LABBÉ Verlag
Lesekorb - Geschichten für Kinder

Experimente

"Endlich haben wir den ersten Juni! Die Kings-Kinder fahren morgen für drei Monate ans Meer und ich habe Urlaub!" Meg tanzte vergnügt durchs Wohnzimmer.

"Tante March hat heute auch all ihre Sachen für ihre Reise nach Plumfield gepackt. Bis zum Schluss habe ich gezittert, dass sie mich doch noch bittet mitzukommen", berichtete Jo, die bereits gemütlich auf dem Sofa lag.

"Was macht ihr jetzt mit der vielen freien Zeit?", wollte Amy wissen.

"Ich werde jeden Tag lange ausschlafen und faulenzen", meinte Meg und seufzte wohlig bei dem Gedanken an das verlockende Nichtstun.

"Und ich werde mich bei Sonnenschein auf meinen Lieblingsast im alten Apfelbaum setzen und ein Buch nach dem anderen verschlingen", freute sich Jo.

"Wir sollten auch Ferien machen und eine Weile die Lernerei sein lassen", schlug Amy vor. "Dann können wir auch spielen und faul sein. Was meinst du Betty?"

"Gerne, wenn Mutter es erlaubt. Ich möchte ein paar neue Stücke auf dem Klavier lernen und die Puppen brauchen dringend neue Sommerkleider, ihre alten sind ganz kaputt."

Also fragten die vier Schwestern Mrs March. Die Mutter erlaubte ihnen für eine Woche nur das zu tun, wozu sie Lust hatten. Warnte sie aber, dass nur Freizeit ohne Pflichten genauso unbefriedigend sein können, wie nur Pflichten ohne Freizeit.

Doch die Mädchen widersprachen voller Überzeugung.

Am nächsten Morgen kroch Meg erst um zehn Uhr aus den Federn. Ihr einsames Frühstück schmeckte nicht richtig und das Wohnzimmer wirkte verlassen und unordentlich. Nur Mutters Ecke war aufgeräumt, wie immer.

Beim Abendessen erzählten die vier Mädchen ihrer Mutter von ihren Vergnügungen und waren sich einig, dass es ein wundervoller, aber ungewöhnlich langer Tag gewesen war.

Jo hatte einen Sonnenbrand auf der Nase und Kopfschmerzen vom langen Lesen. Meg hatte sich am Nachmittag blauen Stoff für ein Kleid gekauft und zugeschnitten. Leider hatte sie erst zu spät bemerkt, dass man diesen Stoff nicht waschen konnte.

Betty musste an die Unordnung in ihrem Zimmer denken und dass es gar nicht so leicht war, drei neue Stücke auf dem Klavier zu lernen. Und Amy machte sich Sorgen, was sie zu Katy Browns Fest anziehen sollte, da ihr weißes Kleid ruiniert war. Doch diese Dinge verschwiegen die Mädchen ihrer Mutter und versicherten, was für ein wunderbarer Tag es gewesen war.

Mrs March lächelte nur still vor sich hin.

Die nächsten Tage zogen sich in die Länge und die Stimmung der Schwestern wurde so wechselhaft wie das Wetter. Nach einiger Zeit wussten die Mädchen kaum noch, was sie mit der vielen Freizeit anstellen sollten.

Allerdings wollte keine zugeben, dass sie von dem Experiment längst die Nase voll hatten. Am Freitagabend waren alle insgeheim froh, dass sie es nun fast überstanden hatten. Mrs March hatte ihre Töchter genau beobachtet und beschloss, die Lektion mit einem kleinen Streich zu beenden: Den letzten Tag würden auch sie und Hanna Urlaub machen.

Als die Schwestern am Samstag aufstanden, brannte in der Küche kein Feuer, kein Frühstück stand auf dem Tisch und von Mrs March war nichts zu sehen. Die Mädchen waren völlig erstaunt. Meg lief nach oben und fand Mrs March im Bett.

"Mutter sagt, sie sei müde und will den ganzen Tag in ihrem Zimmer verbringen", berichtete sie verdutzt. "Sie war ganz seltsam und meinte, es wäre eine anstrengende Woche für sie gewesen und wir sollen uns heute um uns selbst kümmern."

"Kein Problem, das schaffen wir mit links", sagte Jo, die regelrecht erleichtert war, wieder eine Aufgabe zu haben. Das Frühstück war schnell zubereitet. Amy und Betty deckten den Tisch, während Meg und Jo die Speisekammer durchsuchten. Sie verstanden gar nicht, was Hanna an der Hausarbeit so anstrengend fand.

"Wir sollten Mutter auch ein Frühstück bringen", schlug Meg vor, und Jo trug ein Tablett nach oben.

Mrs March bedankte sich herzlich für die nette Geste und lachte erst, als Jo wieder aus dem Zimmer war. Der Tee schmeckte bitter und das Omelett war verbrannt. In weiser Voraussicht hatte sie sich längst ein eigenes Frühstück zubereitet, bevor die Mädchen aus den Federn gekrochen waren. Dies holte sie nun aus ihrem Nachtkästchen und ließ das Omelett darin verschwinden.

Unten kauten die Mädchen lustlos auf den verbrannten Omeletts.

"Das Mittagessen wird bestimmt besser", versprach Jo. "Wir haben ja jede Menge Zeit. Ich koche, und Meg hilft mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß."

Jo hatte vom Kochen noch weniger Ahnung als Meg, aber ihr Angebot wurde dankbar angenommen. Jo schrieb eine Nachricht an Laurie und lud ihn voller Vertrauen in ihre Kochkünste zum Essen ein. Erst danach sah sie in die Speisekammer, was überhaupt zum Essen im Haus war. Sie fand Corned Beef, jede Menge Kartoffeln und Salat. Spargel und Krabben wollte sich noch besorgen. Für den Nachtisch hatte sie Erdebeeren mit Schlagsahne geplant.

Meg, die doch sehr an den Kochkünsten ihrer Schwester zweifelte, ermahnte Jo, Mutter um Erlaubnis zu fragen, bevor sie sich etwas vom Haushaltsgeld nahm.

Mrs March regierte kühl. "Ich werde heute auswärts essen. Es ist mein freier Tag und ich werde Bekannte besuchen und mich amüsieren."

Jo verstand die Welt nicht mehr. So hatte sie ihre Mutter noch nie erlebt. Irgendetwas stimmte hier nicht. Verstört schlenderte sie die Treppen hinab, als sie plötzlich Betty bitterlich weinen hörte. Jo eilte ins Wohnzimmer und fand Betty völlig aufgelöst vor dem Käfig von Piep, dem Kanarienvogel. Piep lag regungslos auf dem Rücken, die dünnen Füße in die Luft gestreckt.

"Es ist alles meine Schuld", schniefte Betty. "Ich habe Piep einfach vergessen. Er hat seit Tagen nichts mehr zu fressen bekommen. Wie konnte ich nur…"

Ein Sturzbach von Tränen rann Betty über die Bäckchen, und sie versuchte vergeblich, den armen Piep wieder zum Leben zu erwecken. Jo nahm den Vogel in die Hand und legte ihn in ihre schönste Hutschachtel. Sie beschlossen ihn am Nachmittag mit einer schönen Zeremonie in seinem Hutschachtelsarg zu begraben. Jo wollte noch ein Abschiedsgedicht verfassen.

Während Meg und Amy weiter versuchten, Betty zu trösten, machte sich Jo auf den Weg in die Küche. Das Chaos, das sie vorfand, war nicht sehr ermutigend. Überall stand dreckiges Geschirr herum. "Na, das fängt ja toll an", brummte sie ärgerlich, und versuchte zuerst, das Feuer in Gang zu bringen. Als das brannte, beschloss Jo auf den Markt zu gehen. Doch was sie da erstand konnte ihre Laune nicht heben: winzige Krabben, alten Spargel und noch sehr grüne Erdbeeren.

Aber es sollte noch schlimmer kommen. Keine halbe Stunde später klopfte es an die Türe. Mrs Crocker, eine Nachbarin, stand davor und erklärte freudig, dass sie endlich Zeit hätte, die Einladung von Mrs March anzunehmen. Zu Mrs Crockers Lieblingsbeschäftigungen gehörte es, zu lästern und Klatsch zu verbreiten. Ihren Adleraugen entging nichts.

Meg ließ sie in Mutters Lehnstuhl Platz nehmen und gab sich Mühe, eine gute Gastgeberin zu sein.

Währenddessen schwitzte Jo in der Küche. Der Spargel verlor nach einer Stunde seine Köpfe, aber die Enden waren immer noch hart, die Krabben blieben ihr ein Rätsel und sie versteckte sie ungepult im Salat. Außerdem verbrannte das Brot im Ofen, weil sie mit der Salatsoße nicht klar kam. Mit dem Dessert wollte sie alles retten und schüttete eine gute Portion Zucker in die leicht klumpige Schlagsahne. So würden die Gäste den saueren Geschmack der Erdbeeren nicht bemerken. Jo war völlig erschöpft, als sie den Gong zum Mittagessen schlug.

Als die Schüsseln nach und nach herumgereicht wurden, hätte sie sich am liebsten unter dem Tisch versteckt. Nur Laurie redete und redete, um die Tischgesellschaft zu unterhalten. Alle Schüsseln waren noch fast voll, als es Zeit für Nachtisch war. Jo hoffte inständig, dass der ihre Ehre retten würde.

Mrs Crocker testete als Erste, verzog das Gesicht und trank hastig ein paar Schluck Wasser. Amy, die Erdbeeren über alles liebte, schob sich eine besonders volle Gabel in den Mund, lief knallrot an, griff prustend zur Serviette und rannte hinaus.

"Um Himmels Willen, was ist los?", rief Jo entsetzt.

"Salz statt Zucker und die Sahne ist sauer", antwortete Meg mit angewidertem Gesichtsausdruck.

Jo war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Ich Trottel! Verzweifelt sah sie Laurie an, der plötzlich loslachte. Der Lachanfall wirkte ansteckend und rettete die Situation. Sogar die griesgrämige Mrs Crocker stimmte in das Gelächter ein. Meg brachte Brot, Butter und Oliven und so endete das Mittagessen heiter und keiner blieb hungrig.

Auch der Rest des Tages, war mit Arbeit angefüllt. Zuerst begruben sie mit einer feierlichen Zeremonie den Kanarienvogel. Danach räumten sie die Küche und ihre Zimmer auf. Als Mrs March nach Hause kam, waren die Mädchen immer noch bei der Arbeit. Sie erkannte, dass ihr Experiment ein voller Erfolg gewesen war, und schmunzelte heimlich.

"Was für ein grauenhafter Tag", stöhnte Jo.

"Na, seid ihr zufrieden mit eurem Experiment? Oder wollte ihr noch eine Woche länger probieren", fragte die Mutter scheinheilig.

"Ich auf keinen Fall", rief Jo.

"Wir auch nicht", kam es wie aus einem Mund.

"Ihr seht also ein, dass das Leben für alle angenehmer ist, wenn jeder ein paar kleine Pflichten übernimmt?"

Die Mädchen nickten. Mrs March schlug vor, ihnen in den Ferien ein bisschen Kochen beizubringen. Mrs Crocker hatte ihr selbstverständlich längst alle Details des mittäglichen Desasters verraten.

"Gerne", freuten sich Meg und Jo.

"Du hast uns absichtlich mit all den Dingen alleine gelassen, stimmt's?", fragte Jo.

"Ja", lachte Mrs March. "Ich wollte euch einfach zeigen, was passiert, wenn jeder nur an sich denkt."

Die Lektion saß. Die Mädchen versprachen ihre Aufgaben wieder gewissenhaft zu erledigen.

"Und ich passe beim Kochkurs genau auf, damit meine nächste Einladung ein richtiger Erfolg wird", versprach Jo.





Der Klassiker BETTY UND IHRE SCHWESTERN von Louisa May Alcott (1832-1888) wurde von Gabi Müller für den Lesekorb nacherzählt. Die Bildcollagen wurden nach Illustrationen von Jessie Willcox Smith (1863-1935) hergestellt.

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