LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Sonnenkringel

Es war einmal ein Mann auf Wanderschaft, der war arm und hatte keinen Heller mehr. Er wusste nicht ein noch aus und fragte sich, wovon er in der nächsten Herberge die Zeche zahlen sollte. Da kam ihm ein böser Gedanke in den Sinn: Wenn einer käme, der schwer an seiner dicken Geldbörse zu tragen hatte, wollte er ihm wohl die Last erleichtern. Als der arme Mann nun in einen Wald kam, der ziemlich düster war, sah er vor sich einen Wanderer auf dem Weg gehen. Da beeilte sich der Arme und holte jenen bald ein, der auch noch ein Jude war. "Ha," dachte der arme Mann, "Juden haben doch immer Geld." Ohne langes Warten schrie er den Alten an: "Jud! Gib mir auf der Stelle dein Geld, oder du musst sterben."

"Soll mir Gott helfen", sprach da der Jude, "hab ich doch nicht mehr Geld als acht armselige Heller! Wollt Ihr vor Gott die große Sünde begehen und einen Menschen wegen acht lausiger Heller totschlagen?" Der Arme war nun zornig und schrie: "Jud, du lügst! Ohne Geld geht keiner auf Reisen. Heraus mit dem Gelde, oder es wird dir schlecht ergehen!" "Wehe mir!, rief der Jude voller Angst. "Habe ich doch nicht mehr, als ich es euch sage!" Aber jener hörte in seiner tollen Raubsucht nicht hin und schlug den armen Juden kaltblütig nieder. Der Alte schaute den Übeltäter vor seinem letzten Atemzug noch einmal an und sagte mit brechender Stimme: "Wehe dir, du mordgieriger Geselle! Die klare Sonne, das allsehende Auge des Firmaments, soll deine Missetat an den Tag bringen."

Mit diesen Worten verschied der alte Jude, und sein Mörder durchsuchte ihm nun alle Taschen. Er fand aber nur ein kleines schlaffes Lederbeutelchen, darin in der Tat nicht mehr als acht rote Heller waren. Nun reute es den Räuber doch, dass er sich zu diesem schnöden Mord hatte hinreißen lassen. Und als er in die Sonne sah, fuhr ihm ein tiefer Schreck in die Glieder, denn sie stand ganz glutrot über den Bäumen. Da rannte der Frevler eilends von dannen, als wäre der Teufel hinter ihm her.

Im Walde aber sammelten sich die Rotkehlchen und trugen Blumen herbei. Sie legten die Blumen sanft auf das Antlitz des Erschlagenen, damit der Schrecken der Menschheit nicht den heiligen Frieden des Waldes störte. Der Mörder aber lief, so weit er nur konnte, wollte er doch nicht mehr in die Sonne sehen.

Doch am andern Morgen war es wie ein ewiger Fluch, als die Sonne ihm leuchtend in die Augen schaute. Fortan verfolgte sie ihn Tag für Tag, musste er bei ihrem Anblick doch immer an den Todesruf des alten Juden denken.

Nach vielen Jahren ward es aber ruhiger in seinem Gemüte. Er arbeitete fleißig als Handwerksgeselle und gewann sogar die Gunst der Meistertochter. Sie heiraten auch und lebten eine Zeitlang in glücklicher Ehe zusammen. Nur manchmal dachte der Geselle noch an seine Untat, weil er der Sonne möglichst aus dem Wege ging. Doch dann fragte er sich endlich selbst: "Wie soll sie's denn eigentlich anfangen, die liebe Sonne, die Missetat an den Tag zu bringen? Der Jude ist doch längst vergessen, und ich bin viele Meilen fern von jenem Lande. Reden kann die Sonne nicht, schreiben kann sie auch nicht. Ich habe mich umsonst gefürchtet."

Eines Morgens brachte die Frau ihrem Manne eine Tasse Kaffee. Er goss einen Teil desselben in die Untertasse, und zufällig schien die Sonne hell herein. Da bildeten sich durch die zitternde Flüssigkeit Lichtkringel an der Stubendecke. Als der Mann nun dieses Schauspiel betrachtete, glaubte er, er wäre allein. Nachdenklich sprach er: "Meinst du Sonne, du könnest es an den Tag bringen, weil du dort oben die zitternden Kringel malen kannst?"

"Was soll die Sonne an den Tag bringen, Mann?", fragte laut die Frau, und ihr Mann zuckte erschreckt zusammen. Jetzt wollte es die Frau erst recht wissen und bohrte mit Fragen immer weiter. Das ging so eine lange Zeit, bis die Frau versprach, sich in tiefstes Schweigen zu hüllen. Nun erzählte ihr Mann, dass er einst einen Juden im Walde erschlagen habe, und dass er im Sterben sagte: "Die klare Sonne, das allsehende Auge des Firmaments, soll deine Missetat an den Tag bringen." Und nun habe die Sonne doch nichts an den Tag gebracht. Sie könne nichts als leuchten und wärmen, und vielleicht noch Kringel an die Decke machen.

Die Frau hörte das, schauderte und schwieg. Aber das unselige Geheimnis drückte ihr fast die Kehle ab. Nun verfolgte das Geheimnis auch sie Tag und Nacht. Und die Sonne erinnerte sie stets aufs Neue daran. Schließlich konnte sie das Geheimnis nicht mehr bei sich behalten, und erzählte es unter dem heiligsten Siegel der Verschwiegenheit ihrer liebsten Freundin. Diese trug es weiter, und bald vernahmen es die Richter.

Da wurde der Mörder festgenommen und gestand ohne Umschweife die üble Tat. Denn im Grunde war er froh, dass es nun endlich herausgekommen war. Mit Fassung nahm er das Urteil zu langer Kerkerhaft entgegen, konnte er der Sonne doch ruhig entgegenschauen, jetzt, wo er Buße tat.

Dieses Märchen von Ludwig Bechstein (1801-1860) wurde von der Labbé-Redaktion für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Ludwig Richter (1803-1884) hergestellt.

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