er die ganze Nacht seine Scharniere und Gelenke, um ganz sicher zu sein, dass sie noch alle funktionierten.

Dem Löwen wäre ein Bett aus trockenen Blättern draußen im Wald viel lieber gewesen. In einem Zimmer eingeschlossen zu sein, fiel ihm schwer, aber er war vernünftig und wehrte sich nicht. Er sprang auf das Bett, rollte sich zusammen wie eine Katze und schnurrte sich augenblicklich in den Schlaf.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen kam wieder das grüne Mädchen, um Dorothy abzuholen. Sie half ihr, das schönste grüne Kleid anzuziehen, das sie im Kleiderschrank finden konnten. Bevor sie zum Thronsaal gingen, banden sie Toto noch eine grüne Schleife um den Hals. Zuerst kamen sie in eine große Halle, in der viele Hofdamen und Kammerherren versammelt waren. Sie waren alle sehr kostbar gekleidet und unterhielten sich miteinander. Sie kamen jeden Morgen hierher, ohne dass Oz ihnen bisher gestattet hatte, einzutreten.

Als sie Dorothy sahen, begannen sie miteinander zu wispern und zu flüstern. Dann fragte jemand: „Willst du wirklich wagen, vor Oz den Schrecklichen zu treten?“ „Aber natürlich“, antwortete Dorothy. „Wenn der große Oz mich zu sich lässt.“ „Oh, er wird dich empfangen“, sagte der Soldat, der Oz am Tag zuvor die Nachricht überbracht hatte. „Obwohl er es nicht leiden kann, wenn Leute ihn sprechen wollen. Auch dich wollte er erst sehen, als ich von deinen Silberschuhen und dem Zeichen auf deiner Stirn erzählte.“ In diesem Moment klingelte eine Glocke und das grüne Mädchen sagte: „Das ist das Zeichen. Du musst nun allein in den Thronsaal gehen.“

Bei Oz

Dorothy ging tapfer durch die Tür, die ihr das Kammermädchen geöffnet hatte. Sie gelangte in einen großen, hohen und runden Raum. Wände, Fußboden und auch die gewölbte Decke waren mit Smaragden besetzt. Ein helles Licht strahlte von der Decke herab und ließ die Smaragde schimmern und funkeln. In der Mitte des Raumes stand ein großer Thron aus grünem Marmor. Er sah aus wie ein Stuhl und war wie alles andere auch mit Smaragden verziert. Auf dem Thron ruhte ein gewaltiges Haupt ohne Körper, ohne Arme, ohne Beine. Es hatte keine Haare, nur Augen, Nase und einen Mund. Der Kopf war größer als der Kopf des riesigsten Riesen.

Als Dorothy staunend und ängstlich diesen Riesenkopf ansah, bewegten sich dessen Augen und musterten sie scharf. Der Mund öffnete sich und Dorothy hörte eine Stimme sagen: „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche. Wer bist du und was willst du von mir?“ Die Stimme war nicht ganz so furchterregend, wie Dorothy erwartete hatte, deshalb fasste sie sich ein Herz und antwortete: „Ich bin Dorothy, die Kleine und Schwache. Ich brauche deine Hilfe.“ Eine ganze Minute lang starrten die großen Augen Dorothy an.

Dann sagte die Stimme: “Woher hast du die Silberschuhe?“ „Ich habe sie von der bösen Hexe des Ostens. Mein Häuschen fiel auf sie und tötete sie“, antwortete Dorothy. „Woher hast du das Zeichen auf deiner Stirn?“ ließ sich die Stimme wieder hören. „Die Hexe des Nordens küsste mich, um mich auf meiner Reise zu dir, dem großen Oz, zu beschützen.“ Wieder musterten die Riesenaugen Dorothy scharf und sahen, dass sie die Wahrheit sagte. „Was soll ich nun für dich tun?“ fragte der große Oz. „Bitte schick’ mich nach Kansas zurück! Ich möchte nach Hause, zu Tante Emmie und Onkel Henry. Euer Land ist sehr schön, aber ich möchte trotzdem nach Hause. Außerdem macht sich Tante Emmie bestimmt große Sorgen um mich“, sagte Dorothy.

Die großen Augen zwinkerten dreimal, dann schauten sie nach oben und nach unten und rollten herum, als wollten sie in jeden Winkel des Raumes sehen. Schließlich starrten sie wieder Dorothy an. „Warum sollte ich dir helfen?“, fragte Oz. „Weil du mächtig bist und ich schwach. Weil du der große Zauberer Oz bist und ich nur ein kleines hilfloses Mädchen“, schluchzte Dorothy. „Du warst stark genug, die Hexe des Ostens zu töten.“ „Das ist einfach so passiert. Ich konnte nichts dafür“, rief Dorothy.

„Gut“, sagte der Kopf. „Höre nun meine Antwort: Bevor du nicht etwas für mich getan hast, hast du kein Recht, auf Hilfe von mir zu hoffen. Jeder muss für das bezahlen, was er bekommt. Wenn du möchtest, dass ich dich dank meiner Zauberkraft nach Hause bringe, musst du zuerst etwas für mich tun. Hilf mir, und ich werde dir helfen.“ „Was soll ich denn tun?“ fragte Dorothy. „Töte die böse Hexe des Westens!“ donnerte die Stimme. „Aber das kann ich nicht“, schrie Dorothy überrascht auf. „Du hast die Hexe des Ostens getötet und trägst die Silberschuhe, die einen mächtigen Zauber bergen. Es gibt nur noch diese eine böse Hexe in unserem Land. Wenn du mir sagst, dass sie tot ist, bringe ich dich nach Kansas zurück, aber nicht einen Moment früher.“

Dorothy begann zu weinen. Sie war sehr enttäuscht. Die großen Augen aber blinzelten wieder und starrten Dorothy weiter so an, als fühlte der große Oz, dass Dorothy ihm helfen könnte, wenn sie nur wollte. „Ich habe noch nie jemanden mit Absicht getötet“, schluchzte Dorothy. „Und selbst wenn ich es könnte, wüsste ich nicht, wie ich die Hexe des Westens töten sollte. Wenn du, der große und mächtige Zauberer von Oz es nicht kannst, wie soll ich es dann können?“ „Das weiß ich auch nicht“, sagte der Kopf ungerührt. „Aber das ist meine Antwort. Du siehst Onkel und Tante erst wieder, wenn die Hexe des Westens tot ist. Denke daran, dass die Hexe böse ist, sehr böse, und dass sie es verdient, zu sterben. Jetzt geh’ und wage nicht, mir unter die Augen zu kommen, bevor du deine Aufgabe erledigt hast.“

Niedergeschlagen verließ Dorothy den Thronsaal und kehrte zu ihren Freunden zurück. „Für mich gibt es keine Hoffnung“, weinte sie. „Oz will mich erst nach Hause schicken, wenn ich die Hexe des Westens getötet habe, und das kann ich niemals tun!“ Ihre Freunde sahen sie bestürzt und traurig an, konnten aber nichts für sie tun. Dorothy zog sich in ihr Gemach zurück und weinte sich in den Schlaf.

Am nächsten Morgen kam der Soldat zum Scheuch und sagte: „Folge mir, der große Oz wird dich jetzt empfangen.“ Und so folgte der Scheuch dem Soldaten zum Thronsaal und erblickte zu seiner Überraschung eine wunderschöne Dame auf dem Thron aus grünem Marmor. Sie war in feine grüne Seidenschleier gehüllt und trug eine edelsteinbesetzte Krone auf ihren grünen Locken. An ihren Schultern wuchsen Schmetterlingsflügel, die sich leise im Luftzug bewegten. Der Scheuch verbeugte sich vor diesem anmutigen Geschöpf so gut er konnte. Die Dame sah ihn freundlich an und sagte: „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche. Wer bist du und was willst du von mir?“ Der Scheuch war sehr überrascht, denn er hatte den Riesenkopf erwartet, von dem Dorothy gesprochen hatte.

Trotzdem antwortete er mutig: „Ich bin nur eine mit Stroh ausgestopfte Vogelscheuche. Ich habe leider kein Gehirn und wollte dich bitten, mir etwas Verstand in den Kopf zu zaubern, damit ich so gut wie jeder andere Mann hier bin.“ „Warum sollte ich das für dich tun?“ fragte die Dame. „Weil du mächtig und weise bist, und weil niemand sonst mir helfen kann“, antwortete der Scheuch. „Ich tue nie etwas ohne Gegenleistung“, versetzte Oz. „Aber ich gebe dir ein Versprechen. Wenn du die böse Hexe des Westens für mich tötest, gebe ich dir so viel Verstand, dass du der schlaueste und weiseste Mann im Lande Oz bist.“

Überrascht sagte der Scheuch: „Ich dachte, du hast Dorothy schon damit beauftragt, die Hexe zu töten.“ „Ja, das habe ich getan. Mir ist egal, wer sie tötet. Solange sie lebt, erfülle ich keine Wünsche. Und nun verschwinde. Wage nicht, mir noch einmal unter die Augen zu kommen, bevor du dir deinen Verstand verdient hast.“ So ging der Scheuch bedrückt zurück zu den Freunden und berichtete ihnen vom großen Oz. Dorothy war sehr überrascht, dass Oz nicht ein großer Kopf, sondern eine feine Dame gewesen war. „Mir ist es egal, ob sie eine Sie oder ein Er ist“, murrte der Scheuch. „Als allererstes braucht Oz ein Herz, genau wie unser Holzfäller.“

Am nächsten Morgen wurde der Holzfäller zu Oz gerufen. Als er in den Thronsaal trat, erschrak er fürchterlich. Weder ein Kopf noch eine Dame erwartete ihn. Oz hatte sich in ein riesengroßes, schreckliches Ungeheuer verwandelt. Es hatte einen Kopf wie ein Rhinozeros und es war so groß wie ein Elefant. Fünf Augen glühten in seinem Gesicht, und fünf lange Arme wuchsen ihm aus dem Körper. Die fünf dünnen Beine schienen den Körper kaum tragen zu können. Dickes, zotteliges Fell bedeckte den Körper der grässlichen Kreatur. Was für ein Glück, dass der Holzfäller noch kein Herz hatte, sonst hätte es vor Angst sicherlich laut geschlagen. Da er aber nur aus Blech war, fürchtete sich der Holzfäller nicht.

„Ich bin Oz, der Große und Schreckliche!“ brüllte das Biest. „Wer bist du und was willst du von mir?“ „Ich bin ein Holzfäller aus Blech. Ich habe kein Herz und kann deshalb niemanden lieben. Ich bitte dich, mir ein Herz zu geben, wie alle anderen eines haben.“ „Warum sollte ich das tun?“ donnerte die Bestie. „Weil ich dich darum bitte und niemand sonst mir diesen Wunsch erfüllen kann.“ Das Biest ließ ein heiseres Fauchen hören. „Wenn du ein Herz haben möchtest, musst du dir eines verdienen.“ „Wie?“, fragte der Holzfäller. „Hilf Dorothy, die böse Hexe des Westens zu töten. Wenn die Hexe tot ist, komm zu mir, und ich werde dir das größte und liebevollste Herz in meinem Land geben.“

Und so musste auch der Holzfäller niedergeschlagen zu den Freunden zurückkehren. Er erzählte ihnen von dem schrecklichen Biest, und alle wunderten sich, in wie viele Gestalten der Zauberer schlüpfen konnte. „Wenn er sich bei mir auch als Biest zeigt“, brummte der Löwe, „dann brülle ich so laut ich kann und erschrecke ihn so sehr, dass er mir jeden Wunsch erfüllt. Und wenn er eine schöne Dame ist, tue ich so, als würde ich mich auf sie stürzen wollen. Damit zwinge ich sie, mir meine Bitte zu erfüllen. Wenn er aber der große Kopf ist, habe ich leichtes Spiel. Dann rolle ich ihn so lange im Saal herum, bis er verspricht, uns alles zu geben, was wir uns wünschen. Macht euch also keine Sorgen, Freunde. Es wird schon alles gut.“

Am nächsten Morgen brachte der Soldat den Löwen zu Oz. Beherzt sprang der Löwe in den Thronsaal, aber als er sich umsah, entdeckte er entsetzt einen riesigen Feuerball auf dem Thron aus grünem Marmor. Der Feuerball flackerte und glühte so entsetzlich, dass es kaum auszuhalten war. Zuerst dachte der Löwe, Oz hätte aus Versehen Feuer gefangen. Vorsichtig näherte er sich der Feuerkugel und versengte sich sofort die Schnurrbartspitzen. Erschrocken sprang er zurück und kroch rückwärts zur Tür. Da sagte eine leise, gelassene Stimme: „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche. Wer bist du und was willst du von mir?“

„Ich bin ein feiger Löwe, der sich vor allem und jedem fürchtet. Ich bin gekommen, um dich um Mut zu bitten, so dass ich der König der Tiere werden kann, wie ich ja auch genannt werde.“ „Und warum sollte ich dir Mut geben?“ fragte Oz. „Weil du von allen Zauberern der mächtigste bist und nur du mir diesen Wunsch erfüllen kannst.“ Der Feuerball loderte auf, dass die Funken flogen. „Bring mir den Beweis, dass die böse Hexe des Westens tot ist. Dann werde ich dir Mut geben. Aber solange die Hexe noch lebt, musst du ein Feigling bleiben.“

Der Löwe war wütend, konnte aber natürlich nichts gegen Oz unternehmen. Böse starrte er in die Flammen, als er plötzlich merkte, dass es immer heißer wurde. Da rannte er aus dem Thronsaal und war froh darüber, dass seine Freunde auf ihn warteten. Er erzählte ihnen von dem schrecklichen Gespräch mit dem Zauberer. „Was sollen wir denn jetzt bloß tun?“ fragte Dorothy. „Wir können nur eins tun“, antwortete der Löwe. „Wir müssen in das Land der Winkies gehen, die böse Hexe finden und sie erledigen.“ „Und was ist, wenn uns das nicht gelingt?“ seufzte Dorothy. „Dann werde ich nie ein mutiger Löwe.“ „Und ich bekomme keinen Verstand.“ „Und ich muss für immer ohne Herz leben.“ Dorothy sah ihre treuen Freunde an. „Und ich werde niemals wieder nach Hause kommen.“

Dorothy begann zu weinen, und das grüne Kammermädchen rief: „Vorsicht, du machst Flecken auf dein hübsches grünes Kleid!“. Dorothy trocknete ihre Tränen und sagte entschlossen: „Wir müssen es wohl versuchen. Aber ich sage euch gleich, ich werde niemanden töten, nicht einmal, um Tante Emmie wiederzusehen.“ „Ich werde mit dir gehen, aber vergiss’ nicht, dass ich zu feige bin, um eine böse Hexe zu töten“, lächelte der Löwe. „Ich komme auch mit“, sagte der Scheuch. „Aber ich werde dir keine große Hilfe sein, denn ich bin furchtbar dumm.“ „Und ich kann nicht einmal einer bösen Hexe etwas zu leide tun“, erklärte der Holzfäller. „Aber wenn du gehst, komme ich selbstverständlich mit.“

So beschlossen sie, am nächsten Morgen aufzubrechen, und der Holzfäller schärfte seine Axt an einem grünen Schleifstein und ließ sich alle Gelenke noch einmal gründlich ölen. Der Scheuch stopfte sich mit frischem Stroh aus, und Dorothy malte ihm neue Augen auf das Gesicht, mit denen er vielleicht sogar besser sehen konnte. Das freundliche grüne Kammermädchen packte lauter leckere Sachen in Dorothys Korb und band Toto eine kleine Glocke an einem grünen Band um den Hals. Sie gingen früh zu Bett und schliefen tief und fest, bis der Morgen kam. Sie wurden von dem Krähen eines grünen Hahns geweckt, der im Hof des Palastes wohnte und von dem Gegacker eines grünen Huhns, das ein grünes Ei gelegt hatte.

Die böse Hexe des Westens

Der Soldat mit dem langen grünen Bart führte die Freunde durch die Smaragdstadt zurück zum Haus des Torhüters. Der schloss ihre Brillen auf und legte sie zurück in die große grüne Kiste. „Welcher Weg führt denn zur bösen Hexe des Westens?“, erkundigte sich Dorothy. „Es gibt keinen Weg“, antwortete der Torwächter. „Niemand möchte freiwillig dorthin gehen.“ „Aber wie sollen wir die Hexe dann finden?“ fragte Dorothy verwirrt. „Das ist einfach“, erklärte der Torwächter. „Ihr geht einfach in das Land der Winkies. Die Hexe des Westens wird sich von allein bei euch melden und euch zu ihren Sklaven machen.“ „Vielleicht aber auch nicht“, bemerkte der Scheuch. „Wir wollen die Hexe nämlich vernichten.“

„Das ist dann natürlich etwas Anderes“, lächelte der Torwächter. „Aber bis jetzt ist es niemandem gelungen, die Hexe zu töten. Ihr müsst sehr vorsichtig sein, habt ihr gehört? Sie ist wirklich schrecklich böse! Und sie wird euch vielleicht nicht erlauben, sie zu vernichten. Geht auf jeden Fall immer nach Westen. Dann könnt ihr sie nicht verfehlen.“ Die Freunde bedankten sich bei dem Torwächter und wandten sich nach Westen. Ihr Weg führte sie über saftige grüne Wiesen voller Butterblumen und Gänseblümchen. Dorothy trug noch immer das hübsche Kleid aus dem Palast, als sie plötzlich überrascht feststellte, dass es nicht mehr länger grün, sondern einfach nur weiß war. Auch Totos Band um seinen Hals hatte die grüne Farbe plötzlich verloren und leuchtete nun genauso weiß wie Dorothys Kleid.

Sie ließen die Smaragdstadt schnell hinter sich und mit ihr auch die weichen grünen Wiesen und die liebliche Landschaft. Das Land wurde rauer und hügeliger, und es gab keine Häuser und Farmen mehr. Am Nachmittag stach ihnen die Sonne ins Gesicht, denn es gab keine Schatten spendenden Bäume, und Dorothy, Toto und der Löwe waren schon lange vor Einbruch der Nacht völlig erschöpft. Todmüde rasteten sie, und der Scheuch und der Holzfäller bewachten den Schlaf ihrer müden Gefährten.

Nun war es aber so, dass die böse Hexe des Westens nur ein einziges Auge hatte. Dieses war so scharf wie ein Fernrohr und sein Blick sah alles. Am Abend saß sie vor ihrem Schloss und blickte sich um. Da sah sie Dorothy und ihre Freunde schlafend im Gras liegen. Sie waren zwar weit entfernt, aber es ärgerte die Hexe doch, dass sich fremde Wesen in ihr Land geschlichen hatten.

Sie blies in eine kleine silberne Pfeife, die sie um den Hals hängen hatte. Im Nu stand ein Rudel riesiger Wölfe vor ihr. „Schnappt das Pack da drüben“, befahl die Hexe, „und reißt es in Stücke.“ Der Leitwolf fragte: „Willst du sie nicht zu deinen Sklaven machen?“ „Das lohnt sich nicht!“ wehrte die Hexe ab. „Einer ist aus Blech, der andere mit Stroh ausgestopft. Eins ist ein kleines Mädchen, und dann haben wir noch einen Löwen. Keiner von denen kann arbeiten, also reißt sie einfach in Stücke.“ „Wie du wünschst“, verabschiedete sich der Wolf und rannte, gefolgt von den anderen, davon.

Es war ein großes Glück, dass der Scheuch und der Holzfäller wach waren. Sie hörten die Wölfe kommen. „Lass mich das machen“, sagte der Holzfäller. „Stell dich hinter mich, und ich werde es ihnen ordentlich geben.“ Er griff nach seiner Axt, die er in der Smaragdstadt noch geschärft hatte. Als der Leitwolf ihn ansprang, hob er seine Axt und schlug dem Wolf den Kopf ab. Da kam auch schon der nächste Wolf heran, und der Holzfäller hob wieder seine Axt. Es waren vierzig Wölfe, und der Holzfäller schlug vierzig Mal zu. Am Ende türmte sich ein Berg toter Angreifer zu seinen Füßen. Der Holzfäller ließ seine Axt sinken und setzte sich neben den Scheuch, und der sagte: „Das war ein guter Kampf, mein Freund!“

Sie warteten, bis Dorothy am nächsten Morgen erwachte. Das kleine Mädchen erschrak heftig beim Anblick der vielen toten Wölfe. Der Holzfäller aber beruhigte es und erzählte, was geschehen war. „Vielen Dank, dass du uns gerettet hast“, sagte Dorothy und streichelte dem Holzfäller über die Wange. Dann ließen sie sich zu einem raschen Frühstück nieder, bevor sie sich wieder auf den Weg machten.

Die böse Hexe trat an diesem Morgen vor ihr Schloss und ließ ihren Blick schweifen. Sie sah die toten Wölfe und die fremden Wanderer, die immer noch in ihrem Land umherstreiften. Das machte sie noch wütender als am Abend zuvor, und sie blies zweimal in ihre Silberpfeife. Augenblicklich stieß ein Schwarm wilder Krähen auf sie herab. Es waren so viele, dass sie fast den Himmel verdunkelten. Die böse Hexe befahl dem König der Krähen: „Fliegt zu diesen Fremden, hackt ihnen die Augen aus und dann reißt sie in Stücke.“ Der Schwarm stob davon und verdunkelte den Himmel über Dorothy und ihren Freunden.

Als Dorothy die Vögel kommen sah, fürchtete sie sich sehr, doch der Scheuch sagte: „Das ist meine Sache. Legt euch auf den Boden und bleibt dicht neben mir, dann wird euch nichts geschehen.“ Schnell legten sich alle auf den Boden, nur der Scheuch blieb aufrecht stehen und streckte die Arme aus. Als die Krähen ihn sahen, erschraken sie zuerst, so wie Vögel sich eben vor Vogelscheuchen erschrecken, und kamen nicht näher.

Dann aber sagte der König der Krähen: „Dieser Mann ist nur ausgestopft. Ich werde ihm die Augen aushacken.“ Er flog hinüber zum Scheuch, der aber packte den König der Krähen blitzschnell und drehte ihm den Hals um. Da kam die nächste Krähe und wieder packte der Scheuch sie und brach ihr das Genick. Vierzig Krähen waren es, und vierzig Mal drehte der Scheuch einer Krähe den Hals um, bis schließlich alle Krähen tot am Boden lagen. Er rief seine Freunde, und alle waren glücklich, der Gefahr entkommen zu sein. Rasch wanderten sie weiter.

Als die böse Hexe das nächste Mal Ausschau hielt und ihre Krähen tot am Boden liegen sah, wurde sie ganz schrecklich wütend und blies dreimal Wut entbrannt in ihre silberne Pfeife. Ein gefährliches Summen erfüllte plötzlich die Luft, und ein Schwarm schwarzer Bienen flog auf die Hexe zu. „Fliegt zu diesen Fremden und stecht sie tot!“ , schrie die Hexe voller Zorn. Die Bienen gehorchten und flogen direkt zu Dorothy und ihren Freunden. Der Scheuch und der Holzfäller sahen die Bienen kommen. Der Scheuch rief dem Holzfäller zu: „Schnell, hol alles Stroh aus mir heraus und deck Dorothy, Toto und den Löwen damit zu. Dann können die Bienen sie nicht stechen.“ Der Holzfäller tat, wie der Scheuch es ihn geheißen hatte, so dass die drei sicher zugedeckt waren.

Als die Bienen kamen, fanden sie nur den Holzfäller, den sie stechen konnten, und das taten sie auch. An dem harten Blech jedoch brachen ihre Stacheln ab, und so mussten die Bienen sterben. Als alle Bienen tot waren, standen Dorothy und der Löwe wieder auf. Dorothy half dem Holzfäller, das Stroh in den Scheuch zurück zu stopfen, bis er wieder so gut aussah wie vorher. Dann gingen sie rasch weiter.

Als die böse Hexe des Westens nun auch ihre schwarzen Bienen tot am Boden liegen sah, da war sie außer sich vor Zorn. Sie stampfte mit dem Fuß auf, raufte sich die Haare und knirschte mit den Zähnen. Anschließend schrie sie nach ihren Sklaven, den gelben Winkies, und schickte ungefähr ein Dutzend von ihnen mit scharfen Speeren bewaffnet fort, um Dorothy und ihre Freunde zu töten. Die gelben Winkies waren nicht besonders tapfer, aber der Hexe mussten sie gehorchen. Also marschierten sie mit ihren Speeren los und trafen bald auf Dorothy und ihre Freunde.

Bevor die Winkies überhaupt die Speere heben konnten, stieß der Löwe ein so fürchterliches Gebrüll aus und sprang dabei auf die armen gelben Winkies zu, dass diese vor lauter Angst so schnell zurückliefen, wie sie nur konnten. Als sie wieder im Schloss ankamen, schlug die böse Hexe sie wütend mit einer Peitsche und schickte sie an ihre Arbeit zurück. Sie selbst setzte sich hin und überlegte, wie sie die Fremden vernichten könnte. Dass all ihre Pläne fehlgeschlagen waren, konnte die Hexe nicht verstehen. Aber da sie nicht nur eine böse, sondern auch eine mächtige Hexe war, hatte sie schnell einen neuen Plan geschmiedet.

In einem ihrer Schränke bewahrte die Hexe eine goldene Kappe auf, die mit Diamanten und Rubinen besetzt war. Der Besitzer dieser Kappe hatte das Recht, dem Volk der Flügelaffen Befehle zu erteilen. Allerdings konnte man diesen Zauber nur dreimal anwenden, und zweimal hatte die Hexe des Ostens es bereits getan. Das erste Mal hatte sie mit Hilfe der Flügelaffen die gelben Winkies zu ihren Sklaven gemacht, Das zweite Mal hatten die Flügelaffen im Auftrag der Hexe gegen den großen Oz gekämpft und ihn aus dem Land des Westens vertrieben. Sie hatte nur noch einen Wunsch frei, und den hatte sie eigentlich für den äußersten Notfall aufsparen wollen. Aber nun, da ihre Wölfe, Krähen und Bienen tot waren und die gelben Winkies vor Angst vor dem Löwen davon gelaufen waren, schien dieser Notfall eingetreten zu sein.

Die böse Hexe nahm also die goldene Kappe aus dem Schrank, setzte sie auf und stellte sich auf den linken Fuß. Dabei murmelte sie: „Ep-pe, pep-pe, pop-pe!“ Sie stellte sich auf den rechten Fuß und fuhr fort: „Hil-lo, hol-lo, hel-lo!“ Schließlich stellte sie sich auf beide Füße und rief laut: „Ziz-zi, zuz-zi, zick!“ Der Zauber begann zu wirken. Der Himmel verdunkelte sich und ein Dröhnen lag in der Luft. Das Rauschen von vielen Flügeln ertönte, und ein lautes Schreien und Schnattern wurde hörbar. Die Sonne brach wieder hinter den Wolken hervor, und die Hexe war umringt von vielen, vielen Affen, jeder mit einem Paar kräftigen Flügeln auf dem Rücken.

Einer, der größer war als alle anderen, war offensichtlich der Anführer. Er flog an die Hexe heran und sagte: „Du rufst uns zum dritten und letzten Mal. Wie lautet dein Befehl?“ „In meinem Land laufen irgendwelche fremden Strolche herum“, tobte die böse Hexe. „Fliegt zu ihnen und tötet sie! Verschont nur den Löwen. Bringt ihn zu mir, damit ich ihn wie ein Pferd einspannen und arbeiten lassen kann.“ „Dein Befehl wird sofort ausgeführt.“ Der Anführer der Affen verbeugte sich. Er gab den anderen ein Zeichen, und unter lautem Geschnatter und mit gewaltigem Krach flogen die Affen zu der Stelle, an der sich Dorothy und ihre Freunde gerade aufhielten.

Einige der Affen schnappten sich den Holzfäller und trugen ihn mit sich fort. Als sie über ein Stück Land mit vielen scharfen Felsen flogen, ließen sie ihn einfach fallen. Der arme Holzfäller fiel tief und schlug sich so schlimme Beulen, dass er weder aufstehen noch um Hilfe rufen konnte. Einige andere Affen ergriffen den Scheuch und rupften das Stroh aus seinem Körper und auch aus seinem Kopf. Dann schnürten sie seine Kleider und Schuhe zu einem Bündel und warfen es laut kreischend in die Zweige eines hohen Baumes.

Die übrigen Affen stürzten sich auf den Löwen und fesselten ihn so lange, bis er sich nicht mehr rühren konnte. Dann hoben sie ihn auf, flogen mit ihm zum Schloss der bösen Hexe und warfen ihn in einen engen Hof, der mit Eisengittern umzäunt war.

Dorothy hatte ihre Arme um Toto geschlungen und beobachtete fassungslos, was mit ihren Freunden geschah. Ihr jedoch taten die Affen nichts an. Der Anführer der Affen hatte das Mal vom Kuss der guten Fee auf Dorothys Stirn gesehen. Gerade wollte er seine langen haarigen Arme nach der armen Dorothy ausstrecken, als er plötzlich zurückzuckte und den anderen zurief: „Wir dürfen nicht wagen, diesem kleinen Mädchen ein Leid anzutun. Sie steht unter dem Schutz des Guten, und das Gute ist mächtiger als alles Schlechte. Wir können dieses kleine Mädchen nur zur Hexe bringen und es ihr überlassen.“ Und sie hoben Dorothy vorsichtig und behutsam auf und brachten sie zu der bösen Hexe. Sanft setzten sie das Kind vor dem Schloss ab.

Im Schloss

Die Hexe kam angelaufen, und der Anführer der Affen sagte: „Wir haben deinen Befehl ausgeführt, so weit uns das möglich war. Den blechernen Holzfäller und die Vogelscheuche haben wir zerstört. Der Löwe liegt gefesselt in deinem Hof. Aber dem Mädchen konnten wir nichts zuleide tun und auch dem Hund nicht, den es in seinen Armen hält. Du hast uns zum letzten Mal gerufen. Deine Macht über uns ist gebrochen, und du wirst uns nie wieder sehen.“ Der Anführer drehte sich um, und die Affen erhoben sich mit Lachen und Schnattern und Geschrei in die Lüfte. Bald war von ihnen nichts mehr zu sehen.

Die Hexe musterte Dorothy erstaunt und ein wenig ängstlich. Sie wusste genau, dass nicht nur die Affen dem Mädchen nichts anhaben konnten, sondern auch sie selbst es nicht wagen durfte, ihr etwas zuleide zu tun. Als ihr Blick auf Dorothys silberne Schuhe fiel, fing die böse Hexe an zu zittern. Diese Schuhe waren mächtige Zauberschuhe! Fast wäre die Hexe vor Angst davon gelaufen, aber ein Blick in Dorothys Augen sagte ihr, dass Dorothy nichts von dem mächtigen Zauber ihrer Schuhe wusste.

Und so lachte die böse Hexe bei sich und dachte: „Ich kann sie immer noch zu meiner Sklavin machen, denn sie weiß ja gar nicht, wie mächtig sie ist.“ Sie drehte sich um und fuhr Dorothy an: „Komm mit! Hör gut zu und merk dir alles, was ich dir erkläre. Wenn du das nicht tust, ist dein Leben genau so zu Ende wie das des Holzfällers und der Vogelscheuche.“

Dorothy folgte der Hexe durch viele prächtige Zimmer im Schloss, bis sie in die Küche kamen. Die Hexe befahl ihr, die Töpfe und Pfannen zu schrubben, die Fußböden zu wischen und das Feuer in Gang zu halten. Dorothy war niedergeschlagen, machte sich aber sogleich an die Arbeit. Sie war froh, dass die Hexe ihr nichts angetan hatte.

Nachdem die Hexe Dorothy in die Küche gebracht hatte, ging sie hinaus in den Hof, um den Löwen anzusehen. Sie malte sich aus, wie alle ihr wundersames Gespann ansahen, wenn sie mit einem Löwen vor dem Wagen herumkutschierte. Aber als sie die Käfigtür öffnete, brüllte der Löwe und sprang auf sie zu. Es klang so gefährlich, dass die Hexe schnell aus dem Käfig rannte und die Tür hinter sich zuschlug. „Wenn du dich nicht vorspannen lässt, dann lasse ich dich eben verhungern“, sagte die Hexe boshaft. „Du bekommst erst etwas zu essen, wenn du das tust, was ich will!“

Sie brachte dem gefangenen Löwen wirklich kein Futter. Aber sie kam jeden Mittag in den Hof hinunter, ging an den Käfig heran und fragte den Löwen: „Wirst du dich anschirren lassen, wie ein Pferd?“ Und der Löwe fauchte: „Nein! Und wenn du hier herein kommst, dann fresse ich dich auf.“ Natürlich gab es einen Grund, warum der Löwe nicht verhungerte, so wie die Hexe es gerne gesehen hätte. Nachts, wenn die Hexe schlief, brachte Dorothy ihm Futter aus der Küche, und er fraß, bis er satt war. Danach rollte er sich auf seinem Strohlager zusammen und Dorothy legte sich zu ihm. Sie vergrub ihre Hände in seiner weichen Mähne, und sie redeten lange über ihre schreckliche Lage und schmiedeten Fluchtpläne. Aber sie konnten einfach keinen Ausweg entdecken, denn das Schloss wurde von den gelben Winkies immer gut bewacht.

Dorothys Tage waren traurig und voll harter Arbeit. Die böse Hexe drohte ihr oft, sie mit dem Regenschirm zu schlagen, den sie immer in der Hand hielt. In Wirklichkeit hätte sie natürlich nie gewagt, Dorothy auch nur anzufassen, weil sie das Zeichen des Guten auf ihrer Stirn fürchtete. Aber Dorothy wusste nichts von der Furcht der Hexe und hatte große Angst. Als die Hexe Toto eines Tages mit dem Regenschirm so schlug, dass er quer durch den Raum segelte, biss Toto die Hexe ins Bein. Zu Dorothys Entsetzen blutete die Hexe nicht. Sie war so böse, dass ihr Blut schon vor langer Zeit eingetrocknet war.

Langsam verlor Dorothy die Hoffnung, jemals wieder heim nach Kansas zu Tante Emmie und Onkel Henry zu kommen. Und so saß sie manchmal allein in der Küche und weinte bittere Tränen, während Toto zu ihren Füßen kauerte, ihr ins Gesicht sah und kläglich winselte. Ihm war es egal, ob er in Kansas oder im Lande Oz war. Die Hauptsache war, dass Dorothy bei ihm war. Aber er sah, dass seine kleine Herrin sehr unglücklich war, und das betrübte ihn.

Die Zeit verging, und in der bösen Hexe wuchs der Wunsch, Dorothys silberne Zauberschuhe zu besitzen. Ihre Bienen und Krähen und Wölfe waren tot, der Zauber der goldenen Kappe verbraucht. Wäre sie im Besitz der silbernen Zauberschuhe, würde sie wieder Macht erringen, sogar mehr, als sie vorher jemals besessen hatte. Sie beobachtete Dorothy sehr genau, um herauszufinden, wann sie die Schuhe auszog. Dann wollte sie ihr die Schuhe stehlen. Aber Dorothy war sehr stolz auf die silbernen Schuhe, so dass sie sie nur nachts oder beim Waschen auszog. Zum Glück hatte die Hexe große Angst vor der Dunkelheit und wagte es nicht, im Dunkeln im Schloss herumzulaufen. Und ihre Furcht vor Wasser war sogar noch größer, so dass sie niemals auch nur in die Nähe von Dorothys Badezimmer ging und auch in der Küche immer sehr aufpasste, dass kein Wassertropfen sie traf.

Aber die böse Hexe war sehr schlau, und sie dachte sich schließlich eine List aus, um die Schuhe zu bekommen. Sie legte eine Eisenstange auf den Küchenboden, die sie zuvor mit allerlei Magie für Menschenaugen unsichtbar gemacht hatte. Als Dorothy in die Küche kam, stolperte sie über die unsichtbare Stange und fiel hin. Sie tat sich nicht sonderlich weh, aber sie verlor einen ihrer silbernen Schuhe. Ehe sie danach greifen konnte, hatte die Hexe ihn erwischt und angezogen. Die Hexe war über ihren Erfolg sehr entzückt. Nun hatte sie die Hälfte der Macht schon errungen, und Dorothy konnte ihr nichts mehr anhaben, selbst wenn sie gewusst hätte, wie mächtig die Schuhe waren.

Als Dorothy sah, dass sie einen ihrer schönen Schuhe verloren hatte, wurde sie wütend und fuhr die Hexe an: „Gib mir sofort meinen silbernen Schuh zurück!“ „Das werde ich nicht tun!“ kreischte die Hexe voller Freude. „Das ist jetzt mein Schuh und nicht mehr deiner!“ „Du bist gemein!“ schluchzte Dorothy. „Du hast nicht das Recht, mir meine Schuhe zu stehlen.“ „Das ist mir doch egal“, kicherte die Hexe. „Ich behalte ihn und warte nur ab. Eines Tages bekomme ich auch den zweiten Schuh!“ Dorothy wurde über die Bosheit der Hexe so wütend, dass sie den Eimer mit Putzwasser packte, der vom Bodenschrubben noch neben ihr stand. Mit Schwung schüttete sie der Hexe das Wasser über den Kopf, so dass sie von oben bis unten völlig durchnässt war.

Sofort begann die böse Hexe laut zu schreien: „Sieh nur, was du angerichtet hast, du verrücktes Kind! Ich schmelze!“ Erschrocken sah Dorothy die Hexe an, und tatsächlich: sie schien zusammenzuschrumpfen und wurde immer kleiner. „Das tut mir leid“, stammelte Dorothy und zitterte vor Angst, denn die Hexe schrumpfte immer weiter und schmolz wie brauner Zucker in Wasser. „Wusstest du denn nicht, dass Wasser mein Tod ist?“ jammerte die Hexe mit ersterbender Stimme. „Nein, natürlich nicht“, stotterte Dorothy. „Woher hätte ich das wissen sollen?“ „Oh weh!“ stöhnte die böse Hexe. „Nun bin ich gleich fort, und mein Schloss gehört dir. Mein ganzes Leben lang bin ich böse gewesen und hätte nie gedacht, dass so ein kleines Mädchen mich besiegen könnte. Schau nur – da gehe ich hin...“

Mit diesen Worten schrumpfte die Hexe zu einer braunen Masse zusammen, die auf den Kacheln langsam zu einem feinen braunen Rinnsal wurde. Dorothy nahm einen zweiten Eimer mit Wasser, schüttete ihn beherzt über die Reste der Hexe und scheuerte die ganze Küche blitzblank. Dann hob sie ihren silbernen Schuh auf, rieb ihn trocken und zog ihn an. Nun war sie frei, und als erstes lief sie zum Löwen in den Hof und befreite ihn aus seinem Käfig. Nun konnten sie tun und lassen, was sie wollten, und ihre Zeiten als Gefangene der bösen Hexe waren endgültig vorbei.

Scheuch und Holzfäller werden gerettet

Der feige Löwe war sehr erfreut zu hören, dass die böse Hexe im Putzwasser geschmolzen war. Glücklich streiften er und Dorothy durch das ganze Schloss. Dann rief Dorothy die Winkies zusammen und teilte ihnen mit, dass die böse Hexe tot sei. „Ihr seid nun keine Sklaven mehr!“ rief Dorothy mit heller Stimme, und unter den Winkies brach großer Jubel aus. Sie hatten hart für die böse Hexe gearbeitet und waren trotzdem immer mit großer Grausamkeit behandelt worden. So war der Todestag der Hexe für die gelben Winkies ein Freudentag, den sie mit Lachen und Tanzen feierten.

„Wären doch nur unsere Freunde, der Holzfäller und der Scheuch, bei uns“, seufzte der Löwe. „Dann wäre ich wirklich glücklich.“ „Glaubst du nicht, dass wir sie retten können?“ fragte Dorothy besorgt. „Wir können es zumindest versuchen“, antwortete der Löwe.

Nach langem Überlegen baten sie die Winkies, ihnen bei der Suche nach ihren Freunden zu helfen. Die Winkies wollten gerne helfen, da Dorothy sie von der Sklaverei befreit hatte. Dorothy wählte die diejenigen aus, die am klügsten aussahen, und machte sich dann zusammen mit dem Löwen und den gelben Winkies auf den Weg. Sie mussten einen ganzen Tag und noch die Hälfte des nächsten Tages gehen, um an die felsige Hochebene zu gelangen, wo der völlig verbeulte und zerschlagene Holzfäller lag. Ganz in seiner Nähe fanden sie auch seine Axt, mit verrosteter Schneide und abgebrochenem Stiel.

Die gelben Winkies hoben den Holzfäller vorsichtig auf und trugen ihn zum Schloss zurück. Dorothy und der feige Löwe waren über den Zustand ihres treuen Freundes bestürzt und betrübt. Im Schloss angekommen fragte Dorothy: „Gibt es in eurem Volk Blechschmiede?“ „Oh, ja!“ nickte einer der gelben Winkies eifrig. „Einige von uns sind berühmte Meister im Fach des Blechschmiedens.“ „Bitte, schick diese Blechschmiede zu mir“, bat Dorothy. Und als die Handwerker mit großen Körben voller Werkzeug antraten, fragte sie: „Könnt ihr meinen Freund hier ausbeulen und wieder in seine alte Form bringen? Könnt ihr löten, was zerbrochen ist?“ Die Blechschmiede traten an den Holzfäller heran und untersuchten ihn sorgfältig. Dann nickten sie und versicherten Dorothy, ihn wieder vollständig herstellen zu können.

Sie machten sich sofort an die Arbeit. Ohne Unterbrechung hämmerten und klopften, löteten und polierten sie drei Tage und vier Nächte lang die Beine, die Arme und den Körper des Holzfällers. Schließlich sah er wieder aus wie früher, nur dass jetzt einige Flicken auf seinem Körper klebten, denn die Blechschmiede hatten ganze Arbeit geleistet. Seine Gelenke bewegten sich geräuschlos, er hatte keine Löcher mehr, und da er nicht eitel war, waren ihm die Flicken völlig egal.

Als er vor Dorothy trat, um sich für die Rettung zu bedanken, war er so gerührt, dass er zu weinen anfing. Schnell wischte Dorothy dem Holzfäller die Tränen ab, damit er nicht gleich wieder zu rosten anfinge. Sie selbst hatte dicke Tränen in den Augen vor Freude, und diese Tränen mussten nicht abgewischt werden. Sogar der Löwe war so gerührt, dass er seine Augen beständig mit seiner Schwanzspitze abreiben musste. Schließlich war diese so nass, dass er hinausgehen musste, damit sie in der Sonne trocknen konnte. „Ach, wäre doch der Scheuch bei uns“, sagte der Holzfäller sehnsüchtig, nachdem Dorothy ihm alles erzählte hatte, was sich inzwischen ereignet hatte. „Ohne ihn kann ich nicht wirklich glücklich sein.“ „Dann müssen wir versuchen, ihn zu finden“, sagte Dorothy.

Und so bat sie die gelben Winkies, ihr auch bei der Suche nach dem Scheuch zu helfen. Wieder gingen sie einen ganzen Tag und die Hälfte des nächsten, bis sie die Kleider des Scheuchs an einem hohen Baum entdeckten. Es war ein wirklich hoher Baum mit einem sehr glatten Stamm. Niemand konnte diesen Baum erklimmen und niemand konnte an die Kleider heran reichen. Da sagte der Holzfäller: „Ich werde den Baum fällen, dann kommen wir an die Kleider des Scheuchs.“ Damit holte er seine Axt hervor, die von einem Goldschmied der Winkies wieder zusammengesetzt worden war. Ihr Griff war nun aus purem Gold, und die Schneide, von allem Rost befreit, glänzte wie reines Silber.

Der Holzfäller begann sofort mit der Arbeit, und nach kurzer Zeit war der Baum gefällt. Die Kleider des Scheuchs rutschten aus den Zweigen und fielen zu Boden. Rasch hob Dorothy sie auf, und die gelben Winkies trugen sie zum Schloss zurück. Dort angekommen stopften sie den Scheuch mit frischem Stroh aus. Wie groß war die Freude, als der Scheuch endlich wieder in Lebensgröße und fröhlich wie immer vor ihnen stand und sich wieder und wieder für die Rettung bedankte.

Wieder vereint genossen die Freunde die unbeschwerten Tage im Schloss der bösen Hexe. Aber nach einiger Zeit meldete sich bei Dorothy wieder das Heimweh nach Kansas, nach Tante Emmie und Onkel Henry. „Lasst uns zu Oz zurückgehen und ihn zwingen, seine Versprechen einzulösen“, bat Dorothy ihre Gefährten. „Oh, ja!“ rief der Holzfäller. „Dann bekomme ich endlich mein Herz.“ „Und ich bekomme meinen Verstand“, jubelte der Scheuch. „Und ich bekomme endlich Mut“, endete der Löwe feierlich. Dorothy hüpfte und klatschte in die Hände und sang: „Und ich kehre nach Kansas zurück. Wie schön, wie schön, wie schön! Lasst uns gleich morgen zur Smaragdstadt aufbrechen.“

Gesagt – getan. Am nächsten Morgen riefen sie die Winkies zusammen, um ihnen ihren Entschluss mitzuteilen und ihnen Lebewohl zu sagen. Die gelben Winkies waren sehr traurig, denn sie hatten vor allem den Holzfäller in ihre Herzen geschlossen. Deshalb fragten sie ihn, ob er nicht als König über sie und das gelbe Westland herrschen wolle. Da die Freunde sich aber nicht trennen konnten, schenkten die Winkies dem Löwen und auch Toto ein goldenes Halsband. Dorothy bekam eine wunderschöne Kette mit funkelnden Diamanten. Der Scheuch erhielt einen goldenen Spazierstock, damit er nicht mehr so oft stolperte, und für den Holzfäller brachten die Winkies eine silberne, goldbeschlagene und mit wertvollen Edelsteinen besetzte Ölkanne. Alle verabschiedeten sich herzlich voneinander und schüttelten sich so oft die Hände, bis die Arme schmerzten.

Dorothy ging in die Küche, um ihren Korb mit Proviant zu füllen. Dabei fand sie eine entzückende goldene Kappe im Schrank. Sie setzte sie auf und sie passte wie angegossen. Sie wusste nichts über den Zauber, der in der Kappe wohnte; sie fand sie nur hübsch und nahm sie als Sonnenhut an sich. Nachdem sie sich so für die Wanderschaft gerüstet hatte, brach Dorothy mit ihren Freunden zur Smaragdstadt auf. Die Winkies standen noch lange am Tor des gelben Schlosses und winkten ihnen nach.

Die geflügelten Affen

Wie du weißt, gab es keine Straße zwischen der Smaragdstadt und dem Schloss der gelben Hexe, nicht einmal einen Trampelpfad. Den Weg zum Schloss hatten die geflügelten Affen unsere Wanderer getragen. Es war viel schwieriger, den Weg zurück in die Smaragdstadt zu finden und durch Wiesen voller Butterblumen zu stapften. Sie wussten, dass sie nach Osten gehen mussten, der aufgehenden Sonne entgegen, aber am Mittag war die Sonne über ihnen, und sie wussten nicht mehr, wo Westen und wo Osten war. So verliefen sie sich in den großen Feldern, und als der Mond aufging, legten sie sich zwischen die duftenden Blumen und schliefen erschöpft und traumlos. Nur der Holzfäller und der Scheuch blieben wach.

Am nächsten Morgen versteckte sich die Sonne hinter dicken Wolken, und sie setzten ihre Reise fort, obwohl sie nicht sicher waren, in welche Richtung sie gehen sollten. „Wenn wir nur weit genug gehen, werden wir irgendwo irgendwohin kommen. Ganz bestimmt“, sprach Dorothy sich und den anderen Mut zu. Aber auch dieser Tag verstrich, ohne dass sie etwas anderes sahen als unendliche Blumenfelder. „Sicherlich haben wir uns verlaufen“, jammerte der Scheuch. „Wenn wir die Smaragdstadt nicht wieder finden, bekomme ich nie meinen Verstand.“ „Und ich bekomme kein Herz“, stimmte der Holzfäller ein. „Und dabei kann ich es kaum noch erwarten. Dauert diese Reise nicht schon lange genug?“ „Viel zu lange“, jaulte da der Löwe. „Ich bin nicht mutig genug, für immer auf der Wanderschaft zu sein und nie irgendwo anzukommen.“

Als Dorothy das hörte, wurde ihr das Herz schwer. Sie setzte sich ins Gras und sah ihre Freunde an, und diese setzten sich auch ins Gras und sahen Dorothy an, und Toto war zum ersten Mal in seinem Leben zu müde, um einen Schmetterling zu jagen, der an seinem Kopf vorbeiflatterte. Er ließ die Zunge aus dem Maul hängen und hechelte. Dann sah er Dorothy an, als wollte er sie fragen, was nun zu tun sei. „Wie wäre es, wenn wir die Feldmäuse riefen?“ überlegte Dorothy. „Vielleicht können sie uns den Weg in die Smaragdstadt weisen.“ „Ich bin sicher, dass sie das können!“ rief der Scheuch. „Warum haben wir bloß nicht vorher daran gedacht?“ Dorothy pfiff in das kleine silberne Pfeifchen an ihrem Hals, das die Feldmauskönigin ihr damals gegeben hatte.

Wenige Minuten später hörten sie das Getrippel von vielen kleinen Füßchen, und viele kleine graue Mäuse kamen angerannt. Unter ihnen war die Königin selbst, die sich vor Dorothy aufbaute und fragte: „Was kann ich für euch tun, meine Freunde?“ „Wir haben uns verirrt“, gestand Dorothy der Königin. „Könnt ihr uns den Weg in die Smaragdstadt zeigen?“ „Natürlich können wir das“, antwortete die Königin hoheitsvoll. „Es wird aber ein weiter Weg, denn ihr seid bisher in die falsche Richtung gegangen.“ Ihr Blick fiel auf Dorothys goldene Kappe, und sie fragte: „Warum benutzt du nicht deine Zauberkappe und rufst die Flügelaffen zu Hilfe? Sie werden euch in weniger als einer Stunde zur Smaragdstadt tragen.“

„Ich wusste nicht, dass es eine Zauberkappe ist“, sagte Dorothy erstaunt. „Was muss ich tun?“ „Es steht genau am Rand der Zauberkappe, was zu tun ist. Aber lass uns gehen, bevor du die Affen rufst. Sie haben nur Flausen im Kopf und finden es lustig, uns herumzujagen und zu quälen.“ „Warte“, rief Dorothy. „Werden die Affen uns auch nichts tun?“ Die Feldmauskönigin schüttelte den Kopf. „Nein. Sie müssen dem gehorchen, der die goldene Kappe besitzt. Und nun leb’ wohl.“ Eilig verschwand die Feldmauskönigin mit ihrem Gefolge.

Dorothy schaute sich die goldene Kappe genau an. Dort stand etwas geschrieben. „Das muss wohl der Zauberspruch sein“, sagte Dorothy und las alles sorgfältig durch. Als sie fertig war, setzte sie die Kappe wieder auf. Sie stellte sich auf ihren linken Fuß und sagte: „Ep-pe, pep-pe, pop-pe.“ „Was hast du gesagt?“ fragte der Scheuch, der nicht verstanden hatte, was sie dort tat. Dorothy ließ sich nicht stören, stellte sich auf den rechten Fuß und fuhr fort: „Hil-lo, hol-lo, hel-lo.“ „Hallo“, antwortete der Holzfäller höflich. „Ziz-zy, zuz-zy, zik!“ , rief Dorothy entschlossen, nun auf beiden Füßen stehend. Kaum hatte sie zu Ende gesprochen, als ein lautes Geschnatter und Geschrei hörbar wurde.

Die Horde der Flügelaffen kam herangebraust, und ihr Anführer verbeugte sich tief vor Dorothy und fragte: „Was befiehlst du?“ „Wir möchten zur Smaragdstadt, aber wir haben uns verlaufen“, erklärte Dorothy. „Dann werden wir euch zur Smaragdstadt tragen“, erwiderte der große Affe. Kaum hatte der König der Affen dies ausgesprochen, als auch schon zwei seiner Untertanen Dorothy in die Arme nahmen und mit ihr davonflogen. Andere trugen den Scheuch, den Holzfäller und den Löwen, und ein kleiner Affe griff nach Toto und flog hinter den anderen her, obwohl der kleine Hund versuchte, den Affen zu beißen.

Der Scheuch und auch der Holzfäller hatten zunächst große Angst. Sie erinnerten sich nur zu gut daran, wie übel die Affen ihnen auf Befehl der bösen Hexe mitgespielt hatten. Aber als sie merkten, dass ihnen dieses Mal nichts geschehen würde, wurde sie ruhiger und genossen den Flug und die Aussicht auf die hübsche Landschaft unter ihnen. Dorothy wurde von zwei großen Affen getragen. Der König flog neben ihr her und passte auf, dass niemandem etwas geschah. „Warum müsst ihr dem Zauber der goldenen Kappe gehorchen?“ fragte sie den König neugierig. „Das ist eine lange Geschichte. Aber wenn du es wirklich wissen willst, dann erzähle ich sie dir. Zeit genug haben wir ja.“

Die Geschichte der goldenen Kappe

Dorothy freute sich und rief: „Ich möchte die Geschichte gerne hören.“ „Einst waren wir ein freies glückliches Volk. Wir lebten in dem großen Wald und flogen von Baum zu Baum. Wir aßen Nüsse und Früchte und taten nur das, was uns gefiel. Zugegeben, einige von uns hatten nur dumme Streiche im Kopf. Sie flogen zum Beispiel durch den Wald und zogen die anderen Tiere, die keine Flügel hatten, am Schwanz. Ja, sie jagten auch Vögel. Aber wir waren alle glücklich und zufrieden. All das war lange vor der Zeit, als Oz aus den Wolken kam und Herrscher über das Land wurde.

Im Norden lebte damals eine wunderschöne Prinzessin. Sie war eine sehr mächtige Zauberin. Ihre Magie benutzte sie nur, um Mensch zu helfen, und sie tat niemals etwas Böses. Ihr Name war Frohsinn, und sie lebte in einem wunderschönen Schloss aus Rubinen. Jedermann liebte sie, aber sie selbst fand niemandem, dem sie ihr Herz schenken konnte. Alle Männer in ihrer Umgebung waren viel zu dumm oder zu hässlich, um jemand so Schönes und Kluges wie Frohsinn zu heiraten.

Schließlich aber fand Frohsinn doch noch einen Jungen, der schön und liebenswert und klug genug war. Sie holte ihn in ihr Rubinschloss und nahm sich vor, ihn zu heiraten, sobald er ein Mann geworden wäre. Frohsinn ließ all ihre Zauberkräfte wirken, und Quelala – so hieß der Junge – wuchs zu einem wirklich schönen, klugen und liebenswerten Mann heran. Frohsinn liebte ihn zärtlich und von ganzem Herzen und bereitete alles für die Hochzeit vor.

Damals war mein Großvater König über die Affen, die im Wald neben Frohsinns Palast lebten, und er verlor lieber einen guten Freund, als dass er einen guten Witz hinunterschluckte. Eines Tages, es war der Tag vor der Hochzeit, flog mein Großvater mit seiner Bande so in der Gegend herum, als sie plötzlich Quelala in einem wunderschönen Gewand aus roter Seide und purpurfarbenem Samt am Fluss entlang schlendern sahen. Mein Großvater wollte Quelala einen Streich spielen, und so rief er seine Affen zusammen. Sie packten Quelala und trugen ihn bis zur Mitte des Flusses. Dort ließen sie ihn ins Wasser fallen. ‚Schwimm nur, mein hübscher Bengel!’ rief mein Großvater Quelala zu. ‚Schwimm nur und schau nach, ob das Wasser einen Fleck in dein Gewand gemacht hat!’

Quelala verstand den Spaß und lachte, als er wieder auftauchte. Er schwamm zum Ufer, und ihm war nichts geschehen. Als aber Frohsinn zum Fluss gelaufen kam und sah, dass Quelalas Gewand ruiniert war, wurde sie sehr, sehr böse. Natürlich wusste sie auch sofort, wer dahinter steckte. Alle Affen wurde vor sie gebracht, und sie ordnete an, ihnen die Flügel festzubinden und sie dann - wie sie es mit Quelala gemacht hatten – in den Fluss zu werfen.

Mein Großvater flehte um Gnade, denn er wusste, dass seine Affen im Fluss ertrinken würden. Selbst Quelala legte ein gutes Wort für die Affen ein, und so verschonte Frohsinn die Horde schließlich unter einer Bedingung: Alle Affen sollten bis in alle Ewigkeiten demjenigen dreimal zu Diensten sein, der Besitzer der goldenen Kappe war. Die Kappe war ein Hochzeitgeschenk für Quelala und soll das halbe Königreich gekostet haben. Natürlich waren mein Großvater und seine Affen mit dieser Bedingung einverstanden. Aus diesem Grund müssen wir also dreimal dem Besitzer der goldenen Kappe gehorchen – gleichgültig, wer es ist.“

„Und was geschah dann?“, wollte Dorothy wissen. „Was ist aus Frohsinn und Quelala geworden?“ „Quelala war der Besitzer der goldenen Kappe“, erzählte der König der Affen weiter. „Aber seine Frau konnte uns nicht ausstehen, und so befahl er uns nach der Hochzeit, ihr nie wieder unter die Augen zu treten. Das fiel uns nicht schwer, denn wir hatten große Angst vor ihr. Mehr hatten wir nicht zu tun, bis die Kappe in die Hände der bösen Hexe des Westens fiel. Sie befahl uns, die Winkies zu versklaven und Oz aus dem Westland zu vertreiben. Jetzt aber gehört die Kappe dir, und du darfst uns dreimal gebieten.“

Als der König seine Geschichte beendet hatte, konnte Dorothy schon die schimmernden grünen Mauern der Smaragdstadt erkennen. Sie war froh, dass die Reise nun zu Ende war. Die Flügelaffen setzten die Reisenden vorsichtig vor dem Stadttor ab. Der König verneigte sich noch einmal tief vor Dorothy und schwang sich dann, gefolgt von seinen Untertanen, rasch wieder in die Lüfte. „Das war eine gute Reise“, sagte Dorothy. „Ja“, antwortete der Löwe. „Was für ein Glück, dass du diese goldene Kappe mitgenommen hast!“

Oz wird entlarvt

Die Wanderer gingen auf das große Tor zu, und Dorothy läutete die Glocke. Sie musste einige Male klingeln, bis der ihnen schon bekannte Torwächter die Tür öffnete. „Was! Ihr seid wieder hier?“ fragte er überrascht. „Wie du siehst, sind wir gesund und munter“, entgegnete der Scheuch keck.

„Ich dachte, ihr wolltet die böse Hexe des Westens aufsuchen?“ „Wir haben sie aufgesucht“, bestätigte der Scheuch fröhlich. „Und... sie hat euch wieder gehen lassen?“ staunte der Wachposten. „Sie konnte nichts dagegen tun. Sie ist nämlich geschmolzen“, erklärte der Scheuch. „Geschmolzen? Hat man so was schon gehört?“, wunderte sich der Torhüter. „Aber es sind auf jeden Fall gute Nachrichten. Wer hat sie denn schmelzen lassen?“ „Das war Dorothy“, sagte der Löwe stolz. „Gütiger Himmel!“ entfuhr es dem Torwächter, und er verbeugte sich tief vor dem kleinen Mädchen.

Dann führte er die Freunde in seine Stube und setzte ihnen wie schon beim ersten Mal grüne Brillen auf, die er fest um ihre Köpfe schloss. Auf dem Weg zum Palast erzählte er allen Menschen, dass Dorothy die böse Hexe geschmolzen hatte, und alle drängten sich um die Freunde und folgten ihnen schließlich.

Der Soldat mit dem grünen Bart hielt Wache und ließ die Freunde sofort eintreten. Das hübsche grüne Kammermädchen begrüßte sie und brachte sie auf die ihnen schon bekannten Zimmer, damit sie sich vor dem Empfang bei Oz noch ein wenig ausruhen konnten. Der Soldat hatte den großen Oz umgehend von der Rückkehr der Freunde in Kenntnis gesetzt und ihm berichtet, dass die böse Hexe besiegt sei. Oz aber hatte nicht geantwortet und ließ auch am nächsten, am übernächsten und am überübernächsten Tag nichts von sich hören.

Das Warten war langweilig und ärgerlich, und schließlich wurden die Freunde wütend, dass Oz sie so schlecht behandelte, nachdem er sie dazu gebracht hatte, sich in dieses Abenteuer zu stürzen. „Würdest du dem großen Oz eine Nachricht überbringen?“ fragte der Scheuch das freundliche grüne Kammermädchen. „Würdest du ihm bitte ausrichten, dass Dorothy die Flügelaffen zur Hilfe ruft, sollte uns der große Oz nicht umgehend empfangen?“ Das Mädchen nickte und ging. Sie richtete die Nachricht aus, und Oz erschrak sehr. Er hatte die Flügelaffen im Westland kennen gelernt und legte wenig Wert darauf, sie wiederzusehen. Also ordnete er an, dass Dorothy und ihre Begleiter am nächsten Morgen um vier Minuten nach neun im Thronsaal zu erscheinen hätten.

Die vier verbrachten eine schlaflose Nacht, denn jeder dachte an das, was er sich von Oz erbeten hatte. Irgendwann schlief Dorothy aber doch ein und träumte von Tante Emmie, die immer wieder beteuerte, wie schön es wäre, Dorothy wieder bei sich zu haben.

Am nächsten Morgen wurde wurden sie von dem grünen Soldaten pünktlich um neun abgeholt und erreichten um genau vier Minuten nach neun den Thronsaal. Jeder hatte erwartet, den Zauberer in der Gestalt zu sehen, die er beim ersten Besuch gehabt hatte. Umso größer war das Erstaunen, dass sie nun niemanden im Thronsaal entdecken konnten. Sie blieben dicht beieinander an der Tür stehen. Die Stille in dem weiten leeren Raum wirkte noch viel unheimlicher als die verschiedenen Gestalten des Oz’ von damals.

Plötzlich vernahmen sie eine Stimme, die aus der Kuppel zu kommen schien. „Ich bin der große und schreckliche Oz. Was wollt ihr von mir?“ Dorothy und ihre Freunde sahen sich suchend um. Da sie aber niemanden entdecken konnten, fragte Dorothy: „Wo bist du?“ „Ich bin überall“, antwortete die Stimme. „Aber für die Augen von gewöhnlichen Sterblichen bin ich unsichtbar. Ich lasse mich jetzt hier auf meinem Thron nieder. Ihr mögt nun sprechen.“ Da die letzten Worte wirklich von dem Marmorsessel zu kommen schienen, gingen die Freunde zum Thron hinüber und stellten sich dort in einer Reihe auf.

Dorothy fasste sich ein Herz und sagte: „Wir sind hier, um dich an deine Versprechen zu erinnern.“ „Welche Versprechen?“ fragte Oz. „Du hast versprochen, dass du mich zurück nach Kansas bringst, wenn wir die böse Hexe des Westens töten“, antwortete Dorothy. „Und mir hast du Verstand versprochen“, ergänzte der Scheuch. „Und mir hast du ein Herz versprochen“, fiel der Holzfäller ein. „Und mir hast du Mut versprochen“, knurrte der Löwe.

„Ist die böse Hexe wirklich vernichtet?“ fragte die Stimme des Oz und zitterte ein wenig. „Ja“, sagte Dorothy bestimmt. „Ich habe sie schmelzen lassen.“ „Du liebe Zeit“, murmelte die Stimme. „Und das nun so plötzlich. Gut, kommt morgen wieder. Ich brauche Zeit, das alles zu überdenken.“ „Du hattest genug Zeit!“ rief der Holzfäller erbost. „Wir wollen auf keinen Fall länger warten“, schimpfte der Scheuch. „Du musst nun deine Versprechen halten“, forderte Dorothy.

Der Löwe dachte, es könne nicht schaden, wenn er den großen Oz ein wenig erschreckte. Deshalb stieß er ein lautes Brüllen aus, das in dem leeren Saal schauerlich dröhnte. Toto erschrak so fürchterlich, dass er zur Seite sprang und dabei einen Wandschirm in einer Ecke umstieß. Das Gestell fiel mit einem lauten Krachen um, und alle sahen besorgt auf Toto. Im nächsten Augenblick aber verschlug es ihnen vor Staunen die Sprache. Hinter dem Wandschirm kam ein kleiner alter Mann mit einer Glatze und einem faltigen Gesicht zutage, der genau so erschrocken zu sein schien wie die fünf Gefährten.

Der Holzfäller hob mutig seine Axt und lief auf den alten Mann zu. „Wer bist du?“ schrie er. „Ich bin Oz, der Große und Schreckliche“, antwortete der Mann mit zitternder Stimme. „Erschlag mich nicht, bitte! Ich tue alles, was ihr von mir verlangt.“ Die Freunde sahen ihn überrascht und verwirrt an. „Ich dachte, Oz wäre ein großer Kopf“, sagte Dorothy. „Und ich dachte, Oz wäre eine schöne Dame“, stöhnte der Scheuch. „Nein, ich dachte, Oz wäre ein schreckliches Biest“, meinte der Holzfäller. „Und ich glaubte sogar, Oz wäre ein Feuerball“, murmelte der Löwe.

„Nein, ihr irrt euch alle“, flüsterte der alte Mann. „Ich habe immer nur so getan, als ob.“ „Wie meinst du das, du hast nur so getan, als ob? Bist du denn kein mächtiger Zauberer?“ rief Dorothy. „Psst, Liebes!“, wisperte der Zauberer. „Sprich nicht so laut! Man könnte dich hören, und ich wäre ruiniert. Sie glauben alle, dass ich ein großer und mächtiger Zauberer bin.“ „Und das bist du nicht?“ fragte Dorothy. „Nicht die Spur. Ich bin ein ganz gewöhnlicher Mann.“ „Du bist mehr als das“, mischte sich der Scheuch erbost ein. „Du bist ein riesengroßer Schwindler!“ „Genau!“ jubelte der kleine alte Mann und rieb sich die Hände. „Du hast es erfasst. Ich bin einfach nur ein Schwindler.“

„Aber... aber.. das ist ja furchtbar“, stotterte der Holzfäller entsetzt. „Wie bekomme ich nun ein Herz?“ „Und wie bekomme ich jemals Mut?“ fragte der Löwe. „Und was ist mit meinem Verstand?“ jammerte der Scheuch und tupfte sich die Tränen mit seinem Jackenzipfel fort.

„Liebe Freunde“, begann der Zauberer. „Ich beschwöre euch, haltet euch nicht mit Kleinigkeiten auf. Denkt an mich und an die wirklich gefährliche Lage, in die ihr mich durch eure Entdeckung gebracht habt.“ „Weiß denn niemand sonst, dass du ein Schwindler bist?“ fragte Dorothy skeptisch. „Nein. Das wisst nur ihr und das weiß natürlich ich selbst“, entgegnete Oz. „Ich habe alle Welt so lange gefoppt, dass ich mir gar nicht mehr vorstellen konnte, es könnte jemals ans Licht kommen. Mein Fehler war, euch zu empfangen. Normalerweise lasse ich mich von niemandem sehen und deshalb glauben alle, dass ich ein großer und mächtiger Zauberer bin.“ Dorothy war verwirrt. „Wie konntest du mir nur als Kopf erscheinen?“ fragte sie. „Das ist einer von meinen Tricks. Kommt mit, ich werde euch etwas zeigen.“

Oz ging voraus in eine kleine Kammer neben dem Thronsaal, und die Freunde folgten ihm. Er zeigte auf eine Ecke, in der das große Haupt lag. „Es ist aus Pappmaché, und das Gesicht ist aufgemalt“, erklärte er. „Es hing an einem Draht von der Decke herunter. Ich stand hinter meinem Wandschirm und konnte mit verschiedenen Drähten die Augen und den Mund bewegen.“ „Aber wie war das mit der Stimme?“ hakte Dorothy nach. „Ach das“, Oz machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ich bin Bauchredner. Ich kann so reden, dass du denkst, die Stimme käme von irgendwo her. Du dachtest also, meine Stimme kommt aus dem Kopf. Und hier sind die anderen Dinge, die ich gebraucht habe, um euch etwas vorzumachen.“

Er zeigte dem Scheuch das Kleid und die Maske, die ihn als schöne Dame hatten erscheinen lassen. Dem Holzfäller zeigte er viele Felle, die zusammengenäht waren und die das Biest dargestellt hatte. Der Feuerball, den der Löwe gesehen hatte, war in Wahrheit ein mit Petroleum getränkter Baumwollball, der an der Decke gehangen hatte. „Du solltest dich wirklich schämen, du Schwindel-Zauberer!“ schimpfte der Scheuch. „Ich schäme mich auch – wirklich“, beteuerte der alte Mann niedergeschlagen. „Aber was hätte ich denn machen sollen? Setzt euch doch bitte, es gibt genug Stühle. Ich möchte euch meine Geschichte erzählen.“ So setzten sich alle und hörten dem alten Mann zu, als er zu erzählen begann:

Wie Oz zum Zauberer wurde

„Ich wurde in Omaha geboren.“ „Aber das ist ja ganz in der Nähe von Kansas!“ rief Dorothy aufgeregt. „Das stimmt“, nickte Oz. „Aber von hier aus ist es weit fort. Ich wuchs auf und wurde Bauchredner. Ich hatte einen wirklich guten Lehrer. Ich kann die Stimme von jedem Tier und von jedem Vogel nachahmen.“ Und er miaute wie ein kleines Kätzchen. Es klang so echt, dass Toto die Ohren aufstellte und misstrauisch nach allen Seiten blickte. „Nach einiger Zeit hatte ich keine Lust mehr dazu, ein Bauchredner zu sein. Also wurde ich Ballonfahrer.“ „Was ist ein Ballonfahrer?“ fragte Dorothy neugierig. „Das ist ein Mann, der im Zirkus mit einem Ballon zum Himmel aufsteigt, damit viele Leute kommen und dafür bezahlen, den Zirkus zu sehen.“ Dorothy verstand und nickte.

„Eines Tages stieg ich in meinen Ballon und die Seile verhedderten sich. Ich konnte nicht mehr herunterkommen. Mein Ballon stieg immer höher und immer höher. Schließlich war ich über den Wolken, und ein Windstoß erfasste meinen Ballon und trug mich weit, weit fort aus Omaha. Ich flog einen ganzen Tag und eine ganze Nacht lang.

Als ich erwachte, sah ich, dass der Ballon über einem wunderschönen, aber mir unbekannten Land schwebte. Der Ballon landete recht sanft, und ich verletzte mich nicht einmal dabei. Allerdings fand ich mich in einer Schar sonderbarer Leute wieder, die mich für einen mächtigen Zauberer hielten, weil ich aus den Wolken zu ihnen gekommen war. Natürlich ließ ich sie in dem Glauben. Sie fürchteten sich vor mir und versprachen, alles zu tun, was ich verlangte." Oz seufzte und sah die Kameraden an. Dann fuhr er fort:

„Um mich ein wenig zu unterhalten und um die guten Leute zu beschäftigen, befahl ich ihnen, diese Stadt und meinen Palast zu bauen. Sie gehorchten und arbeiteten gut. Ich hatte mir vorgenommen, die Stadt Smaragdstadt zu nennen, weil hier alles so schön grün war. Damit der Name richtig passte, ordnete ich an, jedem eine grüne Brille aufzusetzen, damit alles, was sie sahen, grün war.“ „Ist denn hier nicht wirklich alles grün?“ wunderte sich Dorothy. „Nein“, Oz schüttelte den Kopf. „Genauso wenig wie in anderen Städten. Aber wenn du durch eine grüne Brille schaust, ist eben alles grün.

Die Smaragdstadt wurde vor vielen Jahren erbaut, als ich noch ein junger Mann war. Jetzt bin ich schon sehr alt, und die meisten meiner Untertanen tragen die Brillen nun schon so lange, dass sie tatsächlich glauben, sie wohnten in einer Stadt aus Smaragden. Und was ist schon dabei? Es ist doch wirklich schön und sehr bequem hier. Ich bin gut zu den Leuten, und sie mögen mich. Seit der Palast fertig ist, habe ich mich allerdings von allen zurückgezogen.

Am allermeisten Angst hatte ich vor den Hexen. Diese Hexen hatten wirkliche Zauberkräfte, im Gegensatz zu mir. Es gab damals vier Hexen, sie regierten im Norden, im Süden, im Osten und im Westen. Glücklicherweise waren die Hexen des Nordens und des Südens gute Hexen und ich konnte mich darauf verlassen, dass sie mir nichts tun würden. Aber die Hexen des Ostens und des Westens waren fürchterlich böse, und wenn sie nicht geglaubt hätten, dass ich mächtiger sei als sie, dann hätten sie mich sicher auf der Stelle vernichtet. So viele Jahre habe ich in großer Sorge vor diesen Hexen gelebt! Ihr könnt euch vorstellen, wie froh ich war, als ich hörte, dass dein Häuschen auf die Hexe des Ostens gefallen war. Ich hätte dir alles versprochen, wenn du mir auch die andere Hexe vom Leibe schaffen würdest. Aber jetzt, wo du sie wirklich vernichtet hast, muss ich beschämt zugeben, dass ich meine Versprechen nicht halten kann.“

„Du bist ein wirklich böser Mann!“ stieß Dorothy empört hervor. „Nein, meine Kleine. Eigentlich bin ich ein herzensguter Mann. Aber ich bin ein wirklich mieser Zauberer. Das muss ich leider zugeben.“ „Du kannst mir wirklich keinen Verstand geben?“ wagte der Scheuch zu fragen. Oz sah den Scheuch an. „Du brauchst keinen Verstand. Jeden Tag lernst du etwas dazu. Ein Baby hat zwar Verstand, aber es weiß noch nichts. Erfahrung bringt Wissen, und je länger du lebst, desto mehr Erfahrungen kannst du machen.“ „Das mag ja alles sein“, erwiderte der Scheuch. „Aber ich werde mein ganzes Leben lang unglücklich sein, wenn ich keinen Verstand bekomme.“

Nachdenklich musterte der falsche Zauberer den Scheuch. „Nun gut“, seufzte er schließlich. „Ich bin zwar kein guter Zauberer, wie ich schon sagte, aber wenn du morgen früh zu mir kommst, dann werde ich dir Verstand in den Schädel stopfen. Ich kann dir aber nicht sagen, wie du ihn gebrauchen sollst. Das musst du schon selbst herausfinden.“ „Oh, danke! Danke!“ jubelte der Scheuch. „Ich finde sicher heraus, wie man mit dem Verstand umgehen muss, keine Sorge!“

„Und was ist mit meinem Mut?“ wollte nun der Löwe wissen. „Ich bin sicher, dass du mutig genug bist“, antwortete Oz. „Alles was du brauchst, ist mehr Selbstvertrauen. Es gibt kein lebendiges Wesen, das bei Gefahr keine Angst hat. Weißt du, wahren Mut zu haben bedeutet, der Gefahr trotzdem ins Auge zu blicken. Und ich finde, dass du sehr mutig bist!“ „Das mag ja sein“, entgegnete der Löwe. „Aber ich habe trotzdem die ganze Zeit Angst. Gib mir den Mut, mit dem man die Angst einfach vergessen kann, oder ich werde mein ganzes Leben unglücklich sein.“ „Na schön“, seufzte Oz. „Komm morgen zu mir, und ich werde dir den Mut geben, den du brauchst.“

„Und mein Herz? Du wirst doch wohl nicht mein Herz vergessen?“ erkundigte sich der Holzfäller ängstlich. Oz musterte ihn nachdenklich. „Du machst einen Fehler, wenn du dir ein Herz wünschst“, gab Oz zu bedenken. „Die meisten Menschen werden durch ihr Herz nicht glücklicher. Du bist ohne Herz sehr viel besser dran, glaub’ es mir.“ „Das kommt auf den Blickwinkel an“, meinte der Holzfäller. „Ich will alles Unglück ertragen ohne zu murren, wenn du mir nur ein Herz gibst.“ „Also schön“, ächzte Oz. „Komm auch du morgen zu mir, und du wirst dein Herz bekommen. Ich habe so lange den Zauberer gespielt, dass ich die Rolle auch noch ein bisschen länger spielen kann.“

„Und wie komme ich zurück nach Kansas?“ fragte nun Dorothy. „Darüber muss ich noch ein bisschen nachdenken“, erwiderte der kleine Mann. „Gib mir zwei oder drei Tage. Ich muss einen Weg finden, wie du die Wüste durchqueren kannst. In der Zwischenzeit seid ihr natürlich alle meine Gäste, und meine Leute werden euch bedienen und euch jeden Wunsch von den Augen ablesen. Aber als Dank für meine Hilfe müsst ihr versprechen, mein Geheimnis zu wahren und niemandem zu erzählen, dass ich ein Schwindler bin.“ Die Freunde versprachen es dem kleinen Mann und gingen recht zuversichtlich in ihre Zimmer zurück. Sogar Dorothy hoffte, dass der „Große und Schreckliche Schwindler“, wie sie Oz nun nannte, eine Möglichkeit finden würde, sie nach Hause zurück zu bringen. Und sie war bereit, ihm alles zu verzeihen, falls ihm das wirklich gelang.

Oz kann doch zaubern

Am nächsten Morgen sagte der Scheuch: „Gratuliert mir! Ich gehe jetzt zu Oz und bekomme zu guter Letzt doch noch meinen Verstand. Wenn ich zurückkomme, werde ich sein wie jeder andere Mensch auch.“ „Ich habe dich immer gern gehabt, so wie du bist“, sagte Dorothy schlicht. „Das ist sehr lieb von dir“, antwortete der Scheuch. „Aber ich bin sicher, dass du viel mehr von mir halten wirst, wenn ich erst ein begabter und brillanter Kopf bin.“ Dann verabschiedete er sich von seinen Freunden, ging zum Thronsaal und klopfte an die Tür.

„Herein!“ rief der Zauberer. Der Scheuch betrat den Thronsaal und fand den kleinen alten Mann in Gedanken versunken am Fenster sitzend. „Ich komme wegen meines Verstandes“, sagte der Scheuch schüchtern. „Ach ja“, nickte der Zauberer. „Nimm doch bitte Platz! Verzeih, dass ich dir den Kopf abnehmen muss. Aber anders geht es nicht, wenn dein Gehirn an der richtigen Stelle sitzen soll.“ „Das ist schon in Ordnung“, antwortete der Scheuch. „Nimm mir ruhig den Kopf ab. Das ist kein Problem für mich, solange er hinterher ein besserer und klügerer Kopf ist als vorher.“

So trennte der Zauberer den Kopf des Scheuchs ab und nahm alles Stroh heraus. Dann ging er in das kleine Hinterzimmer, nahm eine Portion Kleie und mischte Nadeln und kurze Nägel hinein. Er mischte alles sorgfältig und füllte die Mischung in den Kopf des Scheuchs. Für den Rest nahm er frisches Stroh und stopfte damit den Kopf des Scheuchs fest aus. Er kehrte zum Scheuch in den Thronsaal zurück und befestigte den Kopf wieder an der alten Stelle. „Mit deinem brandneuen Verstand wirst du sicher ein berühmter Mann werden“, sagte Oz zum Scheuch. Der Scheuch war voller Freude und voller Stolz. Sein größter Wunsch war in Erfüllung gegangen. Er hatte nun einen Verstand. Überschwänglich bedankte er sich bei Oz und rannte dann so schnell er konnte zu seinen Freunden.

Dorothy musterte den Scheuch gründlich. Sein Kopf schien vor lauter Verstand nahezu ausgebeult. „Wie fühlst du dich?“ fragte sie. „Ich fühle mich wirklich klug“, antwortete der Scheuch ernsthaft. „Wenn ich mich an meinen Verstand gewöhnt habe, dann weiß ich sicher alles.“ „Warum schauen jetzt all diese Nadelspitzen aus deinem Kopf?“ fragte der Holzfäller misstrauisch. „Das ist der Beweis für seinen besonders scharfen Verstand“, meinte der Löwe. „Dann muss ich jetzt zu Oz gehen, damit ich mein Herz bekomme“, rief der Holzfäller und lief zum Thronsaal.

Er klopfte an die Tür und Oz rief „Herein!“ „Ich komme wegen meines Herzens“, sagte der Holzfäller. „Ach ja“, erwiderte Oz. „Aber ich muss ein Loch in deine Brust schneiden, damit ich das Herz an die richtige Stelle bringen kann. Hoffentlich tue ich dir nicht weh.“ „Ach nein“, meinte der Holzfäller. „Ich werde bestimmt nichts fühlen.“ Oz nahm eine Blechschere zur Hand und schnitt ein kleines Loch in die eine Blechschere zur Hand und schnitt in die Brust des Holzfällers auf der linken Seite ein kleines Loch.

Dann holte er aus einer Kommode ein wunderschönes Herz hervor. Es war ganz und gar aus Seide und mit Sägemehl gefüllt. „Ist es nicht hübsch?“ fragte er den Holzfäller. „Ja, es ist wirklich hübsch. Aber ist es auch ein freundliches Herz?“ fragte der Holzfäller besorgt. „Aber natürlich“, beruhigte ihn der Zauberer. „Das freundlichste Herz, das ich finden konnte.“ Er steckte das Herz in die Brust des Holzfällers und lötete das Loch wieder zu. „Ich setze zur Sicherheit noch einen Flicken drauf. Es wird nicht besonders schön aussehen, aber es wird halten. Immerhin hast du dafür nun ein Herz, auf das jeder stolz sein könnte.“ „Vergiss’ den Flicken! Ich bin dir so dankbar. Nie werde ich vergessen, was du für mich getan hast.“ Der Holzfäller war überglücklich und umarmte Oz. „Sprechen wir nicht mehr davon“, wehrte der ab. Der Holzfäller verabschiedete sich und ging zu den Freunden zurück, die ihn zu dem neuen Herzen beglückwünschten und ihm für die Zukunft alles Gute wünschten.

Dann ging der Löwe zu Oz. Wie die anderen klopfte er an die Tür des Thronsaals. „Herein“, rief Oz. Der Löwe trat ein und sagte: „Ich komme wegen meines Mutes.“ „Ach ja“, antwortete Oz. „Warte einen Moment. Ich werde ihn für dich holen.“ Er ging zu einem Schrank, langte zum obersten Fach hinauf und holte eine eckige grüne Flasche herunter. Den Inhalt der Flasche goss er in eine wunderschöne grün-goldene Schale und stellte sie vor den Löwen. Der feige Löwe schnüffelte misstrauisch an der Flüssigkeit.

„Trink“, sagte Oz. „Was ist das?“ fragte der Löwe. „Nun ja“, Oz wiegte seinen Kopf hin und her. „Wenn du es hinunter geschluckt hast, wird es Mut werden. Du weißt doch, dass Mut immer von innen kommt? Also kann es auch erst Mut genannt werden, wenn du es hinuntergeschluckt hast. Deshalb sage ich dir: Trink, und zwar so bald wie möglich!“ Da zögerte der Löwe nicht länger und trank die Schale mit einem gewaltigen Zug leer. „Wie fühlst du dich jetzt?“ erkundigte sich Oz. „Ich platze fast vor Mut“, fauchte der Löwe und lief selig zu seinen Freunden zurück und berichtete gleich von seinem Glück.

Oz blieb allein im Thronsaal zurück. Lächelnd dachte er daran, wie er dem Scheuch, dem Holzfäller und dem Löwen das gegeben hatte, was sie glaubten, sich am meisten wünschen zu müssen. „Was soll ich denn tun?“ murmelte er. „Immerzu muss ich Dinge tun, die man nicht tun kann, es sei denn, man ist ein Zauberer. Ich muss doch schwindeln. Dabei war es ein Kinderspiel, den Scheuch, den Holzfäller und den Löwen glücklich zu machen. Sie glauben, dass ich wirklich zaubern kann. Aber Dorothy nach Kansas zurückzubringen wird nicht so leicht werden, und weiß auch nicht, wie ich das schaffen soll.“

Die Idee

Drei Tage lang hörte Dorothy nichts von Oz. Es waren traurige Tage für das kleine Mädchen. Ihre Freunde aber waren alle glücklich und zufrieden. Der Scheuch sprach von den genialen Ideen in seinem Kopf, die er niemandem mitteilen wollte, da außer ihm sowieso niemand klug genug sei, sie zu verstehen. Der Holzfäller hörte sein Herz schlagen und erklärte, es sei ein sehr viel zärtlicheres und freundlicheres Herz, als er selbst als Mensch es besessen habe. Der Löwe aber erklärte, er habe nun vor nichts und niemandem auf der Erde mehr Angst, auch nicht vor einer ganzen Armee oder ein paar Dutzend Kalidahs. Jeder war also zufrieden, außer Dorothy, die sich mehr denn je zuvor heim nach Kansas sehnte.

Am vierten Tag durfte sie zu ihrer großen Freude vor Oz im Thronsaal erscheinen. Als sie den Thronsaal betrat, sagte Oz freundlich zu ihr: „ Setz dich, meine Liebe. Ich glaube, ich weiß jetzt, wie du dieses Land verlassen kannst.“ „Und wie ich zurück nach Kansas komme?“ fragte Dorothy hoffnungsvoll. „Das mit Kansas... weißt du, da bin ich mir nicht so sicher, denn ich habe nicht die geringste Ahnung, wo es liegt. Als erstes musst du aber die Wüste durchqueren, und wenn das geschafft ist, dürfte es nicht so schwer sein, Kansas zu finden.“ „Und wie komme ich durch die Wüste?“ erkundigte sich Dorothy. „Ich will dir erklären, wie ich mir die Sache vorstelle“, begann der kleine Mann. „Ich kam mit einem Ballon in dieses Land. Du bist auch durch die Lüfte geflogen, wenn dich auch ein Wirbelsturm hierher getragen hat. Das einfachste wird also sein, dieses Land auf dem Luftweg zu verlassen und so die Wüste zu überwinden.

Ich habe nicht die Macht, einen Wirbelsturm entstehen zu lassen, aber ich glaube, einen Ballon könnte ich schon für dich bauen.“ „Wie denn?“ fragte Dorothy. „Ein Ballon besteht aus Seide, die von innen mit Klebstoff überzogen ist, damit das Gas im Ballon bleibt. Ich habe hier im Palast jede Menge Seide. Es sollte also für uns kein Problem sein, einen Ballon zu nähen. Viel schwieriger wird es mit dem Gas, denn ein Gas, das den Ballon zum Fliegen bringt, gibt es hier nicht.“

„Aber dann nützt uns deine Idee doch gar nichts“, gab Dorothy zu bedenken. „Da hast du schon Recht“, nickte Oz. „Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit, den Ballon zum Fliegen zu bringen. Wir könnten ihn mit heißer Luft füllen. Heiße Luft ist nicht so gut wie Gas, aber es geht. Wenn allerdings die Luft abkühlt, dann könnte der Ballon in der Wüste niedergehen. Dann wären wir verloren.“ „Wir!“ schrie Dorothy aufgeregt. „Willst du denn mit mir auf die Reise gehen?“ „Natürlich“, nickte Oz. „Ich habe es satt, ein Schwindler zu sein. Wenn ich den Palast verlasse, werden meine Leute schnell entdecken, dass ich gar kein großer Zauberer bin. Sie wären enttäuscht und böse, weil ich sie belogen habe. Deshalb muss ich immer im Palast bleiben und darf mit niemandem reden. Das ist auf die Dauer ziemlich anstrengend. Ich glaube, da gehe ich lieber mit dir nach Kansas und arbeite wieder im Zirkus.“ „Es freut mich sehr, dass du mich begleiten willst“, lachte Dorothy. „Danke“, sagte Oz. „Das wäre also geklärt. Willst du mir jetzt beim Nähen helfen?“

Der Ballon

Dorothy holte Nadel und Faden und nähte die Seidenstreifen, die Oz zuschnitt, sorgfältig zusammen. Zuerst kam ein Streifen hellgrüner Seide, dann ein Streifen dunkelgrüner Seide und schließlich ein Streifen smaragdgrüner Seide. Es dauerte drei Tage, bis der Ballon fertig war, aber am Schluss war er doch fast zwanzig Fuß lang und wirklich gewaltig. Oz bestrich den Ballon von innen noch mit Leim, um ihn luftdicht zu machen. Dann verkündete er, dass der Ballon fertig sei.

„Uns fehlt nur noch der Korb, in dem wir reisen können“, sagte Oz und schickte den Soldaten mit dem grünen Bart aus, um einen großen Wäschekorb zu besorgen. Der Soldat brachte einen großen Korb, und Oz vertäute ihn mit vielen Seilen unten an dem Ballon. Als alles fertig war, ließ Oz bekannt geben, dass er seinen mächtigen Zauberbruder in den Wolken besuchen wolle. Diese Neuigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der Smaragdstadt, und alles Volk strömte zusammen, um das Schauspiel nicht zu verpassen.

Oz hatte angeordnet, den Ballon vor den Palast zu bringen, und die Leute standen mit offenen Mündern und bestaunten den Ballon von allen Seiten. Der Holzfäller hatte Holz geschlagen, und es wurde ein großes Feuer entfacht. Oz hielt die Öffnung unten am Ballon über das Feuer, so dass die heiße Luft direkt in den Ballon hineinströmte. Langsam füllte sich die Ballonhülle mit heißer Luft und richtete sich auf. Immer mehr hob sie sich, bis schließlich nur noch der Korb die Erde berührte.

Oz bestieg den Korb und sprach mit lauter Stimme zu seinen Untertanen: „Ich verlasse euch nun, um meinen Besuch zu machen. So lange ich fort bin, wird der Scheuch in meinem Namen über euch regieren. Ich befehle euch, ihm genauso zu gehorchen, wie ihr mir gehorchen würdet.“

Der Ballon zerrte heftig an dem Halteseil, das ihn noch am Boden hielt. „Komm, Dorothy!“ schrie Oz. „Beeile dich, sonst fliegt der Ballon noch ohne dich los!“ „Ich kann Toto nirgends finden!“ rief das Mädchen in heller Aufregung. Sie wollte Toto nicht im Zauberland lassen. Toto aber war hinter einer Katze hergelaufen und steckte nun mitten in der Menge. Er bellte wütend. Schließlich hatte Dorothy ihn erreicht und packte ihn energisch. „Ich hab’ ihn!“ rief sie erleichtert und rannte auf den Ballon zu. Sie war nur noch wenige Schritte vom Korb entfernt.

Oz streckte ihr die Hand entgegen, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein, als – kracks! – das Halteseil endgültig riss. Langsam hob der Ballon vom Boden ab. „Nein!“ schrie Dorothy entsetzt. „Komm zurück! Ich will doch mit!“ „Ich kann nicht zurück, mein armes Kind!“ rief Oz. „Lebe wohl!“ „Lebe wohl!“ riefen nun alle, und alle Augen waren auf Oz gerichtet, der in seinem Ballon davonflog und jeden Moment höher und höher zum Himmel aufstieg.

Das war das Letzte, was von Oz, dem mächtigen Zauberer, zu sehen war. Ob er Omaha sicher erreicht hat und nun dort glücklich lebt, weiß keiner. Aber seine Untertanen behielten ihn in liebevoller Erinnerung und sagten zueinander: „Oz war immer unser Freund. Als er noch bei uns war, baute er die wundervolle Smaragdstadt für uns, und als er uns verließ, bestimmte er den weisen Scheuch zu seinem Nachfolger.“ Und trotzdem waren sie lange Zeit sehr traurig über den Verlust des mächtigen Zauberers Oz.

Dorothy hat Heimweh

Dorothy weinte bitterlich, als sie ihre Hoffnung, nach Kansas zu gelangen, davonfliegen sah. Aber als sie eine Weile über alles nachgedacht hatte, war sie doch froh, dass sie nicht in den Ballon gestiegen war. Es tat ihr leid, dass sie Oz verloren hatte, und so ging es auch den anderen.

Der Holzfäller sagte: „Oz hat mir dieses wundervolle Herz gegeben. Nun ist er fort und ich glaube, ich muss darüber ein bisschen weinen. Wärest du so nett, meine Tränen abzuwischen, damit ich nicht roste?“ „Aber natürlich“, antwortete Dorothy und holte ein Handtuch. Der Holzfäller weinte einige Minuten lang, und Dorothy beobachtete seine Tränen und wischte sie mit dem Handtuch weg. Als der Holzfäller mit dem Weinen fertig war, bedankte er sich bei Dorothy und ölte sich selber noch schnell die Gelenke.

Der Scheuch war nun der Herrscher über die Smaragdstadt. Er war zwar kein Zauberer, aber die Leute waren dennoch stolz auf ihn. „Keine andere Stadt auf der Welt wird von einem ausgestopften Mann regiert“, sagten sie, und da hatten sie natürlich Recht.

Am Morgen nach dem Abflug des Ballons trafen sich die Freunde im Thronsaal, um die Lage zu besprechen. Der Scheuch saß auf dem großen Thron, während die anderen respektvoll davor standen. „Es geht uns eigentlich nicht schlecht“, sagte der neue Herrscher der Smaragdstadt. „Der Palast und die ganze Smaragdstadt gehören uns, und wir können tun und lassen, was wir wollen. Wenn ich daran denke, dass ich vor kurzer Zeit noch an einem Stock auf einem Feld gesteckt habe, um Krähen zu vertreiben, bin ich mit meinem Los recht zufrieden.“

„Ich auch“, bemerkte der Holzfäller. „Ich habe jetzt wieder ein Herz, und das war das Einzige, was ich mir wirklich gewünscht habe.“ „Und ich weiß, dass ich genau so mutig bin wie jedes andere Tier auf der Welt, wenn nicht sogar mutiger“, ergänzte der Löwe. „Wenn Dorothy doch nur in der Smaragdstadt so glücklich wäre wie wir! Dann könnten wir hier alle zusammen glücklich sein“, jammerte der Scheuch. „Ich möchte aber nicht hier leben“, sagte Dorothy entschieden. „Ich möchte in Kansas bei Tante Emmie und Onkel Henry leben.“ „Aber was können wir nur tun?“ fragte der Holzfäller.

Der Scheuch begann zu überlegen, und er dachte so angestrengt nach, dass die Nadeln und Nägel aus seinem Kopf herausragten. Schließlich fragte er: „Warum rufst du nicht die fliegenden Affen, damit sie dich über die Wüste tragen?“ „Das ich darauf nicht selbst gekommen bin“, rief Dorothy erfreut. „Ich laufe sofort und hole die goldene Kappe.“ Sie lief davon und kehrte bald darauf mit der goldenen Kappe zurück. Sie setzte sie auf und sprach die Zauberworte. Gleich darauf flog die Horde der Affen durch ein offenes Fenster in den Thronsaal. „Du rufst uns heute zum zweiten Mal“, der Affenkönig verbeugte sich vor Dorothy. „Was wünschst du?“

„Bitte fliegt mich nach Kansas!“ bat Dorothy. Der Affenkönig schüttelte den Kopf. „Das können wir leider nicht tun. Wir gehören in dieses Land und dürfen es nicht verlassen. Noch nie war ein geflügelter Affe in Kansas, und ich glaube, es wird auch nie ein geflügelter Affe nach Kansas kommen, denn wir gehören dort nicht hin. Wir würden dir gerne dienen, wenn es in unserer Macht stünde, deinen Wunsch zu erfüllen. Wir können aber leider die Wüste nicht überfliegen. Lebe wohl.“ Der Affenkönig verbeugte sich noch einmal und flog durch das Fenster hinaus. Seine Horde folgte ihm kreischend und schnatternd.

Dorothy weinte vor Enttäuschung. „Jetzt habe ich den Zauber der Kappe für nichts und wieder nichts verschwendet! Die fliegenden Affen konnten mir auch nicht helfen.“ „Es ist wirklich schlimm“, nickte der weichherzige Holzfäller. Der Scheuch versank wieder in tiefes Grübeln und sein Kopf blähte sich so auf, dass Dorothy befürchtete, er könne platzen. „Lasst uns den Soldaten mit dem grünen Bart befragen“, schlug der Scheuch schließlich vor. „Vielleicht weiß er einen Rat.“

Auf in den Süden

Der Soldat erschien und betrat ängstlich den Thronsaal. Als Oz noch regierte, hatte er den Thronsaal nie betreten dürfen. „Dieses kleine Mädchen möchte die Wüste überqueren. Was muss sie tun?“ fragte der Scheuch den Soldaten. Der zuckte mit den Schultern. „Ich kann es dir nicht sagen. Außer Oz hat bisher niemand die Wüste durchquert.“ „Gibt es denn niemanden, der mir helfen kann?“ fragte Dorothy niedergeschlagen.

„Mmmh, vielleicht Glinda“, sagte der Soldat. „Wer ist Glinda?“ erkundigte sich der Scheuch. „Glinda ist die Hexe des Südens. Sie ist die mächtigste von allen Hexen. Sie regiert über die Pummel. Wisst ihr, ihr Schloss steht am Rande der Wüste. Vielleicht hat sie eine Idee, wie man die Wüste durchqueren kann.“ „Ist Glinda denn eine gute Hexe?“ fragte Dorothy vorsichtig. „Die Pummel halten sie für eine gute Hexe und sie ist freundlich zu jedermann. Ich habe gehört, dass Glinda eine wunderschöne Frau sein soll, die das Geheimnis der ewigen Jugend kennt.“ „Wie komme ich zu ihrem Schloss?“ wollte Dorothy wissen. „Nun, man nimmt die Straße, die genau nach Süden führt. Aber dieser Weg ist voller Gefahren für Reisende. In den Wäldern gibt es wilde Tiere, und einen Stamm von seltsamen Eingeborenen gibt es auch. Sie mögen es nicht, wenn man durch ihr Land reist. Aus diesem Grund kommen die Pummel nie in die Smaragdstadt.“ Der Soldat verbeugte sich und ging.

„Ich denke, Dorothy muss die Straße nach Süden gehen“, sagte der Scheuch bedächtig. „Auch wenn der Weg voller Gefahren ist. Sie muss Glinda um Hilfe bitten, sonst kommt sie nie wieder nach Kansas zurück.“ „Du hast schon wieder nachgedacht“, bewunderte der Holzfäller den Scheuch. Der nickte. „Ja, das habe ich.“ „Ich werde Dorothy begleiten“, erklärte der Löwe. „Ich langweile mich hier in der Smaragdstadt und sehne mich nach Wäldern und offenem Land. Ich bin eben ein Löwe, wisst ihr. Außerdem braucht Dorothy jemanden, der sie beschützt.“ „Das ist wahr“, sagte der Holzfäller. „Meine Axt kann ihr sicher gute Dienste leisten. Ich gehe auch mit nach Süden.“

„Wann sollen wir aufbrechen?“ erkundigte sich der Scheuch. „Kommst du etwa auch mit?“ fragten die anderen überrascht. „Aber natürlich“, lächelte der Scheuch. Ohne Dorothy hätte ich noch immer keinen Verstand. Sie hat mich von der Stange im Feld genommen und mich in die Smaragdstadt gebracht. Ich verdanke ihr mein ganzes Glück, und ich werde sie nicht verlassen, bis sie sicher den Heimweg nach Kansas angetreten hat.“ „Danke“, sagte Dorothy gerührt. „Ihr seid alle so lieb zu mir. Wenn ihr nichts dagegen habt, möchte ich so schnell wie möglich aufbrechen.“ „Dann gehen wir morgen früh los“, entschied der Scheuch. „Und bereitet euch gut vor. Es wird eine lange Reise werden.“

Der Angriff der Kampfbäume

Am nächsten Morgen küsste Dorothy das freundliche grüne Kammermädchen zum Abschied und alle schüttelten dem Soldaten mit dem grünen Bart die Hand. Er hatte sie bis zum Stadttor begleitet und übergab sie nun der Torwache. Der Torwächter wunderte sich sehr, dass die Freunde die Smaragdstadt verlassen wollten, um sich erneut in ein Abenteuer zu stürzen. Aber er öffnete bereitwillig ihre Brillen und legte sie in die grüne Kiste zurück. Er wünschte ihnen für die Reise gutes Gelingen und viel Glück. Am Schluss sagte er: „Denke daran, lieber Scheuch, dass du nun unser Herrscher bist. Komm’ also bitte so schnell wie möglich zu uns zurück.“

„Ich komme so schnell ich kann zurück“, versicherte der Scheuch. „Aber erst muss ich Dorothy dabei helfen, den Weg nach Kansas zu finden.“ Dorothy wandte sich an den Torwächter. „Ich bin in eurer wundervollen Stadt immer sehr freundlich behandelt worden. Jeder war gut zu mir, und ich kann euch gar nicht sagen, wie dankbar ich dafür bin.“ „Dann versuche es erst gar nicht, meine Kleine“, lächelte der Torwächter traurig. „Wir würden dich gerne hier behalten. Aber da du nach Kansas zurückkehren möchtest, wünsche ich dir alles Gute.“ Damit öffnete er das Tor in der Stadtmauer, und die Freunde traten ins Freie.

Die Sonne schien hell, und die Freunde schlugen den Weg nach Süden ein. Alle waren bester Laune und es wurde gelacht und geschwatzt. Dorothy war wieder voller Hoffnung, bald nach Hause zu kommen, und der Scheuch und auch der Holzfäller waren froh, etwas für sie tun zu können. Der Löwe atmete ein ums andere Mal die frische Luft ein und wedelte zufrieden mit seinem Schwanz. Endlich konnte er wieder draußen umherstreifen. Toto rannte um die Gesellschaft herum, jagte Mücken und Schmetterlinge und bellte die ganze Zeit fröhlich.

„Das Stadtleben ist nichts für mich“, erklärte der Löwe. „Schaut nur, wie dünn ich geworden bin. Trotzdem hoffe ich, dass ich eine Chance bekomme, allen Tieren zu zeigen, dass ich der König bin. Die Freunde wandten sich noch einmal um und warfen einen letzten Blick auf die Smaragdstadt mit ihren schimmernden Mauern und Dächern, die hinter den grünen Wällen leuchteten. Über allem glänzten die Kuppeln und Turmspitzen des Schlosses, das Oz hatte erbauen lassen.

„Eigentlich war er gar kein so schlechter Zauberer“, sagte der Holzfäller und fühlte, wie das Seidenherz in seiner Brust pochte. „Immerhin hat er dir Verstand gegeben, und einen sehr guten Verstand dazu!“ nickte der Scheuch. „Wenn er dieselbe Portion Mut getrunken hätte, die er mir gab, dann wäre ich er sicher ein richtig tapferer Mann gewesen“, meinte der Löwe. Dorothy schwieg, denn Oz hatte sein Versprechen ihr gegenüber nicht eingelöst. Aber er hatte getan, was in seiner Macht stand, und deshalb verzieh sie ihm. Wie er selbst gesagt hatte, war er eben ein guter Mensch, aber ein schlechter Zauberer.

Am ersten Tag der Reise führte der Weg durch grüne Felder und Blumenwiesen, die sich rings um die Smaragdstadt erstreckten. Sie übernachteten im duftenden Gras unter einem wundervollen Sternenhimmel und schliefen tief und friedlich. Am Morgen gingen sie weiter, bis sie an einen schier undurchdringlichen Wald kamen. Es gab keine Möglichkeit, um den Wald herumzugehen, denn er erstreckte sich links und rechts, so weit das Auge reichte. Auch wagten die Wanderer nicht, die Richtung zu ändern aus Angst, sich zu verlaufen. So schauten sie, an welcher Stelle des Waldes ein Durchkommen möglich war.

Der Scheuch ging vorneweg und entdeckte einen Baum, mit mächtigen Ästen und so viel Platz um den Stamm, dass die Freunde hindurch gepasst hätten. Als er aber auf den Baum zuging, senkten sich dessen Äste und umschlangen den erschrockenen Scheuch. Sie hoben ihn hoch, und Sekunden später flog er durch die Luft und landete unsanft zwischen seinen Gefährten. Der Scheuch war nicht verletzt, aber doch überrascht und verwirrt. Dorothy hob ihn gerade auf, als der Löwe rief: „Hier ist eine kleine Lücke.“ Der Scheuch rappelte sich auf und sagte: „Lasst es mich zuerst versuchen. Mir tut es nicht weh, wenn ich durch die Luft geschleudert werde.“ Während er sprach, ging er entschlossen auf den Baum zu, aber auch dessen Zweige packten ihn und warfen ihn zurück.

„Das ist wirklich seltsam“, stellte Dorothy fest. „Was sollen wir denn nun tun?“ „Offensichtlich haben die Bäume sich entschlossen, niemanden hindurchzulassen. Ist unsere Reise hier etwa zu Ende?“ Der Löwe war ratlos. „Das möchte ich mir genauer anschauen“, sagte der Holzfäller, schulterte seine Axt und ging auf die erste Baumreihe zu. Als ein Ast nach unten schoss, um den Holzfäller zu packen, schlug er den Ast blitzschnell mit seiner Axt ab. Der Baum schüttelte sich, als er hätte er Schmerzen, aber er ließ den Holzfäller passieren. „Kommt! Kommt schon! Macht schnell!“ rief der Holzfäller den anderen zu. Schnell liefen die anderen dem Holzfäller nach, und niemand wurde angegriffen, außer Toto, den ein kleiner Ast so lange schüttelte, bis der kleine Hund jaulte. Der Holzfäller sprang hinzu, schlug den Ast ab, und Toto kam frei.

Die anderen Bäume im Wald griffen die Wanderer nicht mehr an. Wahrscheinlich hatten nur die Bäume in der ersten Reihe bewegliche Zweige und waren so etwas wie die Waldpolizei, die diese Macht besaß, um Fremde von dem Wald fern zu halten. Die Freunde wanderten so lange unter den Bäumen dahin, bis sie das andere Ende des Waldes erreicht hatten. Dort stießen sie zu ihrer Überraschung auf eine glatte weiße Mauer aus Porzellan. Sie hatte die glatte Oberfläche eines Tellers und war mannshoch. „Was tun wir jetzt?“ fragte Dorothy. „Ich baue eine Leiter“, sagte der Holzfäller. „Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir ja wohl hinüber.“

Im Porzellanladen

Während der Holzfäller eine Leiter baute, schlief Dorothy erschöpft ein. Auch der Löwe rollte sich zu einem Nickerchen zusammen, und Toto legte sich daneben. Der Scheuch sah dem Holzfäller zu und meinte nachdenklich: „Ich habe keine Ahnung, warum diese Mauer hier steht und woraus sie gemacht ist.“ „Ruh’ deinen Verstand aus und mach’ dir keine Gedanken über die Mauer. Wenn wir sie überwunden haben, werden wir sehen, was auf der anderen Seite ist.“ Nach einiger Zeit war die Leiter fertig, und auch wenn sie etwas wacklig aussah, behauptete der Holzfäller, sie sei stark und sicher.

Der Scheuch weckte Dorothy, den Löwen und Toto und erzählte ihnen, dass die Leiter fertig sei. Der Scheuch stieg als erster die Leiter hinauf, aber ihm war schwindelig und Dorothy musste ihn von unten stützen. Als der Scheuch den Kopf über die Mauerkante heben konnte, warf er einen Blick auf die andere Seite und sagte: “Oh!“ „Los! Klettere weiter!“ verlangte Dorothy hinter dem Scheuch. Der Scheuch kletterte weiter und setzte sich oben auf die Mauer.

Nun blickte Dorothy über die Mauer und sagte – wie zuvor auch der Scheuch – „Oh!“ Toto war der nächste und bellte wie verrückt, aber Dorothy bedeutete ihm, still zu sein. Der Löwe und der Holzfäller folgten, und beide riefen ebenfalls „Oh!“, als sie einen Blick über die Mauer getan hatten. Nun saßen sie wie die Hühner auf der Stange oben auf der Mauer und blickten auf etwas sehr Seltsames hinab.

Sie blickten auf eine Landschaft, deren Boden so weiß und so glatt war wie ein großer Tortenteller. Überall standen entzückende Häuser aus feinstem, hübsch bemaltem Porzellan. Die Häuser waren klein. Das größte reichte Dorothy gerade mal an den Bauch. Es gab auch Scheunen und Zäune aus Porzellan und viele Kühe, Schafe, Pferde, Hühner und Schweine – alle aus Porzellan.

Das Erstaunlichste aber waren die Menschen in diesem Reich. Es gab Milchmädchen und Schäferinnen mit bunten Miedern und goldgetupften Röcken, Prinzessinnen in prächtigen Gewändern aus Silber, Gold und Purpur, Schäfer in Kniehosen mit rosa, gelben und blauen Streifen, Prinzen in reichen Gewändern und goldenen Schnallen auf den Schuhen und lustige Clowns mit roten Wangen. Alle diese Menschen waren ebenfalls aus Porzellan, und sie waren so klein, dass sie gerade an Dorothys Knie heranreichten. 

Niemand beachtete die fünf Reisenden auf der Mauer, nur ein kleiner Porzellanhund mit einem großen Kopf rannte zu der Mauer und bellte mit zarter Stimme zu den Freunden hinauf und rannte dann wieder davon. „Wie kommen wir jetzt wieder runter?“ fragte Dorothy. „Die Leiter ist zu schwer. Wir können sie nicht hochziehen.“ Da ließ der Scheuch sich fallen und die anderen sprangen auf ihn und sein Stroh polsterte den Fall der anderen ab. Nachdem alle sicher gelandet waren, schüttelte der Scheuch sein Stroh auf und lachte.

Vorsicht! Zerbrechlich!

„Wir müssen diesen seltsamen Ort so schnell wie möglich durchwandern, wenn wir auf die andere Seite kommen wollen“, sagte Dorothy. „Und wir dürfen auf keinen Fall die Richtung nach Süden verlieren.“ So begannen sie durch das Porzellanland zu wandern, und sie trafen ein Milchmädchen, das eine Porzellankuh melkte. Als die Reisenden näher herangingen, schlug die Kuh plötzlich aus, stieß gegen den Melkschemel, den Eimer und gegen das Milchmädchen selbst, und alles fiel klirrend zu Boden. Erschrocken sah Dorothy, dass der Kuh ein Bein abgebrochen war, der Eimer in Scherben lag und das arme Milchmädchen einen Riss am Ellbogen davon getragen hatte.

„Seht nur, was ihr angerichtet habt“, fauchte das Milchmädchen wütend. „Meine Kuh hat sich ein Bein abgebrochen. Nun muss ich sie zur Reparatur bringen, damit es wieder angeklebt wird. Was fällt euch ein, meine Kuh so zu erschrecken?“ „Es tut uns leid“, entschuldigte sich Dorothy. „Bitte verzeih uns!“ Aber das Milchmädchen war viel zu aufgebracht, um zu antworten. Sie hob das Bein vorsichtig auf und führte die Kuh weg, die mühsam auf drei Beinen humpelte. Dabei warf sie den Wanderern über die Schulter böse Blicke zu und hielt ihren beschädigten Ellbogen dicht am Körper.

Dorothy war niedergeschlagen. „Wir müssen hier sehr vorsichtig sein“, gab der weichherzige Holzfäller zu bedenken. „Wenn wir nicht aufpassen, verletzen wir diese hübschen zerbrechlichen Menschen noch.“ Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie eine hübsche Prinzessin trafen. Als diese die Fremden sah, hielt sie kurz an und rannte dann davon. Dorothy wollte die Prinzessin genauer ansehen und lief hinter ihr her. Da begann die kleine Prinzessin zu rufen: „Bitte jag’ mich nicht! Jag’ mich nicht!“ „Warum denn nicht?“ wunderte sich Dorothy. „Wenn ich renne, dann falle ich vielleicht hin und dann zerbreche ich.“ „Kann man dich denn nicht wieder zusammenkleben?“, erkundigte sich Dorothy. „Doch, das schon“, nickte die kleine Prinzessin. „Aber wenn man in der Reparatur war, ist man eben nicht mehr so hübsch.“ „Ach so“, sagte Dorothy.

„Schau dorthin. Das ist Herr Joker“, fuhr die kleine Prinzessin fort. „Er versucht andauernd, auf dem Kopf zu stehen. Er hat sich selbst so oft zerbrochen, dass er wohl an hundert Stellen schon repariert ist. Schau nur, wie hässlich er ist. Aber da kommt er schon!“ Und tatsächlich, ein lustiger kleiner Clown kam auf die Reisenden zu. Dorothy konnte in seinem Gesicht die vielen Sprünge und Risse sehen, an denen er geklebt worden war.

Der Clown steckte die Hände in die Taschen, blies seine Backen auf, nickte mit dem Kopf und sagte: „Nun, kleines Mädchen, warum starrst du Herrn Joker so an? Du siehst aus, als hättest du einen Schürhaken verschluckt.“ „Ach, sei still!“ schimpfte die kleine Prinzessin. „Siehst du nicht, dass dies hier Fremde sind, die mit Respekt behandelt werden müssen?“ „Ich glaube, das ist Respekt“, sagte der Clown und machte einen Kopfstand. „Gebt nichts auf sein Geschwätz“, entschuldigte sich die kleine Prinzessin. „Er hat sich den Kopf so oft angeschlagen, dass er nun ein bisschen verrückt ist.“ „Ach, das macht mir nichts“, kicherte Dorothy. „Aber du, du bist so wunderschön. Ich glaube, ich könnte dich sehr lieb haben. Kann ich dich mit nach Kansas nehmen und dann auf Tante Emmies Kaminsims stellen? Ich könnte dich in meinen Korb hier legen.“

„Das würde mich ganz schrecklich unglücklich machen. In eurem Land kann ich mich nicht bewegen, und ich könnte auch nicht sprechen so wie hier. Ich könnte dort nur auf dem Kaminsims stehen und hübsch aussehen. Zwar verlangt man nicht mehr von uns, aber ich möchte doch lieber hier bleiben, wo es viel amüsanter für uns ist.“ Dorothy seufzte und sagte dann: “Ich möchte dich natürlich nicht unglücklich machen. Dann sage ich also: „Auf Wiedersehen.“ „Auf Wiedersehen“, winkte die kleine Prinzessin.

Vorsichtig setzten sie ihre Reise durch das Porzellanland fort. Die kleinen Porzellantiere sprangen ängstlich beiseite, damit die Wanderer sie nicht beschädigten, und nach ungefähr einer Stunde hatten die Freunde das andere Ende des Porzellanlandes erreicht. Eine zweite Mauer, sehr viel niedriger als die erste, versperrte ihnen den Weg. Vom Rücken des Löwen aus konnten sie über diese zweite Mauer kraxeln, und der Löwe setzte mit einem geschmeidigen Sprung nach. Dabei traf er mit seinem Schwanz eine kleine Porzellankirche, die in tausend Scherben zersprang.

„Wie schrecklich“, rief Dorothy. „Aber eigentlich haben wir Glück gehabt, das wir nur einen Beinbruch verursacht und eine Kirche zertrümmert haben. So zerbrechlich wie dort alles ist, hätte viel mehr passieren können.“ „Du hast Recht“, pflichtete der Scheuch bei. „Ich bin froh, dass ich mit Stroh ausgestopft bin und nicht so schnell zerbreche. Es gibt wirklich Schlimmeres, als eine Vogelscheuche zu sein.“

Die Spinne

Nachdem die Freunde wieder über die Mauer des Porzellanlandes geklettert waren, fanden sie sich in einem unwirtlichen Landstrich voller Moore und Sümpfe wieder. Das Gehen war beschwerlich, weil die Wanderer aufpassen mussten, um nicht in ein Schlammloch zu treten, und weil das dichte und harte Gras immer wieder die Sicht behinderte. So gingen die Freunde langsam und vorsichtig und erreichten schließlich doch wieder festen Boden. Das Land hier war sehr wild, und nach einem anstrengenden und langen Marsch gelangten sie zu einem anderen Wald, dessen Bäume älter, höher und dicker waren, als alle anderen bisher.

„Dieser Wald ist einfach umwerfend“, frohlockte der Löwe und sah sich immer wieder voller Begeisterung um. „Noch nie habe ich solch einen schönen Wald gesehen.“ „Ich finde ihn irgendwie düster“, maulte der Scheuch. „Aber überhaupt nicht!“ widersprach der Löwe. „Ich würde gern mein Leben hier verbringen. Fühlt doch mal, wie weich die trockenen Blätter unter euren Füßen sind. Und seht, wie dicht und grün das Moos an den Baumstämmen ist. Wirklich, kein wildes Tier könnte sich ein schöneres Zuhause wünschen.“

„Vielleicht gibt es auch jetzt schon wilde Tiere hier“, sagte Dorothy. „Ganz bestimmt sogar“, nickte der Löwe. „Aber bis jetzt habe ich noch keines gesehen.“ Sie wanderten weiter durch den Wald, bis es zu dunkel wurde, um weiterzugehen. Dorothy, der Löwe und Toto legten sich zur Ruhe, während der Holzfäller und der Scheuch wie immer über sie wachten.

Als der Morgen graute, brachen sie wieder auf. Sie waren noch nicht weit gekommen, als sie ein dumpfes Grollen hörten, wie das Murmeln vieler wilder Tiere. Toto winselte ein bisschen, aber die Freunde gingen mutig weiter, bis sie an eine große Lichtung kamen. Erschrocken prallten sie zurück, denn auf dieser Lichtung hatten sich Hunderte von Tieren der verschiedensten Rassen versammelt. Da waren Tiger, Elefanten, Bären und Wölfe, Füchse und noch andere, und für einen Moment hatte Dorothy große Angst. Der Löwe aber erklärte, dass die Tiere eine Versammlung abhielten, weil sie offensichtlich in großen Schwierigkeiten steckten. Als er so mit Dorothy sprach, entdeckten ihn einige Tiere, und plötzlich senkte sich Schweigen auf die Menge.

Der größte Tiger trat auf den Löwen zu, verbeugte sich und sagte: „ Willkommen, König der Tiere. Du kommst zur rechten Zeit, um uns von einem Feind zu befreien und wieder Frieden in diesen Wald zu bringen.“ „Wovor habt ihr solche Angst?“ fragte der Löwe ruhig.

„Ein schreckliches Ungeheuer bedroht uns, das erst vor kurzem in unseren Wald kam“, erklärte der Tiger. „Es ist wirklich ein ganz schreckliches Monster, ähnlich wie eine Spinne, aber mit einem Körper so groß wie ein Elefant. Seine Beine sind so lang wie Baumwurzeln. Es hat acht solcher Beine, und wenn es durch den Wald kriecht, umschlingt es einfach ein Tier damit und stopft es in sein Maul. Solange dieses furchtbare Tier hier lebt, ist niemand von uns sicher. Deshalb haben wir dieses Treffen einberufen. Wir müssen eine Lösung finden.“

Der Löwe wird König der Tiere

Der Löwe dachte einen Moment lang nach. Dann fragte er: „Gibt es in diesem Wald Löwen?“ „Nein. Die Löwen, die hier lebten, wurden von dem Monster verschlungen. Und außerdem war keiner von denen so mutig, wie du es zu sein scheinst.“ „Wenn ich diesen Wald und damit euch von dem Ungeheuer befreie, werdet ihr euch dann vor mir verbeugen und mir als eurem König die Treue schwören?“ fragte der Löwe. „Das werden wir“, versicherte der Tiger, und alle anderen Tiere riefen: „Das werden wir!“ Der Löwe nickte und erkundigte sich dann: „Wo hält sich diese Spinne denn jetzt auf?“ „Dort unten, bei den großen Eichen“, erklärte der Tiger und zeigte mit seiner Pfote in eine Richtung. „Gut“, sagte der Löwe knapp. „Passt bitte auf meine Freunde hier auf. Ich gehe jetzt und kämpfe mit dem Monster.“ Er verabschiedete sich von seinen Gefährten und trabte voller Stolz seinem ersten Kampf entgegen.

Als der Löwe die große Spinne entdeckte, lag diese in tiefem Schlummer. Sie sah so scheußlich aus, dass der Löwe angewidert die Nase rümpfte. Die Beine waren wirklich fast so lang, wie der Tiger es beschrieben hatte, und der Körper war mit dichten schwarzen Borsten bedeckt. Der Mund war riesig und die Zähne fast einen Fuß lang und messerscharf. Der Kopf aber war nur durch einen sehr dünnen Hals mit dem plumpen Körper verbunden.

Sofort wusste der Löwe, wie er den Kampf zu führen hatte. Und da es leichter war, gegen eine schlafende Spinne zu kämpfen, sprang er mit einem gewaltigen Satz der Spinne auf den borstigen Rücken und trennte mit einem gewaltigen Hieb seiner klauenbewährten Tatze den Körper der Spinne von ihrem Kopf ab. Er sprang vom Rücken des Monsters und wartete, bis die Beine zu zappeln aufhörten. Nun wusste er, dass das Monster das Ungeheuer wirklich tot war.

Der Löwe kehrte zu der Lichtung zurück, auf der die Tiere und seine Freunde auf ihn warteten und sagte stolz: „Ihr braucht das Monster nicht länger zu fürchten.“ Alle Tiere verneigten sich vor ihrem neuen König, und er versprach, in den Wald zurückzukehren und als König zu herrschen, sobald sich Dorothy sicher auf dem Heimweg nach Kansas befand.

Die Hammerköpfe

Den Rest des Weges durch den Wald legten die Freunde ohne weitere Zwischenfälle zurück. Als sie aus dem Wald heraustraten, ragte ein steiler Felsenhang vor ihnen auf. „Das wird eine anstrengende Kletterpartie“, meinte der Scheuch seufzend. „Aber wir müssen trotzdem über den Hügel, es hilft nichts.“ Und so ging er tapfer voraus während die anderen ihm folgten. Er war noch nicht weit gekommen, als eine raue Stimme rief: “Geh zurück!“ „Wer bist du?“ fragte der Scheuch und sah sich um. Da schob sich ein Kopf über einen großen Felsen, und dieselbe Stimme sagte: „Dieser Berg gehört uns. Niemand darf ihn überqueren.“ „Aber wir müssen über den Hügel. Wir sind auf dem Weg in das Land der Pummel.“ „Und trotzdem dürft ihr es nicht“, schnarrte die Stimme, und hinter dem Stein trat ein so seltsamer Mann hervor, wie die Freunde nie zuvor einen anderen gesehen hatten.

Er war ziemlich klein und gedrungen und hatte einen riesigen Kopf, der oben irgendwie platt war. Der Hals war kräftig und voller Falten. Aber er hatte keine Arme, und der Scheuch dachte, dass ein Mann ohne Arme ihnen nicht wirklich den Weg verstellen konnte. Deshalb sagte er: „Es tut mir leid, wenn wir uns deinem Willen widersetzen, aber wir müssen über den Hügel, ob es dir nun passt oder nicht.“ Und damit schritt er frech vorwärts.

Schnell wie ein Blitz schoss da der Kopf des seltsamen Mannes dem Scheuch entgegen, der Hals wurde lang und länger, und der Stoß traf den Scheuch in den Bauch, so dass er rückwärts den Berg hinabkugelte und sich dabei mehrfach überschlug. Genau so schnell, wie er herausgefahren war, glitt der Hals nun zurück, der Mann lachte rau und sagte: „Es ist nicht so leicht, wie du denkst.“ Ringsum erscholl nun dieses hässliche raue Gelächter, und als Dorothy sich umsah, entdeckte sie Hunderte von diesen armlosen Hammerköpfen. Fast hinter jedem Felsen hockte solch ein Kerl.

Den Löwen ärgerte das Gelächter, er brüllte einmal so laut, dass das Echo von den Felsen widerhallte und stürmte den Berg hinauf. Bums – da traf auch ihn ein Hammerkopf, und er rollte zu Tal wie vorher der Scheuch. Dorothy half beiden auf die Füße. „Es hat keinen Sinn, gegen die Hammerköpfe zu kämpfen. Niemand kann sie besiegen“, knurrte der Löwe. „Aber was sollen wir tun?“ fragte Dorothy. „Ruf die fliegenden Affen zu Hilfe“, sagte der Holzfäller. „Einen Wunsch hast du bei ihnen ja noch frei.“ Dorothy nickte erleichtert und setzte die goldene Kappe auf. Minuten später erschienen die fliegenden Affen. „Was ist dein Wunsch?“ fragte der Affenkönig. „Tragt uns bitte über diesen Hügel in das Land der Pummel“, bat Dorothy. „Dein Wunsch ist uns Befehl“, antwortete der Affenkönig. Die Affen nahmen die Reisenden und Toto in ihre Arme und flogen mit ihnen davon. Als sie über den Hügel flogen, schrieen die Hammerköpfe aufgeregt und schossen ihre Köpfe in die Luft, aber sie konnten die Affen nicht erreichen.

Im Land der Pummel

Die Affen setzten die Freunde im wunderschönen Land der Pummel ab. „Nun darfst du uns nicht mehr rufen“, sagte der Affenkönig zu Dorothy. „Lebe wohl und alles Gute.“ „Lebt auch ihr wohl und vielen Dank“, gab Dorothy zurück. Die Affen erhoben sich in die Lüfte und waren schon bald nicht mehr zu sehen.

Das Land der Pummel schien ein reiches und glückliches Land zu sein. Es gab Felder mit reifem Getreide und gelb gepflasterte Straßen dazwischen. Kleine Flüsse mit hübschen Brücken durchzogen das Land. Die Zäune, Häuser und Brücken waren alle in einem leuchtenden Rot gestrichen, so wie im Lande der Winkies alles gelb und im Lande der Käuer als blau war. Auch die Pummel selbst, die klein und dick waren und dabei sehr gemütlich aussahen, waren vollständig in Rot gekleidet, das sich hübsch von dem grünen Gras und dem gelben Getreide abhob.

Die Affen hatten die Freunde in der Nähe eines Bauernhauses abgesetzt. Sie gingen auf das Haus zu und klopften an die Tür. Die Bäuerin öffnete die Tür, und als Dorothy um etwas zu essen bat, bekamen alle ein gutes Mittagessen, drei verschiedene Kuchen, vier verschiedene Sorten Kekse, und Toto bekam eine Schüssel Milch. „Wie weit ist es bis zum Schloss von Glinda?“ erkundigte sich Dorothy. „Das ist nicht weit von hier“, antwortete die Bäuerin. „Wenn ihr auf der Straße nach Süden weitergeht, werdet ihr es bald erreichen.“ Die Freunde bedankten sich bei der freundlichen Bauerin und zogen gestärkt und ausgeruht weiter.

Es dauerte wirklich nicht lange, bis sie das hübsche Schloss von Glinda vor sich sahen. Drei hübsche Mädchen in roten, goldbetressten Uniformen hielten vor dem Tor Wache. „Warum seid ihr in das Land des Südens gekommen?“ fragte das eine Mädchen Dorothy. „Wir möchten die gute Hexe Glinda sprechen, die dieses Land regieren soll“, antwortete Dorothy. „Kannst du mich zu ihr bringen?“ „Sag mir deinen Namen, und ich werde Glinda fragen, ob sie dich empfangen möchte“, meinte das Mädchen. Die Reisenden nannten ihre Namen, und die Wächterin ging in das Schloss. Schon nach wenigen Minuten kam sie mit der Botschaft zurück, dass Glinda die Reisenden erwarte.

Bei Glinda

Die Freunde wurden in einen Raum gebracht, in dem Dorothy sich das Gesicht waschen und die Haare kämmen konnte. Der Löwe schüttelte sich den Staub aus der Mähne, der Scheuch klopfte sich in die beste Form und der Holzfäller polierte sein Blech und ölte noch einmal seine Gelenke.

Als sie einigermaßen ansehnlich waren, brachte sie die Torwächterin in einen großen Saal, in dem Glinda auf einem Thron aus wunderschönen Rubinen saß. Sie war jung und wunderschön. Ihr Haar leuchtete rot und fiel in weichen Locken über ihre Schultern. Ihr Kleid war schneeweiß und ihre Augen leuchteten himmelblau. Freundlich blickte sie Dorothy an und fragte: „Nun, meine Kleine, was kann ich für dich tun?“ Dorothy erzählte der guten Hexe ihre ganze Geschichte, wie der Wirbelsturm sie hierher getragen hatte, wie sie die Freunde gefunden hatte und welche wundersamen Abenteuer sie zusammen erlebt hatten.

„Aber mein allergrößter Wunsch ist es, heim nach Kansas zu gehen“, beendete Dorothy ihren Bericht. „Tante Emmie macht sich sicherlich schreckliche Sorgen um mich.“ Glinda beugte sich vor und küsste Dorothy. „Meine süße Kleine, natürlich kann ich dir sagen, wie du nach Kansas kommst. Aber wenn ich es dir sagen soll, musst du mir die goldene Kappe geben.“ „Gerne!“ rief Dorothy. „Mir nützt sie sowieso nichts mehr, denn ich habe die Affen schon dreimal um einen Gefallen gebeten. Weißt du, dass du die Affen dreimal rufen darfst, wenn du der Besitzer der Kappe bist?“ „Ja“, lächelte Glinda. „Das weiß ich. Und ich werde sie auch genau dreimal gebrauchen.“

Dorothy reichte ihr die goldene Kappe und Glinda wendete sich an den Scheuch. „Was möchtest du tun, wenn Dorothy uns verlassen hat?“ fragte sie ihn. „Ich möchte gern in die Smaragdstadt zurückkehren. Der große Oz hat mich zu seinem Nachfolger gemacht, und die Menschen dort mögen mich. Ich fürchte mich nur, über den Hügel mit den Hammerköpfen zurück zu gehen.“ „Das musst du auch nicht“, erwiderte Glinda. „Ich werde den Flügelaffen befehlen, dich in die Smaragdstadt zu tragen, denn es wäre einen Schande, den Menschen dort einen so wundervollen Herrscher vorzuenthalten.“ „Findest du mich wirklich wundervoll?“ fragte der Scheuch schüchtern. „Du bist einfach ungewöhnlich“, gab Glinda zurück.

Dann fragte sie den Holzfäller: „Was möchtest du tun, wenn Dorothy uns verlassen hat?“ Der Holzfäller stützte sich auf seine Axt und dachte einen Moment nach. Dann sagte er: „Die Winkies waren sehr nett zu mir. Sie fragten mich, ob ich ihr neuer Herrscher sein möchte, nachdem die böse Hexe tot ist. Ich mag die Winkies und ich denke, ich möchte in das Land des Westens zurückgehen und ihr Herrscher sein.“ „So wird mein zweiter Befehl für die Affen sein, dich in das Land des Westens zu bringen. Ich bin sicher, dass du die Winkies weise und gerecht regieren wirst“, sagte Glinda.

„Und du?“ erkundigte sie sich dann bei dem Löwen. „Was möchtest du tun, wenn Dorothy uns verlassen hat?“ Der Löwe überlegte nicht lange. „Hinter dem Hammerkopf-Hügel liegt ein wunderschöner wilder Wald. Die Tiere dort haben mich zu ihrem König ernannt. Ich möchte gerne dorthin zurückgehen und ihr König sein.“ „Dann wird mein dritter Befehl für die Affen lauten, dich in deinen Wald zu tragen. Und wenn dann meine Wünsche aufgebraucht sind, gebe ich die Kappe dem König der Affen zurück, damit sein Volk endlich frei ist.“

Nach Kansas

Der Scheuch, der Holzfäller und der Löwe dankten der guten Hexe. Dorothy aber sagte schüchtern: „Du bist sehr lieb und auch sehr schön. Aber du hast noch nicht gesagt, wie ich nach Kansas zurückkomme.“ Glinda lachte. „Deine Silberschuhe werden dich nach Kansas bringen. Wie gut, dass du nichts von dieser Zauberkraft gewusst hast, sonst wärest du schon am ersten Tag wieder nach Hause zurückgekehrt.“ „Aber dann hätte ich ja meinen Verstand nicht bekommen“, rief der Scheuch. „Ich würde immer noch an der Stange im Feld des Bauern stecken und Vögel verjagen.“ „Und ich hätte kein liebendes Herz“, fiel der Holzfäller ein. „Ich würde immer noch in meinem Wald stehen und vor mich hin rosten.“ „Und ich wäre immer noch ein hoffnungsloser Feigling“, lachte der Löwe. „Und kein Tier der Welt würde mich ernst nehmen.“

„Das ist alles wahr“, erklärte Dorothy. „Und ich bin auch wirklich froh, dass ich hier so viele gute Freunde gefunden habe. Aber jetzt, wo jeder von euch das bekommen hat, was er sich am meisten wünschte und Herrscher eines eigenen Reiches ist, möchte ich gern nach Kansas zurück.“ „Deine Silberschuhe sind mächtig und haben verschiedene Zauberkräfte. Sie können dich an jeden Platz der Welt bringen. Du brauchst nur dreimal die Hacken aneinander zu schlagen und zu sagen, wohin du möchtest.“

Dorothy lachte glücklich. „Wenn das so ist, dann werde ich befehlen, dass sie mich zu Tante Emmie und Onkel Henry nach Kansas bringen sollen.“ Sie umarmte den Löwen, küsste ihn und streichelte seine gewaltige Mähne. Sie küsste auch den Holzfäller, der viele Tränen vergoss, die seinen Gelenken gefährlich werden konnten. Dann nahm sie den Scheuch in die Arme und weinte selber, weil der Abschied so traurig war.

Glinda stieg von ihrem Rubinthron herab und küsste das kleine Mädchen, das sich herzlich für alles bedankte. Sie nahm Toto auf den Arm und sagte noch einmal „Auf Wiedersehen!“ zu allen. Dann schlug sie entschlossen die Hacken ihrer Silberschuhe aneinander und rief laut: „Bringt mich heim nach Kansas, zu Tante Emmie und Onkel Henry!“ Im gleichen Moment begann die Luft um Dorothy zu wirbeln. Sie wurde emporgerissen und konnte weder sehen noch hören. Die Silberschuhe machten drei Schritte und hielten dann so plötzlich an, dass Dorothy sich mehrmals überkugelte. Schließlich rappelte sie sich auf und sah sich um. „Du lieber Himmel!“ platzte es aus ihr heraus.

Sie saß nämlich in der weiten Prärie von Kansas und direkt vor sich sah sie das neue Haus, das Onkel Henry nach dem Sturm gebaut hatte, der das alte Haus davongetragen hatte. Onkel Henry melkte die Kühe im Hof. Toto strampelte sich aus Dorothys Armen frei und rannte bellend auf ihn zu. Dorothy stand auf und bemerkte, dass sie auf Strumpfsocken war. Die Silberschuhe mussten ihr bei dem schnellen Flug von den Füßen gerutscht sein und waren nun für immer in der Wüste verloren.

Tante Emmie trat aus dem Haus, um den Salat zu gießen. Sie blickte auf und sah Dorothy auf sich zulaufen. „Mein kleiner Liebling!“ rief sie und fing Dorothy in ihren Armen auf. Sie bedeckte ihr Gesicht mit kleinen Küssen und fragte unter Tränen: „Wo in aller Welt bist du gewesen?“ „Ich war im Lande Oz“, antwortete Dorothy ernst. „Und Toto ist auch wieder hier. Ach, Tante Emmie. Ich bin so froh, dass ich wieder zu Hause bin.“

Die Geschichten von DER ZAUBERER VON OZ von L. Frank Baum (1856 - 1919) wurde von Kirsten Großmann für den Lesekorb übersetzt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von William Wallace Denslow (1856 - 1915) hergestellt.


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