LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Gepetto kommt aus dem Gefängnis

Gerade diese Nacht war eine abscheuliche Winternacht. Es donnerte sogar und Blitze ließen den Himmel erleuchten, als würde er brennen. Pinocchio hatte schreckliche Angst, aber sein Hunger war stärker, also verließ er das Haus und war mit ein paar hundert Sprüngen schon im Dorf.

Doch keine Menschenseele ließ sich blicken. Der Ort schien wie ausgestorben. Vor Hunger und Verzweiflung ganz außer sich, klingelte Pinocchio an einem Haus Sturm. Irgendjemand würde sich doch sehen lassen. Und tatsächlich, ein alter Mann mit Nachtmütze erschien am Fenster und rief wütend: "Was willst du so spät noch?"

"Seid doch so freundlich und gebt mir ein Stück Brot!"

"Warte, ich komme gleich zurück", gab der Alte zur Antwort, der glaubte irgendein nichtsnutziger Junge hätte sich einen Streich erlaubt. Nach einer halben Minute öffnete sich das Fenster erneut und Pinocchio hörte die Stimme des Mannes:

"Komm her und halte deine Mütze auf!"

Pinocchio, der keine Mütze besaß, trat näher heran. Da ergoss sich plötzlich eine ganze Wasserschüssel über ihn als wäre er ein Trog welker Blumen. Er kehrte nach Hause zurück, nass wie ein Pudel und erschöpft vor Hunger und Müdigkeit.

Er setzte sich und stützte seine durchnässten und schmutzigen Füße auf das Becken voll glühender Kohlen. So schlief er ein. Während er schlief, fingen seine Füße Feuer; ganz langsam verkohlten sie und wurden zu Asche.

Erst als es Tag wurde, erwachte Pinocchio endlich, weil es an der Tür klopfte.

"Wer ist da?", fragte er gähnend und rieb sich die Augen.

"Ich bin es!", antwortete eine Stimme. Es war Geppettos Stimme.

Der arme Pinocchio, der noch ganz verschlafen war, hatte noch nicht bemerkt, was mit seinen Füßen geschehen war. So sprang er auf, um Geppetto die Tür zu öffnen. Aber bereits nach zwei oder drei taumeligen Schritten fiel er der Länge nach auf den Fußboden.

"Mach mir endlich auf", rief Geppetto von der Straße her.

"Vater, ich kann nicht, jemand hat mir meine Füße abgefressen."

"Wer soll das gewesen sein?"

"Die Katze", erwiderte Pinocchio, als er die Katze sah, die mit ihren Vorderpfötchen ein paar Holzspäne herumwirbelte.

"Ich sage dir, öffne die Tür."

"Es geht nicht, Vater. Ich kann nicht aufstehen. Oh, ich armer Junge. Nun muss ich mein Leben lang auf den Knien umherrutschen."

Geppetto, der sich sicher war, dass dies nur ein neuer Streich von Pinocchio war, kletterte die Hauswand hoch und stieg durch das Fenster ins Zimmer.

Eigentlich wollte er schimpfen und strafen, als er aber Pinocchio der Länge nach auf der Erde liegen sah, wurde er sehr gerührt. Er nahm den Jungen in seine Arme und küsste ihn liebevoll. Dicke Tränen liefen ihm über sein runzliges Gesicht. "Mein kleiner Pinocchio, wobei hast du dir nur deine Füße verbrannt?"

"Ich habe keine Ahnung, Vater, aber es war eine schreckliche Nacht. Es donnerte und blitzte und fast wäre ich verhungert. Und dann war da diese Grille…."

Pinocchio erzählte Geppetto seine ganzen Erlebnisse. Als er geendet hatte, heulte er los, dass es fünf Kilometer weiter noch zu hören war.

Geppetto hatte von dieser verworrenen Geschichte nur so viel verstanden, Pinocchio litt schrecklichen Hunger. Er zog drei Birnen, die er sich selbst als Frühstück mitgenommen hatte aus seiner Jackentasche und reichte sie Pinocchio. "Ich gebe sie dir gerne. Iss, und lass es dir schmecken."

"Wenn du willst, dass ich sie aufesse, dann schäle sie mir doch bitte"!

"Schälen? Dass du so ein Leckermaul bist, mein Junge. Das ist schlimm. In dieser Welt müssen sich schon die Kinder daran gewöhnen, alles zu essen. Man weiß nie, was geschehen wird."

"Du hast gut reden, aber ungeschältes Obst esse ich niemals. Schalen mag ich nicht!"

Und der gutherzige Geppetto zog ein Messer heraus und schälte geduldig alle drei Birnen. Die Schalen legte er daneben. Pinocchio aß die erste Birne und wollte gerade das Gehäuse wegwerfen, doch Geppetto hielt ihm am Arm fest:

"Wirf es nicht fort! Auf dieser Welt kann man alles noch verwenden."

"Aber den Strunk kann man doch nicht essen!", rief Pinocchio.

Geppetto blieb ganz ruhig und legte ein Gehäuse nach dem anderen zu dem Schalenberg. Als Pinocchio die drei Birnen verschlungen hatte, jammerte er, dass er immer noch Hunger habe. Geppetto erklärte ihm, dass außer den Schalen und Strünken nichts essbares mehr im Haus wäre.

"Nun ja", meinte Pinocchio, "wenn gar nichts mehr da ist, dann muss ich wohl ein Stückchen Schale essen."

Er begann zu kauen. Zuerst verzog er noch den Mund doch dann vertilgte er in Windeseile den kleinen Haufen, bis nichts mehr übrig war. "So, jetzt geht es mir richtig gut!"

"Siehst du, wie Recht ich hatte. Mein liebes Kind, man kann nie wissen, was noch kommt. Es gibt so viele Möglichkeiten…"





Die Geschichten von PINOCCHIO von Carlo Collodi (1826-1890) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Carlo Chiostri (1863-1890) hergestellt.

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