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Flucht in die Heide: Die Felsen

Manchmal gingen wir durch die Nacht, manchmal rannten wir. Auf den ersten Blick mochte die Gegend wie eine Einöde erscheinen und doch gab es Hütten und bewohnte Häuser. Sooft wir uns einem Haus näherten, ließ Alan mich auf dem Weg stehen und ging selbst hin, klopfte an die Tür und sprach ein Weilchen mit dem erwachten Schläfer. Dies tat er, um den Leuten die neuesten Nachrichten mitzuteilen. Das galt in dieser Gegend als Pflicht, und Alan unterbrach dafür sogar den Lauf um unser Leben.

Trotz unserer Eile kam der Tag herauf, als wir noch weit von jedem Schutz entfernt waren. Wir liefen gerade durch ein großes Tal, das mit Felsblöcken übersät und durch das ein schäumender Fluss toste. Hohe Berge umschlossen es, und weder Gras noch Bäume wuchsen da. Alan runzelte die Stirn.

"Das ist kein guter Ort für dich und mich!", sagte er. "Hier müssen sie ja geradezu auf der Wacht sein!"

Damit rannte er geschwinder als je zuvor ans Ufer hinunter zu einer Stelle, wo der Fluss zwischen drei Felsen in zwei Läufe gespalten war. Mit Getöse rannten wir durch den einen bis zu dem mittleren Felsen. Alles war so schnell gegangen, dass ich keine Zeit gehabt hatte, mir die drohende Gefahr klar zu machen. Aber als wir nun auf dem kleinen, glitschigen Felsblock standen, der noch weiter vom anderen Ufer entfernt war, und der von allen Seiten vom Fluss umtost wurde, überkam mich tödliche Angst und Benommenheit.

Alan schüttelte mich und setzte mir die Schnapsflasche an die Lippen. Er zwang mich, etwa ein Viertel zu trinken, worauf das Blut mir wieder in den Kopf zu strömen begann. Er brüllte mir zu: "Hängen oder ersaufen!" Darauf kehrte er mir den Rücken zu, überwand den zweiten Flussarm und landete drüben in Sicherheit.

Nun war ich allein auf dem Felsblock und begriff: Jetzt oder nie! Der Zorn der Verzweiflung ersetzte meinen Mut und als meine Hände fast vom Ufer abgeglitten wären, fasste Alan kräftig zu und brachte mich mit großer Anstrengung in Sicherheit.

Kein Wort fiel. Alan machte sich sofort wieder auf den Weg und lief um sein Leben. Ich fühlte mich elend und wie zerschlagen, dazu halb betrunken vom Branntwein. Endlich hielt Alan unter zwei großen Felsblöcken, deren obere Teile sich aneinander lehnten. Er stieg auf meine Schultern und kletterte so hinauf. Mit Hilfe seines Ledergürtels holte er mich nach.

Nun sah ich, warum wir hinauf geklettert waren. Beide Blöcke waren etwas hohl, so dass eine Art Schüssel entstand, wo selbst drei oder vier Leute sich hätten verbergen können. Ich spürte, dass Alan von tödlicher Furcht vor irgendeinem Unheil getrieben wurde. Mit düsterem Gesicht warf er sich auf dem Felsen nieder und späte nur mit einem Auge über den Rand. Erst als die Dämmerung hereinbrach, wurde er ruhiger.

Zu mir sagte er: "Leg dich schlafen, Junge! Ich werde solange wachen."

Es war gegen 9 Uhr morgens, als ich rau geweckt wurde. Alans Hand presste mir den Mund zu.

"Pst!", flüsterte er. "Du hast geschnarcht!"

Ich war überrascht von seiner düsteren, ängstlichen Miene. Er lugte über den Felsrand und gab mir ein Zeichen, das Gleiche zu tun.

Ungefähr eine halbe Meile den Fluss hinauf hatten die Rotröcke ein Lager aufgeschlagen. In der Mitte flackerte ein Feuer, an dem ein paar Leute etwas kochten. Nicht weit davon, auf einem Felsen, der ungefähr so hoch war wie unserer, stand ein Wachposten. Die Sonne blitzte auf seine Waffen. Den ganzen Weg am Ufer entlang waren ebenfalls Posten aufgestellt. Weiter oben im Tal sahen wir auch Berittene hin und her traben.

Rasch duckte ich mich wieder in mein Lager. Ich war erschrocken über die vielen Rotröcke mit ihren funkelnden Waffen.

"Davie", sagte Alan, "das hatte ich die ganze Zeit befürchtet, dass sie die Ufer bewachen würden. Vor ungefähr zwei Stunden fing es an. Wir sind an einer schlechten Stelle, denn wenn sie die Abhänge hinauf klettern, können sie uns leicht mit Ferngläsern erspähen. Nur wenn sie auf der Talsohle bleiben, können wir es schaffen, nicht entdeckt zu werden. In der Nacht werden wir versuchen, durch die Postenkette zu schlüpfen."

Den ganzen Tag über brannte die Sonne grausam auf uns herab. An Wasser hatten wir nicht gedacht, so dass unser einziges Getränk der Schnaps war, mit dem wir allerdings nur die Brust und die Schläfen befeuchteten.

Die Soldaten blieben bei ihren Streifen im Talgrund. Dabei stachen sie mit ihren Bajonetten in Heidekrautbüsche und kamen auch mehrmals dicht an unserem Felsen vorbei. Wir wagten dann kaum zu atmen.

Pein und Qual wuchsen von Stunde zu Stunde. Der Felsen wurde immer heißer, die Sonne noch stechender. Schwindelanfälle und Benommenheit quälten uns. Zum Glück bekam keiner von uns beiden einen Sonnenstich.

Als die Sonne etwas tiefer stand, hielten wir es nicht mehr aus. Wir ließen uns an der schattigen Seite des Felsens auf den Boden gleiten. Ich konnte kaum stehen, so schwach und schwindlig war ich. Wir warteten ein oder zwei Stunden, in denen zum Glück kein Soldat vorüber kam.

Langsam kamen wir wieder zu Kräften, und Alan schlug vor, dass wir unsere Flucht versuchen sollten. Wir arbeiteten uns von Felsen zu Felsen vor - mal schleichend, mal auf allen vieren kriechend, mal mit klopfendem Herzen zum nächsten Felsen rennend.

Auch den Soldaten machte die Schwüle des Tages zu schaffen. Sie hatten ihre Wachsamkeit aufgegeben, standen dösend auf ihren Posten und behielten nur noch die Flussufer im Auge. Wenn wir uns an den Berghängen hielten, sollten wir es schaffen. Allerdings hatten wir ständig Angst. Kein Steinchen durfte ins Rollen geraten, denn schon das hätte unsere Entdeckung bedeutet.

Bei Sonnenuntergang hatten wir trotz unseres langsamen Vorankommens eine beachtliche Strecke zurückgelegt. Schließlich kamen wir an einen tiefen, brausenden Bach. An seinem Ufer warfen wir uns sogleich auf den Boden und hingen Kopf und Schultern tief in das herrlich erfrischende Wasser, von dem wir auch gierig tranken. Wir lagen da, verborgen von den Felsen am Ufer, tranken wieder und wieder, badeten die Brust und hielten die Handgelenke ins Wasser.

Wunderbar erfrischt nahmen wir den Mehlsack heraus und bereiteten in der Eisenpfanne einen Mehlbrei. Er war zwar nur mit kaltem Wasser gemacht, denn ein Feuer hätte uns sofort verraten, aber für uns Hungrige war er ein ausgezeichnetes Essen.

Sobald es Nacht geworden war, liefen wir weiter. Der Weg war schwierig, da er sich am Steilhang von Bergen und zwischen Felsklippen hinzog. Die Nacht war schwarz und kalt, was uns nach der Hitze des Tages das Vorankommen erleichterte.

Der Klassiker ENTFÜHRT ODER DIE ABENTEUER DES DAVID BELFOURS von Robert Louis Stevenson (1850-1894) wurde von Birgit Weiße für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustration stammt von William Boucher.


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