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Pinocchio wird vom Walfisch verschlungen

Nach gut fünfzig Minuten dachte der Käufer, jetzt müsse der Esel mausetot sein. Er wollte ihn heraufziehen, um aus dem Fell eine schöne Trommel zu fertigen. Er begann zu ziehen: zog und zog - doch was tauchte schließlich auf? Statt eines toten Esels, hing eine lebendige Marionette am Seil, die sich wie ein Aal wand.

Dem Mann blieb der Mund offen stehen und als er sich vom ersten Schreck erholt hatte, fragte er: "Wo ist mein Esel?"

"Der Esel bin ich!", gab Pinocchio lachend zur Antwort.

"Du? Willst du Bengel dich über mich lustig machen?"

"Es ist mein Ernst. Das Salzwasser wird mich wieder verwandelt haben. Solche Scherze erlaubt sich das Meer öfter!"

"Hüte dich du Bengel! Wehe dir, wenn mir der Geduldsfaden reißt", schimpfte der Mann.

"Wenn du mein Bein losbindest, erzähle ich dir die ganze Geschichte."

Der Käufer, im Grunde ein braver Geselle, wurde neugierig und band Pinocchio los, der sofort zu erzählen begann. Von seinem Leben als Holzpuppe, der Schule, dem Spielzeugland und wie er ein Esel wurde. Natürlich berichtete er auch über seine Zeit im Zirkus und warum er auf dem Markt an den Mann verkauft wurde.

"Ich habe zwei Mark für dich bezahlt. Wer gibt mir mein Geld zurück!"

"Verzweifelt nicht, guter Herr! Esel gibt es genug auf dieser Welt. Aber ich werde dir die Geschichte noch zu Ende erzählen. Denn du hast deine Rechnung ohne die gute Fee gemacht."

"Wer ist diese Fee?"

"Meine Mutter. Wie alle guten Mütter hat sie mich immer beschützt. Als ich so im Wasser hing, schickte sie einen riesigen Schwarm Fische zu mir, der mir erst die Ohren, den Schwanz und zuletzt das ganze Eselfleisch abfraß. Zurück blieb die Holzpuppe. Du musst wissen, ich bin aus einem besonders harten Holz geschnitzt. Das bemerkten die Fische sehr schnell und schwammen davon."

"Über deine Geschichte kann ich nur lachen", schrie der Käufer zornig. "Ich möchte meine zwei Mark zurück. Weißt du, was ich mache? Ich verkaufe dich als Brennholz auf dem Markt!"

"Verkauf mich nur! Ich bin einverstanden!", rief Pinocchio. Und wie er das sagte, sprang er ins offene Meer zurück. Er schwamm davon und rief: "Auf Wiedersehen, mein Herr!"

Während Pinocchio auf gut Glück dahin schwamm, sah er mitten im Meer eine Klippe aufragen, die offenbar aus weißem Marmor war. Am höchsten Punkt der Klippe entdeckte er ein Zicklein, dass ihm meckernd ein Zeichen gab, er solle näherkommen.

Das Sonderbarste an dem Zicklein war die Farbe seines Felles. Es war nicht weiß, oder braun, oder gar gefleckt, nein, es war leuchtend blau und erinnerte an das Haar des schönen kleinen Mädchens. Könnt ihr euch vorstellen, wie Pinocchios Herz höher schlug? Mit aller Kraft schwamm er auf die Klippe zu. Nachdem er fast die halbe Strecke zurückgelegt hatte, tauchte plötzlich der fürchterliche Kopf eines Seeungeheuers vor ihm auf. Das weit aufgerissene Maul glich einem gähnenden Abgrund. Drei Reihen schrecklicher Zähne jagten Pinocchio unglaubliche Angst ein.

Dieses Seeungeheuer war niemand anderes als der Riesenwalfisch, von dem schon öfters in dieser Geschichte die Rede war. Pinocchio versuchte diesem Monster auszuweichen und änderte seine Richtung, aber das aufgerissene Maul kam wie ein Pfeil auf ihn zugeschossen.

"Beeile dich, Pinocchio!", meckerte die Ziege angstvoll.

Pinocchio verdoppelte seine Geschwindigkeit und schien durchs Wasser zu fliegen. Er war dicht bei der Klippe und das Zicklein wollte ihm aus dem Wasser helfen - aber es war zu spät! Das Ungeheuer hatte ihn erreicht und schlürfte den armen Pinocchio in sich hinein, wie man eine Auster ausschlürft.

Der Sturz in den Bauch des Wales war so heftig, dass Pinocchio vom groben Aufprall eine viertel Stunde betäubt lieben blieb. Als er sich von seinem Schrecken erholt hatte und wieder zu sich kam, wusste er nicht einmal mehr, wo er sich befand. Um ihn herum war alles so schwarz, dass er meinte in ein Tintenfass gefallen zu sein.

Von Zeit zu Zeit wehte ihm ein heftiger Windstoß ins Gesicht. Der Wal litt nämlich an Asthma und so kam die Luft aus seinen Lungen, wie der Nordwind daher.

Zuerst wollte Pinocchio stark bleiben. Doch wie er darüber nachdachte, dass er im Bauch eines Seeungeheuers gefangen war, fing er an zu weinen zu jammern und zu schreien: "Hilfe! Hilfe! Kommt mich denn keiner retten?"

"Wer soll dich denn retten, Unglücklicher?", sagte aus dem Dunkel eine laute, schrille Stimme, die wie eine verstimmte Geige klang.

"Wer bist du?", fragte Pinocchio, dem es eiskalt dem Rücken hinunter lief.

"Ein armer Thunfisch, den der Wal verschluckt hat. Und was für ein Fisch bist du?"

"Mit Fischen habe ich nichts zu tun, ich bin eine Holzpuppe. Was sollen wir jetzt nur tun?", jammerte Pinocchio.

"Uns mit unserem Schicksal abfinden und warten, bis der Wal uns verdaut hat."

"Aber ich will nicht verdaut werden!", schrie Pinocchio und weinte erneut. "Ich will fort von hier. Ich werde fliehen! Ist der Walfisch sehr groß?"

"Sein Leib ist länger als ein Kilometer, da ist der Schwanz noch nicht einmal eingerechnet."

Während sie im Dunkeln diese Unterhaltung führten, schien es Pinocchio, als sähe er ganz in der Ferne einen schwachen Lichtschimmer. Und er fragte den Thunfisch, was das für ein Licht sei.

"Es wird irgendein Unglücksgefährte von uns sein!"

"Ich will zu ihm hingehen. Vielleicht ist es ein alter, erfahrender Fisch, der mir zeigen kann, wie man hier wieder herauskommt."

"Das wünsche ich dir von ganzen Herzen, lieber Junge! Lebe wohl!"

"Lebe auch du wohl, Thunfisch."

Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.


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