LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Der Kröterich

Es war Frühsommer, der Fluss war gerade gesunken und strömte in alter Manier. Die Sonne brannte hernieder und leitete Grünpflanzen an, ihren Weg aus der Erde zu finden und ermunterte das Laub, sich aus den Ästen der Bäume und Büsche zu wagen.

Maulwurf und Wasserratte kamen schon seit dem frühen Morgen emsiger Beschäftigung nach. Die Rudersaison nahte und es galt, Boote zu streichen und lackieren, Riemen zu flicken und so weiter. Just als sie mit ihrem zweiten Frühstück fertig waren und die weiteren Tagespläne besprechen wollten, klopfte es an die Tür.

Vor Schreck bekleckerte sich die Ratte mit Ei. "Verflixt", maulte sie. Der Maulwurf ging zur Tür und die Ratte hörte den erstaunten Ruf seines Freundes. Schließlich war es Meister Dachs, der zur Wohnzimmertür hereinkam. Dies war nun wirklich etwas Seltenes. Davon abgesehen, dass der Dachs sowieso schlecht zu erreichen war, kam es so gut wie nie vor, dass er jemanden besuchte.

Deshalb ließ die Ratte den Eierlöffel sinken, als der Dachs mit festem Schritt das Wohnzimmer betrat und verkündete: "Die Stunde ist gekommen!"

"Welche Stunde?", fragte die Ratte nervös.

"Frag lieber, wessen Stunde", sagte Meister Dachs. "Ich meine die Stunde des Kröterichs. Ich erwähnte es bereits. Wenn der Winter vorüber ist, wolle ich mich um das Problem kümmern. Und ab heute soll es so sein!"

"Kröterichs Stunde", rief der Maulwurf begeistert aus. "Genau! Ich erinnere mich, dass wir eine vernünftige Kröte aus ihm machen wollten!"

Der Dachs setzte sich in den Lehnsessel und berichtete das Neueste vom Kröterich. Auf Krötenhall sei schon wieder ein neues Auto angeliefert worden, wusste Dachs zu berichten. Wir müssen Maßnahmen ergreifen, bevor alles zu spät ist. Wer weiß, zu welchen Dummheiten die Kröte sonst fähig ist.

Maulwurf und Ratte waren mit von der Partie. Sie machten sich alsbald auf den Weg. Der Dachs führte die kleine Reisegruppe an. Auf dem Weg besprachen sie, dass sie das unglückselige Tier schon retten würden. Bei der Auffahrt von Krötenhall entdeckten sie ein nagelneues rotes Auto. Es stand beim Portal vor dem Haus. Kröterich kam gerade heraus. Er trug Schutzbrille, Mütze und Mantel, um den Staub abzuhalten.

Fröhlich hieß er die Freunde willkommen. "Ihr kommt gerade richtig...", sagte er heiter. Doch als er in die ernsten Gesichter blickte, blieb ihm das Wort im Halse stecken. Die finsteren Mienen kamen ihm komisch vor. Da rief der Dachs bereits: "Ab ins Haus mit ihm!"

Sie zogen den Kröterich ins Haus zurück, so sehr er sich auch wehrte. Er wand sich und strampelte - umsonst. Der Dachs wandte sich an den Chauffeur, der beim neuen Auto stand und schickte ihn weg. "Man wird Sie heute wohl nicht brauchen", sagte er. "Überhaupt wird man diesen Wagen nicht mehr brauchen. Dies ist eine endgültige Entscheidung", setzte er hinzu.

Er forderte in der Halle erst einmal den Kröterich auf, diese albernen Sachen auszuziehen. Natürlich versuchte der Kröterich, sich aufs Äußerste zu wehren. Doch es war müßig. Der Dachs machte seine Drohung wahr, und Maulwurf und Ratte waren ihm behilflich. Gemeinsam rissen sie der Kröte die Angeberkleider vom Leibe. Wie er da so stand, war er nicht mehr der eingebildete Held der Landstraße.

Der Dachs sprach ein ernstes Wort mit ihm. "Du hast das ganze Geld zum Fenster herausgeworfen, das dein Vater dir vererbt hat!", warf er ihm vor. Und all die anderen Vorkommnisse der letzten Wochen - Unfälle, Auseinandersetzungen mit der Polizei und vieles mehr. Der Dachs zerrte den Kröterich zu einer Aussprache unter vier Augen in den Leseraum.

Ratte und Maulwurf bezweifelten, dass Reden mit dem Kröterich tatsächlich zum Erfolg führen sollte. Vor der Tür hörten Sie, wie die Stimme von Meister Dachs anschwoll und wieder schwächer wurde. Beinahe eine Stunde später kamen Dachs und Kröterich heraus. Letzterer ziemlich geschwächt und aufgelöst. Seine Haut war fahl und schlotterte wie ein leerer Beutel um seine Glieder, seine Beine waren gummiweich, die Wangen waren tränenverschmiert.

Doch als er den Freunden berichten sollte, dass er seine Leidenschaft für Automobile aufgeben würde, wurde er schweigsam. Meister Dachs hakte nach: "Los, sag ihnen, was du mir drinnen im Zimmer versprochen hast. Du wirst das Autofahren aufgeben...

Nach einer langen Pause sagte der Kröterich mit trotziger Stimme: "Nein, es tut mir gar nichts leid! Ich finde Autofahren herrlich, wunderbar!"

Dem Dachs stockte vor Fassungslosigkeit der Atem, als ihm klar wurde, dass der Kröterich ihn hintergangen hatte. Er wurde wütend. "Wenn du nicht vernünftig werden willst, müssen wir so lange hier bleiben, bis du nachgibst. Du hattest uns freundlicherweise eingeladen; Heute nehmen wir die Einladung an. Bringt ihn hinauf in sein Schlafzimmer und schließt ihn ein!", rief der Dachs energisch.

Das machten Ratte und Maulwurf dann auch. Sie erklärten ihrem Freund, dass alles nur zu seinem Besten sei. "Keine Zusammenstöße mehr mit der Polizei, keine Aufenthalte im Krankenhaus mehr und keine Geldverschwendung mehr", versicherten sie ihm. Sie bewachten ihn auch die ganze Nacht, schliefen abwechselnd bei ihm. Kröterich bekam eigentümliche Wutanfälle, die ihm höllische Geräusche entlockten.

Jedoch wich die Wut irgendwann einer tiefen Niedergeschlagenheit. Als die Ratte eines Morgens den Dachs mit der Wache ablösen wollte, war dieser total kribbelig und nervös. "Kröterich schläft noch", sagte er. "Wenn er so still ist, führt er meist was im Schilde", sagte der Dachs. "Pass also auf!"

Als die Ratte nach dem Kröterich sah, lag dieser geschwächt in seinem Bett. Unvorsichtigerweise erzählte die Ratte, dass Maulwurf und Dachs im Wald einen Spaziergang machten. Da drehte der Kröterich sich um. "Ach ich weiß, du verstehst mich", sagte er. "Natürlich bin ich eine Last für euch", jammerte er weiter vor sich hin.

Da sagte die Ratte, dass sie alles dafür tun würde, wenn der Kröterich nur endlich zur Vernunft kommen wolle. Diesen Moment hatte der Kröterich erhofft und sagte: "Oh, wenn dem so wäre, wünschte ich, du würdest im Dorf den Arzt holen. Und den Rechtsanwalt." Er spielte der Ratte ein Theater vom sterbenskranken Kröterich vor, der die Vorbereitungen für sein letztes Stündlein zu treffen gedachte.

Als Kröterich den Rechtsanwalt erwähnte, dachte die Ratte besorgt, dass es jetzt schon sehr schlecht um ihn stehen müsse. Er dachte kurz nach, dann beschloss er, dem ungewöhnlichen Wunsch des Kröterichs auch ohne Absprache mit Dachs und Maulwurf nachzukommen. So machte er sich beherzt auf den Weg.

Kaum dass er um die Ecke gegangen war, hüpfte der Kröterich aus seinem Bett. Er zog seinen pfiffigsten Anzug an und füllte seine Taschen mit Münzen. Dann knotete er die Leintücher aneinander, machte sie am Fensterkreuz fest und ließ sich an der Außenwand abgleiten. Fröhlich pfeifend machte sich die Kröte in die entgegengesetzte Richtung der Ratte auf den Weg.

Als gegen später alle wieder daheim waren, kann man sich ja denken, welche Meinung der Dachs zu dem Ganzen hatte. Seine beißenden Bemerkungen waren kaum auszuhalten. "Da hast du ein dickes Brett vor dem Kopf gehabt, Rattenschätzelchen", sagte er. Die Ratte war natürlich niedergeschlagen.

"Jetzt ist er uns entwischt! Doch ein Gutes hat es. Wir sind wieder frei und müssen nicht mehr unsere Zeit mit Wachdienst verbringen", setzte er hinzu. Außerdem würde Kröte sowieso bald zurückgebracht werden - ob von der Polizei oder vom Rettungsdienst, das würde man sehen.





Der Klassiker DER WIND IN DEN WEIDEN von Kenneth Grahame (1859-1932) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt. Die Illustrationen stammen von Paul Bransom (1885-1979).

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