LABBÉ - 100% Kreativität

Lesekorb - Das Web-Magazin für Kinder

Heimkehr des Helden

Mit Einsetzen der Dunkelheit rief die Ratte alle ins Wohnzimmer. Dann begann sie, die Freunde für das Unternehmen "Krötenhall" einzukleiden. Die Ratte war derart gründlich, dass sie einige Zeit dafür brauchten. Jedes Tier schnallte einen Gürtel um, bekam einen Degen, der an der Seite hineingesteckt wurde, an der anderen Seite war ein Säbel vorgesehen. Zudem verteilte Ratte noch Pistolen, Polizeigummiknüppel, Handschellen, Verbandsmaterial, eine Trinkflasche und eine Vesperdose.

Zuerst wollte Meister Dachs protestieren, doch am Ende dachte er: "Dir macht es Freude und mir tut das Ganze nicht weh!" Er selbst wollte jedoch lediglich einen Knüppel mitnehmen.

Als die Zeit gekommen war, schnappte Dachs die Laterne mit der einen Pfote, den Knüppel nahm er in die andere und rief: "Alles mir nach!" Der Maulwurf sollte direkt hinter ihm gehen, weil Dachs so sehr mit ihm zufrieden war. Dann die Ratte und den Schluss sollte Kröte bilden. "Pass du gut auf", sagte er zum Kröterich, "quak nicht so viel, sonst schicke ich dich wieder heim."

Und weil Kröte unbedingt bei der Befreiungsaktion dabei sein wollte, verhielt er sich demütig und still. Sie gingen einen schmalen Weg am Ufer entlang des Flusses. Plötzlich schwang sich der Dachs über eine steile Böschung in ein kleines Loch direkt über dem Wasser. Maulwurf und Ratte taten es ihm nach. Nur Kröterich, der rutschte natürlich wieder aus und platschte ins Wasser, dass es nur so spritzte. Schnell zogen ihn seine Freunde heraus, rubbelten ihn trocken und stellten ihn auf die Füße. Der Dachs musste natürlich ein wenig schimpfen und drohen, dass er ihn beim nächsten Vorfall wieder zurückschicken müsse.

Dennoch - sie befanden sich nun im Geheimgang und die Eroberung Krötenhalls hatte begonnen. Unheimlich war es in diesem Gang, feucht und finster. Kröte begann zu zittern vor Furcht und seine Beine wollten ihn nicht schnell genug tragen. So wurde der Abstand zwischen ihm und seinen Freunden immer größer. Da wurde er hektisch, stapfte blindlings nach vorne, bis er gegen die Ratte und den Maulwurf stieß, die wegen des Schwungs gegen den Dachs purzelten.

Dann herrschte für einen kurzen Moment Chaos, weil der Dachs glaubte, man hätte sie von hinten angegriffen. Fast hätte er mit seiner Pistole in Richtung der Kröte abgefeuert. Wie er merkte, dass hier nicht der Feind war, bekam er einen Wutanfall, der Kröterich nur noch um Gnade flehen ließ. Auch Ratte und Maulwurf schworen, dass sie ab jetzt besser aufpassen würden.

Als sie weiter marschierten, ging Ratte am Schluss, damit so etwas nicht wieder passieren konnte. Endlich vernahmen sie Stimmengewirr. Während Kröterich sich fürchtete, sagte der Dachs in stoischer Ruhe: "Na, da ist ja richtig was los, bei den Wieseln!"

Der Gang führte steil nach oben. Je weiter sie krabbelten, um so lauter vernahmen sie das Stampfen, das Klirren der Gläser und das Gejubel der neuen Bewohner von Krötenhall. Endlich standen sie unter der Falltür, die direkt in die Speisekammer führte.

Sie stemmten die Schultern, riefen "hau ruck" und zu viert schafften sie es, durch die Falltür in die Speisekammer zu gelangen. Nun trennte sie noch eine Tür von den Wieseln. Im Saal herrschte Jubel, Trubel und ungeheuerlicher Lärm. Sie hörten die Festrede des Oberwiesels, der über den Kröterich sprach; und das nicht nett. Er war schadenfroh, verhöhnte das Geschehen und die Abenteuer um die Kröte. Da standen Dachs, Ratte, Maulwurf, Kröte und lauschten dem Gelächter, der Heiterkeit und den Demütigungen. Das Oberwiesel wagte es sogar, ein höhnisches Lied anzustimmen…

Doch was zu viel war, war zu viel; der Dachs stellte sich zu voller Größe auf und stürmte mit dem Knüppel voran in den Saal. "Dies ist unsere Stunde!" rief er. Die Wiesel quietschten vor Überraschung, wollten unter Tische und Stühle fliehen, versuchten an den Fenstern hochzuspringen. Alles vergeblich. Porzellan klirrte, Bänke fielen um - kurzum es herrschte ein panisches Durcheinander. Die Wiesel wollten nur noch eines: fliehen.

Bald war der Kampf zu Ende. Die meisten Wiesel konnten über die Wiese entkommen. So ungefähr zehn Frettchen machten Maulwurf und Ratte mit Handschellen gefügig. Der Dachs hingegen lechzte bereits nach Ruhe, stützte sich auf den Stock und entfernte die Schweißperlen auf seiner Stirn. Er schickte den Maulwurf, nach den Hermelinposten zu sehen. "Dir haben wir zu verdanken, dass die uns heute Abend keinen Ärger machen", lobte er den Maulwurf. Dieser war mit einem Sprung durchs Fenster gehüpft. Ratte und Kröte stellten Tische auf, suchten nach Besteck und Tellern und nach Nahrung.

"Da habe ich dein Haus zurückerobert und du bietest mir nicht mal einen Krümel an", sagte der Dachs mit vorwurfsvoller Stimme. "Los, setz dich in Bewegung."

Obwohl Kröterich da natürlich ein wenig beleidigt war, suchte er nach etwas Essbarem. Er kam zurück mit gebratenem Huhn, das natürlich kalt war, Vanillecreme mit süß duftenden Himbeeren und einer riesige Schale voll mit Hummermajonäse. Dazu noch die Körbe aus der Speisekammer, die Brötchen, Käse, Butter und Stangensellerie bargen.

Sie wollten gerade zu Tisch sitzen, als der Maulwurf zurückkam und von den Hermelinen berichtete. Mit einem Arm voller Flinten stand er kichernd in der Küche; gerade als die anderen sich zu Tisch begeben wollten.

"Es ist vorbei", sagte der Maulwurf mit Stolz geschwellter Brust. "Die Hermeline haben den Lärm gehört und sogleich ihre Waffen weggeworfen. Dann haben sie die Flucht ergriffen", erzählte er lachend. "Dieses Chaos hättet ihr sehen sollen, wie sie über die Wiese kugelten. Viele von ihnen fielen gleich in den Fluss. Na ja, jetzt sind sie weg und wir haben ihre Waffen."

Der Dachs war voll des Lobes und lud den Maulwurf ein, mit ihm das Abendbrot einzunehmen. Zuvor aber sollte er noch dafür sorgen, dass die in Handschellen gelegten Feinde die Zimmer putzten, aufräumten und wieder gemütlich machten. "Sie sollen auch unter den Betten kehren", wies der Dachs an. Der Maulwurf packte einen Knüppel und befahl: "Los, im Gleichschritt nach Oben!"

"Ich musste sie nicht einmal prügeln", erzählte der Maulwurf als er wieder zurückkam. Er habe ihnen erklärt, sie hätten ja wohl schon reichlich Schläge für einen Tag bezogen. Da seien die Wiesel sofort bereit gewesen, ihn zu unterstützen. "Sie haben sich sogar entschuldigt und für die Zukunft jederzeit Hilfe angeboten", wusste der Maulwurf zu berichten. "Dann habe ich jedem ein Brötchen gegeben und sie nach Draußen gelassen." Sie seien abgehauen wie der Blitz, als wäre der Löwe hinter ihnen her.

Die Kröte platzte fast vor Eifersucht. Doch seine gute Erziehung ließ ihn die Beherrschung wahren. "Hab lieben Dank, Maulwurf. Du hast besonders schlau gehandelt!", lobte er.

Dies stimmte den Dachs vergnüglich. "So ist es recht, Kröterich!", lobte er. So beendeten sie das Abendessen in Einigkeit und Frieden, legten sich auf die frisch bezogenen Betten und schlummerten sanft in den nächsten Tag.

Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).


Seiten URL:
http://www.labbe.de/lesekorb/index.asp?themaid=136&titelid=2002



Copyright © 2019 LABBÉ GmbH, D-50126 Bergheim