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Mowglis Brüder - Teil 2

In den nächsten zehn oder zwölf Jahren führte Mowgli mit den Wölfen ein wundervolles Leben. Die Erlebnisse würden in jedem Jahr ein ganzes Buch füllen, wollte man sie aufschreiben.

Die Wolfsjungen entwickelten sich natürlich viel schneller und waren bald ausgewachsene Wölfe, während Mowgli noch lange Kind blieb. Vater Wolf lehrte ihn die Bedeutung der Dinge im Dschungel, bis ihn jedes Rascheln im Grase, jeder Hauch der warmen Nachtluft, jeder Eulenton über seinem Kopf, jedes Planschen all der kleinen Fische im Tümpel so viel bedeutete wie einem Geschäftsmann sein Büro.

Wenn er nicht lernte, so saß er in der Sonne und schlief und aß und schlief wieder. Wenn er sich schmutzig oder verschwitzt fühlte, so schwamm er in den Waldseen; wenn er Lust auf Honig hatte - Baloo brachte ihm bei, dass Honig und Nüsse genauso köstlich schmecken wie rohes Fleisch - so kletterte er in die Bäume. Wie man das macht, das hatte ihm Bagheera gezeigt.

Bagheera legte sich dann längs auf einen Ast und rief: "Komm, kleiner Bruder!" Zuerst hatte Mowgli sich wie ein Faultier festgeklammert. Aber später schwang er sich fast so kühn durch die Zweige wie der graue Affe.

Er nahm auch seinen Platz auf dem Ratsfelsen ein, wenn sich das Rudel traf. Bald stellte er fest, dass er jeden Wolf zwingen konnte, die Augen niederzuschlagen, wenn er ihn nur fest und unbeirrt anstarrte. So pflegte Mowgli aus reinem Übermut seine Freunde anzustarren.

Manchmal zog er ihnen lange Dornen aus den Ballen, denn Wölfe leiden schrecklich unter den Dornen und Kletten, die sich in ihrem Fell verfangen. Nachts lief er manchmal den Hügel hinunter, in das bebaute Land, und beobachtete neugierig die Dorfbewohner in ihren Hütten. Aber er misstraute den Menschen. Bagheera hatte ihm eine Falle gezeigt, die von Menschenhand gebaut und geschickt im Dschungel versteckt war.

Am allerliebsten aber ging Mowgli mit Bagheera in das dunkle, warme Herz des Waldes, um dort den ganzen schwülen Tag zu verschlafen und des Nachts zuzusehen, wie Bagheera seine Beute riss. Mowgli machte es genauso - mit einer Ausnahme. Sobald er alt genug war, bestimmte Dinge zu begreifen, befahl ihm Bagheera, niemals Herdenvieh anzurühren. Immerhin war Mowgli für den Preis eines Bullenlebens in das Rudel eingekauft worden.

Mowgli wuchs heran und wurde stark. Er bemerkte gar nicht, dass er etwas lernte, und hatte an nichts anderes zu denken, als an Nahrung. Mutter Wolf schärfte ihm mehrmals ein, dass er Shir Khan nicht trauen dürfe und dass er eines Tages Shir Khan würde töten müssen. Aber Mowgli nahm das nicht so ernst. Aber wenn ihn jemand gefragt hätte, wer er sei, hätte er sich als Wolf bezeichnet - sofern er sich in der menschlichen Sprache hätte ausdrücken können.

Shir Khan kreuzte im Dschungel oft seinen Weg. Der lahme Tiger war, während Akela älter und schwächer wurde, gut Freund mit den jüngeren Wölfen des Rudels geworden. Er strich ihnen um den Bart und sie fraßen, was er übrig ließ. Früher hätte Akela das nie zugelassen, aber er war älter geworden. Shir Khan stichelte, weil ihm zu Ohren gekommen war, dass die Wölfe sich nicht getrauten, Mowgli in die Augen zu schauen. Dann knurrten die jungen Wölfe und sträubten das Fell.

Bagheera bekam davon Wind und verwies Mowgli immer wieder darauf, dass Shir Khan ihn eines Tages töten würde. Doch Mowgli lachte nur unbeschwert. Er verließ sich ganz auf ihn, das Rudel und Baloo.

Es war an einem sehr warmen Tag, als Bagheera einen Einfall hatte. Er begann mit Mowgli wieder ein Gespräch darüber, wie gefährlich Shir Khan war. Und dass alle es wüssten, sogar die dummen Hirsche wüssten Bescheid.

"Ja, Tabaqui ist bei mir gewesen", sagte Mowgli, "und er hat mir Gemeinheiten gesagt; aber ich habe ihn am Schwanz erwischt und ihn zweimal an eine Palme geknallt. Das soll ihn lehren, wie man sich benimmt."

Bagheera war besorgt. Er machte Mowgli darauf aufmerksam, dass Akelas Zeit bald gekommen war. Der Tag würde kommen, an dem der Rudelführer seinen Bock nicht mehr töten konnte. Dann wäre er kein Führer mehr. Und die jungen Wölfe, die glaubten Shir Khan, dass für ein Menschenjunges kein Platz im Rudel wäre. Doch Mowgli sah die Gefahr immer noch nicht.

Da erzählte der schwarze Panther seinem Freund, was er noch niemandem zuvor erzählt hatte. Er selbst war bei den Menschen geboren und aufgewachsen. Seine Mutter war hinter den Eisenstangen eines Käfigs gestorben. Doch er, Bagheera, hatte erkannt, dass er aus den Käfigen des Königspalastes ausbrechen musste, und zerschmetterte das alberne Schloss mit einem einzigen Hieb seiner Pranke und entfloh. "Und weil ich die Gewohnheiten der Menschen kennen gelernt habe, bin ich im Dschungel furchtbarer geworden als Shir Khan", endete er seinen Vortrag.

Mowgli blickte ihn erwartungsvoll an, dass Bagheera weiterredete. "Du bist ein Menschenkind, und deshalb musst du zurückkehren in deine wahre Heimat. Finde zurück zu deinen wahren Brüdern, bevor du im Rat getötet wirst."

Bagheera erklärte Mowgli, dass die anderen Wölfe ihn hassten, weil sie seinem Blick nicht standhalten konnten und weil er klug war und weil er sie von Dornen befreit hatte und weil er ein Mensch war. Jetzt erst verstand Mowgli. Bagheera riet ihm, sich bis zu den Menschenhütten ins Tal durchzuschlagen und sich dort etwas von der Roten Blume zu holen. Dann hätte er, wenn die Zeit gekommen war, einen stärkeren Freund als Baloo und ihn.

Mit der Roten Blume meinte Bagheera das Feuer. Jedes wilde Tier lebt in Todesangst vor dem Feuer und würde es nie beim Namen nennen. Sie erfanden hundert Möglichkeiten, des zu umschreiben.

Mowgli stürzte los. Er brach durch die Büsche und rannte hinab ins Tal zum Fluss. Unterwegs hörte er, dass Akela tatsächlich seine Beute verfehlte. Und ihm wurde klar, dass der nächste Tag ein wichtiger Tag für Akela und ihn sein würde.

Bei einer Hütte angekommen, presste er sein Gesicht dicht ans Fenster und beobachtete das Feuer auf dem Herd. Er sah, wie die Frau es immer wieder mit schwarzen Brocken fütterte. Am nächsten Morgen nahm das Kind der Familie einen mit Lehm verstärkten Korb und füllte ihn mit rot glühenden Holzkohlestücken. Er bereitete eine Decke darüber und ging hinaus, die Kühe im Stall zu versorgen.

Mowgli schlenderte um die Ecke, stieß auf den Jungen, nahm ihm den Korb aus der Hand und verschwand im Nebel, während der Junge vor Schreck laut aufheulte. Als Mowgli den Hügel halb erklommen hatte, stieß er auf Bagheera. Stolz zeigte er auf seine Beute und blies hinein, wie er es bei der Frau gesehen hatte. Er meinte sich erinnern zu können, dass er - bevor er Wolf wurde - neben einer Roten Blume gelegen hatte und es als warm und behaglich empfunden hatte.

Den ganzen Tag lag Mowgli in der Höhle und pflegte sein Feuer. Als am Abend Tabaqui zur Höhle kam, und ihm ziemlich unverschämt ausrichtete, er werde am Ratsfelsen verlangt, da lachte er, bis Tabaqui davonrannte. Mowgli machte sich auf den Weg.

Als er beim Ratfelsen ankam, erkannte er, dass die Lage ernst war. Sie wollten Akela töten und ihn auch. Shir Khan machte sich selbst zum Sprecher des Rudels. Da schritt Mowgli ein. Er drohte Shir Khan mit seinem Feuer, dass dieser eingeschüchtert war. Die Wölfe des Rudels nannte er gewöhnliche Hunde, wenn sie wirklich glaubten, er wäre ein Mensch. Am Ende musste er erkennen, dass ihm der Dschungel von nun an verschlossen bleiben würde und er seinen Weg zu den Menschen finden musste.

In seiner Wut warf er den Feuerkorb auf den Boden, stieß einen trockenen Ast hinein und warf ihn mitten in die Meute der geduckten Wölfe hinein. Dann griff er sich noch einen Ast. "Ich will gnädiger sein als ihr!", rief er. "Zwischen uns und dem Rudel soll kein Krieg herrschen." Dann ging er zu Shir Khan und packte ihn am Kinnhaar. Der lahme Tiger musste sich hinsetzen und kniff angesichts des brennenden Astes die Augen zu. "Pah, versengte Dschungelkatze. Geh jetzt! Und Akela ist im Übrigen frei, so zu leben, wie es ihm gefällt. Ich will nicht, dass ihr ihn tötet. Und nun geht alle, wie ihr eure Zungen aus dem Maule hängen lasst. Ihr seid nichts als Hunde, die ich fortjage!" Die Wölfe rannten heulend davon, während ihnen die Funken das Fell versengten.

Am Ende waren nur noch Akela, Bagheera und vielleicht zehn Wölfe zurückgeblieben. Da ergriff Mowgli ein tiefer Schmerz. Die Tränen rannen ihm übers Gesicht und sein Herz Tat weh wie nie zuvor. Unter Tränen nahm er Abschied von Mutter und Vater Wolf und seinen Geschwistern. Alle heulten jämmerlich. Sie versprachen sich, des Nachts manchmal zu treffen. "Adieu, du kleiner Frosch", sagte Vater Wolf und die Mutter schniefte: "Du mein kleiner nackter Sohn. Ich habe dich mehr geliebt als meine eigenen Jungen."

"Ich komme wieder und dann werde ich Shir Khans Fell auf dem Ratsfelsen ausbreiten. Vergesst mich nicht", sagte Mowgli. Früh am Morgen lief Mowgli den Hügel hinunter, um jene geheimnisvollen Wesen zu treffen, die Menschen genannt wurden.

Der Klassiker DAS DSCHUNGELBUCH von Rudyard Kipling (1865-1936) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.


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