LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Bettys Traumpalast

Für Betty war der alte Mr Laurence wie ein bedrohlicher Löwe, auf dem Weg zum nachbarlichen Palast auf ihrer Pilgerreise. Auch nach dessen Besuch bei ihrer Mutter fürchtete sie sich noch immer vor ihm, obwohl er zu allen Mädchen sehr freundlich gewesen war.

Mr Laurence zeigte sich so glücklich darüber, dass sein Enkel in der Familie March wie ein Bruder aufgenommen wurde, dass die Mädchen auch bald vergaßen, wie reich er war.

Als Laurie sogar begann seine Schularbeiten zu vernachlässigen, um lieber mit den Mädchen zu spielen, beschwerte sich sein Hauslehrer, Mr Brooke beim Großvater. Doch der sonst so strenge alte Herr lachte nur und meinte der Lehrer solle ihm etwas Ferien gönnen. Denn Stoff könne er ohne Probleme nachholen.

Die folgende Zeit genossen alle in vollen Zügen. Sie spielten zusammen Theater, gingen Schlitten fahren, oder verbrachten die Zeit im Hause Laurence, wo jeder seinen Neigungen nachging. Meg liebte es im Gewächshaus die Blumen zu bestaunen, Jo schmökerte in der Bibliothek und Amy zückte Stift und Papier um die alten Gemälde abzuzeichnen. Nur Betty träumte immer noch heimlich von dem Flügel im Kaminzimmer.

Sie hatte solche Angst vor Mr Laurence, dass nicht mal Jos gutes Zureden sie dazu brachte einen Fuß in das Haus zu setzen.

Doch während einem Besuch bei Mrs March lenkte Mr Laurence das Gespräch geschickt auf das Thema Musik. "In letzter Zeit vernachlässigt Laurie sogar seine Musik. Ich bin ja ganz froh darüber, denn vorher gab es für ihn kaum etwas anderes, aber nun steht der schöne Flügel da und es ist schade, wenn niemand auf ihm spielt. Hätte nicht eines ihrer Mädchen Lust, von Zeit zu Zeit zu spielen?"

Betty blieb der Atem weg, sie machte einen Schritt vorwärts, ballte die Fäuste und überlegte, ob sie… doch da ertönte schon erneut die tiefe Stimme von Mr Laurence. "Sie müsste nicht einmal Bescheid sagen. Ich bin den ganzen Tag in meinem Arbeitszimmer im anderen Flügel und sie wäre ganz ungestört."

Hier erhob sich Mr Laurence und verabschiedete sich von Mrs March. In diesem Moment schob sich eine kleine zierliche Hand in seine und Betty sah mit dankbarem Gesicht zu ihm hoch, als sie mit zitternder Stimme sagte: "Oh Sir, ich habe Lust, sehr sogar."

"Bist du die Musikerin im Hause March?", fragte er mit sanfter Stimme.

"Ja, ich bin Betty. Ich würde wirklich gerne kommen, wenn ich ganz sicher niemanden störe", antwortete sie, selbst verwundert über ihren plötzlichen Anfall von Mut.

"Das würde mich sehr freuen, meine Liebe." Mr Laurence strich ihr liebevoll über das Haar und Betty wurde feuerrot. "Weißt du, ich hatte auch mal ein kleines Mädchen, das hatte genau solche Augen wie du. Gott schütze dich." Dann ging er eilig davon.

Am nächsten Tag beobachtete Betty, wie Laurie und sein Großvater das Haus verließen. Sie schlüpfte leise durch die Hintertür hinein. Aufgeregt schlich sie ins Wohnzimmer und strich ehrfürchtig über den Flügel. Wie per Zufall lagen bereits einige Noten da. Sie setzte sich und begann vorsichtig zu spielen. Zuerst schaute sie immer wieder nach hinten, ob auch niemand in der Tür auftauchte. Doch nach einer Weile hatte Betty die Welt um sich herum vergessen. Sie spielte völlig versunken, bis Hanna kam, um sie zum Abendessen heimzuholen.

Nach diesem Tag sah man jeden Nachmittag einen kleinen Schatten durch den Garten von Mr Laurence huschen und durch die Hintertür verschwinden. Sie ahnte nicht, dass der alte Herr seine Zimmertür immer ein bisschen offen ließ um ihrem anmutigen Spiel zu lauschen. Sie war überglücklich und völlig zufrieden. Vielleicht passierte es gerade deswegen, weil Betty so dankbar war, dass sie ein noch größeres Geschenk erhielt…

"Mutter, ich möchte Mr Laurence gerne ein paar Hausschuhe nähen", meinte Betty ein paar Wochen später. "Ich würde ihm so gerne danken und ich wüsste sonst nicht wie. Ist das in Ordnung?"

"Aber sicher, mein Liebes. Er wird sich darüber freuen."

Gemeinsam mit ihren Schwestern wählte Betty das Motiv: eine Reihe fröhlicher Stiefmütterchen auf einem weinroten Stoff. Voller Eifer nähte und stickte sie sie jede frei Minute bis das Paar fertig war. Zusammen mit einem kleinen Brief übergab sie das Geschenk Laurie, der es heimlich in das Arbeitszimmer seines Großvaters schmuggelte.

Gespannt wartete Betty auf eine Reaktion. Doch der Tag verstrich und Betty fürchtete schon, sie hätte den alten Gentleman verärgert. Als sie jedoch am nächsten Nachmittag von einer Spazierfahrt mit ihren Puppen zurückkam, wurde sie von ihren Schwestern bereits aufgeregt erwartet.

"Du hast einen Brief von Mr Laurence bekommen! Komm schnell!", brüllte Jo aus dem Fenster.

"Oh Betty, er hat dir ein…", fing Amy an.

Jo schubst sie beiseite und knallte das Fenster zu. An der Haustüre wurde Betty empfangen und sofort ins Wohnzimmer geführt. "Schau hier!", riefen alle durcheinander.

Betty blieb vor Staunen stocksteif stehen. Vor ihr stand ein entzückendes kleines Klavier. Auf den Tasten lag ein edles Kuvert: "Miss Elizabeth March".

"Für mich?", war alles was sie herausbrachte. Ihre Knie wurden so weich, dass sie sich auf Jo stützen musste.

"Ist das nicht großartig? Ist Mr Laurence nicht der liebenswürdigste alte Herr der Welt?", jubelte Jo und umarmte ihre Schwester. "Und hier ist noch ein Brief."

"Lies du ihn, ich bin zu aufgeregt."

"Verehrtes Fräulein March, ich habe in meinem Leben schon viele Hausschuhe besessen, aber noch kein Paar, das so schön war wie das von Ihnen. Stiefmütterchen sind meine Lieblingsblumen und werden mich beim Tragen stets an Sie erinnern. Ich möchte mich bei Ihnen mit etwas bedanken, was einmal meiner kleinen Enkelin gehört hat, die ich leider verloren habe. Die besten Wünsche, Ihr dankbarer Freund und ergebener Diener, James Laurence."

"Wow! Was für eine Ehre! Auf dieses Geschenk kannst du wirklich stolz sein. Laurie hat mir erzählt, wie sehr der alte Herr an seiner Enkeltochter hing. Und nun hat er dir ihr Klavier überlassen", sagte Jo.

"Probier es aus, Liebes! Ich möchte hören, wie das Klavier klingt", forderte Hanna, die aus der Küche herbeigeeilt war, Betty auf.

Betty begann zu spielen und der wunderbare Klang des glänzenden kleinen Klaviers verzauberte alle. "Ich gehe sofort hinüber um mich zu bedanken, bevor ich mich später nicht mehr traue", erklärte Betty, und zum Erstaunen aller lief sie sofort hinüber und betrat das Haus durch den Vordereingang.

Ihre Schwestern waren sprachlos. Doch sie hätten noch viel mehr gestaunt, wenn sie gesehen hätten, was sich im Haus abspielte: Betty klopfte am Arbeitszimmer an und eine barsche Stimme rief: "Herein!"

Ohne zu zögern trat Betty ein und ging auf Mr Laurence zu. "Ich bin gekommen, um Ihnen zu danken, Sir…" Weiter kam sie nicht. Der alte Mann sah sie so freudig und liebevoll an, dass Betty ihre Arme um Mr Laurence schlang und ihm einen Kuss gab.

Damit hatte sie das Herz des alten Gentlemans endgültig erobert. Er hob sie auf seinen Schoß, drückte seine verknitterte Wange an Bettys rosige und fühle sich, als hätte er seine Enkelin zurückbekommen. Dann plauderten die beiden, als würden sie sich schon ewig kennen.





Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.

Artikel versenden

Einfach Karte ausfüllen und per E-Mail an Freunde verschicken!

Dein Name:

Deine E-Mail:

Name des Empfängers:

E-Mail des Empfängers:

Deine Nachricht:



Artikel versenden

Sorry!
Beim Versenden ist leider ein Fehler aufgetreten:




Artikel versenden

Vielen Dank!
Deine Nachricht an wurde erfolgreich versendet. Wenn du möchtest, kannst du noch eine weitere Mail versenden:


Shop
Shop
Shop
Shop
Shop
Shop