LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Draufgänger

Schwierig war es, die eisenbahnfahrenden Menschen aus der Stadt zu ertragen. Sie hatten in der Regel noch nie ein Pferd besessen und behandelten uns wie ihre Maschinen. Ihr Maß war die Geschwindigkeit der Lokomotive. Egal wie beschwerlich die Straße nun war, immer trieben sie uns zu gleichbleibender Geschwindigkeit an, auch auf steinigen, ansteigenden Straßen - ohne Pause.

Diese Menschen wollen gefahren werden für ihr Geld und kämen nicht mal im Traum auf die Idee, bergauf auszusteigen. Im Gegenteil, sie ließen die Peitsche auf uns niedersausen und zerrten ungeduldig an den Zügeln, wenn es bergauf ein wenig langsamer wurde. Wüste Beschimpfungen mussten wir uns anhören.

Besonders schlimm fand ich die unerfahrenen Draufgänger, die viel zu schnell losfuhren, anstatt dem Pferd die nötige Zeit zu lassen. Ebenso unbesonnen hielten sie uns an. Unter Benutzung der Peitsche zogen sie die Zügel derart straff, dass die Hinterhand fast einknicken musste und unser Maul verletzt wurde.

Einmal erwischte es den alten Rory. Er war mein häufigster Laufpartner und nett noch dazu. Es dämmerte bereits, als unser Kutscher mit uns nach Hause fuhr. Wir fuhren dicht an der Hecke entlang und die Zügel hingen locker. In einer Kurve hörte ich einen Einspänner den Buckel runter jagen, direkt auf uns zu. Man konnte ihn zwar noch nicht sehen, weil die Hecke so hoch war, trotzdem rammte er uns im nächsten Moment. Ich war glücklicherweise auf der Heckenseite, doch Rory erwischte es böse. Er blutete arg und es fehlte nicht viel, dass man ihn hätte töten müssen. Vielleicht wäre das eine Erlösung für ihn gewesen, denn seine Genesung dauerte lange.

Danach wurde der arme Rory zum Kohlen kutschieren verkauft. Er musste dann die schweren Karren den Berg hinaufziehen. Allein der Gedanke daran ließ mich frösteln.

Mir wurde als Partnerin die Stute Peggy zugeteilt. Sie war zwar kein Rassepferd, dennoch unterstützten Ihre gut gebaute Statur und das glänzende Fell ihre freundliche, fügsame Art. Nur wirkte sie ein wenig ängstlich.

Bei unserem ersten Arbeitseinsatz bemerkte ich ihren seltsamen Gang. Sie ging drei Schritte normal, dann hüpfte sie einen kleinen Sprung vorwärts. Diese Gangart machte selbst mich ganz kribbelig. Wieder in unserem Stall angekommen, sprach ich sie darauf an.

Traurig erklärte sie: "Du hast sicher bemerkt, dass meine Beine gute zehn Zentimeter kürzer sind als deine. Dies war schon immer mein Nachteil. Man spannte mich mit großen Pferden ein und erwartete dieselbe Gangart. Doch mit kürzeren Beinen trabt man nun mal langsamer. Meinem ersten Herrn machte das nichts aus. Er war Pfarrer und sehr gut zu mir. Leider wurde er versetzt und ich kam zu einem Farmer, der so gar nichts von Pferden verstand. Der wollte nur eins, nämlich schnell fahren. Und als er dann zur Peitsche griff, damit ich die Geschwindigkeit bekommen sollte, die er wünschte, gewöhnte ich mir diesen Gang an. Einmal, als er es besonders eilig hatte, flog der Gig um und der Farmer verletzte sich. Das war die letzte Fahrt mit ihm. Aber die Menschen hier sind auch nicht viel besser, habe ich festgestellt. Immer in Eile. Ich wünschte, meine Beine wären so lang wie deine."

Ich bedauerte Peggy, weil ich wusste, dass immer die langsamen Pferde im Gespann die Peitsche zu spüren bekamen. Da konnte man nichts tun. Zu Peggys Glück wurde sie weiterverkauft an zwei Damen, die ein sicheres Pferd wünschten. Als ich sie später noch einmal traf, wirkte sie glücklich und trabte mit gleichmäßigem Schritt an mir vorbei - heiter und zufrieden.

Nach Peggy kam ein junges Pferd, von dem man sagte, es würde scheuen. Ich fragte es danach und bekam folgende Antwort: "Eigentlich war ich schon immer ängstlich. Dazu musste ich Scheuklappen tragen und dadurch wurde ich noch unsicherer. Mit diesen Dingern kann man nichts sehen und hätte ich meine Umgebung in Ruhe begutachten können, wäre ich auch nicht ängstlich gewesen. Einmal saß ein älterer Mann mit im Wagen, als ein Stück Papier mich wieder einmal scheuen ließ. Der Herr schlug sofort mit der Peitsche auf mich ein. Da verteidigte mich der ältere Herr, der begriffen hatte, dass ich mich nur erschreckt hatte."

Mein neuer Kollege hatte natürlich Recht. Zum Glück hatte ich gute Herren wie Farmer Grey oder Mr. Gordon. Doch einige Male hatten wir auch nette Kutscher. Einmal holten wir zwei Herren ab. Der größere prüfte mein Zaumzeug, Zügel und Kummet. "Muss diese Kinnkette sein?", fragte er den Knecht.

Der antwortete: "Wegen mir müsste das nicht sein. Er ist ein zuverlässiges Pferd, trotz seines Temperamentes. Aber die Leute wollen die Kinnkette."

Der Herr wollte sie aber nicht und ließ das lästige Teil abnehmen. Nun waren die Zügel weiter oben und der Mann klopfte mir auf die Schulter und sagte: "Na, alter Junge, ein freies Maul macht die Fahrt doch viel schöner, oder?" Diese Fahrt mit dem Mann erinnerte mich an alte Zeiten. Meine Laune wurde zusehends besser.

Scheinbar gefiel ich dem Herrn immer besser, denn er mietete mich mehrmals. Sogar mit dem Sattel probierte er mich aus. Dann überredete er meinen Herrn, mich einem seiner Freunde zu verkaufen. So wechselte ich im Sommer zu Mr. Barry.





Der Klassiker BLACK BEAUTY von Anna Sewell (1820 - 1878) wurde von Angelika Kopp für den Lesekorb nacherzählt.

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